Der Amateursozialist: Roman

Part 5

Chapter 53,754 wordsPublic domain

Diese Worte waren an Jane gerichtet, die mit einigen von den andern herbeikam. Agatha erwartete, daß Smilasch jetzt sofort entlarvt würde, denn seine Verstellung war nun doch zu durchsichtig. Sie wunderte sich, wie die andern sich dadurch irreführen ließen. Es schlug jetzt zwei Uhr, und das erinnerte sie an das bevorstehende Zusammentreffen mit ihrem Vormund. Eine Angst überkam sie und ein Verlangen, sich an einem einsamen Platz zu verbergen, bis man sie rief. Aber sie hatte es sich zur Ehrensache gemacht, stets die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen alle Sorgen zu zeigen, und so blieb sie bei den Mädchen, lachte und plauderte mit ihnen, während sie Smilasch beobachteten, der sorgfältig die Felder markierte und die Netze ausspannte. Agatha brachte alle zum Lachen, und grade ihre geheime Aufregung, die durch unerträgliche Anfälle von Angst verschärft wurde, trieb sie dabei an, während das Romantische an Smilaschs Verkleidung ihr die Vorstellung des Träumens einflößte. Ihre Phantasie beschäftigte sich bereits mit einem Drama, in dem sie die Heldin und Smilasch der Held war, obgleich sie dem lebendigen Mann da vor sich nicht so viel düstere Charaktergröße andichten konnte wie einer gänzlich erträumten Person. Das Spiel ihrer Phantasie war ein sehr einfaches, an dem sie sich im geheimen immer wieder ergötzte. Die Heldin liebte den Helden und starb an gebrochenem Herzen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwiderte. Denn Agatha, die stets bereit war, bei ihren Gefährtinnen jede Gefühlsschwelgerei zu verspotten, die mit einem ansteckenden Sinn für Possen begabt war, schwelgte doch heimlich in ihrem Innern in Vorstellungen von Verzweiflung und Sterben. Sie durchlebte oft die ganze Marter eines erfolgreichen Clowns, der beim Publikum wahre Stürme von Gelächter auslöst und sich doch im Grunde für einen geborenen Tragöden hält. Sie wußte, daß es manches in ihrem Wesen gab, das nicht grade durch ihre so beliebte Darstellung des Soldaten im Kamin verkörpert wurde.

Um drei Uhr kamen die Gäste aus der Umgegend an, und es wurde auf vier Feldern, die Smilasch glatt gewalzt und hergerichtet hatte, Tennis gespielt. Die beiden Geistlichen waren da mit einigen Gentlemen aus dem Laienstande. Mrs. Miller, der Pfarrer und ein paar Mütter und sonstige Anstandsdamen sahen zu. Sie genossen leichte Erfrischungen, die Smilasch, der eine erborgte weiße Kellnerschürze umgebunden hatte und eine übertriebene Dienstfertigkeit entwickelte, auf Teebrettern servierte. Eine Viertelstunde später kam eine Botschaft von Miß Wilson, die Miß Wylie wegrief. Die Besucher begriffen nicht, warum jetzt mit einem Male die jungen Damen ein so zerstreutes Benehmen zeigten. Jane brach fast in Tränen aus und gab Josephs eine unhöfliche Antwort, als er sie ganz unschuldig fragte, was denn geschehen sei. Agatha ging anscheinend ganz gleichgültig fort, obgleich ihre Hand zitterte, als sie ihr Racket weglegte.

In einem geräumigen Empfangszimmer an der Nordseite des Gebäudes fand sie ihre Mutter, eine schmächtige Dame in Witwentracht, mit verblichenem braunen Haar und verweinten Augen. Auch Mrs. Jansenius und ihre Tochter waren dort. Die beiden älteren Damen bewahrten ein ernstes Schweigen, während Agatha sie küßte, und Mrs. Wylie nach ihrem Taschentuch griff. Henrietta umarmte Agatha überschwenglich.

»Wo ist Onkel John?« fragte Agatha. »Ist er nicht mitgekommen?«

»Er ist im andern Zimmer bei Miß Wilson,« sagte Mrs. Jansenius. »Sie erwarten dich dort.«

»Ich dachte, es wäre jemand gestorben,« sagte Agatha, »Ihr seht alle aus wie bei einem Begräbnis. Nun steck dein Taschentuch fort, Mama. Wenn du weinst, werde ich Miß Wilson meine Meinung sagen, weil sie dich gequält hat.«

»Nein, nein,« sagte Mrs. Wylie erschreckt. »Sie war so nett!«

»So gut!« sagte Henrietta.

»Sie ist sehr vernünftig und gütig gewesen,« sagte Mrs. Jansenius.

»Das ist sie immer,« sagte Agatha nachgiebig. »Oder habt ihr gedacht, sie würde in Krämpfe ausbrechen?«

»Agatha,« flehte Mrs. Wylie, »sei nicht eigensinnig und töricht.«

»O nein, das ist sie nicht. Ich weiß das,« sagte Henrietta schmeichelnd. »Nicht wahr, liebe Agatha?«

»Meinetwegen kannst du tun, was du willst,« sagte Mrs. Jansenius. »Aber ich hoffe, du bist zu vernünftig, um ohne Grund die Beendigung deiner Erziehung zu verscherzen.«

»Deine Tante hat ganz recht,« sagte Mrs. Wylie. »Und dein Onkel ist sehr böse auf dich. Er wird nie wieder mit dir sprechen, wenn du dich mit Miß Wilson zankst.«

»Er ist nicht böse,« sagte Henrietta, »aber er ist so um dein Wohl besorgt.«

»Er wird natürlich verstimmt sein, wenn du so in deinem Unverstand fortfährst,« sagte Mrs. Jansenius.

»Alles, was Miß Wilson wünscht, ist eine Entschuldigung wegen der schrecklichen Sachen, die du in ihr Buch geschrieben hast,« sagte Mrs. Wylie. »Liebe Agatha, du wirst sie doch um Entschuldigung bitten?«

»Natürlich wird sie das tun,« sagte Henrietta.

»Es wäre auch noch schöner,« meinte Mrs. Jansenius.

»Vielleicht tu ich es,« sagte Agatha.

»Du bist mein einziges, liebes Kind,« sagte Mrs. Wylie und ergriff ihre Hand.

»Und vielleicht tu ich es auch nicht.«

»Du tust es, Liebste,« drängte Mrs. Wylie und versuchte die widerstrebende Agatha näher an sich heranzuziehen. »Um meinetwillen. Du tust deiner Mutter einen Gefallen, Agatha. Du wirst es mir doch nicht abschlagen, mein Herz?«

Agatha lachte milde über ihre Mutter, die schon seit langer Zeit solche Art zu bitten aufgegeben hatte. Dann wandte sie sich zu Henrietta und sagte: »Wie geht es deinem =caro sposo=? Es war häßlich, daß ich nicht Brautjungfer wurde.«

Das Rot auf Henriettas Wangen leuchtete. Mrs. Jansenius fuhr schnell dazwischen, indem sie daran erinnerte, daß Miß Wilson warte.

»Oh, sie macht sich nichts aus dem Warten,« sagte Agatha. »Sie glaubt, ihr seid alle dabei, mir den Kopf zurecht zu setzen. Das hat sie mit euch verabredet, bevor sie das Zimmer verließ. Mama weiß, daß mir ein kleines Vögelchen alles das erzählt. Ich muß nun sagen, ihr habt mich bis jetzt durchaus nicht nachgiebig gestimmt. Da sich aber der arme Onkel John schrecklich ängstlich und unbehaglich fühlen muß, werde ich doch so gut sein, ihn aus seiner Not zu erlösen. Adieu!« Und sie schritt gemächlich hinaus. Gleich darauf steckte sie den Kopf noch einmal in das Zimmer und sagte mit gedämpfter Stimme: »Macht euch auf etwas Entsetzliches gefaßt. Ich bin grade in der Laune, die schrecklichsten Dinge zu sagen.« Sie verschwand wieder, und dann hörten sie ein Klopfen an der Tür nebenan.

Mr. Jansenius erwartete sie mit Besorgnis. Er hatte schon frühzeitig in seiner Laufbahn die Entdeckung gemacht, daß sein würdiges Aussehen und seine feine Stimme ihm bei den Leuten Ansehen verschafften und ihn bei öffentlichen Versammlungen an den Vorstandstisch brachten. Er war so sehr an diesen Respekt gewöhnt, daß ihn jede familiäre Annäherung oder Vertraulichkeit aufs höchste in Verwirrung setzten. Agatha andererseits, der man schon als Kind Onkel John als den Inbegriff von Weisheit und Ehrwürdigkeit gepriesen hatte, verspottete ihn stets als einen aufgeblasenen und geldstolzen Handelsmann, dessen filziges Gehirn unfähig war, ihre ausschweifenden Ideen zu begreifen. Sie hatte oft schon ihre Mutter in Schrecken gesetzt, indem sie sich mit jener absoluten Verachtung über ihn lächerlich machte, deren nur die Kindheit und die äußerste Unwissenheit fähig sind. Sie fühlte sich stets erniedrigt, weil er so gütig gegen sie war -- denn er gab reichliche Geschenke -- und mit dem Instinkt eines Anarchisten sah sie es für ein Zeichen an, daß sie auf dem richtigen Wege war, wenn sie seine Ratschläge verspottete und seine Autorität verachtete. Die Folge davon war, daß er sie etwas fürchtete, obgleich er nicht wußte, warum -- und daß sie ihn durchaus nicht fürchtete und sich dessen sehr wohl bewußt war.

Als sie hereintrat, mit dem strahlendsten Lächeln, das sie ausspielen konnte, saßen Miß Wilson und Mr. Jansenius am Tisch und sahen aus wie zwei arme Sünder, die angeklagt waren. Miß Wilson wartete, daß er sprechen sollte, da sie sich auf seine imponierende Anwesenheit verließ. Da er aber dazu nicht imstande war, bat sie Agatha, Platz zu nehmen.

»Danke sehr,« sagte Agatha süß. »Nun, Onkel John: kennst du mich nicht mehr?«

»Ich habe mit Bedauern von Miß Wilson gehört, daß du dich hier sehr ungehörig aufgeführt hast,« sagte er, indem er ihre Bemerkung nicht beachtete, obgleich sie ihn im stillen ganz aus der Fassung gebracht hatte.

»Ja,« sagte Agatha zerknirscht, »es tut mir sehr leid.«

Mr. Jansenius, der nach dem Bericht der Miß Wilson die äußerste Halsstarrigkeit erwartet hatte, sah sie erstaunt an.

»Sie scheinen zu glauben,« sagte Miß Wilson, die Mr. Jansenius' Erstaunen bemerkte und darüber beunruhigt war, »daß Sie immer und immer wieder unsere Vorschriften übertreten und dann sich mit uns wieder ins Einvernehmen setzen können« -- Miß Wilson bezeichnete Übertretungen nie als Sünden gegen ihre eigene Autorität, sondern als solche gegen die Autorität der Schule -- »indem Sie sagen, es täte Ihnen leid. Bei unserer letzten Unterredung sprachen Sie in einem ganz andern Ton.«

»Ich war damals ärgerlich, Miß Wilson. Und ich dachte, ich hätte einen Grund zur Klage -- alle glauben dasselbe von sich. Außerdem zankten wir uns -- wenigstens tat ich es, und ich habe mich noch stets schlecht aufgeführt, wenn ich mich zankte. Es tut mir _sehr_ leid.«

»Mit dem Buch, das war eine ernsthafte Sache,« sagte Miß Wilson streng. »Sie scheinen das nicht zu glauben.«

»Wenn ich Agatha recht verstand, so sieht sie die Torheit ihres Benehmens in der Sache mit dem Buch ein, und es tut ihr sehr leid,« sagte Mr. Jansenius, indem er unwillkürlich für Agatha Partei nahm, da sie die Stärkere war und ihm am wenigsten mit Geldangelegenheiten zur Last fiel.

»Hast du das Buch gesehen?« fragte Agatha eifrig.

»Nein. Miß Wilson hat mir erzählt, was geschehen ist.«

»Oh, lassen Sie es mich holen,« rief sie aufspringend. »Onkel John schreit vor Lachen. Darf ich, Miß Wilson?«

»Da haben Sie's!« sagte Miß Wilson unwillig. »Das ist dasselbe unverbesserliche vorlaute Benehmen, über das ich mich beklagen muß. Miß Wylie bringt nur Abwechslung hinein, indem sie auch vollständig ungehorsam wird.«

Mr. Jansenius war ebenfalls entrüstet. Eine feine Röte stieg in seinem Gesicht auf bei der Idee, er würde schreien. »Still, still!« sagte er. »Du mußt ernsthaft sein und Miß Wilson mehr Respekt entgegenbringen. Du bist doch jetzt alt genug, um das zu wissen, Agatha -- vollständig alt genug.«

Agathas Heiterkeit verschwand. »Was hab ich denn gesagt oder getan?« fragte sie, und dunkelrote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

»Du hast dich über -- über das Buch lustig gemacht, auf das Miß Wilson großen Wert legt, und zwar mit Recht.«

»Wenn ich es mit Recht tat, wie kannst du es mir dann vorwerfen?«

»Nun ist es genug,« schrie Mr. Jansenius, indem er absichtlich seine Zurückhaltung aufgab, da er einsah, daß er sie so doch nicht im Zaume halten konnte. »Sei nicht unverschämt, Miß.«

Agathas Augen erweiterten sich, eine flüchtige Röte bedeckte ihr Gesicht und ihren Hals, und sie stampfte mit den Absätzen. »Onkel John,« rief sie, »wenn du es _wagst_, mir noch einmal so etwas zu sagen, werde ich dich nie mehr ansehen oder ansprechen und nie mehr dein Haus betreten. Was verstehst du von gutem Benehmen, wenn du mich unverschämt nennst. Einer absichtlichen Roheit unterwerfe ich mich nun einmal nicht, gradeso hat auch mein Streit mit Miß Wilson angefangen. Sie sagte mir, ich sei unverschämt, und ich ging weg und sagte ihr, sie habe unrecht, indem ich es in das Fehlerbuch hineinschrieb. Sie hat überhaupt in der ganzen Sache unrecht gehabt, aber ich wollte mich mit ihr versöhnen und vergangene Dinge vergangen sein lassen, deshalb schwieg ich. Aber wenn sie sich weiter streiten will, dann kann ich es nicht ändern.«

»Mr. Jansenius, ich habe Ihnen schon auseinandergesetzt,« sagte Miß Wilson, indem sie ihren Unwillen durch einen Versuch, ihn zu unterdrücken, nur noch verstärkte, »daß Miß Wylie jede Gelegenheit, sich mit mir wieder ins Einvernehmen zu setzen, zurückgewiesen hat. Mrs. Miller und ich haben absichtlich über alles Persönliche in der Sache hinweggesehen, und ich verlange nur, daß sie ihre Übertretung der Anstaltsvorschriften einsieht.«

»Aus Mrs. Miller mach ich mir nicht _so_ viel,« sagte Agatha, indem sie mit den Fingern schnipste. »Und Sie sind auch nicht halb so gut, wie ich dachte.«

»Agatha,« sagte Mr. Jansenius, »ich wünsche, daß du deine Zunge hältst.«

Agatha atmete tief und sagte, indem sie sich resigniert hinsetzte: »So! Nun ist es doch so gekommen. Ich habe die Fassung verloren, und jetzt haben wir sie alle verloren.«

»Du hast kein Recht, die Fassung zu verlieren,« sagte Mr. Jansenius, indem er sich einbildete, er hätte jetzt einen Vorteil über sie.

»Ich bin die jüngste und verdiene den geringsten Tadel,« entgegnete sie.

»Es hat keinen Zweck, noch etwas darüber zu reden, Mr. Jansenius,« sagte Miß Wilson entschlossen. »Es tut mir leid, daß Miß Wylie es vorzieht, mit uns zu brechen.«

»Aber ich ziehe es gar nicht vor, mit Ihnen zu brechen, und ich halte es für sehr hart, daß Sie mich wegjagen. Niemand hat hier den geringsten Streit mit mir gehabt, außer Mrs. Miller. Mrs. Miller zürnt mir, weil sie mich in falschem Verdacht hat wegen ihrer Katze, aber das ist doch nicht meine Schuld! Und wirklich, Miß Wilson, ich weiß nicht, warum Sie mir so böse sind. Wenn ich weggejagt werde, glauben alle Mädchen, ich hätte etwas Abscheuliches getan. Wenigstens müßte ich bis Ende des Schuljahres bleiben, und was das Sünden- -- das Fehlerbuch angeht, so haben Sie mir doch, als ich ankam, ganz ausdrücklich gesagt, ich könnte hineinschreiben oder nicht, ganz wie ich wollte. Sie würden nie etwas diktieren oder über eine Eintragung etwas sagen. Und doch, das erstemal, daß ich etwas schreibe, was Ihnen nicht gefällt, jagen Sie mich weg. Niemand wird mehr glauben, daß die Eintragungen freiwillige sind.«

Miß Wilsons Gewissen war schon durch die Roheit und das Fehlen der moralischen Überredung in Mr. Jansenius Wort: >Sei nicht unverschämt!< getroffen worden, denn es klang wie das Echo ihrer eigenen Worte, und jetzt fühlte sie sich aufs neue beunruhigt. »Das Fehlerbuch,« sagte sie, »ist nur zu Selbstanklagen da, es darf nicht dazu dienen, andere zu beschuldigen.«

»Ich weiß ganz gewiß, daß weder Jane noch Gertrude noch ich uns im geringsten anklagten, weil wir die Treppen herunterglitten, aber Sie hatten keinen Tadel, als wir das hineinschrieben. Übrigens sollte das Buch der moralischen Überredung dienen -- wenigstens sagten Sie das immer, und als Sie die moralische Überredung aufgaben, glaubte ich, ich müßte darüber eine Eintragung machen. Natürlich war ich damals im Zorn, aber als ich zur Ruhe kam, hielt ich es für ganz recht, was ich getan hatte. Und ich glaube das auch noch heute, obgleich es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich zu allem geschwiegen hätte.«

»Wieso behaupten Sie, ich hätte die moralische Überredung aufgegeben?«

»Den Leuten die Türe weisen, ist keine moralische Überredung. Sie unverschämt nennen, ist auch keine.«

»Sie glauben also, ich müßte Ihnen geduldig zuhören, was Sie mir auch zu sagen belieben, und wie ungehörig es auch in Anbetracht Ihrer Stellung mir gegenüber sein mag?«

»Aber ich habe nichts Ungehöriges gesagt,« sagte Agatha. Dann brach sie ungeduldig ab, lächelte wieder und sagte: »Oh, wir wollen nicht mehr streiten. Es tut mir wirklich sehr leid, und ich habe Sie und die Anstalt so gern. Und ich will auch nach den Ferien nur wiederkommen, wenn Sie es wünschen.«

»Agatha,« sagte Miß Wilson schwankend, »diese Worte des Bedauerns kosten Ihnen so wenig, und wenn sie ihren Zweck erreicht haben, vergessen _Sie_ sie so bald, daß mich das nicht länger befriedigt. Ich bestehe durchaus nicht gerne darauf, daß Sie die Anstalt jetzt verlassen. Aber wie Ihr Onkel Ihnen gesagt hat, Sie sind alt und verständig genug, um den Unterschied zwischen Ordnung und Unordnung zu kennen. Bisher haben Sie auf der Seite der Unordnung gestanden, die wir, wie Ihnen Mrs. Trefusis erzählen kann, früher, als Sie noch nicht da waren, kaum gekannt haben. Trotzdem will ich durch alles Vergangene einen Strich machen, wenn Sie mir versprechen, in Zukunft mehr auf sich achtzugeben, und am Ende des Schuljahres werde ich dann sehen, ob Sie weiter bleiben können.«

Agatha erhob sich strahlend vor Freude. »Liebe Miß Wilson,« »Sie sind _so_ gut! Natürlich verspreche ich es. Ich werde hingehen und es Mama erzählen.«

Bevor sie noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte sie sich in einem Wirbel zur Türe bewegt und floh davon, um sich einen Augenblick später im Empfangszimmer den drei Damen vorzustellen, die sie mit launigem Lächeln schweigend anblickte.

»Nun?« fragte Mrs. Jansenius fest.

»Nun, liebes Kind?« fragte Mrs. Trefusis zärtlich.

Mrs. Wylie unterdrückte einen Seufzer und sah ihre Tochter flehend an.

»Es hat mir unendliche Mühe gekostet, sie zur Vernunft zu bringen,« sagte Agatha nach einer herausfordernden Pause. »Sie benahmen sich wie Kinder, und ich war wie ein Engel. Natürlich bleibe ich.«

»Gott segne dich, mein Liebling,« stammelte Mrs. Wylie und versuchte Agatha, die ihr gewandt auswich, zu küssen.

»Ich habe versprochen, in Zukunft sehr gut und fleißig und ruhig und brav zu sein. Erinnerst du dich noch an meinen Kastagnettentanz, Hetty?

Tra! lalala, la! la! la! Tra! lalala, la! la! la! Tra! lalalalalalalalalalala!«

Und sie wirbelte in dem Zimmer herum, indem sie mit den Fingern wie mit Kastagnetten knipste.

»Sei nicht so rücksichtslos und leichtfertig, meine Liebe,« sagte Mrs. Wylie. »Du wirst deiner armen Mutter noch das Herz brechen.«

Miß Wilson und Mr. Jansenius traten jetzt grade herein, und Agatha blieb bewegungslos stehen, indem sie zerstreut auf eine Vase mit Blumen starrte. Miß Wilson lud ihre Besucher ein, an dem Tennisspielen teilzunehmen. Mr. Jansenius blickte streng und mißbilligend auf Agatha, die als Antwort ihr linkes Auge aufriß, während sie das andere gleichzeitig zusammenkniff. Doch er schüttelte seinen Kopf, um anzudeuten, daß Fertigkeiten im Gesichterschneiden, wie schwierig und naturwidrig sie auch sein mochten, seine Achtung nicht gewinnen konnten, und er ging mit Miß Wilson, mit Mrs. Jansenius und Mrs. Wylie hinaus.

»Wo ist dein Hubby?« fragte Agatha darauf plötzlich Henrietta.

Mrs. Trefusis Augen füllten sich so schnell mit Tränen, daß sie auf Agathas Hand fielen, als sie ihren Kopf neigte, um sie zu verbergen.

»Es ist solch ein lieber, alter Platz hier,« begann sie. »Die Erinnerungen aus meinen Kinderjahren --«

»Was ist zwischen dir und Hubby geschehen?« fragte Agatha, sie unterbrechend. »Wenn du es mir nicht sagst, werde ich ihn fragen, wenn ich ihn treffe.«

»Ich wollte es dir grade erzählen, aber du läßt mir ja keine Zeit.«

»Das ist ja Quatsch,« sagte Agatha. »Aber meinetwegen, erzähle.«

Henrietta zauderte. Ihre Würde als verheiratete Frau und der Ernst ihres Schmerzes lehnten sich gegen die seichte Auffassung des Schulmädchens auf. Aber sie war jetzt ebensowenig wie früher als Kind imstande, Agathas Tyrannei zu widerstehen, und sie sehnte sich nach ihrem Mitgefühl. Außerdem hatte sie es schon gelernt, ihre Geschichte lieber selbst zu erzählen, als das andern zu überlassen, weil dann die Sache durchaus nicht immer im richtigen Lichte dargestellt wurde. So erzählte sie Agatha von ihrer Ehe, ihrer milden Liebe zu ihrem Gatten, seinem geheimnisvollen Verschwinden, ohne ein Wort oder eine Adresse zu hinterlassen. Den Brief erwähnte sie nicht.

»Hast du nach ihm gesucht?« fragte Agatha, indem sie eine Neigung zum Lachen unterdrückte.

»Aber wo? Hätte ich auch nur die entfernteste Spur, ich würde ihm barfuß bis ans Ende der Welt folgen.«

»Ich glaube, du solltest alle Flüsse durchsuchen -- das müßtest du ja barfuß tun. Er muß irgendwo hineingefallen oder irgendwo abgestürzt sein.«

»Nein, nein. Meinst du, ich wäre hier, wenn ich dachte, daß sein Leben in Gefahr sei? Ich habe Gründe -- ich weiß, daß er nur davongegangen ist.«

»Oh, wirklich! Er nahm seinen Koffer mit sich, nicht wahr? Vielleicht ist er nach Paris gereist, um dir etwas Hübsches zu kaufen und dir eine angenehme Überraschung zu bereiten.«

»Nein,« sagte Henrietta traurig. »Er wußte, daß ich nichts brauchte.«

»Dann glaube ich, daß er deiner müde geworden und davongelaufen ist.«

Henriettas eigenartige dunkle Röte verschwand plötzlich von ihren Wangen, sie riß Agathas Arm zurück und rief: »Wie kannst du das sagen! Du hast kein Herz. Er betete mich an.«

»Unsinn!« sagte Agatha. »Die Menschen werden immer einander müde. Ich werde meiner selbst müde, wenn ich nur zehn Minuten mit mir allein bin, und liebe mich sicherlich selbst mehr, als sich sonst zwei Menschen lieben können.«

»Das weiß ich,« sagte Henrietta gequält und boshaft. »Du warst immer ganz besonders von dir selber eingenommen.«

»Sehr wahrscheinlich gleicht er mir in dieser Beziehung. In dem Falle wird er seiner selbst bald müde werden und zurückkehren, und ihr werdet bald wieder girren wie die Turteltauben, bis er von neuem davonläuft. Hu! Es geschieht dir ganz recht, warum hast du dich verheiratet? Ich wundere mich, wie die Leute so verrückt sein können, da sie doch alle verheirateten Bekannten als warnende Beispiele vor Augen haben.«

»Du weißt nicht, was es heißt, jemand zu lieben,« sagte Henrietta jammernd und doch belehrend. »Übrigens waren wir nicht so wie die andern Paare.«

»Es scheint so. Aber mach dir nichts daraus, du kannst dich drauf verlassen, sobald er seiner eigenen Gesellschaft überdrüssig wird, kehrt er schon zurück. Quäle dich nicht damit, darüber nachzudenken, komm, wir wollen eine Partie Lawn-Tennis spielen.«

Während dieser Unterredung hatten sie das Gesellschaftszimmer verlassen und machten jetzt einen Umweg durch die Anlagen. Sie näherten sich den Tennisspielplätzen auf einem Pfad, der zwischen zwei Lorbeerhecken durch ein Buschwerk führte.

Inzwischen wartete Smilasch in seiner weißen Schürze und in Handschuhen den Gästen auf. Er hatte sich ausdrücklich geweigert, diese abzulegen, indem er anführte, er sei ein gewöhnlicher Mann, und Ladies und Gentlemen könnten aus seinen gewöhnlichen Händen nicht Speise und Trank entgegennehmen. Er benahm sich auch untadelig, bis Miß Wilson mit ihren Gästen ankam. Er kehrte grade mit einem vollen Teebrett zum Tische zurück und ging so schnell, daß er fast mit Mrs. Jansenius zusammenstieß. Anstatt sich zu entschuldigen, verlor er seine Fassung und begann rückwärts zu gehen, indem er hastig das Teebrett wie einen Schild vor sein Gesicht hielt. Gleich darauf stolperte er gegen Miß Lindsay, die schnell gerannt kam, um einen Ball zurückzuwerfen. Ohne auf ihren ärgerlichen Blick und ihren barschen Tadel zu achten, wandte er sich halb um und wich seitwärts in das Gebüsch hinein, wo das Teebrett gleich darauf in die Höhe und quer über die Lorbeerhecke flog, um mit dem Gepolter eines Theaterdonners auf dem gekrümmten Rücken des Mr. Josephs zu landen. Miß Wilson gab der Wirtschafterin einen scharfen Tadel, weil sie dem Mann die Bedienung überlassen hatte, und erklärte dann ihren Gästen, daß er ein Idiot aus der Umgegend sei. Mr. Jansenius lachte und sagte, er hätte zwar das Gesicht des Mannes nicht gesehen, aber seine Gestalt erinnere ihn stark an irgend jemand, er wüßte nur nicht genau, an wen.

Smilasch, der durch das Gebüsch davoneilte, fand das Ende des Weges durch Agatha und eine junge Dame versperrt, deren Erscheinen ihn mehr beunruhigte, als es vorher Mrs. Jansenius getan hatte. Er versuchte mit Gewalt durch die Hecke zu brechen, aber vergebens. Der Lorbeer war undurchdringlich, und das Geräusch erregte die Aufmerksamkeit des herankommenden Paares. Er machte jetzt keinen Versuch mehr, zu entweichen, sondern zog seine erborgte Schürze über den Kopf und stand kerzengrade da mit dem Rücken nach dem Wege.

»Was macht der Mann da?« fragte Henrietta, indem sie mißtrauisch stehenblieb.