Der Amateursozialist: Roman

Part 13

Chapter 133,627 wordsPublic domain

»Das ist ein Schwindel, den ich mir nie geträumt hätte,« sagte er. »Tränen und doch kein Kummer. Hier steh ich und weine! Ich werde immer sentimentaler! Und dabei bin ich froh, daß sie gegangen ist und mich freigemacht hat. Irgendwo steckt in mir das Triebwerk der Trauer. Bei ihrem Anblick beginnt es sich zu drehen, obgleich ich keinen Schmerz empfinde, grade so, wie sie das Getriebe der Leidenschaft in Bewegung setzte, wenn ich keine Liebe hatte. Aber das machte für sie keinen Unterschied. Wenn die Räder herumgingen, war sie zufrieden. Ich hoffe, das Getriebe des Kummers wird ebenso schnell nachlassen und stillstehen, wie es das andere Getriebe tat. Ich glaube, es steht schon still. Welch ein Unsinn! Solange es sich drehte, glaubte ich, ich sei betrübt. Und doch, würde ich sie wohl wieder zum Leben erwecken, wenn ich es könnte? Vielleicht, und darum bin ich dankbar, daß ich es nicht kann.« Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf das Fußende des Bettes und redete ernst auf die tote Figur ein. Sie beeinflußte ihn noch immer so stark, daß er all seinen Willen zusammennehmen mußte, um ihr mit Gemütsruhe ins Gesicht zu sehen. »Wenn du mich wirklich liebtest, ist es gut für dich, daß du tot bist -- wie konnte ich Idiot auch glauben, die Leidenschaft, die du armes Kind mir einflößtest, würde von Dauer sein. Jetzt sind wir beide glücklich. Ich habe mich von dir freigemacht, und du hast dich von dir selbst befreit.«

Er atmete jetzt freier und sah sich das Zimmer an, um sich durch eine gleichgültige Handlung und den alltäglichen Anblick der Schlafzimmereinrichtung in eine nüchterne Stimmung zu bringen. Er trat an das Kissen und neigte sich darüber, um das Gesicht genau zu betrachten.

»Armes Kind!« sagte er noch einmal in zärtlichem Tone. Dann redete er sich mit plötzlichem Stimmungswechsel statt seines Weibes selber an. »Armer Esel! Armer Idiot! Armer Affe! Hier liegt der Körper eines Weibes, das fast so alt war wie ich selbst und vielleicht vernünftiger, und ich stelle moralische Betrachtungen darüber an, als sei ich Gott der Allmächtige und sie ein kleines Kind! Je mehr man einen Mann daran erinnert, was er ist, desto eingebildeter wird er. Scheußlich! Ich werde mich sogleich für unsterblich halten.«

Mit einem schwachen Versuch, roh zu sein, berührte er ihre Wange und fühlte, wie kalt sie war. Dann berührte er seine eigene und sagte:

»Auch ich fliege auf dieses Ziel hin mit der reißenden Geschwindigkeit von sechzig Minuten in der Stunde.« Er stand da, die Augen auf ihr Gesicht gerichtet, und genoß lange Zeit die Bitterkeit seiner düsteren Betrachtung. Endlich ermannte er sich und sagte etwas heiterer:

»Schließlich ist sie ja gar nicht tot. Jedes Wort, das sie gesagt hat -- jeder Gedanke, den sie gefunden und geäußert hat, war ein unauslöschlicher und unzerstörbarer Eindruck.« Er hielt inne, überlegte wieder eine Zeitlang und fiel in seine trübe Stimmung zurück. »Und das Dutzend anderer Namen, die morgen mit ihr in der >Times< stehen? Auch ihre Worte liegen noch in der Luft, um die ganze Ewigkeit zu überdauern. Hm! Was die Luft mit Unsinn vollgepfropft sein muß? Zwei Töne heben sich manchmal gegenseitig auf, warum sollten sie nicht auf dieselbe Art auch Ideen gegeneinander aufheben. Nein, mein Lieb, du bist tot und dahin, und alles ist vorbei. Und auch ich werde bald genug tot und dahin sein, und alles ist vorbei, ehe ich noch Muße habe, mich mit Hoffnungen auf Unsterblichkeit zu narren. Arme Hetty! Nun leb wohl, mein Liebling. Wir wollen einen Augenblick denken, du könntest mich hören; ich weiß, daß dir das gefällt.«

Alles dieses sagte er in einem halbvernehmbaren Flüstern. Dann schwieg er, neigte sich über den Körper und sah ihn aufmerksam an. Selbst als er ihn genug betrachtet hatte und sich zum Gehen wandte, änderte er noch einmal seine Absicht, um sie noch eine Weile anzusehen. Dann richtete er sich auf und ging beruhigt und erfrischt mit festem Schritt aus dem Zimmer. Die Frau wartete draußen. Als sie sah, daß er nicht mehr so betrübt war wie beim Hereintreten, sagte sie:

»Hoffentlich sind Sie zufrieden, mein Herr!«

»Entzückt! Bezaubert! Die Arrangements sind außerordentlich hübsch und geschmackvoll. Sehr tröstlich.« Und er gab ihr einen halben Sovereign.

»Danke sehr,« sagte sie und machte eine Verbeugung. »Die arme, junge Lady! Sie hat so nach Ihnen verlangt, mein Herr. Sie sagte immerzu, Sie wären der einzige, der sich etwas aus ihr machte! Und wie wütend sie auf ihre Mutter war. >Sagt ihm, daß ich gefährlich krank bin,< rief sie, >und er wird kommen.< Das arme Ding wußte nicht, wie wahr ihre Worte waren. Und sie starb, ohne es zu erfahren!«

»Sie machte sich und mir Hoffnung. Glückliches Mädchen!«

»Lieber Himmel, ich weiß, was sie empfand. Ich habe viele Erfahrungen.« Hierbei trat sie ihm vertraulich näher und flüsterte: »Die Familie war gegen Sie, mein Herr, und sie wußte das. Aber sie wollte nicht auf sie hören. Wenn sie wohl genug war, um denken zu können, dann dachte sie an nichts als an Ihr Kommen. Und -- still! Da ist der alte Herr.«

Trefusis blickte sich um und sah Mr. Jansenius, dessen hübsches Gesicht blaß und entstellt von Kummer und Unruhe war. Er wich vor der hingestreckten Hand seines Schwiegersohnes zurück wie ein zu sehr gequältes Kind vor einem unzeitigen Versuch, es zu liebkosen. Trefusis hatte Mitleid mit ihm. Die Wärterin hustete und zog sich zurück.

»Haben Sie mit Mrs. Jansenius gesprochen?« fragte Trefusis.

»Ja,« antwortete Jansenius in beleidigendem Tone.

»Ich unglücklicherweise auch. Bitte, entschuldigen Sie mich bei ihr. Ich war ungezogen. Die Umstände hatten mich aus der Fassung gebracht.«

»Sie waren nicht aus der Fassung gebracht, mein Herr,« sagte Jansenius laut. »Sie scheren sich den Teufel darum.«

Trefusis wich zurück.

»Sie pfeifen auf meine Gefühle, und ich will auf die Ihrigen pfeifen,« fuhr Jansenius in demselben Tone fort. Trefusis blickte unwillkürlich nach der Türe, durch die er soeben hereingekommen war. Dann faßte er sich und sagte ruhig:

»Es macht nichts. Sie kann uns nicht hören.«

Bevor Jansenius antworten konnte, kam seine Frau die Treppe heraufgelaufen, faßte ihn beim Arm und sagte: »Sprich nicht mit ihm, John. Und Sie,« fügte sie, zu Trefusis gewandt, hinzu, »_wollen_ Sie machen, daß Sie fortkommen?«

»Was?« rief er und sah sie spöttisch an. »Ohne meine Leiche! Ohne mein Eigentum! Nun gut, es soll so sein.«

»Was wissen Sie von den Gefühlen eines achtbaren Mannes?« fuhr Jansenius fort und brach trotz der Anwesenheit seiner Frau von neuem in Wut aus. »Ihnen ist nichts heilig. Da sieht man, was Sozialisten für Kerle sind!«

»Und was Väter sind und was Mütter sind,« entgegnete Trefusis und verlor seine Selbstbeherrschung. »Ich glaubte, Sie liebten Hetty, aber jetzt sehe ich, daß Sie nur Ihre Gefühle und Ihre Achtbarkeit lieben. Der Teufel hole beides! Sie hatte ganz recht. Meine Liebe zu ihr, so unvollständig sie war, war doch noch größer als die Ihrige.« Und er verließ wütend das Haus.

Aber er blieb eine Weile auf der Straße stehen, um über sich selbst und über seinen Schwiegervater zu lachen. Dann nahm er einen Hansom und ließ sich zu seinem Rechtsbeistand fahren, denn er wollte mit ihm die Regelung der Angelegenheiten seiner Frau besprechen.

Zehntes Kapitel.

Am Tage vor dem Heiligen Abend wurden die Überreste Henrietta Trefusis' auf dem Highgate-Friedhof beerdigt. Drei Edelleute sandten ihre Wagen zu dem Begräbnis, und die Freunde und Kunden von Mr. Jansenius kamen in großer Zahl persönlich. Die Totenbahre war mit einer Überfülle kostbarer Blumen bedeckt. Der Leichenbestatter wußte, daß keine Kosten gespart werden sollten. Er hatte langschwänzige schwarze Pferde besorgt, mit schwarzen Decken auf den Rücken und schwarzen Federn auf den Köpfen. Die Kutscher waren mit Schleifen und langen Stiefeln geschmückt, sie trugen schwarze Kutschdecken, Mäntel und Handschuhe. Viele gemietete Leidtragende gingen mit. Sie wären aber sofort entlassen worden, hätten sie es gewagt, irgendeine Gemütsbewegung zu zeigen oder irgendwie ihre Aufgabe zu überschreiten, die darin bestand, daß sie Stäbe mit Messingspitzen in den Händen trugen und neben dem Leichenwagen hergingen.

Unter den echten Leidtragenden war Mr. Jansenius, der in Tränen ausbrach, als er etwas Erde in das Grab schüttete. Ferner der Knabe Arthur, den es verwirrte, daß er zum erstenmal in einem langen Rock an der Spitze eines öffentlichen Aufzuges marschierte, und der bei dem Anblick seines weinenden Papas das Gefühl hatte, er sei nicht so traurig, wie er es sein müßte. Dann ein Vetter, der einst Henrietta einen Heiratsantrag gemacht hatte und der jetzt, voll von tragischen Betrachtungen, in dem intensiven Genuß seiner Verzweiflung schwelgte.

Die übrigen erzählten sich flüsternd, wenn sie es in schicklicher Weise tun konnten, von einem befremdlichen Mangel in der Anordnung. Der Gatte der Verstorbenen fehlte. Familienmitglieder und näher stehende Freunde erfuhren durch Daniel Jansenius, der Witwer habe wie ein Lump gehandelt, und die Jansenius' gäben keine zwei Pfennige darum, ob er käme oder zu Hause bliebe. Trotz der Unschicklichkeit der Sache sei es ihnen sogar noch lieber, daß er sich fernhielte. Andere, die keinen Anspruch auf eine private Auskunft hatten, fragten den Vertreter des Leichenbestatters. Dieser meinte, der Gentleman wolle kein großes Leichenbegängnis haben, und auf die Frage -- warum denn? -- sagte er, wahrscheinlich, weil er die Ausgabe scheue. Da man aber hiergegen einwand, Mr. Trefusis sei sehr reich, so fügte der Leichenbestatter hinzu, er habe das auch gehört. Aber er glaube, das Geld stamme nicht von der Frau her, und die Leute verwendeten selten viel Geld auf ein Leichenbegängnis, außer wenn sie etwas durch den Tod erbten. Außerdem knauserten viele Menschen desto mehr, je mehr sie hätten. Bevor sich das Leichengefolge zerstreute, hatte sich der Bericht, den Mr. Jansenius' Bruder gegeben hatte, mit den Ansichten des Leichenbestatters vermischt, und aus dem Ganzen war eine Geschichte entstanden, Trefusis hätte seiner Freude über den Tod seiner Frau mit schrecklichen Flüchen Ausdruck gegeben, und zwar im Hause ihres Vaters, während ihre Leiche noch da lag, und er hätte sich geweigert, auch nur einen Pfennig für das Leichenbegängnis zu bezahlen.

Ein paar Tage später, als das Gerede über den Gegenstand schon nachließ, wurde es durch einen frischen Skandal neubelebt. Ein schriftstellernder Freund half Mr. Jansenius eine Grabschrift entwerfen und fügte ein paar hübsche und ergreifende Strophen hinzu. Von Henriettas Wesen wurde darin gerühmt, es sei von seltener Anmut und Tugendhaftigkeit gewesen, und ihre Freunde würden nie aufhören, über ihren Verlust zu trauern. Ein Geschäftsmann, der sich als Grabbildhauer bezeichnete, brachte ein Buch mit Abbildungen von Grabdenkmälern, und Mr. Jansenius wählte ein außerordentlich prächtiges heraus und erbot sich, die Hälfte der Kosten für seine Aufstellung zu bezahlen. Trefusis wandte hiergegen ein, die Grabschrift sei unwahr, und sagte, er sähe nicht ein, warum man grade auf Leichensteinen falsche Berichte veröffentlichen dürfte. Es wurde sogar berichtet, er habe seine frühere schlechte Aufführung noch übertrumpft, indem er seinen Schwiegervater einen Lügner nannte und einen ganz gewöhnlichen Grabstein in einem billigen Laden in Eastend bestellte. Er hatte tatsächlich den Monumentenhändler verächtlich einen >Ausbeuter< der Arbeit genannt und einen jungen Steinmetzgehilfen, ein Mitglied der Internationalen Vereinigung, gebeten, zur Befriedigung Jansenius' ein Grabdenkmal zu zeichnen.

Der Steinmetz brachte auch mit vieler Angst und Mühe einen Originalentwurf zustande. Trefusis billigte ihn und beschloß, ihn durch die Hand des Zeichners ausführen zu lassen. Er mietete ein Bildhaueratelier, besorgte nach den Angaben des Steinmetzen Marmorblöcke und lud ihn ein, sich sofort ans Werk zu machen.

Trefusis stieß jetzt auf eine Schwierigkeit. Er wollte dem Gehilfen grade den Wert seiner Arbeit bezahlen, nicht mehr und nicht weniger. Aber das ließ sich nicht berechnen. Der einzige Maßstab, den er hatte, war der Marktpreis, und den lehnte er ab, weil er nur durch den Wettbewerb von Kapitalisten entstanden war. Diese konnten ja ihren Profit nur erlangen, indem sie von den Arbeitern mehr Arbeitsprodukte erhielten, als sie ihnen bezahlten -- und ihre Kunden verführten sie zum Kaufen, indem sie ihnen einen Teil der unbezahlten Arbeit als Preisermäßigung überließen. Die Unternehmer gaben den Arbeitern die unentbehrlichen Mittel zum Arbeiten und Leben nur unter der Bedingung, daß sie der müßigen Unternehmerklasse den Lebensunterhalt gewährten und sich selbst mit einer viel niedrigeren Lebenshaltung begnügten. Darum war eine gerechte Bestimmung des Austauschwertes und ein ehrenhaftes Übereinkommen mit ihnen unmöglich. Trefusis mußte schließlich den Steinmetz fragen, wieviel er als anständige Bezahlung für die Ausführung des Entwurfs verlangen müßte, obgleich er wußte, daß der Mann das Problem ebensowenig lösen konnte wie er selbst. Denn wenn er auch soviel verlangte, als er zu bekommen hoffte, so wurde doch seine Forderung durch seine Armut und durch den Wettbewerb mit dem Grabsteinunternehmer begrenzt. Trefusis erledigte die Sache dadurch, daß er doppelt soviel gab, wie der andere gefragt hatte, und nur die Bedingung stellte, daß der Steinmetz die Arbeit selbst ausführen mußte und keinen Nebenverdienst hatte, indem er zum Marktpreis andere Arbeiter dafür mietete.

Der Entwurf aber sollte zum Erstaunen seines Zeichners noch besonders bezahlt werden. Der Steinmetz schwankte lange Zeit zwischen einer Forderung von zwei Pfund und zehn Schillingen und einer solchen von fünf Pfund, bis ihm ein Arbeitskollege, der ihn mit Whiskygrog traktiert hatte, Mut machte, die höhere Summe zu verlangen. Trefusis bezahlte das Geld sofort und gab sich dann daran, herauszufinden, was wohl ein ähnlicher Entwurf von der Hand eines hervorragenden Akademikers gekostet hätte. Da er zufällig einen Gentleman in dieser Stellung kannte, fragte er ihn und erhielt den Bescheid, daß er wahrscheinlich fünfhundert bis tausend Pfund gekostet hätte. Trefusis verhehlte nicht seine Ansicht, daß ihm die Forderung des Steinmetzgehilfen vernünftiger zu sein schiene, worauf ihn sein künstlerischer Freund etwas unwillig daran erinnerte, wie viele Jahre ein Akademiebildhauer darauf verwende, bis er seine Kunstfertigkeit so weit ausgebildet hätte. Trefusis entgegnete, die Lehrzeit eines Steinmetzen sei gradeso lang, doppelt so mühsam und nicht halb so angenehm. Der Künstler hatte sich bisher eingeredet, er sympathisiere mit Trefusis' sozialistischen Ansichten, aber jetzt begann er sie sowohl häßlich als auch gefährlich zu finden. Er fragte, ob denn nichts für das Talent bezahlt würde, und Trefusis entgegnete heftig, das Talent koste seinem Besitzer nichts, es sei die Erbschaft eines ganzen Geschlechts, die zufällig einem einzelnen Menschen zugefallen sei. Wenn nun dieser Mensch sein Monopol dazu benutze, um andern das Geld abzunehmen, so verdiene er nichts Besseres, als aufgehängt zu werden. Der Künstler verlor schließlich die Geduld und meinte, wenn Trefusis auch kein Gefühl dafür habe, daß die Vorrechte der Kunst göttlichen Ursprungs seien, vielleicht könne er aber doch begreifen, daß ein Maler kein solcher Narr sei, ein Grabdenkmal für fünf Pfund zu entwerfen, wenn er für ein gemaltes Porträt tausend Pfund erhalte. Trefusis erwiderte, schon diese Tatsache, daß jemand tausend Pfund für ein Porträt bezahle, bewiese, daß er das Geld nicht erarbeitet habe, und daß er daher ein Dieb oder ein Bettler sein müßte. Ein gewöhnlicher Arbeiter, der sechs Pence von seinem Wochenlohn opfere, um seinem Schatz eine billige Photographie zu schenken, oder einen Schilling für ein Paar Öldruckbilder oder Delfter Figuren, die er auf den Kamin stellen wollte, ein solcher Arbeiter lege sich, um in den Besitz eines Kunstgegenstandes zu kommen, eine größere Entbehrung auf als der Großgrundbesitzer oder Aktionär, der viel zu reich sei, um den Verlust der tausend Pfund zu spüren, die er für ein Bild wie Hogarths Jack Sheppard ausgebe, also für ein Bild, das nur Studenten der Kriminalphysiognomie interessiere. Jetzt entstand ein lebhafter Streit. Trefusis wies auf die Torheit der Künstler hin, daß sie sich einbildeten, sie seien eine priesterliche Kaste, während sie doch nur die Parasiten und begünstigten Sklaven der besitzenden Klasse seien. Sein Freund, der im Augenblick sein Feind war, spottete dagegen bitter über die Gleichmacher, die alles auf einen niedrigeren Stand bringen wollten, anstatt auf einen höheren. Schließlich waren sie des Zankens müde. Sie schämten sich ihrer scharfen Worte und speisten freundschaftlich miteinander zu Abend.

Das Grabmal wurde durch einen kleinen Trupp Arbeiter, die Trefusis als Arbeitslose entdeckt hatte, auf dem Highgate-Friedhof errichtet. Es trug folgende Inschrift:

=~Hier liegt~=

=~Henrietta Jansenius~=

=~Geboren am 26. Juli 1856~= =~Vermählt mit Sidney Trefusis am 23. August 1875~= =~Gestorben am 21. Dezember desselben Jahres.~=

Mr. Jansenius sah das für eine Beschimpfung des Andenkens seiner Tochter an, und da andere Familien, die durchaus nicht so hoch standen als die Janseniussche, noch viel größere Grabmäler hatten, so führte er es als Beweis für die Filzigkeit seines Schwiegersohnes an. Andere Leute bewunderten dagegen das Denkmal, und Trefusis hoffte, es würde seinem Schöpfer zum Wohlstand verhelfen. Doch das Gegenteil trat ein. Als der Steinmetz wieder an seine gewöhnliche Arbeit gehen wollte, teilte man ihm mit, er hätte die Handwerksgebräuche übertreten, und seine früheren Arbeitgeber wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Als er sich um Rat und Hilfe an die Gewerkschaft wandte, deren Mitglied er war, erhielt er dieselbe Antwort, und man warf ihm sogar Verrat an seinen Arbeitsgenossen vor. Er ging wieder zu Trefusis und sagte ihm, der Auftrag mit dem Grabstein hätte ihn ruiniert. Trefusis wurde wütend und schrieb einen polemischen Brief an die >Times<, der aber nicht gedruckt wurde, einen spöttischen an die Gewerkschaft, der nichts erreichte, und einen groben an die Unternehmer, worauf diese mit einer Beleidigungsklage drohten. Es blieb ihm nichts übrig, als den Mann an Kaminsimsen und andern Steinarbeiten in dem Trefusisschen Landgut zu beschäftigen. Nach einem oder zwei Jahren hatte sich der Steinmetz dank seiner freigebigen Bezahlungen soviel zurückgelegt, um sich als Unternehmer selbständig zu machen. Hierbei begann er sehr schnell reich zu werden, denn er wußte durch Erfahrung ganz genau, wie viel man von den Arbeitern erzwingen konnte, und wie wenig man ihnen zu geben brauchte. Dann begann er sich für die Tugenden der Sparsamkeit, der Enthaltsamkeit und des ausdauernden Fleißes zu interessieren, und er verließ die internationale Vereinigung, deren begeisterter Anhänger er als einfacher, arbeitender Steinmetzgehilfe gewesen war.

Inzwischen ging Agathas Schulleben zu Ende. Ihren Entschluß, noch ein Semester eifrig in der Anstalt zu studieren, hatte sie nicht gefaßt, weil sie gebildet werden wollte, sondern um Smilasch mehr würdig zu sein. Und als sie die Wahrheit über ihn von seinen eigenen Lippen hörte, wurde ihr die Idee, noch einmal an den Schauplatz dieser Demütigung zurückzukehren, unerträglich. Sie verließ Alton unter dem Eindruck, ihr Herz sei gebrochen, denn ihre brennende Eitelkeit wollte natürlich nicht begreifen, daß sie selbst die Ursache dieser Kränkung war. So sagte sie denn Miß Wilson adieu, und die Biene an der Fensterscheibe wurde nicht mehr in der Altonschule gehört.

Die Nachricht von Henriettas Tod erschütterte sie um so mehr, weil sie gegen ihren Willen glücklich war, daß die einzige Person, die außer Smilasch von ihrer närrischen Liebe zu ihm wußte, nun für immer schwieg. Dies schien ihr eine schreckliche Entdeckung ihrer eigenen Verdorbenheit zu sein. Sie wurde darüber fast religiös und machte ihrer Mutter wegen ihrer Gesundheit Sorge. Die Mutter konnte ihre ungewohnte Ernsthaftigkeit nicht begreifen und besonders auch nicht ihren Entschluß, über das häßliche Benehmen Trefusis' nicht zu reden, das jetzt den vorwiegenden Gesprächsstoff in der Familie bildete. Agatha lauschte schweigend den geschwätzigen Auseinandersetzungen über seine Flucht von seiner Frau, seine herzlose Gleichgültigkeit bei ihrem Verscheiden, seine Heftigkeit und gemeine Sprache an ihrem Totenbette, seine Geizigkeit, seinen gehässigen Widerstand gegen die Wünsche der Jansenius', seinen billigen Grabstein mit der beleidigenden Aufschrift, seine Verbindung mit gewöhnlichen Arbeitern und niedrigen Demagogen, seine vermutliche Teilnahme an einer geheimen Gesellschaft zur Ermordung der Königlichen Familie und zu Dynamitattentaten auf die Armee, seine atheistische Glaubenslosigkeit, die er in einer Schmähschrift an die Geistlichkeit gezeigt hatte, als er sich gegen eine Darlegung des Erzbischofs von Canterbury, nur durch geistige Hilfe könnte die Lage der Armen in Eastend gebessert werden, wandte, und schließlich die Hauptschande, sein Versuch, den Gerichtshof in Old Bailey in aufrührerischer Weise zu beschimpfen, was ihm eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten eintrug. Leider befreite ihn die Genialität seines Anwalts von dieser Strafe, denn dieser entdeckte einen Schreibfehler in der Klageschrift, und es gelang ihm unter großen Kosten für Trefusis, daß das Urteil für ungültig erklärt wurde. Agatha wurde zuletzt müde, immer nur von seinen Missetaten zu hören. Sie hielt ihn zwar für herzlos, selbstsüchtig und verführt, aber sie wußte, daß er kein lärmender, roher, eingebildeter und unwissender Zänker war, wie es die meisten Klatschschwestern ihrer Mutter glaubten. Sie fühlte sogar, wenn auch widerstrebend, eine Art Dankbarkeit gegen die wenigen, die es wagten, ihn zu verteidigen.

Die Vorbereitungen zu ihrer ersten Ballsaison halfen ihr, ihr Mißgeschick zu vergessen. Sie wurde zur gehörigen Zeit in die Gesellschaft eingeführt und fand alles sehr langweilig. Manchmal wurde bei ihr dieses Gefühl so stark, daß sie sich fragte, ob sie wohl je wieder glücklich sein würde. Auf der Schule hatte es Kameradschaftlichkeit gegeben, Spaß, Regeln und Vorschriften, die den Willen stärkten, wenn man sie beobachtete, und eine entzückende Aufregung brachten, wenn man sie übertrat. Da war man frei von Förmlichkeit gewesen, konnte Zuckerzeug machen, das Geländer hinabfliegen und einer ganzen Schar Mädchen den Soldat im Kamin vorführen. In der Gesellschaft gab es lächerliche Gespräche, die eine halbe Minute dauerten, oberflächliche Bekanntschaften, die sich auf solchen halben Minuten gründeten, ein allgemeines wechselseitiges Mißtrauen, dicht gedrängte Menschenmengen, ungenügende Ventilation, schlechte Musik, die dazu schlecht gespielt wurde, langes Aufbleiben, ungesundes Essen, vergiftende Liköre, ein eifersüchtiger Wettbewerb in nutzlosen Ausgaben, Jagd nach einem Mann, Flirten, Tanzen, Theater und Konzerte. Die letzten drei Dinge liebte Agatha, und sie machten ihr den Unterschied zwischen Alton und London erträglich, aber sie hatten ihre Schattenseiten, denn gute Partner beim Tanzen und gute Aufführungen der geistlosen Opern und Musikstücke waren bedauerlich selten. Flirten konnte sie nicht ertragen. Sie trieb die Männer weg, sobald sie zärtlich wurden, denn sie sah in ihnen die Falschheit Smilaschs ohne seinen Geist. Die jüngeren Herren ihres Bekanntenkreises hielten sie für ungeschliffen. Sie unterhielten sich über Agathas schlechte Manieren und beschlossen sie dadurch zu bestrafen, daß sie sie nicht mehr zum Tanze holten. So wurde sie, ohne zu wissen auf welche Weise, die Aufmerksamkeiten los, aus denen sie sich auch nicht das geringste machte, denn sie behielt die grausame Verachtung der Schulmädchen für >Jungens< bei. Sie genoß jetzt, so gut sie es konnte, die Gesellschaft älterer oder vernünftigerer Männer, die nicht so unduldsam gegen Mädchen waren.