Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten

Chapter 3

Chapter 33,553 wordsPublic domain

V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich that.

BLASHAMMER (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen Erfindung.

V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . .

BLASHAMMER. Alles.

V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle!

BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine zu gleicher Zeit Versuche an? . . .

V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen —

BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel!

V. ZITTERWITZ. Sie müssen falsch unterrichtet sein.

BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine — der Erfinder selbst brachte sie mir in's Haus . . .

V. ZITTERWITZ. So!

BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch — Einige Versuche im kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben verbittert!

V. ZITTERWITZ. Er ein Betrüger!

BLASHAMMER. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein —

V. ZITTERWITZ. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen!

BLASHAMMER. Allerdings.

V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein? — Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . .

BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. (laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte?

V. ZITTERWITZ. Warum nicht? — Schalk, Schalk, heraus mit der Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu Questenberg wohl nur erproben —

BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unächt ist.

V. ZITTERWITZ. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus?

BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine Tochter vermählt.

V. ZITTERWITZ. Aha!

BLASHAMMER. Verstehen Sie?

V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder der größte Schlaukopf, welcher lebt.

BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann.

V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen scheint.

Sechste Scene.

BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG.

(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.)

V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite). — Gleichviel welche Absicht ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach!

QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie!

V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen. —

BLASHAMMER. — Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich alles rücksichtslos tadle, was . . .

V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt.

BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre!

V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen —

BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt ihm dann für's Portefeuille eines Ministers?

V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses durch den interessanten jungen Mann zu vollenden.

BLASHAMMER. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich — gehen wir ein bischen in's Freie.

V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen den Doctor — nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab).

Siebente Scene.

QUESTENBERG. . . . Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung kam — anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu entthronen, mich zu seinem Commis zu machen, — wozu würde er sonst die Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem Heirathsproject Beifall schenken?

Achte Scene.

QUESTENBERG. DER DOCTOR.

DER DOCTOR. Was giebt's Papa?

QUESTENBERG. Setze Dich zu mir.

DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde glücklich zu Wasser.

QUESTENBERG. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine Schmach.

DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich.

QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren?

DER DOCTOR. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn zu necken.

QUESTENBERG. Wirklich!

DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_

QUESTENBERG. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld!

DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch glücklich zu werden, indessen —

QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden!

DER DOCTOR. — Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern.

QUESTENBERG (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich bis über die Ohren im Actenstaube begraben!

DER DOCTOR. Ich stürbe aus Gram!

QUESTENBERG. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können!

DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Römer; 's ist ein Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut!

QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit.

DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit stattfindet?

QUESTENBERG. Noch nicht.

DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig?

QUESTENBERG. Auch noch nicht . . .

DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmöglich!

QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den wichtigen Punkt . . .

DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das!

QUESTENBERG. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . .

DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa!

QUESTENBERG. Wie ich Dir sage.

DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trüben — kann sich der Doctor nicht verlieben.

QUESTENBERG. Ironischer Narr!

DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis!

QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.)

DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) Die Musik mahnt!

QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich!

DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich.

QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .

DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten.

QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören!

DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären.

QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will geh'n.)

DER DOCTOR. Papa . . .

QUESTENBERG. Ich sprach genug.

DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil.

QUESTENBERG. Nämlich?

DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.

QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an.

DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag.

QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.)

DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.)

Abtheilung II.

Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl.

Neunte Scene.

FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend).

MARIE. — In acht Tagen, liebe Mutter.

FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist — ein Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das Vertrauen stiehlt.

MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein.

FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr anstellen! Was versteht er!

MARIE. Geduld!

FRAU ZIEMENS. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so hätten wir unsere Freude — Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, der früher ein Auge auf Dich warf.

MARIE. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon!

FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen?

MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!

FRAU ZIEMENS. He? öffne den Mund.

MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)

FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer — Er macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.)

Zehnte Scene.

VATER ZIEMENS. MARIE.

VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, ha, tönet sie — 's ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der Christgeborene — aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll! — Ein schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (FRAU ZIEMENS trägt Essen auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören.

Eilfte Scene

DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS.

FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit.

VATER ZIEMENS. Mamachen!

FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich trug schon die Suppe auf — (Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, Marie. (Marie ab.)

VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute früh ziemlich gute Mienen.

FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . .

VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam — Das Uebel heilt bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . .

MARIE kommt mit der Lampe.

VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen?

FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen.

VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn fortzufahren.)

FRAU ZIEMENS. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das Haus.

VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen?

FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thränen ein Ende — schäme Dich! — Gieb dem Alten einen Kuß und das Versprechen.

VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl!

MARIE giebt ihm einen Kuß.

VATER ZIEMENS. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht treffen, — Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was gibt's denn da?

FRAU ZIEMENS. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß — Wohl verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks.

VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest?

FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon?

VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Mütterchen.

FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst Du, he?

VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute.

Zwölfte Scene.

DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.)

MARIE. Weh!

VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!

MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn! (ab.)

VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Mütterchen!

FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.)

Dreizehnte Scene.

VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und sieht dumpf vor sich hin.)

VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind allein.

ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner Lage . . .

VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld!

ALBERT. Inwiefern?

VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann — verzeih'! oh, oh!

ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll ich etwa gleich das Bündel schnüren?

VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .

ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!

VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und sterbend gesenkt! . .

ALBERT (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des Erlösers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)

VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen Scheidestunde — hörst Du?

ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter Wille, daß ich geh'.

VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab!

ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke!

VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb!

ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!

VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.

ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n!

VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen? Albert, Albert!

ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.

VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz!

ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)

VATER ZIEMENS. Albert bleib! — Fort ist er! 's war sein Schatten, er selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in Ewigkeit!

Dritter Akt

Abtheilung I.

Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.

Erste Scene.

BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend.

BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)

V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht umsonst Psychologie . . .

BLASHAMMER. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.

V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen.

BLASHAMMER. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .

V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .

BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre Fragen?

V. ZITTERWITZ. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . .

BLASHAMMER. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen — Nein wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers opfere! — Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurück zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! Fort, beschwingen Sie Ihre Füße!

V. ZITTERWITZ. Ich will mir Flügel anlegen. — (Er bleibt zaudernd stehen.)

BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt.

V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so!

BLASHAMMER. Keine Zeit verloren.

V. ZITTERWITZ (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel Vergnügen mein Fräulein.

BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!

Zweite Scene.

DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ.

BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)

ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater?

BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.

ADELGUNDE. Woher kommt das?

BLASHAMMER. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . .

ADELGUNDE. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.

BLASHAMMER. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose Nächte . . .

ADELGUNDE. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten.

BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.

ADELGUNDE. Hier?

BLASHAMMER. Ja.

ADELGUNDE. Aber mein Vater.

BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann. — Du sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen Knöpfen. — Sicherlich findet er Deinen Beifall.

ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen!

BLASHAMMER. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, küss' mir die Hand.

ADELGUNDE (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das!

BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage! — Ich höre Tritte. — Er wird's sein . . .

ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.

BLASHAMMER. — Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. — (Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er geht.)

ADELGUNDE (nachrufend). — Papa?

BLASHAMMER. Meine Tochter?

ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat?

BLASHAMMER (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt — Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . .

ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)

BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was ihn erzürnt.

ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich — ich sehne mich sie abzuschütteln.

BLASHAMMER ab.

Vierte Scene

[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]

ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR.

DER DOCTOR. Fräulein ist noch da! — also scheint's der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.

V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Nähe.

DER DOCTOR. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies Sträußchen zu sammeln.

ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?

DER DOCTOR. _Au hasard_

ADELGUNDE (annehmend). Ich danke.

DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent également notre adoration._

ADELGUNDE. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig.

DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wünschen Sie zu hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe?

ADELGUNDE. _Avec plaisir._

DER DOCTOR. Auf das Buch der Bücher.

ADELGUNDE. _Par exemple!_

DER DOCTOR. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.

ADELGUNDE. _Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . Dites mois alors . . ._

DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener.

ADELGUNDE. — _comment d'après ce princip, arriveriez vous à une inclination individuelle?_

DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich verliebt — auf Befehl des Alten!

ADELGUNDE. _Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez une reponse à toutes les questions . . . ._

DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.

ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_

DER DOCTOR. Ich stehe beschämt . . . .

ADELGUNDE. _Mais vous n'êtes pas philosoph?_