Part 15
»Er versteht eine ganze Menge mehr als Sie,« sagte Lady Brandon, ihn unterbrechend. »Und das ist um so beschämender für Sie, weil Sie es am besten wissen sollten. Ich nehme an, daß Sie irgendwie Erziehung genossen haben. Sie werden kaum mit sich zufrieden sein, wenn Ihr Bischof hiervon hört. Ja,« fügte sie hinzu und wandte sich an Trefusis mit einer kindlichen Miene, als ob sie eigentlich weinen wollte, aber gegen ihren Willen zum Lachen gezwungen wurde, »Sie können lachen, soviel es Ihnen gefällt -- machen Sie sich nicht die Mühe und stellen sich, als ob Sie nur gehustet hätten -- aber wir werden an seinen Bischof schreiben, und er soll seine Strafe haben.«
»Um Gottes willen, Jane, schweige doch,« sagte Sir Charles, indem er das Pferd beim Zaum nahm und es von Trefusis entfernte.
»Ich will aber nicht. Wenn es dir so gefällt, hier ruhig zuzusehen, wie sie die Mauer in den Taschen davontragen, ich tu es nicht und will es nicht. Warum kannst du die Polizei nicht veranlassen, etwas zu tun?«
»Sie können nichts tun,« sagte Sir Charles und war fast außer sich vor Scham. »Ich kann auch nichts tun, bis ich mit meinem Anwalt gesprochen habe. Wie kannst du das ertragen, hier zu stehen und dich mit diesen Burschen herumzuzanken. Es ist so würdelos!«
»Du hast gut von Würde reden, aber ich verstehe nicht die Würde, es zu dulden, daß andere Leute ohne Erlaubnis auf unserem Grund herumtrampeln. Mr. Smilasch, wollen Sie die Leute veranlassen, fortzugehen, und ihnen sagen, sie würden alle angezeigt und ins Gefängnis gebracht?«
»Sie gehen zu der Straßenkreuzung, um eine öffentliche Versammlung zu veranstalten und natürlich Reden zu halten. Ich sollte Ihnen sagen, daß sie es aufs tiefste bedauern, wenn sie mit ihrer Kundgebung Sie persönlich belästigt haben, Lady Brandon.«
»Das sollten sie auch,« antwortete sie. »Sie sehen nicht sehr betrübt aus. Sie bekommen natürlich langsam Angst über das, was Sie angerichtet haben, und sie wären offenbar froh, wenn Sie durch eine Entschuldigung den Folgen Ihrer Handlungsweise entgingen. Aber das sollen Sie nicht. Ich bin nicht so dumm, wie Sie glauben.«
»Sie glauben das nicht, Sie haben das Gegenteil bewiesen.«
»Jane,« fragte Sir Charles verdrießlich, »kennst du diesen Herrn?«
»Natürlich kenne ich ihn,« sagte Lady Brandon mit Nachdruck.
Trefusis verneigte sich, als ob er soeben in aller Form dem Baron vorgestellt worden sei, worauf dieser die Begrüßung steif erwiderte, da er nicht imstande war, einen älteren, bestimmteren und hier auch gewandteren Mann zu ignorieren.
»Es scheint das eine unnachbarliche Handlung zu sein, Sir Charles,« sagte Trefusis ganz behaglich. »Aber es handelt sich um eine öffentliche Angelegenheit, die nicht auf unsere privaten Beziehungen überzugreifen braucht. Wenigstens hoffe ich das.«
Sir Charles verbeugte sich von neuem und noch kühler als zuvor.
»Ich bin wie Sie ein Kapitalist und Grundbesitzer --«
»Wozu Sie, wenn Sie ernsthaft reden, kein Recht haben,« fiel hier Chester ein, der bisher schweigend an Sir Charles' Seite gestanden hatte.
»Gewiß habe ich kein Recht, das zu sein,« sagte Trefusis und sah ihn mit Interesse an. »Aber ich kann es nun einmal nicht ändern. Habe ich das Vergnügen, mit Mr. Chichester Erskine zu sprechen, dem Schöpfer der Tragödie >Die patriotischen Märtyrer<, die mit begeisterter Hingabe dem Genius der Freiheit und einigen berühmten Kämpfern für seine Grundsätze gewidmet ist, und die mit kraftvollen Worten den letzten russischen Zaren und Napoleon den Dritten der Tyrannei anklagt?«
»Ja, mein Herr,« sagte Erskine errötend, denn er fühlte, daß diese Beschreibung seines Dramas ihn in den Augen der Anwesenden, die es nicht gelesen hatten, lächerlich machen mußte.
»Dann,« sagte Trefusis und streckte die Hand aus -- Erskine dachte zuerst, er wollte die seine schütteln -- »geben Sie mir eine halbe Krone für die Kosten unseres heutigen Unternehmens, das die Rechte des Volkes sichern soll, den Boden zu betreten, auf dem wir jetzt stehen.«
»Sie sollen das nicht tun, Chester,« schrie Lady Brandon. »So was hab ich in meinem Leben noch nicht gehört. Bezahlen _Sie_ uns die Mauer und den Zaun, die Ihre Leute zerstört haben, Mr. Smilasch, das würde zu dem Zwecke besser sein.«
»Wenn ich tausend Männer finden könnte, die so tüchtig sind wie Sie, Lady Brandon, ich würde die nächste große Revolution vor dem Ende dieses halben Jahres durchführen.« Er sah sie einen Augenblick forschend an, als ob er sich an etwas erinnern wollte, und fügte dann unerwartet hinzu: »Wie geht es Ihren Freundinnen? Da war eine Miß -- Miß -- ich fürchte, ich habe alle Namen außer Ihrem eigenen vergessen.«
»Gertrude Lindsay ist hier bei uns zu Besuch. Erinnern Sie sich ihrer?«
»Ich glaube -- nicht, ich fürchte -- nein. Warten Sie. War es nicht eine stolze, junge Dame?«
»Ja,« sagte Lady Brandon eifrig und vergaß Mauer und Zaun. »Aber wer glauben Sie, daß am Donnerstag kommt? Ich traf sie zufällig, als ich das letztemal in der Stadt war. Sie hat sich aber auch gar nicht verändert. Sie können sie nicht vergessen haben, darum stellen Sie sich nicht so verwirrt.«
»Sie haben mir noch nicht gesagt, wer es ist, und ich werde mich ihrer kaum noch erinnern. Sie dürfen nicht von mir erwarten, daß ich jedermann sofort wiedererkenne, wie ich Sie erkannte.«
»Welch ein Unsinn. Sie werden Agatha sofort erkennen.«
»Agatha Wylie!« sagte er mit plötzlichem Ernst.
»Ja, sie kommt Donnerstag. Freuen Sie sich?«
»Ich fürchte, ich werde keine Gelegenheit haben, sie zu sehen.«
»Oh, natürlich müssen Sie sie sehen. Es wird so lustig für uns alle sein, daß wir wieder wie früher zusammentreffen. Warum können Sie nicht am Donnerstag zum Luncheon kommen?«
»Ich werde entzückt sein, wenn Sie mir nach meiner heutigen Aufführung wirklich erlauben, zu kommen.«
»Das werden die Anwälte erledigen. Jetzt, da Sie wissen, wer wir sind, werden Sie natürlich aufhören, unsere Mauern einzureißen.«
»Natürlich,« sagte Trefusis lächelnd und zog ein Taschenbuch hervor, um die Einladung zu notieren. »Ich muß schnell machen, daß ich zur Wegekreuzung komme. Man hat mich wahrscheinlich inzwischen zum Vorsitzenden gewählt und wartet darauf, daß ich die Versammlung eröffne. Adieu. Sie haben mir diese Gegend, deren ich schon ganz müde geworden war, in unerwarteter Weise interessant gemacht.«
Sie wechselten Blicke, wie sie es früher auf der Schule getan hatten. Dann nickte er Sir Charles zu, winkte Erskine familiär mit der Hand und folgte der Prozession, die jetzt außer Sicht war.
Sir Charles, der schon längst hatte sprechen wollen, aber wiederholt durch die schnellen Worte seiner Frau und die unbedenklichen Antworten Trefusis' daran gehindert wurde, wandte sich jetzt ärgerlich an sie und sagte:
»Was soll das heißen, daß du diesen Burschen in mein Haus einlädst?«
»Wirklich, _dein_ Haus! Ich lade ein, wen ich will. Du scheinst dich wieder einmal aufzuregen.«
Sir Charles sah sich um. Erskine war diskret fortgegangen und drehte auf der Straße eine Schraube an seinem Rad fester. Die wenigen Personen, die zurückgeblieben waren, standen außer Hörweite.
»Wer und was zum Teufel ist er, und wie kommt es, daß du ihn kennst?« fragte er. Er fluchte sonst nie in Gegenwart einer Dame. Nur bei seiner Frau machte er eine Ausnahme, und auch nur dann, wenn sie allein waren.
»Er ist ein Gentleman, und das kann man von dir nicht sagen,« entgegnete sie und sandte mit einem Peitschenhieb, der beinahe die Schulter ihres Mannes traf, den Braunen in wilden Sätzen durch die Mauerbresche.
»Kommen Sie mit,« sagte sie zu Erskine. »Wir sind zu spät zum Luncheon da.«
»Sollen wir nicht lieber auf Sir Charles warten?« fragte er unüberlegt.
»Lassen Sie mich in Ruhe mit Sir Charles, er ist schlecht gelaunt,« sagte sie, ohne leiser zu sprechen. »Kommen Sie mit.« Und sie ritt im Galopp davon. Erskine folgte ihr mit dem Gedanken, daß er sich für seinen Besuch eine sehr unglückliche Zeit ausgesucht habe.
Zwölftes Kapitel.
Am folgenden Donnerstag trafen sich Gertrude, Agatha und Jane zum erstenmal wieder, seit sie die Schule zu Alton verlassen hatten. Agatha war am meisten zurückhaltend von den dreien und hatte sich äußerlich am wenigsten verändert. Sie glaubte, sie sei sehr verschieden von der Agatha aus Alton, aber sie hatte nur ihre Ansicht über sich verändert, ihr Wesen war dasselbe geblieben. Sie hatte bei ihren Freundinnen eine ähnliche Veränderung erwartet und zweifelte sehr daran, daß ihr Zusammentreffen ein fröhliches sein werde.
Sie fürchtete das mehr wegen Gertrude als wegen Jane, denn Lady Brandon war, wie sie schon bei der kurzen Unterhaltung in London gefunden hatte, im Benehmen, Denken und Sprechen dieselbe geblieben, die sie als Miß Carpenter gewesen war. Aber Jane flößte selbst Agatha jetzt mehr Respekt ein als früher, denn sie hatte sich aus einem übergroßen Mädchen in eine schöne Frau verwandelt und machte in ihrer ersten Saison eine brillante Partie, während viele ihrer hübschen, stolzen und klugen Altersgenossinnen, die sie auf der Schule beneidet hatte, noch unverheiratet waren und zu Hause ein ungemütliches Heim hatten, weil ihre Eltern die Last ihres Unterhalts los werden und durch ihre Verheiratung ihren Geldbeutel oder ihre Stellung verbessern wollten.
Dies war auch bei Gertrude der Fall. Wie Agatha hatte sie alle Heiratsanträge abgewiesen. Sie war stolz auf ihre Familie und ihre Vornehmheit und wollte so wenig wie möglich mit Leuten zu tun haben, die ihr darin nachstanden. Zuerst schlug sie die Bekanntschaft mit verschiedenen sehr reichen und vornehm lebenden Familien ab, weil sie ihre Vorfahren nicht kannten oder sich ihrer schämten. Nachdem sie sich aus diesem Kreise ausgeschlossen hatte, wurde sie bei Hofe vorgestellt und nahm von da ab nur noch Einladungen von solchen Leuten an, die nach ihrer Meinung das Recht zu der gleichen Ehre hatten. Und sie nahm es in diesem Punkte viel genauer als Lord Chamberlain, der, wie sie sagte, seinen Rang geschändet hatte, indem er tatsächlich der reine Kommunist geworden sei. Sie war gut erzogen, hatte feine Sitten und Manieren und kannte die Vorschriften der Etikette so genau, daß sie damit jeden Neuling in Verlegenheit setzte. Sie war zart gebaut, hatte feine Zähne und ein Gesicht von fast griechischem Schnitt, wäre nicht die leicht aufgestülpte Nase und das etwas zu stark ausgeprägte Kinn gewesen. Ihr Vater war ein pensionierter Admiral. Er hatte genügend Einfluß, um seinem Sohne, der nach der Verbindung mit einer reichen Erbin strebte, durch die konservative Regierung eine Sinekure zu verschaffen. Aber Gertrude blieb ledig, und der Admiral, der früher über seine Mittel hinaus für ihre Erziehung gesorgt hatte und noch jetzt in derselben Weise ihren Aufwand bestritt, beklagte sich so bitter über ihre Mißerfolge und über die Last, die sie ihm machte, daß ihr das häusliche Leben fast unerträglich wurde. Sie kam schließlich so weit, daß sie jeden Gentleman aus guter Familie, wie unpassend auch sonst sein Alter und sein Charakter war, genommen hätte, nur damit er sie aus der demütigenden Abhängigkeit befreite. Sie war bereit, auf alles, wonach sich ihre Natur bei einem Manne sehnte, auf Jugend, Schönheit und Tüchtigkeit zu verzichten, wenn sie nicht anders von ihren Eltern loskommen konnte. Nur in einem stand ihr Entschluß fest: sie wollte lieber als alte Jungfer sterben, als einen Emporkömmling heiraten.
Ihre Pläne scheiterten an der Geldfrage. Der Admiral war arm. Er hatte kaum sechstausend Pfund Einnahmen im Jahr, und obgleich er mit der äußersten Genauigkeit wirtschaftete, um einen möglichst großen Aufwand damit zu treiben, konnte er doch seiner Tochter keine Mitgift geben. Nun hatten die vornehmen jungen Leute aus ihrem Kreise alle mehr blaues Blut und weniger Reichtum, als sie brauchten. Sie bewunderten Gertrude, machten ihr Komplimente, tanzten mit ihr, aber keiner konnte es sich gestatten, sie zu heiraten. Einige von ihnen sagten ihr das auch gradezu. Sie heirateten die reichen Töchter von Teehändlern, Eisengießern oder erfolgreichen Börsenmaklern und versuchten dann zwischen ihr und ihren niedrig geborenen Schwägern eine Verbindung anzuknüpfen.
So war also Gertrude, als sie Lady Brandon traf, heimlich in keiner beneidenswerten Lage, und sie nahm gerne die Einladung nach Brandon Beeches an, schon um dem täglichen Gespötte des Admirals über die Heiratsliste in der >Times< zu entgehen. Sie konnte das um so eher tun, weil Sir Charles kein neugebackener Adliger war, und Jane gegenüber hatte sie ja schon auf der Schule -- die ihr jetzt als die glücklichste Zeit ihres Lebens erschien -- anerkannt, daß ihre Familie und ihr Bekanntenkreis neben ihrem eigenen der vornehmste in Alton war. Agatha, deren Großvater sich als Besitzer von Gaswerken seinen Reichtum erworben hatte, hatte sie niemals ihre Freundschaft angeboten. Agatha hatte sich diese teils durch moralische, teils durch physische Gewalt einfach erzwungen. Aber die Gaswerke wurden doch niemals vergessen, und als Lady Brandon als eine köstliche Neuigkeit erwähnte, sie habe ihre alte Schulfreundin wieder gefunden und sie eingeladen, auch herüber zu kommen, da war Gertrude durchaus nicht angenehm berührt. Andererseits war sie, als sie zusammentrafen, die einzige, deren Augen feucht wurden, denn sie war die am wenigsten Glückliche von den dreien, und ihr Stolz war, ohne daß sie es wußte, etwas gebrochen. Sie glaubte, Agatha habe ihre Mädchenhaftigkeit verloren, sie sei aber dafür mutiger, energischer und gewandter geworden. In Wirklichkeit mußte Agatha ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihre Schüchternheit zu verbergen. Sie entdeckte auch Gertrudes Bewegung, denn diese versuchte im letzten Augenblick nicht mehr, sie zu verbergen. Sie hätte sie sogar frei in Worten ausgedrückt, wenn ihre gesellschaftliche Erziehung sie nicht nur gelehrt hätte, ihre Gefühle zu verhehlen, sondern auch, ihnen Worte zu geben.
»Denkt ihr noch an Miß Wilson?« fragte Jane, als die drei von der Eisenbahnstation nach Brandon Beeches fuhren. »Denkt ihr noch an Mrs. Miller und ihren Kater? Denkt ihr noch an das Sündenbuch? Wißt ihr noch, wie ich in den Kanal fiel?«
Diese Erinnerungen gaben ihnen Gesprächsstoff, bis sie das Haus erreichten und auf Agathas Zimmer gingen. Jetzt hatte Jane etwas im Haushalt zu besorgen und mußte sie verlassen. Sie tat das ungern, denn sie war eifersüchtig auf Gertrude und wollte nicht, daß sie ihr bei der Gewinnung von Agathas Zuneigung zuvorkommen sollte. Sie versuchte sogar, ihre Nebenbuhlerin mit sich zu nehmen. Aber es war vergebens, Gertrude wollte sich nicht rühren.
»Was ist das ein schönes Haus und ein prächtiger Platz hier!« sagte Agatha, als Jane gegangen war. »Und was für ein reizender Mensch Sir Charles ist! Wir haben immer über Jane gelacht, aber jetzt kann sie noch über die glücklichste von uns lachen. Ich habe immer gesagt, sie würde stets blindlings ins Glück hineintappen. Ist es wirklich wahr, daß sie sich in ihrer ersten Saison verheiratet hat?«
»Ja. Und Sir Charles ist ein Mann von hoher Bildung. Ich kann das nicht verstehen. Ihr Umfang geht über alles, und ihre Manieren sind schlecht.«
»Ja!« sagte Agatha mit einem pfiffigen Gesicht. »Jane hatte immer etwas an sich, was die Männer anzog. Und sie ist mehr schelmisch als närrisch. Aber sie ist gewiß ein großer Esel.«
Gertrude warf ihr einen ernsten Blick zu, um anzudeuten, daß sie jetzt aus der Gewohnheit heraus sei, auf eine solche Sprache zu hören. Agatha wurde dadurch gereizt und fuhr fort:
»Hier sind wir beide und halten uns für doppelt so ansehnlich und umgänglich, als sie ist, aber wir sind alte Jungfern.« Gertrude fuhr zurück, und Agatha setzte schnell hinzu: »Und dabei bist du doch zum Beispiel so außerordentlich hübsch! Sie hat uns übrigens ausdrücklich eingeladen, um uns zu verheiraten.«
»Sie würde doch nicht etwa wagen --«
»Unsinn, liebe Gertrude. Sie glaubt, wir seien ein paar Narren, die ihre eigenen Angelegenheiten verpfuscht haben, und da sie selbst es so gut gemacht hat, hält sie es für eine Kleinigkeit, uns zu helfen. Hat sie dir etwa nicht gesagt, bevor ich ankam, es sei Zeit für mich, daß ich mich verheiratete?«
»Nun ja. Aber --«
»Genau dasselbe hat sie mir über dich gesagt, als sie mich einlud.«
»Ich würde sofort dieses Haus verlassen,« sagte Gertrude, »wenn ich dächte, sie wollte sich in meine Angelegenheiten hineinmischen. Was geht das sie an, ob ich verheiratet bin oder nicht?«
»Wo hast du denn all diese Jahre gelebt, wenn du nicht weißt, daß eine Frau, sobald sie eine gute Partie gemacht, nichts Eiligeres zu tun hat, als nun auch ihre ledigen Freundinnen unter die Haube zu bringen. Jane meint es gar nicht böse. Sie tut es aus lauter Herzensgüte.«
»Ich brauche Janes Herzensgüte nicht.«
»Ich auch nicht. Aber es schadet doch nichts, und sie soll sich ruhig damit amüsieren, ihre männlichen Bekannten zu meiner Auswahl vorzuführen. Still! Da kommt sie.«
Gertrude schwieg. Sie konnte sich nicht mit Lady Brandon zanken, ohne das Haus zu verlassen, und wenn sie das Haus verließ, dann mußte sie zu ihren Eltern zurückkehren. Aber im stillen beschloß sie, Erskine bei seinen Aufmerksamkeiten zu entmutigen, denn sie vermutete, daß er gar nicht in sie verliebt war, wie er behauptete, sondern sie einfach auf eine Empfehlung von Jane hin heiraten wollte.
Chichester Erskine hatte mit Sir Charles zusammen in Palästina Skizzen gemalt und war mit ihm durch manche europäische Gemäldegalerie gewandert. Er war ein junger Mann von adliger Abkunft und hatte von seiner Mutter eine Rente von fünfhundert Pfund geerbt, während das Hauptvermögen der Familie an seinen älteren Bruder gefallen war. Da er keinen Beruf hatte und Bücher und Gemälde liebte, hatte er sich den schönen Künsten gewidmet, was die billigste Art war, um sich selbst eine hohe Meinung von der Feinheit und den Fähigkeiten seiner eigenen Natur beizubringen. Er hatte ein Drama veröffentlicht mit dem Titel: >Die patriotischen Märtyrer< mit einem radierten Titelblatt von Sir Charles. Eine Auflage war schnell durch die Dedikationsexemplare an die Freunde des Künstlers und Dichters und an die Zeitschriften und Zeitungen abgesetzt worden. Sir Charles hatte dann einen hervorragenden Tragöden, den er kannte, gebeten, das Werk auf die Bühne zu bringen und einen von den patriotischen Märtyrern zu spielen. Aber der Tragöde wandte ein, die Rollen der andern patriotischen Märtyrer seien ja grade so bedeutend wie seine eigene. Erskine weigerte sich entrüstet, diese Teile zu kürzen oder fallen zu lassen, und so wurde aus der Aufführung nichts.
Seitdem trug sich Erskine mit dem Gedanken, ein zweites Drama zu schreiben, ohne sich um die Forderungen der Bühne zu kümmern. Aber er hatte es noch nicht begonnen, denn seine Stimmung kam ihm stets zu ungelegener Zeit, meist spät in der Nacht, wenn er getrunken hatte und nur Lust empfand, Sonette zu schreiben. Die Morgenluft und das Radfahren waren verhängnisvoll für die Art von Poesie, die ihm als die einzige wertvolle erschien. Indessen war trotz des Radfahrens das Drama, das den Titel >Hypatia< trug, auf dem besten Wege, wirklich geschrieben zu werden, denn der Dichter hatte Gertrude Lindsay kennen gelernt und sich in sie verliebt. Ihre fast griechischen Gesichtszüge und etwas Kenntnis von der Differentialrechnung, die sie in Alton erworben hatte, verhalfen ihm zu dem Glauben, sie sei ein passendes Modell für seine Heldin.
Als die Damen herunterkamen, fanden sie ihren Wirt und Erskine in der Gemäldegalerie, die in der Umgegend berühmt war, weil sie Sir Charles eine große Summe gekostet hatte. Es gab neue Radierungen zu bewundern, und der Baronet bat sie, das, was er den Ton des Bildes nannte, zu beachten -- Agatha würde es den Grad der Schmiererei genannt haben. Sir Charles ließ seine Augen oft von seinem Kunstwerk abschweifen. Zweimal sah er auf seine Uhr und sagte endlich:
»Ich habe den Leuten gesagt, sie sollten pünktlich mit dem Essen sein.«
»O ja. Es ist schon gut,« sagte Lady Brandon. Sie hatte Befehl gegeben, das Essen vor der Ankunft eines weiteren Gastes nicht zu servieren. »Zeige Agatha das Bild des Mannes in --«
»Mr. Trefusis,« meldete ein Mädchen.
Mr. Trefusis trat herein, noch immer in gelbbraunem Anzug. Der Rock war nicht zugeknöpft. Er ging in ungezwungener Gleichgültigkeit und schien bei keiner Gelegenheit irgendwelche Rücksicht auf gesellschaftliche Formen für nötig zu halten.
»Da sind Sie ja endlich,« sagte Lady Brandon. »Sie kennen doch alle hier?«
»Wie geht es Ihnen?« fragte Sir Charles und bot ihm mit der ernsten Miene eines Mannes, der eine Pflicht gegen den Gast seiner Frau erfüllt, die Hand. Er schüttelte sie herzlich, nickte Erskine zu und sah ohne eine Miene des Erkennens Gertrude an, deren frostiges Schweigen sich gegen die Annahme der Lady Brandon zu verwahren schien, als ob der Fremde mit ihr bekannt sei. Dann wandte er sich zu Agatha und verneigte sich vor ihr. Sie gab ihm keine Antwort, sie war wie erstarrt. Lady Brandon errötete vor Ärger. Sir Charles bemerkte den Empfang seines Gastes mit innerer Genugtuung, aber er teilte doch auch die Verlegenheit, die alle mit Ausnahme von Trefusis ergriffen hatte. Dieser schien ganz gleichgültig und zufrieden zu sein und brachte unbewußt den Eindruck hervor, die andern hätten sich nicht richtig benommen, was ja auch tatsächlich der Fall war.
»Wir sahen uns grade ein paar Radierungen an, als Sie hereinkamen,« sagte Sir Charles und beeilte sich, das Stillschweigen zu brechen. »Machen Sie sich etwas aus solchen Dingen?« Und er händigte ihm einen Abzug ein.
Trefusis warf einen Blick darauf, als ob er noch nie in seinem Leben so etwas gesehen habe und nicht wüßte, was er damit anfangen sollte. »Alle diese Kritzeleien scheinen mir keinen Sinn zu haben,« sagte er unsicher.
Sir Charles warf Erskine ein geringschätziges Lächeln und einen bezeichnenden Blick zu. Dieser, der schon eine instinktive Abneigung gegen Trefusis fühlte, sagte ausdrucksvoll:
»Da ist keine von diesen Kritzeleien, die nicht einen Sinn hat.«
»Das zum Beispiel, das aussieht wie das Bein einer Mücke -- was bedeutet es?«
Erskine zauderte einen Augenblick. Dann faßte er sich und sagte: »Es stellt unverkennbar -- wenigstens für mich -- die Zeichnung eines Fahrweges vor.«
»Keine Spur davon.« sagte Trefusis. »Nie hat es auf einem Fahrwege solch einen Einschnitt gegeben. Es scheint ein sehr schlecht geratener Brombeerstrauch zu sein, aber Brombeersträuche wachsen nicht mitten auf dem Wege, besonders auf so belebten, wie der nach den ausgefahrenen Geleisen zu sein scheint.« Er legte die Radierung fort und schien keine Lust mehr zu haben, noch einmal in die Mappe hineinzusehen. Dann sagte er: »Die einzige Kunst, die mich interessiert, ist das Photographieren.«
Erskine und Sir Charles wechselten wieder Blicke, und Erskine sagte:
»Photographieren ist nach meiner Ansicht keine Kunst, es ist ein Verfahren.«