Der Amateursozialist: Roman

Part 19

Chapter 193,658 wordsPublic domain

»Für mich sind Sie niemals Miß Lindsay. Das sind Sie für die, die nicht in Ihre Seele hineinblicken können, die Gertrude ist. Es gibt Tausende Miß Lindsays auf der Welt, die alle förmlich und unecht sind. Aber es gibt nur eine Gertrude.«

»Ich bin ein schutzloses Mädchen, Mr. Trefusis, und Sie können mich nennen, was Sie wollen.«

Einen Augenblick kam Erskine der Gedanke, dies sei eine gute Gelegenheit, vorzuspringen und Trefusis, dessen Gestalt er jetzt undeutlich unterscheiden konnte, ein blaues Auge zu schlagen. Aber er zauderte, und die Gelegenheit ging vorbei.

»Schutzlos!« sagte Trefusis. »Aber Sie sind doch rings umzäunt und eingeriegelt in Sitten, Vorschriften und Lügen, die die Wahrheit von den Lippen eines jeden Mannes zurückschrecken würden, dessen Glaube an Gertrude weniger stark wäre als der meine. Gehen Sie zu Sir Charles und erzählen Sie ihm, was ich zu Miß Lindsay gesagt habe. In zehn Minuten werde ich außerhalb dieses Tores sein, mit einer Warnung, mich ihm nie mehr zu nähern. Ich bin in Ihrer Gewalt, und wäre ich nur in der Gewalt von Miß Lindsay, ich hätte wenig mehr zu sagen. Glücklicherweise sieht Gertrude ein, obgleich sie es nur dunkel fühlt, daß Miß Lindsay ihre bitterste Feindin ist.«

»Das ist lächerlich. Ich bestehe nicht aus zwei Personen, ich bin nur eine. Was mache ich mir daraus, ob Ihre Verachtung für mich so grenzenlos wie die Sterne ist?«

»Ah, Sie erinnern sich dieser Worte. Wenn Sie einen Mann über die Sterne reden hören, dann können Sie sicher sein, daß er entweder ein Astronom oder ein Narr ist. Aber Sie und eine schöne Sternennacht können aus jedem Mann einen Narren machen.«

»Ich verstehe Sie nicht. Ich gebe mir alle Mühe, aber es gelingt mir nicht. Oder wenn ich Sie verstehe, dann weiß ich nicht, ob Sie ernst reden oder nicht.«

»Ich rede im vollen Ernst. Lassen Sie doch ein für allemal diese Befürchtungen fallen, ich scherzte mit Ihnen, oder ich wollte eine müßige Stunde vertändeln, wie das Männer tun, die in Gesellschaft einer schönen Frau sind. Was ich sage, meine ich wörtlich und im tiefsten Ernst. Sie zweifeln an mir, wir haben ja die Gesellschaft so weit gebracht, daß wir uns gegenseitig mißtrauen. Aber die Wahrheit erzwingt sich von denen, die imstande sind, sie zu begreifen, früher oder später doch Glauben. Jetzt darf ich wohl Miß Lindsay zur Besinnung bringen, indem ich sie daran erinnere, daß wir schon zehn Minuten hier draußen sind und daß unsere Wirtin nicht die Frau ist, die unser Fortbleiben ohne Bemerkung zuläßt.«

»Wir wollen hineingehen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnerten.«

»Ich danke Ihnen, daß Sie es vergaßen.«

Erskine hörte, wie sich ihre Fußtritte entfernten, und sah die zwei gleich darauf in den Lichtschein hineintreten, der aus der offenen Türe des Billardzimmers hervorleuchtete, durch das sie ins Haus gingen. Trefusis, ein Mann, der heute in der wunderschönen Landschaft gelegen hatte, blind für alles außer den Ziffern eines Blaubuchs, war sein erfolgreicher Nebenbuhler, obgleich man schon an dem Klang seiner Stimme hören konnte, daß er Gertrude nicht liebte -- daß er sie nicht lieben konnte. Nur ein Dichter konnte das. Trefusis war kein Dichter, sondern ein schmutziger, roher Patron, der höchstens in einer Volksversammlung Interesse erregen konnte, aber nicht bei einem Weibe, und am allerwenigsten bei einem so zarten Weibe wie Gertrude. Dabei war sie noch stolz, und doch hatte sie dem Burschen erlaubt, sie zu beschimpfen -- hatte es ihm verziehen, weil er ihr ein paar grobe Komplimente machte. Erskine wurde zornig und spöttisch. Der Vorfall beleidigte sein poetisches Gefühl. Anstatt daß sein Herz von einem tragischen Schmerz erfüllt war, wie ihn ein patriotischer Märtyrer unter ähnlichen Umständen empfunden hätte, fühlte er sich verhöhnt und verspottet. Und was ihm zuerst als ganz selbstverständlich erschienen war, daß Trefusis tief unter ihm stehe, das war ihm jetzt gar nicht mehr so sicher.

Er blieb unter den Bäumen stehen, bis Trefusis wieder erschien, um nach Hause zu gehen. Er machte dabei, wie Erskine dachte, mit seinen Absätzen auf dem Kies ein Geräusch, das ein ganzes Regiment fein erzogener Menschen nicht hervorgebracht hätte. An dem Wärterhäuschen fragte er noch etwas und ging dann hinaus, und seine Schritte erstarben in der Dunkelheit.

Erskine war steif und erfroren und hatte eine Empfindung, als ob er sich eine böse Erkältung zugezogen hätte. Als er ins Haus hineinkam, war er froh, daß sich Gertrude schon zurückgezogen hatte und daß Lady Brandon, trotzdem sie bestimmt glaubte, er sei in der Dunkelheit in den Fluß hineingefahren, doch ein warmes Abendessen für ihn bereit gehalten hatte.

Fünfzehntes Kapitel.

Erskine fand jetzt Stoff genug, seinem neu erworbenen bitteren Spott nachzuhängen. Gertrudes Benehmen gegen ihn wurde so milde, daß er glaubte, sie hätte ihr Herz seinem Nebenbuhler geschenkt und wollte ihn jetzt zu einem Antrag bewegen, um ihn zurückzuweisen. Sir Charles, dem er den Auftritt in der Allee erzählt hatte, drückte ihm sein Mitgefühl aus, aber er schien auch zugleich befriedigt zu sein, weil hinter Trefusis' Aufmerksamkeiten gegen Agatha keine ernsthaften Absichten steckten. Daraufhin schrieb Erskine drei bittere Sonette über falsche Freundschaft und zeigte sie Sir Charles, der nicht wußte, daß sie sich auf ihn bezogen, und sie sehr lobte. Sir Charles zeigte sie dann Trefusis, ohne den Autor um Erlaubnis zu bitten. Trefusis bemerkte nur, in einer verdorbenen Gesellschaft zeugten Ausdrücke des Mißvergnügens immer von dem Feingefühl eines Schriftstellers, aber sonst lobte er die Verse nicht viel.

»Wie ist er denn auf solche Sachen gekommen?« fragte er. »Hat er in der letzten Zeit irgendeine Enttäuschung erlitten? Hat er Miß Lindsay einen Antrag gemacht und eine Absage bekommen?«

»Nein,« sagte Sir Charles, erstaunt über diese offene Anspielung auf einen Gegenstand, über den sie nie vorher gesprochen hatten. »Aber er beabsichtigt auch nicht, Miß Lindsay einen Antrag zu machen.«

»Er hat aber die Absicht gehabt?«

»Gewiß wollte er das tun, aber er hat die Idee aufgegeben.«

»Warum?« fragte Trefusis und mißbilligte offenbar sehr diese Sinnesänderung.

Sir Charles zuckte mit den Schultern und gab keine Antwort.

»Es tut mir leid, daß ich das höre. Ich wollte, Sie könnten ihn bewegen, diesen Entschluß aufzugeben. Er ist ein prächtiger Mensch und kann ganz anständig leben, obgleich er nach Ihren Anschauungen ein armer Mann ist, so daß sie ihn vollständig uneigennützig heiraten kann. Es wird ganz gut für sie sein, wenn sie jemand heiratet, der ihr keinen pekuniären Vorteil bietet. Sie wird viel mehr Selbstachtung empfinden. Denn wenn sie auch aus Liebe heiratet, so wird es ihr doch nicht am Lebensunterhalt fehlen, und sie braucht ihren Mann nicht wegen seiner Abkunft zu verachten. Machen Sie eine Partie daraus, wenn Sie eben können. Ich interessiere mich für das Mädchen, es hat gute Anlagen.«

Sir Charles' Vermutung, Trefusis mache Agatha wirklich den Hof, kehrte nach dieser Unterredung zurück. Er wiederholte sie Erskine, der sich ärgerte, daß man seine Gedichte einem Leser von Blaubüchern gezeigt hatte, und im übrigen glaubte, Trefusis wollte damit nur seine Absichten auf Gertrude verbergen. Sir Charles wollte diese Ansicht nicht gelten lassen, und die beiden Freunde gerieten scharf aneinander, als sie sie besprachen. Nach dem Diner, als die Damen weggegangen waren, drängte Sir Charles nachgiebig und herzlich Erskine, er sollte mit Gertrude sprechen, ohne sich an die Aufrichtigkeit Trefusis' zu stören. Aber Erskine wußte, daß er eine Abweisung nicht ertragen konnte, und es widerstrebte ihm, sich einer solchen Gefahr auszusetzen.

»Hätten Sie den Ton ihrer Stimme gehört, als sie ihn fragte, ob er im Ernst sei, Sie würden nicht so zu mir sprechen,« sagte er mutlos. »Ich wollte, er wäre nie hierhergekommen.«

»Nun, das war wenigstens nicht meine Schuld, mein lieber Freund,« sagte Sir Charles. »Er kam gegen meinen Willen hierher. Aber jetzt, da es scheint, daß er wegen des Rasens im Recht ist -- wenigstens gesetzlich -- würde es gehässig aussehen, wenn ich ihn schnitte. Übrigens ist er wirklich kein schlechter Mann, wenn er nur die Mädchen in Ruhe ließe.«

»Wenn er mit Miß Lindsay sein Spiel treibt, werde ich ihn bitten, über den Kanal zu kommen, und mich mit ihm schießen.«

»Ich glaube nicht, daß er mitkommen würde,« sagte Sir Charles zweifelnd. »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich versuchte sofort mein Glück mit Gertrude. Trotz allem, was Sie gehört haben, glaube ich nicht, daß sie einen Mann von seiner Herkunft heiraten würde. Sein Geld gibt ihm ja gewiß einige Aussichten, aber Gertrude hat schon reicheren Männern, als er ist, den Laufpaß gegeben.«

»Ich will ehrlich gegen ihn sein,« sagte Erskine. »Ich irre mich vielleicht, denn alle Menschen können sich in ihrem Urteil über sich selbst irren, aber ich glaube doch, daß ich sie glücklicher machen könnte, als er es kann.«

Sir Charles war dessen nicht ganz gewiß, aber er entgegnete freundlich: »Gewiß. Er ist überhaupt nicht der Mann für sie, aber Sie sind es. Er weiß das auch selbst.«

»Pah!« murmelte Erskine und erhob sich verächtlich. »Wir wollen hinaufgehen.«

»Übrigens, wir müssen ihn morgen besuchen und sein Haus und die Photographien besichtigen. Die Photographien! Ha, ha!«

»Der Teufel hole sein Haus!« sagte Erskine.

Am nächsten Tage gingen sie nach Sallusts Haus. Es stand mitten auf einem Felde, das mit Ausnahme eines Küchengartens unbebaut war. Das Wärterhäuschen am Eingang war unbewohnt, und vor dem offen stehenden Tor waren Schmutz und abgefallenes Laub aufgehäuft. Zwei verlaufene Ponys, eine Ziege und ein Vagabond, der auf dem Rasen schlief, hatten so Eingang gefunden. Das Weib des Vagabonden saß in der Nähe und bewachte ihn.

»Ich möchte am liebsten wieder gehen,« sagte Sir Charles und sah sich voll Ekel um. »Der Platz ist schändlich vernachlässigt. Sehen Sie nur, wie der Lump da direkt vor den Fenstern schläft.«

»Ich bewundere seine Kühnheit,« sagte Erskine. »Übrigens ein hübsches Paar Ponys.«

Sallusts Haus war viereckig und hatte einen zimtbraunen Anstrich. Unter dem Gesims war ein gelber Fries mit Figuren von tanzenden Kindern, eine Nachahmung von Bildern Donatellos in sehr ungeschickter Ausführung. Dann war da eine armselige Säulenhalle von vier Säulen, rot angestrichen, und ein schmuckloser, gelb angestrichener Giebel. Die Farben, die zu dem Anstrich der Wände passen sollten, standen in Wirklichkeit dazu in einem schreienden Widerspruch. Sie waren von einem offenbar farbenblinden Künstler frisch erneuert worden. Die Türe unter dem Säulengang stand offen. Sir Charles klingelte, und eine ältere Frau meldete sich. Aber bevor sie die Besucher anreden konnte, erschien Trefusis in einem weißen, baumwollenen Malerkittel. Sie folgten ihm ins Haus und fanden, daß es ein leeres Viereck bildete, das einen Hof mit einem Bad in der Mitte und einem Brunnen darin einschloß. Der Hofraum, der früher unter freiem Himmel gestanden hatte, war jetzt mit einem schmutzigen Glasdach bedeckt. Die Nymphe, die einst das Wasser des Brunnens ausgegossen hatte, war beschädigt und trocken. Das Bad war zum Teil mit alten Brettern bedeckt, der freie Raum enthielt in einer Ecke einen Haufen Kohlen, in der andern einen Haufen Kartoffeln, ferner ein Bierfaß, ein paar alte Teppiche, ein Segeltuch und einen zerbrochenen Nachen. Der Marmorboden erstreckte sich bis zu den Außenwänden des Hauses und war an den Seiten durch die oberen Stockwerke überdacht, die durch gerillte, steinerne Säulen getragen wurden. Die Säulen waren alle beschmutzt und zerfallen. Trefusis führte seine Besucher zu einem breiten Treppenhaus, das an der Hinterwand des Hauses lag und durch einen Gang zu den oberen Räumen führte.

»Dieses Haus ist im Jahre 1780 von einem Vorfahren meiner Mutter erbaut worden,« sagte Trefusis. »Er galt für einen Mann von auserlesenem Geschmack. Er wollte, dieses Haus sollte für immerdar -- er gebrauchte in seinem Testament ausdrücklich dieses Wort -- als Familiensitz gelten, und er sammelte eine schöne Bibliothek, die ich gut gebrauchen konnte, denn alle die Bücher kamen in gutem Zustande in meinen Besitz, bei den meisten waren nicht einmal die Blätter beschnitten. Es gibt Leute, die grade für unaufgeschnittene Bücher von alten Ausgaben hohe Preise bezahlen. Ein Händler gab mir für einen Teil von ihnen dreihundertundfünfzig Pfund. Ich kam auch in Besitz einer Anzahl Familienfetische -- oder Erbstücke, wie man sie nennt. Da war noch ein Schwert, das einer meiner Vorfahren bei Edgehill und in andern Schlachten zur Zeit Karls des Ersten trug. Wir kämpften natürlich auf der verkehrten Seite, aber das Schwert brachte doch fünfunddreißig Schilling ein. Sie werden es kaum glauben, daß mir hundertundfünfzig Pfund für einen goldenen Becher angeboten wurden, der ungefähr fünfundzwanzig wert war, nur weil einmal die Königin Elisabeth daraus getrunken hat. Dies ist mein Arbeitszimmer, es war als Festsaal gedacht.«

Sie betraten einen Saal, der so lang war wie die Front des Hauses. An einer Seite befanden sich vier hohe Fenster. Dazwischen standen eckige Pfeiler mit den korinthischen Kapitälen, die das Gesims trugen und halb in die Wand hineingesunken waren. Ähnliche Pfeiler befanden sich auf der gegenüberliegenden Seite, aber zwischen ihnen waren anstatt der Fenster Bogennischen angebracht. In den Nischen standen lebensgroße Gipsfiguren, alle zerbrochen und unglaublich entstellt. Der Fußboden war aus schräg gestellten, schmalen Parketthölzern zusammengesetzt. Er hatte keinen Teppich und war nicht gebohnt. Die Decke war mit Fresken geschmückt, die sofort Sir Charles' Interesse erregten. Mit Unwillen entdeckte er, daß ein großer Teil der Malerei an der nördlichen Seite des Zimmers zerstört und durch ein eingesetztes Glasdach entstellt war. An andern Stellen waren Haken hineingetrieben, um die Seile eines Trapezes und anderer Stücke eines gymnastischen Apparats zu tragen. Die Wände waren geweißt, und es erschien ungefähr vier Fuß über dem Boden ein dunkler Streifen, der von Bleistiftnotizen und kleinen Zeichnungen herrührte, die auf den weißen Grund gekritzelt waren. Das eine Ende des Raumes war unmöbliert, nur ein gymnastischer Apparat befand sich da, eine photographische Dunkelkammer, eine Leiter, die in der Ecke stand, und ein gewöhnlicher, billiger Tisch, der mit Ölkannen und Farbentöpfen bedeckt war. Am andern Ende des Raumes hatte man einen fast luxuriösen Anblick. Es standen da ein großer Bücherschrank, eine kunstvolle Verbindung von Sekretär und Schreibtisch, ein Gestell mit einem Gewehr, einem Satz Rapieren und einem Schirm daran. Auf einem Tisch befanden sich verschiedene Albums in Folioformat; einige bequeme Stühle und Sofas und ein dicker Teppich vervollständigten die Einrichtung. Dicht dabei und gar nicht dazu passend stand eine Tischlerbank mit dem gewöhnlichen Zubehör und eine Anzahl von Brettern verschiedener Stärke.

»Das ist eine Art Bequemlichkeit, die sich nur ein reicher Mann leisten kann,« sagte Trefusis, sich umwendend, und überraschte seine Besucher dabei, wie sie sich Blicke des Erstaunens über seinen Geschmack zuwarfen. »Ich halte mir einen Salon der gewöhnlichen Art, um Gäste zu empfangen, gegen die man konventionell sein muß, aber ich betrete ihn nur bei solchen Gelegenheiten. Wie gefällt Ihnen dieses Arbeitszimmer?«

»Wirklich, Trefusis, ich glaube, Sie sind verrückt,« sagte Sir Charles. »Das Zimmer sieht aus, als ob es eine Belagerung durchgemacht hätte. Wie haben Sie das angefangen, diese Statuen so zu zerbrechen und die Wände in einer so schrecklichen Weise zu beschädigen?«

Trefusis nahm eine Zeitung von dem Tisch und sagte:

»Hören Sie, bitte: >Trotz des ungünstigen Wetters war das Jagdergebnis des Kaisers und seiner Gäste in Steiermark ein ausgezeichnetes. In drei Tagen wurden zweiundfünfzig Gemsen und neunundsiebzig Hirsche und Rehe durch neunzehn einläufige Gewehre erlegt, da der Kaiser keine andern erlaubte.< -- Ich teile die Lust des Kaisers am Schießen, aber ich bin kein Schlächter und brauche den königlichen Geschmack am Blut für meinen Sport nicht. Und ich teile auch nicht den Geschmack meines Vorfahren an Statuen. Deshalb --« Hier öffnete Trefusis eine Schublade, zog eine Pistole heraus und feuerte nach der Hebe, die in der entferntesten Nische stand.

»Gut gemacht!« sagte Erskine kühl, als das letzte Bruchstück von Hebes Kopf unter der Berührung mit dem Geschoß in Splitter ging.

»Eine sehr nutzlose Arbeit,« sagte Trefusis. »Ich bin ein guter Schütze, aber was nützt mir das? Nichts. Ich traf einmal einen Wildhüter, einen Methodisten. Er war ein ganz ausgezeichneter Redner, aber ein schlechter Schütze. Wenn er seine Anlagen mit meinen hätte austauschen können, ich würde ihm gerne zehntausend Pfund zugegeben haben, obgleich er schon bei dem Austausch an sich ebensoviel Vorteil gehabt hätte wie ich. Ich habe nicht mehr Verlangen oder Bedürfnis, ein guter Schütze zu sein, als König von England oder Eigentümer eines Derbysiegers oder sonst einer komischen Sache, und doch habe ich nie in meinem Leben mein Ziel verfehlt -- dank meiner Verhältnisse ohne Zweck!«

»König von England!« sagte Erskine mit verächtlichem Lachen, um Trefusis zu zeigen, daß andere Leute ebenso freiheitliebend seien als er. »Ist es nicht lächerlich, daß sich eine Nation seiner Freiheit rühmt und doch einen König erträgt?«

»Oh, zum Teufel mit Ihrem Republikanismus, Chester!« sagte Sir Charles, der im stillen nicht viel von der politischen Seite der patriotischen Märtyrer hielt.

»Ich lasse mir in dem Punkt nichts sagen,« entgegnete Erskine. »Ich bewundere einen Mann, der einen König tötet. Darin werden Sie doch mit mir übereinstimmen, Trefusis?«

»Durchaus nicht,« sagte Trefusis. »Ein König ist heutzutage nur eine Puppe, die man aufstellt, um das Feuer von den wirklichen Unterdrückern abzulenken. Und das bißchen Gehalt, das er nach Gefallen ausgeben kann, ist gewöhnlich viel zu klein für sein Risiko, seine Sorgen und den Zustand persönlicher Sklaverei, dem er unterworfen ist. Welcher Privatmann in England ist übler dran als der konstitutionelle Monarch? Wir gestatten ihm keine Zurückgezogenheit, er darf nicht heiraten, wen er will, sich nicht seinen Umgang aussuchen, sich nicht nach seinem Geschmack kleiden, oder leben, wo er will. Ich glaube nicht einmal, daß er das essen und trinken kann, was er am liebsten hat. Eine Vorliebe für Schweinebauch oder Zwiebeln von seiner Seite würde eine Beschwerde des Kronrats herbeiführen. Wir schreiben ihm alles vor mit Ausnahme seiner Gedanken und Träume, und selbst diese muß er für sich behalten, wenn sie nach unserer Ansicht für seine Stellung nicht passend sind. Die Arbeit, die wir ihm auferlegen, hat alle Beschwerden der gewöhnlichen Arbeit. Sie ist unfruchtbar, anhaltend, eintönig, und muß meistens mit quälender Langeweile ausgeführt werden. Wir machen ihm sein Königreich zur Tretmühle und treiben ihn darauf von einem Ende zum andern herum. Schließlich, nachdem wir ihm sonst alles weggenommen haben, was uns Menschen wertvoll ist, fallen wir über seinen Charakter her und über den Charakter jedes Menschen, dem er es wagt, seine Gunst zu zeigen. Wir legen ihm enorme Ausgaben auf, halten ihn knapp und sticheln über seinen Geiz. Wir gehen mit ihm um, wie ich mit diesen Statuen umgehe -- wir stellen ihn auf einen Ehrenplatz, damit wir ihn um so leichter verunstalten und mißhandeln können. Wir schicken ihn durch unsere übervölkerten Städte und behaupten, er sei die Ursache von allem Guten und allem Schlechten in der Nation. Und er weiß, daß die meisten Menschen das glauben, er weiß, daß es eine Lüge ist, daß er nicht den Arbeitstag um eine Stunde verkürzen kann, daß er nicht die Löhne um einen Groschen erhöhen kann, daß er nicht das kleinste Gerichtserkenntnis umstoßen kann, so ungerecht es ihm auch erscheinen mag. Er weiß, daß jeder Bergarbeiter im Königreich Dynamit anfertigen kann, daß Revolver für weniger als einen Schilling das Stück verkauft werden. Er weiß, daß er nicht kugelfest ist, daß man schon auf jeden europäischen König in den Straßen geschossen hat. Er muß lächeln und sich verbeugen und eine Miene graziösen Vergnügens bewahren, während der Bürgermeister und die Räte ihm diese geistlose Ansprache halten, die er schon tausendmal gehört hat. Ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie königstreu sind, Erskine, aber ich erwarte, daß Sie aus einfacher Menschenliebe Mitgefühl mit der Hauptfigur in dem Possenspiel haben, die für die mannigfachen Übel und Schändlichkeiten in ihrem Reich nicht mehr verantwortlich ist, als der Lord-Mayor für die Diebstähle der Taschendiebe, die seinem Umzug am neunten November folgen.«

Sir Charles lachte über die Mühe, die sich Trefusis gab, um seine Ansicht klarzulegen, und sagte beschwichtigend: »Mein lieber Freund, Könige sind an so etwas gewöhnt, sie erwarten es so, und sie lieben es so.«

»Und offenbar sehen sie es ebensowenig in demselben Lichte wie ich, wie es die meisten Menschen tun,« stimmte Trefusis zu.

»Welch ein feines Gesicht!« rief Erskine plötzlich und blickte auf eine Photographie in einem Rahmen von schwerem Gold und Korallen, der auf einer mit rotem Samt verzierten Miniaturstaffelei stand. Trefusis wandte sich schnell um und war augenscheinlich so befriedigt, daß sich Sir Charles beeilte, auszurufen: »Reizend!« Dann blickte er erst auf das Bild und fügte, etwas erstaunt, hinzu: »Es ist sicherlich ein außergewöhnlich anziehendes Gesicht.«

»Vor Jahren,« sagte Trefusis, »als ich dieses Gesicht zum erstenmal sah, da hatte ich dasselbe Gefühl, was Sie jetzt haben.«

Es trat ein Schweigen ein. Die beiden Besucher sahen das Bild, und Trefusis blickte sie an.

»Eine fremdartige Schönheit,« sagte Sir Charles schließlich etwas zurückhaltender als zuvor.

Trefusis lachte unangenehm. »Erkennen Sie in ihr den Künstler -- den begeisterten Amateur?« sagte er und öffnete eine andere Schublade, aus der er ein Bündel Zeichnungen herausholte, die er ihnen zur Ansicht gab.

»Sehr gut. Wirklich sehr gut,« sagte Sir Charles. »Ich möchte die Dame kennen lernen.«

»Ich war oft nahe daran, sie zu verbrennen,« sagte Trefusis. »Aber sie sind noch immer hier und werden auch wahrscheinlich hierbleiben. Das Porträt ist viel bewundert worden.«

»Können Sie uns nicht mit dem Original einmal bekannt machen, alter Freund?« fragte Erskine.

»Glücklicherweise nicht. Sie ist tot.«

Sie waren unangenehm berührt und sahen ihn einen Augenblick mit Abneigung an. Dann wandte sich Erskine mitleidig und enttäuscht zu dem Bilde und sagte: »Armes Mädchen! War sie verheiratet?«

»Ja. Mit mir.«

»Mrs. Trefusis!« rief Sir Charles aus. »Ach! Lieber Himmel!«

Erskine, der jetzt einen Beweis vor sich hatte, daß es auch einem schönen Mädchen möglich war, Trefusis zu heiraten, sagte nichts.

»Ich halte mir ihr Bild immer vor Augen, um meine natürliche Verliebtheit zu bekämpfen. Ich verliebte mich in sie und heiratete sie. Seitdem habe ich mich noch ein- oder zweimal verliebt, aber ein Blick auf meine verlorene Hetty hat mich auch von der leisesten Neigung zu heiraten, geheilt.«

Sir Charles gab keine Antwort. Es kam ihm der Gedanke, daß Lady Brandons Bild, wenn sonst nichts mehr von ihr da sei, wohl in derselben Art nützlich sein werde.

»Oh, Sie werden sich schon demnächst einmal wieder verheiraten,« sagte Erskine und zwang sich zu einem ermutigenden Tone.

»Es ist möglich. Männer sollten heiraten, besonders reiche Männer. Aber ich versichere Ihnen, augenblicklich habe ich keine Neigung, es zu tun.«

Erskines Gesicht verdunkelte sich, und er ging zu dem Tisch, auf dem die Albums lagen.