Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band

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Chapter 13,230 wordsPublic domain

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx

Erster Band

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883

Herausgegeben von A. Bebel und Ed. Bernstein

Erster Band

Stuttgart 1921 Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H.

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

(Siehe auch Art. 3 der Übereinkunft zwischen Deutschland und Rußland zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst.)

_Copyright 1919 by J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. Stuttgart._

Druck von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. in Stuttgart.

Vorwort.

Friedrich Engels, der treue Arbeits- und Kampfgenosse von Karl Marx, hat die beiden Unterzeichneten zu Erben seines literarischen Nachlasses sowie des Briefwechsels zwischen ihm und Karl Marx eingesetzt. Wir übergeben diesen Briefwechsel, der sich über ungefähr vier Jahrzehnte erstreckt, nunmehr der Öffentlichkeit. Er wird in den vorliegenden Bänden bis auf Unwesentliches und Intimitäten, die für weitere Kreise kein Interesse haben, unverkürzt zum Abdruck gebracht.

Die Unterzeichneten sind überzeugt, daß der Inhalt dieses Briefwechsels für die spätere Geschichtschreibung sehr wertvolles Material in reicher Fülle bietet. Von diesem Gedanken geleitet, können sie nur wünschen, daß die Ausgabe die lebhafteste Aufmerksamkeit sowohl der leitenden Parteikreise wie der Gelehrtenwelt finde.

Vor allem hat die sozialistisch denkende Welt Anspruch, ein unverfälschtes Bild von dem Werdegang, dem Fühlen und Denken der beiden Männer zu erhalten, die als die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus angesehen werden müssen und die für ihn als die Sache des Proletariats ihre ganze Persönlichkeit einsetzten.

Was uns die Briefe hierüber mitteilen, liefert zugleich neue, in vielem selbst Freunde der Verfasser überraschende Beweise dafür, wie sehr Marx und Engels in all ihrem Tun untrennbare Persönlichkeiten waren, deren hingebendes Zusammenwirken während Jahrzehnten es allein ermöglichte, daß jene wissenschaftlichen Leistungen vollbracht wurden, die nachher als reife Frucht unter der Autorschaft von Karl Marx der Öffentlichkeit übergeben wurden.

Der Leser begegnet in diesem Briefwechsel einem Freundschaftsverhältnis, wie es vielleicht in der Geschichte der Menschheit einzig dasteht und sicher nicht übertroffen worden ist. Man darf nach Kenntnisnahme dieses Briefwechsels ferner aussprechen, daß der größte Teil der schöpferischen Arbeiten und wissenschaftlichen Entdeckungen eines Karl Marx ohne die unermüdliche, nie versagende Mithilfe geistiger und finanzieller Natur von Friedrich Engels schwerlich das Tageslicht erblickt haben würden. Und mancherlei Veröffentlichungen, die bis heute auf das Konto von Karl Marx gingen, sehen wir dem Eingreifen von Friedrich Engels geschuldet, der dem fast unausgesetzt an schweren Nöten aller Art leidenden Freunde allezeit in hingebender Bereitwilligkeit zu Hilfe kam, aber der Öffentlichkeit gegenüber sich bescheiden im Hintergrund hielt.

Als Vertrauensmann der Frau Laura Lafargue, die als literarische Erbin von Marx ihre Genehmigung zur Veröffentlichung eines Teils des Briefwechsels zu geben hatte, ist Franz Mehring an der Redaktion beteiligt gewesen. Auch hat uns N. Rjasanoff durch seine große Sachkunde wertvolle Dienste geleistet, wofür wir ihm an dieser Stelle unseren Dank aussprechen.

Schöneberg bei Berlin.

*A. Bebel. Ed. Bernstein.*

Anmerkungen.

Bei der Herstellung der Briefe für den Druck wurden folgende Grundsätze beobachtet:

Der große Wert des Briefwechsels besteht darin, daß er die Ergänzung zu den von den Verfassern selbst veröffentlichten Schriften und Aufsätzen bildet, daß aus ihm die Antriebe zur Abfassung und Veröffentlichung jener Schriften, ihr unmittelbarer und weiterer Zweck ersichtlich werden, daß er tiefere Einblicke in das geistige Werden, das wissenschaftliche Arbeiten und politische Wirken der Schreiber gewährt und damit zum besseren Verständnis ihres Schaffens beiträgt, und daß er schließlich über die persönlichen Verhältnisse und Schicksale der Freunde genauere Auskunft gibt, ihre Kämpfe für die Anforderungen des Daseins, ihre menschlichen Beziehungen, Freundschaften und Feindschaften, ihre intimeren Urteile über Freunde und Feinde, über politische, soziale und literarische Vorgänge, den Wandel in verschiedenen dieser Urteile, kurz jenes Mosaik der Lebensäußerungen uns unmittelbar vor Augen bringt, dessen Einzelheiten oft unwesentlich erscheinen, das aber erst in seiner Fülle ein naturtreues Bild der Menschen erstehen, ihren Charakter, ihre Lebensauffassung und Lebensführung richtig begreifen läßt.

Im Hinblick auf alles dieses sind die Briefe nur mit geringen Kürzungen zum Abdruck gebracht worden. Nur wo besonders intime Verhältnisse behandelt wurden, an die sich kein allgemeineres Interesse irgendwelcher Art knüpft, wo gleichgültige Dinge über ganz und gar gleichgültige Personen erwähnt werden, schienen Streichungen gerechtfertigt. Fortgelassen sind auch hier und dort mißfällige Bemerkungen über dritte Personen, doch betrifft dies nur solche Äußerungen, die kein politisches oder wissenschaftliches Urteil einbegriffen, das nicht schon in vorhergegangenen Briefen deutlich ausgesprochen ist.

Unvermeidlich war dagegen eine gewisse philologische Behandlung der Briefe, und zwar namentlich der Briefe von Marx. Es handelt sich um den Gebrauch französischer und englischer Ausdrücke. Die betreffenden Stellen sind in den Briefen unverändert geblieben, aber in Rücksicht auf die proletarischen Leser sind den betreffenden Briefen Übersetzungsnoten beigegeben worden, von denen je nach Bedarf Gebrauch gemacht werden möge.

Zum zweiten war auch eine gewisse sprachliche Redaktion am deutschen Text einzelner Briefe nicht zu umgehen. Marx läßt sich zeitweise in seinen Briefen nicht weniger drastisch aus, als dies der Olympier Goethe zu tun pflegte, und gelegentlich tut es auch Engels. Es würde aber durchaus nicht in ihrem Sinn gehandelt sein, wenn die derben Ausdrücke unverändert im Druck wiedergegeben würden. Denn weder Marx noch Engels waren etwa doktrinäre Gegner zivilisierter Umgangsformen. Marx äußert sich vielmehr bei Gelegenheit sehr entrüstet darüber, daß einer seiner Briefe von den Empfängern unverändert in der „brutalen Sprache von Briefen“ veröffentlicht worden war. (Es handelt sich um den Brief an den Braunschweiger Ausschuß der Eisenacher Sozialdemokratie über die Annexion Elsaß-Lothringens.) Es sind daher Worte, die der deutsche Druck nun einmal nicht verträgt, durch andere ersetzt worden.

Hinsichtlich der Rechtschreibung wurden, da diese in dem sich über vierzig Jahre erstreckenden Briefwechsel selbst nicht streng durchgeführt ist, der Einheit und Einfachheit halber die heute üblichen Regeln beobachtet. Um den Stil der Verfasser möglichst wenig zu ändern, wurden Satzflüchtigkeiten, wie sie in hingeworfenen Briefen leicht unterlaufen, nur dann durch Ergänzungen verbessert, wenn es im Interesse der Deutlichkeit erfordert zu sein schien, und die ergänzenden Worte oder Teilworte in griechische Klammern gesetzt. Abkürzungen von Worten – Gebrauch von Zeichen für Vergleichungsworte und von Ziffern für Zahlworte usw. – wurden selbstverständlich nicht anders behandelt, wie regelrechte Kurzschrift behandelt worden wäre, das heißt durch das volle Wort ersetzt.

Es wird manchem Leser ein Kommentar des Briefwechsels nicht unerwünscht sein, und es ist auch die Abfassung eines solchen in Aussicht genommen. Aber da jeder Kommentar notwendigerweise mehr oder weniger Kritik mit sich bringt, erscheint es angemessen, seine Herausgabe nicht mit der Ausgabe des Briefwechsels selbst zu verbinden. In dieser sollen nur die Verfasser das Wort haben.

In den Vorbemerkungen zu den einzelnen Teilen, sowie im Namen- und Sachregister findet der Leser Nachweise, die ihm die Orientierung über Menschen und Dinge erleichtern werden.

*Ed. Bernstein.*

Berichtigungen zum ersten Band

Seite 93 Zeile 5 von unten: Hinter dieser Zeile ist folgendes Satzstück einzuschalten:

Schreibe auch ein paar Zeilen an M. Bricourt, _membre de la Chambre des Représentants_, der sehr gut für Dich in der Kammer aufgetreten ist und den Minister auf Maynz’ Ansuchen scharf interpelliert und die Enquete wegen der Geschichte durchgesetzt hat. Er ist Repräsentant für Charleroi und nach Castiau der beste. Castiau war gerade in Paris.

Seite 95 Zeile 8 von oben statt Sous ist zu setzen: Sou. - 117 - 6 - - - Combaux - Combreur. - 117 - 7 - - - Ganon - Favon. - 222 - 8 - unten - _personel_ - _personnel_.

Erster Abschnitt Die ersten Jahre des Bundes 1844 bis 1849

Vorbemerkung.

Der Freundschaftsbund zwischen Engels und Marx wurde im Jahre 1844 geschlossen, nachdem seine geistige Grundlage, die Übereinstimmung der Ideen über den Zusammenhang der sozialistischen Bewegung mit der Entwicklung der Produktionsverhältnisse und den Klassenkämpfen der Epoche, sowie die gleiche Stellung zur Bewegung selbst sich in ihren Beiträgen zu den Deutsch-Französischen Jahrbüchern deutlich angezeigt und in mündlicher Unterhaltung, die im Sommer 1844 in Paris stattfand, Bekräftigung gefunden hatte. Es ist äußerst charakteristisch, daß kein Mitarbeiter der Deutsch-Französischen Jahrbücher sich den darin von Marx geschichtsphilosophisch niedergelegten Ideen so nahe zeigt als der in Manchester kommerziell beschäftigte Fabrikantensohn aus Barmen, in dem Marx anderthalb Jahre vorher einen simplen Radikalen vom Kaliber der Berliner „Freien“ vermutet hatte. Der Wissensdrang, der bei Engels kaum weniger stark war als bei Marx, sowie Verbindungen mit der in England schon eingewurzelten Arbeiterbewegung hatten in Engels den Blick für die Unzulänglichkeiten des spekulativen Radikalismus geschärft, der sich als die Krönung der idealistischen deutschen Philosophie gebärdete. Marx hatte jenen Radikalismus früher durchschaut, und nachdem er in Frankreich den dortigen Kommunismus und Sozialismus gründlich studiert hatte, war er praktisch zu fast der gleichen Stellung zur kommunistischen Arbeiterbewegung gelangt wie Engels. Beide betrachteten und bezeichneten sich als Kommunisten, weil sie die großen Ziele jener Bewegung anerkannten und für sie zu wirken sich zur Aufgabe gestellt hatten. Aber beide konnten es nicht über sich gewinnen, sich einer der bestehenden Gruppen oder Schulen des Kommunismus anzuschließen, die alle noch im Fahrwasser der Sektiererei oder der unbestimmten Menschheitsbeglückung segelten. Die Bewegung aus dem Sektenstadium herauszubringen erschien als das dringendste Erfordernis, und da in Deutschland für eine politische Partei die Vorbedingungen fehlten, mußte der Kampf hier zunächst literarisch-propagandistisch geführt werden.

Darüber waren sich Marx und Engels einig geworden, als dieser im Spätsommer 1844 Marx in Paris besucht hatte, und mit dem ersten Briefe, den Engels nach jenem Besuch an Marx geschrieben hat, beginnt unsere Sammlung. Er ist aus Barmen datiert, wohin Engels sich begeben hatte, offenbar, um sich mit dem Vater über sein ferneres Leben auseinanderzusetzen, da er keine Lust hatte, es am Kontortisch zuzubringen. Der Brief zeigt den Feuergeist des jungen Engels, er wirft aber auch ein interessantes Streiflicht auf die Verfassung des öffentlichen Geistes in Deutschland am Vorabend der bürgerlichen Revolution. Überall stößt der Jünger des Kommunismus in der bürgerlichen Welt auf Gesinnungsgenossen, überall auf „Kommunisten“, man sollte meinen, das Evangelium der Menschenverbrüderung wolle Deutschland im Sturme erobern. Es sollte sich indes zeigen, daß der Kommunismus der meisten dieser Leichtgewonnenen nur Frucht unbestimmten Oppositionsdranges war und, als es die Probe zu bestehen galt, ebenso leicht wieder verflog.

Zu jener Zeit war Marx in Paris Mitarbeiter an der radikalen Zeitschrift „Vorwärts“, die der Journalist Heinrich Börnstein herausgab. Bald darauf wurde er mit anderen Mitarbeitern des „Vorwärts“ auf Betreiben der preußischen Regierung aus Paris ausgewiesen und siedelte nach Brüssel über. Nach Paris noch ist der folgende Brief von Engels gerichtet, der das Datum des 19. November 1844 trägt. Er atmet denselben frisch-naiven Geist wie der erste, ist aber ungleich interessanter. Er zeigt, daß Marx-Engels sich zwar schon des Unterschieds zwischen ihnen und anderen deutschen Sozialisten der Epoche bewußt waren, sich aber noch nicht von letzteren getrennt hatten; daß sie wohl mit ihnen diskutierten, aber nicht gegen sie polemisierten, sondern zunächst gemeinsam mit ihnen die Geschosse gegen die unfruchtbare Überkritik der Gebrüder Bauer und Genossen richteten. Die erste von Marx und Engels gemeinsam gezeichnete Kampfschrift „Die heilige Familie zu Charlottenburg“ ward eine Abrechnung mit den Bauers, und hier sehen wir, wie, noch ehe dies Buch erschien, schon das den Radikalismus der Bauer weit überbietende Produkt jener Richtung, Stirner-Schmidts „Der Einzige und sein Eigentum“, auf die Bühne tritt und neue Kritik herausfordert. Engels’ Bemerkungen über das Buch sind als Merkmale seiner selbständigen Entwicklung außerordentlich interessant und ebenso, was er über die Stellung des Moses Heß zu dem Buche sagt. Heß, den Jahren nach und als Sozialist der ältere, wird noch sehr zart angefaßt, aber seine Methode und Auffassung werden doch schon entschieden als falsch gekennzeichnet. Allerdings sind auch Marx-Engels mit der Ausarbeitung ihrer Theorie noch nicht fertig, spricht doch Engels selbst noch stark die Sprache der von ihnen bekämpften Philosophenschule. Aber der Sache nach sind seine paar Sätze über Stirner ungleich schlagender als die breite Polemik, die dann Heß gegen diesen veröffentlichte.

Auch darin zeichnet sich der zweite Brief vor dem ersten aus, als die geradezu phänomenale Arbeitslust und Arbeitskraft Engels’ hier viel drastischer sich kundgibt wie dort. Wohl nimmt es der junge Engels mit dem zu verarbeitenden Stoff noch verhältnismäßig leicht, aber das bloße Konstruieren aus dem Kopfe war doch auch damals nicht seine Sache. Und so kann man nur staunen, wieviel schriftstellerische Arbeit er überzeugt ist in kürzester Zeit fertigstellen zu können, während er nebenbei hin und her reist, agitiert und organisiert. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß der Jung, von dem im Briefe die Rede ist, der spätere demokratische und schließlich nationalliberale Georg Jung war, und der List, gegen den Engels eine Broschüre zu schreiben erklärt, der Schutzzollanwalt Friedrich List war, der damals viel von sich reden machte.

Einige Briefe aus den ersten Monaten des Jahres 1845 schildern den Fortgang der Engelsschen Arbeiten, seine literarischen Unternehmungen und Projekte; die Propaganda in öffentlichen Versammlungen und ihren Ausgang, sowie die Widerstände, auf die Engels mit seinen Ideen und Plänen im elterlichen Hause stieß. Im Frühjahr 1845 übersiedelte Engels nach Brüssel, und der Briefwechsel mit Marx wird damit überflüssig. Im persönlichen Verkehr arbeiten die Freunde nun ihre Theorie vollständig aus. Sie verfechten sie kritisch-polemisch gegen den immer mehr ins Sektiererische verfallenden Kommunismus Weitlings und den halb polternden und halb sentimentalen Sozialismus einer Reihe von Ganz- oder Halbakademikern, der im wesentlichen auf radikaler Stimmung und gutem Willen beruhte, dessen Vertreter aber sich um die materiellen Vorbedingungen ihrer Umwälzungsideen wenig kümmerten. Marx-Engels selbst aber standen mit den revolutionären Chartisten Englands und sozialistischen Demokraten Frankreichs in Verbindung, traten in immer lebhafteren Verkehr mit führenden Mitgliedern des kommunistischen Geheimbundes der Gerechten, die sich über die Unzulänglichkeiten von Weitlings Ideen und Plänen nicht mehr täuschen ließen, sammelten einen Kreis überzeugter Anhänger um sich und bildeten mit einigen von ihnen in Brüssel ein freies Komitee zur Verfechtung der gewonnenen Erkenntnis.

Teils an Marx selbst und teils an jenes Komitee, an dessen Spitze Marx stand, sind die nächsten der hier vorliegenden Briefe gerichtet. In Paris, dem Stammsitz des Bundes der Gerechten, hatte Karl Grün, wohl der schriftstellerisch gewandteste Vertreter des oben geschilderten Gefühlssozialismus, unter den dortigen deutschen Arbeitern Einfluß gewonnen, so daß zu gewärtigen war, daß der Bruch mit Weitling für einen Teil der Mitglieder des Bundes der Gerechten nur einen Wechsel vom Regen der Utopisterei unter die Traufe eines kompaßlosen Radikalismus bedeuten werde. Dieser Gefahr entgegenzuwirken, war Engels im Juli 1846 nach Paris gegangen, und wie er sich erfolgreich seiner Mission entledigte, schildern unter anderem drei Briefe, die er selbst mit dem Bemerken Komiteebrief I, II und III versehen hat.

Die Briefe geben ein bezeichnendes Bild davon, in welch kleinen Kreisen sich damals die Bewegung abspielte, und erklären so, warum allerhand kleinliche Dinge in ihr einen unverhältnismäßig großen Platz in Anspruch nehmen konnten. Aus den Mitteilungen über die Gruppierung und die Zusammenkünfte der deutschen Arbeiter in Paris ersieht man unter anderem, wie das in den Briefen von Engels und später auch von Marx häufig für Arbeiter gebrauchte Wort „Straubinger“ zu verstehen ist, nämlich als Bezeichnung für entweder noch stark zünftlerisch denkende Handwerksgesellen oder für solche Arbeiter, die jedes größeren geistigen Weitblicks entbehrten und nur Männer der schwieligen Faust als ihnen zugehörig anerkannten. Die „Barriere“ ist die Zollmauer von Paris; in den vor ihr gelegenen Wirtschaften hatten schon in den vierziger Jahren große Gewerksversammlungen französischer Arbeiter stattgefunden.

Hinsichtlich der Personen, die Engels in den Briefen erwähnt, konnte leider nicht ermittelt werden, wer der intelligente Gesinnungsgenosse „Junge“ war, der erst nur mit dem Anfangsbuchstaben bezeichnet wird. Der Russe Tolstoi war in der Tat ein Agent der russischen Regierung. Ein ehemaliges Mitglied des Geheimbundes der Dekabristen und Freund des berühmten Dichters Puschkin, hatte er sich insgeheim der Regierung verkauft, während er in revolutionären Kreisen noch volles Vertrauen genoß. Er ist mit dem russischen Steppengutsbesitzer identisch, von dem dessen Landsmann Annenkow 1883 in seinem Artikel über Marx erzählt hat, daß er diesem 1846 in Brüssel die feierlichsten Angelobungen gemacht, nach Rußland zurückgekehrt aber alles schnell vergessen und sein Leben als feuriger Junggeselle bis zu seinem Ende fortgesetzt habe. Über die Persönlichkeiten des Brüsseler Kreises berichtet Franz Mehring in der Vorbemerkung zum siebenten Abschnitt seiner Veröffentlichung „Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle“. Ergänzungen wie auch sonstige Personalnotizen findet der Leser im Register zu diesen Briefen. Die Mitteilungen über Heinrich Heine und über die Polemiken der Franzosen sprechen für sich selbst.

Im übrigen geht aus diesen Berichten und einigen in dieselbe Zeit entfallenden Briefen von Engels an Marx hervor, daß die beiden und ihre Gesinnungsfreunde schon stark daran waren, die Grundlagen für die Organisation einer eigenen Partei zu schaffen und als Mittel dazu die Erweiterung der von ihnen zwanglos herausgegebenen lithographierten Zirkulare zu einer regelmäßigen Korrespondenz planten, für die an den verschiedenen Orten kleine, nur aus ganz zuverlässigen Personen zusammengesetzte Komitees tätig sein sollten.

Wir glauben bei den Lesern dieses Briefwechsels Kenntnis der vorerwähnten Mehringschen Veröffentlichung voraussetzen und deshalb von einer Wiederholung der dort zu findenden Angaben über den deutschen Sozialismus der vierziger Jahre absehen zu dürfen. Es versteht sich von selbst, daß die scharfen Äußerungen, die in diesen Briefen gelegentlich über Leute wie Otto Lüning, Hermann Püttmann, Joseph Weydemeyer usw. fallen, nicht allzu wörtlich oder als endgültige Urteile aufzufassen sind. So geht es Weydemeyer hier recht schlecht, später aber wird er einer der treuesten Kampfgenossen von Marx-Engels, wenngleich auch dann in ihren Briefen manchmal über ihn gewettert wird. Er war, scheint es, eine etwas schwerfällige Natur, einer jener Menschen, die Zeit brauchen, sich in eine neue Auffassung hineinzuleben und in einer neuen Situation sich zurechtzufinden. Bei ihm wie bei seinen engeren Landsleuten Kriege, Lüning usw. kommt noch die Rückwirkung einer wirtschaftlich sehr unentwickelten Umgebung hinzu. Fast allen deutschen Sozialisten der Epoche außer Marx-Engels passierte es, daß, wenn sie sich literarisch-propagandistisch an ein größeres Publikum wandten, die proletarische Auffassung in die Brüche ging, weil das Proletariat, dem sie gepaßt hätte, entweder gar nicht oder nur in sehr schwachen Anfängen existierte. Es war eben dann unvermeidlich, daß die einen mehr, die anderen weniger, die einen unversehens, die anderen mit Berechnung die sozialistische Lehre anderen Gesellschaftsschichten mundgerecht zu machen suchten und dadurch genötigt waren, ihr einen verschwommenen Charakter zu geben. Das mußte aber Marx-Engels um so verwerflicher erscheinen, als sie wiederum zwar sich bewußt waren, daß ein Proletariat, wie es ihre Theorie voraussetzte, in Deutschland erst als Ausnahme existierte, aber doch auch für hier eine raschere Entwicklung der Dinge annahmen, als sie tatsächlich ausfiel. Selbst in England und Frankreich, die ihnen als historische Wegweiser galten, war die Arbeiterklasse in Wirklichkeit viel weniger entwickelt, als wie sie damals ihnen und anderen erschien. Kurz, es bewirkten Unterschiede in der Schärfe des Denkens mit solchen der Anschauung der Dinge zusammen, daß den beiden Freunden der Gegensatz zwischen ihrer Auffassung und der der bezeichneten deutschen Sozialisten stärker erschien als jenen, und sie sogar für deren Bereitwilligkeit, von ihnen zu lernen, manchmal nur Spott hatten.

Noch ein Wort über die wegwerfende Behandlung, die Moses Heß in den Berichten und den nun folgenden Briefen von Engels erfährt. Heß war zwar als Sozialist älter als Marx-Engels und hatte sogar zeitweise in Brüssel sich an ihren Arbeiten gegen Feuerbach, Stirner usw. beteiligt, aber gerade dabei hatte sich immer deutlicher gezeigt, daß seine Art zu philosophieren und argumentieren ganz und gar nicht die ihrige war, daß es ihm nicht möglich war, sich aus den Schlingen einer recht sterilen Begriffsspekulation völlig herauszuarbeiten. Er merkte nicht einmal, daß die Ausfälle von Marx-Engels über diese Philosophie auch gegen ihn gingen. So sank er denn immer tiefer in ihrem Ansehen, und da sie ihm das nicht vorenthielten, ward seine Empfindlichkeit schwer gereizt. Er war ein Gemisch von Eigensinn und Gutmütigkeit, in seinen sozialistischen Gesinnungen fest, aber launenhaft in seiner Betätigungsweise, und so gab es, wie damals zwischen ihm und seiner Braut und späteren Frau, auch zwischen ihm und Marx-Engels abwechselnd Krieg und Waffenstillstand. Für immer aber war er ihnen, wie dies aus Engels’ Bemerkungen hervorgeht, eine wesentlich komische Figur geworden.