Der Amateursozialist: Roman

Part 6

Chapter 63,821 wordsPublic domain

Agatha lachte und sagte laut, damit er es hören sollte: »Es ist nur ein harmloser Verrückter, den Miß Wilson beschäftigt. Er vermummt sich gerne in irgendeiner verrückten Art und versucht uns zu erschrecken. Hab keine Angst, komm nur mit.«

Henrietta blieb unentschlossen zurück, aber ihr Arm hing in dem Agathas, und sie wurde wider Willen weitergezogen. Smilasch machte keine Bewegung. Agatha schlenderte ruhig weiter, und als sie an ihm vorüberkam, erfaßte sie die Schürze gewandt mit ihren Fingern und riß sie ihm vom Gesicht. Sofort stieß Henrietta einen durchdringenden Schrei aus, und Smilasch fing sie in seinen Armen auf.

»Schnell,« sagte er zu Agatha, »sie wird ohnmächtig. Laufen sie nach etwas Wasser. Laufen Sie!« Und er neigte sich über Henrietta, die sich wie wahnsinnig an ihn anklammerte. Agatha war ganz verwirrt über diese Folge ihres scherzhaften Tuns. Sie überlegte einen Augenblick und rannte dann nach dem Rasenplatz.

»Was ist geschehen?« fragte Fairholme.

»Nichts. Ich möchte etwas Wasser, schnell -- bitte! Henrietta ist im Gebüsch in Ohnmacht gefallen, das ist alles.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Miß Wilson gebieterisch, »Sie werden sich nur auf dem Wege zusammendrängen und wertvolle Hilfe verhindern. Miß Ward, holen Sie bitte etwas Wasser, und bringen Sie es uns. Agatha, kommen Sie mit, und zeigen Sie mir, wo Mrs. Trefusis ist. Sie können auch mitkommen, Miß Carpenter, Sie sind so stark. Die übrigen wollen hierbleiben.«

Gefolgt von den beiden Mädchen eilte sie in das Gebüsch, wo Mr. Jansenius schon ängstlich nach seiner Tochter suchte. Er war der einzige Mensch, den sie dort fanden. Smilasch und Henrietta waren verschwunden.

Anfangs stellten die Sucher nur Fragen an Agatha über die Stelle, wo Henrietta in Ohnmacht gefallen war. Dann aber gab Mr. Jansenius zu verstehen, daß eine Dame in den Händen eines halbverrückten Arbeiters in einer gefährlichen Lage sei. Seine Aufregung steckte die andern an, und als Agatha sie durch die Erklärung, Smilasch sei ein verkleideter Gentleman, zu beruhigen suchte, gebot ihr Miß Wilson, die das für eine Wiederholung ihrer früheren müßigen Ideen hielt, in scharfer Weise zu schweigen, da es jetzt keine Zeit sei, Unsinn zu schwätzen. Die Neuigkeit verbreitete sich unter der ganzen Gesellschaft, und die Aufregung stieg aufs äußerste. Fairholme rief nach Freiwilligen, die zusammen auf die Suche gehen sollten. Alle anwesenden Männer meldeten sich, und sie waren schon im Begriff, in einem starken Trupp durch die Anstaltstore zu eilen, als es einem Besonneneren von ihnen einfiel, es sei besser, wenn sie sich in mehrere Abteilungen teilten, damit man an verschiedenen Punkten gleichzeitig suchen konnte. Nun folgte für zehn Minuten eine Verwirrung. Mr. Jansenius setzte sich mehrere Male in Bewegung, um nach Henrietta zu suchen, aber wenn er einige Schritte gegangen war, kehrte er wieder um und bat die andern, doch keine Zeit mehr zu verlieren. Josephs, der einen einfältigen Glauben hatte, zog sich zum Gebet zurück, und es war das beste, was er tun konnte, denn so gab es in dem Lärm von Plänen, Einwendungen und Ratschlägen, den die übrigen machten, und bei dem jeder den andern zu überschreien suchte, eine Stimme weniger.

Schließlich beendete Miß Wilson die allgemeine Verwirrung. Sie sandte Dienstboten zu den Nachbarn und ließ aus dem Dorf die Polizei kommen. Unter dem Kommando von Fairholme und anderer energischer Geister wurden Abteilungen nach den verschiedensten Richtungen ausgesandt. Auch die Mädchen bildeten unter sich Abteilungen, die durch Herren, welche die andern verließen, verstärkt wurden. Miß Wilson ging in das Haus hinein und untersuchte das ganze Innere der Anstalt. Nur zwei Personen blieben auf dem Tennisplatz, Agatha und Mrs. Jansenius, die die ganze Zeit über erstaunlich ruhig geblieben war.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen,« sagte Agatha, die sich seit ihrer Zurückweisung durch Miß Wilson abseits gehalten hatte. »Ich bin sicher, daß keine Gefahr dabei ist. Es ist zwar äußerst merkwürdig, daß sie fortgegangen sind, aber der Mann ist nicht verrückter als ich, und ich weiß, daß er ein Gentleman ist. Er hat es mir selbst gesagt.«

»Wir wollen das Beste hoffen,« sagte Mrs. Jansenius ruhig. »Ich möchte mich hinsetzen -- ich bin so müde. Danke sehr.« -- Agatha hatte ihr einen Stuhl hingestellt. »Was sagten Sie, daß Ihnen dieser Mann erzählt hat?«

Agatha berichtete die Umstände ihrer Bekanntschaft mit Smilasch, indem sie aufs Mrs. Jansenius' Bitten eine genaue Beschreibung seines Aussehens gab. Mrs. Jansenius bemerkte, es sei sehr seltsam, und sie wäre überzeugt, daß Henrietta keine Gefahr drohe. Sie trank dann ein Glas Wein und aß ein paar Butterbrote. Agatha freute sich, weil sie jemand fand, der ihr ruhig zuhörte, aber sie staunte doch über die Kaltblütigkeit ihrer Tante und deutete schließlich an, wenn Smilasch auch kein Arbeiter sei, so folge noch nicht daraus, daß er ein ehrenhafter Mann sei. Aber Mrs. Jansenius antwortete: »Oh, sie ist sicher -- ganz sicher! Schließlich muß ich es wenigstens hoffen. Wir werden schon bald Nachrichten bekommen.«

Die Sucher kehrten nach und nach fassungslos zurück. Sie hatten ein paar Hirten, die einzigen Personen, die es in der Nachbarschaft gab, gefragt, ob sie nicht eine junge Dame und einen Arbeiter gesehen hätten. Einige hatten eine junge Frau mit einem Kleiderbündel gesehen, vielleicht war sie das gewesen. Andere glaubten, wenn einer sie entdeckte, dann würde es Phil Martin, der Kärrner, tun. Keiner aber hatte eine sichere Aussage zu machen.

Der Nachmittag ging weiter, und eine Abteilung nach der andern kehrte zurück. Alle waren ermüdet von dem erfolglosen Suchen, und an die Stelle der Erregung trat Niedergeschlagenheit. Die Unterhaltung war nicht mehr lärmend, sie wurde im Flüstertone geführt, und einige Besucher aus der Umgegend schlichen sich davon in der immer stärker werdenden Überzeugung, daß etwas Häßliches geschehen sei, und daß sie am besten nichts damit zu schaffen hätten. Mr. Jansenius war, obgleich ihn einige Worte seiner Frau überrascht und etwas beruhigt hatten, doch noch immer in bejammernswerter Unruhe und Ängstlichkeit.

Endlich kam die Polizei, und beim Anblick ihrer Uniformen erhob sich die Aufregung von neuem. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, daß jetzt etwas Entscheidendes geschehen würde. Aber die Beamten waren auch nur sterbliche Menschen, und nach ein paar Minuten flüsterte man sich zu, sie seien Narren. Sie bezweifelten alles, was man ihnen erzählte, und drückten ihre Verachtung gegen das Suchen der Laien aus, indem sie eine neue Untersuchung begannen und mit der größten Sorgfalt die unwahrscheinlichsten Ecken durchstöberten. Zwei gingen fort nach Smilaschs Hütte, um dort nach ihm zu suchen. Dann brachte Fairholme, sonnenverbrannt, schwitzend und staubig, aber noch voll Energie, den erschöpften Überrest seiner Abteilung zurück. Sie hatten einen mürrischen Jungen bei sich, der den Polizeibeamten finstere Blicke zuwarf und offenbar glaubte, er sollte an sie ausgeliefert werden.

Fairholme war überall gewesen, und da er nichts von dem verlorenen Paar gesehen hatte, kam er zu dem Schluß, daß sie überhaupt nirgends steckten. Er fragte jeden um Auskunft und sagte, er würde es herausbekommen, wenn es nur möglich wäre. Aber es war nicht möglich. Das einzige Resultat seiner Bemühungen war die Erzählung des Burschen, dem er nicht glaubte.

»Hm!« sagte der Inspektor, der nicht sehr erfreut über Fairholmes Eifer war, obgleich er ihm imponierte. »Du bist doch Wickens Junge, nicht wahr?«

»Ja, ich bin Wickens Junge,« antwortete der Zeuge halb verächtlich, halb weinerlich. »Und ich hab ihn doch gesehen, und wenn jemand sagt, ich hätte ihn nicht gesehen, dann ist er ein Lügner.«

»Still,« sagte der Inspektor scharf. »Wir wollen deine Unverschämtheiten nicht hören. Aber erzähle uns, was du gesehen hast, sonst bekommst du es nachher mit mir zu tun.«

»Es ist mir gleich, mit wem ich es zu tun habe,« sagte der Junge trotzig. »Sie können mir nichts tun, weil ich ihn sah, denn das geht keinem Gesetz was an. Ich war in der Kiesgrube in der Wiese am Kanal --«

»Was hattest du da verloren?« fragte der Inspektor, ihn unterbrechend.

»Ich durfte da sein,« sagte der Junge in frechem Ton, aber er wurde doch rot.

»Wer hat dir die Erlaubnis gegeben?« fragte der Inspektor weiter und faßte ihn beim Kragen. »Ah,« fügte er hinzu, als der Gefangene in Tränen ausbrach, »ich hab dir ja gesagt, du bekommst es mit mir zu tun. Nun hör mit dem Geplärre auf und denk daran, wo du bist und mit wem du sprichst. Vielleicht werde ich dich für diesmal nicht einsperren. Also was hast du gesehen, als du verbotenerweise auf die Wiese kamst?«

»Ich sah ein junges Weib und einen Mann. Und ich sah, wie sie ihn küßte. Und der Herr will mir nicht glauben.«

»Du meinst natürlich, du sahst, wie er sie küßte?«

»Nein, nein. Ich kenn das, wenn einem ein Mädchen küßt und man will es nicht haben. Und ich schrie, um sie zu erschrecken. Und er rief mich und gab mir zwei Pence und sagte: >Geh zum Teufel!< sagte er, >und sage niemand, daß du mich hier gesehen hast, sonst,< sagte er, >werde ich mich versucht fühlen, dich zu ertränken,< sagte er, >und was für ein Schrecken würde das für deine Eltern sein!< >O ja, jedenfalls,< sagte ich oder so ähnlich. Dann ging ich weg, weil er Mr. Wickens kennt, und weil ich Angst hatte, er würde es ihm erzählen.«

Da der Trotz des Knaben jetzt gebrochen war, regnete es von allen Seiten Fragen auf ihn. Aber seine Beobachtungsgabe und seine Beschreibung wurden dadurch nicht besser. Da er Leute, in deren Gewalt er war, freundlich stimmen wollte, gab er, so oft er konnte, zustimmende Antworten. Mr. Jansenius fragte ihn, ob die junge Frau, die er gesehen hatte, eine Lady gewesen sei, und er sagte ja. War der Mann ein Arbeiter? Ja -- nach kurzem Überlegen. Wie war sie gekleidet? Das hatte er nicht beobachtet. Hatte sie rote Blumen auf ihrem Hut? Ja. War ihr Kleid grün? Ja. Waren die Blumen auf ihrem Hut gelb? (Agathas Frage.) Ja. War ihr Kleid hellrot? Ja. Es war doch bestimmt nicht schwarz? Keine Antwort.

»Ich sagte Ihnen ja, er ist ein Lügner,« bemerkte Fairholme verächtlich.

»Nun, ich glaube schon, daß er etwas gesehen hat,« sagte der Inspektor. »Aber was es war oder wer es war, ist mehr, als ich aus ihm herauskriegen kann.«

Es entstand eine Pause, und sie sahen Wickens Jungen mißtrauisch an. Seine Erzählung über das Küssen machte es den Jansenius fast zu einer Beleidigung, daß Henrietta die Frau sein könnte, die er gesehen hatte. Jane riet, den Kanal abzusuchen, aber ein unwilliges >st, st< gebot ihr Schweigen, während man den verlassenen Eltern besorgte und mitfühlende Blicke zuwarf. Jane verschwand dann wieder aus dem Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, als die beiden Polizisten, die man nach der Hütte gesandt hatte, zurückkamen. Smilasch ging zwischen ihnen, offenbar als Gefangener. Von weitem sah es aus, als ob er eine schreckliche Verletzung am Kopf habe, als man ihn aber in die Gesellschaft brachte, zeigte es sich, daß es nur ein rotes Taschentuch über sein Gesicht gebunden hatte, wie um Zahnschmerzen zu mildern. Er hatte ein ausgesprochenes Galgengesicht, als er vor dem Inspektor stand. Er ließ seinen Kopf herabhängen und hielt seine Gesichtszüge von Mr. Jansenius abgewendet, der, als er ihn forschend beobachten wollte, nur einen Fetzen von dem roten Taschentuch sah.

Einer der Polizisten berichtete, wie sie Smilasch in dem Augenblick gefunden hätten, als er grade seine Wohnung betreten wollte. Er habe sich geweigert, irgendeine Erklärung zu geben oder auch nach der Anstalt zu kommen, und als sie ihn gegen seinen Willen mitnehmen wollten, habe er ihnen Trotz geboten. Als sie dann schließlich nach dem Inspektor und Mr. Jansenius schicken wollten, hatte er sie Esel genannt und eingewilligt, sie zu begleiten. Der Beamte schloß mit der Erklärung, der Mann sei entweder betrunken oder sehr hinterlistig, da er nicht vernünftig sprechen konnte oder wollte.

»Sehen Sie, Herr Wachtmeister,« begann Smilasch zum Inspektor, »Ich bin ein gewöhnlicher Mann -- Sie können keinen gewöhnlicheren finden in --«

»Das ist er,« schrie Wickens Junge, den plötzlich das Gefühl überkam, daß er ein wichtiger Zeuge sei. »Das ist er, den die Lady küßte, der mir zwei Pence gab und mir drohte, mich zu ertränken.«

»Und mit demütigem und zerknirschtem Herzen bedaure ich, daß ich dich nicht ertränkt habe, du grüner Halunke,« sagte Smilasch. »Ist das eine Art, einen Mann, wenn auch einen gewöhnlichen, zu unterbrechen, der an Alter und Weisheit dein Vater sein könnte.«

»Halt deinen Mund,« sagte der Inspektor zu dem Jungen. »Nun, Smilasch, wollen Sie einen Bericht geben? Aber erwägen Sie wohl, was Sie sagen, es kann nachher gegen Sie vorgebracht werden.«

»Wenn Sie mich sofort von hier zum Schafott bringen lassen, Herr Oberwachtmeister, ich kann nicht mehr als die Wahrheit sagen. Wenn ein Mann sagen kann, daß Jeff Smilasch lügt, dann soll er sich melden.«

»Das interessiert mich nicht,« sagte der Inspektor. »Da Sie hier in der Gegend fremd sind, weiß niemand etwas Schlechtes von Ihnen. Aber ebensowenig weiß jemand etwas Gutes von Ihnen.«

»Herr Wachtmeister,« sagte Smilasch tief bewegt, »Sie haben einen durchdringenden Geist, und durchschauen einen schlechten Charakter auf den ersten Blick. Nicht um Sie zu täuschen, bin ich so der Lüge und Faulheit und Genüssen aller Art ergeben. Die einzige Entschuldigung, die ich für mich finden kann, ist, daß es wohl so in der Natur der menschlichen Rasse liegt. Denn die meisten Leute sind grade so schlimm wie ich, und viele sind schlimmer. Ich spreche nicht persönlich von Ihnen, Herr Wachtmeister, noch von den geehrten Gentlemen, die hier versammelt sind. Denn Sie, Herr Wachtmeister, sind ein Inspektor von der Polizei, was ich für einen höheren Rang als den der gewöhnlichen Menschen halte. Und was die Gentlemen angeht, ein Gentleman ist kein Mann -- wenigstens kein gewöhnlicher Mann -- denn der gewöhnliche Mann ist nur der Sklave, der die Gentlemen, die über dem Gewöhnlichen stehen, ernährt und bekleidet.«

»Halt,« sagte der Inspektor, der diesen Bemerkungen nicht folgen konnte, »Sie sind ein gerissener Patron, aber mir sind Sie nicht gerissen genug. Haben Sie eine Erklärung bezüglich der Dame abzugeben, die man zuletzt in Ihrer Gesellschaft gesehen hat?«

»Eine Erklärung abgeben über eine Lady!« sagte Smilasch unwillig. »Fern sei der Gedanke meiner Seele!«

»Was haben Sie mit ihr angefangen?« fragte Agatha heftig. »Sein Sie nicht so mürrisch.«

»Sie wissen, daß Sie das nicht zu beantworten brauchen,« sagte der Inspektor, der ein wenig aus der Fassung gebracht war, weil Agatha in ihrer unverantwortlichen Stellung so direkt auf den Kernpunkt der Sache gekommen war. »Sie können es tun, wenn Sie wollen. Wenn Sie aber etwas Böses getan haben, schweigen Sie lieber. Im andern Fall können Sie ruhig aussagen.«

»Ich will die junge Lady wegen ihrer verehrten Schwester beruhigen,« sagte Smilasch. »Als die junge Lady mich erblickte, fiel sie in Ohnmacht. Da ich erst ein junger Mensch bin und nicht mit Ladies umzugehen weiß, will ich nicht leugnen, daß ich etwas erschrocken war, und daß mein Kopf keine vernünftigen Überlegungen fassen konnte. Als sie ihre Augensterne entschleierte, um mich so auszudrücken, umfaßte sie meinen Hals, obgleich sie mich von Adam, unserm gemeinsamen Stammvater her nicht kannte, und sagte: >Bringen Sie mir etwas Wasser, und machen Sie, daß die Mädchen mich nicht sehen.< Da ich nicht so viel Verstand hatte, um für mich selbst zu sprechen, tat ich grade, was sie mir sagte. Ich hob sie in meinen Armen empor -- sie war ja nur ein leichtes und zartes Wesen -- und schob, so schnell ich konnte, nach dem Kanal. Als ich dort ankam, legte ich sie auf die Bank und holte Wasser. Aber bei den Fabriken, Verunreinigungen und vornehmen Einrichtungen aller Art kann man mit dem Wasser eines englischen Kanals keine Dame bespritzen, viel weniger es ihr zu trinken geben. Da kam nun grade, wie es der Zufall wollte, eine Barke daher und nahm sie an Bord, und --«

»Nein, so war es nicht,« sagte Wickens Junge hartnäckig und war stolz, weil er die Unverschämtheit eines Angehörigen seiner eigenen Klasse aufdecken konnte. »Ich sah Sie beide zusammenstehen, und sie küßte Sie. Da war gar keine Barke.«

»Soll die jungfräuliche Sittsamkeit einer geborenen Lady angezweifelt werden wegen der Worte eines gewöhnlichen Jungen, der nur durch die Geduld der Landbesitzer und Geldbesitzer, die er mit ernähren hilft, sein Dasein fristet?« rief Smilasch unwillig. »Pfui, du junger Heide, eine Lady ist nicht aus demselben Leder geschnitten wie du. Sie weiß nicht einmal, was ein Kuß ist, und wenn sie es wüßte, ist es zu glauben, daß sie mich nahm, da ein so feiner Mann wie der Inspektor hier nur zu glücklich wäre, ihr den Gefallen zu tun. Pfui, schäme dich! Die Barke war rot und gelb mit einem Drachen als Bugfigur und einem weißen Pferd, das sie zog. Vielleicht bist du farbenblind und kannst rot und gelb nicht unterscheiden. Der Schifferknecht wurde von Mitleid ergriffen, als er die arme, ohnmächtige Lady erblickte und als ihm eine halbe Krone angeboten wurde, und er hatte eine Mutter, die wie eine Mutter handelte. Es war eine Kabine auf dieser Barke, so groß wie der Schrank, in dem Eure Gnaden Ihre eingemachten Sachen aufheben, und in diesem Schrank von einer Kabine lebt der Schifferknecht ganz häuslich mit seiner Frau und Mutter und fünf Kindern. Diese Kanalboote sind sozusagen die hölzernen Mauern von England.«

»Los, fahren Sie in Ihrer Erzählung fort,« sagte der Inspektor. »Wir wissen ebensogut wie Sie, was Barken sind.«

»Ich wollte, ich verstände mehr davon,« entgegnete Smilasch. »Vielleicht könnte ich Ihnen bei Ihrer Aufgabe etwas mehr helfen. Aber, wie ich schon sagte, wir fuhren den Kanal hinab nach Lyvern, wo wir ausstiegen, und die Lady nahm ein Eisenbahnbillet und fuhr damit fort. Mit der vornehmen Offenhändigkeit ihrer Klasse gab sie mir sechs Pence. Hier sind sie, ein Beweis, daß ich die Wahrheit sage. Und ich wünsche ihr, daß sie sicher zu Hause ankommt, und wenn man mich auf die Folter spannt, ich kann nicht mehr erzählen, ausgenommen, daß ich nach Hause ging und daß diese Polizisten gegen die englische Verfassung Hand an mich gelegt haben. Wenn das gnädige Fräulein freundlichst dahin gehen wollten, wo die Verfassung aufgeschrieben ist, und herausfänden, was darin über meine Rechte und Freiheiten steht -- denn man hat mir gesagt, daß der Arbeiter seine Freiheiten hat, und ich habe mich immer dafür interessiert -- dann werden Sie einen armen Burschen mehr zum Dank verpflichten, als er nach seiner geringen Erziehung ausdrücken kann.«

»Mein Herr,« schrie Mr. Jansenius plötzlich, »wollen Sie nicht einmal ihren Kopf erheben und mir ins Gesicht sehen?«

Smilasch tat es und fuhr dann mit theatralischer Bewegung zurück, indem er ausrief: »Wen sehe ich?«

»Sie werden es kaum glauben,« fuhr er fort, indem er sich an die Gesellschaft im allgemeinen wandte, »aber ich bin diesem vornehmen Gentleman wohlbekannt. Auf Ihren Lippen, alter Herr, sah ich die Frage nach meiner Frau, und ich danke Ihnen für die herablassende Teilnahme. Es geht ihr gut, Herr, und daß ich hier meinen Aufenthalt habe, darüber haben wir uns vollständig geeinigt. Was für eine kleine Wolke auch über unserm häuslichen Himmel geschwebt haben mag, sie ist vergangen. Und, alter Herr,« hier sank Smilaschs Stimme zu ernsterer Betonung -- »wer sich jetzt zwischen Mann und Weib schiebt, lädt eine schwere Verantwortung auf sich. Hier lebe ich, so wie Sie mich hier sehen, und hier will ich bleiben, genau in der gleichen Gestalt. Das heißt, wenn das Schicksal es erlaubt. Das Schicksal ist eine wunderliche Sache, alter Herr. Als ich hierher kam, dachte ich, es sei der letzte Platz auf der Welt, wo Sie mir vor die Augen kämen, und der Henker hol mich, wenn Sie nicht ungefähr der erste sind, auf den ich hier stoße.«

»Ich beabsichtige nicht, mich an dieser Maskerade zu beteiligen.«

»Wenn Sie erlauben, alter Herr, daß ich Ihnen das Wort aus dem Munde nehme, Sie brauchen sich an nichts zu beteiligen. Was nun mein früheres Benehmen angeht, Sie können sich darüber äußern oder auch schweigen. Wenn Sie aber etwas davon sagen, werde ich das übrige sagen. Alles oder gar nichts. Sie haben das Recht, hier dem Inspektor zu sagen, ich sei ein schlechter Kerl. Sein durchdringender Geist hat es schon von selbst herausgefunden. Aber wenn Sie auf Namen und Einzelheiten eingehen, dann handeln Sie nicht nur gegen die Wünsche meiner Frau, Sie zwingen mich auch dazu, die ganze Geschichte hier offen vor aller Welt zu erzählen und dann irgendwohin zu gehen, wo niemand mich finden kann.«

»Ich glaube, je weniger gesagt wird, desto besser ist es,« sagte Mrs. Jansenius, die mit Unbehagen die Neugierde und das Erstaunen bemerkte, das die Unterredung verursachte. »Aber verstehen Sie das wohl, Mr. --«

»Smilasch, teure Lady. Jeff Smilasch.«

»Mr. Smilasch, was Sie auch mit Ihrer Frau abgemacht haben werden, es geht mich nichts an. Sie haben schändlich gehandelt, und ich wünschte, ich hätte in Zukunft so wenig wie möglich mit Ihnen zu tun.«

»Ich wünsche, daß ich mit Ihnen _gar nichts_ mehr zu tun habe -- _gar nichts_!« sagte Mr. Jansenius. »Ich sehe Ihr Benehmen als eine persönliche Beschimpfung für mich an. Sie können leben, wie Sie wollen und wo Sie wollen. Ganz England steht Ihnen offen, nur ein Platz nicht -- mein Haus. Komm, Ruth.« Er bot seiner Frau den Arm, und sie wandten sich zum Gehen, indem sie sich nach Agatha umsahen, die, von der gaffenden Neugierde der andern angewidert, sich entschlossen aus der Hörweite der Unterhaltung zurückgezogen hatte.

Smilasch hatte mit freundlichem Interesse den Zornesausbruch des Mr. Jansenius beobachtet, als ob es ihn nur als neugierigen Beobachter anginge. Aber Miß Wilson ließ ihre Blicke von Smilasch zu ihren beiden aufbrechenden Besuchern gleiten. »Bitte, sehen Sie die Erklärung dieses Mannes als eine befriedigende an?« sagte sie zu ihnen. »_Ich_ tu es nicht.«

»Ich bin ein viel zu gewöhnlicher Mann,« sagte Smilasch, »als daß ich imstande wäre, eine Erklärung abzugeben, die ein so kultiviertes Gehirn wie das Ihrige befriedigen könnte. Aber ich möchte ganz bescheiden andeuten, daß da drüben ein Junge mit einem Telegramm steht und sich gerne durch die hochgeborene Menge drängen würde.«

»Miß Wilson!« schrie der Junge mit schriller Stimme.

Sie nahm das Telegramm, las es und runzelte die Stirne. »Wir haben alle unsere Mühe für nichts gehabt, meine Damen und Herren,« sagte sie mit unterdrücktem Ärger. »Mrs. Trefusis teilt hier mit, daß sie nach London zurückgekehrt ist. Irgendeine Erklärung anzugeben, hat sie nicht für nötig gehalten.«

Ein allgemeines Murmeln der Enttäuschung folgte.

»Lassen Sie den Mut nicht sinken, Ladies,« sagte Smilasch. »Vielleicht ist sie trotzdem ertränkt oder ermordet worden. Es kann jemand das Telegramm unter einem falschen Namen geschickt haben. Vielleicht ist es ein Kniff. Hoffen wir um Ihretwillen wenigstens auf einen kleinen Unfall -- vielleicht passiert etwas auf der Eisenbahnreise.«

Miß Wilson wandte sich nach ihm um und war froh, daß sie jemand hatte, an dem sie so recht ihren Ärger auslassen konnte. »_Sie_ sollten sich lieber an Ihre Arbeit machen,« sagte sie. »Und lassen Sie sich nie wieder hier sehen.«

»Das ist hart,« sagte Smilasch klagend. »Ich habe es nur gut gemeint. Aber ich weiß, warum Sie so sind. Weil das junge Ungeziefer sagte, die Lady hätte mich geküßt.«

»Herr Inspektor,« sagte Miß Wilson, »Sie werden mich verbinden, wenn Sie dafür sorgen, daß er die Anstalt so bald wie möglich verläßt!«

»Wo ist mein Lohn?« entgegnete Smilasch vorwurfsvoll. »Wo ist mein gesetzlicher Lohn? Ich bin erstaunt, daß eine Dame wie Sie, die zum Überlaufen voll ist von Moralphilosophie und Nationalökonomie, einen armen Mann um das Seinige bringen will. Wo ist Ihre Zahlkasse? Wo ist Ihr Lohnkapital?«