Der Amateursozialist: Roman

Part 9

Chapter 93,825 wordsPublic domain

Ein paar scharfe und durchdringende Töne kamen unverkennbar von der Gartenklingel auf dem Vorplatz. Es war eine laute Klingel, die bestimmt war, die Dienstmädchen im Hause anzurufen, wenn das Tor geöffnet werden sollte. Denn das Pförtnerhäuschen war unbewohnt.

»Was in aller Welt kann das sein?« fragte Agatha. »Können sie nicht das Törchen finden, die Idioten?«

»Hoffentlich nicht! Bitte, komm herauf, Agatha.«

»Nein, ich will nicht. Geh nur, wenn du willst.« Aber Gertrude fürchtete sich, allein zu gehen. »Es ist am besten, wenn wir Miß Wilson wecken und es ihr sagen.« fuhr Agatha fort. »Es ist schrecklich, in solch einer Nacht jemand nicht hereinzulassen.«

»Aber wir wissen ja nicht, wer es ist.«

»Nun, ich weiß jedenfalls, daß du keine Angst vor ihnen hast,« sagte Agatha, obgleich sie das Gegenteil wußte. Aber sie benutzte die Gelegenheit, Gertrude zu beschämen und zum Schweigen zu bringen.

Sie lauschten wieder. Der Sturm wütete jetzt besonders laut, und sie konnten die Glocke nicht hören. Plötzlich klopfte jemand heftig an die Haustüre. Gertrude schrie, und ihr Schrei erhielt aus den oberen Räumen ein Echo. Verschiedene Mädchen hatten auch das Klopfen gehört und waren dadurch so erschreckt worden, als hätten sie Alpdrücken. Eine Kerze flackerte auf der Treppe, und man hörte Miß Wilsons Stimme, die beruhigend fest klang.

»Wer ist da?«

»Das bin ich, Miß Wilson, und Gertrude. Wir haben uns das Wetter angesehen, und da klopft jemand an die --« Ein wütendes Hämmern mit dem Türklopfer unterbrach sie. Dann folgte ein Laut, der durch den Sturmwind übertönt wurde, als ob ein Mann etwas riefe.

»Sie sollten lieber nicht die Tür öffnen,« sagte Miß Wilson etwas beunruhigt. »Und Sie, Agatha, sind sehr unvernünftig, daß Sie hier stehen. Sie werden sich zu Tod -- O Gott! Was kann da sein?«

Sie eilte, gefolgt von Agatha, Gertrude und einigen mutigeren Schülerinnen, auf den Flur hinunter. Ein paar zitternde Dienstmädchen standen neben der Haushälterin, die jammernd durch das Schlüsselloch fragte, wer denn da wäre. Man hörte sie offenbar draußen nicht, denn das Klopfen begann, während sie sprach, von neuem, und sie fuhr zurück, als ob sie einen Schlag gegen den Mund bekommen hätte. Miß Wilson rasselte jetzt mit der Kette und fragte von neuem, wer da wäre.

»Lassen Sie uns ein!« schrie jemand dumpf durch das Schlüsselloch. »Hier ist eine sterbende Frau und drei Kinder. Macht die Tür auf!«

Miß Wilson verlor ihre Geistesgegenwart. Um Zeit zu gewinnen, antwortete sie: »Ich -- ich kann nicht verstehen. Was sagten Sie?«

»Verdammt!« rief die Stimme und richtete sich diesmal an jemand, der sich draußen befand. »Sie können uns nicht verstehen.« Und das Klopfen begann von neuem und mit verstärkter Heftigkeit. Agatha faßte erregt Miß Wilson an ihrem Morgenkleid und wiederholte ihr, was die Stimme gesagt hatte. Miß Wilson hatte es deutlich genug gehört, und sie fühlte auch irgendwie, daß sie die Türe öffnen müsse, aber sie war fast überwältigt von einer unbestimmten Furcht vor dem Kommenden. Sie begann die Kettet abzuhängen, und Agatha half ihr bei dem Aufriegeln. Zwei Dienstmädchen erklärten, sie würden sicher alle in ihren Betten ermordet werden, und liefen davon. Einige von den Schülerinnen schienen geneigt, ihrem Beispiel zu folgen. Bis endlich die freigewordene Tür weit aufflog und Miß Wilson und Agatha zurückwarf. Ein Wirbelwind fuhr in den Hausflur, riß an den Kleidern der Mädchen und blies die Kerzen aus. Agatha sah beim Aufzucken eines Blitzstrahls zwei Männer, die sich an der Türe abmühten, wie Matrosen an einer Ankerwinde. Dann hörte der Wind auf, und sie wußte, daß die Türe geschlossen war. Streichhölzer wurden angezündet, die Kerzen in Brand gesetzt, und man konnte jetzt die Ankömmlinge deutlich erkennen.

Smilasch stand in bloßem Kopf und ohne Rock da, seine Manchesterweste und Hose waren schwer vom Regen. Neben ihm stand ein struppig aussehender Mann im mittleren Alter, der die ärmliche Kleidung eines Viehhirten trug und gleichfalls ganz durchnäßt war. Er hatte das armselige, geduldige und verzweifelte Gesicht eines Menschen, der vom Unglück hart verfolgt und am Ende seiner Kräfte ist. Zwei kleine Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, die fast nackt waren, verbargen sich unter einem alten Sack, den sie als Schirm gebraucht hatten. Auf der Polsterbank aber lag ein Bündel abgetragener Kleidungsstücke, Sackleinen und zerrissener Decken, das mit Smilaschs Rock und Südwester bedeckt war. Unter diesem Haufen Lumpen verbarg sich ein erschöpftes Weib mit einem armseligen Säugling an der Brust. Smilaschs Gesicht bekam einen grimmigen Ausdruck, als er nach ihr hinsah.

»Verzeihen Sie, daß wir Sie stören, Lady,« sagte der Mann nach einem ängstlichen Blick auf Smilasch, da er erwartete, daß dieser sprechen würde. »Aber mein Dach und eine Wand von dem Haus sind bei dem Sturm eingestürzt, und meine Frau hat noch ein anderes kleines Kind gehabt, und es tut mir so leid, daß wir Sie belästigen, Miß. Aber -- aber --«

»Belästigen!« schrie Smilasch. »Es ist das höchste Vorrecht einer Dame, Ihnen zu helfen -- das höchste Vorrecht.«

Der kleine Junge begann hier vor lauter Elend zu weinen, und die Frau erhob sich, indem sie sagte: »Schäme dich, Tom! Hier vor der Lady.« Dann aber sank sie zusammen, zu schwach, um sich noch um etwas zu bekümmern, was jetzt geschehen konnte.

Smilasch sah ungeduldig Miß Wilson an, die zauderte und ihn endlich fragte: »Was erwarten Sie denn, daß ich tun soll?«

»Helfen sollen Sie uns,« antwortete er. Dann fügte er mit einem Ausbruch nervöser Energie hinzu: »Tun Sie, was Ihr Herz Ihnen gebietet. Geben Sie dem Weibe Ihr Bett und Ihre Kleider und lassen Sie die Mädchen auf ein paar Tage ihre Bücher zum Teufel werfen, damit sie für die armen, kleinen Geschöpfe etwas Kleidung anfertigen. Die Armen haben schwer genug gearbeitet, um _sie_ zu bekleiden. Lassen Sie jetzt die Mädchen auch einmal die Armen bekleiden.«

»Nein, nein. Alles was recht ist, Master,« sagte der Mann, augenscheinlich sehr bedrückt durch ein Gefühl, unwillkommen zu sein, und er trat einen Schritt vor, um Miß Wilson günstig zu stimmen. »Die Ladys haben keine Schuld. Wenn ich so kühn sein darf, Sie um was zu bitten, dann geben Sie nur meiner Frau bis morgen Obdach. Irgend ein Platz genügt, sie ist dran gewöhnt, sich durchzuschlagen. Wenn sie nur ein Dach über dem Kopf hat, bis ich im Dorf ein Zimmer finde, wo wir einziehen können.« Hier brachten ihn seine eigenen Worte dazu, an die Zukunft zu denken, und er blickte verzweifelt an dem Säulengebälk des Flures vorbei, als ob da ein Gefach sei, in dem vielleicht jemand eine passende Unterkunft für ihn gelassen hätte.

Miß Wilson wandte entschlossen und verächtlich Smilasch den Rücken zu. Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden. »Ich will Ihr Weib hier behalten,« sagte sie zu dem Mann. »Es wird für sie in jeder Weise gesorgt werden. Die Kinder können auch hier bleiben.«

»Dreimal hoch die moralische Beeinflussung!« schrie Smilasch begeistert und fiel wieder in seine rohe Sprache zurück, die er in seinem Zorn ganz vergessen hatte. »Was sagte ich, Nachbar, als ich sagte, Sie sollten Ihre Frau zu der Anstalt bringen, und Sie sagten ironisch, >Ach ja, die werden verflucht froh sein, wenn sie uns da sehen.< Sagte ich nicht, die Lady hat ein nobles Herz, und sie zeigt es auch, wenn solch ein Malör an sie herantritt?«

»Wie können Sie meine übereilten Worte hier gegen mich vorbringen, Master, da die Lady so freundlich ist?« entgegnete der Mann erregt. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Miß, und Beß auch. Wir fühlen, wie lästig wir --«

Miß Wilson, die sich mit der Haushälterin beraten hatte, schnitt seine Rede kurz ab, indem sie ihm sagte, er solle jetzt sein Weib zu Bett bringen. Er tat das auch mit Hilfe Smilaschs, der jetzt jubelte. Während sie fort waren, weigerte sich ein Dienstmädchen, eine Bettdecke in das Zimmer der Frau zu bringen, und sagte, solche Menschen wollte sie nicht bedienen. Miß Wilson gab ihr im heftigsten Tone Bescheid, sie könnte am nächsten Tag die Anstalt verlassen. Das war aber auch der einzige Fall von Übelwollen gegen die Ankömmlinge. Die jungen Damen wurden dann gebeten, wieder zu Bett zu gehen.

Unterdessen hatte der Mann seine Frau untergebracht. Es war das reine Palastzimmer im Vergleich mit dem, das durch den Sturm über ihr zusammengebrochen war. Er gratulierte ihr zu ihrem Glück und bedrohte die Kinder mit der strengsten Züchtigung, wenn sie sich nicht ganz brav aufführten, solange sie in diesem Hause blieben. Bevor er sie verließ, küßte er seine Frau. Sie hatte sich etwas erholt und bat ihn, noch einmal den Säugling zu betrachten. Er tat es und gab ihm dabei ein böses Schimpfwort, denn er dachte an die Zeit, da der Appetit des Kleinen nicht mehr an der Brust der Mutter gestillt werden könnte, da man für ihn im Laden einkaufen müßte. Sie lachte und machte ihm Vorwürfe, und so schieden sie fröhlich voneinander. Als er mit Smilasch zur Halle zurückkehrte, standen da zwei Krüge Bier für sie. Die Mädchen hatten sich entfernt, nur Miß Wilson und die Haushälterin waren zurückgeblieben.

»Zur Gesundheit, Madame,« sagte der Mann, bevor er trank. »Mögen Sie auch so jemand finden, wenn Sie einmal in Sorgen kommen, was der Herr verhüte.«

»Ist Ihr Haus ganz zerstört?« fragte Miß Wilson. »Wo wollen Sie denn die Nacht verbringen?«

»Denken Sie nicht an mich, Madame. Hier Master Smilasch nimmt mich bis morgen auf.«

»Seine Gesundheit!« sagte Smilasch, indem er den Krug mit seinen Lippen berührte.

»Das Dach und die südliche Wand sind ganz fortgeweht,« fuhr der Mann fort, nachdem er einen Moment geschwiegen und über Smilaschs Worte gegrübelt hatte. »Ich zweifle, ob noch ein Stein auf dem andern steht.«

»Aber Sir John wird es für Sie wieder aufbauen. Sie sind doch einer von seinen Hirten, nicht wahr?«

»Jawohl, Miß. Aber er baut nicht. Er wird nur zu froh sein, daß es glücklich zusammengebrochen ist. Er hat es nicht gern, wenn Leute auf dem Felde wohnen. Ich hab es ihm immer und immer wieder gesagt, daß das Häuschen einfallen würde. Aber er meinte, ich könnte doch nicht verlangen, daß er für ein Haus Geld ausgäbe, das ihm keine Miete einbrächte. Sie wissen, Miß, ich bezahlte keine Miete. Ich bekam einen niedrigen Lohn, und das bißchen Hütte wurde mir dafür angerechnet, weil ich weniger erhielt als die andern Leute. Ich konnte es nicht instand setzen lassen, obgleich ich nach Kräften daran ausbesserte. Und jetzt werde ich sicher Vorwürfe bekommen, weil ich es einstürzen ließ. Ich werde in der Stadt ein halbes Zimmer bewohnen müssen und zwei oder drei Schillinge Miete die Woche bezahlen, abgesehen davon, daß ich jeden Tag drei Meilen hin und zurück zu meiner Arbeit gehen muß. Ein Gentleman wie Sir John weiß schwerlich, welchen Wert ein Penny für das arbeitende Volk hat und wie schwer diese Gutsvorschriften und dergleichen auf uns lasten.«

»Sir Johns Gesundheit!« sagte Smilasch und berührte den Krug wie vorher. Der Mann trank unterwürfig einen Schluck, und Smilasch fuhr fort: »Das ist der glorreiche Landadel von Altengland. Gott erhalte ihn!«

»Master Smilasch spaßt nur,« sagte der Mann entschuldigend. »Er ist einmal so.«

»Sie sollten keine Kinder auf die Welt setzen, wenn Sie so arm sind,« sagte Miß Wilson streng. »Sehen Sie denn nicht ein, daß Sie sich dadurch nur ärmer machen, um die Sache von einem höheren Gesichtspunkt zu betrachten.«

»Hochwürden Mr. Malthus' Gesundheit!« bemerkte Smilasch und wiederholte seine Bewegung mit dem Kruge.

»Einige sagen, es kommt durch die Kinder, andere sagen, es kommt durch das Trinken, Miß,« sagte der Mann demütig. »Aber so weit ich sehe, Familie oder nicht Familie, betrunken oder nicht betrunken, mit jedem Tag werden die Armen ärmer und die Reichen reicher.«

»Ist es nicht widerwärtig, wenn ein Mann eine so krasse Unwissenheit über die gehobene Lebenslage seiner Klasse verrät?« fragte Smilasch, indem er sich an Miß Wilson wandte.

»Wenn Sie beabsichtigen, den Mann mit nach Hause zu nehmen,« sagte sie und sah ihn scharf an, »dann tun Sie es am besten jetzt gleich.«

»Ich finde es gütig von Ihnen, daß Sie mich bitten, etwas zu tun. Früher waren Sie doch so erzürnt und sagten Mr. Wickens, ich sei die letzte Person in Lyvern, der Sie eine Arbeit anvertrauen würden.«

»Das sind Sie auch -- die allerletzte Person. Warum trinken Sie Ihr Bier nicht?«

»Nicht weil ich Ihr Gebräu verachte, Lady. Aber ich bin nur ein gewöhnlicher Mann, und Wasser ist gut genug für mich.«

»Ich wünsche Ihnen gute Nacht, Miß,« sagte der Mann. »Und ich danke auch vielmals wegen Beß und der Kinder.«

»Gute Nacht,« sagte sie und ging an die Seite, um jede Begrüßung durch Smilasch zu vermeiden. Aber er trat zu ihr hin und sagte mit leiser Stimme, indem er wieder das Benehmen und den Ausdruck des Trefusis annahm:

»Gute Nacht, Miß Wilson. Sollten Sie jemals die Dienste eines Hundes, eines Mannes oder eines Hausingenieurs gebrauchen, dann erinnern Sie Smilasch an Beß und die Kinder, und er wird sofort zur Stelle sein.«

Sie öffneten vorsichtig die Türe und fanden, daß der Sturm, durch den Regen überwältigt, nachgelassen hatte. Miß Wilsons Kerze flackerte zwar in dem Zugwinde, aber sie wurde diesmal nicht ausgelöscht. Die beiden Frauen waren jetzt allein. Sie schlossen und verriegelten die Türe und lauschten auf die Fußtritte, die auf dem Kiesboden knirschten und langsam in dem gleichmäßigen Gießen des Regens erstarben.

Siebtes Kapitel.

Agatha ging um diese Zeit in ihr siebzehntes Jahr. Sie hatte eine scharfe Auffassung für die Schwächen der andern und keinen Respekt vor den älteren Schülerinnen, die sie für stumpfsinnig, ängstlich und lächerlich alltäglich hielt. Aber sie war einer Einbildung unterworfen, die die Jugend so oft dem Alter gegenüber benachteiligt: sie hielt sich für eine Ausnahmenatur. Während sie Mr. Jansenius und dem gewöhnlichen Menschenpack nur eine oberflächliche Kenntnis der gröbsten Tatsachen des Lebens zutraute, fühlte sie in ihrer Seele ein zartes Verständnis und eine hingebende Liebe zur Natur, die nur ihre Lieblingsdichter, ihre Roman- und Geschichtshelden teilten. Deshalb konnte sie wie die meisten jungen Menschen viel besser die Angelegenheiten fremder Leute beurteilen als ihre eigenen. Über ihre Mitschülerinnen, die irgendeinen Hans oder Heinrich anbeteten, nicht aus dem kindischen Gefühl, das die Welt Liebe nennt, sondern weil grade dieser Hans oder Heinrich ein Phönix war, auf den die Gesetze, die sonst die Beziehungen junger Leute regeln, nicht paßten, lachte sich Agatha ins Fäustchen. Je mehr sie solche Schwächen bei ihren Freundinnen sah, desto sicherer fühlte sie sich selbst davor. Sie war ja gewarnt. Sie glich einem Doktor, der glaubt, er sei vor den Pocken sicher, weil er schon viele Fälle davon gesehen hat. Oder einem Seemann, der weiß, wie viele Schiffe im Kanal untergehen, und der nun ohne Steuermann fährt, weil er die Gefahren viel zu gut kennt, um etwas von ihnen zu befürchten. Und wie der Doktor an einer solchen Meinung festhält, weil er glaubt, er sei anders veranlagt als die gewöhnlichen Menschen, wie der Schiffer so lossegelt, weil er sein Schiff -- für einen Stern hält: so fand auch Agatha eine falsche Sicherheit in dem Unterschied zwischen ihren Mitschülerinnen, die sie von außen beurteilte, und sich selbst, die sie innerlich kannte. Als sie sich zum Beispiel in Mr. Jefferson Smilasch verliebte -- sie entschloß sich dazu am Tage nach dem Sturm -- gab ihre Phantasie diesem wonnigen Gefühl eine höhere Weihe, die es weit über die nichtigen Schwärmereien setzte, die ihr die andern Mädchen anvertrauten und deren Gegenstand Hans oder Heinrich waren.

»Ich kann ihn ganz kühl und gleichgültig ansehen,« sagte sie sich selbst. »Obgleich sein Gesicht einen seltsamen Einfluß ausübt, der sicherlich mit einer unerklärlichen Macht in mir in Verbindung steht, ist es doch kein vollkommenes Gesicht. Ich habe viele Männer gesehen, die streng genommen viel hübscher sind. Wenn auch ein überirdisches Licht aus seinen Augen leuchtet, es sind doch keine hübschen Augen -- sie sind nicht halb so klar wie meine. Obgleich er seine gewöhnliche Kleidung mit einer unaussprechlichen Grazie trägt, die seine feine Erziehung mit jedem Schritt verrät, er ist doch nicht schlank, dunkelhaarig und melancholisch, wie mein idealer Held sein würde, wenn ich eine solche Närrin wäre wie die andern Mädchen in meinem Alter. Wenn ich auch verliebt bin, ich habe doch genug Verstand, um mir durch meine Liebe nicht mein klares Urteil trüben zu lassen.«

Sie erzählte niemand von dem neuen Reiz, den ihr Leben gewonnen hatte. Sie war die stärkste in dem Mädchenkreise und benutzte ihre Macht in gutmütiger Weise, um die beliebte Anführerin der andern zu werden. Aber sie schreckte auch gelegentlich nicht davor zurück, sich die Vorrechte eines Schultyrannen zu verschaffen. Aber Beliebtheit und Vorrechte genügten ihr nur, wenn sie die Laune dafür hatte. Die Mädchen wollen wie die Männer gehätschelt, getröstet und mit Aufmerksamkeit behandelt werden, wenn sie mutlos und niedergeschlagen sind oder unerwiderte Liebe fühlen. Solche Dienste kann aber der Schwache nicht dem Starken erweisen, und der Starke will es nicht tun, außer wenn beide verschiedenen Geschlechts sind. Agatha wußte durch Erfahrung, daß ein schwaches Mädchen nicht versteht, warum die stärkere Schwester sich an sie anlehnt, daß sie sich einfach an der Tatsache erbaut und statt aller Tröstung nur Geschwätz gibt. Agatha suchte Verständnis und kein Geschwätz. Da sie das nicht finden konnte, beschloß sie, auf Mitgefühl zu verzichten und zu schweigen. Sie hatte das schon oft tun müssen, und jetzt half ihr die Empfindung, wie lächerlich ihr Gefühl einem gewöhnlichen Auge erscheinen mußte.

Ihr Geheimnis war leicht zu verbergen, da man sie auf der Schule jeder zarteren Empfindung für unfähig hielt. Die Liebe beeinflußte sie äußerlich gar nicht. Sie versetzte sie nur in den Glauben, daß jetzt ihre Mädchenzeit hinter ihr läge, daß sie jetzt eine Frau mit neu entstandenen Trieben und Fähigkeiten sei, über die sie noch vor kurzem in kindischer Weise gespottet hätte. Sie schämte sich jetzt über die Biene an der Fensterscheibe, obgleich sie das Stück trotzdem ebenso häufig summte als vorher. Ihr Tagesplan war früher eine einförmige Folge von Unterrichtszeit, Eßzeit, Spielzeit und Schlafzeit gewesen, jetzt wurde er in unregelmäßiger Weise durch Spaziergänge nach dem Landhaus und gelegentliche flüchtige Blicke auf seinen Bewohner eingeteilt.

Anfang Dezember stellte sich ein scharfer Frost ein, und die Schiffahrt auf dem Kanal wurde aufgehoben. Wickens Junge kam mit der Nachricht in die Anstalt, Wickens Weiher trüge schon, und die jungen Damen wären zu jeder Zeit willkommen. Der Weiher war nur vier Fuß tief, und da Miß Wilson viel von der körperlichen Erziehung ihrer Schülerinnen hielt, gab sie ihnen Erlaubnis zum Schlittschuhlaufen. Agatha, die sehr gewandt im Eislaufen war, schlug sofort vor, am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück sollte eine ausgewählte Abteilung hinausgehen. Handlungen, die an sich nicht verdienstlich sind, erscheinen uns oft als solche, wenn man früh aufstehen muß, um sie auszuüben, und so gaben einige Kandidatinnen der Cambridge-Prüfung, die nie einen Nachmittag einem Vergnügen geopfert hätten, sofort ihre Zustimmung. Ohne sie wäre übrigens der Plan gar nicht ausgeführt worden. Denn als sie am nächsten Morgen um halb sieben Agatha aufforderten, ihr warmes Bett zu verlassen und in die schneidende Kälte hinauszukommen, würde sie sich ohne Bedenken geweigert haben, hätte sie sich nicht vor den emsigen Mädchen geschämt, die halberfroren und hungrig dastanden und doch bereit waren, aufs Eis zu gehen. Als Agatha sich zitternd und zähneklappernd angezogen hatte, beschwichtigten sie ihr innerliches Unbehagen durch ein paar Biskuits, die sie aßen, nahmen ihre Schlittschuhe und gingen quer über die bereiften Felder an geduldigen Kühen vorbei, die ganze Wolken von Dampf ausatmeten, nach Wickens Teich. Hier fanden sie zu ihrem Erstaunen Smilasch, der sich auf elektrisch versilberten, ganz teuren Schlittschuhen mit allem Eifer in den schwierigsten Figuren übte. Es zeigte sich bald, daß sein Ehrgeiz größer war als seine Übung, denn er taumelte eine Weile wild umher, hielt sich ein paarmal mit genauer Not aufrecht und stürzte dann mit Ellbogen, Waden und Hinterkopf gleichzeitig auf das Eis. Als er sich kläglich zu einer sitzenden Stellung erhoben hatte, bemerkte er, daß acht junge Damen sein Tun mit Interesse beobachteten.

»Das kommt davon, wenn ein gewöhnlicher Mann sich über seinen Stand erhebt und die Schlittschuhe eines Gentlemans anzieht,« sagte er. »Hätte ich mich mit einfachem Schlittern begnügt, wie es mein Vater tat, dann würde ich jetzt ein glücklicher Mann sein.« Er erhob sich seufzend, indem er Miß Ward durch Berühren seiner Mütze grüßte. Dann zog er seine Schlittschuhe aus und fügte hinzu: »Guten Morgen, Miß. Miß Wilson schickte mir die Nachricht, ich sollte hier punkt sechs Uhr sein und den jungen Ladys die Schlittschuhe anziehen. Da erlaubte ich mir, ein paarmal über das Eis zu laufen, um mich warm zu machen.«

»Miß Wilson hat mir nichts davon gesagt, daß sie Sie hierher bestellt hat,« bemerkte Miß Ward.

»Wie nobel von ihr! Sie denkt an alles und läßt sich doch nichts merken. Sie ist eine gütige Lady und eine studierte -- grad wie Sie selbst, Miß. Setzen Sie sich auf den Feldstuhl und geben Sie mir Ihren Absatz, wenn ich so kühn sein darf, eine Schraube hineinzubohren.«

Er brachte willkommene Hilfe, und Miß Ward erlaubte ihm, ihr die Schlittschuhe anzuziehen. Sie war eine Kanadierin und lief sehr gut. Jane, die ihr zunächst folgte, hatte große Angst, ob das Eis auch fest genug sei. Als sie sich aber erst darüber beruhigt hatte, hielt sie sich vorzüglich, denn sie liebte alle Übungen und hatte die Genugtuung, daß sie außerhalb der Schule über alle diejenigen lachen konnte, die sie in der Schulstube verlachten. Agatha ließ ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit ihre Mitschülerinnen vor, und ihre Schuhe waren die letzten, mit denen sich Smilasch beschäftigte.

»Wie geht es Ihnen, Miß Wylie?« fragte er und ließ die Smilasch-Betonung fallen, weil die andern nicht mehr in Hörweite waren.

»Danke, sehr gut,« antwortete Agatha scheu und gezwungen. Da ihm diese Art bei ihr neu war, ließ er ihre Absätze in seiner Hand ruhen und sah neugierig zu ihr empor. Sie faßte sich wieder, blickte ihn ruhig an und sagte: »Wie konnte Miß Wilson Ihnen die Nachricht schicken, Sie möchten herkommen? Sie erfuhr ja von unserm Ausflug erst um halb zehn gestern abend.«

»Miß Wilson hat mir gar keine Nachricht geschickt.«

»Aber Sie haben es doch grade Miß Ward erzählt.«

»Ja. Ich muß jetzt als einfacher Arbeiter fast so viele Lügen erzählen wie früher als Gentleman. Oder vielleicht noch mehr.«

»Ich weiß in Zukunft, wieviel ich von dem glauben soll, was Sie sagen.«

»Die Wahrheit ist die. Ich bin vielleicht der schlechteste Schlittschuhläufer auf der Welt, und darum ist mir nach einem natürlichen Gesetz die geringste Auszeichnung auf dem Eis mehr wert als ein unsterblicher Ruhm auf einem Gebiete, für das mich die Natur besonders befähigt hat. Ich beneide Ihre große Freundin -- Jane heißt sie, glaube ich -- mehr, als ich Plato beneide. Ich kam heute morgen hierher, um mich im stillen zu üben, und glaubte, die ganze Schlittschuhwelt sei zu Bett.«

»Das freut mich, daß wir Sie dabei erwischt haben,« sagte Agatha boshaft, denn er enttäuschte sie. Er sollte etwas Heroisches in seinen Reden haben, aber das tat er nicht.

»Ich glaube es,« entgegnete er. »Ich habe gefunden, daß es das größte Entzücken für eine Frau ist, den Eigendünkel eines Mannes zu verletzen, und das größte Entzücken eines Mannes, den Eigendünkel einer Frau zu befriedigen. So gibt es wenigstens ein Geschöpf, das noch niedriger steht als ein Mann. Aber jetzt los mit Ihnen. Soll ich Sie halten, bis Sie sich fest in den Knöcheln fühlen?«