Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten

Chapter 7

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QUESTENBERG. Mein Herr Sie — Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was ich sagen soll! — (laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung bieten — (bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde Lügen strafen!

JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben! (QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt zu mißcreditiren?

QUESTENBERG. Ja — ja wohl!

JOHNSON. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher Exberimentesucht —

QUESTENBERG. Man that's.

JOHNSON. — was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte.

QUESTENBERG. Natürlich.

JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des Fortschritt's! —

QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf).

JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit — Zur Sache, wenn's kefällt.

QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.)

JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit. —

QUESTENBERG. So — ah!

JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt, mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten.

QUESTENBERG. Vollkommen genügt's, mein Herr — Schon achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir solch' Vertrauen . . .

JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie wünschen.

QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß nicht . . .

JOHNSON. Sehen Sie nur hierher.

QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .

JOHNSON. Ohne Umstände, mein Herr.

QUESTENBERG. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr.

JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr.

QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!?

JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!

QUESTENBERG. Nein, gütiger Herr, nein — 's ist hier nicht Mode. —

ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den Notar, der draußen wartet.

JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.

QUESTENBERG. Um Verzeihung — sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .

KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst ihn schamlos triumphiren lassen!?

ALBERT. Behindre mich nicht.

KLAUS. Keinen Schritt weiter.

ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .

KLAUS. Ich schenke sie Dir — Alles was menschlich!

JOHNSON. Meine Herrn . . .

QUESTENBERG. Was — giebts — Kinder.

ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei.

KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson.

JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . .

KLAUS. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so straf' mich der Teufel.

JOHNSON. Können Sie sich stützen auf Peweise.

KLAUS. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; dessenungeachtet . . .

JOHNSON. Aber er muß wohl am pesten wissen —

KLAUS. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist nicht Meister seiner Handlungen.

ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.)

JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er.

KLAUS. Was!

JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was!

KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.

JOHNSON. Wer läugnet's, allein —

KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben!

JOHNSON. Schon kut, toch —

KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht —

JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus.

KLAUS. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm, — mit mir ist die heilige Macht der Wahrheit.

JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich.

QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die frische Luft und macht ihm Umschläge . . .

KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken — wagt mich anzutasten!

QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß?

JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht — er ist ein unkezogener Pupe.

QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht.

KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das gewußt — doch Gott befohlen!

Eilfte Scene.

DIE VORIGEN ohne KLAUS.

ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter.

JOHNSON. Er wußte nicht, was er dhat, — dragen Sie's ihm nicht nach.

QUESTENBERG. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei durchprügeln lassen.

ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt.

JOHNSON. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle Ihnen schaden könnte —

QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr — Ruf' den Notar, Albert.

JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie — Ick habe für heut' keine Zeit mehr und porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht.

QUESTENBERG. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen.

JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach.

QUESTENBERG. Es wäre wohl überflüssige Mühe.

JOHNSON (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten.

QUESTENBERG. Ich habe keinen schönern Wunsch.

JOHNSON. Auf Wiedersehen — Ihr erkepenster Tiener.

Zwölfte Scene.

DIE VORIGEN ohne JOHNSON.

QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir! — nicht unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst.

ALBERT. Sie beschämen mich.

QUESTENBERG. Fordre die Hälfte der Fabrik — fordre sie ganz! — Erweise mir die Freundschaft!

ALBERT. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch mache —

QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich — glaub's mir, Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten Jahr?

ALBERT. Wie kann ich so viel wollen!

QUESTENBERG. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir vergönnt, Dich glücklich zu machen!

ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.

QUESTENBERG. Scherz bei Seite.

ALBERT. 's ist zu spät!

QUESTENBERG. Was hast Du?

ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt.

QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe?

ALBERT. Sie ging mir verloren! . .

QUESTENBERG. Deine Braut — zufolge?

ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht mehr, Gott hat gerichtet!

QUESTENBERG. Nimm — diese Summe gehört Dir!

ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat hassen — nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper unserer Menschheit ist — Ich verzeihe Ihnen.

QUESTENBERG. Du! Du!

ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen Herzens — ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube krümmt!

QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur. — Entlaste mich dieses Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle!

ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt!

QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen — mir fehlt die Kraft.

ALBERT. Auch das noch? — Traun, ich bin kein Pharisäer und Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt!

QUESTENBERG. Lass', lass' — ist's eine Strafe für mich, so muß ich's thun.

ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.

QUESTENBERG. Wohin gehst Du?

ALBERT (zeigt nach Oben).

QUESTENBERG. Oh!

ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs zu ruh'n. (Er will geh'n.)

QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort — Hülfe!

ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.

QUESTENBERG. O das ist entsetzlich!

ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen ihm freudig entgegen! (ab.)

QUESTENBERG. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur!

Dreizehnte Scene.

Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel die Gläubiger.

QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf den Tisch.)

ALLE. Geld . . . ah! ah!

QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren — vertheilen Sie unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe.

ERSTER GLÄUBIGER. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme verletzt.

ZWEITER GLÄUBIGER. Sie zürnen uns.

ERSTER GLÄUBIGER. Hätten wir gewußt oder geahnt . . .

QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig — Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen nicht — doch ich baue auf Ihre Nachsicht — meinen unterthänigsten Diener.

Vierzehnte Scene.

DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG.

ERSTER GLÄUBIGER. Ein kurioses Benehmen!

ZWEITER GLÄUBIGER. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen dicken Zopf an.

ERSTER GLÄUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtgläubig.

ZWEITER GLÄUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu drängen!

ERSTER GLÄUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein.

ZWEITER GLÄUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)

Funfzehnte Scene.

V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER.

V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . . Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich — (kopfschüttelnd) Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch — Oh, was ist der Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die Noth die Mutter aller Laster sei.

BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat!

V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; wer nimmt's mir ab?! — Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr die neue!

BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden.

V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer.

BLASHAMMER. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . .

V. ZITTERWITZ. Zu viel Güte.

BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.

V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnöthig belästigen.

BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann!

V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft — Ich seh's Ihnen an.

BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent.

V. ZITTERWITZ. Zu viel für einen guten Christen.

BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent.

V. ZITTERWITZ. Danke, danke.

BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.

V. ZITTERWITZ. Bemühen Sie sich nicht weiter.

BLASHAMMER. Zwanzig Prozent.

V. ZITTERWITZ. Mäßigung.

BLASHAMMER. Fünf und zwanzig Prozent.

V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.

BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte!

V. ZITTERWITZ. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen!

BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand.

V. ZITTERWITZ (zurückbebend). Durchaus nicht . . .

BLASHAMMER. Sie halten mich für einen Gauner.

V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind.

BLASHAMMER. Für einen Betrüger.

V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den Aufdringling los.

BLASHAMMER. Erklären Sie sich gemessener.

V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute bl — bl — blos für unsich — chere Menschen.

BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen.

V. ZITTERWITZ (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.

BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah!

V. ZITTERWITZ (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie sich gerichtlich verantworten . . .

BLASHAMMER (stampft wüthend mit dem Fuß).

V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben). — Unsauberer! wer mehr Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.)

BLASHAMMER. — — Von wo er nur das Geld hat! — Gescheitert in Neapel, gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich!

Fünfter Akt.

Abtheilung I.

Zimmer im Hause Blashammers.

Erste Scene.

ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf.

ADELGUNDE (im Spiel ungestört fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur näher.

DER DOCTOR. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß.

ADELGUNDE. Setzen Sie sich.

DER DOCTOR. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie.

ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause?

DER DOCTOR. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht.

ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden.

DER DOCTOR. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille!

ADELGUNDE. Ich erstaune — was soll ich hören?

DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig — Ich werde mich in der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein?

ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend — Seit dem Tage unserer Verlobung hört' ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit sich selbst.

DER DOCTOR. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten muß! — Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand!

ADELGUNDE. Sie erfüllen mich mit Schrecken.

DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten brachen mit ihm — und Sie ahnen, was das heißt! — weil er das Feuer der Revolution heimlich schüren half.

ADELGUNDE. Weh!

DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's.

ADELGUNDE. O Grauen!

DER DOCTOR. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern auch die Freiheit.

ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm!

DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach!

ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch Lust — Nimmermehr!

DER DOCTOR. Ein Ehrenmann hält Wort.

ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring zurück.

DER DOCTOR (drohend). Fräulein!

ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer genug fallen.

DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir.

ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das Leben zur Plage macht.

DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so kann die Zeit gut oder schlecht sein — Uebrigens bau' ich auf eine heil'ge Sache!

ADELGUNDE. Ihre Redekunst.

DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick angenehm versüßt.

ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.

DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in seinem Busen gährt und brennt —

ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein.

DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater — urtheile er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das rein menschliche . . . Doch horch!

Zweite Scene.

DIE VORIGEN. BLASHAMMER.

BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab!

DER DOCTOR. Verstehen Sie? — Still!

BLASHAMMER (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für alle Plage kein Brosämchen!

DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen?

BLASHAMMER (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt versetzt!

ADELGUNDE. Tröste Dich, Vater!

BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren.

ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen — Soll ich?

BLASHAMMER. Vergebne Müh' — sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . . Was macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich gemüthlich auf.

DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt.

BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem tief Gekränkten stammelnd, „hier, Alles was ich schulde bis zum letzten Heller, vertheilt's unter Euch“ — und die Summe von achtmalhunderttausend Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernüsse auf den Tisch warf . . .

DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall!

BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da, er hat mich nicht mehr nöthig.

DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde schlagen — Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich unwürdigen Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und —

BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus — (Adelgunde an die rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück.

DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort und Fräulein meinen Ring.

BLASHAMMER. Wir sind quitt! — Was zauderst Du, Tochter.

DER DOCTOR. Fräulein bleibt . . .

ADELGUNDE. Gnade!

BLASHAMMER. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses — Sogleich will ich ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente.

ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . .

BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhöhnen.

ADELGUNDE. Du irrst.

BLASHAMMER. Woher weißt Du's?

ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz.

BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.

ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.

BLASHAMMER. Er!

ADELGUNDE. Ja.

BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf.

ADELGUNDE. Glaub's mir.

BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um — nur ich allein blieb unverändert.

ADELGUNDE. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern, als das reinmenschliche?

BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie rächt sich die Lüge!

Dritte Scene.

DIE VORIGEN. QUESTENBERG.

QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn.

DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt?

QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Gläubiger.

DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin — rette ich nun ihren Schein!

QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; das Gewissen trieb mich zu Dir.

BLASHAMMER. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an.

QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben.

BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.

QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, Sitte . . . .

BLASHAMMER. Nicht weiter.

QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug —

BLASHAMMER. Ich begreife Alles.

QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß —

BLASHAMMER. Sei unbesorgt.

QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird —

BLASHAMMER. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können — Falls Du Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei.

QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott.

BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen.

QUESTENBERG. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger, arglistiger Menschen erlös'te.

BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender anhören wird.

QUESTENBERG. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater.

BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe auszutauschen.

QUESTENBERG. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen.

BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben.

DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, und verstumme.

QUESTENBERG. Mein Sohn!

DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin entdeckte.

QUESTENBERG. Steht es so!

BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen Herzen.

QUESTENBERG. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das junge Paar.

BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer Versöhnung sogleich laden lasse . . .

QUESTENBERG. Nicht heute — ein andermal.

BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich.

QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß.

DER DOCTOR. Bin dabei.

QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! — Ich wünsche denn beiderseits Lebewohl.

BLASHAMMER. Glückliche Besserung.

DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.)

Abtheilung II.

Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße.

Vierte Scene.

FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS.

FRAU ZIEMENS (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da? Schnell heraus, eine schreckliche Mähr!

VATER ZIEMENS. Pst, leise — Marie schläft.

FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben. — Sieh'st Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns an.

VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke. — Wußte man des Unglücklichen Namen?

FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren verzweifeln ließ.

VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche.

FRAU ZIEMENS. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.)

VATER ZIEMENS. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein Dienst! — Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden Menschen jetzt zur Last zu fallen! — Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . . Horch, die Gartenpforte knarrt — Wer kommt? — Waren Sie im Park?

Fünfte Scene.

VATER ZIEMENS. KLAUS.

KLAUS. Nein, aber dichtbei — hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter Alter, die ihres gleichen sucht!

VATER ZIEMENS. Ich merke! — (mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen? —