Der Amateursozialist: Roman

Part 3

Chapter 33,749 wordsPublic domain

»Jawohl, das wirst du,« sagte Jane mit bitterer Ironie. »Wenigstens wird dich jetzt mein Schnarchen nicht mehr im Schlafe stören.«

»Du schnarchst ja gar nicht, Jane. Wir haben uns nur verschworen, dir das einzureden. Ist es nicht schön von mir, daß ich dir das erzähle?«

Jane war überwältigt von dieser Aufklärung. Nach einer langen Pause sagte sie in tiefer Überzeugung, »das wußte ich schon immer, daß ihr das tatet. Aber die Art, wie ihr es durchführtet! Ich erkläre hiermit feierlich, daß ich von jetzt ab niemand mehr glauben will.«

»Nun, und was denkst _du_ über die ganze Sache?« fragte Agatha, indem sie ihre Aufmerksamkeit Gertrude zuwandte, die sehr ernst geworden war.

»Ich denke -- und ich meine es wirklich so, Agatha -- daß du vollständig im Unrecht bist.«

»Bitte, warum denkst du das?« fragte Agatha etwas erregt.

»Du mußt es sein, sonst wäre Miß Wilson nicht böse über dich! Natürlich, nach deiner eigenen Darstellung bist du immer im Recht, und alle andern haben unrecht. Aber du hättest das nicht in das Buch hineinschreiben sollen. Du weißt, ich spreche als deine Freundin.«

»Bitte, was weiß deine armselige kleine Seele von meinen Gedanken und Gefühlen?«

»So schwer ist das nicht, dich zu verstehen,« entgegnete Gertrude gereizt. »Eigendünkel ist keine solche seltene Sache, daß man ihn nicht erkennen könnte. Und denke daran, Agatha Wylie,« fuhr sie, wie von einer unerträglichen Erinnerung angestachelt, fort, »wenn du wirklich fortgehst, dann ist es mir gleich, ob wir als Freundinnen scheiden oder nicht. Ich hab den Tag nicht vergessen, da du mich eine boshafte Katze nanntest.«

»Ich habe es bereut,« sagte Agatha ruhig. »Ich habe mich einmal hingesetzt und Bacchus beobachtet, der auf dem Feuerplatz saß. Er blickte mit seinen träumerischen Augen so gedankenvoll und geduldig in die Ferne, daß ich ihn um Verzeihung bat, weil ich ihn mit dir verglichen habe. Wenn ich ihn eine boshafte Katze nannte, er würde es mir einfach nicht glauben.«

»Weil er wirklich eine Katze ist,« sagte Jane mit dem Lächeln, das meist so schnell auf Tränen folgt.

»Nein, aber weil er nicht boshaft ist. Gertrude bewahrt ein Sündenbuch in ihrem eigenen kleinen Kopf, und es ist so voll von andrer Leute Sünde -- alle in großen Buchstaben hineingeschrieben und durch ein Vergrößerungsglas zu lesen -- daß sie keinen Platz hat, ihre eigenen einzutragen.«

»Du drückst dich sehr poetisch aus,« sagte Gertrude. »Aber ich verstehe, was du meinst, und ich werde es nicht vergessen.«

»Du undankbarer Wicht,« schrie Agatha, indem sie sich so plötzlich und heftig gegen sie wandte, daß sie unwillkürlich zur Seite wich. »Wie oft habe ich nicht, wenn du unverschämt und falsch gegen mich sein wolltest, deinen bösen Engel vertrieben, indem ich dich kitzelte? Hattest du, bevor ich hierher kam, eine Freundin in der Anstalt, außer einem halben Dutzend Bauernmädchen? Und jetzt, weil ich dich manchmal zu deinem eigenen Nutzen auf deine Fehler aufmerksam gemacht habe, hegst du Groll gegen mich und sagst, es sei dir gleichgültig, ob wir als Freundinnen scheiden oder nicht!«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Oh, Gertrude, du weißt ganz gut, daß du es gesagt hast,« bemerkte Jane.

»Du denkst wohl, ich hätte kein Gewissen,« sagte Gertrude jammernd.

»Ich wollte, du hättest keins,« sagte Agatha. »Sieh mich an! Ich habe kein Gewissen und weiß, wieviel vergnügter ich dabei bin.«

»Du kümmerst dich nur um dich selbst,« sagte Gertrude. »Nie glaubst du, daß andere Leute auch Gefühle haben. Auf mich nimmt überhaupt niemand Rücksicht.«

»Oh, so hör ich dich gerne reden,« rief Jane ironisch. »Auf dich wird überhaupt viel mehr Rücksicht genommen, als dir gut tut. Und je mehr man auf dich Rücksicht nimmt, desto größere Ansprüche stellst du.«

»Der Appetit,« deklamierte Agatha theatralisch, »kommt mit dem Essen. Das wußte auch schon Shakespeare.«

»Zum Henker mit Shakespeare!« sagte Jane ungestüm. »Der alte Narr bildet sich etwas darauf ein, daß er abgedroschene Redensarten vorträgt. Aber wenn _du_ dich beklagst, Gertrude, weil auf dich keine Rücksicht genommen wird, was soll _ich_ denn sagen, die von allen zum Narren gehalten wird? Aber ich bin nicht so närrisch wie --«

»Wie du aussiehst,« warf Agatha dazwischen. »Ich hab es dir unendlich oft gesagt, Jane, und es freut mich, daß du dich endlich zu meiner Meinung bekehrt hast. Was möchtest du lieber sein, ein größerer Narr als du --«

»Oh, halt ein,« sagte Jane ungeduldig, »du hast mich das diese Woche schon zweimal gefragt.«

Die drei schwiegen hierauf eine kurze Zeit. Agatha überlegte, Gertrude war verdrießlich, Jane gedankenlos und unruhig. Schließlich sagte Agatha:

»Dann leidet ihr zwei wohl auch unter der Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht der andern, die euch mißverstehen, die alles von euch erlangen und nie Entschuldigungen für euch gelten lassen?«

»Ich weiß nicht, was du damit meinst, daß wir zwei darunter auch leiden!« sagte Gertrude kühl.

»Ich ebenfalls nicht,« sagte Jane ärgerlich. »Das ist doch grade die Art, wie alle mich behandeln. Du kannst lachen, Agatha, und sie mag ihre Nase rümpfen, wie sie will, du weißt, daß es wahr ist. Gertrudes Idee, uns einzureden, es würde nicht genug Rücksicht auf sie genommen, ist weiter nichts als Gefühlsduselei, Eitelkeit und Blödsinn.«

»Sie sind außerordentlich roh, Miß Carpenter,« sagte Gertrude.

»Meine Manieren sind so gut wie die Ihrigen und vielleicht besser,« entgegnete Jane. »Meine Familie ist sicher so gut.«

»Kinder, Kinder,« sagte Agatha in ermahnendem Tone, »vergeßt nicht, daß Ihr geschworene Freundinnen seid.«

»Wir haben nicht geschworen,« sagte Jane. »Wir wollten drei geschworene Freundinnen werden, und Gertrude und ich waren auch dabei, aber du wolltest nicht schwören, und so wurde nichts aus der Sache.«

»So ist es,« sagte Agatha. »Und jetzt verschwende ich all meine Zeit, um zwischen euch Frieden zu halten. Aber, um auf unser Thema zurückzukommen, ist es einer von euch schon einmal in den Sinn gekommen, daß niemand auf _mich_ Rücksicht nimmt?«

»Ich glaube, du hältst das für etwas Spaßhaftes. Du handelst wirklich danach, daß man auf dich Rücksicht nimmt,« sagte Jane spöttisch.

»Du kannst nicht sagen, ich nähme keine Rücksicht auf dich,« sagte Gertrude vorwurfsvoll.

»Ja, weil ich dich kitzle.«

»Ich nehme Rücksicht auf dich und bin nicht kitzlich,« sagte Jane zärtlich.

»Wirklich! Laß mich einmal versuchen,« sagte Agatha und schlang ihren Arm um Janes umfangreiche Taille, worauf sie ihr eine durchdringende Mischung von Lachen und Schreien entlockte.

»Sst--sch!« flüsterte Gertrude schnell. »Da ist die Lady Abbeß.«

Miß Wilson war grade in das Zimmer eingetreten. Agatha tat so, als bemerkte sie ihre Anwesenheit nicht. Sie zog verstohlen ihren Arm zurück und sagte laut:

»Wie _kannst_ du nur so ein Geschrei machen, Jane? Du bringst ja das ganze Haus in Aufruhr.«

Jane wurde rot vor Unwillen, aber sie mußte jetzt still sein, denn die Augen der Vorsteherin ruhten auf ihr. Miß Wilson hatte ihren Hut auf. Sie sagte, sie müßte nach Lyvern gehen, zum nächsten Dorfe. Ob einige Damen aus der sechsten Klasse sie begleiten wollten?

Agatha sprang sofort von ihrem Sitz herunter, und Jane unterdrückte ein Lachen.

»Miß Wilson sagte, die sechste Klasse, Miß Wylie,« bemerkte Miß Ward, die auch hereingetreten war. »Sie sind nicht in der sechsten Klasse.«

»Nein,« sagte Agatha sanft, »aber ich möchte mitgehen, wenn ich darf.«

Miß Wilson sah sich um. Die sechste Klasse bestand aus vier lernbegierigen jungen Damen, deren Lebensziel für den Augenblick eine Aufnahmeprüfung an einer Universität, oder wie man auf der Schule sagte, das Cambridgezeugnis war. Keine von ihnen antwortete.

»Dann die fünfte Klasse,« sagte Miß Wilson.

Jane, Gertrude und vier andere erhoben sich und stellten sich neben Agatha.

»Gut,« sagte Miß Wilson. »Machen Sie nicht so lange mit dem Anziehen.«

Sie eilten schnell hinaus und stürmten mit Geräusch die Treppen hinauf. Agatha, die für das Cambridgezeugnis gar kein Interesse hatte, strebte voll Ehrgeiz danach, stets am schnellsten die Treppen hinauf- oder hinunterzueilen.

Sie kamen bald zum Spaziergang gekleidet zurück und verließen zwei und zwei in einer Prozession das Institut. Jane und Agatha gingen voran, Gertrude und Miß Wilson kamen zuletzt. Die Landstraße nach Lyvern führte über Weideland, das früher urbar gewesen war, aber jetzt dem Vieh überlassen wurde, weil dieses dem Eigentümer mehr Geld einbrachte als die Pächter, denen er es weggenommen hatte. Miß Wilsons junge Damen hatten auch Unterricht in der Volkswirtschaft. Sie wußten, daß jeder Gegenstand zu dem Zweck benutzt wurde, der am notwendigsten war, und wenn hier der ganze Ertrag nur dem Eigentümer zufiel, so war das ganz natürlich, weil er der vornehmste Gentleman in der Gegend war. Zwar hatte dieser Zustand auch seine unangenehme Seite. Es gab da eine Menge Rinder, so daß sie Angst hatten, die Felder zu überschreiten, es gab eine Menge Vagabonden, so daß sie sich fürchteten, über die Landstraße zu gehen, und es waren viel zu wenig Gentlemen da, die Verständnis für den Zauber weiblicher Reize hatten.

Der Himmel war bewölkt. Agatha, die nichts auf schmutzige Schuhe gab, watete durch die Haufen gefallener Blätter mit dem Entzücken eines Kindes, das im Wasser herumpatscht. Gertrude setzte ihre Füße sorgfältig hin, und die andern gingen leise plaudernd des Weges, höchstens, daß sie hier und da einmal in lauterem Tone eine wissenschaftliche oder philosophische Bemerkung machten, damit Miß Wilson sie hörte und auch eine Freude hatte. Außer einem Viehtreiber, der etwas von dem Wesen und Ausdruck der Rinder, die er leitete, angenommen zu haben schien, trafen sie keinen Menschen, bis sie sich dem Dorfe näherten. Hier aber tauchten hinter einer Anhöhe zwei Personen männlichen Geschlechts in der Gestalt zweier Geistlichen auf. Einer war groß und mager, hatte ein glatt rasiertes Gesicht, ein Buch unter dem Arm und einen lang herausgereckten Hals. Der andere war von mittlerer Größe, kräftigem Körper und grader Haltung. Er sah unternehmungslustig aus mit seinem schwarzen Backenbart, und auf seinem Gesicht lag ein energischer Protest gegen alle solche Ansichten, als ob ein Geistlicher nicht heiraten, jagen, Kricketspielen oder sonst an einem anständigen, weltlichen Sport teilnehmen dürfte. Der Geschorene war Mr. Josephs und sein Begleiter Mr. Fairholme. Agatha hatte eine böse biblische Veränderung dieser beiden Namen erfunden.

»Da kommen Pharao und Joseph,« sagte sie zu Jane. »Joseph wird erröten, wenn du ihn ansiehst. Pharao errötet erst, wenn er an Gertrude vorbeikommt, obgleich wir das heute nicht sehen können.«

»Wahrhaftig, Josephs!« sagte Jane verächtlich.

»Er liebt dich, Jane. Magere Männer wollen dicke Frauen haben. Pharao, der ein Bauer ist, liebt blaues Blut, weil Gegensätze sich anziehen. Deshalb fesselt ihn Gertrudes aristokratische Miene.«

»Wenn er nur wüßte, wie sehr sie ihn verachtet!«

»Er ist zu eitel, um das zu vermuten. Übrigens verachtet Gertrude jeden Menschen, auch uns beide. Oder vielmehr, sie verachtet niemand im besondern, sie ist nur hochmütig von Natur wie du dick bist.«

»Pah! Ich will lieber dick als eingebildet sein. Sollen wir uns verneigen?«

»Ich tu es sicher. Ich will doch Pharao erröten machen.«

Die zwei Geistlichen taten so, als betrachteten sie mit Interesse den wolkigen Himmel, und blickten erst auf die Mädchen, als sie dicht bei ihnen waren. Jane warf Josephs mit solcher Verschlagenheit einen Blick zu, daß an ihrer Lieblingsversicherung, sie sei nicht so dumm, wie die Leute meinten, doch etwas Wahres sein mußte. Er errötete und zog seinen niedrigen, weichen Filzhut. Fairholme grüßte sehr feierlich, denn Agatha verneigte sich vor ihm in ausgeprägter Würde. Aber als seine Ernsthaftigkeit und sein vornehmer Zylinderhut sich in ihrem höchsten Glanze zeigten, warf sie ihm schnell ein spöttisches Lächeln zu, und auch er errötete, und zwar um so tiefer, weil er über sein Erröten wütend wurde.

»Hast du schon einmal zwei solche Narren gesehen?« flüsterte Jane kichernd.

»Sie sind einmal Männer. Sie sagen immer, Frauen seien Narren, und sie haben recht. Aber so schlimm wie die Männer sind wir Gott sei Dank doch noch nicht! Ich möchte mich nach Pharao umsehen, wie er an Gertrude vorbeigeht. Aber, wenn er das bemerkt, denkt er, ich bewundere ihn. Er ist so schon eingebildet genug.«

Die beiden Geistlichen erröteten immer mehr, als sie an der Prozession junger Mädchen vorbeischritten. Miß Lindsay blickte nach der andern Seite der Straße, und Miß Wilsons Nicken und Lächeln waren nicht ganz aufrichtig. Sie sprach nie mit den Geistlichen und unterhielt auch mit dem Vikar nicht mehr Verkehr, als unbedingt notwendig war. Er hatte sie im Verdacht, eine Ungläubige zu sein, obgleich weder er, noch sonst ein Sterblicher in Lyvern je ein Wort über ihre religiösen Ansichten von ihr gehört hatte. Aber er wußte, daß eine weltliche >Moralwissenschaft< in der Anstalt gelehrt wurde, und hatte das Gefühl, wenn erst die Moral zu einer Sache der Wissenschaft gemacht würde, daß dann das Interesse für Religion entsprechend sinken werde.

»Welch ein Leben ist das, und welch eine Gegend!« rief Agatha aus. »Wir treffen zwei Kreaturen, die mehr wandelnden schwarzen Kostümen als Menschen gleichen, und das ist ein Ereignis -- ein aufregendes Ereignis in unserm Leben!«

»Ich denke, sie sind schrecklich komisch,« sagte Jane, »schon, daß Josephs solche großen Ohren hat.«

Sie kamen jetzt an eine Stelle, wo der Weg durch eine Anpflanzung von dunklen Maulbeerbäumen und Roßkastanien ging. Als sie hineinschritten, erhob sich ein Wind, die welken Blätter wurden vom Boden aufgewirbelt, und durch die Zweige strich eine lange, rauschende Bewegung.

»Diesen Teil vom Wege hasse ich,« sagte Jane und eilte weiter. »Grade an solchen Stellen werden Leute ausgeplündert und ermordet.«

»Es ist gar kein schlechter Platz, um uns vor dem Regen zu schützen, denn der kommt sicher, bevor wir zurück sind,« sagte Agatha, die bei den Windstößen, die ihr ins Gesicht jagten, Angst bekam. »Ich werde schön eingeweicht werden, besonders mit diesen leichten Schuhen. Ich wollte, ich hätte meine schweren Stiefel angezogen. Wenn es arg regnet, lauf ich in die alte Hütte.«

»Miß Wilson wird es nicht gestatten, es ist verboten.«

»Was schadet das? Es wohnt doch niemand darin, und das Tor ist aus den Angeln. Ich will mich nur unter die Veranda stellen -- in das elende Haus dringe ich gar nicht ein. Übrigens kennt der Eigentümer Miß Wilson, und er macht sich nichts daraus. Da fällt ein Tropfen.«

Miß Carpenter blickte auf und bekam sofort einen schweren Regentropfen in ihr Auge.

»Oh!« schrie sie. »Es gießt! Wir werden durch und durch naß.«

Agatha blieb stehen, und der Zug sammelte sich um sie in einer Gruppe.

»Miß Wilson,« sagte sie, »es wird in Strömen regnen, und Jane und ich haben nur unsere Schuhe an.«

Miß Wilson schwieg, um die Lage zu überlegen. Ein Mädchen meinte, wenn sie liefen, könnten sie noch Lyvern erreichen, bevor der Regen einsetzte.

»Über zwanzig Minuten,« sagte Agatha verächtlich, »und es regnet doch schon!«

Ein anderes Mädchen riet, nach Hause zurückzukehren.

»Das sind dreiviertel Stunden,« sagte Agatha. »Wir würden inzwischen ertränkt werden.«

»Es bleibt uns nichts übrig, als hier unter den Bäumen zu warten,« sagte Miß Wilson.

»Die Zweige sind ganz kahl,« sagte Gertrude ängstlich. »Wenn es richtig regnet, tropfen sie schlimmer als der Regen selbst.«

»Viel schlimmer,« sagte Agatha. »Ich denke, wir gehen am besten unter die Veranda vor dem alten Landhaus. Es ist nur eine halbe Minute von hier.«

»Aber wir haben kein Recht --« Jetzt wurde der Himmel bedrohlich dunkel. Miß Wilson unterbrach sich selbst: »Ich denke, es wird noch unbewohnt sein.«

»Natürlich,« antwortete Agatha voller Ungeduld, fort zu kommen. »Es ist ja eine halbe Ruine.«

»Dann laßt uns in Gottes Namen hingehen,« sagte Miß Wilson, die nicht auf die Gefahr hin, naß zu werden, an ihren Bedenken festhalten wollte.

Sie eilten weiter und kamen gleich darauf an eine grüne Anhöhe neben dem Wege. Auf ihrer Höhe stand ein zerfallenes Schweizerhaus, umgeben von einer Veranda, die auf schlanken Holzsäulen ruhte. Ein paar Ranken von verwelkten Schlinggewächsen hingen daran, und die äußersten Spitzen, die noch bebten von den Stößen des Windes, wurden jetzt still, als lauschten sie auf das Kommen des Regens. Ein Tor von rohem Holz, das sich in der Hecke befand, führte von der Landstraße in das Haus. Zu ihrem Erstaunen fand Agatha, daß das Tor nicht mehr aus den Angeln war, wie das letztemal, als es nur noch durch eine rostige Kette und ein Schloß an dem Pfosten befestigt war; man hatte es jetzt wieder eingehängt und mit neuen Haken befestigt. Aber das Wetter erlaubte keine langen Betrachtungen über diese Ausbesserungen. Sie öffnete das Tor und eilte den Hügel hinauf, gefolgt von dem Trupp der andern Mädchen. Ihr Hinaufsteigen endete in einem Rennen, denn der Regen kam plötzlich in Strömen herunter.

Als sie sicher unter der Veranda waren, die einen keuchend und murrend, die andern lachend und froh, weil sie einen solchen Zufluchtsort gefunden hatten, bemerkte Miß Wilson etwas beunruhigt einen Spaten, der neu war wie die Haken am Tor und aufrecht in einem Stück frisch umgegrabener Erde steckte. Sie wollte grade etwas über dieses Anzeichen, daß hier Leute wohnten, sagen, als die Türe der Hütte aufgestoßen wurde und Jane einen lauten Schrei ausstieß. Ein Mann trat heraus und ging auf den Spaten los, den er offenbar nicht im Regen stehen lassen wollte. Dann bemerkte er die Gesellschaft unter der Veranda und stand vor Erstaunen still. Er war ein junger Arbeiter mit rötlichbraunem Bart, der kaum eine Woche gewachsen war. Er trug Manchesterhosen und eine Manchesterweste mit Leinenärmel, alles neu wie der Spaten und die Haken. Ein grobes, blaues Hemd mit einem gewöhnlichen, rot und orangefarbenen Halstuch, die ebenfalls neu waren, vervollständigten seine Kleidung. Und um sich vor dem Regen zu schützen, hatte er einen seidenen Schirm mit silberbeschlagenem Ebenholzgriff aufgespannt, zu dem er kaum auf ehrliche Weise gekommen sein konnte. Miß Wilson war es wie einem Knaben zumute, den man im Obstgarten erwischt hat, aber sie nahm trotzdem eine kühne Miene an und sagte:

»Gestatten Sie uns, daß wir hier untertreten, bis der Regen vorbei ist?«

»Selbstverständlich, Eure Gnaden,« antwortete er, indem er respektvoll mit dem Handgriff seines Spatens sein Haar zurückstrich, das bis zu den Augenbrauen heruntergekämmt war. »Eure Gnaden machen mich stolz, daß Sie vor der Unbarmherzigkeit der Stürme in meiner armseligen Hütte Zuflucht nehmen.« Seine Worte waren seltsam, seine Aussprache war barbarisch, und wie ein schlechter Schauspieler schien er grade daran Gefallen zu finden. Während er sprach, trat er ebenfalls unter die Veranda und lehnte den Spaten gegen die Wand, indem er den Lehm von seinen schweren, genagelten Schuhen trat, die ebenfalls neu waren.

»Ich kam heraus, geehrte Dame,« fuhr er sehr mit sich selbst zufrieden fort, »um meinen Spaten zu holen, durch den ich mir ja meinen Unterhalt gewinne. Was die Feder für den Dichter, das ist der Spaten für den Arbeiter.« Er nahm das Halstuch von seinem Nacken, wischte sich die Schläfen, als ob der Schweiß ehrlicher Arbeit daran klebte, und legte es sich ruhig wieder um.

»Entschuldigen Sie eine Bemerkung von einem gewöhnlichen Mann,« sagte er, »Eure Gnaden haben da eine nette Familie von Töchtern.«

»Es sind nicht meine Töchter,« sagte Miß Wilson sehr kurz.

»Vielleicht Schwestern?«

»Nein.«

»Ich dachte -- vielleicht -- weil ich selbst ne Schwester hab. Nicht als ob ich auch in Gedanken sie damit vergleiche -- sie ist nur ein gewöhnliches Weib -- so gewöhnlich, wie Sie nie keine gesehen haben. Aber die Weiber erheben sich selten über das Gewöhnliche. Letzten Sonntag, da unten in der Dorfkirche, hörte ich den Pfarrer sagen, daß er einen Mann unter Tausend gefunden hat. >Doch ein Weib unter all diesen<, sagte er, >habe ich nicht gefunden,< und ich denke so bei mir: >Recht hast du!< Aber der Henker holt mich, wenn er je Eure Gnaden gesehen hat.«

Ein Lachen, das ganz fein wie ein Husten herauskam, entschlüpfte Miß Carpenter.

»Die junge Lady hat sich erkältet,« sagte er mit respektvoller Besorgtheit.

»Glauben Sie, daß der Regen noch lange andauert?« fragte Agatha in höflichem Tone.

Der Mann betrachtete einige Augenblicke mit wetterkundigem Blick den Himmel. Dann wandte er sich zu Agatha und antwortete demütig: »Nur der Herr weiß es, Miß. Einem gewöhnlichen Mann, wie mir, ist es nicht gegeben, das zu sagen.«

Ein Schweigen folgte jetzt, und Agatha, die verstohlen den Bewohner der Hütte beobachtete, bemerkte, daß sein Gesicht und sein Hals sauberer und weniger sonnenverbrannt waren, als man es sonst bei den gewöhnlichen Arbeitern von Lyvern fand. Seine Hände steckten in weiten Gartenhandschuhen, die mit Kohlenflecken beschmutzt waren. Gewöhnlich machten sich Lyverner Arbeiter wenig daraus, ihre Hände zu beschmutzen; sie trugen nie Handschuhe. Doch sie dachte, warum sollte nicht ein überspannter Arbeiter, der unerträglich geschwätzig war und eine Anspielung auf die Feder des Dichters machen konnte, sich mit billigen Handschuhen vergnügen. Aber dann der seidene, silberbeschlagene Schirm --

»Die junge Lady hier,« sagte er plötzlich und streckte den Schirm vor, »sieht das Ding hier an. Ich weiß wohl, daß es nicht für den Geringsten unter den Geringen paßt, den Schirm eines Gentleman zu tragen, und ich bitte Eure Gnaden um Verzeihung. Ich hab ihn durch Zufall gekriegt, und wäre froh, wenn ein Gentleman, der einen solchen Artikel braucht, mir einen annehmbaren Preis machte.«

Während er das sagte, rannten zwei Gentlemen, die, nach ihren triefenden Kleidern zu urteilen, sogar dringend einen solchen Artikel brauchten, durch das Tor und kamen auf das Landhaus zu. Fairholme langte zuerst an und rief: »Furchtbarer Schauer!« Dann wandte er sich schnell von den Damen ab, stellte sich an den Rand der Veranda und schüttelte den Regen von seinem Hute ab. Josephs, der hinter ihm herkam, wandt sich schaudernd vor der feuchten Berührung mit seinen eigenen Kleidern. Er machte Miß Wilson eine Verbeugung und sagte, sie sei hoffentlich nicht naß geworden.

»Das schon nicht,« entgegnete sie. »Aber die Frage ist, wie wir von hier wieder nach Hause kommen?«

»Oh, es ist nur ein Regenschauer,« sagte Josephs und schaute hoffnungsfroh nach dem wolkenschweren Himmel. »Es wird sich gleich aufklären.«

»Es paßt sich nicht für einen gewöhnlichen Mann, eine andere Meinung zu haben als ein Gentleman, dessen Geschäft es ist, den Himmel zu kennen, wie man wohl sagen kann,« bemerkte hier der Mann, »sonst möchte ich meinen Schirm gegen Ihren Schlapphut verwetten, daß es vor sieben Uhr nicht aufhört zu regnen.«

»Dieser Mann wohnt hier,« flüsterte Miß Wilson, »und ich glaube, er will uns los werden.«

»Hm!« sagte Fairholme. Dann wandte er sich an den seltsamen Arbeiter mit der Miene eines Mannes, der keinen Spaß versteht, und sagte mit erhobener Stimme: »Sie wohnen hier, lieber Mann?«

»Ja, Herr, mit Ihrer gütigen Erlaubnis, wenn ich so kühn sein darf.«

»Wie heißen Sie?«

»Jeff Smilasch, Herr, empfehle mich.«

»Wo kommen Sie her?«

»Von Brixtonbury, Herr.«

»Von Brixtonbury! Wo liegt das?«

»Ja, Herr, das weiß ich selbst nicht genau. Wenn ein Gentleman wie Sie, der Jographie und so was kennt, das nicht sagen kann, wie soll ich?«

»Sie sollten doch wissen, wo Sie geboren sind, Mann. Haben Sie keinen gesunden Menschenverstand?«

»Wie soll so einer wie ich Menschenverstand haben, Herr? Übrigens, ich war nur ein Findling. Vielleicht bin ich überhaupt nicht geboren.«

»Habe ich Sie letzten Sonntag in der Kirche gesehen?«

»Nein, Herr. Ich kam erst Mittwoch.«

»Schön, dann kommen Sie nächsten Sonntag hin,« sagte Fairholme kurz, indem er sich von ihm abwandte.