Der Besuch im Carcer.

Part 2

Chapter 22,003 wordsPublic domain

Der Pedell, durch das unausgesetzte Geklingel an seinen Beruf gemahnt, verließ seine Privatbeschäftigung und erschien auf der Vorflur des Gefängnisses. Der heimtückische Primaner schmiegte sich fester in sein Versteck. Samuel Heinzerling hatte sich erschöpft auf die Pritsche gesetzt. Sein Busen keuchte; seine Nasenflügel arbeiteten im Tempo eines rüstigen Blasebalgs.

»Herr Rumpf,« sagte Quaddler, indem er wie warnend wider die Thüre der Zelle pochte, »es wird Alles notirt!«

»Gott sei Dank, Quaddler, daß Sä da sänd! Öffnen Sä mär! Däser mäserable Kärl sperrt mäch här ein ... Es äst hämmelschreiend!«

»Ich sage Ihnen, Herr Rumpf, die Späße werden Ihnen schlecht bekommen! Und daß Sie den Herrn Direktor einen miserablen Kerl nennen, das werd' ich mir besonders vermerken!«

»Aber Quaddler, sänd Sä denn verröckt?« eiferte Samuel im Tone der höchsten Entrüstung. »Zom Henker, äch sage Ähnen ja, daß der Rompf, der elende Gesälle, mäch här eingespärrt hat, als äch ähn besochen und ähm äns Gewässen räden wollte! Machen Sä jätzt keine Omstände. Öffnen Sä!«

»Sie müssen mich für sehr dumm halten, Herr Rumpf. Der Herr Direktor hat eben noch mit mir gesprochen und mir strengstens anbefohlen, Sie unter keiner Bedingung herauszulassen. Und nun betragen Sie sich anständig, und lassen Sie das Klingeln, sonst häng' ich die Schelle ab.«

»Quaddler, äch bränge Sä äns Zochthaus wägen wäderrechtlicher Freiheitsberaubong.«

»Hören Sie einmal, wissen Sie, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so ist das ewige Nachahmen des Herrn Direktors recht kindisch, nehmen Sie mir's nicht übel. Es ist wahr, der Herr Direktor sprechen ein wenig durch die Nase, aber so ein dummes Geklöne, wie Sie's da zusammenquatschen, so machen's der Herr Direktor noch lange nicht. Und nun sag' ich Ihnen zum letzten Mal, verhalten Sie sich ruhig und benehmen Sie sich, wie es sich geziemt ...«

»Aber äch wäderhole Ähnen auf Ähre ond Sälägkeit, der schändläche, näderträchtäge Borsche hat den Schlössel hänter mär heromgedreht, ähe äch noch woßte, was er vorhatte! Quaddler! Mänsch! Äsel! Sä mössen mäch doch erkännen! Thun Sä doch Ähre Ohren auf!«

»Was? Esel nennen Sie mich? Mensch nennen Sie mich? Ei, wissen Sie was, da fragt sich's doch noch sehr, wer von uns beiden der größte Mensch und der größte Esel ist. So was lebt nicht. Nennt so ein grüner Junge einen alten ehrlichen Mann einen Esel! Selbst Esel! ... Verstehen Sie mich? Aber warten Sie nur!«

»Ein Äsel sänd Sä ond ein Ochse dazo!« stöhnte Heinzerling verzweifelnd. »Sä wollen also nächt öffnen?«

»Ich denke nicht daran.«

»Goot! Sehr goot!« ächzte der Schulmann mit verlöschender Stimme. »Sehr goot! Äch bleibe also im Carcer! Hären Sä, Quaddler? Äch bleibe äm Carcer!«

»Es soll mich freuen, wenn Sie zur Vernunft kommen. Aber nun lassen Sie mich ungeschoren. Ich habe mehr zu thun, als Ihre Possen mit anzuhören!«

»Quaddler!« rief Samuel wieder heftiger. »Äch sitze rohig Stonde för Stonde ab! Verstähen Sä? Stonde för Stonde! Wä ein ongezogener Jonge erdolde äch däse empörende Schmach! Hären Sä, Quaddler?«

»Ich gehe jetzt. Arbeiten Sie was.«

»Heiliger Hämmel, mär schwändelt der Verstand! Bän äch denn wärkläch toll geworden! Mänsch, so gocken Sä doch wänägstens einmal dorch's Schlösselloch! Dann wärden Sä ja sähen ...«

»Ja wohl, damit Sie mir in die Augen blasen, wie neulich! Das fehlte mir noch! ...«

»Non denn, so gehn Sä zom Teufel. Mät der Dommheit kämpfen Götter sälbst vergäbens! Aber komm' äch Ähnen heraus! komm' äch Ähnen heraus! Äch gäb's Ähnen schräftläch: Sä sänd zom Längsten Pädäll gewäsen!«

Quaddler tappte ärgerlich die Stiege hinunter. Dieser Rumpf war wirklich ein Ausbund von Impertinenz! Esel hatte er ihn genannt: Donner und Doria! Seit Frau Kathinka Quaddler das Zeitliche gesegnet, war dergleichen nicht vorgekommen ...!

Ja, ja, die Herren Primaner!

Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die Zelle. Seine ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen Löwen, den menschliche Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne die stolze, urwüchsige Kraft seiner edlen Natur brechen zu können. Die Hände auf dem Rücken, das Haupt mit der grauen Mähne wehmüthig auf die rechte Schulter geneigt, die Lippen fest aufeinander gepreßt, -- so wandelte er auf und nieder, auf und nieder, -- die düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im Gemüthe wälzend.

Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.

»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin. »Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte betheiligt wäre, äch könnte sä amösant fänden ...«

Er blieb stehen ...

»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe Däch, Samoël! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der ihm eine Uhr stehlen wollte, eigenhändig dä Leiter gehalten? Äst nächt selbst Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevoller Weise eingerägelt worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! Ond doch begägnet dä Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong. Ond doch gilt Först Bäsmarck nach wä vor för den bedeutendsten Däplomaten Europa's! Nein, nein, Samoël! Deine Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter Denker leidet nächt äm Gerängsten onter däser peinlichen Sätoation! Berohige Däch, Samoël ...«

Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald aber unterbrach er sich von Neuem.

»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn meine Prämaner erfahren, daß äch auf dem Carcer gesässen habe! Onerträglächer Gedanke! Meine Autorität wäre ein för alle Mal dahän! Ond sä _wärden_ es erfahren! Sä _mössen_ es erfahren! Äch bän ein för alle Mal däscredätärt! O ähr Götter, warom habt ähr mär das gethan!«

»Herr Direktor«, flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an der Zellenthüre ... »Sie sind noch lange nicht discreditirt! Ihre Autorität steht noch in vollem Flore ...«

»Rompf!« stammelte Samuel -- »Schändlicher, gottvergeßner Mänsch! Öffnen Sä! Augenbläckläch! Betrachten Sä säch als moralisch geohrfeigt! Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«

»Herr Direktor, ich komme, um Sie zu retten! Beleidigen Sie mich nicht!«

»Zo rätten? Welche Onverschämtheit! Aufmachen sollen Sä, oder ...«

»Wollen Sie mich ruhig anhören, Herr Direktor? Ich versichere Sie, Alles wird sich ausgleichen.«

Samuel überlegte.

»Goot,« sagte er endlich. »Äch wäll mäch herablassen ... Räden Sä ...«

»Sehen Sie, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß meine Kunst doch nicht so ganz ohne praktische Bedeutung ist ... Verzeihen Sie, wenn ich dabei scheinbar die vorzügliche Hochachtung und Verehrung verletzen mußte, die ich Ihnen aus vollstem Herzen zu zollen mir freudig bewußt bin.«

»Sä sänd ein Schelm, Rompf!«

»Herr Direktor ... Wie wär's, wenn Sie mir die Carcerstrafe erließen, die Drohung betreffs der Relegation zurücknähmen und mir erlaubten, über alles Vorgefallne das strengste Stillschweigen zu beobachten ...?«

»Das gäht nächt! ... Ähre Strafe mössen Sä absitzen ...«

»So? Na, dann leben Sie wohl, Herr Direktor. Klingeln Sie nicht zu viel!«

»Rompf! Hären Sä doch! Äch wäll Ähnen was sagen ... Rompf!«

»Bitte ...!«

»Sä sänd in välen Bezähungen ein ongewöhnlicher Mänsch, Rompf ... ond da wäll äch einmal eine Ausnahme machen ... Öffnen Sä nor!«

»Erlassen Sie mir die Carcerstrafe?«

»Ja.«

»Werden Sie mich relegiren?«

»Nein, än Teufels Namen.«

»Geben Sie mir Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«

»Rompf, was onterstähn Sä säch ...«

»Ihr väterliches Wort, Herr Direktor!«

»Goot! Sä haben's!«

»Jupiter Ultor ist Zeuge.«

»Was?«

»Ich rufe die Götter zu Zeugen an.«

»Machen Sä auf!«

»Gleich, Herr Direktor. Sie tragen mir's aber auch ganz gewiß nicht nach?«

»Nein, nein, nein! Wärden Sä mäch non bald herauslassen?«

»Sie ertheilen mir volle Absolution?«

»Ja, onter der Bedängong, daß Sä Nämandem erzählen, wä schwär Sä säch vergangen haben. Äch habe Ähnen ja gesagt, äch halte Sä för einen ongewöhnlächen Mänschen, Rompf ...«

»Ich danke Ihnen für die gute Meinung. Mein Ehrenwort: so lange Sie Direktor des städtischen Gymnasiums und Ordinarius der Prima sein werden, soll keine verrätherische Silbe über meine Lippen gleiten!«

Und damit drehte er den Schlüssel um und öffnete ...

Wie der Uhland'sche König aus dem Thurme, so stieg Samuel Heinzerling an die freie Himmelsluft. Tief holte er Athem. Dann strich er sich mit der Rechten über die Stirne, als ob er sich besinne ...

»Rompf,« sagte er, »äch verstähe Spaß ... Aber ... nächt wahr, Sä thun mär den Gefallen, mäch nächt wäder mimisch zu copären? Sä ... Sä machen dä Geschächte zo ähnläch!«

»Ihr Wunsch ist mir Befehl!«

»Goot! Ond non machen Sä, daß Sä hinonter kommen. Es äst noch nächt drei Värtel. Sä können noch am Onterrächt Theil nehmen!«

»Aber würde man nicht stutzen, Herr Direktor? Jedermann weiß, daß Sie mir drei Tage Carcer dictirt haben ...!«

»Goot! Äch gähe mät Ähnen.«

So eilten sie selbander die Treppe hinab.

»Quaddler!« rief der Direktor in's Erdgeschoß.

Der Pedell erschien an der untersten Windung und fragte dienstbeflissen, was der Gebieter zu verlangen geruhe.

»Äch habe dem Rompf aus verschädnen Grönden die drei Tage geschänkt,« sagte Samuel.

»Ah ...! Drum sind der Herr Direktor noch einmal zurückgekommen ... Hm ... Ja, aber was ich sagen wollte, der Herr Rumpf war gar nicht ruhig in seiner Zelle. Nichts für ungut, Herr Direktor, aber er hat geschimpft, wie ein Rohrspatz ...«

»Lassen Sä's goot sein, Quaddler. Äch wäll däßmal aus ganz besondren Motäven Gnade för Recht ergehen lassen. Sä können den Carcerschlössel abzähen!«

Quaddler schüttelte befremdet das Haupt.

»So!« sagte Samuel. »Ond non kommen Sä mät nach der Präma, Rompf!«

Sie wandelten über den Corridor dem Schulsaale zu. Der Direktor klopfte.

»Entscholdigen Sä, Herr College,« flüsterte er eintretend im weichsten Moll, dessen sein würdevolles Organ fähig war ... »äch bringe da den Rompf wäder! Knebel ... Sä erlauben doch, läber Herr Klufenbrecher ...? Knebel! Schreiben Sä äns Tageboch: Man sah säch bewogen, dem Rompf in Anbetracht seines aufrächtäg reuigen Benähmens die in der vorigen Stonde däktärte Carcerstrafe zo erlassen ... So! Ond non wäll äch nächt weiter stären, verehrter Herr College ... Haben Säs, Knebel? ... däktärte Carcerstrafe zo erlassen ...«

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Direktor?« fragte der höfliche Mathematiker.

»Äch danke verbändlichst, äch habe för heute genog gesässen ... Rompf, äch erwarte, daß Sä das Gelöbniß der Bässerung in jäder Hänsächt erföllen. Adieu, Herr College.«

Sprach's und verschwand in den labyrinthischen Gängen des Schulgebäudes. -- -- -- -- --

-- -- Wilhelm Rumpf hielt sein Versprechen auf's Gewissenhafteste.

Er copirte von jetzt ab nur noch die übrigen Lehrer: Samuel Heinzerling's geweihte Persönlichkeit war ihm heilig und unverletzlich.

Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen, bis der Direktor im Herbste desselbigen Jahres auf wiederholtes Ansuchen in den Ruhestand versetzt wurde.

Erst dann erfuhr die jauchzende Prima den Hergang jener unerwarteten Versöhnung.

Rumpf's »aufrächtäge Reue« war für die lachlustige Bevölkerung des Städtchens eine Quelle unendlicher Heiterkeit. Unter denen, die sich am meisten über die Farce amüsirten, befand sich der joviale Direktor Samuel Heinzerling, der treffliche Autor der lateinischen Schulgrammatik.

Möge es ihm vergönnt sein, noch recht oft beim schäumenden Glase zu erzählen, wie er den gottlosen Schelm »Wälhälm Rompf« auf dem Carcer besuchte ... »Rompf« seinerseits wird jenes schöne Rencontre im Gebiete Quaddlers nie vergessen, und sollte er so alt werden wie Grillparzer.

Von demselben Verfasser ist früher erschienen:

+Samuel Heinzerlings Tagebuch.+ Humoresken. Mit 8 Orig.-Zeichnungen von G. Sundblad. 9. Aufl. Pr. 1 M.

#The Visit to the Cells.# (Englische Uebersetzung des »Besuch im Carcer«.) =Translated from the fifteenth German edition by _Sophia Veitch_. 3. edition. Pr. 1 M.=

+Katheder und Schulbank.+ Humoresken. Mit 8 Originalzeichnungen v. G. Sundblad. 13. Aufl. Pr. 1 M.

+Die Mädchen des Pensionats.+ Humoreske. Mit 8 Orig.-Zeichnungen v. G. Sundblad. 23. Aufl. Pr. 1 M.

+Die Gespenster von Varzin.+ Groteskes Nachtstück. Mit Titelbild von Hans Kadeder. 3. Aufl. Pr. 1 M.

+Die Zwillinge.+ Humoreske. Mit 8 Originalzeichnungen von G. Guthknecht. 4. Aufl. Pr. 1 M.

+Die Feuerspritze.+ Humoreske. Mit 8 Originalzeichnungen von C. von Grimm. 5. Aufl. Pr. 1 M.

+Die Stumme von Sevilla.+ Komisches Epos. Eleg. brosch. 2 M. In Prachteinband mit reicher Goldpressung 3 M.

+Aus Sekunda und Prima.+ Humoresken. 22. Aufl. Pr. 1 M.

+Schulmysterien.+ Humoresken. 18. Aufl. Pr. 1 M.

#Initium fidelitatis!# Humoristische Gedichte, 10. vermehrte Aufl. Pr. 1 M.

+Flatternde Blätter.+ Satirische und humoristische Skizzen. 3. Aufl. Eleg. brosch. 2 M.

+Schach der Königin!+ Humoristisches Epos. 3. völlig umgearbeitete Aufl. Eleg. brosch. 3 M.

Fünfzigste Auflage.

Der Besuch im Carcer.

Humoreske von Ernst Eckstein.

Mit sechs Illustrationen von G. Sundblad.

Leipzig 1882 Verlag von Fr. Thiel.

Preis 1 Mark.

Leipzig

_Druck von Fischer & Wittig._

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzungen wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen (...) wurde vereinheitlicht.

Der Schmutztitel am Anfang des Buches wurde entfernt.

Korrekturen:

S. 17: _ährer_ zu _Ährer_ ganz abgesehn von _Ährer_ onziemlichen Tendenz,

S. 55: _Si_ zu _Sä_ »Ond non kommen _Sä_ mät nach der Präma, Rompf!«

S. 56: _unverbrüchlichte_ zu _unverbrüchlichste_ Auch bewahrte er das unverbrüchlichste Stillschweigen,