Der Begriff der Religion im System der Philosophie

Part 11

Chapter 113,499 wordsPublic domain

28. Man kann fragen, wie es zu erklären sei, daß die sonst vorherrschende Liebe zu Gott in den =Psalmen= besonders durch die Sehnsucht nach Gott ergänzt wurde. Und diese Sehnsucht ist ja nicht etwa allein die Sehnsucht nach Gottes =Schutz= und =Beistand=. Sie sucht Gott nicht nur zur Errettung von den =Feinden=, zur Erlösung von dem Rat und der Gemeinschaft der =Bösen=, zur Herstellung der =Gerechtigkeit= und des =Friedens=, und vorzugsweise zur Vertilgung der =Bösen= und Befreiung der =Guten= und der =Frommen=. Diese Sehnsucht nach Herstellung sittlicher und politischer Besserungen richtet sich vielmehr als =Hoffnung= und =Zuversicht= auf Gott; die eigentliche Sehnsucht aber geht von der =Seele des Individuums= aus, von der Not ihrer =Sünde= und ihrer Schwachheit, und sie wird auf das Individuum, auf das =Selbst der Seele= auch wieder zurückgeleitet, so daß die Seele nicht verschmachtet in ihrem Durste, nicht vergeht unter dem Brennen der Eingeweide, sondern errettet und erlöst wird von den Banden und Schlingen der =Angst vor Verderben und Vernichtung=, von der Furcht vor der göttlichen =Strafe= und Vergeltung.

Worin unterscheidet sich also nun diese =Sehnsucht nach dem Schutze der Seele= von der sonst allgemein geforderten =Liebe= zu Gott? Kann die Sehnsucht auf =Erlösung von der Macht der Sünde= den einzigen Gott inniger suchen, als die Liebe dieses Verhalten ausdrückt?

29. Wir stehen hier an dem eigentlichen =Grenzpunkte= zwischen der Religion und dem =ästhetischen= Bewußtsein. Und es könnte hiernach scheinen, als ob dennoch mehr Identität zwischen beiden obwalte, als wir hier zugestehen möchten. =Warum mußte der Psalmendichter schlechthin zum Lyriker werden=, und zwar zum =Vorbild= des Lyrikers, so daß nach seinem Muster erst die echte Lyrik, in ihrer Vollendung als =die deutsche Lyrik Goethes= entstehen konnte? Welche =Geheimkraft= der Religion hat sich hier mit den tiefsten Tiefen der Poesie verbunden, um diese mit ihren eigenen Quellen zu befruchten, und hinwiederum aus dem Schacht der Poesie die Kraft der Religion zu vertiefen und ihre Schwingen zu beflügeln? Es ist keine Frage, daß hier eine innerlichste Verbindung zwischen =Religion und Kunst= im Werke ist: worauf beruht sie? Wie ist diese Verbindung in dem Sinne zu verstehen, daß die Eigenart der Religion durch sie nicht beschränkt wird?

30. Man versteht die eigentümliche Kraft der =Psalmen= nicht, wenn man die Sehnsucht nach Gott nicht als ihren eigenen Kraftmesser, sondern nur als ein entliehenes Gut ansieht. Um es paradox auszudrücken, würde ich sagen: die =Propheten= haben noch gar nicht eigentlich Religion geschaffen, sondern nur Sittlichkeit. So sehr ist ihr Gott der Gott der Gerechtigkeit, der zwar auch der Gott der Liebe ist, aber das letztere nur, weil er Recht und Gerechtigkeit liebt. Die Religion der Propheten ist daher noch immer nur die Religion der Sittlichkeit. =Erst mit den Psalmen verwandelt sich die Sittlichkeit in Religion.= Mit den Psalmen erst offenbart sich das menschliche Individuum in seiner Korrelation, in seiner Sehnsucht zu Gott. Die ethische Einsicht des prophetischen =Sozialismus= geht nunmehr erst als Religion auf. Jetzt enthüllen sich die =Armen=, die =Leidenden= als die =Frommen=. Jetzt und dadurch erst erweckt das Mitleid die Erkenntnis vom Individuum; dadurch aber entsteht erst die Korrelation zwischen Mensch und Gott, in der wir das Grundverhältnis der Religion erkennen.

31. Wenn nun also die Frage auf den =Ursprung der Sehnsucht= ging, so erkennen wir jetzt, daß dieser keineswegs der sittliche, sondern daß er schlechthin der religiöse ist. Ohne die Sehnsucht würde die Korrelation zwischen Mensch und Gott nicht zu ihrer Vollendung, nicht zu ihrer lebendigen und wahrhaften Durchführung kommen. Man könnte die obige =Paradoxie= noch weiter führen: die =Propheten= haben im Grunde noch gar nicht das Verhältnis zwischen Mensch und Gott zur Ausführung gebracht: sie bleiben ihrem Hauptgedanken nach stehen bei dem =Verhältnis zwischen Mensch und Mensch=. Der Einzige Gott bildet nur den allgemeinen Hintergrund alles ihres Denkens, und so bewährt er sich auch in der konsequenten Durchführung dieses Verhältnisses zwischen den Menschen als =Völkern=, mithin in der messianischen Leistung und höchsten Offenbarung Gottes. Das ist aber wiederum nichts anderes als bloße Ethik und Philosophie der =Geschichte=.

32. Religion ist die Geschichte des Individuums. Und der Gott des Individuums ist der Gott der Religion. Der =Affekt=, mit dem die Propheten das Zeitalter des Messias predigen, ist die =Hoffnung= und die =Zuversicht= (Thikwa), die zwar auch Grundformen des religiösen Glaubens und Vertrauens sind, die jedoch das =allgemein menschliche Bewußtsein in seinem Gipfelpunkte= bezeichnen. Auf den Messias geht die Hoffnung des Menschen; und sie wäre nur sittlicher Affekt, wenn nicht =Gott= der Zielpunkt dieser Hoffnung, die =Bürgschaft ihrer Erfüllung= wäre.

Wenn dagegen der =Psalmist= der =messianischen= Idee sich hingibt und die Sehnsucht seiner Seele auf sie hinlenkt, dann ist es nicht sowohl die Erfüllung der Zeiten, die er herbeiwünscht, das Ende der =Kriege=, der =Friede auf Erden=, unter den Völkern und unter den Menschen, sondern =seine eigene= Seele ist es, deren Ängste und Nöte er ausbreitet vor seinem Gotte. Himmel und Erde sind für ihn wie nicht vorhanden; er politisiert nicht in dieser seiner Sehnsuchtsbestimmung: nur die =Seele=, nur =sein Selbst= ist seine einzige Sorge. Und diese Sorge ermannt sich zu der Sehnsucht, in welcher selbst gleichsam und allein er die Kraft ermißt und die Macht, von seiner Not ihn zu erlösen. Der Gott der Sehnsucht ist der Gott der =Erlösung=; und =was für die Menschheit die Idee des Messias bedeutet, das bedeutet für das Individuum die Idee der Erlösung=.

33. Worin besteht das Ziel, das Gelingen der Erlösung? Die =Opfer= sind überwunden. Hierin ist der Psalmist einig mit dem Propheten. »Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist.« Aber aus der =Demut= soll die =Aufrichtung= der Seele hervorgehen. Wenn der Mensch Seele ist, so hat er kein anderes individuelles Anliegen als die =Reinheit seiner Seele=, die =Erhaltung= und die =Wiedergewinnung= ihrer Reinheit; =diese ist ihre Erlösung=. Der Gott der Sehnsucht, als der Gott der Erlösung, ist der Gott des Individuums. Und als solcher tritt er in die =Korrelation= mit dem Individuum. So ist es die =Sehnsucht=, welche im letzten Grunde die Korrelation zwischen Gott und Mensch, =mithin die Religion zustande bringt=.

34. Wir kommen nochmals auf die =Rührung= zurück, und wir haben die Entscheidung getroffen, daß sie durchaus dem ästhetischen Gefühle angehört, ausgenommen, wenn sie, als Mitleid, zugleich mit dem persönlichen Individuum lebendig wird. Sonst schmilzt die Rührung mit der ästhetischen Freude an der =Menschennatur= zusammen. So steht es um das Verhältnis zwischen dem =religiösen= Gefühle und dem =ästhetischen=.

Wie aber steht es um das Verhältnis zwischen dem religiösen Gefühle und dem =sittlichen=? Kann sich nicht zwischen diesen beiden Momenten ein Verhältnis bilden, ohne daß das sittliche nur als Moment, nämlich als Vorbedingung des ästhetischen Gefühls wirksam ist? Gedenken wir hier des Satzes bei =Kant=, daß ich vor der sittlichen Erscheinung eines gemeinen Mannes Respekt haben muß. Ist dieser Respekt ausschließlich die Achtung vor der Menschheit, die der gemeine Mann vertritt? Oder ist er als ein ästhetisches Wohlgefallen an der schlichten Menschennatur, wie an der des Kindes zu deuten? Vielleicht dürfte hier weder das eine noch das andere Gefühl den Ausschlag geben, sondern das religiöse Gefühl sich ausprägen.

Der Respekt vor diesem gemeinen Manne ist nicht schlechthin die =Achtung= vor dem Sittengesetz, welche sich mit der Achtung vor der =Menschheit= deckt. Und dieser Respekt ist auch nicht schlechthin Bewunderung und Freude an dieser sittlichen und auf ihrem Grunde =schönen= Entfaltung der =Menschennatur=, sondern die Bewunderung ist Rührung, welche nicht sowohl Freude ist über den gegenwärtigen Anblick, als vielmehr zugleich =Trauer= darüber, daß eine solche Erscheinung absticht von der glatten Einbildung der =Zivilisation=. Es ist daher =Sehnsucht= nach besseren Zuständen, die uns bei solchem Anblick beschleicht. =Und die Bewunderung ist nur die diesem Affekt natürliche Begleitung der Sehnsucht. Die Sehnsucht der Liebe ist immer gepaart mit der Ehrfurcht.= Bei aller Sehnsucht ist Ehrfurcht, und auch umgekehrt, bei aller Ehrfurcht auch Sehnsucht. So ist die religiöse Liebe in den =Psalmen= entstanden, als die Sehnsucht nach dem geistigen, dem einzigen Gotte. So sind Sehnsucht und Ehrfurcht in demselben Ursprung der Korrelation, in demselben Ursprung der Religion verbunden.

35. Und diese Verbindung hat sich in der Lyrik erhalten, als vielleicht wichtigstes =Kennzeichen der deutschen Lyrik= und des deutschen Geistes überhaupt. Das deutsche Kunstgefühl hat sich hier mit der deutschen Religiosität durchdrungen. Und die =Reformation= mit =Luthers Übersetzung der Psalmen= ist dieser Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Geistes für die Kunst, wie für die Religion geworden.

36. Was nun von der Poesie für die Lyrik gilt, kann auch auf die =Musik= bezogen werden, deren religiöse Verwendung ebenso für die Tempelmusik im alten Jerusalem, wie für die deutsche Musik charakteristisch ist. Nicht nur als Kirchenmusik ist die deutsche Musik religiösen Geistes, sondern auch ihre reine instrumentale Ausbildung überhaupt in der geistigen Tiefe ihrer Formenwelt ist bedingt durch ihren religiösen Ursprung. Und auch auf die Oper und das Lied erstreckt sich der religiöse Einfluß, wie die =Zauberflöte= als die ideale deutsche Oper diesen zur Erscheinung bringt.

37. Wir haben schon beachtet, daß der =Kultus= nicht als Kriterium der Religion gelten kann. Denn er entfaltet sich in ausgebreiteter Weise als Opfer. Dahingegen entsteht mit den Psalmen das =Gebet=. Und =im Gebete dürfte sich das Kriterium des Monotheismus, mithin des Idealbegriffs der Religion zu erkennen geben=. Die Sehnsucht der Psalmen ist die Gemütsverfassung des Gebets. =Die Korrelation von Mensch und Gott vollzieht sich im Gebete.= Der Mensch fühlt sich auf Grund seiner =Sündhaftigkeit= in seiner Schwäche und =Gebrechlichkeit=. =Aus dieser Bedürftigkeit heraus erwächst das Verlangen nach Gott.= So wird der =Gott der Sittlichkeit=, der diese für die Menschheit überhaupt verbürgt und herstellt, zum =Gotte der Religion=, weil er nur als solcher mit dem =Individuum= seinen Bund schließt, weil er dem Individuum Erlösung bringt von seiner Seelenangst.

38. =Die Erlösung von der Sünde ist der eigentliche Zweck und Inhalt des Gebetes.= Die Anerkennung Gottes, die Verehrung, die Anbetung, sie sind nur das Mittel für diesen Zweck. Wäre die Gottesverehrung der religiöse Selbstzweck, =so wäre die Religion nicht Liebe zu Gott=, so wäre die Liebe nur eine Form der Erkenntnis. Die Liebe, als Sehnsucht, betrifft die Befreiung von der Sünde. Nach diesem Befreier, dem Erlöser sehnt sich die Seele. Und diese Sehnsucht entfaltet sich im Gebete. Die Psalmen sind die Urform des Gebetes.

39. Daher möchte =Psalm 51= das Musterbeispiel des Gebetes darstellen. Von seiner schwersten Sünde läßt der Dichter seinen Urdichter, den David Erlösung suchen. »Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden und alle meine Missetaten tilge. Ein reines Herz =erschaffe= mir Gott, und einen festen Geist =erneuere= in meinem Inneren.« Und es ist, als ob der Dichter sich berichtigen wollte wegen der Bitte um die Erschaffung eines neuen Herzens, nachdem die =Erneuerung= des festen Geistes schon von der =Erschaffung= des reinen Herzens die Mißdeutung entfernt hat, als ob das reine Herz eine Neuschöpfung sein müßte. So fährt der Dichter fort: »Verwirf mich nicht von deinem Angesichte, und =deinen heiligen Geist nimm nicht von mir=« (V. 11 und 12). Jetzt ist alles klargestellt und in Ordnung gebracht, auf was es für die Sehnsucht des Büßenden nach Erlösung ankommt: Gott kann ihn nicht verwerfen; denn =Gott kann seinen heiligen Geist nicht von ihm nehmen=. Gott hat seinen heiligen Geist dem Menschen gegeben. Der menschliche Geist ist daher selbst zum heiligen geworden. So kann die Erlösung von der Sünde nicht ausbleiben. Die Sehnsucht hat ihr festes Ziel erlangt. Die Korrelation von Mensch und Gott ist gegen den schwersten Zweifel sichergestellt. Solche Zurüstung, solche Verfassung begründet das ideale Gebet, das Gebet der Sehnsucht und der Gewißheit seiner Zuversicht.

40. Zur Eigenart der Religion gehört demgemäß neben der Sehnsucht die Zuversicht, das =Vertrauen=, die Grundform des hebräischen Wortes, welches gemeinhin mit =Glauben= übersetzt wird. Die Grundbedeutung des Wortes (Emuna) ist Festigkeit und =Bestätigung=. Das =Amen= ist von derselben Wurzel. =Skepsis= ist der nackte Widerspruch zum Gebet.

Darauf beruht der Zauber der =Mystik=. Sie setzt sich in Widerspruch zu aller =vernunftmäßigen= Erkenntnis, weil sie mit dieser immer einen Tropfen Skepsis vermischt meint. =Glauben soll daher nicht Erkenntnis= sein, weil Erkenntnis im besten Falle den Zweifel überwindet. Der Glaube aber soll über den Zweifel erhaben sein. Daher gilt der Glaube, als das =Vertrauen= auf Gott, und zwar nicht nur auf Grund der Zuversicht auf Realisierung der Sittlichkeit in der Menschheit, sondern für das betende Ich als eine =eigentümliche Form des Bewußtseins=, und als solche des =religiösen= Bewußtseins. Wie die Sehnsucht eine Innigkeit und eine Festigkeit hat, die alles sonstige Gefühl an Kraft übertrifft, so auch übertrifft das Bewußtsein der =Befriedigung= dieses Verlangens alles sonstige Bewußtsein des Gelingens und der Enthebung von einer =relativen= Bedürftigkeit. Hier setzt sich eine =absolute= Befriedigung fest. Das ist die =Seligkeit=, welche den =Glauben= auszeichnet.

41. Der Glaube an Gott ist das Vertrauen auf die Errettung der =Menschenseele= durch ihn. Die Erlösung ist diese Rettung von dem allgemeinen Schicksale alles Lebendigen. =Der Unterschied zwischen Religion und Ästhetik= macht sich in dieser Unterscheidung der Menschenseele von der Natur des Menschen wirksam. Wie die =Freiheit= den =reinen Willen= von allen =Naturtrieben= unterscheidet, so unterscheidet die Religion die Menschenseele von allem =Leben=. Und wenn die =Naturteleologie= eine =unendliche Entwicklung des Lebens= lehrt, so mag dieser Gedanke die =Unsterblichkeit= der Menschenseele, wie die Religion sie aus der göttlichen Erhaltung der Menschenseele fordert, unterstützen.

42. Der Psalm 73 hat auch für diesen Grundgedanken die Urform des Gebetes gefunden. »Wer ist mir im Himmel, und in Gemeinschaft mit dir habe ich kein Verlangen an der Erde: =die Nähe Gottes ist mein Gut=.« In dieser Nähe Gottes erkennen wir unsere =Korrelation=. Die =Nähe= hat aber auch vorher schon terminologische Bedeutung gewonnen. In ihr bezeichnet sich der =Unterschied von der pantheistischen Vereinigung mit Gott=. =Der reine Monotheismus kennt keine Vereinigung mit Gott.= Er kann keine denken und er ersetzt sie. Gott hat dem Menschen die reine Seele gegeben. Gott hat seinen heiligen Geist in das Innere des Menschen gesetzt. Der Mensch kann noch so viel sündigen, so kann er doch der Reinheit seiner Seele und seines heiligen Geistes nicht verlustig gehen. Gott ist sein Erlöser: »der Erlöser vom Verderben seines Lebens«. Gott ist der Erhalter seiner Seele. Auf der Korrelation zwischen Mensch und Gott beruht die Unsterblichkeitslehre des israelitischen Monotheismus. Aber die Korrelation wehrt die Vereinigung ab.

43. Demgemäß ist der Terminus der Nähe Gottes zu dem Terminus geworden, in dem die Religion mit der =Ethik= wetteifert: aus der Nähe ist die =Annäherung= geworden. Und wie die Nähe Gottes das höchste Gut der Religion ist, so ist die Annäherung an Gott das höchste Gebot der religiösen Sittlichkeit. Gott ist ja nur das Ziel dieser Annäherung; der Annäherung selbst wegen bezeichnet er das Ziel derselben. Er ist heilig, weil der Mensch es sein soll. Und zumal die =Affekte= des Willens werden ihm nur in dem Sinne zuerteilt, daß der Mensch sie aus der Leitung Gottes heraus beherrschen lerne.

44. Das Zentrum der mittelalterlichen Theorie des =arabisch-jüdischen= Monotheismus bildet die =Attributenlehre=. Wenn nun durch diese ganze Philosophie sich der Gedanke hindurchzieht, ob Eigenschaften Gottes positiv, oder wie man gewöhnlich annimmt, nur negativ gelehrt werden dürfen, so wird dieses ganze Problem von dem Prinzip der Korrelation beherrscht. =Nur in Korrelation zum Menschen soll das Wesen Gottes bestimmbar werden.= Nur diejenigen Attribute sollen ihm zuerteilt werden dürfen, welche die Sittlichkeit des Menschen begründen, seine Annäherung an Gott begünstigen. Theoretisch, als ein eigener Gegenstand der Erkenntnis soll Gott gar nicht gedacht werden dürfen. So wird demnach auch durch die Attributenlehre die Eigenart der Religion in einer Schwebe gehalten zwischen Erkenntnis und Sittlichkeit, zwischen Intellekt und Willen, zwischen Metaphysik und Ethik.

45. Es ist ebensosehr ein methodischer Irrtum, wie ein historisches Mißverständnis, wenn man dieses Schweben und scheinbare Schwanken des mittelalterlichen Denkens dahin auffaßt, daß eine Selbständigkeit der religiösen Bewußtseinsart dadurch dem Glauben zugesprochen werden sollte. Diese Tendenz kann jener philosophischen Theologie durchaus fernliegen. Was jenes Zeitalter will, ist nicht sowohl, die =Selbständigkeit= der Religion gegenüber der Erkenntnis und der Sittlichkeit zu bestimmen, als vielmehr nur die =Eigenart= der Religion gegenüber dem Intellekt und dem =Willen= zu sichern. =Maimonides= bemüht sich durchgängig ebensosehr darum, den Glauben von der Erkenntnis und dem Willen zu =unterscheiden=, wie ihn zugleich mit Erkenntnis und Willen =in inniger Verbindung zu erhalten=.

Ebenso wollen auch wir nicht die Selbständigkeit neben den reinen Arten des Bewußtseins für die Religion begründen, sondern die Eigenart der Religion bildet für uns =das= methodische Problem der Religion. Diese Eigenart wird =nicht durch ein Wort= festgestellt, mit dem eine religiöse =Bewußtseinsart= bezeichnet würde. Weder das =Mitleid=, noch die =Sehnsucht=, noch die =Liebe=, noch die =Annäherung= sind mehr als Worte. Durch diese Termini soll aber nur das =Problem= bezeichnet werden, welches die Religion als =Eigenart= des Bewußtseins bildet.

46. Wie vollzieht sich diese Eigenart? Diese Frage lautet präziser: =In welchem Verhältnis zu den reinen Arten des Bewußtseins vollzieht sie sich?= Auf dieses Verhältnis muß sie ja angewiesen sein und bleiben, sofern ihre Eingliederung in das System der Philosophie die methodische These bildet. Logik sowohl, wie Ethik und Ästhetik, sie alle müssen daher in Kraft und in Klarheit bleiben, wenn die Eigenart des religiösen Bewußtseins zur =systematischen= Bestimmung kommen soll. Ohne solche Wahrung des Verhältnisses zu den Gliedern des Systems könnte weder der Begriff Gottes, noch der Begriff des Menschen für die Korrelation bestimmbar werden, in der wir die Eigenart der Religion zu erkennen suchen. Jetzt aber erst entsteht die Frage: =durch welche methodischen Mittel= läßt sich diese Eigenart zur Bestimmung bringen? Durch welche methodischen Mittel bleibt der =Eigenwert von Logik, Ethik und Ästhetik unbehelligt= von jedem Eingriff bei dieser Korrelation? Durch welche methodischen Mittel läßt sich die Eigenart als solche durchführen, ohne daß sie den falschen Schein einer eigenen Selbständigkeit annähme? Denn wenn die Religion selbständig werden könnte und werden dürfte gegenüber den reinen Arten des Bewußtseins, so würden nicht nur diese in ihrer Reinheit getrübt, in ihrer Selbständigkeit verschränkt, sondern auch die religiöse Eigenart selbst würde in ihrer Methodik gehemmt, und daher auch um ihre Geradheit gebracht und um das Maß der Reinheit, das auch für sie zu erstreben ist.

47. So bildet es eine eigene Aufgabe und ein eigenes Problem, die Eigenart der religiösen =Liebe= und des religiösen =Glaubens= nicht nur innerhalb der religiösen Methodik zu bestimmen, sondern diese selbst in ununterbrochenen Zusammenhang zu versetzen und in diesem zu erörtern, um ihn zur Durchwirkung kommen zu lassen in diesem Zusammenhang mit den systematischen Arten des reinen Bewußtseins, denen nicht nur Eigenart, sondern auch Selbständigkeit zusteht.

V. Das Verhältnis der Religion zur Psychologie.

1. Nicht auf das moderne Problem der Religionspsychologie wollen wir hier eingehen. Unsere systematische Aufgabe trennt uns von demselben auch schon dadurch, daß die Religionspsychologie mit der Religionsgeschichte zusammenhängt. Was im guten alten Sinne Psychologie bedeutete, als Analyse und Ordnung der Vorstellungen, welche das Bewußtsein erfüllen, und welche bestimmte Tätigkeitsweisen und Grundzüge des Bewußtseins ausmachen, dieser alte Sinn der Psychologie ist aus den bisherigen Erörterungen nicht entschwunden. Wenn wir nicht in der systematischen Tendenz, um von den reinen Gliedern des Systems die Eigenart der Religion zu unterscheiden, das Mitleid, die Sehnsucht für die Auszeichnung des Individuums und seine Erhaltung bestimmt hätten, so würde die alte naive Ansicht von der Psychologie diese Begriffe als ihr eigenstes Gut ansprechen dürfen. Denn wichtige Erscheinungen des Bewußtseins, wichtige Tätigkeitsrichtungen desselben werden durch jene Begriffe beleuchtet. Indessen diese Art der Psychologie meinen wir selbst nicht mehr, insofern wir die Psychologie als das =vierte= Glied des Systems der Philosophie aufstellen, allerdings bisher nur dies in Aussicht genommen haben, obzwar die drei Schlußabschnitte der drei bisher erschienenen Bücher des Systems von dem Problem der systematischen Psychologie ihre Entwürfe versucht haben.

Wir versuchen hier von neuem, von dieser neuen Aufgabe der Psychologie eine Ansicht zu gewinnen. Und gerade das Problem der Religion im Gesamtbewußtsein dürfte die Unterscheidung und die Zusammenfassung der Vorgänge des Bewußtseins, wie die Psychologie sie zu fordern hat, ohne genauere Durchführung wenigstens anschaulich machen.

2. Während die drei Glieder des Systems mit drei Sonderrichtungen des Bewußtseins befaßt sind, mit der Erkenntnis, mit dem Willen und mit dem Gefühl, zeigt sich der systematische Wert, beinahe möchte man sagen, das systematische Vorrecht der Psychologie darin, daß sie nicht eine Sonderrichtung des Bewußtseins, und auch nicht einmal nur die Gesamtheit derselben, sondern vielmehr ihre =Einheit= zum Problem hat. Diese Einheit zustande zu bringen, scheint das eigentliche Problem zu sein, dessen Behandlung die Psychologie erfordert. Denn die einzelnen Bewußtseinsformen könnten den einzelnen Systemgliedern überlassen zu werden scheinen, aber ihre Zusammenfassung, vielmehr ihre Vereinigung, so daß in dieser die =Einheit des Bewußtseins= zustande kommt, dazu besonders scheint es der Psychologie zu bedürfen. Und in der Tat kommt ja schon die Logik in Gefahr, mit Psychologie sich zu vermischen, wenn sie nur die Einheit des =Denkens= vollziehen muß. Und diese Gefahr steigert sich für die Ethik und für die Ästhetik.

3. Wenn nun gar die Religion in diesen Kreis der Bewußtseinsrichtungen eintritt, so wird zunächst das Problem der Einheit des Bewußtseins durch diese neue Aufgabe erschwert. Wenn es sich nun aber herausgestellt hat, daß diese religiöse Eigenart des Bewußtseins methodisch unterschieden werden muß von der Selbständigkeit jener drei reinen Arten, so entsteht damit eine neue Aufgabe, beinahe möchte man sagen, =ein neuer Begriff der Einheit des Bewußtseins=. Denn sie bedeutet jetzt nicht nur die Vereinigung, sondern die Gliederung, die Einordnung und =Unterordnung=, so daß die =Vereinigung= in eine =Mehrheit von Einigungsakten= sich einzuteilen scheint.