Part 21
»Danke sehr,« sagte Trefusis und entließ sie. »Hier ist guter Wein, gutes Wasser, gutes Obst und gutes Brot. Ich weiß, daß Sie am Wein hängen wie an einer guten, gewohnten Herzstärkung. Was mich angeht, so mache ich keinen Unterschied zwischen ihm und andern Pflanzengiften. Ich genieße sie niemals. Wasser zur Beruhigung, Wein zur Anregung. In mir sprudeln genug Quellen der Anregung, ich habe niemals Mangel daran und brauche nur nach Beruhigung zu suchen. Indessen« -- hier entkorkte er die Flasche, »ein voller Becher hiervon wird Sie für wenigstens eine halbe Stunde sich wie Götter fühlen lassen. Sollen wir auf Ihre Bekehrung zum Sozialismus trinken?«
Sir Charles schüttelte den Kopf.
»Wie, Mr. Donovan Brown, der große Künstler, ist ein Sozialist, warum sollten Sie keiner sein?«
»Donovan Brown?« rief Sir Charles interessiert aus. »Ist das möglich? Kennen Sie ihn persönlich?«
»Hier sind verschiedene Briefe von ihm. Sie können sie lesen. Schon das einfache Autograph eines solchen Mannes ist interessant.«
Sir Charles nahm die Briefe und las sie aufmerksam durch, während ihm Erskine über die Schulter sah.
»Ich stimme vollständig mit allem überein, was er hier sagt,« bemerkte Sir Charles. »Es ist ganz richtig.«
»Natürlich stimmen Sie mit uns überein. Donovan Browns Bedeutung als Künstler hat mir einen Rekruten erworben, und Ihre Bedeutung als Baronet wird mir noch mehrere gewinnen.«
»Aber --«
»Aber was?« sagte Trefusis und öffnete schnell eins von den Albums, daß das Bild eines widerlichen Zimmers zeigte. »Sie sind doch hiergegen, nicht wahr? Donovan Brown ist dagegen, und ich bin dagegen. Sie mögen sonst in allem anderer Meinung sein, aber Sie sind doch auf unserer Seite. Nicht wahr?«
»Aber es kann die Folge von Trunksucht, Gleichgültigkeit oder --«
»Das Einkommen meines Vaters war fünfzigmal so groß wie das von Donovan Brown. Glauben Sie, daß Donovan Brown fünfzigmal so trunksüchtig und gleichgültig wie mein Vater war?«
»Gewiß nicht. Ich leugne auch gar nicht, daß vieles richtig ist an dem, was Sie sagen. Aber Sie verlangen da von mir einen sehr wichtigen Schritt.«
»Durchaus nicht. Ich verlange gar nicht, daß Sie sich durch Ihre Unterschrift, Ihren Beitritt oder eine Bürgschaft an irgendeiner Gesellschaft oder einer Verschwörung beteiligen sollen. Ich mochte nur Ihren Namen zur Erwähnung gegenüber solchen Feiglingen, die den Sozialismus für ganz richtig halten, aber ihn nicht bekennen wollen, weil sie ihn nicht für geachtet ansehen. Sie werden sich nicht mehr ihrer Überzeugung schämen, wenn sie hören, daß ein Baronet sie teilt. Sie sehen also, daß Ihnen der Sozialismus schon etwas bietet, er gibt Ihrem sonst wertlosen Titel einen wirklichen Wert.«
Sir Charles errötete ein wenig und wurde sich bewußt, daß das Beispiel seines Lieblingsmalers ihn mehr beeinflußt hatte als seine eigene Überzeugung oder die Beweise Trefusis'. »Was meinen Sie, Chester?« fragte er. »Wollen Sie sich anschließen?«
»Erskine ist schon durch seine veröffentlichten Schriften dafür bekannt, daß er für die Sache der Freiheit eintritt,« sagte Trefusis. »Drei von den Broschüren auf diesem Büchergestell zitieren die patriotischen Märtyrer.«
Erskine wurde rot, da es ihm schmeichelte, daß er zitiert worden war. Diese Aufmerksamkeit war ihm erst einmal zuteil geworden, und zwar durch einen Kritiker, der dadurch zeigen wollte, daß die patriotischen Märtyrer nachlässig geschrieben seien.
»Nun?« fragte Trefusis. »Soll ich Donovan Brown schreiben, daß seine Briefe die aufrichtigste Zustimmung und Sympathie von Sir Charles Brandon gefunden haben?«
»Gewiß, gewiß. Das heißt, wenn mein unbekannter Name für ihn im geringsten von Interesse ist.«
»Gut,« sagte Trefusis und füllte sein Glas mit Wasser. »Laßt uns mit unserm Bruder Sozialdemokrat anstoßen.«
Erskine lachte laut, aber gezwungen. »Welch ein Esel sind Sie, Brandon!« sagte er. »Sie, mit Ihrem großen Landbesitz und Säcken von Gold, die in Eisenbahnen angelegt sind, Sie nennen sich einen Sozialdemokraten. Wollen Sie alles verkaufen und verteilen nach dem Wort: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen?« --
»Keinen Pfennig,« erwiderte Trefusis schnell für Sir Charles. »In diesem Lande kann ein Mann kein Christ sein. Ich habe es versucht und gefunden, daß es unmöglich ist, sowohl wegen der Gesetze als auch wegen der Zustände. Ich bin ein Kapitalist und ein Grundbesitzer. Ich habe Eisenbahnaktien, Grubenaktien, Gebäudeaktien, Bankaktien und Aktien von fast jeder Art, und sie machen mir die größten Sorgen. Aber diese Aktien sind ja kein wirklich existierender Reichtum. Sie sind nur ein Pfandbrief auf die Arbeit von ungeborenen Generationen von Arbeitern, die arbeiten müssen, um mich und die Meinen in Müßiggang und Luxus zu erhalten. Wenn ich sie verkaufte, würde dann wohl der Pfandbrief ungültig gemacht und die ungeborenen Generationen aus ihrer Knechtschaft befreit werden? Nein. Er würde nur in die Hände eines andern Kapitalisten übergehen, und die arbeitende Klasse wäre durch meine Selbstaufopferung nicht besser daran. Sir Charles kann nicht dem Gebot Christi folgen, er soll es nur einmal versuchen! Er mag sein Land für einen öffentlichen Park hergeben, aber nur die reicheren Klassen werden die Muße haben, ihn zu genießen. Und wenn er ihn dicht bei den Wohnungen der Armen anlegt, damit sie wenigstens seine Luft einatmen, so wird er nur den Wert der umliegend Häuser steigern und die Armen daraus vertreiben. Lassen Sie ihn eine Schule für die Armen ausstatten, wie Eton oder Christs Hospital, und die Reichen werden sie für ihre eigenen Kinder nehmen, grade wie in den zwei soeben genannten Fällen. Sir Charles will nicht die Armut pflegen, sondern sie zerstören. Es ist gleichgültig, wieviel Sie den Armen geben, alles, mit Ausnahme der nacktesten Existenzmittel, wird ihnen mit Gewalt wieder abgenommen. Alles Reden über praktisches Christentum oder selbst einfache Gerechtigkeit ist heute nur Verschwendung von Worten. Wie können Sie einem Arbeiter einen gerechten Lohn geben, wenn Sie dank der allgemeinen Gewohnheit, ihm seine Arbeit zu stehlen, ihren Wert gar nicht festsetzen können? Ich weiß das aus Erfahrung. Ich wollte den richtigen Preis für das Grabmal meiner Frau bezahlen, aber ich konnte seinen Wert nicht herausfinden und werde es auch nie können. Der Grundsatz, nach dem wir unsere nationale Industrie einzelnen zur Ausplünderung verpachten, die sich für die Rente durch Erpressungen entschädigen, hat uns so verdorben und schlecht gemacht, daß wir gar nicht mehr ehrenhaft sein können, selbst wenn wir es wollen. Und der Grund, weshalb wir das so ruhig ertragen, ist, weil sehr wenige es wirklich anders wollen.«
»Ich muß diese wichtige Frage studieren,« sagte Sir Charles unruhig und füllte seinen Becher wieder. »Können Sie mir ein gutes Buch über den Gegenstand empfehlen?«
»Jede gute Abhandlung über Nationalökonomie genügt,« sagte Trefusis. »In der ökonomischen Wissenschaft führen alle Wege zum Sozialismus, obgleich in neun von zehn Fällen der Studierende nicht sein Ziel erkennt und den Fluch auf sich lädt, den Jeremias über die ausspricht, die gegen Belohnung die Bösen in Schutz nehmen. Ich werde Ihnen ein oder zwei Bücher aussuchen. Und wenn Sie das nächste Mal, da Sie in London sind, Donovan Brown aufsuchen, so wird er sich, das weiß ich sicher, sehr freuen. Er trifft sich mit sehr wenigen Männern, die sowohl mit seiner sozialen als auch seiner künstlerischen Anschauung übereinstimmen.«
Sir Charles Augen glänzten, als er an Donovan Brown erinnert wurde. »Ich werde mir eine Einführung bei ihm zu hoher Ehre anrechnen,« sagte er. »Ich hatte keine Ahnung, daß er ein Freund von Ihnen war.«
»Ich war ein sehr tätiger junger Sozialist, als ich ihn zum erstenmal traf,« sagte Trefusis. »Als Brown noch unbekannt und ein erbärmlich armer Mann war, kaufte meine Mutter auf Bitten eines seiner Freunde aus Barmherzigkeit eins seiner Bilder für dreißig Pfund, und er war sehr froh, das Geld zu bekommen. Nach zehn Jahren, als meine Mutter tot und Brown berühmt war, wurden mir achthundert Pfund für dieses Bild angeboten, das übrigens nach meiner Meinung ein sehr schlechtes war. Nun würde, wenn ich auch den gewöhnlichen, ungerechtfertigten Abzug machte, für die Zinsen der dreißig Pfund während der zwölf Jahre, die ungefähr verflossen waren, mir der Verkauf des Bildes doch noch einen Verdienst von über siebenhundertundfünfzig Pfund gebracht haben, eine unverdiente Bereicherung, auf die ich keinen Anspruch hatte. Mein Anwalt, demgegenüber ich die Sache erwähnte, meinte, ich könnte mit Recht die siebenhundertundfünfzig Pfund einstecken. Meine Mutter habe sie durch ihre Mildtätigkeit verdient, mit der sie ein voraussichtlich wertloses Bild von einem unbekannten Maler kaufte. Er überzeugte mich aber nicht davon, daß ich ein Recht hätte, mir die Tugenden meiner Mutter bezahlen zu lassen, obgleich wir darin übereinstimmten, daß weder ich noch meine Mutter irgendeine Vergütung in Form von Vergnügen bei der Betrachtung des Bildes empfangen hatten, denn es war seit seiner Erwerbung durch das Blindwerden der Farben im hohen Maße verdorben. Schließlich ging ich mit dem Bilde nach Browns Atelier. Ich sagte ihm, es habe für mich keinen Wert, da ich es für ein besonders schlechtes Bild halte, und er sollte es für fünfzehn Pfund, die Hälfte des früheren Preises, zurückhaben. Er sagte mir sofort, ich würde von jedem Händler mehr dafür bekommen, als er selbst mir geben könnte. Aber er sagte auch, ich hätte kein Recht, mit seiner Arbeit ein Geschäft zu machen, und er bot mir den Originalpreis von dreißig Pfund an. Ich nahm sie und sandte ihm dann den Mann zu, der mir die achthundert angeboten hatte. Zu meinem Verdruß weigerte sich Brown, das Bild überhaupt zu verkaufen, weil er es für seiner unwert hielt. Der Mann bot bis fünfzehnhundert Pfund, aber Brown blieb standhaft, und so fand ich, daß ich ihm nicht nur keine siebenhundertundsiebzig Pfund in die Tasche gesteckt, sondern ihm sogar dreißig weggenommen hatte. Ich bot ihm daher an, die dreißig Goldstücke zurückzugeben. Brown empfand dieses Anerbieten als eine Beleidigung und lehnte jede weitere Auseinandersetzung mit mir ab. Dann bestand ich darauf, daß die Angelegenheit dem Schiedsgericht unterworfen werde, und verlangte fünfzehnhundert Pfund als den vollen Handelswert des Gemäldes. Alle Schiedsrichter fanden das ungeheuerlich, worauf ich mich damit zufriedengab, wenn sie mein Anrecht auf den Handelswert nicht anerkennen wollten, dann sollten sie mir wenigstens mein Anrecht auf den Gebrauchswert anerkennen. Sie stimmten dem zu und setzten ihre Entscheidung für vierzehn Tage aus, um Adam Smith zu lesen und zu entdecken, was in aller Welt ich mit meinen Gebrauchswerten und Handelswerten meinte. Ich zeigte ihnen darauf, daß das Gemälde für mich keinen Gebrauchswert habe, da ich es nicht liebte, daß ich daher zu gar nichts berechtigt sei und Brown die dreißig Pfund zurücknehmen müßte. Sie freuten sich, mir dies auch zuzugeben, da sie alle Kunstfreunde von Brown waren und nicht wünschten, daß er bei dem Handel sein Geld verlöre, obgleich sie heimlich ebenso wie ich das Bild für ein schlechtes hielten. Hierauf wurden Brown und ich sehr gute Freunde. Er duldete anfangs meine Annäherung, damit es nicht aussähe, als ob er über die Herabsetzung seines Werkes beleidigt sei. Nach und nach ging er zu meinen Ansichten über, gradeso wie Sie es getan haben.«
»Das ist sehr interessant,« sagte Sir Charles »Wie vornehm -- fünfzehnhundert Pfund zurückzuweisen! Er konnte sie wahrscheinlich gut gebrauchen.«
»Heldenhaft war es -- nach den Ansichten des neunzehnten Jahrhunderts über Heldentum. Aus freien Stücken auf eine Gelegenheit, Geld zu verdienen, zu verzichten. Das ist das =non plus ultra= des Märtyrertums. Browns Frau war sehr böse über ihn, weil er so gehandelt hatte.«
»Es ist eine interessante Geschichte -- oder könnte als eine solche gelten,« sagte Erskine. »Aber Sie machen mich ganz verdreht mit Ihrem verdammten Wertaustausch und dergleichen Unsinn. Alles ist bei Ihnen eine Zahlenfrage.«
»Das kommt daher, weil ich kein Poet bin,« sagte Trefusis. »Aber wir Sozialisten sollten die romantische Seite unserer Bewegung studieren, um die Frauen zu gewinnen. Wenn Sie eine Sache groß machen wollen, dann interessieren Sie jedes weibliche Wesen dafür. Sie ist verheiratet oder wird es eines Tages sein, und dann widerspricht sie ihrem Mann mit Fetzen aus unsern Beweisgründen. Ein Wortstreit wird folgen, und ihr Sohn wird zuhören und zu denken anfangen, wenn er überhaupt dazu fähig ist. So setzen sich unsere Ideen in die Köpfe der Leute. Ich habe schon manches junge Mädchen bekehrt. Die meisten wissen nicht mehr von der volkswirtschaftlichen Theorie des Sozialismus, als sie von Chaldäa wissen, aber sie fürchten und verurteilen nicht mehr länger diesen Namen. Oh, ich versichere Ihnen, es kann auf diesem Gebiete viel von Männern getan werden, die nicht ängstlich vor Frauen sind und Zeit haben, ruhig zu warten, bis ihre ausgestreute Saat aufgegangen ist.«
»Nehmen Sie sich in acht. Eine von Ihren weiblichen Proselyten wird einmal die Oberhand über Sie bekommen. Der zukünftige Ehemann, dem man widerspricht, kann auch Sidney Trefusis sein. Ha, ha, ha!« Sir Charles hatte ein zweites großes Glas mit Wein geleert und war etwas erhitzt und laut.
»Nein,« sagte Trefusis, »ich selbst habe genug bekommen von der Liebe, und ich bin auch nicht der Mann, der so leicht welche einflößt. Frauen machen sich nichts aus Männern, denen, wie Erskine sagt, alles eine Zahlenfrage ist. Früher flirtete ich mit Frauen, jetzt belehre ich sie, und ich verabscheue das Flirten eines Mannes noch mehr als das einer Frau. Noch etwas Wein? Oh, Sie dürfen den Rest dieser Flasche nicht umkommen lassen.«
»Ich denke, wir gehen am besten, Brandon,« sagte Erskine, der ein wachsendes Mißtrauen gegen Trefusis empfand. »Wir haben versprochen, vor zwei zurück zu sein.«
»Das sollen Sie auch,« sagte Trefusis. »Es ist jetzt noch nicht Viertel nach eins. Übrigens, ich habe Ihnen noch nicht Donovan Browns Lieblingsdokument zur Erneuerung der Gesellschaft gezeigt. Hier ist es. Eine Riesenpetition, die verlangt, daß es für ein schweres Verbrechen erklärt wird, wenn man einem Arbeiter irgendeinen Teil des Wertes, den seine Arbeit hat, vorenthält. Das ist alles.«
Erskine stieß leise Sir Charles, und dieser sagte schnell: »Danke sehr, aber ich will lieber nichts unterzeichnen.«
»Ein Baronet soll eine solche Petition unterzeichnen!« rief Trefusis aus. »Ich dachte gar nicht daran, Sie darum zu bitten. Ich zeige es Ihnen nur als ein interessantes geschichtliches Dokument, das die Unterschriften einiger Künstler und Dichter enthält. Hier ist zum Beispiel die von Donovan Brown. Er hat auch die Petition angeregt, die kaum viel Gutes erwirken wird, da die Sache gar nicht auf solche Art durchgeführt werden kann. Indessen, ich habe Brown versprochen, so viele Unterschriften wie möglich zu sammeln. Darum mögen Sie sie wenigstens unterzeichnen, Erskine. Sie enthält zwar nichts in Blankversen über die heilige Pflicht des Tyrannenmordes, aber sie ist doch ein Schritt vorwärts auf dem rechten Wege. Sie werden doch nicht bei einer solchen Kleinigkeit Bedenken haben -- oder sind Sie durch die Kritiken ängstlich geworden? Kommen Sie, Ihren Namen und Ihre Adresse.«
Erskine schüttelte den Kopf.
»Haben Sie denn nur dann revolutionäre Gefühle, wenn Sie dadurch Ruhm als Dichter gewinnen können?«
»Ich zeichne einfach nicht, weil ich keine Lust dazu habe,« sagte Erskine erregt.
»Mein lieber Freund,« sagte Trefusis fast herzlich, »wenn ein Mann ein Gewissen hat, so kann er in Überzeugungssachen nicht schwanken. Ich habe irgendwo in Ihrem Buch gelesen, daß der Mann, der für die Freiheit seines Bruders nicht sein Blut vergießt, ein Feigling und ein Sklave ist. Wollen Sie nicht einen Tropfen Tinte vergießen -- dazu noch meiner Tinte -- für das Anrecht Ihrer Brüder an ihrer Hände Werk? Ich machte mir auch zuerst nichts daraus, diese Petition zu unterschreiben, denn ich könnte ebensogut einen Tiger bitten, seine Beute mit mir zu teilen, wie unsere Herrschenden, die gestohlene Arbeit, von der sie leben, fahren zu lassen. Aber Donovan Brown sagte zu mir: >Sie haben keine Wahl. Entweder glauben Sie, daß dem Arbeiter der Ertrag seiner Arbeit gehört, oder Sie glauben es nicht. Wenn Sie es aber glauben, dann bekennen Sie auch Ihre Überzeugung, selbst wenn das so nutzlos sein wird, als das Händewaschen des Pilatus.< So habe ich denn unterzeichnet.«
»Donovan Brown hatte recht,« sagte Sir Charles. »Ich will unterzeichnen.« Und er schrieb sorgfältig seinen Namen hin.
»Brown wird entzückt sein,« sagte Trefusis. »Ich werde ihm heute schreiben, daß ich wieder eine gute Unterschrift für ihn erlangt habe.«
»Zwei Unterschriften,« sagte Sir Charles. »Sie sollen zeichnen, Erskine. Der Teufel soll mich holen, wenn Sie es nicht tun! Es ist nur gegen die Halunken, die davonlaufen und ihren Arbeitern nicht ihre Löhne bezahlen.«
»Oder, die sie nicht ganz bezahlen,« bemerkte Trefusis mit seltsamem Lächeln. »Aber unterzeichnen Sie lieber nicht, wenn Sie keine Lust haben.«
»Chester, wenn Sie nach mir nicht zeichnen, sind Sie ein Duckmäuser,« sagte Sir Charles.
»Ich weiß nicht, was es bedeutet,« sagte Erskine unschlüssig. »Ich verstehe nichts von Petitionen.«
»Es bedeutet, was es sagt. Man kann Sie nicht für irgendeine Meinung verantwortlich machen, die nicht darin ausgedrückt ist,« erwiderte Trefusis. »Aber lassen wir es sein. Sie mißtrauen mir, glaube ich, etwas und möchten lieber nichts mit meinen Petitionen zu tun haben. Aber Sie werden eine bessere Ansicht darüber bekommen, wenn Sie erst mehr mit mir bekannt sind. Inzwischen hat es ja keine Eile. Unterschreiben Sie jetzt noch nicht.«
»Unsinn! Ich zweifle gar nicht an Ihrer ehrlichen Überzeugung,« sagte Erskine schnell und leugnete seinen Verdacht, den er wohl fühlte, für den er aber keine Begründung wußte. »Hier haben Sie es!« Und er unterzeichnete auch.
»Sehr gut!« sagte Trefusis. »Das wird Brown für einen Monat glücklich machen.«
»Es ist jetzt Zeit für uns, daß wir gehen,« meinte Erskine verdrießlich.
»Besuchen Sie mich zu jeder Zeit. Sie sind mir willkommen,« sagte Trefusis. »Sie brauchen in keiner Weise formell zu sein.«
Dann schieden sie voneinander, und Sir Charles versicherte Trefusis, daß er noch nie einen so interessanten Vormittag verlebt habe. Er schüttelte ihm dreimal lange die Hand. Erskine sagte wenig, bis er mit seinem Freunde auf dem Riverside Road war, dann aber brach er plötzlich heraus:
»Was zum Teufel soll das heißen, daß Sie mittags um ein Uhr zwei Glas von solch einem berauschenden Zeug trinken, und dazu noch im Hause eines so gefährlichen Menschen, wie er es ist? Es tut mir sehr leid, daß ich den Burschen besucht habe. Ich hatte schon vorher meine Besorgnisse, und sie sind vollständig eingetroffen.«
»Wieso?« fragte Sir Charles und fuhr zurück.
»Er hat uns angeführt. Ich war ein richtiger Narr, daß ich das Papier unterzeichnete, und Sie auch. Deswegen hat er uns nur eingeladen.«
»Unsinn, mein lieber Junge. Es war nicht sein Schriftstück, sondern das von Donovan Brown.«
»Das bezweifle ich. Wahrscheinlich hat er Brown ebenso zum Zeichnen beschwatzt, wie er uns beschwatzt hat. Seine Wege sind grade so schief wie seine Ansichten. Hörten Sie, wie er über Miß Lindsay log?«
»Oh, Sie haben sich darüber geirrt. Er macht sich gar nichts aus ihr oder aus sonst jemand.«
»Gut, wenn Sie zufrieden sind, ich bin es nicht. Sie würden darüber nicht in so guter Laune sein, wenn Sie so wenig Wein getrunken hätten wie ich.«
»Pah! Sie sind zu komisch. Es war famoser Wein. Glauben Sie etwa, ich sei betrunken?«
»Nein. Aber Sie würden auch nicht unterschrieben haben, hätten Sie nicht das zweite Glas getrunken. Wäre ich nicht durch Sie gezwungen worden -- nachdem Sie das Beispiel gegeben hatten, konnte ich nicht anders -- ich hätte ihn lieber am Galgen gesehen, als mich mit seiner Petition abgegeben.«
»Ich sehe nicht ein, was das für schlimme Folgen haben kann,« sagte Sir Charles und unterdrückte mit Gewalt eine in ihm aufsteigende Unruhe.
»Nie wieder betrete ich sein Haus,« sagte Erskine mürrisch. »Wir waren wie zwei Fliegen in einem Spinnennetz.«
Unterdessen schrieb Trefusis, wie er versprochen hatte, an Donovan Brown.
Sallusts Haus.
Lieber Brown, ich habe den Vormittag damit verbracht, zwei noch sehr junge Fische zu angeln, und ich habe sie mit mehr Mühe ans Land gebracht, als sie es wert sind. Einer ist ein hohes Tier. Er ist Baronet und Kunstliebhaber, mit Respekt zu sagen. Alle meine Gründe und mein kleines Museum von Photographien waren an ihm verloren, aber als ich Ihren Namen nannte und ihm Ihre Bekanntschaft versprach, biß er sofort an. Er war halb betrunken, als er unterschrieb, und ich hätte ihn nicht das Papier berühren lassen, wenn ich mich nicht vorher überzeugt hätte, daß er es ehrlich meinte und daß mein Wein nur seine bessere Natur von ihrer gewöhnlichen Feigheit und Voreingenommenheit befreit hatte. Wir müssen es in möglichst vielen Zeitungen veröffentlichen, daß er unsere große Petition unterschrieben hat. Das wird andere verlocken, gradeso wie Ihr Name ihn verlockt hat. Der zweite Neubekehrte, Chichester Erskine, ist ein junger Dichter. Er wird uns nicht viel nützen, obgleich er ein Vorkämpfer der Freiheit in Blankversen ist und seine Werke Mazzini und andern widmet. Er hat widerstrebend unterschrieben. Ihr ganzes Zaudern ist die Unentschlossenheit, die von der Unwissenheit herrührt. Sie haben aus sich heraus noch nicht die Wahrheit gefunden und wagen es nicht: mir zu vertrauen, da es sich hier um Dinge handelt, in denen keiner dem andern vertrauen kann.
Ich habe hier eine hübsche junge Dame kennen gelernt, die Ihnen als Modell für Ihre Hypatia dienen könnte. Sie ist vollgepfropft mit allen adeligen Vorurteilen, aber ich bin dabei, sie zu kurieren. Ich habe es mir in den Kopf gesetzt, sie mit Erskine zu verheiraten, und er ist eifersüchtig auf mich, weil er glaubt, ich stellte ihr nach. Das Wetter ist hier fein, und ich führe ein lustiges Leben, aber ich finde, daß ich dabei zu müßig bin. Usw. usw.
Sechzehntes Kapitel.
An einem sonnigen Vormittag saß Agatha auf der Türschwelle vor dem Treibhaus und las. Der Schatten ihres seidenen Sonnenschirmes wurde plötzlich dunkler, und als sie aufblickte, sah sie Trefusis vor sich stehen.
»Oh!«
Sie bot ihm sonst keinen Gruß an, denn sie war mit ihm übereingekommen, soviel als möglich alle Begrüßungen und Förmlichkeiten zu vermeiden. Er schien es nicht eilig zu haben, etwas zu sagen, und so begann sie nach einer Pause: »Sir Charles --«
»Ist in die Stadt gegangen,« sagte er. »Erskine ist mit dem Zweirad aus. Lady Brandon und Miß Lindsay sind in dem Wagen ins Dorf gefahren, und Sie sind hier herausgekommen, um die Sommersonne zu genießen und um braun zu werden. Ich weiß schon alle Ihre Neuigkeiten.«
»Sie sind sehr klug und irren sich, wie gewöhnlich. Sir Charles ist nicht in die Stadt gegangen. Er ist nur wegen einiger Papiere zur Eisenbahnstation gegangen und wird vor dem Essen zurück sein. Woher wissen Sie das alles, was hier vorgeht?«
»Ich war mit meinem Feldstecher auf dem Dache meines Hauses. Ich sah Sie herauskommen und hier Platz nehmen. Dann kam Sir Charles vorbei. Dann Erskine. Dann Lady Brandon, die mit großer Energie losfuhr und einen bemerkbaren Gegensatz zu der hochmütigen Ruhe Gertrudes bot.«
»Gertrude! Mir gefällt Ihre Dreistigkeit.«
»Sie wollen sagen, Ihnen mißfällt meine Anmaßung.«
»Nein, ich halte Dreistigkeit für ein bezeichnenderes Wort als Anmaßung, und ich will sagen, daß sie mir gefällt -- daß sie mich amüsiert.«
»Wirklich! Was lesen Sie jetzt?«
»Ich lese, was Sie jetzt grade sagten, nämlich Unsinn. Einen Roman.«
»Also eine erlogene Geschichte von zwei Menschen, die niemals gelebt haben, und die ganz anders handeln würden, wenn sie lebten.«
»Das ist richtig.«