Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
Chapter 2
KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein Spiegel reflectirt alles verkehrt.
MARIE. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?
KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
MARIE. Ueberflüssig! — Heraus damit.
KLAUS (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten —
MARIE. Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die Thür, schütze mich!
KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer.
ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . .
ALBERT wendet ihm den Rücken.
KLAUS. Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden —
MARIE. Packen Sie sich nur, Elender.
KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!
MARIE. Pfui.
KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
Sechste Scene
DIE VORIGEN ohne KLAUS.
MARIE (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich in die Stube trat, wovon war die Rede?
ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen Träumen zu opfern!
ALBERT. Meinen Träumen!?
MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual — Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu sehen.
ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig —
MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren sollest —
ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das beschränkte Thier.
MARIE. So schwärmt Klaus.
ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?
ALBERT. Höre auf davon.
MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! — Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!
ALBERT. Erbarmen!
MARIE. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
ALBERT. Bleib' Marie.
MARIE. Was wünschest Du noch?
ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
MARIE. Versuch's.
ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell einen Rock an).
MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht).
MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).
Zweiter Akt.
Abtheilung I.
Vorzimmer zum großen Festsaal.
Erste Scene.
ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich in einem Lehnstuhl.
QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du sprachst von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last. —
ALBERT. Um Entschuldigung —
QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen. — Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern —
ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.
QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern aufschlägt.)
ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!
QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz.
ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.
QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.
ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das Buch durchübe — länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde ich's dann wagen können zu bitten —
QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward.
ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach! — (Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)
QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.
ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!
QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den Schatz nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?
ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr.
QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ Diese Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen. — O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, mehr, Du giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen. — Dieser Zustand mag im Sommer noch golden sein, — aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden. Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“ „Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe hilflos unter verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.
ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende Hoffnung überbringen!?
QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug! — Ich soll helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne fahren, versteht Er, Herr Pinsel?
Zweite Scene.
DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ.
V. ZITTERWITZ. Wir stören doch nicht?
QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. — Haben Sie nur die Güte näher zu treten.
V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her?
QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)
V. ZITTERWITZ. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden?
QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen?
V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, die Eigenthum für Diebstahl halten.
QUESTENBERG. Er gehört zu den Socialisten.
V. ZITTERWITZ. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich entfesselt!
QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin.
V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen. — Die Staatsmänner entwickeln noch zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit der Wurzel auszureuten.
QUESTENBERG. Was wird denn versäumt?
V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung für mich behalten. — Stünd's in meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die Demagogenhitze vertreiben.
QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen.
V. ZITTERWITZ (ungläubig vom Stuhle aufspringend). — — Natur deine Launen sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine höchsten Güter! — Was bemerkt doch Göthe darüber — ich glaub' 's ist der alte Papa — oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein paar Groschen bei mir — es drängt mich meine schiefe Meinung . . .
QUESTENBERG. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte.
V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung, schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so — Sie waren ja mit ihm in Unfrieden, 's ist unpassend . . .
QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient.
V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .
QUESTENBERG (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl? (Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.)
V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer Krippe geboren. — Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um. — Statt mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit Nackenschlägen! — — Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen wollte — Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . .
QUESTENBERG. Wird er kommen?
V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.
QUESTENBERG. Nun?
V. ZITTERWITZ. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar brennen!
QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim durchreisenden Finanzminister galt.
V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.
QUESTENBERG. Unmöglich!
V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich verkriechen.
QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . .
V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus. — Sein Gesicht verzog sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . . Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn herzhaft in die Schmiede. — Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor Mitternacht zu Stande kommen! — Ein verschwiegener Kupferstecher mußte mir schon die schönsten Karten drucken — Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein Päckchen Karten.)
QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, Verlobte.
V. ZITTERWITZ. Gefällt die feine Schrift?
QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel die Herren und Damen stehn.)
V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl!
QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen.
Dritte Scene.
DIE GÄSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR.
QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von Herzensgrund. — Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen.
V. ZITTERWITZ. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde. — Was macht die traute Freundin Pipi?
QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl bettlägerig wurde — ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu scharf!
V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief).
QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod. — Noch immer lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja? — Freut mich, freut mich!
Vierte Scene.
DIE VORIGEN. EIN SÄNGER in feiner Toilette.
DER SÄNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel unten lachen und rufen: bravo, bravo!)
V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man darunter?
BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich meines Theils denke, es ist die Eßkunst. — Stimmen Sie mir gefälligst bei, ich bitte . . .
V. ZITTERWITZ. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du quartier latin_ . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . . (Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen auch?
DER DOCTOR. Freilich.
V. ZITTERWITZ. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann?
DER DOCTOR. Ich bürge Ihnen. —
V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?
BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des „Deutschen beste Kunst“ von diesem Genre, lieber Doctor?
DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung. — Der Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .
BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin!
V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . .
DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner Feder, hi, hi, hi . . . .
V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia!
BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr?
DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.
V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum Anfang).
DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung).
Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst, In jedem Herzen wiedertönt, Zur Einheit Jung und Alt versöhnt? O halte ein! Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst, Den Schwachen schützt, den Starken wehrt, Des Heilands Worte frömmig ehrt? O halte ein! Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst, In Land und Stadt der Leute Fleiß Zum Ziel des Heils zu lenken weiß? O halte ein! Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst Das Recht verklärt, den Geist erhebt, Die Menschheit zu vergöttern strebt? O halte ein! Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst Die Sitte lenkt, das Leben führt Und jede Handlung edel ziert? O halte ein! Sie kann es schon gewiß nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst? So nennt sie endlich mit Vergunst! Es ist doch nicht die Niedertracht, Wo feig der Schalk sich selbst belacht! O halte ein! Sie kann es nie von Herzen sein.
Sie kann es nie von Herzen sein, O Gott vom Himmel sieh' darein Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft: Es falle ihre Meisterschaft! O stimmet ein, So soll es und so wird es sein.
Fünfte Scene.
Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum DOCTOR:
V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen Galanterie?
DER DOCTOR. In keinem.
V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr „leben und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei, mit Permission gesagt —
DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . .
V. ZITTERWITZ. — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.
DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER erhebt sich mit einem Becher.)
V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen?
BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!
QUESTENBERG setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen.
BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ zusammen.)
V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken.
BLASHAMMER. Zum Schein.
V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich verloren?
BLASHAMMER. Ja . . .
V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn).
BLASHAMMER. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen!