Part 20
»Dies ist die Sammlung von Photographien, von denen ich sprach,« sagte Trefusis, indem er ihm folgte und eins von den Büchern öffnete. »Viele von ihnen habe ich selbst aufgenommen, wobei mir das Licht große Schwierigkeiten machte -- die einzige Schwierigkeit, die Geld nicht immer beseitigen konnte. Dies ist eine Ansicht von dem Hause meines Vaters -- oder vielmehr von einem seiner Häuser. Es kostete fünfundsiebzigtausend Pfund.«
»Wirklich sehr hübsch,« sagte Sir Charles voll innerlichem Widerwillen, weil er eine Photographie eines gewöhnlichen Landhauses, wie sie Häusermakler zeigen, bewundern sollte, einfach nur aus dem Grunde, weil es fünfundsiebzigtausend Pfund gekostet hatte. Die Zahlen waren sogar in das Bild hineingeschrieben.
»Dies ist das Gesellschaftszimmer und dies eines der besten Schlafzimmer. Auf der rechten Seite des Kartons finden Sie eine Aufstellung über die Kosten der Möbel, der Einrichtung, des Weißzeugs und so fort. Sie waren von der kostbarsten Art.«
»Sehr interessant,« sagte Sir Charles und verbarg kaum die Ironie seiner Bemerkung.
»Hier ist eine Ansicht -- es ist dies der erste meiner Versuche -- des Zimmers von einem der unteren Diener. Es ist bequem und geräumig und solid ausgestattet.«
»Das sehe ich.«
»Dies sind die Ställe. Sind sie nicht hübsch?«
»Palastartig. Die reinen Säle.«
»Da ist jeder Luxus, den sich ein Pferd wünschen kann, einschließlich einer Menge von Bedienten, um ihm aufzuwarten. Sie bemerken hoffentlich die Zahlen. Es sind die Kosten des Gebäudes und der jährlichen Ausgaben für jedes Pferd.«
»Ich sehe es.«
»Hier ist das Äußere eines Hauses. Was halten Sie davon?«
»Es ist sehr malerisch in seinem verfallenen Zustand.«
»Malerisch! Würden Sie darin leben wollen?«
»Nein,« sagte Erskine. »Ich sehe nichts wirklich Malerisches daran. Was hat Sie denn veranlaßt, eine solche verkommene alte Räuberhöhle zu photographieren?«
»Hier ist eine Aufnahme des besten Zimmers darin. Die Photographie gibt Ihnen ein treues Bild von dem zerbrochenen Fußboden und den verklebten Fensterscheiben, aber den Schmutz und den Geruch in dem Zimmer müssen Sie sich selber vorstellen. Einige von den Flecken kamen durch den durchsickernden Regen, andere durch den Dunst und den Schmutz. Der Hausverwalter hat das Haus von einem Pair und vermietet es weiter. Drei Familien wohnten in diesem Zimmer, als ich es aufnahm. Sie können an den Zahlen in der Ecke sehen, daß es dem Besitzer mehr einbringt als durchschnittlich ein Haus in den feineren Teilen Londons. Hier ist der Keller. Er ist an eine Familie für anderthalben Schilling die Woche vermietet, was für besonders billig gilt. Die Sonne scheint natürlich niemals hier herein. Ich habe ihn bei Blitzlicht aufgenommen. Zu der Miete müssen Sie den Betrag für eine genügende Menge schlechten Bieres hinzufügen, die den Mieter unempfindlich gegen den Schmutz in seiner Wohnung macht. Bier ist das Chloroform, das den Arbeiter befähigt, die schwierige Operation des Lebens auszuhalten. Deshalb können wir uns auch immer, wenn wir beim Wein sitzen, gegenseitig versichern, das Elend all dieser Lumpen komme nur durch das gewohnheitsmäßige Saufen. Wir verübeln ihm das, denn wenn er das Leben ohne Bier ertragen könnte, würden wir das Geld für das Bier sparen -- und ihn gegen niedrigere Löhne kaufen können. Kurz gesagt, wir würden reicher und er nüchterner sein. Hier ist der Hofraum, die Zustände sind unbeschreiblich. Sieben von den Bewohnern hatten vor Jahren in der Spinnerei meines Vaters gearbeitet. Das heißt, sie hatten einen großen Teil der ungeheuren Geldsummen geschaffen, auf die ich Sie zu Ihrem Mißvergnügen vorhin aufmerksam machte.«
»Das war ich nicht,« sagte Sir Charles zaghaft.
»Sie können sehen, wie sehr ihre Lage gegen die der Pferde meines Vaters zurücksteht. Die sieben Mann, die ich erwähnte, wurden mit dreihundert andern durch dieses hier auf die Straße gesetzt.« Hier schlug er ein Blatt um und zeigte die Photographie einer komplizierten Maschine. »Sie ermöglichte es meinem Vater, auf ihre Dienste zu verzichten und dafür ein paar Frauen und Kinder einzustellen. Er hatte das Patent der Maschine für fünfzig Pfund von dem Erfinder gekauft, denn dieser war fast ruiniert durch die Ausgaben seiner Erfindertätigkeit und würde für eine Handvoll bares Geld alles geopfert haben. Hier ist ein Porträt meines Vaters in seinen Freimaurerabzeichen. Er glaubte, daß die Freimaurer im allgemeinen in der Welt vorwärtskämen, und da es der Hauptplan seines Lebens war, vorwärtszukommen, so trat er zu ihnen über und wollte, daß ich dasselbe tun sollte. Aber ich wollte von diesen angeblich geheimen Gesellschaften und ihrem Hokuspokus nichts wissen und weigerte mich. Sie sehen, was er war -- ein würdevoller, unternehmender, selbstsüchtiger Geschäftsmann. Betrachten Sie den erfolgreichen Mann, den königlichen Kaufherrn mit Schiffen auf allen Meeren, den Brotherrn von Tausenden von Arbeitern, den freigebigen Wohltäter bei allen Veranstaltungen öffentlicher Mildtätigkeit, den Kirchenvorsteher, den Parlamentsabgeordneten, den mildtätigen Freund seiner Verwandten -- seine Selbstgerechtigkeit lag immer im Kampf mit seiner angeborenen, niedrigen Geldgier -- den unwissenden und unersättlichen Ausbeuter fremder Arbeit, den Mann, der seine eigene Meinung und seine Würde für Luxus und Delikatessen verkaufte, die zu genießen er viel zu grob war, und für die Gesellschaft von Leuten, die ihm seine niedrige Herkunft bei jeder Gelegenheit zu verstehen gaben --«
»Und den Mann, dem Sie alles verdanken, was Sie besitzen,« sagte Erskine grob.
»Ich besitze sehr wenig. Alles, was er mir hinterließ, habe ich mit Ausnahme von ein paar Gemälden längst ausgegeben, und auch das wurde durch seine Sklaven und nicht durch ihn erworben. Mein Reichtum kommt jeden Tag frisch durch die Arbeit der armseligen Menschen, die in solchen Höhlen wohnen, wie ich sie Ihnen vorhin zeigte, oder von ein paar Aristokraten der Arbeit, die sich vielleicht zehn Schilling die Woche besser stehen. Indessen gibt es eine Entschuldigung für meinen Vater. Ich geriet einmal bei einem Wahltumult in einen offenen Kampf. Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber da ich mich wehren mußte, wenn ich nicht niedergeschlagen und mit Füßen getreten werden wollte, so schlug ich mich mit Männern, die vielleicht ebenso friedfertig veranlagt waren wie ich selbst. Mein Vater, der in einen freien Wettbewerb geriet -- frei in dem Sinne, daß der Kampf frei, das heißt durch kein Gesetz gehindert ist -- mein Vater hatte die Wahl, entweder selbst ein Sklave zu sein oder die andern zu Sklaven zu machen. Er wählte das letztere, und da er Beifall erhielt und hoch gepriesen wurde, weil er Erfolg hatte, wer darf ihn da tadeln? Ich nicht. Übrigens tat er auch etwas, um die Anarchie zu zerstören, die es ihm ermöglichte, die Gesellschaft so ungestraft auszuplündern. Er stattete mich, seinen Feind, mit der mächtigen Waffe eines großen Vermögens aus. So brütet unser System, die Industrie zu entwickeln, oft selbst die Eier aus, aus denen seine Zerstörer hervorbrechen. Trägt Lady Brandon viele Spitzen?«
»Ich -- Nein, das heißt -- Wie zum Kuckuck soll ich das wissen, Trefusis? Welch eine merkwürdige Frage?«
»Dies ist die Photographie einer Häkelschule. Es war ein schmutziger, zwölf Quadratfuß großer Raum. Er war mit Ziegelsteinen gepflastert, und die Kinder durften nicht ihre Schuhe tragen, damit die Spitzen nicht schmutzig wurden. Da aber dort zwanzig Kinder -- alles Mädchen -- fünfzehn Stunden täglich arbeiteten, litten sie nicht sehr durch die Kälte. Sie waren hübsch eng zusammengepackt -- oder mögen es noch sein, was weiß ich. Sie brachten mitunter drei oder vier Schilling in der Woche ihren zärtlichen Eltern heim, denn sie hatten flinke Finger, die kleinen Geschöpfe, und arbeiteten fleißig, weil die Aufseherin sie jedesmal schlug, wenn sie aufsahen oder --«
»Trefusis,« sagte Sir Charles und entfernte sich von dem Tische, »ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich habe keine Lust, jetzt solche abscheulichen Dinge zu genießen. Sie müssen mich wirklich nicht bitten, Ihre Sammlung durchzugehen. Sie ist zweifellos interessant, aber ich kann sie nicht ertragen. Haben Sie nichts Angenehmes, um mich damit zu unterhalten?«
»Pah! Sie ekeln sich. Immerhin, Sie sind ein Neuling, und wir wollen uns das übrige aufheben, bis Sie sich daran gewöhnt haben. Die Bilder sind durchaus nicht so schrecklich. Jeder Band befaßt sich mit einem andern Lande. Dieses zum Beispiel enthält Bilder zu der modernen Zivilisation in Deutschland. Das da ist Frankreich -- das Britisch-Indien. Hier haben Sie die Vereinigten Staaten von Amerika, die Heimat der Freiheit, die Schaubühne des allgemeinen Wahlrechts, das königslose und adellose Land des Schutzzolls, des Republikanismus und des durchgeführten radikalen Programms, wo man alle schwarzen Haussklaven in Lohnsklaven verwandelt hat (grade wie die weißen Sklaven meines Vaters). Diese Befreiung der Sklaven in Amerika hat achthunderttausend Menschenleben und einen unberechenbaren Wohlstand gekostet. Sie und ich, wir sind Bettler im Vergleich mit den Großkapitalisten jenes Landes, wo die Arbeiter mit den Chinesen wie Hunde um einen Knochen kämpfen. Viele von diesen großen Männern versahen mich mit Photographien ihrer Jachten und Paläste und hatten keine Ahnung, welchen Gebrauch ich davon machen würde. Hier sind einige Porträts, die Ihre Gefühle nicht verletzen werden. Dies ist meine Mutter, eine Frau aus guter Familie, jeder Zoll eine Lady. Hier ist ein Mädchen aus Lancashire, die Tochter eines gewöhnlichen Bergarbeiters. Sie hat körperlich genau dieselben Merkmale wie meine adelige Mutter -- denselben kleinen Kopf, zarte Gesichtszüge und so fort. Sie könnten Schwestern sein. Diese beiden Männer mit den Halunkengesichtern sehen wie Zwillingsbrüder aus, nur daß der auf der rechten Seite gute Laune in seinen Gesichtszügen hat. Der gutgelaunte ist ein Schiffer auf dem Lyvernkanal, der andere gehört dem höchsten englischen Adel an. Sie zeigen, daß die Natur, selbst wenn sie Generationen lang durch Hunger und Elend verdorben ist, sich doch nicht an die Unterscheidungen kehrt, die wir zwischen den Menschen errichten. Diese Gruppe von Männern und Frauen, alle erträglich intelligent und von gedankenvollen Gesichten, sind sogenannte Feinde der Gesellschaft -- Nihilisten, Anarchisten, Anhänger der Kommune, Mitglieder der Internationale und so weiter. Diese andern armen Teufel, abgeplagt, gezwungen, skrofulös, unbeholfen, geistlos und sogar gewöhnlich -- nur hier und da ist eine halbwegs hübsche Frau darunter, sind europäische Könige, Königinnen, Großherzöge und dergleichen. Hier sind Schiffskapitäne, Verbrecher, Dichter, Männer der Wissenschaft, Pairs, Bauern, Nationalökonomen und Vertreter aller möglichen Berufe. Der Zweck der Sammlung ist, die natürliche Ungleichartigkeit der Menschen zu zeigen und das Verfehlte einer künstlichen Ungleichartigkeit zu beweisen.«
»Es scheint mir eine Art höllischer Sammlung zu sein, um die Ansichten der Leute zu verwirren,« sagte Erskine. »Sie sollten es eine Paradoxenmappe nennen.«
»In einem vernünftigen Gesellschaftszustand würden sie Paradoxe sein, aber so beweist die Zeit ihre Richtigkeit, grade wie bei Hamlets Paradox. Sie ist aber eine Sammlung von Tatsachen, und ich will ihr keinen Phantasienamen geben. Sie lieben keine Zahlen?«
»Ich liebe die Kunst.«
»Hier sind ein paar Zahlen, und es ist keine Kunst dabei. Dies ist die Bilanz eines Versuches, den ich vor Jahren machte, um die Idee der Internationalen Vereinigung der Arbeiter -- gewöhnlich unter dem Namen die Internationale bekannt -- auszuführen, der Vereinigung aller Arbeiter in der ganzen Welt, um die Interessen der Arbeit zu verteidigen. Sie sehen das Ergebnis. Ausgaben: viertausendfünfhundert Pfund. Zeichnungen von Arbeitern zweiundzwanzig Pfund, sieben Schilling und zehn und einen halben Penny. Die englischen Arbeiter zeigten ihr Verständnis für meine Bemühungen, sie freizumachen, indem sie mich anklagten, ich wollte die Vereinigung benutzen, um meine eigene Tasche zu bereichern. Sie schmähten und steinigten mich. Jetzt helfe ich ihnen nur noch, wenn sie die Neigung zeigen, sich selbst zu helfen. Ich beschäftige mich zum Teil damit, einen Plan zur Neugestaltung unserer Industrie auszuarbeiten, dann aber greife ich auch meine eigene Klasse mit Frauen und allem an, gradeso wie ich Sie angreife.«
»Ich fürchte, es hat wenig Zweck, uns anzugreifen,« sagte Sir Charles.
»Es hat viel Zweck,« entgegnete Trefusis zuversichtlich. »Sie haben jetzt eine ganz andere Ansicht von unserer prahlerischen Kultur wie damals, als ich Ihre Mauer niederriß und diese Fanatiker der Bodenreform einlud, über ihre Spielplätze zu gehen! Sie haben in meinem Album etwas gesehen, was Sie vor einer Stunde noch nicht kannten, und Sie sind infolgedessen nicht mehr derselbe Mensch, der Sie vor einer Stunde waren. Meine Bilder haften länger in meinem Gedächtnis als Ihre gekritzelten Radierungen oder die verschwommenen Sachen, in deren Grau Sie sich einbilden, zarte Harmonien zu sehen. Erskines nächstes Drama mag wieder die Freiheit zum Vorbild nehmen, aber seine patriotischen Märtyrer werden dann etwas Besseres zu tun haben, als ein unsinniges Geschwätz gegen Puppenkönige zu richten, die in ihrem ganzen Leben im geheimen nicht so viele feige Gemeinheit, Habgier, Grausamkeit und Tyrannei geplant haben, als es bei jeder Halbjahrsversammlung von einem Dividenden verschluckenden Gewürm offen beschlossen wird, deren armselige Lohnsklaven sich sechszehn von den vierundzwanzig Stunden abschinden müssen.«
»Und was soll das Ende von dem allen sein?« fragte Sir Charles etwas verwirrt.
»Sozialismus oder Zerstörung. Sozialismus, wenn der Kampf schließlich die Fähigkeit entwickelt, die Aufgaben der Gesellschaft zu ordnen; denn die Gesellschaft ist zu übervölkert und zu kompliziert, um noch länger nach dem alten Zufallssystem des Privateigentums geleitet zu werden. Wenn wir nicht unsere Gesellschaft sozialistisch neuordnen -- vom menschlichen Standpunkt aus ein sehr erhabenes und prächtiges Unternehmen, volkswirtschaftlich ein sehr einfaches und gesundes -- dann wird der Freihandel durch sich selbst England zugrunde richten, und ich will Ihnen genau sagen, auf welche Weise. Als mein Vater sein Vermögen erwarb, hatten wir einen Vorsprung vor allen andern Völkern durch die Entwicklung unserer Industrie und den Reichtum an Eisen und Kohle. Andere Völker kauften unsere Erzeugnisse billiger, als wenn sie sie selbst hervorgebracht hätten, und doch noch so hoch über unserm Herstellungspreis, daß der Verdienst unsere Kapitalisten wie eine Meeresflut überfiel. Als die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften ihren Anteil an dem Segen in Form von Lohnerhöhungen verlangten, war es billiger, ihnen das wenige, was sie zu verlangen wagten, zu bewilligen, als den Goldstrom zum Stillstand zu bringen und sie zu bekämpfen und sie zu zerschmettern. Aber jetzt haben unsere Kunden in ihren eigenen Ländern unsere industriellen Methoden nachgeahmt und verbessert, und sie haben Plätze entdeckt, an denen man Kohle und Eisen noch billiger haben kann als heute in England. Sie produzieren für sich selbst, oder kaufen das, was sie früher bei uns gekauft haben, anderswo. Unser Verdienst verschwindet, unsere Maschinen stehen still, unsere Arbeiter liegen auf der Straße. Heute macht es sich bezahlt, die Fabriken zu schließen und die Gewerkschaften zu bekämpfen und zu zerstören, wenn die Männer nicht etwa für eine Lohnerhöhung, sondern gegen eine Lohnherabsetzung streiken. Jetzt, da diese Gewerkschaften geschlagen werden und hilflos in dem Maße, in dem die Zahl der Arbeitslosen in ihren Reihen zunimmt, dem Bankrott entgegengehen, jetzt werden sie von unserer Klasse gehätschelt und gepriesen -- ein unfehlbares Zeichen, daß sie in ihrer Aufgabe, uns zu vernichten, keine weiteren Fortschritte machen. Die kleinen Kapitalisten hat die Ebbe auf den Strand gesetzt, die großen folgen der Strömung des Wassers und bauen ihre Werke da, wo Dampfkraft, Wasserkraft, Arbeitskraft und Güterbeförderung billiger sind als in England, das früher in diesen Dingen am billigsten war. Die Arbeiter werden mit den Fabriken auswandern, aber sie werden sich immer noch stärker vermehren, als sie auswandern, und man wird ihnen vorwerfen, daß sie durch ihre maßlosen Lohnansprüche das Kapital ins Ausland trieben. Und das wird so weiter gehen, solange noch ein Chinese oder Indier unbeschäftigt ist und sie unterbietet. Wenn die englischen Fabriken geschlossen sind, werden sie durch Villen ersetzt werden. Die Industriegegenden werden sich in elegante Aufenthaltsorte für Kapitalisten verwandeln, die von den Erträgnissen ihrer ausländischen Anlagen leben. Die Bauerngüter und Viehwirtschaften werden zerstört und in Jagdgründe verwandelt. Alle Dinge, die irgendwie an andern Orten hergestellt werden können als dort, wo sie gebraucht werden, kommen von auswärts. Sie sind eine Bezahlung für die Benutzung der Jagdgründe durch ausländische Jagdliebhaber oder für die Dividenden der in England lebenden Kapitalisten. Aber da diese Kapitalisten ihre Unternehmungen im Auslande haben, so wird die Einfuhr nicht durch eine Ausfuhr bezahlt, denn für Mieten und Zinsen wird überhaupt kein Gegenwert gegeben. Diese Tatsache wollen die Freihandelsmänner nicht einsehen oder wenigstens nicht eingestehen, obgleich sie der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis ihrer Gegner ist. Man wird stürmisch nach Zollschutz verlangen. Aber keiner will zu einem nachweislich unvernünftigen Mittel seine Zuflucht nehmen, das zuerst die Preise erhöht und dann erst die Löhne, und das nirgendwo den Arbeiter geholfen hat. Es wird nur noch solche Beschäftigung geben, die an Ort und Stelle getan werden muß, wie das Auspacken und Verteilen der Einfuhr, das Bedienen der Eigentümer als Haussklaven, das Theaterspielen, Predigen, Straßenpflastern, Laternenanzünden und so weiter. Und auch in diesen Berufen werden immer weniger Leute beschäftigt werden, da die Kapitalisten zu der Erkenntnis kommen, daß der übertriebene Prunk nicht vornehm ist, und ein einfacheres Leben genießen werden. Ein ungeheueres Proletariat, das sich zuerst aus den früheren Arbeitern in der Exportindustrie entwickelt hat, wird mit seiner Nachkommenschaft dauernd ohne Beschäftigung sein. Sie werden ihren Anteil an dem Land und an den Maschinen verlangen, um für sich selbst zu produzieren, und man wird sie zurückweisen. Dann zerschlagen sie ein paar Fensterscheiben und werden zerstreut. Ihre Führer bekommen eine Warnung. Sie stecken einige Häuser in Brand, ermorden einen oder zwei Polizisten, und jetzt wird an denen, die man verwarnt hat, ein Exempel statuiert. Sie machen einen Aufstand, werden mit Maschinengewehren niedergeschossen -- aus dem Lande verjagt und irgendwie und irgendwo vernichtet. Denn die besitzenden Klassen denken gar nicht daran und sehen auch keine Möglichkeit, anders den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter nachzukommen. Sie selbst, Sie haben nur zu leicht fünfzig Pfund für Jansenius' Auswanderungsfonds gegeben, aber Sie würden Polizei, Militär und die Aufstandsgesetze anrufen, wenn die Leute nach Brandon Beeches kämen und Sie aufforderten, auszuziehen und mit den andern für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Nun, wenn das überflüssige Proletariat vernichtet ist, dann bleibt eine Bevölkerung von Kapitalisten übrig, die von einer unverdienten Einfuhr lebt und von einem unzufriedenen Gefolge bedient wird. Eines Tages wird die unverdiente Einfuhr aufhören, vielleicht weil draußen Revolutionen oder Staatsbankrotte ausgebrochen sind, weil der Zinsfuß fällt, weil Regierungen die Unternehmungen für lumpige Summen übernehmen, die man dann anderweitig nicht wieder anlegen kann, oder aus sonstigen Gründen. Unsere Kapitalistengemeinschaft ist dann auf den Rest der letzten Dividende angewiesen, die sie längst verzehrt hat, ehe sie die zerstörten Maschinen wiederhergestellt hat, um sich durch eigene Arbeit am Leben zu erhalten. Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Brombeeren, Pilze und Kannibalismus schieben dann das Ende hinaus, bis --«
»Hah! ha! ha!« rief Sir Charles laut. »Bei meiner Ehre, Trefusis, ich dachte anfangs, Sie redeten ernst. Aber jetzt gestehen Sie nur, Sie alter Bursche, es war alles Spaß von Ihnen. Ich hatte Sie halb im Verdacht, Sie seien etwas verdreht.« Und er blinzelte Erskine zu.
»Was ich jetzt beschrieben habe, ist das unausbleibliche Ende unserer heutigen Freihandelspolitik ohne Sozialismus. Die Theorie des Freihandels ist nur auf ein Austauschsystem anwendbar, nicht auf eins der Ausbeutung. Wir haben ein Ausbeutungssystem, und wenn wir es nicht verlassen, müssen wir entweder zum Zollschutz zurückkehren oder auf die Art, die ich soeben dargelegt habe, zugrunde gehen. Nun würde der Cobden Klub, ehe er die Anhänger des Schutzzolls triumphieren ließe, lieber selbst unter das Volk gehen und den Arbeitern zeigen, daß Schutzzoll die englischen Besitzer zwingt, Sklaven zu beschäftigen, die in England wohnen, und die daher wahrscheinlich -- wenn auch nicht notwendigerweise -- Engländer sein müssen. Das würde schließlich dem Volke die Augen darüber öffnen, daß es gar nicht im Besitze Englands ist. Wenn sie das erst begriffen haben, werden sie es bald zu ihrem Eigentum machen, und wenn erst England der Gemeinbesitz seiner Bewohner ist, dann wird England sozialistisch. Die künstliche Ungleichheit wird vor der wirklichen Vertragsfreiheit verschwinden. Ein freier Wettbewerb, ein ungehindertes Nacheifern werden uns vorwärtsbringen, und der Freihandel wird endlich seine Versprechungen erfüllen.«
»Und die Faulenzer und Bummler,« fragte Erskine. »Was wird aus denen?«
»Sie und ich natürlich,« sagte Trefusis, »wir werden wohl verhungern müssen, wenn wir es nicht vorziehen, zu arbeiten, oder wenn man uns nicht mit Rücksicht auf unsere schlechte Erziehung unterstützt.«
»Glauben Sie, man wird uns ausplündern?« fragte Sir Charles.
»Ich glaube, man wird uns daran hindern, die andern weiter auszuplündern. Wenn die Arbeiter Bedenken tragen, uns bis aufs Hemd auszuziehen oder uns die Kehlen abzuschneiden, falls wir den geringsten Widerstand leisten, dann zeigen sie uns mehr Erbarmen, als wir ihnen je gezeigt haben. Denken Sie daran, was wir getan haben, um unsere Zinsen aus Irland und Schottland zu holen und unsere Dividenden aus Ägypten, falls Sie meine Photographien und ihre Belehrung über unsere heimische Grausamkeit vergessen haben. Ermorden wir nicht die große Masse dieser armen Arbeiter durch Überarbeit und Bedrückung? Ihre durchschnittliche Lebenszeit ist nicht halb so lang wie unsere, obgleich die menschliche Natur in uns dieselbe ist wie in ihnen. Wenn wir ihrem Ansturm widerstehen, wenn es uns gelingt, die Ordnung wiederherzustellen, wie wir das nennen, dann werden wir sie erbarmungslos für ihre Unbotmäßigkeit bestrafen, grade wie wir es 1871 in Paris taten, wo wir ihnen übrigens auch lehrten, wie töricht es ist, seinen Feinden Pardon zu geben. Wenn sie uns überwinden, dann werden wir unsere Schläge bekommen, und es geschieht uns ganz recht. Da ist es doch viel besser, schon jetzt vernünftig zu sein und Blutvergießen zu vermeiden. Nicht wahr, Erskine?«
Erskine überlegte grade, welche Antwort er geben sollte, als ihn Trefusis aus der Fassung brachte, indem er klingelte. Gleich darauf erschien eine ältliche Frau, die einen länglichen Tisch vor sich herschob, der wie ein Handwagen auf Rädern ging.