Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

Part 10

Chapter 103,651 wordsPublic domain

Ich kann Dir erst heute schreiben, weil ich erst heute den kleinen Louis Blanc – nach erschrecklichen Kämpfen mit der Portierfrau – zu sehen bekam. Das Resultat meiner langen Unterredung mit ihm ist, daß der kleine Mann zu allem bereit ist. Er war die Höflichkeit und Freundschaftlichkeit selbst und scheint nichts dringender zu wünschen, als mit uns in die engste Verbindung zu treten. Auch das französisch-nationale Protektionswesen hat er gar nicht an sich. Ich hatte ihm geschrieben, ich käme mit _mandat formel_[1] der Londoner, Brüsseler und Rheinischen Demokratie zu ihm, ebenso als _chartist agent_.[2] Er erkundigte sich genau nach allem; ich schilderte ihm den Stand unserer Partei als äußerst brillant, sprach von der Schweiz, Jacoby, den Badensern als Alliierten usw. – Du seiest der Chef: _vous pouvez regarder M. Marx comme le chef de notre parti (i. e. de la fraction la plus avancée de la démocratie allemande, que je représentais vis-à-vis de lui) et son récent livre contre M. Proudhon comme notre programme_.[3] Dies nahm er sich sehr _ad notam_. Dann versprach er mir schließlich, sich über Dein Buch in der Réforme zu prononcieren [äußern]. Er erzählte mir eine Masse Zeugs über das _mouvement souterrain_,[4] das jetzt bei den Arbeitern vor sich gehe; die Arbeiter hätten seine _organisation du travail_[5] in 3000 Exemplaren wohlfeil gedruckt und nach vierzehn Tagen sei eine neue Auflage von 3000 Exemplaren nötig geworden – er sagte, die Arbeiter seien revolutionärer als je, aber hätten gelernt ihre Zeit abwarten, keine Emeuten, nur große Schläge mit _gewissem_ Erfolg zu machen usw. Übrigens scheint er sich auch in Beziehung auf die Arbeiter das Protegieren abgewöhnt zu haben. _Quand je vois des choses comme ce nouveau programme de M. de Lamartine, cela me fait rire! Pour bien juger de l’état actuel de la société française, il faut être dans une position qui vous permet de voir un peu de tout, d’aller le matin chez un ministre, l’après-dîner chez un négociant, et le soir chez un ouvrier._[6] Die kommende Revolution werde ganz anders und viel durchgreifender sein als alle früheren, und es sei reine _bêtise_[7], fortwährend bloß gegen Könige usw. zu brüllen. Schließlich war er sehr artig und ganz kordial. Du siehst, mit dem Mann ist _all right, il a les meilleures dispositions du monde_.[8] Von Dir sprach er mit großer Teilnahme; es tat ihm leid, daß Ihr etwas _froidement_[9] voneinander gegangen seid usw. Eine besondere Vorliebe hat er noch immer für eine in Paris herauszugebende deutsche _und_ französische Revue. Vielleicht später zu benutzen. – Über Ruge, nach dem er frug, setzte ich ihm einen Floh ins Ohr; _il s’est fait le panégyriste de la Diète prussienne, et cela même après que la diète s’était séparée sans résultat. – Donc il a fait un pas en arrière?_[10] Jawohl. – Mit _père_ Flocon bin ich ebenfalls im besten Zuge. Bei diesem bin ich erst als Engländer aufgetreten und frug im Namen Harneys, warum er den Star so ignoriere. Ja, sagte er, es täte ihm leid, er spräche gar zu gern davon, nur sei kein Mensch auf der Redaktion, der englisch verstehe! Ich bot mich an, ihm wöchentlich einen Artikel zu machen, akzeptiert _de grand coeur_.[11] Als ich ihm sagte, ich sei Korrespondent des Star, wurde er ganz gerührt. Wenn das so fortgeht, so haben wir in vier Wochen diese ganze Richtung gewonnen. Flocon will von mir einen Aufsatz über den Chartismus für Privatgebrauch haben, er weiß nicht die blasseste Laus davon. Ich werde gleich zu ihm gehen und ihn weiter in unsere Netze verstricken. Ich werde ihm sagen, das Atelier mache mir Avancen (was wahr ist, ich gehe noch heute abend hin), und ich werde sie ausschlagen, wenn er sich anständig benehme. Das wird sein biederes Herz rühren. – Bin ich erst hier etwas weiter und im französisch Schreiben etwas geübter, so geht’s auf die Revue Indépendante los.

Ich vergaß ganz, den Louis Blanc zu fragen, warum er Deinen Artikel vom Kongreß nicht aufgenommen. Ich werde ihm das nächstens vorrücken, wenn er zu mir kommt. Übrigens zweifle ich, ob er Dein Buch _überhaupt erhalten_ hat. Er wußte sich dessen heute gar nicht zu besinnen. Auch vor meiner Abreise sprach er _sehr unbestimmt_ davon. Ich erfahre das in ein paar Tagen. Hat er’s nicht, so gebe ich ihm mein Exemplar. –

Denke Dir, der kleine Bernays, der hier herumläuft und den „Märtyrer“ spielt, den von aller Welt Verratenen, „der aller Welt geholfen hat, mit Geld oder gutem Rat“ (_littéralement_[12]), diese Bestie hat _a horse and gig_,[13] ein Schimmelchen und ein Kabriolett! Natürlich Börnstein hat’s, aber das ist wurst. Derselbe Kerl, der heute sich als gedrückten, geldlosen Märtyrer hinstellt, renommiert morgen damit, daß er der einzige sei, _der Geld zu verdienen wisse_. Er hat 21 Bogen! über die Affäre Praslin gekaut, die in der Schweiz erscheinen. Der Kern der Sache ist der, daß nicht _la duchesse_, sondern _le duc_[14] der Märtyrer ist!! Auf seine Renommagen mit dem Märtyrtum habe ich ihm durch eine Mahnung wegen alter, mir schuldiger 60 Franken antworten lassen. Er wird vollständig Industrieller und prahlt damit. Übrigens ist er wahnsinnig. – Ewerbeck selbst schäumt wider ihn. – Cabet habe ich noch nicht gesehen. Er freut sich, wie es scheint, daß er wegkommt. Er merkt, daß die Sachen hier anfangen bröcklig und mürb zu werden. Flocon will losschlagen, Louis Blanc nicht; das ist ganz richtig, obwohl Louis Blanc auch in allerlei Geschichten trempiert [mitmacht] und sich im voraus freut über die plötzliche Aufschüttelung der Bourgeoisie aus ihrer Sicherheit bei der plötzlich hereinbrechenden Revolution. – –

Ich bin bei _père_ Flocon gewesen. Der brave Mann war die Kordialität selbst, und meine biedermännische Ehrlichkeit, mit der ich ihm meine Geschichte mit dem Atelier erzählte, trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Ich kam vom Atelier auf den National zu sprechen: _Lorsque à Bruxelles nous discutions la question à quelle fraction de la démocratie française on s’adresserait, nous étions unanimement d’accord que dès le premier abord on se mettrait en rapport avec la Réforme; car à l’étranger il existe de fortes et de bien fondées préventions contre le National. D’abord les préjugés nationaux de cette feuille empêchent tout rapprochement_ – „_oui oui, c’est vrai_“, sagte Flocon, „_et ceci était même la raison pour laquelle la Réforme fut fondée; nous avons déclaré dès le premier jour que nous ne voulons pas de conquêtes_“ – _et puis_, fuhr ich fort, _si je peux en croire mes prédécesseurs, car moi je n’ai jamais été au National, ces messieurs se donnent toujours l’air de vouloir protéger les étrangers, ce qui au reste est parfaitement d’accord avec leurs préjugés nationaux; et nous autres, nous n’avons pas besoin de leur protection, nous ne voulons pas de protecteurs, nous voulons des alliés._ – „_Ah oui, mais c’est tout à fait différent avec nous, nous n’y pensons pas._“ – _C’est vrai, aussi n’ai-je qu’à me louer des procédés de Messieurs de la Réforme._[15] Aber wie das geholfen hat, daß ich dem kleinen Blanc unsere Geschichten ins Gedächtnis zurückgerufen. Deine Kongreßrede hatte er, _à ce qu’il paraît_,[16] ganz verschmissen gehabt; heute hat er sie gleich hervorgesucht und an Flocon geschickt mit einem sehr dringenden Billett, sie gleich abzudrucken. Ich explizierte dem Flocon das Ding; der Mensch begriff das _cur, quomodo, quando_[17] nicht, weil der Blanc sie ihm ohne alle weitere Erklärung geschickt. Flocon bedauerte sehr, daß die Sache schon so alt geworden sei; er sei _parfaitement d’accord_[18] damit, aber jetzt sei es zu spät. Doch wolle er sehen, ob er’s nicht in einem Artikel unterbringen könne. Er wolle sein möglichstes tun.

Der Artikel über Lamartines fromme Wünsche in der Réforme ist von Louis Blanc, wie Du gesehen haben wirst. Er ist nicht übel, in jeder Beziehung tausendmal besser als der ewige Flocon. Er würde den Lamartine gewiß sehr derb angreifen, wenn er nicht jetzt gerade sein Konkurrent wäre.

Du siehst, die Leute sind so gut disponiert, wie man nur wünschen kann. Ich stehe mit ihnen schon jetzt zehnmal besser, als Ewerbeck je mit ihnen stand. Diesem werde ich jetzt gänzlich verbieten, zu schreiben für die Réforme. Er mag sich an den National schmeißen und dort Venedey und Komp. Konkurrenz machen; da ist er unschädlich und bekommt doch nichts gedruckt.

Nachher war ich noch auf dem Atelier. Ich habe eine Berichtigung wegen eines Artikels der vorigen Nummer über englische Arbeiter hingebracht, die auch hereinkommt. Die Leute waren sehr artig; ich erzählte ihnen _un tas d’anecdotes_[19] über englische Arbeiter usw. Sie forderten mich dringend auf, mitzuarbeiten, was ich aber nur im Notfall tun werde. Denke Dir, der _rédacteur en chef_ meinte, es wäre wohl gut, wenn die englischen Arbeiter eine Adresse an die französischen erließen, sie auffordernd, der _libre-échange_-Bewegung[20] entgegenzutreten und den _travail national_[21] aufzustecken! _Quel héroïque dévouement!_[22] Damit fiel er aber selbst bei seinen eigenen Leuten durch.

Übrigens habe ich den Leuten gegenüber gar keine Konzessionen zu machen brauchen. Dem Louis Blanc sagte ich, _que nous étions d’accord avec eux sur toutes les questions pratiques et d’actualité, et que dans les questions purement théoriques nous marchions vers le même but; que les principes énoncées dans son premier volume s’accordaient sous beaucoup de rapports avec les nôtres, et que pour le reste il en trouverait de plus amples développements dans ton livre. Quant à la question religieuse, nous la considérions comme tout-à-fait subordonnée, comme une question qui jamais ne devrait former le prétexte d’une querelle entre les hommes du même parti._[23] Bei alledem sei eine freundschaftliche Diskussion der theoretischen Fragen ganz gut möglich und sogar wünschenswert, womit er _parfaitement d’accord_[24] war.

Der Lupus hatte mit seiner Vermutung, ich würde die Direktion sehr bald treffen, ganz recht. Kaum drei Tage hier, laufe ich auf dem Boulevard des Italiens dem Seiler in die Arme. Ihr werdet längst wissen, daß er komplett durchgebrannt ist und nicht daran denkt, zurückzukommen. Er läuft bei allerlei französischen Korrespondenzbureaus herum und sucht unterzukommen. Ich habe ihn seitdem stets verfehlt und weiß nicht, wie seine Affären stehen. Mischt er sich bei der Réforme ein, so wird man ihn desavouieren müssen.

Sage doch dem verfluchten Bornstedt, was das heißen soll, daß er mir seine Zeitung nicht schickt. Ich kann nicht immer bei den Straubingern herumlaufen danach. Wenn er vorgibt, meine Adresse nicht zu wissen, gib sie ihm, 5 Rue Neuve Saint-Martin. Ich schicke ihm einige Artikel, sobald es irgend möglich. –

Bei den Straubingern höllische Konfusion. In den letzten Tagen vor meiner Ankunft waren die letzten Grünianer herausgeworfen, eine ganze Gemeinde, von denen aber die Hälfte wiederkommen wird. Wir sind jetzt nur 30 Mann stark. Ich habe gleich eine Propagandagemeinde eingerichtet und laufe fürchterlich herum und pauke. In den Kreis bin ich gleich gewählt und habe die Korrespondenz bekommen. An 20 bis 30 Kandidaten zur Aufnahme sind vorgeschlagen. Wir werden bald wieder stärker sein. Dem Mosi habe ich, _ganz unter uns_, einen höllischen Streich gespielt. Er hatte richtig ein gottvoll verbessertes Glaubensbekenntnis durchgesetzt. Vorigen Freitag nun nahm ich dies im Kreise vor, Frage für Frage, und war noch nicht an der Hälfte angekommen, als die Leute sich für _satisfaits_[25] erklärten. _Ohne alle Opposition_ ließ ich mich beauftragen, ein neues zu entwerfen, was nun nächsten Freitag im Kreis wird diskutiert und _hinter dem Rücken der Ge[...]n_ nach London geschickt werden. Das darf aber natürlich kein ..... Teufel merken, sonst werden wir alle abgesetzt, und es gibt einen Mordskandal. Der Born wird bei Euch in Brüssel eintreffen, er geht nach London. Vielleicht ist er schon vor diesem Briefe da. Er reist, verwegen genug, den Rhein herunter durch Preußen; wenn sie ihn nur nicht abfassen. Pauke ihn noch etwas ein, wenn er hinkommt, der Kerl ist von allen für unsere Sachen am zugänglichsten und wird auch in London gute Dienste leisten, wenn er noch etwas präpariert wird.

Ach, mein Gott, da hätte ich ja bald ganz die Drecklawine vergessen, die der große Heinzen von den Höhen der Alpen über mich losgelassen hat. Es ist ein wahres Glück, daß das in einer Nummer dicht hintereinander steht; kein Mensch arbeitet sich durch, ich selbst habe mehrere Male pausieren müssen. Solch ein Rindvieh! Habe ich erst behauptet, er könnte nicht schreiben, so muß ich jetzt hinzufügen, daß er auch nicht lesen kann, und in den vier Spezies scheint er auch nicht fest zu sein. Der Esel sollte doch den Brief von F. O’Connor im letzten Star an die radikalen Blätter lesen, der anfängt: _You ruffians_ und schließt _you ruffians_,[26] da kann er sehen, was er für ein elender Stümper im Schimpfen ist. Nun, Du wirst diesem gemeinen dummen Rüpel gehörig aufs Dach steigen. Es ist sehr gut, daß Du ganz _kurz_ antworten wirst. Ich könnte auf so einen Angriff gar nicht antworten, das ginge absolut nicht – höchstens durch Ohrfeigen.

_Dienstag._ Mein Artikel steht in der Réforme. Sonderbarerweise hat Flocon keine Silbe daran verändert, was mich sehr wundert.

Bei _père_[27] Heine bin ich noch nicht gewesen. Du kannst leicht denken, daß ich mit all diesen Geschichten höllisch viel zu tun habe und furchtbar laufen und schreiben muß. – Nach Elberfeld habe ich geschrieben wegen der _free trade_[28] – Schutzzollgeschichte und erwarte täglich Antwort. Schreibe bald wieder. Grüße Deine Frau und Kinder.

Dein Engels.

Lies doch ja den Artikel O’Connors im letzten Star gegen die sechs radikalen Blätter, es ist ein Meisterstück genialer Schimpferei, oft besser als Cobbett und an Shakespeare grenzend.

_Quelle mouche a donc piqué ce pauvre Moses qu’il ne cesse pas d’exposer dans le journal ses fantaisies sur les suites d’une révolution du prolétariat?_[29]

[1] Formgerechtes Mandat.

[2] Agent der Chartisten.

[3] Sie können Herrn Marx als den Chef unserer Partei (das heißt des vorgeschrittensten Flügels der deutschen Demokratie, den ich ihm gegenüber vertrete) und sein kürzlich erschienenes Buch gegen Herrn Proudhon als unser Programm betrachten.

[4] Unterirdische Bewegung.

[5] Organisation der Arbeit.

[6] Wenn ich Dinge sehe, wie dieses neue Programm des Herrn de Lamartine, macht es mich lachen! Um den gegenwärtigen Zustand gut beurteilen zu können, muß man in einer Lage sein, die einem erlaubt, etwas von allem zu sehen, des Morgens zu einem Minister, des Nachmittags zu einem Geschäftsmann, des Abends zu einem Arbeiter zu gehen.

[7] Dummheit.

[8] Alles in Ordnung, er hat die besten Dispositionen von der Welt.

[9] Kühl.

[10] Er hat sich zum Lobredner des [vereinigten] preußischen Landtags gemacht, und das sogar, nachdem der Landtag resultatlos auseinandergegangen ist. – Er hat also einen Schritt nach rückwärts gemacht?

[11] Aus vollem Herzen.

[12] Wörtlich.

[13] Ein Pferd und ein Kabriolett.

[14] Die Herzogin, [sondern] der Herzog.

[15] Als wir in Brüssel die Frage diskutierten, an welche Fraktion der französischen Demokratie sich zu wenden, kamen wir einmütig überein, gleich zuerst mit der Réforme in Verbindung zu treten; denn im Ausland bestehen starke und wohlbegründete Abneigungen gegen den National. Zunächst verhindern die nationalen Vorurteile jede Annäherung. – Ja, ja, das ist wahr, sagte Flocon, und das war gerade der Grund, weshalb die Réforme gegründet wurde; wir haben vom ersten Tage an erklärt, daß wir keine Eroberungen wollen – und dann, fuhr ich fort, wenn ich meinen Vorgängern glauben darf, denn ich bin niemals selbst beim National gewesen, geben sich diese Herren stets die Miene, die Ausländer begönnern zu wollen, was übrigens vollständig ihren nationalen Vorurteilen entspricht; wir aber brauchen ihre Begönnerung nicht, wir wollen keine Beschützer, wir wollen Verbündete. – Ganz recht, aber mit uns ist es ganz etwas anderes, wir denken nicht daran. – Das stimmt, ich kann mich über das Verhalten der Herren von der Réforme nur lobend aussprechen.

[16] Wie es scheint.

[17] Warum, wie, wann.

[18] Durchaus einverstanden.

[19] Einen Haufen Anekdoten.

[20] Freihandelsbewegung.

[21] Nationale Arbeit.

[22] Welche heroische Hingabe.

[23] Daß wir mit ihnen über alle praktischen und Tagesfragen einverstanden seien und in den rein theoretischen Fragen demselben Ziele zustrebten; daß die in seinem ersten Bande verkündeten Grundsätze in vielen Punkten mit den unseren übereinstimmten, und daß er für den Rest umfassendere Entwicklungen in Deinem Buch finden würde. Was die Frage der Religion anbetrifft, so betrachteten wir sie als durchaus untergeordnet, als eine Frage, die niemals zwischen Leuten ein und derselben Partei den Vorwand zu einem Streite bieten dürfe.

[24] Völlig einverstanden.

[25] Befriedigt.

[26] Ihr Wegelagerer!

[27] Vater.

[28] Freihandel.

[29] Welche Fliege hat denn diesen armen Moses [Heß] gestochen, daß er nicht aufhört, im Blatt [die Brüsseler deutsche Zeitung] seine Phantasien über die Folgen einer Revolution des Proletariats zum besten zu geben?

21

15. November 1847.

Lieber Marx!

Gestern erfahre ich plötzlich und endlich, nachdem ich den pp. Reinhardt mehrere Male wegen Deines Buches zu Frank geschickt, daß Frank im Anfang mehrere Freiexemplare an Franzosen geschickt, überall 15 Sous Kosten gefordert und überall die Exemplare zurückbekommen [hat]. Darauf habe er sowohl die zurückbekommenen wie die anderen, noch gar nicht abgeschickten _ruhig bei sich liegen lassen, und sie erst jetzt, vor ein paar Tagen_, an die Adressaten geschickt, ohne 15 Sous zu verlangen. Die _Conspiration de silence_[1] war also von seiten des Herrn Frank! Ich lief gleich zu Louis Blanc, den ich ein paar Tage vorher wieder nicht getroffen, weil er _en garde_[2] war (_le petit bonhomme en bonnet à poil_[3]); diesmal traf ich ihn, und _das Exemplar war noch nicht angekommen_! Mein eigenes Exemplar habe ich endlich zurück, das kann im Notfall helfen. Heute, Sonntag, ist nichts zu machen. Dem Reinhardt habe ich morgen Rendezvous gegeben, er soll gleich mit mir zu Frank, was schon früher geschehen sollte, aber nur durch Nachlässigkeit dieses Reinhardt nicht geschehen. Er muß mich bei dem Frank introduzieren, weil ich sonst gar keine Legitimation bei dem Kerl habe. Ich werde mir das Exemplar für Louis Blanc geben lassen und es gleich hinbringen. Der Louis Blanc sagte mir gestern, Flocon habe gegen Deinen _libre échange_[4] Artikel einzuwenden gehabt _qu’il était un _peu confus__!!!![5] Ich sprach natürlich dagegen. „_Oh_,“ sagte der Kleine, „_ce n’est pas moi qui ai trouvé cela, tout au contraire, l’article m’a beaucoup plu, et en effet, je ne sais pas ce que M. Flocon ... mais enfin_ (mit etwas zweideutiger Grimasse für Flocon) _c’est ce qu’il a m’a dit_.“[6] Überhaupt ist die Redaktion der Réforme _tout ce qu’il y a de plus_[7] schlecht komponiert. Die Artikel über die englische Krisis und alle ökonomischen Sachen _en général_[8] werden von einem unglücklichen würdigen _penny-a-liner_[9] fabriziert, der seine Studien bei den Börsenartikeln eines Korrespondenzbureaus gemacht zu haben scheint und alles mit den Augen eines Pariser Kommis dritten Ranges bei einem Bankier vierten Ranges ansieht und mit der Unfehlbarkeit so eines „_empiric_“[10], wie die Engländer sagen, aburteilt. Flocon versteht nichts davon. _C’est tout au plus un homme de bonne volonté._[11]

Montag. Den verfluchten Reinhardt habe ich nicht getroffen. Ich gehe heute abend noch einmal hin. Bis morgen muß ich diese ganze Geschichte ins reine gebracht haben, mag’s gehen wie’s will. Wenn ich Dir nicht gleich wieder schreibe, ist alles in Ordnung. Gestern abend war Deputiertenwahl. Nach einer höchst konfusen Sitzung wurde ich [für den Kommunistenkongreß in London] mit zwei Drittel gewählt. Ich hatte diesmal gar nicht intrigiert, war auch wenig Gelegenheit dazu. Die Opposition war bloß scheinbar: ein Arbeiter wurde zum Schein vorgeschlagen, aber die ihn vorschlugen, stimmten für mich. – Das Geld kommt zusammen. Schreibe nun, ob Du und Tedesco hingehst. Wenn das nicht möglich wäre, so kann ich doch nicht allein sein und kongressieren, das wäre ja Unsinn. Könnt ihr beide nicht, so fällt die Geschichte ins Wasser und muß ein paar Monate aufgeschoben werden. Schreibe also in diesem Fall nach London, daß noch zur rechten Zeit dies überall hin angezeigt wird.

Flocon hatte dem Louis Blanc auch gesagt, man werde an Deinem Artikel, um ihn aufzunehmen, eine Kleinigkeit ändern müssen, eben um ihn „klarer“ zu machen. Louis Blanc hat mich, den Flocon _de sa part_[12] an den Artikel nochmals zu erinnern; unter diesen Umständen aber halte ich es für viel besser, die Sache fallen zu lassen. Flocon den Artikel klarer machen, das fehlte noch! Aber was soll man da machen! Ich werde den Flocon tun lassen, was er will, ihm wenig zusprechen und mich hauptsächlich mit dem Louis Blanc einlassen, der ist doch der Vernünftigste von allen. Beim National ist vollends nichts zu machen, der wird täglich bornierter und alliiert sich mehr und mehr mit Barrot und Thiers, _witness the Lille Banquet_[13].

Der Seiler wird Dir geschrieben haben, Dein Buch ginge sehr schlecht hier. Das ist nicht wahr. Der Frank hat dem Reinhardt gesagt, er sei mit dem Verkauf ziemlich gut zufrieden. Trotz seines abgeschmackten Benehmens hat er, glaube ich, zirka 40 Exemplare abgesetzt. Nächstens Genaueres darüber. Der Seiler behauptet – er war neulich bei mir, wo er sehr kühle anlief, auch nicht wieder kam –, er habe Bett, Mobiliar und Papier dort [in Brüssel] gelassen, hinreichend, um Wolff und Heilberg zu decken. Sieh, _si cela est_,[14] daß der Lupus dabei wenigstens nicht noch von Heilberg bemogelt wird. Aber das werden auch Renommagen sein.

Rothschild hat bei dem neuen Anlehen 10 Millionen Franken verdient – 4 Prozent netto.

Auf meiner Reise nach London werde ich nicht über Brüssel kommen, die Gelder sind zu knapp. Wir werden uns in Ostende Rendezvous geben müssen – am 27. (Samstag), abends, und Sonntag herüberfahren, damit wir Montag anfangen können. Vielleicht ist Montag den 29. Polen _anniversaire_,[15] irgend etwas _fraternally_[16] Demokratisches los, wo wir dann werden hin müssen. Das wäre ganz gut. Du hältst in London eine französische Rede, die setzen wir dann in die Réforme. Die Deutschen müssen absolut etwas _tun_, um bei den Franzosen auftreten zu können. Eine einzige Rede wird mehr helfen als zehn Artikel und hundert Besuche.

Du wirst im Northern Star, 2. Oktober, die Aufforderung Harneys und der _fraternals_[17] zu einem demokratischen Kongreß gelesen haben. Unterstütze das. Ich werde es bei den Franzosen unterstützen. Man kann ihn womöglich nächstes Jahr in London abzuhalten versuchen, vielleicht gleichzeitig mit dem unsrigen. Kommt’s zustande, so wird das auf die Franzosen einen sehr heilsamen Effekt ausüben und sie etwas demütigen. Kommt’s nicht zusammen, so scheitert’s an den Franzosen, und sie werden wenigstens gezwungen, sich zu erklären. Wenn’s in Brüssel ginge, wär’s noch besser; in London könnte Feargus [O’Connor] doch einigen Unsinn anrichten.

Sonst nichts Neues. Gib Inliegendes an Bornstedt und schreibe mir bald, ob Du nach London gehst.

Dein E.

Schreibe an die Adresse des Malers, wenn Du sie noch hast. Es ist besser.

Heine läßt grüßen. Ist äußerst schwach und etwas matt. Wer hat Deinen Artikel eigentlich an Louis Blanc geschickt? Er sagt, es hätte unter dem Brief ein wildfremder Name gestanden. Das war auch wohl der Grund, warum er die Geschichte liegen ließ.

[1] Totschweigeverschwörung.

[2] Auf Posten.

[3] Das kleine Männchen mit der Bärenmütze.

[4] Freihandel.

[5] Daß er etwas konfus sei.