Part 2
Ich fürchte, ich kann Dir für meinen Schritt keine genügenden und verständlichen Gründe angeben. Du bist ein schönes und kostbares Geschöpf, das Leben gibt Dir nur dann volle Befriedigung, wenn es ein Karneval der Liebe ist. Mein Fall liegt grade umgekehrt. Bevor mir drei zärtliche Worte entschlüpft sind, mache ich mir schon Vorwürfe wegen meiner Torheit und Unaufrichtigkeit. Bevor eine Liebkosung erkalten kann, regt sich schon in mir in stärkster Weise das entgegengesetzte Gefühl. Ich muß wieder zu meinem alten, einsam strengen Einsiedlerleben zurückkehren, zu meinen trocknen Büchern, meiner Agitation für den Sozialismus, meinen Entdeckungsreisen durch die Wildnis des Gedankens. Ich heiratete Dich in dem unsinnigen Glauben, ich hätte auch jene natürliche Zuneigung, die andere Männer eine lebenslange Ehe ertragen läßt. Aber ich habe meinen Irrtum eingesehen. Du bist für mich die lieblichste Frau von der Welt. Nun habe ich fünf Wochen lang mit der lieblichsten Frau von der Welt zusammengelebt, ich habe mit ihr geplaudert und gescherzt, und das Ende ist, daß ich von ihr fliehe und in eine Einsiedelei gehe, bis ich sterbe. Die Liebe kann mich nicht beherrschen. Alles, was stark ist in mir, lehnt sich gegen sie auf und schüttelt sie ab. Vergib mir, daß ich Dir Unsinn schreibe, den Du nicht verstehst, und urteile nicht zu hart über mich. Ich war gegen Dich so gut, wie ich es mit meinem selbstsüchtigen Wesen sein konnte. Suche mich nicht aus meiner Verborgenheit aufzustören, in der ich bleiben will und bleiben muß. Mein Anwalt wird Deinem Vater schreiben und alle geschäftlichen Angelegenheiten in Ordnung bringen. Du sollst so glücklich sein, wie Wohlstand und Freiheit Dich machen können. Wir werden uns wiedersehen -- später einmal.
Leb wohl, meine letzte Liebe.
Sidney Trefusis.
»Nun?« fragte Mrs. Trefusis, die durch ihre Trauen bemerkte, daß ihre Mutter den Brief gelesen hatte und voll Verwirrung nachdachte.
»Wahrhaftig!« sagte Mrs. Jansenius mit erregter Stimme. »Glaubst du, daß er ganz richtig im Kopf ist, Henrietta? Oder hast du zuviel Aufmerksamkeit von ihm verlangt. Die Männer widmen nicht gerne ihr ganzes Wesen ihren Frauen, selbst in den Flitterwochen nicht.«
»Er sagte, er sei nur in meiner Nähe glücklich,« schluchzte Henrietta. »Noch nie hat es so etwas Grausames gegeben. Ich habe oft selbst nach einer Veränderung verlangt, aber ich fürchtete, seine Gefühle zu verletzen, wenn ich es sagte. Und jetzt hat er gar keine Gefühle. Aber er _muß_ zu mir zurückkommen. Nicht wahr, Mama?«
»Natürlich müßte er. Hoffentlich ist er nicht mit einer andern davongelaufen?«
Henrietta sprang auf, und ihre Wangen wurden rot. »Wenn ich das dächte, ich würde ihn bis an das Ende der Welt verfolgen und sie ermorden. Aber nein, er ist nicht wie die andern. Er haßt mich. Alle hassen sie mich. Du machst dir auch nichts daraus, ob ich verlassen bin oder nicht, und Papa nicht und niemand hier im Hause.«
Mrs. Jansenius blieb noch immer gleichgültig bei der Aufregung ihrer Tochter. Sie überlegte einen Augenblick und sagte dann friedlich:
»Du kannst nichts tun, bis wir Nachricht von dem Anwalt bekommen. Inzwischen kannst du hier bei uns wohnen, wenn du es willst. Ich habe nicht erwartet, daß du mich sobald besuchen würdest, aber dein Zimmer ist, seit du fortgegangen, noch nicht benutzt worden.«
Mrs. Trefusis hörte auf zu weinen. Diese erste Andeutung, daß ihres Vaters Haus nicht mehr das ihrige sei, kühlte sie ab. Ein wirkliches Gefühl von Verlassenheit kam über sie. Unter seinem kalten Einfluß gewann sie ihre Fassung wieder, und ihr Stolz legte sich wie eine Schranke zwischen sie und ihre Mutter.
»Ich will nicht lange hierbleiben,« sagte sie. »Wenn sein Anwalt mir nicht sagen will, wo er ist, werde ich ganz England nach ihm durchstöbern. Es tut mir leid, daß ich euch hier Störung mache.«
»Oh, du wirst uns keine größere Störung machen, als du es immer getan hast,« sagte Mrs. Jansenius ruhig und war befriedigt, weil ihre Tochter den Wink verstanden hatte. »Du gehst jetzt am besten hinauf und wäschst dein Gesicht. Es kann Besuch kommen, und du willst doch die Leute nicht in dem Zustand empfangen. Wenn du Arthur auf der Treppe siehst, sag ihm, bitte, er solle hereinkommen.«
Henrietta verzog boshaft ihre Lippen und verließ das Zimmer. Dann kam Arthur herein und stellte sich in mürrischem Schweigen an das Fenster, indem er darüber brütete, warum er wohl vorhin aus dem Zimmer verjagt war. Plötzlich rief er: »Da kommt Papa, und es ist noch nicht fünf Uhr!«, worauf ihn seine Mutter zum zweiten Male hinausschickte.
Mr. Jansenius war ein Mann von würdigem Aussehen. Er war noch keine fünfzig Jahre alt, aber auch nicht weit davon ab. Er bewegte sich mit abgemessener Ruhe und machte ein Gesicht, als ob hinter seinen wulstigen Brauen kostbare Gedanken verborgen lägen. Seine schöne Adlernase und die scharfen, dunklen Augen verrieten seine jüdische Abstammung, deren er sich übrigens schämte. Die Leute, die das nicht wußten, glaubten natürlich, er sei stolz darauf, und begriffen nicht, warum er seine Kinder als Christen erziehen ließ. Er war wohlerfahren in Geschäftsangelegenheiten und hatte außer seiner Liebe zur Familie, seinem Streben nach Ansehen, Behaglichkeit und Wohlhabenheit keine Leidenschaften. So hatte er nicht nur das ererbte väterliche Vermögen bewahrt, sondern es auch beträchtlich vergrößert. Er war Bankier und stand auf dem Standpunkt, die unendlichen Ersparnisse, die das Banksystem mit sich führt, soviel wie möglich aufzufangen und in seine Tasche zu stecken und im übrigen die Welt grade so hart arbeiten zu lassen, wie sie es tat, bevor das Banksystem eingeführt war. Da aber die Welt unter solcher Bedingung überhaupt nicht zur Bank gegangen wäre, so gab er ihr, um sie anzulocken, ein wenig von diesen Ersparnissen ab. So hatten die Leute ihren kleinen Vorteil und er seine Genugtuung, daß er zugleich ein wohlhabender Staatsbürger und ein öffentlicher Wohltäter war, schwer an Geld und leicht im Gewissen.
Er trat schnell in das Zimmer, und seine Frau sah, daß ihn etwas erregt hatte.
»Weißt du, was geschehen ist, Ruth?« fragte er.
»Ja, sie ist oben.«
Mr. Jansenius starrte sie an. »Was, sie ist schon fortgegangen?« fragte er. »Welche Veranlassung hat sie, hierher zu kommen?«
»Das ist doch ganz natürlich. Wo sollte sie sonst hingehen?«
Mr. Jansenius, der nie seiner eigenen Ansicht traute, wenn sie von der seiner Frau abwich, entgegnete langsam: »Warum ging sie nicht zu ihrer Mutter?«
Mrs. Jansenius war diesmal daran, erstaunt zu werden. Sie sah ihn mit kühler Verwunderung an und bemerkte: »Ich bin doch ihre Mutter, oder nicht?«
»Ich wußte das nicht. Ich bin erstaunt, es zu hören, Ruth. Hast du auch einen Brief bekommen?«
»Ich habe den Brief gelesen. Aber was wolltest du damit sagen, du wüßtest nicht, daß ich Henriettas Mutter sei? Du willst wohl Witze machen?«
»Henrietta! Ist _sie_ hier? Ist das _noch_ ein Ärger?«
»Ich weiß es nicht. Wovon sprichst du eigentlich?«
»Ich spreche von Agatha Wylie.«
»Oh, und ich sprach von Henrietta.«
»Was ist denn mit Henrietta los?«
»Was ist mit Agatha Wylie los?«
Jetzt geriet Mr. Jansenius in Zorn, und sie hielt es für das beste, ihm Henriettas Bericht mitzuteilen. Als sie ihm Trefusis Brief gab, sagte er etwas ruhiger: »Ein Unglück kommt nie allein. Lies das,« und gab ihr einen andern Brief, so daß sie beide zu gleicher Zeit zu lesen begannen.
Mrs. Jansenius las folgendes:
An Mrs. Wylie, Acacia Lodge, Chiswick.
Alton College, Lyvern.
Sehr geehrte, gnädige Frau,
zu meinem großen Bedauern muß ich Sie bitten, sofort Miß Wylie von Alton College zurückzuholen. In einem Institut wie dem meinigen, in dem die Schülerinnen so wenig wie möglich in ihrer Freiheit beschränkt sind, ist es notwendig, daß alle sich ohne Klagen und Widerstreben den wenigen unentbehrlichen Vorschriften fügen. Miß Wylie hat sich diesen Bedingungen nicht unterworfen. Sie erklärt, daß sie fortgehen will, und maßt sich ein Benehmen gegen mich und meine Kolleginnen an, das wir in Rücksicht auf uns selbst und auf ihre Mitschülerinnen nicht so hinnehmen können. Sollte Miß Wylie irgendeinen Grund haben, sich über ihre Behandlung oder über den Schritt, zu dem sie uns gezwungen hat, zu beklagen, so wird sie Ihnen das sicher mitteilen.
Vielleicht sind Sie so freundlich und setzen sich mit Miß Wylies Vormund, Mr. Jansenius, ins Einvernehmen. Ich werde dann mit ihm ein Abkommen treffen, da Sie ja das Schulgeld für das laufende Jahr schon bezahlt haben.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Maria Wilson.
»Das ist ja eine hübsche, junge Dame!« sagte Mrs. Jansenius.
»Das verstehe ich nicht,« sagte Mr. Jansenius, der einen roten Kopf bekommen hatte, als er den Brief seines Schwiegersohnes las. »Ich kann das nicht fassen. Was bedeutet das, Ruth?«
»Ich weiß es auch nicht. Sidney ist wahrscheinlich verrückt, die Flitterwochen haben die Krankheit zum Ausbruch gebracht. Aber du darfst nicht dulden, daß er mir Henrietta wieder auf den Hals lädt.«
»Verrückt! Glaubt er vielleicht, er könnte sich seinen Pflichten gegen seine Frau entziehen, weil sie meine Tochter ist? Glaubt er, weil sein Großvater von mütterlicher Seite ein Baron war, er könnte Henrietta an die Seite werfen, sobald er ihrer Gesellschaft überdrüssig geworden ist?«
»Oh, das ist es nicht. An uns hat er gar nicht gedacht.«
»Aber ich werde dafür sorgen, daß er an uns denkt,« schrie Mr. Jansenius mit lauter, aufgeregter Stimme. »Er soll mir Genugtuung geben.«
Grade jetzt trat Henrietta wieder ins Zimmer und sah ihren Vater wütend auf und ab gehen und mehrmals wiederholen: »Er soll mir Genugtuung dafür geben.«
Mrs. Jansenius winkte ihrer Tochter, daß sie ruhig bleiben sollte, und sagte begütigend: »Rege dich nicht auf, John.«
»Aber ich will mich aufregen. Verdammter Hund! Verfluchter Schurke!«
»Das ist er nicht!« schluchzte Henrietta, indem sie sich hinsetzte und nach ihrem Taschentuch griff.
»Laß das nun endlich sein!« sagte Mrs. Jansenius scharf. »Du hast genug geweint, ich will nichts mehr davon hören.«
Henrietta sprang leidenschaftlich auf. »Ich sage und tue, was ich will,« schrie sie. »Ich bin eine verheiratete Frau und lasse mir nichts befehlen. Und ich will meinen Mann wieder haben, und wenn er sich wer weiß wo versteckt. Papa, kannst du ihn nicht veranlassen, zurückzukehren? Ich sterbe sonst. Versprich mir, daß du ihn zurückbringst.«
Dann warf sie sich ihrem Vater an die Brust und verhinderte jede weitere Auseinandersetzung, indem sie in einen Weinkrampf verfiel und das Haus durch ihr Geschrei in Aufruhr brachte.
Drittes Kapitel.
Eine der Lehrerinnen in Alton College war eine Mrs. Miller, eine altmodische Schulmeisterin, die nicht an Miß Wilsons System, die Mädchen durch moralische Überredung zu erziehen, glaubte und sich nur unter Protest danach richtete. Sie war zwar nicht bösartig, aber doch engherzig genug, um manchmal kleinlich zu handeln, und sie hatte alle Welt im Verdacht, sie gering zu schätzen. Besonders glaubte sie das von Agatha und behandelte sie, wenn sie mit ihr zu tun hatte, was glücklicherweise selten war, mit verächtlicher Höflichkeit. Agatha fühlte sich dadurch nicht verletzt, denn Mrs. Miller war eine unsympathische Frau, die unter den Mädchen wenig Freundinnen hatte und alle ihre Herzensgefühle auf einen großen Kater namens Gracchus übertrug, den man meistens Bacchus nannte, indem man die harten Anfangsbuchstaben milderte.
Eines Nachmittags saß Mrs. Miller mit Miß Wilson im Arbeitszimmer und korrigierte einige Prüfungsarbeiten. Plötzlich hörte sie einen entfernten Schrei, der wie das Klagen einer Katze klang. Sie eilte an die Türe und lauschte. Gleich darauf erhob sich ein langgezogener Klagelaut, der durch zwei Oktaven hinaufging und dann langsam wieder abnahm. Es war wirklich das Schreien einer Katze, obgleich sie nicht bestimmen konnte, woher es kam. Aber jetzt folgte ein Kreischen und Fauchen, ein wütendes Spucken und Raufen, das ohne Zweifel aus einem Zimmer im unteren Stockwerk herausdrang, in welchem die älteren Mädchen zu studieren pflegten.
»Mein armer Gracchus!« rief Mrs. Miller und lief so schnell die Treppe hinunter, wie sie konnte. Sie fand das Zimmer ungewöhnlich still. Jedes Mädchen war in das Lernen vertieft, nur Miß Carpenter, die so tat, als ob sie ein hingefallenes Buch aufhebe, saß da keuchend vor unterdrücktem Lachen, und alles Blut war ihr durch das Bücken in den Kopf gestiegen.
»Wo ist Miß Ward?« fragte Mrs. Miller.
»Miß Ward holt einige astronomische Zeichnungen, die wir brauchen,« sagte Agatha mit ernstem Blick. Grade jetzt kam Miß Ward mit den Zeichnungen in der Hand zurück.
»Ist dieser Kater hier gewesen?« fragte sie, ohne Mrs. Miller zu bemerken, und in ihrem Ton lag ein starker Widerwillen gegen Gracchus.
Agatha fuhr auf und zog ihre Füße an sich, als fürchtete sie gebissen zu werden. Sie schaute aufmerksam unter das Pult und sagte dann: »Es ist kein Kater hier, Miß Ward.«
»Er muß aber irgendwo stecken, ich habe ihn gehört,« sagte Miß Ward gleichgültig, indem sie ihre Zeichnungen aufrollte und sie ohne weiteres zu erklären begann.
Mrs. Miller, die um ihren Liebling besorgt war, beeilte sich, ihn anderswo zu suchen. Im Flur traf sie eins von den Hausmädchen.
»Susanna,« sagte sie, »haben Sie Gracchus gesehen?«
»Er schläft vor dem Kamin in Ihrem Zimmer, Madame.«
»Aber ich hörte ihn doch vorhin hier unten schreien. Es ist sicher eine andere Katze eingedrungen, und sie haben sich gebissen.«
Susanna lächelte mitleidig. »Aber, Madame,« sagte sie, »das war doch Miß Wylie. Sie spielt nur Theater. Sie macht die Biene an der Fensterscheibe, den Soldat im Kamin, die Katze unter dem Küchentisch. Alles ist so natürlich wie in der Wirklichkeit.«
»Den Soldat im Kamin!« wiederholte Mrs. Miller entsetzt.
»Ja, Madame. Wie ein Liebhaber, der sich im Kamin verbirgt, weil er die Hausfrau kommen hört.«
Mrs. Millers Gesicht bekam einen entschlossenen Zug. Sie kehrte in das Arbeitszimmer zurück und berichtete, was grade geschehen war. Dabei machte sie einige spöttische Bemerkungen darüber, wie großartig die moralische Überredung die Disziplin in der Anstalt fördere. Miß Wilson machte ein ernstes Gesicht, überlegte eine Zeitlang und sagte schließlich: »Ich muß darüber nachdenken. Wollen Sie für den Augenblick die Sache in meine Hände legen?«
Mrs. Miller antwortete, es sei ihr gleichgültig, in wessen Händen sie bliebe, vorausgesetzt, daß sie selbst damit nicht mehr behelligt würde, und nahm ihre Korrekturarbeit wieder auf. Miß Wilson, die allein sein wollte, ging in das leere Klassenzimmer auf der andern Seite des Flurs. Sie nahm das Sündenbuch von dem Gestell und legte es vor sich hin. Seine Bekenntnisse schlossen mit einem Absatz in Agathas Handschrift.
»Miß Wilson nannte mich unverschämt und schrieb meinem Onkel, ich gehorchte nicht den Vorschriften. Aber ich war nicht unverschämt, und ich habe mich niemals geweigert, den Vorschriften zu gehorchen. Das nennt man moralische Überredung!«
Miß Wilson erhob sich zornig und rief: »Sie soll erfahren, ob --« Sie stockte plötzlich und sah sich schnell um. Es überkam sie die schreckliche Idee, Agatha könnte sich unbemerkt in das Zimmer eingeschlichen haben. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sie allein war, prüfte sie ihr Gewissen, ob sie nicht doch Unrecht getan hätte, als sie Agatha unverschämt nannte, und kam zu dem beruhigenden Beschluß, Agatha sei in der Tat unverschämt gewesen. Aber sie erinnerte sich auch, daß sie vor kurzem Jane Carpenter, die eine Mitschülerin eine Lügnerin genannt hatte, es nicht gestattet hatte, sich auf gleiche Weise zu rechtfertigen. War sie nun damals ungerecht gegen Jane gewesen oder jetzt rücksichtslos gegen Agatha?
Ihre Kasuistik wurde durch jemand unterbrochen, der leise eine Stelle aus der Ouvertüre des >Masaniello< pfiff, die in dem Pensionat beliebt war, weil man sie auf sechs Klavieren zwölfhändig spielen konnte. Nun gab es nur eine Schülerin, die unweiblich und musikalisch genug war, zu pfeifen, und Miß Wilson schämte sich, weil sie bei der Aussicht, mit Agatha zusammenzutreffen, nervös wurde. Agatha kam in trüber Stimmung und noch immer pfeifend herein. Als sie sah, in wessen Gegenwart sie sich befand, bat sie höflich um Verzeihung und wollte sich gerade wieder entfernen, als Miß Wilson, indem sie alle ihre Autorität und Sicherheit zusammennahm und hoffte, sie würde ihre anfängliche Verlegenheit schon überwinden, sagte:
»Agatha, kommen Sie einmal her. Ich möchte mit Ihnen sprechen.«
Agatha preßte ihre Lippen zusammen, atmete tief durch die Nasenflügel ein und trat bis auf einen Schritt an Miß Wilson heran, wo sie mit gefalteten Händen stehen blieb.
»Setzen Sie sich.«
Agatha setzte sich mit einer einzigen Bewegung hin, wie eine Puppe.
»Ich verstehe das nicht, Agatha,« sagte sie, indem sie auf die Eintragung im Sündenbuch hinwies. »Was meinen Sie damit?«
»Ich werde ungerecht behandelt,« sagte Agatha mit Anzeichen beginnender Erregung.
»In welcher Weise?«
»In _jeder_ Weise. Man erwartet von mir, daß ich etwas mehr bin als andere Sterbliche. Jeder darf sich beklagen und schwach und töricht sein. Aber ich soll keine Gefühle haben. Ich muß immer in richtiger Verfassung sein. Alle andern können Heimweh haben, zornig werden oder niedergeschlagen sein. Ich darf keine Nerven haben und muß die andern den ganzen Tag am Lachen halten. Alle dürfen mürrisch werden, wenn man ein Wort des Vorwurfs an sie richtet, so daß die Lehrerinnen Angst haben, sie zu tadeln. Ich muß die Beschimpfung meiner Lehrerinnen ertragen, obgleich sie weniger Selbstbeherrschung haben als ich, ein Mädchen von siebzehn Jahren, und ich muß ihnen schmeicheln, bis ihre schlechte Laune, in die sie sich selbst gebracht haben, verschwunden ist.«
»Aber, Agatha --«
»Oh, ich weiß, ich rede Unsinn, Miß Wilson, aber können Sie von mir erwarten, daß ich immer vernünftig -- daß ich unfehlbar bin?«
»Ja, Agatha, ich glaube, es ist nicht zu viel von Ihnen verlangt, immer vernünftig zu sein und --«
»Dann haben Sie selbst weder Vernunft noch Gefühl,« sagte Agatha.
Es entstand eine peinliche Pause. Sie wußten beide nicht, wie lange sie dauerte. Agatha fühlte, sie müßte etwas Verzweifeltes tun oder sagen, oder sie müßte fliehen. Sie machte eine verstörte Bewegung und rannte aus dem Zimmer.
Sie traf ihre Kolleginnen in dem großen Saal des Hauses, in dem sie sich nach ihren Schulstunden zur >Erholung< versammelten. Diese Erholung war ein sehr geräuschvoller Vorgang, der stets sofort begann, wenn die Lehrerinnen gegangen waren. Agatha saß gewöhnlich mit ihren zwei besten Freundinnen auf einer hohen Fensterbank nahe am Herd. Diesen Platz hatte jetzt ein kleines Mädchen mit flachsgelbem Haar eingenommen, aber Agatha packte sie, ohne an das Prinzip der moralischen Überredung zu denken, bei den Schultern und setzte sie auf den Boden. Dann nahm sie ihren Platz ein und sagte:
»Kinder, ich weiß etwas _ganz_ Neues!«
Miß Carpenter riß begierig ihre Augen auf. Gertrude Lindsay stellte sich gleichgültig.
»Jemand wird fortgejagt,« sagte Agatha.
»Fortgejagt! Wer?«
»Du wirst es bald genug erfahren, Jane,« entgegnete Agatha und wurde plötzlich ernst. »Es ist jemand, der eine unverschämte Eintragung in das Sündenbuch gemacht hat.«
Jane bekam plötzlich Angst, und sie wurde ganz rot. »Agatha,« sagte sie, »Du hast mir gesagt, was ich schreiben sollte. Du weißt das und kannst es nicht leugnen.«
»Ich kann das nicht leugnen? Ich bin bereit, es zu _beschwören_, daß ich dir nie in meinem Leben ein Wort diktiert habe.«
»Gertrude weiß, daß du es getan hast,« sagte Jane erbleichend und fast in Tränen.
»Ach, das Kind,« sagte Agatha und streichelte sie, als ob sie ein Riesenbaby wäre. »Nein, es wird nicht weggejagt werden. Hat schon jemand in den letzten Tagen das Sündenbuch gesehen?«
»Seit unserer letzten Eintragung nicht mehr,« sagte Gertrude.
»Knirps,« sagte Agatha zu dem flachshaarigen Mädchen, »geh hinauf auf Numero 6, und wenn Miß Wilson nicht da ist, dann hol mir das Sündenbuch.«
Das kleine Mädchen knurrte etwas Undeutliches und rührte sich nicht.
»Knirps,« fuhr Agatha fort, »hast du schon einmal gewünscht, nie geboren zu sein?«
»Warum gehst du nicht selbst?« fragte das Kind eigensinnig, aber offenbar schon etwas in Angst.
»Denn du wirst den Wunsch haben,« fuhr Agatha fort, ohne die Frage zu beachten, »daß du tot und begraben unter den schwärzesten Fliesen im Kohlenkeller liegst, wenn du mir das Buch nicht bringst, bevor ich sechzehn zähle. Eins -- zwei --«
»Geh sofort und tu, was dir befohlen ist, du abscheuliches kleines Geschöpf,« sagte Gertrude scharf. »Wie kannst du es wagen, ungehorsam zu sein?«
»-- neun -- zehn -- elf --« fuhr Agatha fort.
Das Kind bekam Angst. Es ging hinaus und kam gleich darauf wieder, das Sündenbuch mit den Armen umspannend.
»Du bist ein liebes, prächtiges Kind, sobald man deine besseren Eigenschaften durch strenge Anwendung der moralischen Überredung zum Vorschein bringt,« sagte Agatha lustig. »Erinnere mich daran, daß ich dir morgen abend die Rosinen aus meinem Pudding aufhebe. Und jetzt, Jane, sollst du die Eintragung sehen, wegen derer das gutherzigste Mädchen aus der ganzen Schule weggejagt wird. =Voilà!=«
Die beiden Mädchen lasen es und waren entsetzt. Jane öffnete ihren Mund und schnappte nach Luft, Gertrude schloß ihre Lippen und sah sehr ernst drein.
»Du willst doch nicht sagen, du hast den schrecklichen Mut gehabt, das der Lady Abbeß zu zeigen?« fragte Jane.
»Pah, das hätte sie mir schon vergeben. Aber ihr hättet hören sollen, was ich ihr gesagt habe! Sie wurde dreimal ohnmächtig.«
»Das ist ein Märchen,« sagte Gertrude ernst.
»Was sagtest du?« fragte Agatha, indem sie schnell nach Gertrudes Knie griff.
»Nichts,« schrie Gertrude und wand sich krampfhaft. »Tu es nicht, Agatha.«
»Wie oft ist Miß Wilson in Ohnmacht gefallen?«
»Dreimal. Ich schreie, Agatha, ich schreie wirklich.«
»Dreimal, wie du sagtest. Und ich wundere mich, wie ein Mädchen, das, wie ihr, durch moralische Überredung erzogen wurde, solch eine Unwahrheit wiederholen kann. Aber wir hatten wirklich und wahrhaftig einen schrecklichen Streit. Sie verlor ihre Fassung. Glücklicherweise verliere ich die meine nie.«
»Den Teufel glaub ich das!« rief Jane zweifelnd. »Aber nur weiter.«
»Du willst aus einer alten Familie stammen und bist überaus gewöhnlich. Ich weiß nicht, was ich ihr sagte, aber die Entweihung ihres teuren Buches wird sie mir nicht vergeben. Ich werde so sicher fortgejagt, wie ich hier sitze.«
»Was, du meinst, du gehst wirklich weg?« fragte Jane und bekam Angst, als sie an die Folgen dieses Fortgehens dachte.
»Natürlich. Aber was aus dir werden soll, wenn ich dir nicht mehr bei deinen Aufgaben helfe, oder aus Gertrude, wenn ich ihr nicht mehr diese eingefleischte Vornehmtuerei austreibe, das weiß ich selber nicht.«
»Ich bin nicht vornehmtuerisch,« sagte Gertrude, »obgleich ich mich nicht mit jedem gemein mache. Aber gegen dich habe ich nie etwas eingewendet, Agatha.«
»Nein, ich würde es dir auch nicht geraten haben. Hallo, Jane!« rief sie, als diese plötzlich in Tränen ausbrach. »Was ist denn los? Hoffentlich erlaubst du dir nicht die Freiheit, meinetwegen zu weinen.«
»Ja, Agatha,« schluchzte Jane unwillig. »Ich weiß, ich mache mich durch mein Mitgefühl lächerlich. Aber du hast kein Herz.«
»Gewiß machst du dich lächerlich, indem du das bei jeder Gelegenheit zeigst,« sagte Agatha und schlang ihre Arme um Jane, ohne auf deren ärgerliches Sträuben zu achten. »Aber wenn ich wirklich etwas Herz hätte, würde ich jetzt durch diesen Beweis deiner Zuneigung gerührt sein.«
»Nie habe ich gesagt, du hättest kein Herz,« widersprach Jane. »Ich kann nur nicht leiden, wenn du wie ein Buch sprichst.«
»Du kannst nicht leiden, wenn ich wie ein Buch spreche? Meine liebe, närrische alte Jane! Ich werde dich sehr vermissen.«