Part 23
Sir Charles war verwirrt. »Ich verstehe das Benehmen der Damen in solchen Dingen nicht,« sagte er. »Da es indessen nicht mehr zweifelhaft scheint, daß Sie und Trefusis verlobt sind, so werde ich ihm natürlich nichts sagen, was ihm seine Besuche hier unangenehm macht. Aber ich muß doch bemerken, daß er -- um mich gelinde auszudrücken -- mir gegenüber leichtfertig gehandelt hat. Ich unterzeichnete in seinem Hause ein Schriftstück unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß es streng privat sei. Und jetzt hat er es in die ganze Welt ausposaunt und öffentlich meinen Namen nicht nur mit seinem zusammengebracht, sondern auch mit dem von Personen, von denen ich nur weiß, daß ich nichts mit ihnen zu tun haben möchte.«
»Was macht es?« fragte Jane. »Niemand legt den geringsten Wert darauf.«
»Ich lege Wert darauf,« sagte Sir Charles ärgerlich. »Kein vernünftiger Mensch kann mir vorwerfen, ich überschätzte meine eigene Bedeutung, wenn ich dagegen protestiere, daß mein Name öffentlich zur Unterstützung von Bestrebungen benutzt wird, die ich nicht billige.«
»Vielleicht hatte Mr. Trefusis nichts damit zu tun,« sagte Agatha. »Die Zeitungen veröffentlichen doch, was sie wollen.«
»So ist's recht!« fiel Jane boshaft ein. »Laß niemand etwas Böses über ihn sprechen.«
»Ich spreche nichts Böses über ihn,« sagte Sir Charles, bevor Agatha erwidern konnte. »Es ist nur eine Vermutung, und ich würde sie gar nicht erwähnt haben, wenn ich die veränderten Beziehungen zwischen ihm und Miß Wylie gekannt hätte.«
»Bitte, sprechen Sie nicht davon,« sagte Agatha. »Am liebsten würde ich mit dem nächsten Zug davonfahren.«
Inzwischen kehrte Erskine von seinem Morgenausflug zurück und traf im Dorf Trefusis, an dem er mit einem Kopfnicken vorbeizukommen suchte. Aber Trefusis rief ihn an, zu halten, und er stieg widerstrebend ab.
»Ich möchte nur sagen, daß ich mich verheirate,« sagte Trefusis.
»Mit --?« Erskine konnte Gertrudes Namen nicht herausbringen.
»Mit einer Ihrer Freundinnen auf Beeches. Raten Sie, mit welcher.«
»Mit Miß Lindsay vermutlich.«
»Wer zum Teufel hat Ihnen allen in den Kopf gesetzt, Miß Lindsay und ich seien besonders miteinander befreundet?« rief Trefusis aus. »Sie sind mir immer als der richtige Mann für Miß Lindsay erschienen. Ich werde mich mit Miß Wylie verheiraten.«
»Wirklich!« rief Erskine mit einem Gefühl, als ob plötzlich nach einem strengen Frost Tauwetter eingetreten sei.
»Natürlich. Und jetzt, Erskine, haben Sie den Vorteil, ein armer Mann zu sein. Lassen Sie das prächtige Mädchen nicht für Geld heiraten. Wenn Sie wie bisher weiter zögern, dann machen Sie sich selbst und sie auch unglücklich.« Er nickte ihm zu und ging weiter. Der andere stand da und starrte ihm nach.
»Wenn er sie hintergangen hat, ist er ein Schuft,« sagte Erskine. »Es tut mir leid, daß ich ihm das nicht gesagt habe.«
Er bestieg wieder sein Rad und fuhr langsam den Riverside Road hinunter. Er vermutete zuerst, Trefusis habe ihn getäuscht, aber dann kam er doch dazu, ihm zu glauben, und beschloß auf jeden Fall, seinem Rat in bezug auf Gertrude zu folgen. Die Unterhaltung, die er in der Allee belauscht hatte, machte ihn noch unsicher. Er konnte sie nicht übereinbringen mit Trefusis Geständnis, daß er keine Absichten auf Gertrude habe.
Sein Rad trug ihn geräuschlos auf den Gummireifen zu der Stelle, an der der Schierling wuchs, und hier sah er Gertrude auf dem niedrigen Erdwall sitzen, der das Feld von dem Wege schied. Ihr Strohkorb, mit der Schere darin, lag neben ihr. Sie hatte ihre Finger gekreuzt und ließ ihre Hände auf den Knien ruhen. Ihr Gesichtsausdruck war ganz leer und verriet so wenig ernsthafte Bewegung, daß Erskine lachte, als er dicht neben ihr absprang.
»Sind Sie müde?« fragte er.
»Nein,« entgegnete sie ganz ohne Überraschung, und sie lächelte mechanisch, was eine ungewöhnliche Herablassung von ihrer Seite war.
»In Träume versunken?«
»Nein.« Sie setzte sich etwas zur Seite und bedeckte den Korb mit ihrem Kleid.
Er fing an zu fürchten, daß etwas nicht in Ordnung sei. »Ist es möglich, daß Sie sich wieder unter diese vergifteten Pflanzen gewagt haben?« fragte er. »Sind Sie krank?«
»Durchaus nicht,« antwortete sie und richtete sich etwas auf. »Ihre Besorgnis ist ganz weggeworfen. Ich fühle mich vollkommen wohl.«
»Ich bitte Sie um Verzeihung,« sagte er gekränkt. »Ich dachte -- halten Sie es nicht für gefährlich, auf diesem feuchten Erdwall zu sitzen?«
»Er ist nicht feucht. Er zerfällt vor Trockenheit in Staub.« Ein unnatürliches Lachen, mit dem sie schloß, verstärkte den Eindruck ihrer inneren Ruhelosigkeit.
Er begann einen Satz und hielt wieder inne, und um Zeit zu gewinnen, stellte er sein Rad in den gegenüberliegenden Graben. Sie sah ihm ungeduldig zu, als sie seine Absicht, hier zu bleiben und zu sprechen erkannte. Sie war aber die erste, die etwas sagte, und sie tat es mit einer so stumpfen Gleichgültigkeit, daß er erschrak.
»Haben Sie die Neuigkeit gehört?«
»Welche Neuigkeit?«
»Über Mr. Trefusis und Agatha. Sie sind verlobt.«
»Trefusis erzählte es mir. Ich traf ihn im Dorfe. Ich war sehr erfreut, als ich es hörte.«
»Natürlich.«
»Aber ich hatte einen besonderen Grund, erfreut zu sein.«
»Wirklich?«
»Ich hatte eine verzweifelte Furcht, bevor er mir die Wahrheit erzählte, daß er andere Absichten hätte -- Absichten, die meinen teuersten Hoffnungen unheilvoll gewesen wären.«
Gertrude runzelte die Stirne, und ihr Stirnrunzeln stachelte ihn auf, sie herauszufordern. Er verlor seine Selbstbeherrschung, die schon durch ihr seltsames Benehmen erschüttert war. »Sie wissen, daß ich Sie liebe, Miß Lindsay,« sagte er. »Es mag vielleicht keine vollkommene Liebe sein, aber, menschlich gesprochen, ist sie eine treue Liebe. Ich war ja ungefähr so weit, Ihnen das zu sagen, als wir an jenem Tage zusammen in dem Billardzimmer waren. Aber an demselben Abend tat ich etwas sehr Unehrenhaftes. Als Sie mit Trefusis in der Allee sprachen, stand ich dicht dabei und belauschte Sie.«
»Dann haben Sie ihn gehört,« schrie Gertrude heftig. »Sie hörten, wie er schwur, es sei ihm ernst.«
»Ja,« sagte Erskine zitternd. »Und ich dachte, er meinte, daß er Sie im Ernst liebte. Sie dürfen mich kaum deswegen tadeln. Ich war selbst verliebt, und die Liebe ist blind und eifersüchtig. Ich gab alle Hoffnung auf, bis er mir erzählte, daß er sich mit Miß Wylie verheiraten würde. Darf ich jetzt mit Ihnen sprechen, da ich weiß, daß ich mich geirrt habe, oder da Sie andern Sinnes geworden sind.«
»Oder da _er_ anderen Sinnes geworden ist,« sagte Gertrude höhnisch.
Erskine, den eine neue Angst um sie befiel, zuckte zusammen. Ihr Stolz war ihm teuer, und er sah, daß ihre Enttäuschung sie gleichgültig dagegen machte. »Sagen Sie mir jetzt nichts, Miß Lindsay, damit Sie nicht --«
»Was habe ich gesagt? Was soll ich sagen?«
»Nichts, außer über meine eigenen Angelegenheiten. Ich liebe Sie von Herzen.«
Sie machte eine ungeduldige Bewegung, als ob das eine sehr gleichgültige Sache sei.
»Ich hoffe, Sie glauben mir das,« sagte er furchtsam.
Gertrude machte eine Anstrengung, um ihre gewöhnliche Zurückhaltung als Dame wiederzugewinnen, aber ihre Energie ließ nach, bevor sie mehr als ihren Kopf erhoben hatte. Sie sank in ihre Teilnahmlosigkeit zurück und machte eine schwache Bewegung des Widerstrebens.
»Es kann Ihnen doch nicht ganz gleichgültig sein, wenn Sie geliebt werden,« sagte er und wurde ungeduldiger und dringender. »Sie sind mein ganzes Glück. Ich biete Ihnen meine Dienste und meine Verehrung an. Ich bitte Sie um keine Belohnung.« Er sprach jetzt sehr schnell und fast unhörbar. »Sie mögen meine Liebe annehmen, ohne sie zu erwidern. Ich wünsche -- ich suche keinen Vorteil zu erlangen. Wenn Sie einen Freund brauchen, so können Sie sich auf mich viel vertrauensvoller verlassen, da Sie wissen, daß ich Sie liebe.«
»Oh, Sie glauben das,« unterbrach ihn Gertrude. »Aber Sie werden darüber hinwegkommen. Ich bin nicht die Art von Frauen, in die sich die Männer verlieben. Sie werden bald Ihre Neigung ändern.«
»Sie sind nicht die Art? Oh, wie wenig wissen Sie!« sagte er und wurde beredt. »Ich hatte übergenug Zeit, anderen Sinnes zu werden, aber ich bin darin so fest wie jemals. Wenn Sie Zweifel haben, dann warten Sie und stellen Sie mich auf die Probe. Aber behandeln Sie mich nicht rauh. Sie quälen mich mehr als Sie denken, wenn Sie heftig oder gleichgültig sind. Ich spreche im Ernst.«
»Ha, ha! Das ist leicht gesagt.«
»Nicht von meiner Seite. Ich wechsele in meinem Urteil über andere Leute je nach meiner Stimmung, aber ich glaube standhaft an Ihre Güte und Schönheit -- als ob Sie ein Engel wären. Mir ist meine Liebe zu Ihnen so ernst wie meine Liebe zu meinem eigenen Leben, das ich nur durch Ihre Hilfe und Ihren Einfluß vervollkommnen kann.«
»Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, ich sei ein Engel.«
»Es ist unrecht, daß Sie sich selbst mißtrauen. Aber ich denke an das, was ich Ihnen schuldig bin, nicht an das, was ich von Ihnen erwarte, wenn ich Sie einen Engel nenne. Ich weiß, daß Sie für sich selber kein Engel sind. Aber für mich sind Sie es sicher.«
Sie saß da und verharrte in eigensinnigem Schweigen.
»Ich will Sie jetzt nicht zu einer Antwort drängen. Ich bin zufrieden, daß Sie meine Gefühle jetzt kennen. Wollen wir zusammen zurückkehren?«
Sie sah sich langsam um und blickte nach dem Schierling und von da über den Fluß. Dann nahm sie ihren Korb, erhob sich und wandte sich mit gezwungener Bewegung zum Gehen.
»Wollen Sie noch etwas Schierling?« fragte er. »Ich will Ihnen gerne welchen pflücken.«
»Ich wollte, Sie ließen mich allein,« sagte sie in plötzlichem Ärger. Dann fügte sie, etwas beschämt, hinzu: »Ich habe Kopfschmerzen.«
»Es tut mir sehr leid,« sagte er bestürzt.
»Ich habe nur nicht gerne, wenn man mit mir spricht. Es schmerzt meinen Kopf, wenn ich zuhöre.«
Er nahm demütig sein Rad aus dem Graben und fuhr, ohne weiter ein Wort zu sagen, neben ihr her bis Beeches. Sie gingen durch das Gewächshaus in das Speisezimmer, wo sie voneinander schieden. Bevor sie ihn verließ, sagte sie etwas reuig: »Ich hatte nicht die Absicht, Ihnen weh zu tun, Mr. Erskine.«
Er errötete, murmelte etwas und versuchte, ihre Hand zu küssen. Aber sie riß sie weg und ging schnell hinaus. Diese Zurückweisung kränkte ihn, und er stand da und quälte sich mit den Gedanken daran, bis ihn der Eintritt eines Dienstmädchens aufstörte. Er erfuhr von ihr, daß Sir Charles im Billardzimmer war. Er ging zu ihm und fragte ihn gleichgültig, ob er schon die Neuigkeit gehört habe.
»Über Miß Wylie?« fragte Sir Charles. »Ja, ich dächte. Ich glaube, die ganze Gegend weiß es schon, obgleich sie noch keine drei Stunden verlobt sind. Haben Sie dieses hier gesehen?« Und er legte ein paar Zeitungen auf den Tisch.
Erskine mußte sich ein paarmal zusammennehmen, bevor er lesen konnte. »Sie waren ein Narr, daß Sie dieses Schriftstück unterzeichnet haben,« sagte er. »Ich habe es Ihnen damals schon gesagt.«
»Ich verließ mich darauf, daß der Bursche ein Gentleman sei,« sagte Sir Charles erregt. »Ich sehe nicht ein, daß ich ein Narr war. Ich sehe nur, daß er ein ungehobelter Patron ist, und wegen der Sache mit Miß Wylie möchte ich ihm meine Meinung sagen. Ich will Ihnen nur sagen, Chester, daß er mit Miß Lindsay ein falsches Spiel gespielt hat. Oben ist der Teufel los. Sie hat grade Jane erzählt, daß sie sofort nach Hause fahren muß. Miß Wylie erklärt, sie wolle nichts mit Trefusis zu tun haben, wenn Miß Lindsay ein früheres Anrecht an ihn habe, und Jane ist entrüstet, weil er alle Welt bewundert, nur sie nicht. Es geschieht mir recht. Mein Instinkt warnte mich von Anfang an vor diesem Kerl.«
Grade jetzt wurde das Essen angekündigt. Gertrude kam nicht herunter. Agatha war schweigsam und verdrießlich. Jane versuchte von Erskine einen Bericht über sein Zusammentreffen mit Gertrude zu bekommen, aber er enttäuschte ihre Neugierde, indem er aus seiner Beschreibung alles ausließ, was über alltägliche Redensarten ging.
»Ich finde ihr Benehmen sehr seltsam,« sagte Jane. »Sie besteht darauf, mit dem Vieruhrzug abzufahren. Ich betrachte das als eine Unhöflichkeit gegen mich, besonders da sie immer so viel auf ihr feines Benehmen gegeben hat. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen!«
Nach Tisch gingen sie zusammen in das Gesellschaftszimmer und waren kaum dort angelangt, als Trefusis gemeldet wurde. Er war auch schon im Zimmer, ehe sie die Bestürzung verbergen konnten, die sein Name auf ihren Gesichtern hervorrief.
»Ich komme, um mich zu verabschieden,« sagte er. »Ich finde, daß ich mit dem Vieruhrzug zur Stadt fahren muß, um meine Angelegenheiten persönlich in Ordnung zu bringen. Die Telegramme, die ich erhalten habe, reden nur von Aufschub. Haben Sie die >Times< gelesen?«
»Gewiß habe ich das,« sagte Sir Charles nachdrücklich.
»Sie stehen auch schon in einigen anderen Zeitungen und werden im Laufe der nächsten vierzehn Tage noch in ein weiteres halbes Dutzend hineinkommen. Leute, die sich zu einer Ansicht bekannt haben, haben immer Ärger mit den Zeitungen, einige, weil sie nicht hineinkommen können, andere, weil man sie nicht draus läßt. Wenn Sie ein donnerndes revolutionäres Manifest erlassen hätten, keine Tageszeitung würde es wagen, darauf anzuspielen. Es gibt doch keine Feigheit, wie die Feigheit vor der Fleetstreet! Ich muß forteilen, Ich habe noch viel zu tun, bevor ich abreise, und es geht auf drei Uhr an. Adieu, Lady Brandon, und die andern.«
Er schüttelte Jane die Hand, nickte den andern einzeln zu, wobei er zu Agathas Gunsten keine Ausnahme machte, und eilte hinaus. Sie starrten ihm einen Augenblick nach, und dann rannte Erskine hinaus und die Treppe hinunter, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Trotzdem mußte er bis zur Allee laufen, bis er seinen Mann einholte.
»Trefusis,« sagte er atemlos, »Sie dürfen nicht mit dem Vieruhrzug fahren.«
»Warum nicht?«
»Miß Lindsay fährt mit demselben Zug zur Stadt.«
»Um so besser, mein lieber Junge, um so besser. Sie sind doch jetzt nicht mehr eifersüchtig auf mich?«
»Sehen Sie, Trefusis. Ich weiß nicht und frage auch nicht, was zwischen Ihnen und Miß Lindsay vor sich gegangen ist. Aber Ihre Verlobung hat sie ganz aus der Fassung gebracht, und sie flieht nur deswegen nach London. Wenn Sie hört, daß Sie mit demselben Zug fahren, wird sie bis morgen warten, und ich glaube, der Aufschub würde ihr sehr unangenehm sein. Wollen Sie ihr auch diese Pein noch zufügen?«
Trefusis war augenscheinlich verwirrt und sah Erskine zweifelnd an, indem er einen Augenblick überlegte. »Ich glaube, Sie sind in dieser Sache auf einer falschen Fährte,« sagte er. »Meine Beziehungen zu Miß Lindsay hatten nichts mit Gefühlen zu tun. Haben Sie ihr etwas gesagt -- ich meine, in Ihrer eigenen Sache?«
»Ich habe über beide Angelegenheiten mit ihr gesprochen und weiß aus ihrem eigenen Munde, daß ich recht habe.«
Trefusis stieß einen leisen Pfiff aus.
»Es ist nicht das erstemal, daß ich in dieser Sache einen klaren Einblick gewann,« sagte Erskine bezeichnend. »Bitte, behandeln Sie die Sache ernsthaft, Trefusis. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen offen sage, daß nur Ihr gänzlicher Mangel an Gefühl sie wegen der Art, wie Sie gegen sie gehandelt haben, entschuldigt.«
Trefusis lächelte. »Verzeihen Sie mir dafür meine Neugierde,« sagte er. »Was antwortete sie Ihnen auf Ihren Antrag?«
Erskine zauderte und zeigte durch sein Benehmen, daß Trefusis nach seiner Ansicht kein Recht zu dieser Frage hatte. »Sie sagte gar nichts,« antwortete er.
»Hm!« sagte Trefusis. »Gut, was den Zug angeht, so können Sie sich auf mich verlassen. Hier ist meine Hand darauf.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Erskine mit Wärme. Sie schüttelten sich die Hände und schieden voneinander. Trefusis ging mit einem Grinsen davon, das alles andere als Vertrauen erweckte.
Siebzehntes Kapitel.
Gertrude, die nichts davon wußte, in welchem Grade sie schon ihre Enttäuschung verraten hatte, glaubte, daß ihre Besorgnis für die Gesundheit ihres Vaters, die sie als Grund zu ihrer plötzlichen Abreise angab, ihre Freunde täuschen könnte. Es war ihr völlig unmöglich, mit Agatha zu sprechen oder ihre Anwesenheit zu ertragen. Eine heftige Wut erfaßte sie, wenn sie an die Art von Mitleid dachte, die man gewöhnlich verlassenen Mädchen widmet. Das Schlimmste aber war ihre Furcht, mit Trefusis zusammenzutreffen. Sie hatte ihn seit einiger Zeit für einen rechtschaffenen und vollkommenen Mann gehalten, der sich aufs stärkste für sie interessierte. Aber obgleich ihre Erziehung eine verhältnismäßig freie gewesen war, dachte sie doch nicht entfernt an die Möglichkeit, daß sich ein Mann für eine Frau interessieren könnte, ohne sie heiraten zu wollen. Er hatte es in seinen ernsthafteren Stimmungen versucht, ihr eine Empfindung dafür beizubringen, wie gewöhnlich ihre gesellschaftliche Oberflächlichkeit war. Aber er schmeichelte ihr dabei nur durch seine unverhehlte und auch wirklich ernst gemeinte Überzeugung, daß sie eines höheren Lebens fähig sei. Und dazu kam seine unverbesserliche Galanterie, der sein Humor und seine Zärtlichkeit gegen Frauen, die er leiden konnte, Reiz und Abwechslung gaben. Alles das konnte in einem Augenblick an die Stelle seiner Ernsthaftigkeit treten, und Gertrude hatte ein viel zu gleichmäßiges Wesen, um ihm darin zu folgen. Sie glaubte, er rede noch immer im vollen Ernst, wenn er längst in blühender Romantik schwärmte, und wurde dadurch gefährlich getäuscht. Er empfand gar keine Bedenken bei seinem Liebesspiel, weil er sich nicht für einen Mann hielt, der den Frauen so leicht Liebe einflößte. Andererseits wußte Gertrude nicht, daß ihre Schönheit jeder Stunde, die man mit ihr verbrachte, einen Reiz gab, dem wenige Männer von Phantasie und Gefühl widerstehen konnten. Sie, die seit ihrem Austritt aus der Schule immer auf dem Heiratsmarkt gelebt hatte, betrachtete das Liebeln als das ernsthafteste Geschäft von der Welt. Für ihn war es nur eine angenehme Spielerei, deren Reiz durch ein leises Bedauern, daß gar so wenig dahintersteckte, nur gehoben wurde.
Von allen Umständen bei ihrer Abreise war ihr der Kuß, den sie Agatha anbieten mußte, am unangenehmsten. Sie war auf der Schule schon auf sie eifersüchtig gewesen, trotzdem sie sich für die vornehmere von den beiden hielt. Aber dieser Vorzug konnte sie kaum über Agathas schnellere Auffassung trösten, über ihre Gewandtheit, ihren Mut, ihre Erfindungsgabe, ihre Fähigkeit, schwierige Gedankengänge zu finden oder ihnen zu folgen, und die daraus folgende Macht, andere zu verwirren. Ihre Eifersucht auf diese Eigenschaften war jetzt noch verstärkt worden, weil sie fühlte, daß Agatha darin viel mehr mit Trefusis verwandt war als sie selbst. Es machte ihr wenig aus, wie sie sich selbst im Vergleich mit Agatha vorkam. Aber es machte alles aus, daß sie Trefusis langsam, steif, kalt und gekünstelt vorkam, und daß sie ihn nicht davon überzeugen konnte, wie sie in Wirklichkeit war. Denn sie wollte die Richtigkeit des Eindrucks nicht zugeben, den sie durch ihr Benehmen machte, da sie ja meist das Gegenteil von dem tat, was sie tun wollte. Sie sah sich in ihrer Einbildung nicht so, wie sie war, sondern wie sie sein wollte. Was die einzige Eigenschaft anging, in der sie sich stets Agatha überlegen gefühlt hatte, die sie >gute Erziehung< nannte, so hatte grade darin Trefusis ihren Dünkel so sehr zerstört, daß sie jetzt anfing zu zweifeln, ob es nicht ihr Hauptmangel sei.
Sie konnte kein Wort hervorbringen, als sie ihre Schulfreundin umarmte, und Agathas Zunge war ebenfalls gelähmt. Ein Gefühl von Reue und geheimer Zärtlichkeit erstickte ihre Worte, und ihr Schweigen würde peinlich gewesen sein, wenn nicht Jane für alle drei genug geredet hätte. Sir Charles saß draußen im Wagen und wartete, um Gertrude nach der Station zu fahren. Erskine hielt sie im Hausflur auf, als sie hinausgehen wollte. Er sagte ihr, er würde trostlos sein, wenn sie fort wäre, und bat sie, seiner zu gedenken. Seine kleine Bitte rührte sie wenig, und ihr fiel nur auf, daß sie das beredte Flehen, das in seinen dunklen Augen lag, schon einmal bei den Känguruhs im Zoologischen Garten gesehen hatte.
Während sie auf der Station zum Zuge ging, brachte er die Pferde in Ordnung, um von der peinlichen Unterhaltung über die plötzliche Abreise seines Gastes entbunden zu sein. Er hatte ein paar Bemerkungen über die Ängstlichkeit der jungen Pferde gemacht und über das Wetter, bis sie das hübsche Stationsgebäude erreichten, das auf freiem Felde stand und von dem Bahnsteig aus einen Blick über den Fluß gewährte. Zwei Wagen waren da, zwei Gepäckträger, ein Bücherstand und ein Erfrischungsraum, hinter dessen Bar sich eine verblühte Schönheit abhärmte. Sir Charles hielt sich noch am Schalter auf, um für Gertrude, die schon auf den Bahnsteig gegangen war, ein Billett zu kaufen. Der erste Mensch, den Gertrude sah, war Trefusis, der dicht neben ihr stand.
»Ich fahre mit diesem Zuge zur Stadt, Gertrude,« sagte er schnell. »Ich darf mich Ihnen wohl zur Verfügung stellen. Ich habe Ihnen etwas zu sagen, denn es ist da ein Mißverständnis zwischen uns entstanden, das ein Ende nehmen muß. Sie --«
Grade jetzt kam Sir Charles heraus und stand erstaunt da, als er sie in der Unterhaltung sah.
»Ich fahre zufällig mit diesem Zug,« sagte Trefusis. »Ich will für Miß Lindsay sorgen.«
»Miß Lindsay hat ihr Mädchen bei sich,« sagte Sir Charles fast stotternd und blickte auf Gertrude, deren Gesichtsausdruck undurchdringlich war.
»Wir können in den Pullmanwagen einsteigen,« sagte Trefusis. »Wir sind dort so ungestört wie in einer Ecke eines überfüllten Salons. Ich darf doch mit Ihnen reisen, nicht wahr?« sagte er, als er Sir Charles' verwirrten Blick sah, und wandte sich an sie um besondere Erlaubnis.
Sie fühlte, wenn sie ihn abwies, dann stieß sie ihre letzte Aussicht auf Glück von sich. Indessen beschloß sie, es doch zu tun, und wenn sie vor Schmerz auf dem Wege nach London sterben sollte. Als sie ihren Kopf erhob, um es ihm um so ausdrucksvoller zu verbieten, begegnete sie seinem Blick, der ernst und erwartungsvoll war. Für einen Augenblick verlor sie ihre Fassung, und so sagte sie: »Ja, ich werde mich sehr freuen.«
»Gut, wenn das der Fall ist,« sagte Sir Charles in einem Tone, als ob seine Sympathie durch ein unverzeihliches Verbrechen verwirkt worden sei, »dann hat es keinen Zweck, wenn ich hier warte. Ich lasse Sie in den Händen von Mr. Trefusis. Adieu, Miß Lindsay.«
Gertrude fuhr zurück. Es wurde ihr schwer, von einem Mann, der sonst immer freundlich war, beim Abschied diese Unfreundlichkeit zu ertragen. Sie wollte ihm schon schweigend die Hand anbieten, als Trefusis sagte:
»Warten Sie, bis wir abfahren. Wenn wir zufällig auf der Reise getötet werden -- was auf einer englischen Bahn leicht möglich ist -- werden Sie sich selbst später Vorwürfe machen, wenn Sie uns nicht im letzten Augenblick gesehen haben. Hier ist der Zug, Sie werden keine Minute verlieren. Sagen Sie Erskine, daß Sie mich hier gesehen haben, daß ich mein Versprechen nicht vergessen habe, und daß er sich auf mich verlassen kann. Gehen Sie hier hinein, Miß Lindsay.«
»Mein Mädchen,« sagte Gertrude bedenklich, denn sie wollte nicht so kostspielig reisen. »Sie --«
»Sie kommt mit uns, um auf mich acht zu geben. Ich habe für alle Billette,« sagte Trefusis und half ihnen hinein.
»Aber --«
»Bitte einsteigen,« sagte der Schaffner. »Fahren Sie mit, mein Herr?«
»Adieu, Sir Charles. Grüßen Sie vielmals Lady Brandon und Agatha und die lieben Kinder. Und ich danke auch für die sehr angenehme --« Jetzt fuhr der Zug ab, und Sir Charles wurde weich. Er lächelte und schwenkte seinen Hut, bis er plötzlich Trefusis' Gesicht sah, auf dem ein so satanisches Lächeln lag, daß er ganz versteinert mitten in seinen Gestikulationen einhielt und mit seinem ausgestreckten Arm wie ein optischer Telegraph aussah.