Der Begriff der Religion im System der Philosophie
Part 2
14. Jede Differenz, die unter den Richtungen des Kulturbewußtseins auftritt, trägt =Konflikte= in sich. So ist es auch hier gekommen. Es ist aber verkehrt, wenn man die Selbständigkeit der beiden Mächte durch ihren Konflikt miteinander bedroht glaubt. Es ist falsch, daß durch die innigere Berührung mit der Philosophie die Religion ihren Auflösungsprozeß anträte. Es ist ebenso falsch, daß die Philosophie ihre Methodik und damit ihren logischen Charakter aufgäbe oder auch nur beeinträchtigte, wenn sie mit der Religion überhaupt ein Verhältnis eingeht. Dieses Verhältnis ist ihr eingeboren; und es ist ihre dauernde Aufgabe, stets von neuem dieses Verhältnis zu vollziehen, es zu kontrollieren und zu berichtigen. Es ist ein verhängnisvolles Vorurteil, wenn man der Klarstellung dieses Verhältnisses sich entziehen zu dürfen glaubt. Dadurch würde die Philosophie nur mit =Mystik= belastet, und in die Religion würde =Intuition= einschleichen.
15. =Die Philosophie muß als ein gleichartiger Faktor der Religion= immer genauer und bestimmter zur Klarheit gebracht werden, wenn anders wahrhafte Kulturreife in der Philosophie herrschen soll. Es darf hier nicht anders vonstatten gehen, als es mit allen Grundmächten der Kultur ergangen ist. Von ihrer Faktizität gehen wir aus und fragen daraufhin nach ihrem Rechte. Dieser transzendentalen Inquisition haben sich =Mathematik= und =Physik= unterwerfen müssen und nicht minder auch =Recht= und =Staat=; und endlich das Kulturfaktum der =Kunst=: wie sollte die Religion als ein solches Faktum zu umgehen sein, das sich der Frage nach dem Rechtsgrunde ihres Bestehens und ihres Bestandes entziehen könnte?
16. Die =Logik= ist immanent in aller =Wissenschaft=; in =vorbildlicher= Methodik aber enthüllt sie sich in der =mathematischen Naturwissenschaft=. In allen =Geisteswissenschaften= ist die Logik immanent; aber als eine =neue= Logik steigt für sie aus dem Bewußtsein des reinen Denkens herauf die =Ethik=, in der das reine Denken sich zum reinen =Wollen= entwickelt.
Auch eine neue Art von Mathematik haben wir versucht, der Ethik zugrunde zu legen, indem wir in der =Rechtswissenschaft= ein Gerüst von Begriffen auszeichnen können, die in ihrer logischen Struktur einer ethischen Funktionierung fähig werden. Und in Analogie zur Natur ließe sich eine Einheit der Rechtsbegriffe in dem großen Problembegriffe des =Staates= aufstellen.
17. So ist nun auch das =Kulturfaktum der Religion= dieser transzendentalen Frage zu unterstellen. Diese Fortführung der Frage wäre nicht möglich, wenn der Anteil der Philosophie an der Religion nicht vorauszusetzen wäre. Die =Immanenz der Philosophie in allen Hauptrichtungen der Kultur= ist jedoch die allgemeine Voraussetzung des philosophierenden Bewußtseins und glücklicherweise auch die jeder reiferen Bildung. Und so wenig diese Immanenz ein täuschender Schein ist, so wenig ist die philosophische Lebenskraft der Religion etwa gar ihr Todeskeim oder auch nur der Keim einer Mißbildung. Schon das griechische Heidentum hat =Religionsphilosophie= aus sich heraus entwickelt, und diese Isolierung der philosophischen Motive, ihre Herausarbeitung aus der Fülle des religiösen Urmaterials, ihre Musterung und Würdigung nach beiden Seiten hin ist im =Monotheismus= überall lebendig geblieben; und es sind überall die besten Zeiten religiöser Kraft und Fruchtbarkeit, sowohl im Judentum, wie im Christentum, in denen diese natürliche Scholastik in Blüte stand.
18. Dennoch aber kann es darin nicht sein Bewenden haben, daß die =Immanenz der Philosophie in der Religion= festgestellt, und die =Auszeichnung der philosophischen Motive in der Religion zum Gegenstande der Religionsphilosophie= gemacht würde. Damit würde das transzendentale Geschäft nur oberflächlich ins Werk gesetzt; die Rechnung würde dann ohne den Wirt gemacht. Der Wirt aber ist überall =das einheitliche System der Philosophie=.
19. Es muß daher die =neue Frage= werden: =Welche Stellung kommt der Religion zu im System der Philosophie?= Oder kommt ihr überhaupt =keine selbständige= Stellung im System zu? -- Steht es vielleicht so mit der Religion, daß sie einen natürlichen und nicht minder einen methodischen =Anhang zur Ethik= bildet?
Diese Frage ist von grundlegender Wichtigkeit: sie kann gar nicht schlechterdings =verneint=, sondern nur in bestimmter Bedingtheit =bejaht= werden. =Die Religion darf dem lebendigen Zusammenhange mit der Ethik nicht entrissen werden=, selbst wenn sie deswegen keiner Selbständigkeit fähig würde.
Die Selbständigkeit kann erst eine spätere Frage werden, wenn die =Angliederung= der Religion an die Ethik gesichert und unverbrüchlich festgelegt ist. Dann erst kann die Frage erwogen werden: ob aus diesem Zusammenhange heraus eine =Eigenart=, und auf diese hin eine Art von Selbständigkeit für die Religion zu ermitteln sein werde.
20. Das =Kulturfaktum= der Religion an sich bildet keine hinlängliche Instanz für die transzendentale Anfrage, weil die =Ethik= die erste Auskunft, die erste und die unumgängliche, zu erteilen hat. Und die =Einheit des Systems= weist auch keine Lücke auf, welche die Religion ausfüllen könnte, weder für die Glieder des Systems, die durch die Ethik befriedigt sind, noch für die den Kulturinhalt erzeugenden =Richtungen des Bewußtseins=, welche durch =Erkenntnis=, =Wille= und =Gefühl=, alle drei in =Reinheit= begriffen, erschöpft zu sein scheinen.
Dennoch soll die transzendentale Frage hier einsetzen, weil es gilt, den philosophischen Anteil der Religion zu entdecken und auf seine systematische Reinheit zu bestimmen. Dieser systematisch-philosophische Anteil bildet das Problem, das der transzendentalen Frage den Einlaß verleiht. Worin besteht er? =Er muß entdeckt werden.= Wäre er selbst in Anerkanntheit gegeben, so bliebe seine reine Erzeugung, seine systematische Entdeckung, seine Auszeichnung unter den Grundbegriffen und Grundrichtungen =des das System der Philosophie bildenden Bewußtseins= eine berechtigte, eine notwendige Frage.
21. Damit aber tritt das Interesse an der =Selbständigkeit= der Religion zurück gegen das an ihrer =Eigenart=. Wenn es gelingt, ihre Eigenart reinzustellen im System der Philosophie und sie in dieses einzugliedern, so würde die so begründete Eigenart reichlich ersetzen, was an sogenannter Selbständigkeit verlorenginge. Es würde die Frage entstehen: ob es überhaupt eine =Selbständigkeit= für eine Richtung des Kulturbewußtseins geben kann, die nicht in der =Eingliederung= in das System der Philosophie bestände. Und wenn diese, welche die =Eigenart= zur Voraussetzung hat, gesichert ist, so kann die Selbständigkeit überhaupt kein anderes Problem in einer zulässigen Bedeutung bilden. Auf die Eigenart allein kommt es an. Und diese muß für die Religion, wie für alle von der Ethik abstammenden Geisteswissenschaften, =durch diese ihre Abstammung von der Ethik= bedingt sein. =Die Ethik ist für sie alle ihre zweite Logik.= Dies muß für die =Religion= gelten, wie für =Staat= und =Recht= und für alle =Philosophie der Geschichte=.
22. Indem wir die transzendentale Methodik hier zu einer neuen Anwendung bringen wollen, dürfte es für das genaue Verständnis derselben ersprießlich sein, ihre Differenz von der sogenannten =Metaphysik= und den inneren Grund für die Ablehnung derselben eingehend zu erwägen; auch für den rechten Zugang zu dem Begriffe der Religion dürfte dies zweckmäßig sein. =Es handelt sich bei dieser Ablehnung der Metaphysik immer um die Behauptung der systematischen Zentralität der Ethik.=
23. Die Ethik rückt seit =Sokrates= in den Mittelpunkt der Philosophie. Dieses Verhältnis bleibt bei =Platon= ungeschwächt bestehen; der Vorrang der =Logik= hat eine methodische Bedeutung, durch welche die Position der Ethik nur bestärkt wird. Und bei der Komposition der Platonischen Dialoge tut es der Ethik auch keinen Eintrag, daß sie immer durchflossen und unterströmt wird von den rein logischen Problemen; denn ihre Eigenart und ihre Prärogative werden überall dabei außer Zweifel gestellt.
Anders aber stellt sich =Aristoteles= zu dieser Lebensfrage der Philosophie. Hier ist er mit vollem Selbstbewußtsein ganz und nur Empirist, der er sonst nur zur Hälfte sein will. Sein Argwohn gegen den eigentlichen Sinn der =Idee= trifft ins Schwarze: =in der Idee bekämpft er die Idee des Guten=. Daß es sonstwie Ideen mit Recht geben mag, würde er gar nicht bestreiten können, aber daß es eine Idee des Guten gebe, das will er bestreiten; denn die Ethik soll nur eine =Erfahrungslehre= sein, deren Quintessenz sogar in die =Praxis= gelegt wird: »auf daß wir Gute werden«. Nicht aber dürfe die Ethik eine Ideallehre sein wollen von dem, was das Gute sei. In der Idee will Aristoteles hauptsächlich die Idee des Guten niederschlagen.
24. Und danach kommt nun seine =Metaphysik=, wie die Nachfolger sie in der Unterscheidung von Logik und von Ethik benannt haben. Denn es bleibt ja bei dem =Dualismus= des Aristoteles auch für die Ethik nicht einseitig und eindeutig beim =Empirismus=. Das letzte Wort, das letzte Kapitel dagegen geht über diese praktische Ethik hinaus; es wird gar nicht mehr an den Menschen angeschlossen.
Ebenso verhält es sich ja auch in dem Aristotelischen Buche der =Metaphysik= mit den Problemen des Seins: sie bleiben nicht auf das Sein der Natur beschränkt. Und wie die Metaphysik mit dem Buche über =Gott= abschließt, so die =Nikomachische Ethik= mit dem Buche über die =Eudämonie des Denkens=, die nur dem =göttlichen= Geiste zu eigen ist; die für den menschlichen Geist in günstigster Deutung eine mystische Zweideutigkeit bleibt. =Nur der Gegensatz zur systematischen Ethik ist auch hier festgehalten.=
25. Dieser Gegensatz zu einer reinen, =apriorischen, idealen, schöpferischen= Ethik dürfte einer der Hauptgründe sein für die =Subordination der Scholastik= unter die Autorität des Aristoteles. Denn weder =Gott=, noch das =Gute=, sollten die Eigenprobleme der Ethik bilden. Schon die Unterscheidung des Guten von Gott wird hier anstößig. Gott ist selbst das Gute, nicht nur das =höchste=, sondern das =einzige= Gute. Es soll kein Unterschied gemacht werden zwischen dem Gute und dem Guten, zwischen dem Guten in Gott und dem Guten für den Menschen.
Daher soll die =Metaphysik=, als eine =zweite Theologie=, den eigentlichen Schwerpunkt der Philosophie bilden: damit dieser nur durchaus nicht in die Ethik verlegt werde. Und weil der Ethik diese Präponderanz bestritten werden soll, wird auch zwischen Logik und Metaphysik die Differenz behauptet, die jedoch nur durch =Gott= und höchstens noch durch die =Seele= begründet werden kann, wenn einmal diese beiden Begriffe der Ethik fremd bleiben sollen. Ohne diese Tendenz gegen die Ethik hätte die Differenz zwischen Logik und Metaphysik keinen verständlichen Sinn. Nur eine Art von Theologie, welche der Selbständigkeit der Ethik mißtraut, leitet überall den Feldzug für die Metaphysik, und der Logik gegenüber das Feldgeschrei gegen den =Rationalismus= und für die =Intuition=. Die Feindschaft gegen die Ethik ist und bleibt auch der Grund der Metaphysik, wie sie =nach Kant= wieder geltend gemacht wird.
26. Im =Mittelalter= freilich mußte die =Metaphysik= auch abgesehen von der Ethik, ihrer selbst wegen und ihres Verhältnisses zur Theologie wegen, selbständig bleiben. Das Prinzip des =Christentums= selbst forderte dies. Denn in ihm bilden =Gott und Mensch= nicht zwei Begriffe, die beide etwa in die =Ethik=, mithin in den Schwerpunkt des Menschen verlegt werden könnten, noch die beide, wie immer getrennt oder vereinbart, der =Metaphysik= überantwortet blieben, sondern diese beiden Begriffe bilden eine =Einheit im Gottesbegriffe= des Christentums. Daher kann die Metaphysik nicht nur ohne Beeinträchtigung der =Theologie= aufrechterhalten werden, sondern sie wird sogar ein wichtiges und allgemeines =Rüstzeug= derselben. Die Probleme des =Seins= werden dem =dualistischen Gottesbegriffe= angeschmiegt, dem sie daher auch außerhalb des Dogmas zu einer =logischen= Begründung dienstbar gemacht werden. Es ist auch hier =Logik=, was als Metaphysik gebraucht und benannt wird, daher auch findet der Begriff des =Nichtseins= hier eine vielseitige Verwendung.
27. Charakteristisch unterscheidet sich hierin die =jüdische= von der =christlichen= Philosophie. Während die christliche die =Metaphysik= selbständig bestehen läßt, zieht die jüdische sie gänzlich in ihren Bereich herein. Schon bei =Philo= bahnt sich dieser Weg an. Es wird keine Scheidung bei ihm angestrebt zwischen seinem Platonismus und seiner Theologie; und vielleicht erleichtert ihm auch der Platonismus sein Streben der Verschmelzung beider Kulturkräfte, während Aristoteles trotz seiner =Teleologie=, wegen seines Dualismus, zur Ethik immer eine formalistische Starrheit bewahrt: dem lebendigen Gedanken von Gott sich entgegenstellt. Und ohnehin ist durch den =Logos=, zwar auch die =Vermittlung= zwischen Gott und Mensch angebahnt, ebenso aber diese auch vom =Wesen= Gottes selbst abgetrennt und nur auf die =Wirksamkeit= Gottes, auf das Verhältnis zur Natur- und Menschenwelt eingeschränkt. Und wie der Logos, bleibt auch die Philosophie überhaupt mit der Religion nicht zwar mehr verschmolzen, aber verbunden, keines vom andern getrennt.
28. Und so bleibt es das ganze =jüdische Mittelalter= hindurch, wie es wohl auch im =Islam=, der für das Judentum in seiner Philosophie die geistige Führung hat, vorbildlich ist. Die Philosophie soll nicht =neben= der Theologie, die Theologie nicht =neben= der Philosophie selbständigen Bestand haben; der Religion wird die Lebenskraft abgegraben, wenn sie der Philosophie entblößt wird. Diesen Idealismus bringt schon der =erste= Jude in dieser Kulturgruppe, der =Gaon Saadja=, in dem Titel seines philosophischen Hauptwerkes zu einem prägnanten Ausdruck. =Emunoth we Deoth= dürfte als ein ἓν διὰ δυοῖν aufzufassen und zu übersetzen sein: =die Erkenntnisse der Glaubenslehre=. So werden im Titel schon beide Geistesrichtungen zueinander in Verhältnis gesetzt; und es bleibt nur die Zweideutigkeit bestehen, nach welcher Seite das Übergewicht fällt: ob der =Rationalismus= die =Offenbarung= einschränken, oder aber schlechterdings decken soll. Immerhin bleibt das Verhältnis ein =immanentes=; und es bedarf keiner aparten Metaphysik. Durch =Maimonides= wird diese Immanenz im Judentum befestigt, und der Rationalismus sucht sich selbst, aller scheinbaren Starrheit des =Rabbinismus= entgegen, überragend zu behaupten.
29. Vielleicht war es gerade diese =Immanenz der Philosophie in der Theologie=, welche der christlichen =Scholastik= die =Benutzung der jüdischen Quellen= erleichtert hat: sie hat nicht sowohl Judentum als vielmehr Philosophie aus dieser Theologie entlehnt. Und es hatten sich ja die =beiden= Hauptquellen der antiken Philosophie in diesem Lager ausgebreitet: der Aristotelismus auf der Platonischen Grundlage, und andererseits der =Neuplatonismus= mit seiner Tendenz zum =Pantheismus=. Diese beiden Richtungen durchziehen die gesamte jüdische Philosophie von ihren Anfängen bis zu ihrem Abschluß in =Spinoza=.
Und von Spinoza geht wieder eine neue Beeinflussung der =deutschen= Philosophie überhaupt aus, und insbesondere daher auf die =Philosophie der Religion=, die in den neueren Zeiten unvermeidlicherweise sich aus dem Gesamtgebiete der Philosophie abzweigen muß.
30. So stehen wir denn wieder da, wohin unsere Erwägung über den =Begriff der Philosophie= uns bereits geführt hatte. Die =Immanenz= konnte nicht aufrechterhalten bleiben; die bloße, unbestimmte, nicht systematisch dirigierte =Abzweigung= aber bleibt haltlos und unmotiviert, wenn nicht der =Mittelpunkt= bestimmt ist, von dem sie ausstrahlt. Dieser =Mittelpunkt ist uns im System der Philosophie bestimmt=.
Wir sind daher auch der Frage enthoben, mit welcher =Eigenart des Bewußtseins= wir der Religion uns versichern und bemächtigen können; denn =nur aus dem System heraus= kann eine solche Bemächtigung erfolgen, eine solche Eigenart des Bewußtseins sich begründen. Und diese Einschränkung muß ergänzt werden durch die positive Bestimmung: =daß die gesuchte religiöse Eigenart eine neue Erfüllung für den Systembegriff der Philosophie zu erbringen hat=.
Nicht in einer =Psychologie= des Bewußtseins kann die Eigenart der Religion begründet werden, sondern nur =innerhalb der Systematik= der Philosophie.
31. Hier erheben sich nun aber gewichtige Bedenken. Das System der Philosophie scheint in den =drei= Gliedern, welche =Kant= aufgestellt hat, geschlossen, und der =vierte= Teil, den unser eigener Systemversuch in Aussicht genommen hat, kann diese Bedenken nur verstärken. Alle Richtungen des einen eigenen reinen Inhalt erzeugenden Bewußtseins scheinen erschöpft zu sein. Was könnte es noch Anderes geben außer der reinen =Erkenntnis=, dem reinen =Willen=, dem reinen =Gefühle= und der sie alle zusammenfassenden =Einheit des Bewußtseins=?
Daher bildet die Wahl des =Gefühls= für die Religion ein lehrreiches Symptom, welches zeigt, daß zum mindesten die =Ästhetik= in Gefahr kommt, beseitigt oder verkürzt zu werden, wenn die Religion eine selbständige Stellung im Gefühl antritt: und welche andere seelische Potenz könnte sonst angesprochen werden? Es scheint daher durchaus aussichtslos, eine Bewußtseinspotenz zu erdenken, welche die =Eigenart= der Religion gewährleisten könnte.
32. Indessen schwebt hier eine Unklarheit vor. Ist es denn richtig, daß man eine =Art des Bewußtseins= für die Religion zu erdenken haben soll? Und ist es richtig, daß man eine methodische Grundfrage von dem Gelingen dieser Aufgabe abhängig macht? Ist es denn überhaupt richtig, daß man eine eigne Art des Bewußtseins auszeichnen müsse, um die =Eigenart= der Religion zu ermöglichen? Verwechselt man hier nicht die Eigenart mit der =Selbständigkeit=? Vielleicht aber ist die Eigenart nur mit dem Beding festzustellen, daß die Selbständigkeit =keine unbedingte= sei, sondern vielmehr von den drei oder vier systematischen Richtungen des Bewußtseins getragen werde. Wenn es sich so verhalten sollte, so wäre es ein verkehrtes Beginnen, für die so bestimmte Eigenart eine eigene und selbständige Richtung des Bewußtseins zu erfinden.
Jetzt haben wir den Angelpunkt gewonnen, aus dem der =systematische Begriff der Religion= ermittelt und gehoben werden kann. Und ehe wir die Betrachtung über die Eigenart des gesuchten Bewußtseins wieder aufnehmen, haben wir die Vorbedingungen durchzudenken, die in den systematischen Richtungen des Bewußtseins für die religiöse Eigenart vorliegen und dem Begriffe des Systems gemäß =verwendet= und aufgesogen werden müssen.
II. Das Verhältnis der Religion zur Logik.
1. Wie in alter Zeit, wird auch heute noch darüber gestritten, ob der Religion, weil =Wahrheitsgehalt=, darum auch der Anspruch auf =Erkenntnis= zusteht. Von unserer Methodik aus kann darüber kein Zweifel aufkommen. Wenn von der Religion Philosophie möglich werden soll, so kann dieses Problem nur in dem genauen Sinne statthaft sein, daß =die Religion dem System der Philosophie eingegliedert werde=. Es gibt nur =eine= Art von Philosophie: die systematische. Damit aber ist die Frage nach der Religion, als Erkenntnis, in voller Klarheit aufgelöst. Die Religion könnte nicht der Philosophie zugehörig werden, wenn nicht auf Grund ihres Eintrittes in die Philosophie durch die Pforte der Logik.
Wäre die =Logik= etwa nur für die mathematische Naturwissenschaft vorhanden, oder wäre sie bei den Geisteswissenschaften nur die negative Vorbedingung, die positiv durch die Ethik zu ersetzen wäre, oder hätte diese selbst mit der Logik gar keinen positiven Zusammenhang?
Und andererseits, faßt die =Ethik= allein und ausschließlich alle Probleme der sittlichen Erkenntnis, alle Aufgaben der Wahrheit in sich? Dann wäre die Religion aus dem Gebiete der Philosophie ausgeschlossen, dem sie ja nur auf Grund ihres Zusammenhangs mit den aus der Ethik abzweigenden Geisteswissenschaften angehören kann. Ihr Zusammenhang mit der Ethik mithin bedingt zugleich ihren Zusammenhang mit der Logik.
2. Aber auch der =Zusammenhang mit der Ethik= ist ja gar nicht über allen Zweifel sichergestellt. An dem Problem der =Metaphysik= hat sich uns dies schon aufgedeckt. =Die Frage der Selbständigkeit will hier über die der Eigenart entscheiden.= Da aber die Selbständigkeit der Religion der Ethik gegenüber keinen zulässigen Sinn mehr haben kann, so kann die =Eigenart= nur in den Fragen Problem werden, welche den Begriff des =Sittlichen scheinbar über die Ethik hinaus= zur Bestimmung bringen, sei es daß sie den Umfang des Begriffs erweitern, sei es seinen Inhalt verengen. Immer bildet das Sittliche der Ethik die Grundlage und die Voraussetzung des Lehrstoffs und des eingeteilten Stoffgebietes. Wenn jedoch diese Voraussetzung der Ethik uneingeschränkt für die Religion zu gelten hat, so bleibt in aller Kraft die Frage bestehen: durch die Hinzufügung welcher Begriffe und welcher Bestimmungen ihres Anwendungsgebietes nicht zwar über das Sittliche hinaus, sondern =am Sittlichen selbst= die Religion die =Eigenart eines einen eigenen Inhalt rein erzeugenden Bewußtseins= zu gewinnen vermag.
3. Daß zwischen =Kunst= und Religion Beziehungen obwalten, und demgemäß zwischen =Ästhetik= und Religion ein Verhältnis zu bestimmen sein werde, das setzt die einfachste Überlegung außer Zweifel. Denn alle Gebiete der Kunst berühren diese Grenze. Früher als =Herrensitze= errichtet die =Baukunst Göttertempel=. Und dieselbe Priorität vollzieht sich in der =Plastik=. Nicht allein =Homer= hat den Griechen ihre Götter gegeben, sondern auch =Phidias= ist an ihrer Entwicklung beteiligt, wennschon das =Epos= sie erschaffen haben mag. Aber auch das =Drama=, ja sogar auch die =Lyrik= ist eine Mitschöpferin der Religion; dafür genügt der Gedanke an die =Psalmen=.
4. Und was sich historisch so leicht überschauen läßt, das wird durch die schlichteste Erwägung bestätigt. Wenn anders im Unterschiede von Erkenntnis und Willen das =Gefühl= die Richtung bezeichnet, kraft deren das Bewußtsein alle Kunstgebilde hervorruft, so kann man den Inhalt dieses Gefühls noch so unbestimmt denken, ja dieses Gefühl selbst, als eine Kraft des Bewußtseins, noch so allgemein fassen: man wird dennoch in dem Gefühl und seinem unmittelbaren Inhalt die Beziehung zur Religion als eine natürliche, unausweichliche, unersetzliche ansehen, wie unbestimmt immer man den Begriff der Religion auch denken mag. Auch der Anspruch der =Metaphysik= auf die Religion gründet sich nicht zuletzt auf diese universelle Beziehung der Religion zur Kunst, durch die sie erst ihre Universalität, die in alle Gebiete des Bewußtseins eingreift, gewinnt und begründet.
5. Dieser Zusammenhang ist ein so intimer, daß daraus eine besondere Schwierigkeit entstanden ist, nämlich eine =Kollision der Mittel=, die für die systematische Begründung der Religion verfügbar sind. Wie die Kunst auf das Gefühl begründet wird, so beruft sich auch die Religion auf das Gefühl. =Dasselbe Gefühl kann jedoch nicht zwei Probleme der Systematik vertreten.= Wenn aber dennoch die Religion das Gefühl in Anspruch nimmt, so erweist sich in diesem Anspruch auf geradem Wege der =innere Zusammenhang=, der zwischen Religion und Kunst besteht. =Aber es entsteht daraus für die systematische Begründung der Religion eine schwere Gefahr.= Bevor wir indessen mit dieser Frage uns befassen, verfolgen wir zunächst weiter die =Aufgabe der systematischen Begründung=.