Part 8
»Ja, und wir verzehren inzwischen verschiedene tausend Pfund von Renten und Zinsen. Nein, mein Schatz, so machen es die Leute, die selbst im Himmel leben und nicht an die Hölle erinnert werden wollen, die aber nichts dagegen haben, daß eine außerhalb ihres Bewußtseins existiert. Ich habe vor meinem Vater mehr Achtung -- ich meine, ich verabscheue ihn weniger -- weil er das Ausbeuten und Stehlen selbst besorgte, als die gefühlvollen Faulenzer und Feiglinge, die ihm Geld gaben, damit er damit andere ausbeutete und bestahl, und die nach gar nichts fragten, wenn er nur die Zinsen pünktlich bezahlte. Und was deine Freunde, die Künstler, angeht, das sind die Allerschlimmsten.«
»Oh, Sidney, du hast dir in den Kopf gesetzt, alles häßlich zu finden. Künstler halten keine Fabriken.«
»Nein, aber die Fabriken sind auch nur ein Teil in dem Räderwerk des Systems. Seine Grundlage ist die Tyrannei der Gehirnkraft, die unter zivilisierten Menschen tun kann, was Muskelkraft unter Schuljungen und Wilden tut. Der Schuljunge sagt: >Ich bin stärker als du, folglich mußt du für mich Dienste tun.< Der Erwachsene befiehlt: >Ich bin schlauer als du, darum mußt du für mich Dienste tun.< Diese Zustände, denen wir uns unterwerfen, sind an und für sich schlimm genug, sie werden aber unerträglich, wenn die mittelmäßigen oder schwachsinnigen Abkömmlinge dieser schlauen Burschen den Anspruch erheben, ihre Vorrechte zu erben. Nun hängen aber keine Menschen so sehr an der unbeschränkten Herrschaft von Genie und Talent wie deine Künstler. Der große Maler ist nicht damit zufrieden, daß er gesucht und bewundert wird, weil seine Hände, was auch tatsächlich der Fall ist, mehr können als gewöhnliche Hände -- nein, er will auch so ernährt werden, als ob sein Magen, was nicht der Fall ist, mehr Nahrung brauchte als gewöhnliche Mägen. Ein Tagewerk ist ein Tagewerk, nicht mehr und nicht weniger, und wer einen Tag arbeitet, braucht dafür Unterhalt und Schlaf und Mußezeit, ob er nun Maler oder Bauer ist. Aber der Halunke von einem Maler, Dichter, Romanschreiber, oder was er sonst für eine Luxusbeschäftigung hat, ist nicht damit zufrieden, daß er in der allgemeinen Achtung höher steht als der Bauer, er will auch mehr Geld haben, als ob der Tag im Atelier oder im Studierzimmer mehr Stunden hätte als auf dem freien Feld. Als ob er mehr Nahrung brauchte, um seine Arbeit leisten zu können, als der Bauer. Er spricht von der höheren Art seiner Arbeit, als ob diese höhere Wertschätzung sein eigenes Verdienst sei -- als ob er das Recht hätte, weniger für seinen Nachbarn zu tun, als sein Nachbar für ihn tut, als ob der Bauer nicht leichter ohne ihn auskäme, als er ohne den Bauer -- als ob der Wert der berühmtesten Gemälde nicht zweifelhafter wäre als der einer graden Ackerfurche -- als ob nicht ebensoviele Jahre des Lernens dazu gehörten, die Hand und das Auge eines Maurers und eines Schmiedes auszubilden als die eines Künstlers -- als ob, um es kurz zu sagen, der Kerl ein Gott wäre, wie ihm die phantasierenden Kunstverehrer seit Jahren versichert haben. Die Künstler sind die Hohenpriester des modernen Molochs. Neun Zehntel von ihnen sind kranke Geschöpfe, die grade noch vernünftig genug sind, aus ihrer Nervosität ein Geschäft zu machen. Die einzige Eigenschaft von ihnen, die mir etwas Achtung abnötigt, ist eine gewisse erhabene Selbstsucht, die sie veranlaßt, lieber zu verhungern und ihre Familie verhungern zu lassen, als etwas zu tun, was sie nicht lieben.«
»Wahrhaftig, du bist ganz im Unrecht, Sidney. In der Sladeschule war ein Mädchen, das seine Mutter und zwei Schwestern durch Zeichnen ernährte. Übrigens, was kannst du tun? Die Leute sind nun einmal so.«
»Ja, ich bin durch die Torheit der Leute Grundbesitzer und Kapitalist, aber sie können mir das ja wieder abnehmen. Ich selbst habe keine Möglichkeit, aus meiner Lage herauszukommen, außer wenn ich meine Sklaven an Menschen abgebe, die sie nicht besser behandeln als ich selbst, und selbst ein Sklave werde, was mir nicht so bald einfallen wird. Nein, meine Geliebte, ich muß um deinetwillen und um meinetwillen meinen Fuß auf ihren Nacken halten. Aber du gibst nicht viel um solches langweiliges Zeug. Mein Gewissen quält mich, weil ich dir, mein Engel, Verdruß damit machte. Du willst wissen, warum ich hier wie ein Einsiedler in einer zweizimmerigen Hütte wohne, statt mit meinem schönen und angebeteten Weib die Freuden des Londoner Gesellschaftslebens zu genießen?«
»Aber du willst doch nicht etwa hierbleiben, Sidney?«
»Allerdings, und ich will dir auch sagen, warum. Ich will helfen, diese Manchesterarbeiter, die die Sklaven meines Vaters waren, zu befreien. Um das fertig zu bringen, müssen alle ihre Mitsklaven in der ganzen Welt zu einer großen internationalen Vereinigung zusammentreten. Sie müssen geloben, die Arbeit der ganzen Welt gerecht zu verteilen, die Produkte der Arbeit gerecht zu verteilen, keinem erwachsenen, rüstigen Faulenzer oder Simulanten einen Pfennig zu geben und jeden in der Gemeinschaft als Ungeziefer zu betrachten, der mehr als seinen Anteil vom allgemeinen Wohlstand haben will und weniger als seinen Anteil an der Arbeit geben will. Es ist sehr schwer, das durchzuführen, denn die Arbeiter, wie alle Leute, denen man helfen will, sehen ihre eigenen Vorteile nicht ein und helfen oft ihren Unterdrückern, ihre eigenen Retter unter den Klängen der =Rule Britannia= oder eines ähnlichen verlogenen Unsinns zu vertreiben. Wir müssen ihre Köpfe erst davon befreien und inzwischen fleißig die internationale Arbeitervereinigung ausbauen. Ich mache jetzt Propaganda für ihre Grundsätze. Der angeblich zum Regieren, in Wirklichkeit aber zum Unterdrücken der Nation organisierte Kapitalismus würde bald genug unserer Vereinigung Einhalt gebieten, wenn er unsere Absicht verstände. Aber er glaubt, wir seien mit Pulverkomplotten und Verschwörungen zur Ermordung gekrönter Häupter beschäftigt, und so geht, während die Polizei in tölpelhafter Weise nach Beweisen hierfür sucht, unser wirkliches Werk ungestört weiter. Ob ich selbst wirklich die Sache fördere, das ist mehr, als ich sagen kann. Ich verbrauche eine Menge Freimarken, bezahle vielen gleichgültigen Lesern die Lektüre, bestreite die Papierkosten für Pamphlete und Zettel, auf denen die Arbeiter als das Salz der Erde gepriesen werden, bin Redakteur und Herausgeber einer kleinen sozialistischen Zeitung und tue im allgemeinen, was in meinen Kräften steht. Es ist besser, wenn ich meinen übel erworbenen Reichtum auf diese Weise verwende, als in einem teuren Haushalt und mit einem Gefolge von Dienern. Ich ziehe meinen gewöhnlichen Anzug und meine zweizimmerige Hütte deinem hübschen, lieben Hause vor, und deinen hübschen, lieben Spielereien, und der hübschen, lieben Vernachlässigung aller Arbeit, die mir am Herzen liegt. Vielleicht mache ich auch einmal wieder Feiertage, und dann werden wir neue Flitterwochen verleben.«
Für einen Augenblick schien es, als wollte Henrietta zu weinen anfangen. Dann rief sie plötzlich mit Begeisterung: »Ich will bei dir bleiben, Sidney. Ich will an deiner Arbeit teilnehmen, ganz gleich, was es ist. Ich will mich als Bauernmädchen kleiden und einen kleinen Milcheimer tragen. Die Welt ist nichts für mich, wenn du nicht bei mir bist, und ich würde gerne hier leben und nach der Natur zeichnen.«
Er wich zurück und errötete, ohne daß er seine Bestürzung verbergen konnte. Sie war entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen, sie klammerte sich an ihn an und hielt ihn fest. Dieses war die Bewegung, die Wickens Jungen, der im benachbarten Graben saß, zum Lachen brachte. Trefusis war froh über die Unterbrechung, und als er dem Jungen zwei Pence gab und ihn fortwies, hoffte er halbwegs, daß er bleiben würde. Aber obgleich der Junge meistens sehr eigensinnig war, zeigte er sich diesmal ganz artig. Er verschwand auf die Landstraße, wo er einen seiner Pence einem Phantasiespieler gab und mit ihm Kopf oder Schrift spielte, bis das Erscheinen von Fairholmes Gruppe ihn aus seinem Doppelzustand herausriß.
Inzwischen war Henrietta mit dringendem Bitten auf ihren Vorschlag zurückgekommen.
»Wir würden so glücklich sein,« sagte sie. »Ich würde dir den Haushalt führen, und du könntest soviel arbeiten, wie du wolltest. Unser Leben wäre ein langes Idyll.«
»Mein Lieb,« sagte er und schüttelte seinen Kopf, als sie ihn flehend ansah. »Ich habe zuviel Manchester Baumwolle in meinem Wesen für lange Idylle. Und in Wahrheit, die erste Bedingung, wenn du mit mir arbeiten willst, ist, daß du fortgehst. Solange du bei mir bleibst, kann ich nur mit dir kosen. Du bezauberst mich. Wenn ich mich einen Augenblick von dir freimache, dann seufze ich schon voll Reue über die Stunden, die ich durch deine Verführung verloren habe und über die nutzlos vergeudete Energie.«
»Wenn du mit mir nicht leben willst, dann hattest du auch kein Recht, mich zu heiraten.«
»Ganz richtig. Aber das ist weder deine noch meine Schuld. Wir haben gefunden, daß wir uns zu sehr lieben -- daß unser Verkehr uns an unserer Betätigung hindert, und darum müssen wir voneinander scheiden. Nicht für immer, mein Lieb, nur bis du eigene Sorgen und eigene Arbeit gefunden hast, die dein Leben ausfüllen und dich daran hindern, meines zu vergeuden.«
»Ich glaube, du bist von Sinnen,« sagte sie verdrießlich.
»Die Welt ist heutzutage von Sinnen und galoppiert zum Teufel, so schnell die Habgier sie antreiben kann. Ich halte mich einfach von diesem Rennen fern, weil ich das Ziel nicht liebe. Hier kommt eine Barke, deren Führer mir ergeben ist, weil er glaubt, ich wollte einen Aufruhr zur Abschaffung von Schleusengebühren und Zöllen veranstalten. Wir wollen an Bord gehen und nach Lyvern fahren. Von dort kannst du nach London zurückkehren. Du telegraphierst am besten von der Umsteigestation nach der Anstalt. Sie müssen jetzt die reine Treibjagd auf uns machen. Ich werde dir meine Adresse geben, und wir können uns schreiben oder auch treffen, so oft wir wollen. Oder du kannst dich auch von mir scheiden lassen, weil ich dich verlassen habe.«
»Ich weiß, daß dir das das liebste wäre,« sagte Henrietta schluchzend.
»Ich würde vor Verzweiflung sterben, mein Schatz,« sagte er freundlich. »Schiff ahoi! Um Gotteswillen, höre auf zu weinen, Hetty. Du zerreißt mir wahrhaftig die Seele.«
»Ahoi--i--i, Master!« brüllte der Schiffer.
»Guten Abend, Herr,« sagte ein Mann, der sich mit einer kurzen Peitsche in der Hand neben dem Pferde herschleppte, das die Barke zog. »Komm an!« fügte er übelgelaunt, nach dem Pferd gewandt, hinzu.
»Ich möchte aufsteigen und mit nach Lyvern fahren,« sagte Trefusis. »Es scheint ein wohlgenährtes Tier zu sein.«
»Besser genährt als ich,« sagte der Mann. »Man kann aus einem unternährten Pferd nicht dieselbe Arbeit herausziehen wie aus einem unternährten Mann oder Weib. Ich bin in Gegenden in England gewesen, wo Frauen die Barken zogen. Sie sind billiger als Pferde, denn es kostet nichts, neue zu bekommen, wenn die alten verschlissen sind.«
»Warum schafft ihr sie denn nicht an?« fragte Trefusis mit ironischem Ernst. »Der Grundsatz, Arbeitskräfte auf dem billigsten Markt zu kaufen und ihre Produkte auf dem teuersten Markt zu verkaufen, hat viel dazu beigetragen, daß England das geworden ist, was es ist.«
»Die Eisenbahngesellschaften halten Hospitäler für _seines_gleichen,« sagte der Mann mit verschmitztem Lachen und zeigte auf das Pferd, indem er ihm mit dem Ende seiner Peitsche klatschend gegen den Bauch schlug. »Wenn Sie jemals im Ernst versuchen, ein Arbeiter zu sein, dann versuchen Sie es auf vier Beinen. Sie werden finden, daß es bei weitem der Arbeit auf zwei Beinen vorzuziehen ist.«
»Dieser Mann ist einer von denen, die ich bekehrt habe,« sagte Trefusis abseits zu Henrietta. »Er sagte mir neulich, seit ich ihn zum Denken gebracht habe, sieht er nie einen Gentleman, ohne daß er die Neigung empfindet, einen Stein gegen ihn zu erheben. Ich finde, Sozialismus wird oft von seinen minder intelligenten Anhängern und Gegnern dahin mißverstanden, als ob er nur der natürlichen Neigung, angesehene Personen mit Steinen zu bewerfen, Vorschub leiste. Jetzt werde ich dich über diese Planke tragen. Wenn du dich ruhig hältst, werden wir wohl die Barke erreichen. Andernfalls erreichen wir den Boden des Kanals.«
Er trug sie hinüber und wechselte mit dem Schiffer einige freundliche Worte. Dann nahm er Henrietta mit nach vorne und starrte in das Wasser, während sie geräuschlos an dem hügeligen Weidenland vorbeiglitten.
»Das würde eine herrliche Fahrt sein,« sagte er, »wenn man die Frau da unten vergessen könnte, die ihrem Mann in einer stickigen Höhle, so groß wie dein Kleiderschrank, das Essen kocht, und --«
»Oh, rede kein Wort mehr von solchen Sachen,« sagte sie ärgerlich: »Ich kann ihnen nicht helfen. Ich habe meinen eigenen Kummer. _Ihr_ Mann lebt bei ihr.«
»Sie wird ihren Platz mit dir wechseln, mein Schatz, wenn du ihr das Anerbieten machst.«
Es fiel ihr keine Antwort ein. Nach einer Pause begann er poetisch über die Landschaft zu sprechen und ihr verliebte Redensarten und Schmeicheleien zu sagen. Aber sie fühlte, daß er entschlossen war, sie los zu werden, und er wußte, daß es keinen Zweck mehr hatte, seine Absicht vor ihr zu verbergen. Sie wandte sich weg und setzte sich auf einen Stoß Ziegelsteine, indem sie nur ärgerlich ihr Gesicht verzerrte, wenn er sie zum Sprechen drängte. Als sie sich dem Ende der Reise näherten, glaubte sie, daß sie ihren heftigen Schmerz über seine Flucht nur halb zum Ausdruck gebracht hätte, und das Gefühl des erlittenen Unrechts wurde ihr fast unerträglich.
Sie landeten an einer Werft und gingen über einen schmutzigen, von tiefen Fahrgeleisen durchzogenen Weg auf die Hauptstraße von Lyvern. Hier wurde er wieder Smilasch und ging ehrerbietig etwas vor ihr her, als wenn er gemietet wäre, den Weg zu zeigen. Sie sah jetzt ein, daß ihre letzte Gelegenheit, ihn anzuflehen, vorbei war, und sie brach bei dem Gedanken fast in Tränen aus. Es kam ihr der Einfall, sie könnte ihn vielleicht bewegen, wenn sie hier eine öffentliche Szene machte. Aber die Straße war sehr belebt, und sie fürchtete sich auch etwas vor ihm. Keines von diesen beiden Bedenken würde sie abgehalten haben, wenn sie in einem ihrer wilden Zornesanfälle gewesen wäre, aber jetzt war sie in ganz unterwürfiger Stimmung. Ihre wilden Launen schienen nur zu kommen, wenn sie ihr schaden mußten. Sie ließ sich ruhig in den Eisenbahnomnibus führen, der grade von dem Gasthofvorplatz abfahren wollte, als sie dort ankamen. Aber obgleich er seinen Hut berührte und fragte, ob er eine Botschaft ausrichten sollte, obgleich er ihr in zartem Flüstern eine glückliche Reise wünschte, wollte sie ihn nicht ansehen, oder ein Wort zu ihm sprechen. So schieden sie voneinander, und er kehrte allein zu der Hütte zurück, wo er von den zwei Polizisten empfangen wurde, die ihn nach der Anstalt brachten.
Sechstes Kapitel.
Das Jahr ging weiter, und es begannen die langen Winterabende. Die lernbegierigen jungen Damen in der Alton-Anstalt saßen an ihren Pulten, auf die Ellenbogen gestützt und den Kopf in den Händen vergraben, und fröstelten in ihren Pelzkragen. Sie überluden ihr Gedächtnis mit Darlegungen der Moralphilosophen oder schwammen, wie Menschen auf Korkgürteln, auf den Grundproblemen der Mathematik herum. Hierbei geschah es denn oft, je vernünftiger eine Schülerin in der Mathematik war, desto unvernünftiger war sie im wirklichen Leben, weil es da keine feststehenden Grundsätze gab, nach denen man sich richten konnte.
Agatha, die nicht lernbegierig war und auch keine Lust hatte, im Winter zu frieren, begann mit wachsendem Eifer die Vorschrift Nr. 17 zu brechen. Die Vorschrift Nr. 17 verbot den Schülerinnen, die Küche zu betreten, oder irgendwie die Dienstmädchen in ihrer häuslichen Tätigkeit zu stören. Agatha brach sie, weil sie gerne braunen Kandiszucker machte und ihn aß, weil sie ein warmes Feuer liebte und alles, was verboten war, und weil ihr die Bewunderung gefiel, mit der die Dienstmädchen ihren musikalischen und Bauchredekünsten lauschten. Gertrude begleitete sie, weil sie ebenfalls Zuckerzeug liebte, und weil sie sich etwas auf ihre Herablassung zu tiefer Stehenden einbildete. Jane ging hin, weil ihre beiden Freundinnen hingingen, und Abenteuerlust, böses Beispiel und Liebe zu Süßigkeiten brachten oft mehr Freiwillige zu diesen Expeditionen, als Agatha für sicher hielt, mitzunehmen. Eines Abends ging Miß Wilson allein in ihren Privatweinkeller hinunter und wurde in der Nähe der Küche durch einen Lärm ausgelassener Lustigkeit aufgehalten. Sie blieb lauschend stehen und hörte zuerst den Kastagnettentanz, der sie an den Nachdruck erinnerte, mit dem Agatha über Mrs. Miller mit dem Finger geschnipst hatte. Dann kam die Biene an der Fensterscheibe, Robin Adair (in dessen Refrain die Dienstmädchen einstimmten) und eine Verspottung ihrer eigenen Person, wie sie Jane Carpenters bessere Natur anflehte, sich auf die Aufnahmeprüfung für Cambridge vorzubereiten. Sie wartete, bis die Kälte und die Furcht, hier beim Spionieren entdeckt zu werden, sie zwangen, wieder hinaufzusteigen. Sie schämte sich, daß sie an einer törichten Unterhaltung ihre Freude gehabt hatte, aber sie sah doch lieber über eine Verletzung der Vorschriften hinweg, als daß sie einen neuen Streit mit Agatha gewagt hätte.
Es war besonders eine Sache, in der Agatha sich nicht mehr so an die Schuldisziplin hielt wie früher. Obgleich sie eine unverhältnismäßig große Zahl von Eintragungen in das Sündenbuch geliefert hatte, war jenes Bekenntnis, das beinahe zu ihrer Austreibung geführt hatte, ihr letztes geblieben. Nicht, daß ihre Aufführung eine bessere geworden wäre, sie hatte sich im Gegenteil verschlechtert. Miß Wilson erwähnte nicht mehr die Angelegenheit, und so blieb das Sündenbuch eine geheiligte Sache, auf die nie angespielt wurde. Aber sie bemerkte, daß Agatha, obgleich sie nicht ihre eigenen Sünden bekennen wollte, doch den andern bei der Entlastung ihres Gewissens half. Die Witzigkeit, mit der Jane unerwarteterweise die Seiten des Sündenbuchs anfüllte, war dafür bezeichnend genug.
Smilasch hatte jetzt auch ein Gewerbe angefangen. An den letzten Herbsttagen hatte er sein Häuschen weiß getüncht, Türen, Fenster und Veranda angestrichen, das Dach und das Innere ausgebessert und den Platz so sehr verschönert, daß ihm der Grundbesitzer mitteilte, er müßte nach Ablauf der zwölfmonatlichen Pachtung die Rente erhöhen. Ein Mieter könne vernünftigerweise ein hübsches, regendichtes Wohnhaus nicht für dasselbe Geld haben wie eine kaum bewohnbare Ruine. Smilasch hatte ihm sofort versprochen, es am Ende des Jahres so zu verderben, daß es wieder wie früher aussähe. Am Tor hatte er eine Anschlagtafel angebracht mit einer Inschrift, die er von gedruckten Karten abgeschrieben hatte. Er zeigte diese Karte den Leuten, die sich zufällig mit ihm unterhielten.
=~Jefferson Smilasch~=
=~Maler, Dekorateur, Glaser, Klempner und Gärtner. Klaviere werden gestimmt. Hausreparaturen aller Art. Servieren bei Tisch und Bedienung.~=
=~Villa Chamounix,~= =~Lyvern.~=
=~Auskunft gratis. Kein vernünftiges Angebot wird abgeschlagen.~=
Das auf diese Weise angekündigte Geschäft, so umfassend es war, blühte doch nicht. Wenn er von Neugierigen nach einem Zeugnis für seine Tüchtigkeit und Achtbarkeit gefragt wurde, verwies er sie sorglos an Fairholme, an Josephs und besonders an Miß Wilson, die, wie er sagte, ihn von seiner frühesten Kindheit her gekannt hatte. Fairholme war froh, wenn er beweisen konnte, daß er kein glattzüngiger Pfaffe war, und erklärte auf jede Anfrage, Smilasch sei der größte Halunke in der ganzen Gegend. Josephs sagte teils aus Wohlwollen, teils aus Furcht, Smilasch möchte einmal etwas gegen ihn wegen Verleumdung unternehmen, er sei jedenfalls ein wirklich billiger Arbeiter, und es würde eine gute Tat sein, wenn man ihm zur Aufmunterung eine kleine Beschäftigung gäbe. Miß Wilson bestätigte Fairholmes Bericht, und der Organist der Kirche, der seit fast einem Vierteljahrhundert alle Klaviere in der ganzen Umgegend einmal im Jahre gestimmt hatte, schwärzte ihn als einen Menschen an, der alles anfange und nichts könne.
Hierauf begannen die Radikalen in Lyvern, eine kleine und verrufene Partei, zu versichern, an dem Mann sei nichts Böses, und die Geistlichen und Miß Wilson, die in einem feinen Hause wohnte und nur ganz reiche Mädchen als Pensionärinnen aufnahm, könnten ihre freie Zeit besser ausfüllen, als damit, einem armen Arbeiter das Brot aus dem Mund zu nehmen. Aber da keiner aus dieser Gesellschaft häusliche Reparaturen hatte, machte ihn ihre Unterstützung durchaus nicht reicher, und der einzige Kunde, den er fand, war ein Hausmädchen, das seine Stellung in einem Landhaus in der Umgegend aufgab. Sie wollte ihren Koffer ausgebessert haben, dessen Deckel abgefallen war. Smilasch verlangte eine halbe Krone für den Auftrag, aber auf ihr Zögern bat er sie gleich um Verzeihung und ging auf einen Schilling herunter. Hierfür strich er den Koffer neu an, malte die Anfangsbuchstaben ihres Namens darauf, brachte neue Scharniere, ein Bramahschloß und Messinggriffe an. Er hatte selbst für zehn Schillinge Ausgaben und mehrere Stunden Arbeit. Dem Hausmädchen gefiel die Farbe des Anstrichs nicht, sie ließ ihn die Griffe abnehmen, die sie, wie sie sagte, an einen Sarg erinnerten, und beklagte sich, daß ein Schloß mit solch einem schmalen Schlüssel für einen so schweren Koffer nicht stark genug sein könnte. Schließlich gab sie zu, es sei ihre eigene Schuld, weil sie sich keinen Mann genommen hatte, der etwas von der Sache verstand. Es sprach sich bald rund, er habe daran ein gutes Geschäft gemacht, und da er, wenn man es ihm vorwarf, das noch ausdrücklich bestätigte, so erhielt er weiter keinen Auftrag. Sein Schild diente von jetzt ab nur zur Erheiterung von Spaziergängern und Hirtenjungen, die gerne mit Steinen danach warfen.
Ein starker Sturm blies eines Nachts über Lyvern, und die jungen Damen im Alton-Institut, die sich meistens vor Blitzen fürchteten, sprachen mit einigem Ernst ihre Gebete. Um halb eins machten Regen, Wind und Donner einen solchen Lärm, daß Agatha und Gertrude sich Halstücher umschlugen und sich nach dem Flurfenster vor Miß Wilsons Arbeitszimmer hinabstahlen, wo sie die Blitze beobachteten, die mit zuckendem Schimmer die Landschaft erhellten. Dabei unterhielten sie sich im Flüstertone darüber, ob es gefährlich sei, nahe am Fenster zu stehen, und ob die messingenen Läuferstangen auf der Treppe die Blitze anziehen könnten. Agatha, die bei einer einzelnen Gefährtin ebenso ernsthaft und freundlich sein konnte, wie sie in einer größeren Gesellschaft mutwillig und spöttisch wurde, genoß ruhig das Schauspiel. Das Blitzen schreckte sie nicht, da sie wenig von dem Ernst des Lebens wußte und sich etwas darauf einbildete, gleichgültig dagegen zu sein. Sie zuckte zusammen, wenn stärkere Blitzschläge aufzuckten, aber das brachte ihr nur ihren eigenen Mut zum Bewußtsein und ihren Gegensatz zu der ängstlichen Gertrude, die endlich vor einer gespaltenen Zickzacklinie von blauem Licht zurückfuhr und sagte:
»Wir wollen wieder zu Bett gehen, Agatha. Wir sind hier durchaus nicht sicher.«
»Grade so sicher wie im Bett, und da können wir nichts sehen. Wie das Haus zittert! Ich glaube, der Regen wird gegen die Fenster schlagen, ehe --«
»Still,« flüsterte Gertrude und ergriff voll Schrecken ihren Arm. »Was war das?«
»Was?«
»Ich habe bestimmt die Klingel gehört -- die Gartenklingel. Oh, wir wollen wieder zu Bett gehen.«
»Unsinn! Wer wird in einer solchen Nacht ausgehen? Vielleicht hat sie der Wind in Bewegung gesetzt.«
Sie warteten einige Augenblicke. Gertrude zitterte, und Agatha hatte in der Dunkelheit ein Gefühl, wie es Leute haben, die sich vor Gespenstern fürchten. Dann vermischte sich ein undeutlicher Klang in das Brausen des Windes.