Part 4
Miß Wilson blickte auf die Wolken, dann auf Josephs, der sich mit Jane unterhielt, und schließlich auf Smilasch, der sich mit den Knöcheln gegen die Stirne schlug, ohne zu erwarten, daß man ihn anrede.
»Haben Sie einen Jungen, den Sie nach Lyvern schicken können, um uns eine Fahrgelegenheit -- einen Wagen zu verschaffen? Ich will ihm einen Schilling für seine Mühe geben.«
»Einen Schilling!« sagte Smilasch fröhlich. »Eure Gnaden sind eine noble Dame. Zwei vierrädrige Wagen. Acht sollen Sie haben.«
»Es gibt nur einen Wagen in Lyvern,« sagte Miß Wilson. »Bringen Sie diese Karte zu Mr. Marsch, dem Wagenverleiher, und erzählen Sie ihm, in welcher Verlegenheit wir hier sind. Er wird das Gespann hersenden.«
Smilasch nahm die Karte und las sie mit einem flüchtigen Blick. Dann ging er in das Haus, um gleich darauf in einem Ölrock und einen Südwester auf dem Kopf wieder zu erscheinen. Er rannte durch den Regen davon und schwang sich mit etwas komischer Eleganz über das Tor. Kaum war er verschwunden, so wurde er, wie das öfter bei merkwürdigen Menschen ist, der Gegenstand der Unterhaltung.
»Ein bescheidener Arbeiter,« sagte Josephs. »Und von guten Manieren in Anbetracht seines Standes.«
»Und ein geborener Narr,« sagte Fairholme.
»Oder ein Spitzbube,« bemerkte Agatha, indem sie die Augen aufriß und die Zähne zeigte, während ihre Mitschülerinnen ganz entsetzt über ihre Kühnheit in starrer Bestürzung dastanden. »Er sagte Miß Wilson, er habe eine Schwester, und er sei letzten Sonntag in der Kirche gewesen. Ihnen aber hat er grade erzählt, er sei ein Findling und sei erst am Mittwoch angekommen. Seine Aussprache ist nur angenommen, er kann lesen, und ich glaube überhaupt nicht, daß er ein Arbeiter ist. Vielleicht ist er ein Räuber und will das Silbergeschirr in der Anstalt stehlen.«
»Agatha,« sagte Miß Wilson ernst, »Sie sollten sich in acht nehmen, so etwas zu sagen.«
»Aber es ist so verdächtig. Seine Erklärung über den Schirm gab er nur, um mein Mißtrauen zu entkräftigen. An der Art, wie er ihn benutzte und sich auf ihn stützte, sah man, daß er viel vertrauter damit war als mit dem Spaten, um den er so besorgt tat. Und all seine Kleider sind neu.«
»Das ist wahr,« sagte Fairholme, »aber das hat nicht viel zu besagen. Arbeiter sind heutzutage die reinen Gentlemen. Doch ich will ihn im Auge behalten.«
»Oh, ich danke Ihnen sehr,« sagte Agatha.
Fairholme, der Verdacht schöpfte, daß sie sich über ihn lustig mache, runzelte die Stirne, und Miß Wilson warf der Spötterin einen strengen Blick zu. Es wurde jetzt wenig mehr gesprochen -- nur ein paar Bemerkungen über die Dauer des Regens fielen, bis das Dach einer Droschke, eine alte Trauerkutsche, und drei triefende Hüte über der Hecke sichtbar wurden. Smilasch saß auf dem Bock neben dem Kutscher. Als der Wagen hielt, sprang er herab, ging ohne ein Wort zu sprechen wieder in das Haus und erschien mit dem Regenschirm. Er spannte ihn über Miß Wilsons Haupt auf und sagte:
»Nun, Eure Gnaden, wenn Sie mitkommen wollen, ich werde Sie trocken in den Wagen bringen, und Ihre geehrten Nichten werde ich eine nach der andern abliefern.«
»Ich komme zuletzt,« sagte Miß Wilson, verwirrt durch seine Annahme, die Gesellschaft sei eine Familie. »Gertrude, du gehst am besten vor.«
»Gestatten Sie mir,« sagte Fairholme, indem er vortrat und den Schirm zu nehmen versuchte.
»Danke sehr, ich will Sie nicht bemühen,« sagte sie sehr kühl und trippelte mit Smilasch, der mit großer Besorgtheit den Schirm über ihr hielt, durch das schlammige Feld. Auf dieselbe Art geleitete er auch die andern zu dem Fahrzeug, in das sie sich mit einiger Schwierigkeit zurechtsetzten. Agatha, die als vorletzte kam, gab ihm drei Pence.
»Sie haben ein nobles Herz und einen mutigen Blick, Miß,« sagte er und schien sehr bewegt. »Gott segne Sie!«
Er holte dann Jane, die auf dem schlüpfrigen Gras ausglitt und hinfiel. Er brauchte seine ganze Kraft, um ihr wieder aufzuhelfen.
»Ich hoffe, Sie sind nicht so naß geworden von dem Regen, Miß,« sagte er. »Sie sind ein feines Mädel für Ihr Alter. Hundertzwanzig bis hundertfünfzig Pfund schwer, glaube ich.«
Sie errötete und eilte nach der Droschke, in der Agatha saß. Aber sie war voll, und Jane mußte sehr gegen ihren Willen in die Kutsche, wo sie beträchtlich den Platz verminderte, der für Miß Wilson freigelassen war.
Smilasch kehrte inzwischen zu dieser zurück. »Nun, teure Lady,« sagte er, »nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht fallen. Kommen Sie mit.«
Miß Wilson, die die Einladung nicht beachtete, nahm einen Schilling aus ihrer Börse.
»Nein, Lady,« sagte Smilasch mit tugendhafter Miene. »Ich bin ein ehrlicher Mann und habe noch nie mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht, außer viermal, wovon aber nur zweimal für Stehlen waren. Ihre jüngste Tochter -- die mit dem mutigen Blick -- hat mich mehr als anständig bezahlt.«
»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß diese jungen Damen nicht meine Töchter sind,« sagte Miß Wilson scharf. »Warum hören Sie nicht auf das, was ich Ihnen sage?«
»Seien Sie nicht so streng gegen einen gewöhnlichen Mann, Lady,« sagte Smilasch unterwürfig. »Die junge Dame hat mir grade drei halbe Kronen gegeben.«
»Drei halbe Kronen!« rief Miß Wilson aus, sehr zornig über solch eine Verschwendung.
»Gott segne ihre Unschuld, sie weiß nicht, was man so einem Menschen wie mir geben muß? Aber ich will die junge Lady nicht bestehlen. Eine halbe Krone ist anständig genug bezahlt für den Gang, und eine halbe Krone will ich behalten, wenn es eure vornehme Gnaden gestatten. Aber die andern fünf Schillinge will ich Ihnen für sie anvertrauen. Haben Sie auch schon einmal ihr mutiges Wesen bemerkt?«
»Unsinn, mein Herr. Behalten Sie lieber das Geld, das Sie bekommen haben.«
»Was! Für fünf Schilling soll ich die hohe Meinung, die Eure Gnaden von mir haben, aufs Spiel setzen! Nein, teure Lady, das können Sie nicht von mir erwarten. Die letzten Worte meines seligen Vaters waren --«
»Sie erzählten doch vorhin, Sie wären ein Findling,« sagte Fairholme. »Was soll man nun glauben, he!«
»Das war ich auch, Herr, aber nur von Mutters Seite. Eure Gnaden wollen bitte das Geld zurücknehmen, denn ich behalte es nicht. Ich gehöre mal zur niederen Klasse und bin daher kein Mann von Wort. Aber wenn ich schon einmal daran festhalte, halte ich auch wie Pech daran fest.«
»Nehmen Sie es,« sagte Fairholme zu Miß Wilson. »Nehmen Sie es ruhig. Es war lächerlich, ihm für das, was er getan hatte, sieben und einen halben Schilling zu geben. Es würde ihn nur zum Trinken verleiten.«
»Seine Ehrwürden sagen die Wahrheit, Lady. Die eine halbe Krone hält mich vollständig betrunken bis Sonntag morgen, und mehr will ich gar nicht.«
»Zähmen Sie ein bißchen Ihre Zunge, mein Mann,« sagte Fairholme, indem er ihm die beiden Silberstücke abnahm und sie Miß Wilson gab. Diese bot den Geistlichen guten Abend und ging unter dem Schirm zur Kutsche.
»Wenn Eure Gnaden einen gewandten Mann brauchen, um eine außergewöhnliche Arbeit zu besorgen, dann werden Sie hoffentlich an mich denken,« sagte Smilasch, als sie den Hügel hinabgingen.
»Oh, Sie wissen, wer ich bin?« fragte Miß Wilson trocken.
»Die ganze Gegend weiß es, Miß, und verehrt Sie. Als Schmied kommt mir keiner gleich, und wenn Sie eine geschlagene Medaille brauchen, um sie für gutes Betragen oder dergleichen zu vergeben, ich glaube, ich würde Sie schon zufriedenstellen. Und wenn Eure Gnaden geschmuggelte Spitzen brauchen --«
»Nehmen Sie sich lieber etwas in acht, damit Sie nicht in Ungelegenheiten kommen,« sagte Miß Wilson streng. »Sagen Sie dem Kutscher, er sollte abfahren.«
Die Wagen setzten sich in Bewegung, und Smilasch nahm sich die Freiheit, seinen Hut hinter ihnen her zu schwenken. Dann kehrte er zu dem Landhaus zurück, brachte den Schirm hinein und schloß die Türe, als er wieder herausgekommen war. Er steckte den Schlüssel in die Tasche und schritt durch den Regen über den Hügel davon, ohne von den erstaunten Geistlichen auch die mindeste Notiz zu nehmen.
Inzwischen konnte sich Miß Wilson nicht enthalten, ihrem Unwillen über Agathas Verschwendung Luft zu machen, und sie erzählte es den Mädchen in der Kutsche. Aber Jane erklärte, daß Agatha überhaupt nur drei Pence besäße, und daß sie daher unmöglich dem Mann dreißigmal soviel hätte geben können. Als sie zu Hause waren und Agatha von Miß Wilson befragt wurde, öffnete sie erstaunt die Augen und erklärte lachend: »Ich hab ihm nur drei Pence gegeben. Er hat mir vier Schilling und neun Pence als Geschenk geschickt!«
Viertes Kapitel.
Der Samstag, der schon an und für sich ein halber Feiertag ist, war in der Anstalt zu Alton ein vollständiger. Des Morgens gab es nur Unterricht im Turnen, Tanzen, Zeichnen und im Vortrag, und der Nachmittag wurde mit Tennisspielen verbracht. Hierzu waren dann Damen aus der Nachbarschaft eingeladen, die ihre Ehegatten, Brüder oder Väter mitbringen durften, denn Miß Wilson wollte ihre Zöglinge nicht mit der komischen Unbeholfenheit von Schulmädchen, die an keine Gesellschaft gewöhnt sind, in die Welt schicken.
Ende Oktober kam aber ein Samstag, der sich für Miß Wilson durchaus nicht als ein Feiertag erwies. Um halb zwei, als der Lunch vorbei war, ging sie hinaus auf den Rasenplatz, der zwischen der Südseite des Gebäudes und einer Anpflanzung von Buschwerk lag. Hier fand sie eine Gruppe Mädchen, die Agatha und Jane zusahen, wie sie eine Rasenwalze hinter sich herschleiften. Eine von ihnen schleuderte mit einem Racket einen Ball empor und warf ihn zufällig in das Gebüsch hinein, aus dem dann zum Erstaunen der Gesellschaft Smilasch auftauchte. Er hatte den Ball in der Hand, kniff ein Auge zu und sagte, obgleich er nur ein gewöhnlicher Mann sei, hätte er doch Gefühle wie jeder andere, und sein Auge sei schließlich weder aus Stein noch aus Holz. Er war wie früher gekleidet, aber sein Anzug, der mit Lehm und Kalk beschmutzt war, sah jetzt nicht mehr neu aus.
»Bitte, was wollen Sie hier?« fragte Miß Wilson.
»Ich glaubte wahrhaftig, Sie hätten nach mir geschickt, Lady« antwortete er. »Der Bäckerjunge sagte es mir, als er heute morgen meine niedrige Hütte betrat. Hätte nie gedacht, daß er mich belügen könnte.«
»Es ist ganz richtig, ich habe nach Ihnen geschickt! Warum sind Sie aber nicht an die andere Seite gegangen, zum Eingang für Dienstboten?«
»Ich suche ihn ja, Lady. Eben sah ich mich danach um, als mich hier der Ball traf« -- er berührte sein Auge. »Von solch einem Hieb vergeht einem Hören und Sehen, und ein anständiger Kerl sieht aus wie ein Räuber.«
»Agatha,« sagte Miß Wilson, »kommen Sie einmal her.«
»Ihr Diener, Miß,« sagte Smilasch und zog an seiner Stirnlocke.
»Das ist der Mann, der mir die fünf Schilling gab. Er sagte, er hätte sie von Ihnen bekommen. Ist das so?«
»Gewiß nicht. Ich hab ihm nur drei Pence gegeben.«
»Aber ich zeigte doch Eure Gnaden das Geld,« sagte Smilasch, indem er unruhig an seinem Hut drehte. »Ich gab es Ihnen. Wie soll ich an fünf Schilling kommen, wenn nicht durch die Güte der Reichen und Vornehmen? Wenn die junge Lady glaubt, ich hätte die andere halbe Krone auch nicht behalten dürfen, so hab ich nichts dagegen, daß sie mir vom Lohn abgehalten wird, wenn ich hier Arbeit finde. Aber --«
»Aber das ist ja Unsinn,« sagte Agatha. »Ich hab Ihnen nie drei Kronen gegeben.«
»Vielleicht haben Sie sich geirrt. Pence sind bald so groß wie halbe Kronen, und das Wetter war sehr dunkel.«
»Das war unmöglich,« sagte Agatha. »Jane hatte die ganze Woche über mein Portemonnaie, Miß Wilson, und sie kann Ihnen bestätigen, daß nur drei Pence darin waren. Sie wissen, daß ich immer am Ersten mein Geld bekomme, und es reicht nie länger als eine Woche. Der Gedanke, ich könnte am Sechzehnten noch sieben und einen halben Schilling besitzen, ist lächerlich.«
»Aber erlauben Sie, Miß, ist es nicht noch mal so lächerlich, daß ich armer Arbeiter Geld weggeben sollte, das ich nie bekam?«
Eine unbestimmte Unruhe ergriff Agatha, als ob sie ihren eigenen Sinnen nicht mehr trauen dürfte.
»Alles, was ich weiß,« sagte sie protestierend, »ist, daß ich es Ihnen nicht gegeben habe. Dann müssen sich also meine Pennystücke in Ihrer Tasche in halbe Kronen verwandelt haben.«
»Meinswegen,« sagte Smilasch ernsthaft. »Ich habe gehört und weiß es für gewiß, daß sich den reichen Leuten das Geld in der Tasche von selbst vermehrt. Warum nicht auch in den Taschen der Armen? Warum soll man erstaunen über etwas, das alle Tage vorkommt?«
»Hatten sie damals eigenes Geld bei sich?«
»Woher soll so einer wie ich eigenes Geld bekommen haben? -- entschuldigen Eure Gnaden, daß ich so dreist bin, so zu fragen.«
»Ich weiß nicht, woher Sie es bekommen haben,« sagte Miß Wilson verdrießlich. »Ich frage Sie nur, hatten Sie Geld?«
»Ja, Lady, ich weiß es nicht mehr. Ich will Sie nicht täuschen, aber ich kann mich nicht erinnern.«
»Dann haben Sie sich geirrt,« sagte Miß Wilson, indem sie ihm sein Geld zurückgab. »Hier, wenn es nicht Ihr Geld ist, unseres ist es auch nicht. Darum ist es besser, Sie behalten es.«
»Es behalten! Oh, Lady, aber das ist der Gipfel der Großmut! Und was soll ich tun, Lady, um Ihre Wohltätigkeit zu verdienen?«
»Es ist nicht meine Wohltätigkeit. Ich gebe es Ihnen, weil es mir nicht gehört, und weil ich glaube, daß es Ihnen gehört. Sie scheinen ein sehr einfältiger Mann zu sein.«
»Ich danke Eure Gnaden, hoffentlich bin ich das. Und jetzt, um von der Tagesarbeit zu sprechen, haben Sie keine Beschäftigung für einen armen Mann?«
»Nein, danke sehr. Ich habe keine Verwendung für Ihre Dienste. Ich schulde Ihnen noch den Schilling, den ich Ihnen für das Herbeischaffen der Wagen versprach. Hier ist er.«
»Noch einen Schilling!« schrie Smilasch überwältigt.
»Ja,« sagte Miß Wilson, die anfing sich zu ärgern. »Ich will, bitte, nichts mehr darüber hören. Verstehen Sie denn nicht, daß Sie ihn verdient haben?«
»Ich bin ein gewöhnlicher Mann und verstehe sozusagen gar nichts,« entgegnete er ehrerbietig. »Aber wenn Sie mir einen Tag Arbeit geben, damit ich mir etwas helfen kann, dann heb ich all dies Geld in einer kleinen hölzernen Sparbüchse auf, die ich zu Haus habe und bewahre es dann für später, wenn einmal Krankheit und Alter, wie man so sagt, ihre Hände auf mich legen. Ich könnte wunderschön den Rasen glätten. Die jungen Damen machen sich kaputt mit der schweren Walze. Wenn Tennis gespielt wird, ich stelle die Netze so stramm auf, daß sich Paradiesvögel darin fangen. Wenn der Flur geweißt werden soll, ich kann eine so grade Linie ziehen, daß Sie sich kaum enthalten werden, ein gleichseitiges Dreieck darauf zu zeichnen. Ich bin ein ehrlicher Mann, wenn man gut auf mich acht gibt, ich kann eine Tafel aufwarten so gut wie der Kellermeister des Lordmayors von London.«
»Ich kann Sie nicht ohne Zeugnisse beschäftigen,« sagte Miß Wilson, die sich über den Brocken aus Euklid amüsierte und sich wunderte, wo er ihn wohl aufgeschnappt haben mochte.
»Ich habe die besten Zeugnisse, Lady. Der hochwürdige Pfarrer kennt mich von meiner Knabenzeit her.«
»Ich habe gestern mit ihm über Sie gesprochen,« sagte Miß Wilson und sah ihn streng an. »Er sagte, Sie seien ihm vollständig unbekannt.«
»Die Gentlemen sind so vergeßlich,« sagte Smilasch betrübt. »Aber ich spielte auf meinen einheimischen Pfarrer an -- den Pfarrer in meinem Heimatdorf Auburn. >Süßes Auburn, lieblichstes Dörfchen im Tale<, wie der Gentleman es nannte.«
»Das ist nicht der Name, den Sie Mr. Fairholme gegenüber erwähnten. Ich weiß nicht mehr, was Sie ihm sagten, aber es war nicht Auburn, und ich habe auch nie von einem solchen Ort gehört.«
»Nie was über das süße Auburn gelesen?«
»Weder in einem Geographiebuch noch in einem Lexikon. Erinnern Sie sich, daß Sie mir erzählten, Sie hätten im Gefängnis gesessen?«
»Nur sechsmal,« verteidigte sich Smilasch, während seine Gesichtszüge krampfhaft zuckten. »Urteilen Sie nicht zu streng über einen gewöhnlichen Mann. Nur sechsmal, und jedesmal wegen Trunkenheit. Aber ich habe es abgeschworen und es seit achtzehn Monaten treu gehalten.«
Miß Wilson war sich jetzt darüber klar, daß sie es mit einem nicht recht gescheiten, aber witzigen Landburschen zu tun hatte, einem jener eingebildeten Originale, die sich, ohne es zu wollen, beliebt machen, weil sie dem gesunden Verstand derjenigen schmeicheln, die ihnen überlegen sind.
»Sie haben ein schlechtes Gedächtnis, Mr. Smilasch,« sagte sie gutgelaunt. »Sie erzählen jedesmal etwas anders über sich.«
»Ich weiß, ich kann mich nicht mit Exaktiertheit ausdrücken. Ladies und Gentlemen haben die Gewalt der Worte. Sie können immer sagen, was sie meinen, aber ein gewöhnlicher Mann kann das nicht. Die Worte kommen ihm nicht von selbst. Er hat mehr Gedanken als Worte, und seine Worte passen nicht zu seinen Gedanken. Soll ich mal den Rasen umwälzen und mich bis heute abend für neun Pence nützlich machen?«
Miß Wilson, die heute nicht nur ihre gewohnten Samstagsbesucher erwartete, überlegte sich den Vorschlag und stimmte zu. »Aber merken Sie sich das,« sagte sie. »Sie sind hier fremd in der Gegend, und Ihr Ruf in Lyvern hängt davon ab, wie Sie sich bei dieser Gelegenheit aufführen.«
»Ich bin Eure Gnaden sehr dankbar. Meine Tasche, in der ich meine Zeugnisse aufbewahre, hat ein Loch, und darum verliere ich sie immer. Möge die Güte Eurer Gnaden das Loch zunähen. Es ist ein schlechter Platz, dort seine Zeugnisse aufzuheben, aber es ist einmal so der Brauch. Und darum ein Hurra dem glorreichen neunzehnten Jahrhundert!«
Er zog seinen Rock aus, ergriff die Walze und begann sie mit einer Energie hinter sich herzuziehen, die der abgemessenen eines Berufsarbeiters fremd ist. Miß Wilson sah ihn mißtrauisch an, aber sie war in Eile und ging ins Haus hinein, ohne eine weitere Bemerkung zu machen. Agatha beschloß, sich ihn noch einmal genauer anzusehen. Mit einem Racket in der Hand, ging sie langsam über das Gras und kam bis dicht an ihn heran, als er, ohne sie zu bemerken, einen Seufzer der Erschöpfung ausstieß und sich zum Ausruhen hinsetzte.
»Schon müde, Mr. Smilasch?« fragte sie spöttisch.
Er schaute kaltblütig auf, zog eine seiner Waschlederhandschuhe ab und wedelte sich damit Kühlung zu, indem er eine feine und weiße Hand zeigte. Schließlich antwortete er in dem Tone und in der Aussprache eines Gentleman:
»Außerordentlich.«
Agatha fuhr zurück. Er fächelte sich ohne die geringste Unruhe.
»Sie -- Sie sind kein Arbeiter,« sagte sie endlich.
»Offenbar nicht.«
»Ich dachte es mir.«
Er nickte ihr zu.
»Angenommen, ich erzählte das weiter,« sagte sie und bekam mehr Mut, da sie sich erinnerte, daß sie nicht mit ihm allein war.
»Wenn Sie das tun, werde ich mich schon herausreden, wie ich mich aus den drei halben Kronen herausgeredet habe, und Miß Wilson wird zu der Ansicht kommen, Sie seien nicht ganz bei Sinnen.«
»Dann habe ich Ihnen also wirklich keine sieben und einen halben Schilling gegeben?« fragte sie erleichtert.
»Was glauben Sie?« entgegnete er, indem er drei Pence aus seiner Tasche nahm und sie in der Faust klingen ließ. »Wie heißen Sie?«
»Das brauchen Sie nicht zu wissen,« antwortete Agatha voll Würde.
Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht haben Sie recht,« sagte er. »Ich würde Ihnen auch nicht meinen Namen nennen, wenn Sie mich danach fragten.«
»Ich habe nicht die mindeste Absicht, Sie danach zu fragen.«
»Nicht? Dann werden Sie also mit Smilasch auskommen und ich mit Agatha.«
»Es wäre besser für Sie, wenn Sie sich etwas in acht nähmen.«
»Wovor?«
»Vor dem, was Sie sagen, und -- haben Sie keine Furcht, daß man Sie ausfindig macht?«
»Ich bin doch schon entdeckt -- von Ihnen. Und ich befinde mich dabei ganz wohl.«
»Angenommen, die Polizei macht Sie ausfindig?«
»Die nicht! Übrigens brauche ich mich auch vor der Polizei nicht zu fürchten. Ich habe das Recht, Manchester zu tragen, wenn ich ihn feinem Stoff vorziehe. Und nun denken Sie an die Vorteile, die ich jetzt genieße! Ich bin dadurch hier in die Anstalt hineingekommen und genieße das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft. Entschuldigen Sie, wenn ich die Walze weiterziehe, nur um den Schein zu wahren. Ich kann beim Walzen sprechen.«
»Das können Sie, wenn Sie Selbstgespräche lieben,« sagte sie und wandte sich fort, als er sich erhob.
»Im Ernst, Agatha, Sie dürfen den andern nichts über mich erzählen.«
»Nennen Sie mich nicht Agatha,« sagte sie heftig.
»Wie soll ich Sie denn nennen?«
»Sie brauchen mich überhaupt nicht anzureden.«
»Ich brauche es und will es. Seien Sie nicht boshaft.«
»Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Ich wundere mich über Ihre --« sie zauderte, das Wort, das ihr grade einfiel, auszusprechen, aber sie fand kein besseres -- »über Ihre Dreistigkeit.«
Er lachte, und sie beobachtete ihn, während er ein paarmal die Walze auf- und abzog. Dann erholte er sich, indem er einen Blick auf sie warf, und da er sie dabei ertappte, wie sie ihn ansah, lächelte er. Sein Lächeln war etwas Alltägliches im Vergleich mit dem Lächeln, das sie ihm zurückgab, in das ihre Augen, ihre Zähne und der goldene Schimmer ihrer Gesichtsfarbe mit einzustimmen schienen. Er hielt sofort mit dem Walzen ein und stand da, das Kinn auf den Walzenstiel gestützt.
»Wenn Sie Ihre Arbeit vernachlässigen,« sagte sie boshaft, »werden Sie nicht mit dem Gras fertig sein, bis die Leute kommen.«
»Was für Leute?« fragte er verwirrt.
»Oh, eine Masse Leute. Wahrscheinlich auch welche, die Sie kennen. Es kommen Besucher von London: Mein Vormund mit Frau und Tochter, meine Mutter und hundert andere.«
»Im ganzen vier. Weshalb kommen sie? Wollen sie Sie besuchen?«
»Sie wollen mich abholen,« antwortete sie und beobachtete ihn, ob ihn die Nachricht mißvergnügt machte.
Er war offenbar betroffen. »Weshalb, zum Henker, will man Sie fortnehmen?« fragte er. »Ist Ihre Erziehung beendigt?«
»Nein. Ich habe mich schlecht aufgeführt und werde weggejagt.«
Er lachte wieder. »So ist es recht!« sagte er, »Sie fangen an, Smilaschs Manier zu begreifen. Was haben Sie denn getan?«
»Ich sehe nicht ein, warum ich Ihnen das erzählen soll. Was haben _Sie_ getan?«
»Oh, ich habe nichts getan. Ich bin ein unromantischer Gentleman, der sich vor einer romantischen Lady verbirgt, die sich in ihn verliebt hat.«
»Die Ärmste!« sagte Agatha spöttisch. »Natürlich hat sie Ihnen einen Antrag gemacht, und Sie haben ihn zurückgewiesen.«
»Im Gegenteil, ich machte den Antrag, und sie nahm ihn an. Deshalb muß ich mich jetzt vor ihr verstecken.«
»Sie erzählen hübsche Geschichten,« sagte Agatha. »Leben Sie wohl. Da kommt Miß Carpenter und will hören, worüber wir uns unterhalten.«
»Leben Sie wohl. Es tut mir sehr leid, daß Sie weggejagt werden -- Kann sich ein gewöhnlicher Mann vielleicht die Frage erlauben, wo die Schälmaschine ist?«