Der Begriff der Religion im System der Philosophie

Part 4

Chapter 43,466 wordsPublic domain

Der Rationalismus der Religion hat noch andere Bundesgenossen und Leitgedanken empfangen, außer denen der =Einheit=, der =Einzigkeit= und der innigen =Erkenntnis=. Die =Eleaten= erhalten ihre Fortsetzung in =Platon=. Denn was an dem Eleatischen Begriffe des Denkens noch unklar blieb, das wurde auch durch =Sokrates= noch nicht aufgehellt, indem dieser den =Begriff= in das Denken einsetzte. Die Rätselhaftigkeit dieser Macht des Denkens wurde dadurch noch nicht aufgeklärt und aufgehoben. Da kam =Platon= und deckte den Zauber auf, der in dem Denken wirksam wird. Er entschleierte =das= Geheimnis =und löste das Rätsel dadurch, daß er es als Rätsel aufhob=. Ihr wundert euch, so könnte er in mündlicher Rede gesagt haben, über die Zauberei, die ich in das Denken verlege, so daß es Gebilde zu erzeugen vermag, die aller Wahrnehmung und aller Phantasie entrückt sind. Wundert euch nicht, sondern lernet es einsehen, wie das Denken methodisch vonstatten geht, und welcher =Vorbereitungen und Voraussetzungen es bedarf, um vonstatten gehen zu können=. So kam Platon zu seiner =Idee=.

29. Er kam zu seiner Idee von der strengen, reinen Wissenschaft aus, von der =Mathematik=. Und im damaligen Schulgebrauche der Mathematik, der ja noch in den allerersten Anfängen sich befand, nannte man eine =Grundlage= und =Voraussetzung= für jede mathematische Arbeit, mochte sie nun in =Grundsätzen= oder nur in =Grundbegriffen= bestehen, eine =Hypothesis=. =Die Grundlegung ist mithin das Erste in allem Denken.= Ohne dieses Erste, ohne diesen Anfang gibt es keinen Anfang, und ohne den Anfang keinen Fortgang im Denken. Das verhält sich nicht nur so in der Mathematik, sondern diese =Methode= -- Platon schon brauchte für seine Idee den Ausdruck der Methode -- gilt für alles Denken des menschlichen Geistes. Alles Denken besteht und beruht in diesem Setzen seiner =Aufgabe=, seiner Probleme. =Alle Gedanken sind Vorsätze des Denkens=, sind Voraussetzungen, Probleme, Vorwürfe, die es zu behandeln und zu lösen gilt. =So bedarf jede These ihrer Hypothese=, die wiederum ihre Hypothese =ins Unendliche= alles wissenschaftlichen Denkens hin fordert.

Dieses =unendliche Denken=, unendlich rückwärts in der Reihe der Hypothesen, unendlich vorwärts in der Reihe der Thesen, es ist das echte, =reine=, seinen Inhalt selbst erzeugende Denken. Da aber für alle Unendlichkeit seiner Gebilde in der Kraft der Hypothesis alles wissenschaftliche Denken, alles Denken der Idee wurzelt, so ist alles =Denken der Idee das Denken der Hypothesis=.

30. Der Terminus der =Idee= konnte beibehalten werden, obwohl er nur ein scheinbar subjektives Moment, das =Schauen= (ἰδεῖν), zum Ausdruck bringt. Denn ist es nicht auch ein Schauen, in dem die Hypothesis erdacht wird, und verdient dieses Schauen nicht eine bleibende Auszeichnung?

Wenn man bedenkt, daß der Stil der größten Geister sich in Antinomien und Paradoxien an das Licht ringt, so begreift man den Zauber, den das =Schauen= für Platon hatte: es ist Sehen und wiederum nicht Sehen. Beide Bedeutungen liegen in der =Aoristform= des griechischen Wortes. Und beide Bedeutungen bestehen nebeneinander. Von allen Wahrnehmungen ist =Sehen= die schärfste und objektivste. Aber Denken ist nicht Wahrnehmung, daher auch nicht Sehen. So vertieft sich im Denken das Sehen zum Schauen. Und ein Schaugesicht ist die Idee, wie auch die =Propheten= sich dieses Bildes bedienten, worauf schon =Fichte= hingewiesen hat. =Eine Schau ist die Idee=, die sich als Hypothesis allem wissenschaftlichen Denken vorsetzt, zugrunde legt, seinen Vorwurf, den Inhalt seiner Aufgabe vorbildet.

31. Eine wichtige =Konsequenz= ergibt sich aus dem Nebeneinanderbestehen dieser beiden Bedingungen des Denkens: =die Idee ist die Hypothesis und die Hypothesis ist Idee=. Es kann nicht der legitime Sinn der Idee sein, daß sie zu erschauen wäre anders als im Wege und in der Methodik des wissenschaftlichen Denkens. Die Idee ist Hypothesis. Ebenso aber kann die Idee nicht verflüchtigt und nivelliert werden zu irgendeinem Gebild, sei es der Wahrnehmung, sei es der =Phantasie=, sei es allgemein der =Vorstellung=, oder gar einer =Eingebung=. =Die Idee gehört schlechterdings nur zum Apparat des wissenschaftlichen Denkens.= Dieses ist zwar nicht eingeschränkt auf das mathematische, aber es müssen =Analogien= mit ihm herstellbar werden, wenn in anderen wissenschaftlichen Problemen der Begriff der Idee statthaft werden soll.

=Niemals darf die Idee mißbraucht werden zu dem Gebild eines außerwissenschaftlichen Denkens. Der Rationalismus ist die Vorstufe des Idealismus.= Wenn das Schauen soll Denken werden können, so kann dies nur auf dem Grunde des wissenschaftlichen Denkens zustande kommen. Das Schauen, das griechische Schauen ist im lateinischen Ausdruck zu neuer Selbständigkeit gekommen, und die neueren Sprachen haben diesen Prozeß fortgesetzt. So ist die =Intuition= in den Schein gekommen, das Erbgut des Idealismus zu verwalten. Dieser Schein ist verhängnisvoll für die Philosophie, für die Religion, für alle Kultur. Die Intuition, in sich ein Blendwerk, ist der leibhaftige Widerspruch zum echten wissenschaftlichen Denken. Nicht einmal zur materialistischen Wahrnehmung bildet sie einen klaren Gegensatz, geschweige, daß sie sich anmaßen dürfte, das Recht des Idealismus zu vertreten, den sie ja schon in seinem Ursprung, dem Rationalismus, verleugnet.

Aber mit dem =Pantheismus= kann sich der =Intuitionismus= füglich verbinden; aus den beiden Zweideutigkeiten entsteht das Monstrum einer dritten.

32. Wenngleich auch gute und fruchtbare Ansätze der Mystik an dieser Verbindung Anteil nehmen, so darf dies nur als ein neues Kennzeichen für die beiden falschen Begriffe angesehen werden. Der =Gottesbegriff= entsteht für die Religion im natürlichen, primitiven Zusammenhange mit dem =Denken=. Und seine geschichtliche Entwicklung vollzieht sich in der Lebendigkeit dieses Zusammenhanges, der sich immer genauer zu dem mit der =Logik=, wie sie in der vereinigten inneren Geschichte von Wissenschaft und Philosophie entsteht, entwickelt. =Ohne Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Logik gibt es keine Religion von geschichtlichem Charakter.= Die Mystik bildet nur Seitenwege der Religion. Und ohne den Idealismus der Hypothesis gibt es keine Wissenschaft und keine wissenschaftliche Logik; =daher dürfte ohne sie auch keine Religion zu erwarten sein! Die Intuition jedoch vermag keine Logik zu schaffen=. Sie ist nicht nur ein Seitenweg, sie ist ein Abweg des wissenschaftlichen Denkens. Die Heerstraße des Denkens, die im Lichte der =Geschichte= steht, vollzieht der Platonische Idealismus kraft der Fruchtbarkeit seiner Methodik der Hypothesis.

33. Wenn anders auch die =Ethik= von der Logik, mithin von dieser Logik der Hypothesis-Idee abhängig sein muß, so wird die Frage entstehen, und wir werden ihr nicht widerstehen, oder gar ihr ausweichen wollen: =wie stehen die sittlichen Ideen zu dem methodischen Werte der Idee als Hypothesis=? Und endlich, wenn anders die Religion im Zusammenhange mit der Ethik steht: =wie steht es um das Verhältnis der Gottesidee zu dem Platonischen Grundwerte der Idee als Hypothesis=?

III. Das Verhältnis der Religion zur Ethik.

1. Gehen wir nunmehr auf den =Zusammenhang der Religion mit der Ethik= über, um von ihr aus den Anteil der systematischen Philosophie an der Religion zu erweisen, so besteht hierin der =Begriff des Monotheismus= und sein sachlicher =Unterschied vom Polytheismus=: =daß in ihm nicht sowohl Gott den Hauptinhalt bildet als vielmehr der Mensch=, oder genauer ausgedrückt: =nicht Gott allein und an sich, sondern immer nur in Korrelation zum Menschen=, wie freilich daher auch gemäß der Korrelation: =nicht der Mensch allein, sondern immer zugleich in Korrelation mit Gott=.

2. Schon hierdurch widerlegt sich, daß der =Kultus= ein Kriterium sei für den Begriff der Religion, wie von der =Religionsgeschichte= dies angenommen wird. Vielmehr ist der Kultus, der, in welchen Formen immer, =Opferdienst= ist und bleibt, ein =Überbleibsel des Götterdienstes=, der den =Zorn= und =Neid= der Götter beschwichtigen und der =Furcht= vor der Gewalt und der Übeltat der Götter Milderung schaffen soll. Es ändert sich nichts, wesentlich nichts, wenn allgemach auch =Freundlichkeit= an den Göttern zutage tritt; denn das alles verbessert nur den Opportunismus zwischen Gott und Mensch. Religion entsteht erst, =wenn der Mensch=, soweit es sich um das Problem der Religion handelt, =gleichsam ebenbürtig Gott zur Seite tritt=.

3. Dann bleibt das Problem nicht das =Wesen Gottes=, als eines =Dämon=, noch das des =Menschen=, als eines dem =Schicksal= oder dem Götterwillen =unterworfenen= Wesens, sondern =ein abstrakter Begriff= tritt alsdann in der Religion auf und deckt sich mit den bisherigen beiden alleinigen Begriffen der Religion: Gott und Mensch. Diesen Wendepunkt bildet das bekannte Wort des Propheten =Micha=: »Er hat dir verkündet, =o Mensch, was gut sei=«. Hier sind die =drei= Begriffe =vereinigt=. =Der Mensch ist aufgetreten=, an die Stelle des =Israeliten= getreten. Und =Gott= hat ihn =berufen, um ihm Kunde zu geben= -- wovon? Etwa von sich? Oder vom Menschen? Von beiden nicht. Die Kunde bezieht sich auf etwas ganz anderes, auf einen neuen Begriff, auf einen Begriff mit dem Schwergewicht der Abstraktion: =das Gute=.

Gäbe es eine tiefere, kompliziertere Abstraktion in dem ganzen Schatz der Begriffe? =Mit diesem Begriffe entsteht die Religion, und zwar als Monotheismus.= Dieser Begriff läßt scheinbar sowohl Gott zurücktreten, wie auch den Menschen: als ob beide erst durch den Begriff des Guten entstünden und zu Recht bestünden.

Der Satz =Michas= ist nur die kurze Formel, in der sich =der ganze Prophetismus= mit allen seinen Zielen zusammenfassen läßt. Nicht um Gott dreht sich der Propheten Sinn, ihr Trachten und ihr Handeln, noch auch um den Menschen in seinem empirischen Dasein, als =Volk= und =Staat=, sondern ein =neuer= Mensch, =die Menschheit wird ihr Begriff vom Menschen=. Und mit diesem neuen Menschenbegriffe =vernichten sie die Götterwelt= und =entdecken= und offenbaren den =Einzigen Gott der Einen Menschheit=.

Was das Gute sei, soll der Gott verkünden. Dazu beruft er den Menschen. Was ist denn das Gute? Ohne daß wir die Antwort Michas wörtlich anführen, können wir sicher sein, in Übereinstimmung mit ihr zu kommen, wenn wir antworten: =das Gute ist für den Menschen die Menschheit=, und um es so auszuführen: =für Gott= wiederum =auch nur die Menschheit=: ihre Gewährung und ihre =Gewährleistung= für den Menschen.

4. Das ist der =Inbegriff des Prophetismus=: =die Realisierung der Einen Menschheit im messianischen Zeitalter=. Und das ist der =Inbegriff des Messianismus=: die Hoffnung, die =Zuversicht auf diese Zukunft der Menschheit=. Die ganze =bisherige= Weltgeschichte, und auch die Jahrtausende, die seitdem verflossen sind, können gar nichts beweisen gegen diese Zuversicht, welche den Inhalt der =neuen= Religion bildet.

Wie das =Denken= sich abkehrt von der =Wahrnehmung= und der in ihr sich darstellenden =Wirklichkeit=, so wendet sich die Religion des Messianismus ab von der =Vergangenheit= und der =Gegenwart=; ein neuer Zeitbegriff wird von ihr für den Menschen in Korrelation zu Gott geschaffen: die =Zukunft=. Sie allein erfüllt die Zeit; sie allein macht die Zeit lebend, wahr und gehaltvoll. Was sonst als Zeitinhalt =erscheint=, ist nur =Schattengebild=; es schleicht daher und hinkt blutleer nach, während die Zukunft allein den Pulsschlag des Lebens hat -- des =wahrhaften Seins=, wie es bei den =Eleaten= im Denken ersteht. Und wie dort der Eine Gott -- der dort jedoch mit dem Kosmos identisch ist -- das Eine Sein hervorbringt, so bringt er hier die Eine wahrhafte Zeit für die Eine Menschheit hervor.

5. Haben wir so im =Ursprung= der Religion ihre Blutsgemeinschaft mit der Ethik erkannt, so ist auf dem Boden der Ethik selbst dieser Zusammenhang ferner zu betrachten. Auch =Sokrates= geht von dem =Problem des Guten= aus. Und auch er erfindet dabei den =Begriff des Menschen=; erfindet den =Begriff überhaupt= am Begriffe des Menschen. Denn über die einzelnen =Berufsarten= hinweg, in die sich das Leben und Treiben der Menschen abspaltet, ruft er sie auf und erweckt sie zu der =einheitlichen Aufgabe= des Menschen. Über alle =Nützlichkeiten= und =Opportunitäten= der Lebensdienste, denen die Berufssklaven zustreben, fragt er ihnen das Problem des Guten aus ihrer Seele heraus. So verbindet auch er mit dem Begriffe des Menschen den Begriff des Guten.

6. Mit =Sokrates= aber ist erst in der reinen Philosophie der =Gedanke= des Guten aufgekommen; aber seine Begründung konnte der Sokratische =Begriff= überhaupt, mithin auch der des Guten, noch nicht zu Ende führen. Der Gedanke tritt wie ein Wunder auf, oder wie ein Kunstgriff des menschlichen Denkens. =Der Begriff mußte Idee werden.= Das gilt nicht nur für die Logik und die Wissenschaft, sondern beinahe noch mehr für die Ethik. Und =Platon= brachte diese Vollendung, in der er der Ethik ihre =Begründung=, dem Begriffe des Menschen seine =Grundlegung= schuf.

=Denken= war es, was diese Menschen in der Ethik und für sie entdeckten. Diese Souveränität des ethischen Denkens, entgegen der =Wahrnehmung= in ihrer =Wirklichkeit=, entgegen den =Trieben= (des =Begehrens=) und subjektiven =Motiven= offenbart sich in dem methodischen Grundgedanken der =Republik=. =Die Seele des Menschen=, mithin sein Begriff, seine =Idee=, lasse sich, sagt Platon, besser und genauer im Makrokosmos des =Staates= als im Mikrokosmos des menschlichen =Individuums= erkennen. Wiederum dieselbe Richtung der Grundkraft des Denkens: die Abkehr von der Wahrnehmung und ihrem Gegenstande, den der empirische Mensch bildet, und der Aufstieg zum Menschen, wie der =Prophet= sagt; zum Staate, wie der =Hellene= sagt. Die Menschheit aber, zum Unterschiede vom Menschen, wird hier, wie dort, der neue Mensch, hier der Ethik, wie dort der Religion. Der Mensch, als Staat, das ist der Anfang vom Menschen der Menschheit. Denn auch in der messianischen Zukunft werden die Völker der Menschheit nicht anders zur ethischen Vereinigung kommen als in dem =Staatenbunde der Völker= selbst.

7. Indessen erschöpft sich hiermit nicht die Analogie zwischen Ethik und Religion. =Erstlich= werden wir fragen, =ob in der Ethik kein Platz sei für Gott=? Ob, wenn =Platon= diesen Platz nicht bestimmt haben sollte, er in der ganzen Folgezeit dort nicht Raum gewonnen habe? =Ferner= wird zu fragen sein, wie die =Grenzbestimmungen= erfolgt sein werden unter den Ideen =für die Idee des Guten=, und daher =zwischen der Ethik und der Logik=.

Hier stehen wir an der echten =Pforte der Metaphysik=, die an dem Kreuzungspunkte liegt, wo =Natur- und Geisteswissenschaft= sich scheiden, wo die Logik zu Ende geht, und die Ethik beginnen wird. Diese Probe ward auch der =Ideenlehre= gestellt, und =Platon= hat sie bestanden. Er fragte sich, ob seine =Grundmethodik= dasselbe Gewicht an =Wahrheitsgeltung= erlangen könne an dem Problem des Guten, wie an den mathematischen Ideen und kraft ihrer an dem Problem der Natur. Diese Frage erhob sich in neuer Schärfe. Denn den mathematischen Ideen und Lehrsätzen wird kein Abbruch getan, wenn man ihre Abhängigkeit von den =Axiomen= anerkennt, wenn man die Axiome als die =Grundlegungen= begreift, die voraufgehen müssen, wenn auf ihrem Grunde die Lehrsätze aufgerichtet werden sollen. Man sagt hierbei nicht, es sei sonach alles auf Flugsand gebaut; denn das Schwergewicht dieser Grundlegungen wird richtig eingeschätzt. Man geht auch über den oberflächlichen Einwand zur Tagesordnung der Forschung über: daß diese Grundlegungen ja nur =relativ= und =provisorisch= seien. Sei es drum; mögen immer neue Hypothesen zu erdenken sein. =Die= Einsicht aber hebt die Grundlegung über jeden Verdacht der willkürlichen Subjektivität hinweg: =daß anders die Forschung überhaupt nicht anfangen kann=, daß anders die Forschung =ein wahrhaftes Fundament nicht gewinnen kann=, es sei denn durch die Grundlegung. Die Grundlegung ist der Grund alles wissenschaftlichen Denkens; es gibt keinen anderen, und dieser ist der zulängliche.

8. Kann hingegen auch dem Problem des =Sittlichen= gegenüber diese methodische Einsicht volle Beruhigung geben? =Sucht und fordert die Realität des Sittlichen keine höhere Bürgschaft=, als welche die Idee, als Hypothesis, zu gewähren vermag? Steht das Gute auf derselben =Stufe der Geltung=, der Wissensforderung und des Geltungsanspruchs, auf der die mathematischen Ideen stehen, insofern sie den Grund der =Natur= bilden? Darf ich auch hier alle Ruhe zu finden glauben bei dieser Weisheit letztem Schluß: daß eine bessere =Gewißheit= nur =Illusion= sei, daß die =letzte Bürgschaft der Wahrheit= auch hier in dem Werte der Idee als Grundlegung bestehe? Und wenn es richtig sein sollte, daß eine andere Art der Gewißheit schlechterdings nicht möglich sei: sollte nicht dennoch wenigstens die =Frage= ein notwendiges =Problem= bilden, damit an dieser Frage die =Differenz der Probleme= zwischen dem Sittlichen und der Natur der Wirklichkeit zu einer methodischen Formulierung gebracht werden könne? Die Frage selbst hat methodische Bedeutung und daher wohl auch Fruchtbarkeit, wenngleich auch nicht in jedem Sinne ihre positive Lösung statthaft sein sollte.

=Platon= hat diese Kreuzfrage an seine Methode gestellt, und er hat auf Grund derselben unter den Ideen die Idee des Guten =ausgezeichnet=. Er hat sie als die wichtigste Idee (μέγιστον μάθημα) bezeichnet. An dem =Gleichnis= mit der =Sonne= hat er sie über alle Sichtbarkeit und =Erkennbarkeit= hinausgehoben, während er ihr, wie der Sonne, nicht nur den Grund der =Sichtbarkeit=, sondern auch den =Grund des Seins= und des Wachstums zusprach. Wie man jedoch nicht den =Helios= sehen kann, sondern nur seinen =Sprößling=, das =Licht=, so könne auch er das Gute selbst nicht bestimmen, sondern nur seinen Sprößling: der aber ist doch immer =die Idee des Guten selbst=.

Wie hebt sich nun der Widerspruch, daß der Ideenlehrer das Gute selbst, wie den Helios, nicht bestimmen könne, dennoch aber in der =Idee= des Guten seinen Sprößling anerkennt? Die Idee des Guten bleibt also trotz alledem das echte Ebenbild des Vaters; =die Idee darf auch beim Guten für das Gute selbst ihr methodisches Zeugnis ablegen=.

9. Der Widerspruch entsteht und hebt sich =im Begriffe der Idee=. Die Idee, als solche, kann nur methodische Grundlegung sein; aber für die Idee des Guten entsteht das berechtigte Verlangen, daß sie mehr sein möchte, mehr bedeuten sollte. Worin liegt die Berechtigung dieses Verlangens, wenn doch seine methodische Befriedigung versagt bleiben muß? Sie liegt in dem =Werte=, den der =Geist= dem Guten beilegt über =alles Natürliche= und seine Wissenschaft hinweg. Dieses Verlangen darf nicht gestillt, nicht befriedigt werden, weil dieser Wert nicht geschmälert, nicht erschüttert, nicht verringert werden darf. Dennoch aber darf diesem Problem kein anderer Grund gelegt werden, als der in der =Grundlegung= liegt, weil =Ethik und Logik= zwar voneinander im Inhalte des Problems =unterschieden=, aber im =einheitlichen Denken= nicht voneinander abgetrennt werden dürfen; weil Natur und Sittlichkeit als Probleme ihrem Inhalte nach unterschieden, aber als =methodische= Probleme, als =Probleme der Erkenntnis= vereinigt bleiben müssen in =der Einheit der Methode=. So dachte =Platon=; =so begründete er den Idealismus= in seiner =doppelten= Gestalt: als Logik und als Ethik. Und so zeichnete er die Bahn vor, die nach langen Jahrhunderten =Kant= wieder einrichtete.

10. =Platon= hat den Unterschied im =Inhalt= und =Werte= zwischen Logik und Ethik nicht nur durch das Gleichnis beschrieben; seine abstrakte Dialektik hat an der =Grenzbestimmung dieses Inhalts der Erkenntnis= denjenigen Begriff geschaffen, =in dem die Metaphysik ihren Ursprung hat=, und immerfort ihren =Eigenwert= behauptet. Indem er die Idee des Guten als die =höchste= Idee proklamiert, erhebt er sie auch =über das Niveau des Seins=, auf dem alle anderen Ideen sich bewegen: die Idee des Guten sei »jenseit des Seins« (ἐπέκεινα τῆς οὐσίας). Die folgenden Worte erklären genugsam den Sinn dieses »wundersamen Übertreffens«: nur die »Kraft der Würde« (δυνάμει καὶ πρεσβείᾳ) soll dieses Übertreffen bedeuten. Dennoch läßt es sich verstehen, wie die unmittelbare und alle spätere Folgezeit über diese Einschränkungen hinweggesehen, und nur auf die Erfüllung geachtet hat, die hier so mächtig, so gewaltig dargereicht wird für das Verlangen, das in aller Folgezeit an Mächtigkeit nicht verloren hat.

Es ist aber so aus der =Jenseitigkeit des Seins=, die hier nur bedeutet die =Jenseitigkeit zu dem durch die mathematischen Ideen begründeten Sein=, jene =Jenseitigkeit zu allem Denken, zu aller Erkenntnis geworden, welche das Problem der Metaphysik bildet=, und vermöge dessen ihr die allgemeine Heimat der =Philosophie= nicht genügt, so daß sie zur =Religion= hinüberwandert, oder die Religion bei sich aufnimmt.

=So ist aus der Selbstrechtfertigung der Ideenlehre die Transzendenz des Guten entstanden.= Und so ist es erklärlich, daß man alsbald, da der =Monotheismus= in das abblühende Griechentum eindrang, in ihm =Gott= erkannte und mit ihm identifizierte. Dem Gipfel, den die Ideenlehre in dieser Messung des Guten mit der Idee, als Grundlegung, bildet, wurde dadurch zwar die Spitze abgebrochen, die ihn mit dem Fundamente seines Erdreiches verbindet, aber der Gipfel blieb doch in seiner Isoliertheit und Ferne am Horizonte des Denkens aufragend. Das Gute war nun als das Problem des Sittlichen ausgezeichnet, und die Ethik war von der Logik unterschieden, aber durch die Idee mit ihr in Zusammenhang erhalten, wenngleich dieser wiederum in die Metaphysik gelegt wurde.

11. Es sei hier nur noch kurz daran erinnert, daß dieser Zusammenhang auch noch durch andere Begriffe festgehalten wurde, methodisch durch den Begriff des =Zwecks=, dessen Leugnung daher bei =Spinoza= charakteristisch für seine Ethik und nicht minder auch für ihr Verhältnis zur Logik ist.

Unter den Inhaltsbegriffen aber mußte ja schon der Begriff des Menschen für die Behauptung des Zusammenhanges mit der Logik sorgen, da der Mensch =biologisch= und =anthropologisch= nicht von der Logik abgelöst werden kann, seiner anderen Bedeutung nach aber gänzlich das Gebiet der Ethik ausfüllt, so daß es bedenklich und daher gänzlich aufgegeben wurde, =den Begriff Gott neben dem Hauptbegriffe des Menschen in die Ethik aufzunehmen=. So sehr sollte sie ausschließlich die Lehre vom Menschen sein. Wenn dadurch nun aber wiederum der Zusammenhang der Ethik mit der =Religion= aufgehoben wurde, so trat hiergegen die =Metaphysik= in die Bresche, um diese Lücke zu überbrücken. Vornehmlich hingegen sollte das Gute, als das Problem des Menschen, den Gegenstand der Ethik bilden.

So ging es durch Altertum und Mittelalter auf die Neuzeit hinüber. Auch =Kant= hielt den Zusammenhang der Religion mit der Ethik in der präzisen Weise fest, daß er die =Theologie nur als Ethiko-Theologie= gelten ließ, die Ethik mithin der Religion als ihre Voraussetzung vorbaute und unterbaute, dennoch aber auch als ein =besonderes Verhalten des Bewußtseins sie bestehen ließ=. Wir kommen hierauf zurück; jetzt aber setzen wir zunächst die =vorläufige= Musterung unter den =Gliedern= des philosophischen =Systems= fort.