Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
Chapter 6
VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid Ihr verloren — Ihr seid — und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! (Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!
FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern Leidenskelch?!
VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe?
FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen!
VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde? — Weib!
FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten blieb der selige Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges Rächerantlitz warnend mir erschien — warst Du nicht umzustimmen! Taub bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur beschämt — er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.
VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie! — Welchem fürchterlichen Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?
ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall zu vertrau'n und dem Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft wo's zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als Mittel zur Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!
FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein!
VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir fallen, sie zu versöhnen.
ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind“ —
VATER ZIEMENS. Albert, Albert!
FRAU ZIEMENS. Lass' ihn!
ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.
VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen!
ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid — unter dem Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran!
FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen.
VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.
FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt katholischen Kirche sich zu Füßen legen.
ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies.
FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort.
ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels Frieden!
VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte?
ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich beschwöre Euch, weilt!
MARIE. Fasse — halte — leite mich, Vater . . .
ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?! — Die Bagatelle, Vater, welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den Lauschern fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, kannst Du für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!
Vierte Scene.
FRAU ZIEMENS. ALBERT.
FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert. — Gewalt stürmt nicht die Schranken ihres Herzens.
ALBERT. Memme! Memme!
FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund.
ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß! — — Oder denkst Du, ich bin ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?!
FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.)
ALBERT. Wo ist sie? — fort — sie ist fort?! — Ihr war's möglich — sie konnte — Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?! — Das endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin — (Ein Messer ziehend.) Teufel und Engel tauschen ihre Masken — die sanftmüthige Taube wird zur Hyäne . . .
FRAU ZIEMENS. Wohin Albert?
ALBERT. Ihr die Schande kürzen!
FRAU ZIEMENS. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind!
ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm Marie entgegen). Gott —
MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz.
ALBERT (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott — entfloh'st Du meiner Brust! . .
MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.)
FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich wieder.)
ALBERT. — — Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen Nebel, froh athme ich auf: — es war nur ein Traum, ein fürchterlich geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten — drum sei er schnell, schnell vergessen!
FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und Mitteln, die Thorheit zu besiegen.
ALBERT. Welch' Gesang — ? Der wilde Klaus!
FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher — schon winkt er uns. (Geschrei aus der Ferne.)
ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach versagte —
Fünfte Scene.
DIE VORIGEN. KLAUS.
KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so leben wir alle Tage, in — _Bon jour monsieur, madame_ — Wir nicht hatten _depuis long-temps_ die Vergnüken — _Reçevez mes compliments_.
ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack? —
KLAUS. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser _passé_ endlich Justiz gehalten.
ALBERT. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher ordentlich deutsch.
KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrückt die Kopf und lassen _oublier notre belle langue allemande_ . . .
ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten.
KLAUS. _Patience, monsieur_.
ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.
KLAUS. _Mille pardons_ — ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk ßoll ßein verschw — w — wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_ Kurkel — _j'étouffe_ . . .
ALBERT. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer!
FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.)
KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million reich! — Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer, großer Mann — Nicht unser Muckerländchen — das freie göttliche Amerika erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _à trouver_ welcher mächtik der Sprak _du monde_.
FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million —
KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein rentables Fabrikchen eingetragen —
FRAU ZIEMENS. Bei!?
KLAUS. — Frau Hoffnung! — Hier die Verschreibung.
ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren — ihrem Besuch — schleunigst — erfreuen — Johnson — — Das ist ein Possenspiel.
KLAUS (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern.
ALBERT. Vergebliche Mühe — zu spät!
KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he?
ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten Namen.
KLAUS. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts aussetzte. — Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf die heidnische Erde. — Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die Sünde für uns alle trägt!
ALBERT. Ja, ich that Dir Leides —
KLAUS (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die Kinnbacken — aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst löschen, — nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend würde mich indeß so recht _tête-à-tête_ bei meinem Schöpfer zur Tafel laden. Ich moderirte sachte — sachte — leise — leise — nach der reichen Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor mir her. Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und balancirte — balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt mich zu Boden neigte — zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo schon so mancher deutsche Ehrenbürger — bescheiden seiner Heldenthaten übermächt'gen Rausch verschlief!
ALBERT. Ein frommer Wunsch.
KLAUS (aufspringend). Erfüll' ihn mir.
ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß, daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich vergesse.
KLAUS. Hoppheisa juchhe! — Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen anhetzen, Steine nach mir zu werfen und „wilder Klaus“ zu schreien, he? Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel pfarrherrlicher Ehrbarkeit?
FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen.
KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:)
Bei wem das Geld im Beutel klingt, Die Seele aus dem Fegfeuer springt.
ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht.
KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu ersinnen, als ein „kreuzige, kreuzige!“ mir auf den Buckel zu kreiden. Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß' elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert hätte. — 's ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr — fahr's nur ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit wahrhaft schwärmt! — Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung!
ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes Versprechen zurück.
KLAUS. Albert — verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der — der die Brust schnürt und Gedanken mir eingiebt — Gedanken, Albert, ach! ich mag keine verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden.
ALBERT (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl in ihm! — Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und erheben, Du, Du — wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder!
KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert, — benutzte die Million _in spe_ für Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer — für Geld ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und Treue! — und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden wollte — Wenn Nein die Antwort — bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der Gedanke elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen; möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, daß seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack beglücken? Wozu nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens sichre Rente!
ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath entsprechen, doch in meiner Weise.
KLAUS. Heil Brutus Dir!
ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr — 's ist jetzt die Zeit. Mich drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten. — Frau Mutter, ein Wörtlein in Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.)
KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er singend hinter ihnen her).
_Allons, enfants de la patrie — hi, hi, Le jour de gloire est arrivé: — he, he. Contre nous, de la tyrannie — hi, hi, L'etendard sanglant est levé — he, he . ._
(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)
Abtheilung II.
Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt.
Sechste Scene.
V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespräch.)
V. ZITTERWITZ. — Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der _haute-finance_ nichts ausrichten läßt — Aber ich kenne Schneider, Schuster, Schlächter, Käthner, die _petit à petit_ hübsche Sümmchen in ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären. — Wenn Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen — nein, Sie schreiben vornehm einige Zeilen blos und —
BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und wie er zu Credit kommt.
V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilität!
BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen. — Ich — ich nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein Wort wenn ich ohne Sicherheit bin.
V. ZITTERWITZ (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre Kühnheit und Sie zweifeln am Glück?
BLASHAMMER. Am Glück des Lottospielers! — Treten wir unter die Gläubiger.
V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?!
BLASHAMMER. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den Loostopf.
V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind! — Daß ich Sie beschäme, Herr Blashammer — (hält ihn fest.)
BLASHAMMER. Herr Regierungsrath?
V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer —
BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an).
V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung —
BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der Concurrenz zu weit überflügelt!
V. ZITTERWITZ. Sie meinen — ?
BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns ansteckt — sagen wir gut für ihn.
V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestühle.
BLASHAMMER. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate heraus — Ich prophezeite es Ihnen schon.
V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen!
BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi — ich achte Ihren guten Glauben und schweige.
V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich absichtslos.
BLASHAMMER. Es tröste Sie.
V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn! — Als Sie noch in den Windeln der Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie daran.
BLASHAMMER. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber, — — (nachdem er auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr Regierungsrath, — die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig als möglich! — und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he?
V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm — ihm und uns wäre damit geholfen.
BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf?
V. ZITTERWITZ. Kein übler Anschlag.
BLASHAMMER. Lohnt's?
V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste Freundschaftsstück guter Christen.
BLASHAMMER. Ueberlegen Sie.
V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf den Fluthen trägt! — Wir sind einig.
BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluß.
Siebente Scene.
DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein großes Buch unter'm Arm).
V. ZITTERWITZ. Fort!
BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.
V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.)
QUESTENBERG. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt — nichts, was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch schweigend auf — O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)
Achte Scene.
QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS.
ALBERT. Wir treffen ihn noch! — Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es zu melden.
KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen.
ALBERT. Geh, eile.
KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's.
ALBERT. Willst Du mich erzürnen.
KLAUS. — Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen.
ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale!
Neunte Scene.
DIE VORIGEN ohne KLAUS.
QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens.
ALBERT. Ihr treuer Diener.
QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege.
ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter — Verweilen Sie nur einige Minuten.
QUESTENBERG. Du kommst mich verhöhnen — ich les' es in Deinem Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve.
ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune. —
QUESTENBERG. Schlange!
ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . .
QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was Dich herführt.
ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen —
QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist, Albert.
ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.
QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint?
ALBERT. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten —
QUESTENBERG (ungläubig). Ah!
ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die — Kühnheit hatte.
QUESTENBERG. So! hm! — Und sie fanden seinen Beifall?
ALBERT. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem Unglück hörte —
QUESTENBERG. Wirklich — sieh! ah! der Zufall fügt oft Wunderdinge — räthselhaft erscheint mir blos . . .
ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das — eines Mannes von bösem Gewissen.
QUESTENBERG. Du täuschest Dich wohl nicht.
ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.
QUESTENBERG. Willst es wissen?
ALBERT. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten.
QUESTENBERG. Du wurdest betrogen, —
ALBERT. Sie scherzen!
QUESTENBERG. unterdrückt, —
ALBERT. Pfui.
QUESTENBERG. tyrannisirt!
ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?! — O mein Gebieter!
QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr. — Pack' Dich fort.
ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie — man kommt — Ihr Retter! — Glauben Sie mir nun?
QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert.
Zehnte Scene.
DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON.
JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits. —
QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . .
JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind —
QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht).
JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung.
KLAUS (murrt).
QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.
JOHNSON. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.