Der brennende Dornbusch; Mörder: Hoffnung der Frauen
Part 2
(Gehen zögernd wieder als Kette nach; er, mit dem Fackelträger vor sich, geht voran.)
Krieger
Führ' uns, Blasser!
(Während sie sein Pferd niederreißen wollen, steigen Mädchen mit der Führerin die rechts liegende Stiege herab, die aus der Burgmauer führt.)
Frau
(rote Kleider, offene gelbe Haare, groß)
(laut.)
Mit meinem Atem erflackert die blonde Scheibe der Sonne.
Mein Auge sammelt der Männer Frohlocken. Ihre stammelnde Lust kriecht wie eine Bestie um mich.
Mädchen
(lösen sich von ihr los, sehen jetzt erst den Fremden.)
Erstes Mädchen
(neugierig)
Unsre Frau! Sein Atem hängt ihr an.
Erster Krieger
(darauf zu den andern.)
Unser Herr kommt wie der Tag, der im Osten aufgeht.
Zweites Mädchen
(einfältig.)
Wann wird mit Wonne sie umfangen!
Frau
(sieht den Mann fest an.)
Wer ist der Fremde, der mich ansah?
Erstes Mädchen
(zeigt ihn, schreit.)
Der Schmerzensmutter verscheuchter Knabe, mit Schlangen um die Stirn, entsprang. Kennt ihr ihn wieder?
Zweites Mädchen
(lächelnd.)
Untiefe schwankt. Ob sie den lieben Gast vertreibt?
Der Mann
(erstaunt, sein Zug hält an.)
Was sprach der Schatten?
(Das Gesicht hebend, zur Frau.)
Sahst du mich an, sah ich dich?
Frau
(fürchtend und verlangend )
Wer ist der bleiche Mann? Haltet ihn zurück!
Erstes Mädchen
(gell schreiend, läuft zurück.)
Laßt ihr ihn ein? Der wittert, daß wir unbeschützt? Die Festung offen steht!
Erster Krieger
Ihm ist, was Luft und Wasser teilt, Haut und Feder, Schuppen trägt; haarig und nackt Gespenst gleich unterthan.
Zweites Mädchen
Mit einer Falte weint und lacht die Goldgelockte da. Jäger fang uns schon . . .
(Gelächter.)
Erster Krieger
(zum Mann.)
Umarm sie! Das Wiehern hetzt die Stute irr. Gib dem Tier die Schenkel!
Erstes Mädchen
(listig)
Unsre Frau ist eingesponnen, hat noch nicht Gestalt erreicht.
Zweites Mädchen
(großtuend)
Unsre Frau steigt auf und sinkt, Doch kommt nie auf die Erde.
Drittes Mädchen
Unsre Frau ist nackt und glatt, Auch schließt sie nie die Augen.
Dritter Krieger
(zum dritten Mädchen, höhnisch.)
An Haken fängt sich Fischlein. Fischin hakt sich Fischer!
Zweiter Krieger
(zum zweiten Mädchen; er hat verstanden.)
Locken fliegen! Ihr Gesicht befreit . . . Die Spinne ist aus dem Netz gestiegen.
Der Mann
(hat der Frau den Schleier gelüftet; zornig.)
Wer ist sie?
Erster Krieger
(aufreizend.)
Sie scheint dir bange, fang sie! Verfängt doch nur die Angst. Bang du, was du dir erfangst!
Erstes Mädchen
(ängstlich.)
Frau, laß uns fliehen! Verlöscht die Lichter des Führers!
Zweites Mädchen
(eigensinnig.)
Herrin, hier laß mich den Tag erwarten . . . Heiß mich nicht schlafen gehen, Die Unruh in den Gliedern!
Drittes Mädchen
(flehend.)
Er soll nicht unser Gast sein, unsre Luft atmen! Laßt ihn nicht übernachten. Er schreckt uns den Schlaf!
Erstes Mädchen
Der hat kein Glück!
Erster Krieger
Die hat keine Scham!
Frau
Warum bannst du mich, Mann, mit deinem Blick? Fressendes Licht, verwirrst meine Flamme! Verzehrendes Leben kommt über mich. O nimm mir entsetzliche Hoffnung --
Der Mann
(fährt wütend auf)
Ihr Männer! Brennt ihr mein Zeichen mit heißem Eisen ins rote Fleisch!
(Krieger führen den Befehl aus. Zuerst der Haufen mit den Lichtern mit ihr raufend, dann der Alte mit dem Eisen, reißt ihr das Kleid auf und brandmarkt sie.)
Frau
(in furchtbaren Schmerzen schreiend.)
Schlagt die zurück, die böse Seuche.
(Sie springt mit einem Messer auf den Mann los und schlägt ihm eine Wunde in die Seite. Der Mann fällt.)
Krieger
Flieht den Besessenen, erschlagt den Teufel! Wehe uns Unschuldigen, verscharrt den Eroberer.
Der Mann
(Wundkrampf, singend mit blutender, sichtbarer Wunde.)
Sinnlose Begehr von Grauen zu Grauen, Unstillbares Kreisen im Leeren.
Gebären ohne Geburt, Sonnensturz, wankender Raum.
Ende derer, die mich priesen. O, euer unbarmherzig Wort.
Krieger
(zum Mann.)
Wir kennen ihn nicht. Verschon uns!
Kommt, ihr Griechenmädchen, laßt uns Hochzeit halten auf seinem Notbett.
Alle Mädchen
Er erschreckt uns, Euch liebten wir, als ihr kamt.
(Die Mädchen legen sich zu den Kriegern kosend rechts auf den Boden.)
(Drei Krieger machen aus Stricken und Ästen eine Bahre, und stellen sie mit dem schwach sich Bewegenden, in den Turm hinein. Weiber werfen das Gittertor zu und ziehen sich wieder zu den Männern zurück.)
Der Alte
(steht auf und sperrt ab. Alles dunkel, wenig Licht im Käfig.)
Frau
(allein, jammernd, trotzig.)
Er kann nicht leben, nicht sterben, Er ist ganz weiß.
(Sie schleicht im Kreis um den Käfig. Greift gezwungen nach dem Gitter. Droht mit der Faust.)
Frau
(trotzig.)
Macht das Tor auf, ich muß zu ihm!
(Rüttelt verzweifelt)
Krieger und Weiber
(die sich ergötzen, im Schatten, verwirrt.)
Wir haben den Schlüssel verloren -- -- wir finden ihn -- --
Hast du ihn? -- -- sahst du ihn -- -- wir sind nicht schuldig.
Wir kennen euch nicht -- -- Was wissen wir von euch!
Der Streit ist unverständlich und dauert eine Ewigkeit.
(Gehen wieder zurück. Hahnenschrei, es lichtet im Hintergrund.)
Frau
(langt mit dem Arm durchs Gitter, böswillig keuchend.)
Blasser! Schrickst du? Furcht kennst du? Schläfst du bloß? Wachst du? Hörst du mich?
Der Mann
(drinnen, schwer atmend, hebt mühsam den Kopf, bewegt später eine Hand, dann beide Hände, hebt sich langsam, singend, entrückend)
Wind der zieht, Zeit um Zeit. Einsamkeit, Ruhe und Hunger verwirren mich. Vorbeikreisende Welten, keine Luft, abendlang wird es.
Frau
(mit beginnender Furcht.)
So viel Leben fließt aus der Fuge, So viel Kraft aus dem Tor, Bleich wie eine Leiche ist er.
(Schleicht wieder auf die Stiege hinauf, zitternd am Körper, wieder laut lachend.)
Der Mann
(ist langsam aufgestanden, lehnt am Gitter.)
Frau
(schwächer werdend, grimmig.)
Ein wildes Tier zähm ich im Käfig hier, Bellt dein Gesang vor Hunger?
Der Mann
(öffnet den Mund zum sprechen.)
. . . . . . . . .
(Hahnenschrei.)
Frau
(zitternd.)
Du, stirbst nicht?
Der Mann
(kraftvoll.)
Sterne und Mond! Frau! Hell leuchten im Träumen oder Wachen sah ich ein singendes Wesen . . . Atmend entwirrt sich mir Dunkles. Mutter . . . Du verlorst mich hier.
Frau
(liegt ganz auf ihm; getrennt durch das Gitter, schließt langsam das Tor auf)
Frau
(leise.)
Vergiß mich nicht . . .
Mann
(wischt sich über die Augen.)
Rostgedanken klebt sich auf die Stirn . . .
Frau
(zart.)
Es ist dein Weib!
Mann
(sanft.)
Eine Spanne scheues Licht! --
Frau
(bittend.)
Mann!! Schlaf mir . . .
Mann
(lauter.)
Ruhe, Ruhe Truggedanke, laß mich . . .
Frau
(öffnet den Mund zum sprechen.)
Mann
(einsam.)
Ich fürchte mich --
Frau
(immer heftiger, aufschreiend.)
Ich will dich nicht leben lassen. Du! Du schwächst mich -- Ich töte dich -- du fesselst mich! Dich fing ich ein -- und du hälst mich!
Laß los von mir -- umklammerst mich -- wie mit eisernen Ketten -- erdrosselt -- los -- Hilfe!
Ich verlor den Schlüssel -- der dich festhielt.
(Läßt das Gitter, fällt auf der Stiege zusammen.)
Der Mann
(steht ganz, reißt das Tor auf, berührt die sich starr Aufbäumende, die ganz weiß ist, mit den Fingern der ausgestreckten Hand. Sie spürt ihr Ende, spannt die Glieder, löst sie in einem langsam abfallenden Schrei. Die Frau fällt um, entreißt im Fallen dem aufstehenden Alten die Fackel, die ausgeht und alles in einen Funkenregen hüllt.)
Der Mann
(steht auf der obersten Stufe, Krieger und Mädchen, die vor ihm fliehen wollen, laufen ihm schreiend in den Weg.)
Krieger und Mädchen
Der Teufel! Bändigt ihn, rettet euch! Rette wer kann -- verloren!
Der Mann
(geht ihnen gerade entgegen. Wie Mücken erschlägt er sie. Die Flamme greift auf den Turm über und reißt ihn von unten nach oben auf. Durch die Feuergasse enteilt der Mann. Ganz ferne Hahnenschrei.)
_Ende_
Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H. Leipzig