Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
Chapter 5
ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! — Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!
DER DOCTOR (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — wirst Du mir verzeih'n.
ALBERT. Zur Sache.
DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument, Albert, Du empfängst das Dokument . . .
ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt.
DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir Marie nie gebeichtet von mir?
ALBERT. Von Ihnen?
DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war?
ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit —
ALBERT. Nun wohl.
DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
ALBERT. Bei welcher Gelegenheit?
DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte?
DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt verließ und zur Universität abging.
ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische mir gestern erschien!
ALBERT. Wo?
DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein zu nennen! . .
ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor.
DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen.
ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.
DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins!
ALBERT. O, Sie haben nie geliebt!
DER DOCTOR. Du meinst!
ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen.
DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür!
ALBERT (lacht).
DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte ich ihn ohne Umstände fordern . . .
ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung!
DER DOCTOR. Du bist ein Gott!
ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt keine heiligere Reliquie mehr!
DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab. — (laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muß zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.) — — Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?
ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier unterzeichnete?
DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar auf, — er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge — (bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
ALBERT. Beim ewigen Heil!
DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.
ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben! — er aber, Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend, — muß lachen, um sein blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken, um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
ALBERT. Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß bringt mich dem armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht — ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel — wir Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos.
DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . .
ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch.
ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor.
DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl.
ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)
Neunte Scene.
[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus dem Original übernommen.]
BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet, das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde.
BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der Börse verloren . . .
DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen. —
BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich in einen Sessel.)
DER DOCTOR. — Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein — indessen, wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . .
BLASHAMMER. Das arme Herz! — Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . .
DER DOCTOR. Sie flößen mir Angst ein.
BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie.
DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen.
BLASHAMMER. Wir wollen's erproben!
Zehnte Scene.
DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde?
BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.
QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?
BLASHAMMER. Lies, lies!
QUESTENBERG (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition ist. — Es klingt wie eine Verleumdung.
BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten in die Schuhe . . .
QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun.
BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?!
QUESTENBERG. 's ist unglaublich!
BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große Blashammer Ehre und Existenz!?
QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken!
BLASHAMMER. Niemand — wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist?
DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien!
BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post.
QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen wieder abbestellt.
BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig! — Es sind die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .
QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!
BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.
DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die Arme.
BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater.
DER DOCTOR. — Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.
BLASHAMMER. Wodurch?
DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.
BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten!
DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da kann's Ihnen auf ein oder zwei nicht ankommen.
BLASHAMMER. Danke bestens.
DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.
BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber — öffne den andern Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains. — Der gute Mann mußte für mich sterben! . .
QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn, Leichtsinn!
DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!
BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel.
DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?!
BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .
DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.
BLASHAMMER. Ich lass' es gelten.
DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's seine eigene Schuld.
BLASHAMMER. Meinetwegen.
DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!
BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!
DER DOCTOR. Warum, sage ich?!
BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können!
DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm anvertrauten.
BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch gleichgültiger.
DER DOCTOR. Bravo!
BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . .
DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.
BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von Palermo ungehindert fortgelassen haben.
DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List!
BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .
DER DOCTOR. — selbst bei Gefahr Ihres Lebens!
BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie glauben!
DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .
BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen!
DER DOCTOR. Nicht wahr?
BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater morgen die Gläubiger vom Halse schaffen!
DER DOCTOR. — — Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen?
BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund.
DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn?
BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr.
DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?
BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül. — Ich bin ein ruinirter Mann!
DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht.
BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies Sie zu fragen!
DER DOCTOR. Papa, was denken Sie?
QUESTENBERG. Nichts mein Sohn.
DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil!
QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während der Vorhang fällt).
Vierter Akt.
Abtheilung I.
Vor der Hütte des Vater Ziemens.
Erste Scene.
MARIE. FRAU ZIEMENS.
FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du, — bleib' in der Hütte.
MARIE. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor.
FRAU ZIEMENS. Welche schönen Blumen?
MARIE. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja — ich hatte die ganze Schürze voll.
FRAU ZIEMENS. Du träumst, Kind — — Entstiegst Du nicht eben dem Federbett! — Komm' zurück, die Luft weht kalt.
MARIE. Bin ich denn krank?
FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem Blut.
MARIE. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten, fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu springen wie bei der Hochzeit.
FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde.
MARIE. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert — Du schaltst ihn einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er mich an den Abgrund des Verderbens gebracht — Ich litt es nicht, fühlte mich verletzt . . .
FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern.
MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde —
FRAU ZIEMENS. — strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein ehrbares Mädchen hegt Gedanken —
MARIE. Welcher Art?
FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon.
MARIE. Mütterchen, Du erschrickst mich.
FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf Deiner Zunge — Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich geschrieben — Wie wird Dir — Mein Kind!
MARIE erblaßt und droht umzusinken.
FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme). — Was hast Du auf Deinem Gewissen!
MARIE. — 's ist überstanden; die schwache Natur hilft mir — — Du bist auf alles vorbereitet — hier, lies den verhängnißvollen Brief. — —
FRAU ZIEMENS. — Mir dunkelt's vor den Augen.
MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um — um meiner Ehre Preis! — — Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein Verbrechen zu sühnen.
FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten.
MARIE. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die Liebe des Guten.
FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon —
MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld — Ich bedarf einer Autorität!
FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooß der Kirche.
MARIE (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben trieb und kannst allein —
FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht?
MARIE (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen obersten Wohlthäter.
FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!
MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden — die Brille.
FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott! — Nun erst begreif' ich, wie tief Du sankst — — Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut sie mehr!
MARIE. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! — Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber seines Beispiels! — Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen?
FRAU ZIEMENS. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin.
MARIE. Muß ich — ?
FRAU ZIEMENS. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?!
MARIE. . . . Der Tod.
FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten wir das um Dich!
MARIE (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' mich nach jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete — Ersehnte! Er ist's! — Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden Ports — doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts stürmt ihn das unerbittliche Meer.
Zweite Scene.
DIE VORIGEN. ALBERT.
ALBERT. Grüß' euch Gott, meine Theuren.
MARIE (kehrt ihm entsetzt den Rücken).
FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung).
ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! — Frau Mutter, dies Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . .
FRAU ZIEMENS (damit in die Hütte).
ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles — War die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an Mädchen, wie fass' ich —
MARIE (reicht ihm des Doctors Brief).
ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden? — Ha! — Der junge Herr ging schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie! — — Aber wie fein! wie herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . „Die trüben Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt“ — Ei, ei! . . . Zu viel überschwemmendes Lob — zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen konnte! — (Sich die Hand vor die Augen haltend.)
Dritte Scene.
DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS.
VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert.
ALBERT. Wer ruft mich? — Mein Vater!
VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm. — Sag' mir doch, wo er ist?
FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind — Da, da hast Du ihn.
VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote — Noch kommst Du zur rechten Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch — — Du bebst zurück? Welche finstere, verzweifelte Mine?
ALBERT. Armer Vater!
VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer — Bringst Du meinem Töchterchen keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt —
ALBERT. Vergrößert ihre Pein.
VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . Lass' mal sehn — Ist sie im Garten?
ALBERT. Hier sitzt sie — erstarrt von des Geschicks Meduse.
VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen — Kinder, Kinder, ihr werdet nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen.
FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind närrisch.
VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren kaltes Herz?
FRAU ZIEMENS. 's ist einfach.
VATER ZIEMENS. Erzähle — sei so gut.
FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe recht, bevor sie Albert kannte —
VATER ZIEMENS. Ich versteh'.
FRAU ZIEMENS. — ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward —
VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr.
FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth. —
VATER ZIEMENS. Meine Ahnung!
FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält). Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein blieb.
VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen — dessen bin ich gewiß.
FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, schmeichelhaften Sprache.