Der Amateursozialist: Roman

Part 24

Chapter 243,792 wordsPublic domain

Die Rückfahrt beruhigte ihn wieder etwas, aber er war noch ganz voller Erstaunen, als er im Gesellschaftszimmer in Beeches Agatha, seine Frau und Erskine traf. Im Augenblick, als er hereintrat, sagte er ohne jede Einleitung: »Sie ist mit Trefusis davongefahren.«

Erskine, der gelesen hatte, fuhr empor und packte sein Buch, als wollte er es nach jemand schleudern. Dann schrie er: »War er am Zug?«

»Ja, und er ist mit nach der Stadt gefahren.«

Erskine schleuderte das Buch heftig auf den Boden. »Dann ist er ein Schurke und ein Lügner,« sagte er.

»Was ist los?« fragte Agatha, sich erhebend, während Jane ihn mit offenem Munde anstarrte.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Miß Wylie, ich vergaß sie. Er verpfändete mir seine Ehre, daß er nicht mit diesem Zuge gehen wollte. Ich werde --« Er eilte aus dem Zimmer. Sir Charles lief hinter ihm her und holte ihn unten an der Treppe ein.

»Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie tun?«

»Ich will dem Zug folgen und ihn an der nächsten Station abfangen. Ich kann das mit meinem Rad.«

»Unsinn, Sie sind verrückt. Sie haben einen Vorsprung von fünfunddreißig Minuten, und der Zug macht fünfundvierzig Meilen in der Stunde.«

Erskine setzte sich auf die Treppe und starrte ausdruckslos auf die gegenüberliegende Wand.

»Sie müssen ihn mißverstanden haben,« sagte Sir Charles. »Ich sollte Ihnen mitteilen, daß er sein Versprechen nicht vergessen habe und daß Sie sich auf ihn verlassen könnten.«

»Was ist denn geschehen?« fragte Agatha, die, von Lady Brandon gefolgt, herunterkam.

»Miß Wylie,« sagte Erskine aufspringend, »er gab mir sein Wort, als ich ihm sagte, daß Miß Lindsay mit diesem Zuge führe, daß er nicht hingehen werde. Er hat sein Wort gebrochen und diese Gelegenheit benutzt, da ich töricht und leichtgläubig genug war, ihm davon zu erzählen. Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, Brandon, ich hätte ihn eher erwürgt oder unter die Räder geworfen, ehe ich ihn hätte gehen lassen. Wie bei jeder Gelegenheit, hat er sich auch jetzt wieder als Schwindler und Verschwörer gezeigt, als ein Mann von Schleichwegen, Ränken, Kunstgriffen, verlogenen Spitzfindigkeiten, herzloser Selbstsucht, grausamem Zynismus --« Er hielt inne, um Atem zu schöpfen, und Sir Charles legte sich ins Mittel.

»Sie regen sich wegen gar nichts auf, Chester. Sie sind mit ihrem Mädchen und vielen andern Leuten in einem Pullmanwagen, und sie gab ihm ausdrücklich Erlaubnis, mit ihr zu fahren. Er fragte sie offen in meiner Gegenwart, und ich muß gestehen, ich fand es eine starke Zumutung, daß sie zustimmen sollte. Jedenfalls stimmte sie zu, ich war natürlich nicht in der Lage, ihn zu hindern, nach London zu gehen, wenn es ihm Spaß machte. Also machen Sie keine Szene, alter Junge. Wir können es nicht ändern.«

»Es tut mir sehr leid,« sagte Erskine und ließ den Kopf hängen. »Ich wollte keine Szene machen. Ich bitte Sie um Verzeihung.«

Er ging auf sein Zimmer, ohne noch etwas zu sagen. Sir Charles folgte ihm und versuchte, ihn zu trösten. Aber Erskine erfaßte seine Hand und bat, ihn allein zu lassen. So kehrte denn Sir Charles in das Gesellschaftszimmer zurück, wo seine Frau endlich einmal vor Verlegenheit kaum zu bemerken wagte, daß sie so etwas noch nie in ihrem Leben gehört hätte.

Agatha verhielt sich schweigend. Sie war schon vor langer Zeit ganz von selbst zu der Ansicht gekommen, daß sie und Trefusis die einzigen Mitglieder der Gesellschaft auf Beeches waren, die viel gesunden Verstand hatten. Deshalb glaubte sie auch nicht leicht, daß bei einem Mißverständnis Trefusis unrecht und Erskine recht hatte. Agatha besaß eine leichtfertige Art, die Leute, deren Gewohnheiten und Gedanken von den ihrigen abwichen, als Esel abzutun. Von allen Arten von Männern verkörperte ein unbedeutender Dichter am meisten ihre Vorstellung von einem menschlichen Esel, und Erskine, obgleich er wirklich ein hübscher Mensch und durchaus gut und anständig war, er war doch nach ihrer Meinung nur ein minderwertiger Dichter und daher ein ausgesprochener Esel. Trefusis dagegen war der letzte Mann in ihrer Bekanntschaft, den sie für einen wirklich hübschen Menschen oder einen sittsamen Gentleman gehalten hätte. Aber er war kein Esel, obgleich er hartnäckig an seinen sozialistischen Liebhabereien hing. Sie hatte ihn wirklich im Verdacht einer fast eselhaften Schwäche gegenüber Gertrude gehabt, aber in ihren Beziehungen zu Frauen waren nun einmal alle Männer Esel, und seit er seine Schwäche auf sie übertragen hatte, brauchte er keine Rechtfertigung mehr. Aber jetzt, da sie sich über Erskine, den sie bemitleidete, beruhigte, empfand sie die Reise Trefusis' mit Gertrude voll Unwillen als einen Eingriff in ihren soeben erlangten Alleinbesitz seiner Person. Gertrude hatte einen gewissen Schein von aristokratischem Stolz an sich, um den Agatha sie früher beneidet hatte, und sie fürchtete jetzt, Trefusis möchte ihn für ein Anzeichen von Gesinnungsadel und feiner Lebensart halten. Agatha glaubte nicht, daß ihr Unwille das gewöhnliche Gefühl war, das man Eifersucht nennt, denn sie hielt sich noch immer für eine Ausnahmenatur, aber es gab ihr doch eine Empfindung, gekränkt zu sein, was ihre Stimmung nicht verbesserte.

Das Diner war langweilig. Lady Brandon sprach in einem leisen Tone, als ob im Nebenzimmer eine Leiche liege. Erskine litt unter dem Bewußtsein, daß er am Nachmittage seinen Kopf verloren und töricht gehandelt habe. Sir Charles kam auch nicht über die bange Ungewißheit fort, die sie alle wegen der Reise nach London empfanden. Er aß und trank und sagte nichts. Agatha, die sich über sich selbst und über Gertrude ärgerte und schwankte, ob sie sich auch über Trefusis ärgere oder ihm herzliches Vertrauen schenken sollte, folgte dem Beispiel ihres Wirtes. Nach dem Essen begleitete sie ihn bei einer Reihe Schubertliedern. Aber das machte die Stimmung nicht leichter, sondern noch schwerer. Sir Charles zog melancholische Lieder vor, da er grade den Schmerz am besten zum Ausdruck bringen konnte. Und da seine musikalischen Ansichten wie bei den meisten Engländern sich auf dem gründete, was er in seinen Kinderjahren in der Kirche gehört hatte, so war sein Vortrag unangenehm eintönig. Agatha benutzte die erste passende Gelegenheit, um sich vom Klavier zurückzuziehen. Sir Charles fühlte, daß sein Vortrag nicht gelungen war, und bemerkte, nachdem er ein- oder zweimal gehustet hatte, er hätte sich wohl auf der Rückfahrt von der Station erkältet. Erskine saß mit gesenktem Kopf auf dem Sofa und ließ die gefalteten Hände zwischen den Knien herabsinken. Agatha stand am Fenster und sah in die letzte Glut des Sommerabends. Jane gähnte und brach dann das Schweigen.

»Du hast genau den Blick wie auf der Schule, ich könnte mir fast vorstellen, daß wir wieder auf Numero Sechs wären.«

Agatha schüttelte ihren Kopf.

»Seh ich jemals so aus wie jene -- wie ich damals war?«

»Niemals,« sagte Agatha bestimmt, indem sie sich umwandte und die Gestalt betrachtete, von der Miß Carpenter nur eine unreife Vorstufe gewesen war.

»Aber warum nicht?« fragte Jane murrend. »Ich sehe nicht ein, warum ich das nicht sollte. Ich habe mich doch nicht so verändert.«

»Du bist eine außergewöhnlich schöne Frau geworden, Jane,« sagte Agatha ernst und wandte dann, ohne zu wissen warum, ihren forschenden Blick auf Sir Charles, der unruhig wurde und hinausging. Eine Minute später kehrte er zurück und hatte zwei gelbbraune Umschläge in der Hand.

»Ein Telegramm für Sie, Miß Wylie, und eins für Chester.«

Erskine fuhr, blaß vor unbestimmter Furcht, auf. Agathas Farbe verlor sich und kam in verstärktem Maße wieder, als sie las:

Ich bin wohlbehalten angekommen und lächerlich glücklich. Lesen Sie tausend Dinge zwischen den Zeilen. Ich werde morgen schreiben. Gute Nacht.

»Du kannst es lesen,« sagte Agatha und gab es Jane.

»Sehr hübsch,« bemerkte diese. »Grade für einen Schilling Aufmerksamkeit -- genau zwanzig Worte! Er kann sich mit Recht einen Ökonom nennen.«

Plötzlich begann Erskine ein krähendes Lachen, daß sie sich nach ihm umwandten und ihn anstarrten. »Welch ein Unsinn!« sagte er errötend. »Was das für ein Kerl ist! Ich lege nicht den mindesten Wert darauf.«

Agatha faßte das Telegramm an einer Ecke und zog langsam daran.

»Nein, nein,« sagte er und hielt es fest. »Es ist zu lächerlich. Ich glaube nicht, daß ich --«

Agatha riß es jetzt an sich und las den Inhalt laut vor. Das Telegramm war von Trefusis.

»Ich verzeihe Ihnen Ihre Gedanken seit Brandons Rückkehr. Schreiben Sie ihr heute abend und folgen Sie morgen persönlich Ihrem Brief, um eine zustimmende Antwort zu bekommen. Ich versprach Ihnen, Sie könnten sich auf mich verlassen. Sie liebt Sie.«

»So was habe ich in meinem Leben noch nicht gehört,« sagte Jane. »Niemals.«

»Er ist wirklich ein ganz seltsamer Mensch,« sagte Sir Charles.

»Ich bin um meinetwillen froh, daß er nicht so schwarz ist, wie man ihn gemalt hat,« sagte Agatha. »Sie können jedes Wort davon glauben, Mr. Erskine. Tun Sie bestimmt, was er Ihnen sagt. Er weiß ganz sicher, daß er sich nicht irrt.«

»Pah!« sagte Erskine und zerknitterte das Papier und steckte es in die Tasche, als wäre es keines zweiten Blickes wert. Gleich darauf schlich er sich fort und kam nicht wieder. Als sie im Begriff waren, sich zurückzuziehen, fragte Sir Charles ein Mädchen, wo er sei.

»In der Bibliothek, Sir Charles. Er schreibt.«

Sie sahen sich gegenseitig bezeichnend an und gingen zu Bett, ohne ihn zu stören.

Achtzehntes Kapitel.

Als Gertrude sich mit Trefusis in dem Pullmanwagen befand, wunderte sie sich, wie sie dazu kam, gegen ihren Entschluß, wenn nicht gegen ihren Willen, mit ihm zu fahren. Es waren noch zwei Frauen da, die sie mit mißtrauischen Blicken beobachteten, als ob sie mit schlechten Absichten hierhergekommen sei. Ferner ein Herr, der etwas weiter absaß und sie bewunderte; ihr Mädchen, das Trefusis' Zeitungen las und grade außerhalb der Hörweite war; ein Herr vom Lande, der gleichgültig und mürrisch aus dem Fenster blickte; ein Kaufmann aus der City, der in den >Economist< vertieft war, und eine höfliche Dame, die sie zwar nicht anstarrte, aber doch im stillen beobachtete. Gertrude fühlte, daß sie in Gegenwart aller dieser Menschen keine Szene machen durfte, aber sie wußte, daß sie nicht hierhergekommen war, um eine gewöhnliche Unterhaltung zu führen. Sie brauchte auch darüber nicht lange im ungewissen zu bleiben. Er begann sofort zu sprechen und ging ohne Umschweife auf den Kernpunkt der Sache los.

»Was denken Sie über meine Verlobung?«

Diese Frage war mehr, als sie ruhig ertragen konnte. »Was geht das mich an?« fragte sie unwillig. »Ich habe nichts damit zu tun!«

»Nichts? Dann ist es mit Ihrer Freundschaft für mich nicht weit her. Und ich hielt Sie für einen meiner besten Freunde.«

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn anblicken. Aber sie besann sich. Sie preßte ihre Lippen zusammen und starrte auf den leeren Sitz vor ihr. Für den Vorwurf, den er nach ihrer Ansicht verdiente, fand sie keinen Ausdruck.

»Ich habe noch immer diese Überzeugung, trotzdem Miß Lindsay so gleichgültig gegen meine Angelegenheiten ist. Aber ich muß auch gestehen, ich weiß kaum, wie ich Ihnen etwas mehr Teilnahme für mich einflößen soll. Sie sind erstens niemals verheiratet gewesen, ich aber wohl. Dann sind Sie so viel jünger als ich, und zwar nicht nur an Jahren. Höchst wahrscheinlich stammen Ihre Ansichten über solche Dinge meistens aus Romanen, in denen ein glücklicher Ausgang schon so wie so an sehr seltsame Umstände geknüpft ist -- an Umstände, die im wirklichen Leben ganz andere Folgen haben. Wenn Ihre Freundschaft ein Kapitel aus einem Roman wäre, was würde wohl das Ende sein? Nun, ich müßte Sie entweder heiraten oder Ihnen durch meine Treulosigkeit das Herz brechen.«

Gertrudes Augen wanderten umher, als habe sie die Absicht, zu entfliehen.

»Aber unsere Beziehungen sind solche des wirklichen Lebens und darum viel zartere als die eines Romanes. Ich habe nie davon geträumt, Sie zu heiraten. Ich habe Ihre Freundschaft gewonnen und sie genossen, ohne dabei geschäftliche Pläne zu haben, von denen sich die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht einmal im Schlafe freimachen. Und Sie sind mir gegenüber ebenso uninteressiert und denken gar nicht daran, sich das Herz brechen zu lassen. Aber ich glaube, daß Sie etwas verletzt sind, weil ich einen so wichtigen Schritt, wie die Heirat mit Agatha, überlegt und ausgeführt habe, ohne Ihnen meine Absicht anzuvertrauen. Und zur Strafe sagen Sie mir, daß Sie nichts damit zu tun hätten -- daß es Ihnen ganz gleichgültig sei. Doch ich habe diesen Schritt gar nicht vorher überlegt und konnte ihn daher auch nicht vor Ihnen verhehlen. Es geschah in weniger als einer Minute, daß ich den Entschluß faßte und ihn ausführte. Obgleich meine erste Heirat eine törichte Liebesgeschichte und ein Fehler war, so war ich mir doch immer darüber im klaren, daß ich wieder heiraten müßte. Ein Junggeselle ist ein Mann, der sich jeder Verantwortlichkeit und jeder Verpflichtung entzieht. Ich suche sie aber grade und halte es für meine Schuldigkeit, bei meinem ungeheuren Überfluß an Reichtum meine Neigungen nicht zu sehr anwachsen zu lassen. Bei alledem hatte ich aber keine Eile. Es gab so viele Dinge, die mich beschäftigten, ich liebte die Freiheit meines Junggesellenlebens und wußte auch manchmal nicht, ob es recht war, noch mehr Müßiggänger auf die Welt zu setzen, die die Arbeiter ernähren mußten. Dazu kam die gewöhnliche Schwierigkeit, ein passendes Mädchen zu finden. Ich wollte keine Gehilfin haben, ich kann mir selber helfen. Ebensowenig erwartete ich eine hingebende Liebe zu finden. Das Menschengeschlecht hat noch keinen Mann hervorgebracht, den man bei intimer Bekanntschaft liebt. Sogar meine Eigenliebe ist weder tief noch dauernd. Ich wollte einen munteren Gefährten für das häusliche Leben haben, und es kam mir plötzlich der Gedanke, Agatha sei vielleicht noch das Passendste, was ich auf dem Heiratsmarkt finden konnte. Denn es ist sehr schwer, hier etwas Zusagendes zu finden, und wenn man in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden, zu lauge zaudert, dann schnappen einem die andern noch den besten Handel vor der Nase weg. Ich bewundere Agathas Mut und Befähigung. Ich glaube, ich werde ihr Zuneigung zu mir einflößen, und dann wird unsere Vereinigung zu einem festen Bande verwachsen, wie es für zwei verschiedene Wesen zuträglich und notwendig ist. Vielleicht täusche ich mich über ihren Charakter, denn ich kenne sie nicht so, wie ich Sie kenne, und ich habe schwerlich soviel Zutrauen zu ihr, um mit ihr über solche Sachen wie mit Ihnen zu sprechen. Und doch liegt auch ein romantischer Anstrich über dem Ganzen, der mir Mut gibt. Agatha hat etwas Bezauberndes an sich. Finden Sie das nicht auch?«

Gertrudes Bewegtheit war verschwunden. Sie antwortete mit kühler Verachtung: »Es ist wirklich romantisch. Agatha ist sehr glücklich.«

Trefusis lachte und seufzte gleichzeitig und war froh, weil sie soviel Selbstbeherrschung zeigte. »Es klingt so -- und vielleicht ist es auch nichts anderes als die selbstsüchtige Berechnung eines enttäuschten Witwers. Sie würden ein solches Angebot nicht besonders schätzen und auch die Empfängerin nicht beneiden.«

»Nein,« sagte Gertrude mit ruhiger Geringschätzung.

»Und doch liegen hinter allen Anträgen solche Berechnungen. Wir heiraten, um unsere Neigungen zu befriedigen, und je vernünftiger unsere Neigungen sind, desto mehr Aussicht haben wir, daß sie wirklich befriedigt werden. Ich sehe, Sie sind über mich enttäuscht. Ich habe das befürchtet. Sie gehören zu der Art Frauen, die nur eine Entschuldigung für die Ehe kennen -- die Liebe, die reine Gefühlsliebe, die für jede Überlegung blind ist.«

»Ich interessiere mich wirklich nicht --«

»Sagen Sie das nicht, Gertrude. Ich beobachte ängstlich jeden Schritt, den Sie tun, und ich glaube nicht, daß es Ihnen gleichgültig ist, ob ich mich würdig verhalte. Glauben Sie mir, Liebe ist eine überschätzte Leidenschaft. Man würde längst jedes Zutrauen dazu verloren haben, wenn nicht die jungen Leute und die Romanschriftsteller, die von solchen Tollheiten leben, ein immerwährendes Interesse daran hätten, dieses Zutrauen wieder aufzufrischen. Keine Verbindung, die verschiedenartige Pflichten und einen stetigen Verkehr zwischen zwei Menschen in sich schließt, kann dauernd auf der Liebe allein begründet bleiben. Doch soll man die Liebe nicht geringschätzen, wenn sie einer zarten Natur entspringt. Es gibt einen Mann, der Sie genau so liebt, wie ich nach Ihrer Ansicht Agatha lieben müßte -- wie ich sie aber nicht liebe.«

Gertrudes Erregung erwachte von neuem, und sie errötete. »Sie haben jetzt kein Recht mehr, mir so etwas zu sagen,« bemerkte sie.

»Warum darf ich nicht für einen andern eintreten? Ich spreche von Erskine.« Ihre Farbe verschwand, und er fuhr fort: »Ich hätte gerne, wenn Sie ihn heiraten. Als verheiratete Frau werden Sie mich besser verstehen, und unsere Freundschaft, die jetzt einen Stoß erhalten hat, wird sich vertiefen. Denn jetzt, da Sie mich nicht mehr mißverstehen können, darf ich Ihnen wohl sagen, daß mir kein weibliches Wesen auf der Welt teurer ist, als Sie es sind. Das ist der Grund, den meine Selbstsucht bei der Angelegenheit hat. Erskine ist ein armer Mann, und seine behagliche Armut -- verzeihen Sie den Ausdruck -- wird Sie vor der Erniedrigung bewahren, sich für Reichtum und Ansehen verheiraten zu müssen. Für Mädchen Ihrer Klasse ist diese Erniedrigung eine ständige Gefahr. Die andern Mädchen bewerben sich darum, Sie aber dürfen das nicht tun. Erskine ist ehrenhaft und liebt Sie. Er ist jung, gesund und umgänglich. Was glauben Sie, daß Ihnen die Welt mehr bieten könnte?«

»Hoffentlich viel mehr! Bedeutend mehr!«

»Ich fürchte, die Namen, die ich den Dingen gebe, sind nicht romantisch genug. Er ist ein Dichter. Vielleicht würde er ein Held sein, wenn das einem Manne heute möglich wäre. Aber das neunzehnte Jahrhundert wird einst in der Geschichte als die schändliche Zeit dastehen, in der alle Macht über die Natur nur dazu diente, die Habgier des Menschen zu schärfen und die Aushungerung der Mitmenschen als offenes Kampfesmittel zu proklamieren. Erskine ist wenigstens kein Spieler und kein direkter Sklavenhalter. Wenn er von der Ausbeutung der Arbeit lebt, so kann er ebenso wie ich gar nicht anders. Sagen Sie nicht, daß Sie viel mehr erhoffen. Aber erzählen Sie mir, wenn Sie können, worauf Sie sonst Aussicht haben. Ich frage nicht, was Sie wünschen -- wir haben alle ausschweifende Wünsche. Ich frage Sie, was Sie mehr erreichen können.«

»Ich halte Mr. Erskine nicht für einen solchen wundervollen Menschen, wie Sie das tun.«

»Er ist eben nur ein Mensch. Kennen Sie sonst jemand, der wundervoll ist?«

»Übrigens würde auch meine Familie nicht damit einverstanden sein.«

»Das ist höchst wahrscheinlich. Wenn Sie es ihnen recht machen wollen, müssen Sie sich an irgendeinen reichen Fabrikvampyr oder einen großen Landbesitzer verkaufen. Wenn Sie sich an den armen Dichter weggeben, der Sie liebt, wird ihre Enttäuschung grenzenlos sein. Wenn heute ein Mädchen ihren Vater und ihre Mutter so ehren will, daß sie zufrieden sind, muß sie sich selbst entehren.«

»Ich verstehe nicht, warum Sie so ängstlich bedacht sind, mich an einen andern zu verheiraten!«

»An einen andern?« fragte Trefusis verwirrt.

»Ich meine nicht, an einen andern,« sagte Gertrude schnell und errötete. »Warum soll ich überhaupt heiraten?«

»Warum heiratet überhaupt jemand? Warum heirate ich? Weil das eine Aufgabe ist, die jeder erfüllen soll. Wenn Sie nicht beizeiten aus freier Wahl heiraten, werden Sie später durch die Zudringlichkeit Ihrer Bewerber und Ihrer Eltern dazu getrieben werden, oder Sie tun es, weil Sie der Ungewißheit Ihres jetzigen Lebens müde sind. Haben Sie Mut bei Ihrer Heirat! Werfen Sie sich nicht weg und verkaufen Sie sich nicht. Verschenken Sie sich. Erskine hat ebensoviel zu verlieren wie Sie, und doch bietet er sich ohne Furcht an.«

Gertrude erhob stolz ihren Kopf.

»Es ist ja richtig,« fuhr Trefusis fort, der etwas ärgerlich diese Bewegung bemerkte, »daß er von Ihnen eine etwas höhere Meinung hat, als Sie es verdienen, dafür unterschätzen Sie ihn auch wiederum. Wenn Sie ihn heiraten, dann müssen Sie ihn vor einer grausamen Enttäuschung bewahren, indem Sie sich wirklich zu dem hohen Standpunkt emporschwingen, den Sie in seiner Einbildung innehaben. Das kostet Sie etwas Mühe, und diese Anstrengung wird Ihnen guttun, ob Sie nun dabei Erfolg haben oder nicht. Und was ihn angeht, den Standpunkt, auf dem er in Ihren Gedanken steht, wird er schon immer erreichen, wenn nur Ihre Gedanken ihn erreichen können.«

Gertrude machte eine Bewegung der Ungeduld.

»Wie!« sagte er schnell. »Mein langatmiger Appell an Ihre Vernunft ist Ihnen wohl unangenehm? Ich glaube, ich spreche wider Willen so, weil ich schließlich doch auf den Burschen eifersüchtig bin. Aber ich rede im Ernst. Ich möchte, daß Sie sich verheirateten, obgleich ich immer einen geheimen Groll gegen den Mann haben werde, der Sie heiratet. Agatha hat mich im Verdacht der Treulosigkeit, wenn Sie es nicht tun. Erskine wird enttäuscht sein. Sie selbst werden verdrießlich, elend und -- unverheiratet sein.«

Gertrudes Wangen röteten sich bei dem Wort eifersüchtig und dann noch einmal bei der Erwähnung Agathas. »Und wenn ich es tue,« sagte sie bitter, »was dann?«

»Wenn Sie es tun, wird Agatha zufrieden und Erskine glücklich sein. Sie haben sich selbst geopfert und werden das Glück finden, das einem wertvollen Opfer folgt.«

»Sie sind es, der mich geopfert hat,« sagte sie, indem sie ihr Stillschweigen aufgab. Sie blickte ihn jetzt zum erstenmal während ihrer Unterhaltung an.

»Ich weiß es,« sagte er in halb geflüstertem Tone und neigte sich zu ihr hin. »Ist nicht Entsagen der Anfang und das Ende aller Weisheit? Ich habe Sie geopfert, weil ich unsere Freundschaft nicht entweihen wollte, indem ich Sie bat, mein ganzes Leben mit mir zu teilen. Sie sind dafür nicht geeignet, und so gehe ich eine andere Verbindung ein. Aber ich bitte Sie, meinem Beispiel zu folgen, damit wir nicht einander zu einem Schritt drängen, der bald beweisen würde, wie recht ich mit meinem Wort habe, daß Sie für mich nicht geeignet sind. Ich habe Ihnen nie gestattet, durch alle Zimmer meines Bewußtseins zu streifen, aber ich habe für Sie dort ein Allerheiligstes und will es unentwegt für Sie bewahren. Selbst Agatha soll den Schlüssel dazu nicht haben. Sie muß zufrieden sein mit den andern Zimmern -- dem Gesellschaftszimmer, dem Arbeitszimmer, dem Speisezimmer und so fort. Alle diese würden Ihnen nicht passen, Sie würden weder die Einrichtung noch die Gäste lieben und nach einiger Zeit nicht einmal mehr den Hausherrn. Wollen Sie mit dem Allerheiligsten zufrieden sein?«

Gertrude biß auf ihre Lippen, die Tränen traten ihr in die Augen. Sie sah ihn flehend an. Wären sie allein gewesen, sie hätte sich in seine Arme geworfen und ihn gebeten, alles außer ihrer gegenseitigen starken Zuneigung zu vergessen.

»Und wollen Sie einen Winkel in Ihrem Herzen für mich bewahren?«

Langsam warf sie ihm einen schmerzlichen Blick des Nachgebens zu.

»Wollen Sie tapfer sein und sich dem armen Mann opfern, der Sie liebt? Er wird Sie vor nutzloser Einsamkeit und vor einer oberflächlichen Ehe bewahren -- ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß eins von diesen beiden Ihr Schicksal sein würde.«

»Ich mache mir nichts aus Mr. Erskine,« sagte sie und war kaum imstande, ihre Stimme zu beherrschen. »Aber ich will ihn heiraten, wenn Sie es wünschen.«

»Ich wünsche es ernstlich, Gertrude.«

»Dann haben Sie mein Versprechen,« sagte sie, und wieder kam ein bitterer Ton in ihre Stimme.

»Aber Sie werden mich doch nicht vergessen? Erskine wird alles haben außer diesem stillen Gedenken.«

»Kann ich mehr tun, als ich grade versprochen habe?«

»Vielleicht, aber ich bin zu selbstsüchtig, um etwas noch Großmütigeres zu verstehen. Unser Entsagen wird uns fester aneinanderbinden, als es unsere Vereinigung je hätte tun können.«