Der Bär: Groteske in einem Aufzug

Chapter 2

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=Smirnow.= Und Sie glauben wohl, als poetisches Geschöpf haben Sie ein Recht, ungestraft zu beleidigen? Ich fordere Sie!... Da haben Sie es...

=Luka.= Barmherziger Gott! Wasser!

=Smirnow.= Es wird duelliert!

=Frau Popow.= Glauben Sie, weil Sie kräftige Fäuste und einen Stiernacken haben, daß ich Sie fürchte? Sie Grobian!

=Smirnow.= In die Schranken! Ich erlaube keinem, mich zu beleidigen, und schere mich nicht drum, daß Sie eine Dame, ein zartes Geschöpf sind!

=Frau Popow= (bemüht sich, ihn zu überschreien). Bär! Bär! Bär!

=Smirnow.= Es ist endlich Zeit, mit dem alten Vorurteil aufzuräumen, daß nur der Mann verpflichtet sei, für eine Beleidigung Genugtuung zu geben. Wenn Gleichberechtigung, so Gleichberechtigung in allem, zum Teufel noch einmal! In die Schranken.

=Frau Popow.= Sie wollen sich also duellieren? Bitte!

=Smirnow.= Sofort!

=Frau Popow.= Sofort! Mein Mann hatte Pistolen... Ich bringe sie sogleich. (Sie geht eilig ab und wendet sich um.) O, mit welchem Vergnügen werde ich Ihnen die Kugel in die unverschämte Stirn jagen! Der Teufel hole Sie! (Geht ab.)

=Smirnow.= Wie ein Hühnchen schieße ich sie nieder! Ich bin kein grüner Junge, kein sentimentaler, junger Hund! Für mich gibt es keine zarten Geschöpfe!

=Luka.= Väterchen, (er fällt auf die Knie) erbarme dich meiner, eines alten Mannes, erweise mir die Gnade und geh' fort von hier! Du hast mich zu Tode erschreckt und jetzt willst du dich noch duellieren!

=Smirnow= (hört ihn nicht). Duellieren ... darin liegt die Gleichberechtigung, die Emanzipation! Dabei sind beide Geschlechter gleich. Aus Prinzip schieße ich sie nieder. Aber was sagt man zu solch einem Weib (nachahmend) »der Teufel hole Sie! Ich werde die Kugel in Ihre unverschämte Stirn jagen!« Was sagt man dazu? Hat sich ereifert, die Augen blitzten ... sie hat die Forderung angenommen. Bei meiner Ehre, zum erstenmal in meinem Leben sehe ich eine solche Frau!

=Luka.= Väterchen, geh' fort! Geh' fort von hier!

=Smirnow.= Das ist eine Frau! Das begreife ich. Ein echtes Weib! Kein weicher Teig, nicht zerflossen, sondern Feuer, Schießpulver, eine Rakete! Es wäre schade, eine solche niederzuschießen!

=Luka= (weint). Väterchen, geh' fort!

=Smirnow.= Sie gefällt mir entschieden! Entschieden! Trotz der Grübchen in den Wangen gefällt sie mir. Ich bin sogar bereit, ihr die Schuld nachzusehen ... und der Zorn ist mir vergangen ... eine merkwürdige Frau!

=Frau Popow= (kommt mit den Pistolen).

Zehnter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Frau Popow.=

=Frau Popow.= Da sind die Pistolen ... aber ehe wir uns duellieren, zeigen Sie mir, bitte, wie man schießen muß... Ich habe noch nie im Leben eine Pistole in der Hand gehalten.

=Luka.= Gott sei uns gnädig und erbarme dich unser! Ich gehe und hole den Gärtner und den Kutscher... Woher ist nur dieses Unheil über uns gekommen? (Er geht ab.)

=Smirnow= (betrachtet die Pistolen). Sehen Sie, es gibt verschiedene Sorten von Pistolen... Es gibt speziell Duellpistolen von Mortimer, mit Kapseln. Aber das sind Revolver System Smith und Wesson, mit einem Extraktor ... herrliche Pistolen. So ein Paar kostet mindestens neunzig Rubel... So muß man den Revolver halten... (Beiseite.) Diese Augen, diese Augen! Ein feuriges Weib!

=Frau Popow.= So?

=Smirnow.= Ja, so ... dann ziehen Sie den Hahn auf ... da... So legen Sie an... Den Kopf ein wenig zurück... Strecken Sie gefälligst den Arm fest aus! So ... dann drücken Sie mit diesem Finger auf das Ding da, und das ist alles. Die Hauptregel ist aber: nicht aufgeregt sein, sich nicht beeilen beim Zielen und darauf achten, daß die Hand nicht zittere.

=Frau Popow.= Gut. Im Zimmer ist es unbequem zu schießen, gehen wir in den Garten.

=Smirnow.= Gehen wir. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß ich in die Luft schießen werde.

=Frau Popow.= Das fehlte noch. Warum?

=Smirnow.= Weil ... weil ... das ist meine Sache, warum!

=Frau Popow.= Sie haben Angst bekommen! Ja? A--a--h? Nein, mein Herr, nur keine Ausflüchte! Bitte, folgen Sie mir! Ich werde mich nicht eher beruhigen, bis ich Ihre Stirn durchbohrt haben werde, diese Stirn, die ich so sehr hasse. Sie haben Angst bekommen?

=Smirnow.= Ja, ich habe Angst bekommen.

=Frau Popow.= Sie lügen. Warum wollen Sie sich nicht schlagen?

=Smirnow.= Weil ... weil ... weil Sie mir gefallen.

=Frau Popow= (mit bösem Lachen). Ich gefalle ihm! Er wagt es zu sagen, daß ich ihm gefalle! (Sie zeigt nach der Tür.) Gehen Sie!

=Smirnow= (legt schweigend den Revolver auf den Tisch, nimmt den Hut und geht; an der Tür bleibt er stehen; eine Weile sehen sie sich schweigend an, dann nähert er sich unschlüssig). Hören Sie ... sind Sie noch böse?... Ich war auch teufelswütend, aber verstehen Sie mich nur recht ... wie soll ich mich nur ausdrücken?... Die Sache ist nämlich die ... daß solche Geschichten eigentlich... (Er schreit.) Nun ja, ist es denn meine Schuld, daß Sie mir gefallen? (Ergreift die Stuhllehne, der Stuhl kracht und bricht entzwei.) Der Teufel weiß, was für gebrechliche Möbel Sie haben! Sie gefallen mir! Verstehen Sie? Ich... Ich bin fast verliebt!

=Frau Popow.= Fort von mir, ich hasse Sie!

=Smirnow.= Gott! Welch ein Weib! Ich habe nie im Leben so etwas Ähnliches gesehen! Ich bin verloren, ruiniert! Ich bin in die Mausefalle geraten, wie eine Maus!

=Frau Popow.= Gehen Sie, oder ich schieße!

=Smirnow.= Schießen Sie! Sie können nicht begreifen, welches Glück es ist, unter den Blicken dieser herrlichen Augen zu sterben, zu sterben durch den Revolver, den dieses kleine Sammethändchen hält... Ich bin verrückt geworden! Bedenken Sie und entscheiden Sie sofort, denn wenn ich jetzt von Ihnen gehe, sehen wir uns nie wieder. Entscheiden Sie, sprechen Sie... Ich bin von Adel, ein anständiger Mensch, habe Zehntausend jährlich Einkommen... Treffe mit dem Gewehr eine Münze, die in die Luft geworfen wird... Ich besitze herrliche Pferde. Wollen Sie meine Frau werden?

=Frau Popow= (empört, schwingt den Revolver). Schießen! In die Schranken.

=Smirnow.= Ich bin um den Verstand gekommen... Ich begreife nichts. Diener! Wasser!

=Frau Popow= (schreit). In die Schranken!

=Smirnow.= Ich habe meinen Verstand verloren ... ich habe mich verliebt, wie ein grüner Junge, wie ein Narr verliebt! (Er ergreift ihre Hand, sie schreit vor Schmerz auf.) Ich liebe Sie! (Er kniet nieder.) Ich liebe Sie, wie ich noch nie geliebt habe! Zwölf Frauen habe ich sitzen lassen, neun sind mir untreu geworden, aber keine einzige von ihnen habe ich so geliebt wie ich Sie liebe. Ich bin besiegt, verloren, ich liege auf den Knieen wie ein Narr und biete Ihnen die Hand an... Schmach und Schande! Fünf Jahre lang habe ich mich nicht verliebt, ich habe es mir gelobt und nun bin ich mit einem Mal hineingeraten, wie die Deichsel in einen fremden Kutschkasten! Ich biete Ihnen die Hand an, Ja oder nein? Wollen Sie nicht? Dann nicht. (Er steht auf und geht schnell zur Tür.)

=Frau Popow.= Warten Sie...

=Smirnow= (bleibt stehen). Nun?

=Frau Popow.= Nichts... Sie können gehen! Übrigens, warten Sie! Nein, gehen Sie, gehen Sie! Ich hasse Sie! Oder nein! Gehen Sie nicht fort! Ach, wenn Sie wüßten, wie böse ich bin, wie böse! (Sie wirft den Revolver auf den Stuhl.) Die Finger sind mir angeschwollen von diesem Ekel... (Sie zerreißt vor Zorn ihr Taschentuch.) Was stehen Sie noch da? Packen Sie sich!

=Smirnow.= Leben Sie wohl!

=Frau Popow.= Ja, ja, gehen Sie nur! (Schreit.) Wohin gehen Sie denn? Warten Sie... Übrigens gehen Sie... Ach, wie böse ich bin! Kommen Sie nicht zu nahe, kommen Sie nicht zu nahe, kommen Sie mir nicht näher!

=Smirnow= (nähert sich ihr). Wie ich mich über mich selbst ärgere! Wie ein Gymnasiast habe ich mich verliebt, auf den Knieen habe ich gelegen ... mich überläuft es eiskalt... (Streng.) Ich liebe Sie! Das hat mir gefehlt, ich habe es notwendig gehabt, mich zu verlieben! Morgen muß ich Zinsen zahlen, die Heuernte hat begonnen und da erscheinen Sie. (Er faßt sie um die Taille.) Ich werde es mir nie verzeihen!

=Frau Popow.= Weg! Die Hände weg! Ich hasse... Sie!... In die Schranken! (Langer Kuß.)

Elfter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Luka.= =Gärtner.= =Kutscher.= =Arbeiter.=

=Luka= (mit einer Axt).

=Gärtner= (mit einem Rechen).

=Kutscher= (mit einer Heugabel).

=Arbeiter= (mit Stangen).

=Luka= (erblickt das sich küssende Paar). Gerechter Gott! (Pause.)

=Frau Popow= (die Augen senkend). Luka, sag' im Stall, daß Tobby heute gar keinen Hafer bekommen soll.