Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten

Chapter 4

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DER DOCTOR. Wohl war ich's.

ADELGUNDE. _Eh bien?_

DER DOCTOR. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave Burschenseele.

ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._

DER DOCTOR. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus.

ADELGUNDE _Et après?_

DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr ernst.

ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.

DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau.

ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.

DER DOCTOR. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine gültigere giebt —

ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.

DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . .

ADELGUNDE. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die Wahrheit wird euch erlösen.“

DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.

ADELGUNDE. Das ist mir neu.

DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn.

ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie glauben?

DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach vergolten —

ADELGUNDE. So murren Sie nicht?

DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.

ADELGUNDE. Sie sind barock.

DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.

ADELGUNDE setzt sich und seufzt.

DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur in Thorheit.

ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.

DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.

ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!

Fünfte Scene.

DIE VORIGEN. BLASHAMMER.

BLASHAMMER. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort.

DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Hülfe.

V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener — gefällt's den geehrten Herrschaften . . .

BLASHAMMER. Nur näher getreten.

V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.

DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.

V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier allein —

DER DOCTOR. — Was außerordentlich auffiel —

V. ZITTERWITZ. — und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu lauschen.

DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft.

Sechste Scene.

DIE VORIGEN. QUESTENBERG.

QUESTENBERG. Man ließ mich rufen . . .

V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spät.

QUESTENBERG. Was gab's?

V. ZITTERWITZ. Ein äußerst interessantes Gespräch.

QUESTENBERG. Es handelte sich?

V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . .

BLASHAMMER. Erstaune!

V. ZITTERWITZ. — als von Liebe!

DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.

QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein.

BLASHAMMER. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt.

ADELGUNDE. _A la bonne heure!_

DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . .

BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, als . . .

ADELGUNDE. Papa!

BLASHAMMER. — als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr.

DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein!

V. ZITTERWITZ. — Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern — hören Sie?

QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen?

BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure Hände, Kinder, daß ich sie ineinanderlege.

V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon —

QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht.

V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal!

QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!

V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)

Abtheilung II.

Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.

Siebente Scene.

DER DOCTOR (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und Champagner — Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!

Achte Scene.

DER DOCTOR. MARIE.

MARIE. Grüß' Gott!

DER DOCTOR. Danke.

MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?

DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . .

MARIE. Ich kann steh'n.

DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)

MARIE. Ich will kurz sein.

DER DOCTOR. Zunächst mit wem wird mir die Ehre — ?

MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein kann . . .

DER DOCTOR. Ich ahne schon . . .

MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen Vers von mir.

DER DOCTOR. Sie heißen — ?

MARIE. Marie Ziemens.

DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun!

MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.

DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!

MARIE. Kaum glaublich.

DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.

MARIE. Ach!

DER DOCTOR. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte?

MARIE. O sprechen Sie nicht so.

DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Mündchen — gleich!

MARIE. Pfui.

DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte!

MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim.

DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.

MARIE. Ich bin Braut.

DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?

MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.

DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe?

MARIE. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig.

DER DOCTOR. Es soll gescheh'n.

MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn —

DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's.

MARIE. Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters — leider aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!

DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und —

MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .

DER DOCTOR. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei von Eifersucht ist?

MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!

DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden.

MARIE. Nun? . .

DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich — darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß.

MARIE. O weh, ein schlechter Handel.

DER DOCTOR. Nicht für mich.

MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen?

DER DOCTOR. Mit Händeklatschen.

MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.

DER DOCTOR. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig unterzeichnen. . . .

MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.

DER DOCTOR. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?

MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . .

DER DOCTOR. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .

MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!

DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. (Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, sie lebe hoch!

MARIE. Schonung, Herr Doctor! —

DER DOCTOR. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, was sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen Sie. — Die Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?

MARIE. Ziemlich gut.

DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen! — — Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins.

MARIE. Danke.

DER DOCTOR. Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —

MARIE. Es war mein letzter Tropfen.

DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . Nur her das Glas.

MARIE. Ich schlag's in Trümmer.

DER DOCTOR. Das hieße mich verachten.

MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!

DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?

MARIE. Sie wissen's.

DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!

MARIE. Lassen Sie mich nur fort.

DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.)

MARIE. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.

DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall!

MARIE. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt grabe — darf sie nicht erzürnen.

DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstücke.

MARIE. Herr Doctor . . .

DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel. — Ich begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß sogar Thränen. — Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . .

MARIE. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief.

DER DOCTOR. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.

MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.

DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er fällt in einen Stuhl.)

MARIE. Leben Sie wohl. (ab.)

Neunte Scene.

DER DOCTOR. — — — Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!

Zehnte Scene.

DER DOCTOR. QUESTENBERG.

QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?

DER DOCTOR. So so, la la!

QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel schon gänzlich gehoben sein.

DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen.

QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich.

DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer zusammengestapelt! — In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn einigermaßen verschonen.

QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.

DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.

QUESTENBERG. Mein Sohn!

DER DOCTOR. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage.

QUESTENBERG. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und —

DER DOCTOR. Ihm muß geholfen werden, er verdient's!

QUESTENBERG. Du weißt aber nicht —

DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen!

QUESTENBERG. Welch' Wagestück!

DER DOCTOR. Unsinn!

QUESTENBERG. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu mischen.

DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?

QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse —

DER DOCTOR. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche Würde ignorirt. — (Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, da!

QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns.

DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!

QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt schüchtern ein.)

DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt.

QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)

Eilfte Scene.

DER DOCTOR. ALBERT.

DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die Herablassung.

ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid entweihe . . .

DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker?

ALBERT. Ein wenig.

DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, bedenke das und —

ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches!

DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!

ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!

DER DOCTOR. Es lebe die Association!

ALBERT (ernst). Sie lebe!

DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern!

ALBERT. Fort mit den Privilegien!

DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum!

ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.

DER DOCTOR (lacht ironisch).

ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?

DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.

ALBERT. Vielleicht! . .

DER DOCTOR (lacht wieder).

ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?

DER DOCTOR. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.

ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel).

DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die —

ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl.

DER DOCTOR. Wirklich — ei, ich meine er that übel.

ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, fand, daß mein Verlangen unbillig war.

DER DOCTOR. Albert!

ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!

DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!?

ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken.

DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?

ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu triumphiren . . .

DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was er Dir giebt.

ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht beurtheilen.

DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)

ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?

DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.

ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie zuzumessen!

DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!

ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . .

DER DOCTOR. Was hast Du Albert?

ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?

DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.

ALBERT. So hatte er doch Furcht —

DER DOCTOR. Inwiefern?

ALBERT. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, blutärmsten Paria!

DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches.

ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .

DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.

ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.

DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan!