Der Amateursozialist: Roman

Part 14

Chapter 143,746 wordsPublic domain

Jedenfalls hatte sie sich noch nie so wenig glücklich gefühlt wie in diesem Jahr. Sie brachte wiederholt ihre Mutter in Aufregung, indem sie Pläne faßte, Krankenpflegerin, Sängerin oder Schauspielerin zu werden. Jeder dieser Pläne führte zu flüchtigen, planlosen Studien. Um die Befähigung zu einer Krankenpflegerin zu bekommen, las sie ein Handbuch der Physiologie, und Mrs. Wylie hielt das für einen so unpassenden Gegenstand für eine junge Dame, daß sie weinend zu Mrs. Jansenius ging und sie bat, ihr ungezogenes Kind doch zurechtzuweisen. Mrs. Jansenius, besser unterrichtet, war der Ansicht, je mehr eine Frau wüßte, desto vernünftiger würde sie jedenfalls handeln, und Agatha würde die Physiologie schon bald aus eigenem Antrieb fallen lassen. Das erwies sich als richtig. Agatha hatte ihr Buch, in dem sie viel überschlug, schnell beendigt und ging nun zum Studium der Pathologie über nach einem Band klinischer Vorlesungen. Sie fand darin genau ihre eigenen Empfindungen beschrieben, und zwar als Symptome der schrecklichsten Krankheiten. Sie legte es voller Schrecken weg und nahm einen Roman zur Hand. Dieser war frei von den Fehlern ihrer früheren Lektüre, denn keines von den Gefühlen, die in dem Roman vorkamen, glich auch nur im mindesten denen, die sie schon gehabt hatte.

Nach einer kurzen Frist ließ sie sich von einem beliebten Gesanglehrer untersuchen, ob ihre Stimme stark genug sei für die Bühne. Er empfahl ihr, bei ihm sechs Jahre lang zu lernen, und versicherte ihr, daß sie am Ende dieser Zeit -- wenn sie seinen Anweisungen folgte -- die größte Sängerin der Welt sein würde. Hiergegen hatte sie in Gedanken die entscheidende Einwendung, daß sie in sechs Jahren eine alte Frau sei. So beschloß sie, es selbst zu versuchen, vielleicht würde sie allein schnellere Fortschritte machen. Für den Fall, daß aus ihrer Sängerinnenlaufbahn nichts würde, beschloß sie, zum Schauspiel zu gehen, und nahm Unterricht in der Aussprache und in Leibesübungen. Diese Übungen hatten einen so günstigen Einfluß auf ihre körperliche und geistige Gesundheit, daß ihr bisheriges Streben ihr noch gar nicht weit genug ging. Sie versuchte nacheinander alle Künste, wurde aber jedesmal durch ihre Willensschwäche entmutigt, wenn sie versuchte, ausdauernd zu sein. Sie wußte als allgemeine Regel, daß schwächliche und lächerliche Versuche der Anfang von allem Tüchtigen sind, aber sie fand nie eine Regel für ihren eigenen Fall und glaubte noch immer, sie sei eine Ausnahme, grade wie sie es in ihrer Liebe zu Smilasch geglaubt hatte. Sie lag noch ganz in den Selbsttäuschungen der Jugend.

Inzwischen beängstigten ihre Fortschritte gar sehr ihre Mutter. Diese kannte solche Anfälle von heiterer Stimmung, auf die dann das quälende Gefühl des Mißerfolgs und der Nutzlosigkeit folgten, nur als >Wildheit< und >schlechte Laune< und bekämpfte sie mit Handarbeit als beruhigendem Mittel und Fleischtee als anregendem Mittel. Mrs. Wylie hatte es auswendig gelernt, daß die ganzen Pflichten einer Dame darin beständen, anmutig, gütig, hilfreich, bescheiden und selbstlos zu sein und ruhig abzuwarten, was ihr diese Tugenden bescherten. Aber dann hatte sie durch Erfahrung gelernt, daß das Geschäft einer Dame in der Gesellschaft nur das sei, sich zu verheiraten, und daß alle diese Tugenden und Vollkommenheiten nur den Wert hätten, passende junge Männer anzuziehen. Da diese Wahrheit unanständig ist, überläßt man es gewöhnlich den jungen Damen ein oder zwei Jahre lang, es selbst herauszufinden. Es wird ihnen selten bei ihrem Eintritt in die Gesellschaft ausdrücklich mitgeteilt. Daher weisen sie oft in ihrer ersten Saison großartige Partien zurück und müssen sich nachher zu sehr reduzierten Preisen anbieten, je nachdem wie ihre Reize anfangen schal zu werden. Dieses Schicksal fürchtete auch Mrs. Wylie, die durch Mrs. Jansenius gewarnt war, für Agatha. Von Zeit zu Zeit wurde ihr ein junger, wohlhabender Gentleman vorgestellt, aber sie vertrieb ihn jedesmal in barscher Weise, sobald er eine Anspielung auf ihre Gefühle machte. Die angstvolle Mutter tröstete sich damit, wenn ihre Tochter auch die wünschenswerten und die nichtwünschenswerten Partien in gleich grausamer Weise zurückstieß, so knüpfte sie doch wenigstens keine unschicklichen Verbindungen an und war außerdem noch sehr jung. Auch würde sie wohl weniger spröde sein, wenn sie etwas älter und, wie Mrs. Jansenius es nannte, vernünftiger wurde.

Aber eine Saison folgte auf die andere, und es blieb fraglich, wen man mehr beglückwünschen sollte, Agatha, weil sie nach der Schulzeit das Leben begonnen, oder Henrietta, weil sie es beendet hatte.

Elftes Kapitel.

Brandon Beeches im Themsetal war der Wohnsitz von Sir Charles Brandon, dem siebten Baronet dieses Namens. Er hatte seinen Vater verloren, bevor er mündig geworden war, und heiratete kurz nachher, so daß er mit fünfundzwanzig Jahren Vater von drei Kindern war. Er sah trotz seiner Jugend etwas verlebt aus, aber er war schlank und ansprechend und hatte eine gewinnende Art, die Unglücksfälle der andern von einer freundlichen und beruhigenden Seite zu nehmen. Er war ein guter Erzähler, liebte Musik und konnte etwas spielen und singen. Er liebte das Zeichnen und skizzierte in Wasserfarben, er las jede Zeitschrift von London bis Paris, die Kunstkritiken brachte, er hatte ein paar Reisen gemacht, er fischte etwas, schoß etwas und botanisierte etwas, er lief rastlos hinter den Frauen her und verschwendete seine Energie auf all den tausend Wegen, die ihm sein Reichtum und seine Fähigkeiten offen machten. Auf keinem Gebiete besaß er genauere Kenntnisse, aber er hatte sich doch vieles so weit angesehen, daß er an die Stelle vollständiger Unkenntnis gemäßigte Unwissenheit setzen konnte. Er hatte nie den Genuß gekannt, etwas Großes zu vollbringen, und quälte sich mit einer unbefriedigten Sehnsucht, die ihn melancholisch machte und ihn überzeugte, er sei ein geborener Künstler. Seine Frau fand ihn selbstsüchtig verdrießlich und wankelmütig und sagte, er hielte sich jedesmal für gefährlich krank, wenn er sich nur etwas erkältet habe.

Lady Brandon, die übrigens glaubte, er verstände alle die Dinge, über die er redete, weil sie sie selbst auch nicht verstand, war eine seiner Enttäuschungen. Ihrem Äußern nach glich sie keinem der Schönheitsideale, die die Maler ihrer Zeit darstellten, aber sie hatte Reize, für die wenige Männer unempfindlich sind. Sie war groß, weich und stark, mit vollen, wohlgeformten Armen, Schultern und Hüften. Mit ihrem kleinen Kopf, den zarten Ohren, den hübschen Lippen, den schelmischen Augen stellte sie, da sie eine sehr große Person war, eine Fülle von halb weiblicher, halb kindlicher Lieblichkeit dar, die selbst ernsten Männern das Verlangen einflößte, sie in ihre Arme zu nehmen und zu küssen. Dieses Verlangen hatte den oberflächlichen geistigen Geschmack Sir Charles' auf den ersten Anblick besiegt. Seine Einbildung versah sie mit jenem Verständnis für die höheren Künste, das er von einer Frau verlangte, und er heiratete sie in ihrer ersten Ballsaison, um dann zu entdecken, daß das Liebesbedürfnis in ihrem Wesen so gering und so matt war, daß sie alle seine Versuche, zärtlich gegen sie zu sein, ins Lächerliche zog und ihn um alle Liebesgenüsse brachte, nach denen er sich mit dem ganzen vorher empfundenen Entzücken gesehnt hatte. Auf geistigem Gebiete enttäuschte sie seine Hoffnungen aber noch viel mehr. Nach ihrer Meinung war seine Lieblingskunst, das Malen, für Amateure nur ein Zeitvertreib und für Berufskünstler ein Nebenzweig beim Einrichten eines Hauses. Wenn er diesen Gegenstand mit seinen Freunden erörterte, dann pflegte sie ihre Ansicht mit einem Eigendünkel zu äußern, der um so unangenehmer war, weil sie oft die gröbsten Schnitzer machte, während er selbst seine Schlüsse mit der höchsten Feinheit und Ernsthaftigkeit durchführte. Bei solchen Gelegenheiten machte sie sich aus seinem Widerwillen durchaus nichts, sie frohlockte sogar darüber. Sie war zu der Überzeugung gekommen, die Ehe sei noch eine größere Torheit und die Männer seien noch größere Narren, als sie geglaubt hatte. Aber diese Überzeugung verstärkte eher ihr Pflichtgefühl, als daß es sie enttäuscht hätte, und da sie genügend Geld, genügend Dienerschaft, genügend Gäste und genügend Reitübungen hatte, die sie übermäßig liebte, so verfloß ihre Zeit aufs angenehmste. Behaglichkeit erschien ihr als der natürliche Zustand des Lebens, jede Störung setzte sie in Erstaunen. Die Freunde ihres Mannes, die mit Mißtrauen in die Zukunft sahen und mit Bitterkeit an manche vergangene Stunde zurückdachten, waren ihr nur Beispiele dafür, daß vieles Lesen und ein Leben ohne Bewegung die Menschen mißmutig und stumpf mache.

An einem schönen Maimorgen, als sie auf einem mächtigen, braunen Pferd die Einfahrt nach Brandon Breeches hinuntergaloppierte, öffnete sich an dem Ende das Tor, und ein junger Mann kam auf einem Zweirad herausgefahren. Er war von schmächtiger Gestalt mit schönen, dunkeln Augen und feinen Nasenflügeln. Als er Lady Brandon erkannte, schwenkte er seine Mütze, und als er sie erreicht hatte, sprang er von seinem leblosen Stahlroß ab, so daß das braune Pferd scheute.

»Ruhig, du dummes Tier!« rief sie und schlug es mit dem Ende ihrer Peitsche. »Zwar, es ist kein Wunder, wenn es erschrickt. Wie geht es Ihnen? Wie hübsch ist es, daß man jetzt auf einem Pferd reiten kann, das auf Rädern läuft.«

»Aber ich bin nicht reich genug, um ein wirkliches Pferd zu halten,« sagte er und trat näher, um den Braunen zu streicheln, nachdem er sein Rad gegen einen Baum gelehnt hatte. »Übrigens fürchte ich mich vor Pferden, ich bin nicht an sie gewöhnt. Ich verstehe auch nicht, sie zu füttern. Mein Rad braucht kein Futter. Es beißt und tritt nicht. Es geht nie lahm, es wird nicht krank, stirbt nicht, braucht keinen Diener und --«

»Das ist alles Unsinn,« sagte Lady Brandon heftig. »Es stolpert und gibt Ihnen die schrecklichsten Stöße, es geht lahm, weil seine Pedale oder sonst etwas sich lösen, und trägt sich ab, und es macht zweimal so viele Mühe, wenn man es sauber halten und den Schmutz entfernen will, als ein Pferd. Und so ist es bei allem. Ich glaube, der lächerlichste Anblick auf der Welt ist ein Mann auf einem Zweirad. Er strampelt nach Leibeskräften mit den Füßen und glaubt, sein Roß trüge ihn, während er doch, wie es jeder sehen kann, sein Roß trägt. Sie brauchen mir nicht vorzureden, es sei ebenso leicht, eine große, leblose eiserne Maschine mitzuschleppen, wie auf gewöhnliche Art zu gehen. Das ist heller Unsinn.«

»Trotzdem kann ich es in einem Tag hundert Meilen weiter bringen, als mich selbst allein. Das sind die Wunder der Mechanik. Doch ich weiß, neben Ihnen und diesem prächtigen Tier schneiden wir zwei nur eine armselige Figur -- kein Mensch wirft einen Blick auf mich, während Sie mit vollem Recht allgemeine Aufmerksamkeit erregen.«

Sie warf ihm einen Blick zu, daß ihn ein Schwindelgefühl überkam und sein Herz schneller pochte. Das war so eine alte Gewohnheit von ihr. Sie bewahrte sie aus Liebe zum Spaß und hatte keine Ahnung, welchen Eindruck sie auf entzündlichere Herzen als ihr eigenes machte. Er setzte hastig hinzu:

»Ist Sir Charles zu Hause?«

»Ach ja, das ist die lächerlichste Sache, von der ich je in meinem Leben gehört habe,« rief sie aus. »Ein Mann, der unten auf dem Riverside Road ganz allein in einem Häuschen wohnt, das so klein ist wie eine Spielzeugsparbüchse -- Sie kennen ja die Dinger, die ich meine -- er nennt es Sallusts Haus, behauptet, es bestände ein Wegerecht über unsern neuen Rasenplatz. Als ob irgend jemand da noch ein Recht haben könnte, nachdem wir all das Geld ausgegeben haben, um es von drei Seiten zu umzäunen, nachdem wir die Mauer an der Straße entlang errichtet, nachdem wir planiert, gepflanzt, entwässert und Gott weiß was sonst getan haben. Und jetzt sagt der Mann, all das gewöhnliche Volk und die Strolche aus der Umgegend hatten ein Recht, quer darüber zu gehen, weil sie zu faul sind, den kleinen Umweg über die Straße zu nehmen. Nun ist Sir Charles hingegangen, um mit dem Mann über die Sache zu sprechen. Natürlich tat er nicht, was ich wollte.«

»Und was war das?«

»Dem Mann schreiben, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern, und ihm mitteilen, die erste Person, die man bei dem Versuch ertappte, in unser Eigentum einzubrechen, würde der Polizei übergeben.«

»Dann werde ich also niemand daheim finden. Verzeihen Sie, daß ich das so nenne, aber es ist der einzige Platz, der so etwas wie ein Heim für mich ist.«

»Ja, es ist so gemütlich, seit wir das Billardzimmer gebaut und all die häßlichen Vorhänge beseitigt haben. Ich habe so lange wie möglich versucht --«

Sie wurde durch einen alten Arbeiter unterbrochen, der so schnell, wie ihm seine Gicht erlaubte, herangehumpelt kam und ohne weitere Umstände, nur daß er seine Kappe abnahm, zu sprechen begann.

»Sie sind auf den neuen Rasen gekommen, Mylady, eine Masse Menschen! Und ein Geistlicher ist dabei und eine Fahne! Sir Charles weiß nicht, was er sagen soll. So was ist noch nicht da gewesen.«

Lady Brandon wurde blaß und zog an ihrem Zügel, als ob sie ihr Pferd aus einer Gefahr zurückziehen wollte. Ihr Besucher fragte ganz verwirrt den alten Mann, was er damit sagen wollte.

»Es kommt ein Aufzug über den neuen Rasen,« antwortete dieser, »und der Herr kann sie nicht aufhalten. Sie haben die Mauer niedergerissen, drei Meter breit liegt sie an dem Riverside Road. Und ein Geistlicher ist dabei und eine Fahne. Und der Mann aus Sallusts Haus ist dabei und feuert sie an.«

»Die Mauer niedergerissen!« rief Lady Brandon aus und wurde vor Entrüstung abwechselnd rot und wieder blaß. »Welch eine schändliche Geschichte! Wo ist die Polizei? Chester, wollen Sie mitkommen und sehen, was sie machen? Sir Charles ist zu nichts zu gebrauchen. Glauben Sie, daß eine Gefahr dabei ist?«

»Es sind zwei Polizisten da,« sagte der alte Mann. »Und den Mann aus Sallusts Haus wagen sie nicht anzuhalten. Sie sehen ruhig zu. Und ein Geistlicher ist dabei. Ich sah, wie er mit eigener Hand ein Stück von der Mauer wegriß.«

»Den Spaß will ich mir doch ansehen,« sagte Chester.

Lady Brandon überlegte. Aber ihr Ärger und ihre Neugierde überwanden ihre Furcht. Sie überholte das Zweirad, und sie kamen beide durch das Tor und über die Landstraße zu dem Schauplatz, den der alte Mann beschrieben hatte. Ein Haufen von Steinen und Mörtel lag auf der Straße rechts und links von einer Bresche in einer neuerbauten Mauer, und Lady Brandon konnte von ihrem hohen Sitz auf dem Pferderücken einen Trupp von ungefähr dreißig Mann sehen, der quer über den Rasenplatz auf sie zukam. Sie marschierten schweigend und in guter Ordnung zu dreien nebeneinander. Mit Ausnahme von ein paar lustigen Kerlen machten sie alle Gesichter, als ob sie Andächtige wären, die eine religiöse Handlung vornähmen. Der ernste Eindruck der Prozession wurde durch die Anwesenheit eines Geistlichen in ihren Reihen verstärkt. Sonst waren es Leute der mittleren Klassen und ein paar Arbeiter. Sie trugen ein Banner mit der Inschrift: »Der Boden Englands dem ganzen Volke.« Es waren auch vier Frauen dabei, auf die Lady Brandon mit äußerstem Unwillen und Verachtung blickte. Kein Mann aus der Nachbarschaft hatte es gewagt, sich anzuschließen. Sie standen flüsternd auf der Landstraße und versuchten dann und wann über die Witze zweier Landstreicher zu lachen, die stehengeblieben waren, um sich den Spaß anzusehen, und die sich gar nichts aus Sir Charles machten.

Sir Charles stand etwas vom Wege ab auf dem Rasen und stritt sich ärgerlich mit einem Mann seiner eigenen Klasse, der die Hände in den Taschen seines gelbbraunen Anzugs mit dem Rücken nach der Bresche zu stand und mit stolzer Zufriedenheit die Prozession betrachtete. Lady Brandon vermutete sofort, daß dies der Mann aus Sallusts Hause sei. Die Ergebenheit der Menge -- die meisten machten ihr Platz und faßten an ihre Mützen -- gab ihr Mut. Sie schlug mit ihrer Peitsche heftig auf ihr Pferd ein und ritt, daß die Hufe trappelten und die Rasenstücke umherflogen, mitten auf ihren gelbbraunen Feind los, der schnell zur Seite springen mußte, um sich zu retten. Ein stürmisches Gelächter erscholl auf der Landstraße, und der Mann wandte sich scharf nach ihr um. Aber plötzlich lächelte er freundlich, steckte seine Hände wieder in die Taschen, nachdem er mit dem Hut gegrüßt hatte, und sagte:

»Wie geht es Ihnen, Miß Carpenter? Ich dachte, Sie wären eine Kavallerieattacke.«

»Ich bin nicht Miß Carpenter, ich bin Lady Brandon, und Sie sollten sich etwas schämen, Mr. Smilasch, daß Sie diese abscheulichen Menschen hergebracht haben.«

In seinen Augen lag ein beredtes Bedauern, daß sie nicht mehr Miß Carpenter sei. »Ich bin nicht Smilasch,« entgegnete er, »ich bin Sidney Trefusis. Ich hatte grade das Vergnügen, zum ersten Male mit Sir Charles zusammenzutreffen, und wir werden die besten Freunde sein, wenn ich ihn nur erst überzeugt habe, daß es schwerlich recht ist, sich eines Weges zu bemächtigen, der den Leuten gehört, und sie zu zwingen, einen Umweg von anderthalb Meilen um sein Besitztum zu machen, statt hier durchzugehen.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Herr,« bemerkte Sir Charles, »daß ich beabsichtige, noch einen kürzeren Weg anzulegen, und ich werde allen Arbeitern von guter Aufführung erlauben, zweimal täglich diesen Weg zu überschreiten. So können sie zu ihrer Arbeit gehen und abends zurückkehren, und ich will den Weg auf meine Kosten im Stande erhalten.«

»Danke sehr,« sagte Trefusis trocken. »Aber weshalb sollen wir Ihnen die Mühe machen, wenn wir selbst einen Weg haben, den wir fünfzigmal am Tag betreten können, falls wir dazu Lust verspüren, und auf dem uns kein Mann den Zugang verlegt, bis ihm einmal zufällig unsere Aufführung gefällt? Übrigens würde Ihr nächster Erbe sicherlich sofort den Weg schließen, wenn er das Besitztum anträte.«

»Wenn man ihnen einen Weg anbietet, werden sie erst recht unverschämt,« sagte Lady Brandon zu ihrem Gatten. »Warum hast du ihnen überhaupt etwas versprochen? Sie würden es nicht für eine Beschwerde halten, wenn sie anderthalb oder auch zwanzig Meilen gehen müßten, um ein Wirtshaus zu erreichen, aber um zu ihrer Arbeit zu kommen, da halten sie einen Weg von einem Meter schon für etwas Schreckliches. Vielleicht hätten Sie es auch gern, wenn wir ihnen unseren Wagen liehen, um darin zu fahren.«

»Ich zweifle nicht, daß sie es gerne hätten,« sagte Trefusis und sah sie freundlich an.

»Bitte, laß mich das in Ordnung bringen, Jane. Das ist kein Platz für dich. Begleite Erskine nach Hause, er muß sich hier --«

»Warum sorgt die Polizei nicht dafür, daß sie fortgehen?« fragte Lady Brandon, die zu erregt war, um auf ihren Mann zu hören.

»Bitte, Jane, sei still. Was können drei Mann gegen dreißig oder vierzig ausrichten?«

»Sie sollten jemand als Exempel für die andern herausgreifen.«

»Sie haben sich in der artigsten Weise erboten, mich festzunehmen, wenn Sir Charles den Haftantrag stellt,« sagte Trefusis.

»Nun also!« sagte Lady Jane und wandte sich zu ihrem Gatten. »Warum läßt du ihn -- oder sonst irgend jemand -- denn nicht verhaften?«

»Du verstehst davon nichts,« sagte Sir Charles mit dem quälenden Gefühl, sie mache ihn öffentlich lächerlich.

»Wenn du es nicht tun willst, will ich es tun,« fuhr sie fort. »Diese Frechheit, auf unsern Grund und Boden einzubrechen und unsere neue Mauer einzureißen! Das wäre ja noch schöner, wenn die Leute mit fremdem Eigentum tun könnten, was sie wollten. Ich will die ganze Gesellschaft verhaften lassen.«

»Würden Sie mich ins Gefängnis werfen lassen?« fragte Trefusis in melancholischem Tone.

»Ich habe nicht grade Sie gemeint,« sagte sie, sanfter werdend. »Aber ich werde den Geistlichen verhaften lassen, der müßte doch mehr Einsicht haben. Er ist der Anstifter der ganzen Geschichte.«

»Er wird entzückt sein, Lady Brandon. Er schmachtet nach dem Märtyrertum. Aber wollen Sie ihn wirklich in Haft geben?«

»Natürlich,« sagte sie heftig und bekräftigte ihre Versicherung, indem sie im Sattel auffuhr, so daß das Pferd unruhig wurde.

»Auf wessen Rechnung?« fragte er und tätschelte das Pferd, indem er zu ihr aufblickte.

»Das ist mir gleich, auf wessen Rechnung,« erwiderte sie und fühlte, daß er sie mit Bewunderung und nicht mit Mißvergnügen ansah. »Sie sollen ihn einfach mitnehmen, weiter nichts.«

Menschen zu Pferde sind so sehr Zentauren, daß jede Freiheit, die man sich mit den Pferden erlaubt, als gegen die Menschen gerichtet gelten können. Sir Charles sah, daß Trefusis den Braunen tätschelte, und er fühlte sich so sehr beschimpft, als ob Lady Brandon selbst getätschelt worden wäre. Dazu ärgerte er sich über sie, weil sie ihm solche Vertraulichkeit gestattete. Er atmete auf, als jetzt die Prozession näher kam. Sie hielt inne, und die Führer gingen zu Trefusis, der mit ernster Stimme sagte:

»Gentlemen, ich gratuliere Ihnen zu der Festigkeit, mit der Sie heute die Rechte des Volkes vertraten, da es sich darum handelte, die Benutzung eines der wenigen Stückchen Land zu verteidigen, die man uns noch nicht geraubt hat.«

»Gentlemen,« rief ein erregtes Mitglied der Prozession, »ein dreimaliges Hurra auf die Zurücknahme des englischen Landes durch das englische Volk! Hip, hip, hurra!«

Die Hurras wurden mit großer Begeisterung gegeben, und Sir Charles' Wangen färbten sich bei jeder Wiederholung dunkler. Er blickte ärgerlich auf den Geistlichen, aber der war jetzt ganz durch die Reize der Lady Brandon gefesselt, die ihre Verachtung über den Anblick der Menge durch ein Schmollen zum Ausdruck brachte, das ihren schönen Lippen entzückend stand.

Dann trat ein Arbeiter im mittleren Alter von der Landstraße auf den Rasen. Er hatte seinen Hut in der Hand, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und sagte: »Sehen Sie her, Sir Charles. Achten Sie nicht auf die Kerle. Kein Mann aus der Nachbarschaft ist dabei, keiner, der bei Ihnen oder auf Ihrem Land beschäftigt ist. Wir empfehlen uns Ihnen und der gnädigen Frau, und wir vertrauen Ihnen, daß Sie schon das tun, was für uns recht ist. Wir wollen keine Eindringlinge von Lunnon, die uns mit Ew. Gnaden in Unfrieden bringen, und --«

»Du erbärmlicher Hund,« schrie Trefusis wütend, »welches Recht hast du, seinen ungeborenen Kindern die Freiheit deiner ungeborenen Kinder fortzugeben?«

»Wir haben keine ungeborenen Kinder,« sagte Lady Brandon unwillig, »das zeigt wieder, wie wenig Sie davon wissen.«

»Auch bei mir sind keine,« sagte der Mann und war stolz, weil die gnädige Frau ihm half. »Und wer sind Sie, daß Sie mich einen Hund nennen?«

»Wer ich bin? Ich bin ein reicher Mann -- einer von euren Herren, und ich habe das Vorrecht, euch zu nennen, was ich will. Sie sind ein kriechender, halbverhungerter Sklave. Nun gehen Sie und suchen Sie beim Gesetz gegen mich Recht. Ich kann mir die Gesetze kaufen, um Sie zu ruinieren, und es würde mich weniger Geld kosten, als in Schottland Wild zu schießen oder hier Raubzeug. Wie gefällt Ihnen dieser Zustand? He?«

Der Mann war niedergedrückt. »Sir Charles wird mir beistehen,« sagte er nach einer Pause mit gezwungenem Vertrauen und einem ängstlichen Blick auf den Baronet.

»Wenn er das tut, nachdem er die Antwort gehört hat, die Sie mir gaben, weil ich für Ihre Sache eintrat, dann ist er ein größerer Narr, als ich es glaube.«

»Ruhig, ruhig,« sagte der Geistliche. »Man kann manche Entschuldigung für den armen Kerl finden.«

»Ich bin so ruhig, wie Sie wollen, gegen jeden, der im Herzen ein freier Mann ist,« sagte Trefusis. »Aber Sklaven muß man hetzen, und dieser Kerl ist ein Sklave bis ins Mark.«

»Trotzdem muß man nachsichtig sein. Er versteht nicht --«