Der Berg der Läuterung

Part 2

Chapter 23,465 wordsPublic domain

Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes, das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ...

Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen, als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend, faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer, flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich.

Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den Lackschuhen bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die Blöße erspäht.

»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?«

Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte.

»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.«

»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!«

»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.«

»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!« sagte er brutal.

Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich.

»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ... Wenn ich nur wollte ...!«

Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber darum nicht minder infame Drohung.

»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.«

»Ich lasse mich nicht zwingen.«

»So kannst du unmöglich in Gesellschaft gehen!«

»Dann geh' allein!«

»Das will ich tun.«

Schweigend stiegen sie Seite an Seite die Treppe hinunter. Wortlos nebeneinander sitzend, fuhren sie durch die dunkle Nacht. Als die Limousine vor der Villa hielt, stieg er aus, schloß die Haustür auf, ließ sie eintreten und schloß wieder zu. Sie hörte, wie der Wagen davonrollte. Wie im Traume wankte sie die Stufen empor.

»Ich bin nicht ganz wohl und wünsche vorderhand allein zu bleiben,« sagte sie zu der bestürzt dreinsehenden alten Kammerfrau und zog sich in ihr Zimmer zurück.

In der Ecke des Sofas saß starr und unbeweglich die kleine Japanerin, in ihrem silberdurchwirkten Seidenkimono, das rabenschwarze Haar kunstvoll aufgesteckt, die Saffianpantöffelchen an den Füßen, und stierte nachdenklich und versunken in die gegenüberliegende Sofaecke.

In einer Aufwallung von Entrüstung ging Aimée auf die Puppe los: »Was faselst du ins Blaue hinein? Jene andere braucht meine Hilfe nicht, und wenn eine von uns beiden unglücklich ist, so bin ich es!«

Da wendete die Puppe plötzlich ganz unerwartet den Kopf herum und richtete die glänzenden schwarzen Perlen ihrer Augensterne auf sie, mit einem Ausdruck unsäglicher Traurigkeit: »Das war es doch, Madame, warum ich sagte, das Weinen sei mir näher als das Lachen.«

Wie versteint starrte Aimée sie an. In demselben Augenblick pochte es an die Tür. Es war die Zofe.

»Gnädige Frau entschuldigen, dies Päckchen wurde eben abgegeben: sofort und persönlich in Ihre Hände zu legen.«

Gespannt riß Aimée die Umhüllung auf ... Diamanten funkelten ihr entgegen ...

Das Rotkehlchen

»Meine alten Tage die hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern. Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!«

Immerhin --! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein ausschweifender Märchentraum?

Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe -- »man«, jener dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«, das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens) eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten sich die hohen Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört, Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan« das Fell über die Ohren zu ziehen.

Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte? Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen Gemeinschaft gewesen?

Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen, die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der Geschäftsladen sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen, manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei, angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt, die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« -- wie der Volksmund ihn getauft hatte.

Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr, in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn so ausgesucht und köstlich ~hatten~ sie bloß geschmeckt, all die erwähnten ambrosischen Näschereien -- einst, vor Jahren, in besseren Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und Tellermütze hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen, Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln, Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar (nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen Weltfreude öffnete.

Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei!

Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während der Tochter -- Anna hieß sie -- immer nur ein munteres Liedchen auf den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen.

Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte, das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch!

Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein Henkeltöpfchen für die Küche -- die kleinste Selbstverständlichkeit erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche. Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten. Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch -- ein merkbarer Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen. Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen? Der Schnaberl mit seinem kleinen, behutsamen, etwas schwermütigen Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte.

Aber der häßliche Gedanke -- so rasch aufgeblitzt, war auch schon im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war, schnöde verschachern?

Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron« genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten Eltern sein. Und nun --! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der unwürdige Einfall?

Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen einen noch die eigenen Kinder aus, oder -- in Anbetracht des schuldigen Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder aus den Wolken hervorspitze.

All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte Herr Ziervogel mit scharfer Bürste Herz und Nieren von allen Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand? Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn, so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher.

Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen Erde!«

Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer Zeit ein kleiner Junge krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen: »Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...«

Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin, oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben (und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit. Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen.

Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der Vater ihr erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht, daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde, sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck, welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und sorgenvoller blicken.

* * * * *

Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten.

Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und dort, in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt, angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen hiervon -- waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden.

Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam, Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen- und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt, treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube, mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend, zitternd, der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten, Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen, Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen -- und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels.

Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll, der an der Drehbank steht.

Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene und allmählich schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies. Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch, das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen mußte.

Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen, gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen. Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an, mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir aus!«

Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen, die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der Magen darbte.

»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes ahnend. »Wie meinst du das?«

Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden hat man ohnedies schon dick satt -- nicht wahr? Nun, und so steigt man halt aus. Siehst du, so mein' ich's.«

Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort. Die Worte des Freundes gingen Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann: er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder -- um lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte herrühren können.

Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse gespannt hatte -- denn aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen haben, lieber unterdrückt werden.