Der Amateursozialist: Roman

Part 10

Chapter 103,741 wordsPublic domain

»Danke,« sagte sie ärgerlich. »Ich kann sehr gut Schlittschuh laufen und glaube nicht, daß Sie mir viel helfen können.« Und sie glitt vorsichtig davon, denn sie fühlte, daß ein Hinfallen nach solchen Worten für sie beschämend sein müßte.

Er stand am Ufer, lauschte auf den knirschenden, jagenden Ton der Schlittschuhe und beobachtete die immer kühneren Schleifen, die sie in das Eis einschnitten. Allmählich wurden die Mädchen warm und gewöhnten sich an das Laufen. Sie lachten, scherzten und schrien sorglos, wenn sie gegeneinander stießen, und segelten die ganze Länge des Teichs hinunter vor dem Wind in einer gefährlichen Schnelligkeit. Je ausgelassener sie wurden, desto finsterer blickte Smilasch.

»Kein Unterschied zwischen ihnen und einer Auswahl Zweipennypuppen,« sagte er. »Nur daß einige von ihnen sich bewußt sind, daß ein Mann sie beobachtet, obgleich es nur ein lumpiger Arbeiter ist. Sie erinnern mich in jeder Beziehung an Henrietta. Ob ich jetzt wohl lachen würde, wenn die ganze Eisdecke in tausend Stücken unter ihnen zusammenbräche?«

Grade jetzt krachte das Eis mit einem bedenklichen Knall, und die Schlittschuhläuferinnen, mit Ausnahme von Jane, flogen nach allen Richtungen auseinander.

»Jane, du brichst das ganze Eis in Stücke!« rief Agatha aus sicherer Entfernung. »Wie kann es dein Gewicht tragen?«

»Ihr Narrenpack!« entgegnete Jane unwillig. »Das Knacken zeigt nur, wie stark es ist.«

Der Schreck, den Smilasch bei dem Krachen empfunden hatte, beantwortete ihm seine eigene Frage. »Man sollte sich das merken: Wünsche, die auf die Vernichtung des Menschengeschlechts ausgehen, können noch so vernünftig und ernst gemeint sein, sie sind gegen die Natur,« sagte er, als er seine Fassung wiedergefunden hatte. »Übrigens, was wäre ich wohl für ein prachtvoller Narr, wenn ich in einer internationalen Vereinigung von Menschen mitarbeitete, die nur zerstören wollen! He, Lady! Ein Wort, Miß!« Dies galt Miß Ward, die in der Nachbarschaft vorbeiglitt. »Es ist so 'n kalter Morgen und ich habe nur armseliges und gewöhnliches Blut, sehn Sie es als eine Freiheit an, wenn ich hier etwas mitlaufe oder wenn ich in einer Ecke ganz für mich übe?«

»Sie können da oben laufen, wenn Sie wollen,« sagte sie, nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte, und wies nach einem verlassenen Fleck am hinteren Ende des Teichs, wo das Eis zu uneben war, als daß man da bequem laufen konnte.

»Ein nobler Vorschlag!« rief er grinsend und eilte nach dem angewiesenen Platz. Das Schlittschuhlaufen war hier nicht möglich, und so glitt er ein paarmal auf und ab und machte sich so lange Bewegung, bis sein Gesicht glühte und seine Finger in der frostigen Luft juckten. Die Zeit verging schnell. Als Miß Ward zu ihm hinschickte, er solle ihre Schlittschuhe abnehmen, entstand ein allgemeines Klagen und Erklären, es könnte unmöglich schon halb neun sein. Smilasch kniete vor dem Feldstuhl hin und war sofort eifrig beim Aufschnallen und Abschrauben. Als Jane an die Reihe kam, krachte der Stuhl unter ihrem Gewicht. Agatha machte ihr wieder Vorstellungen, schalt sich aber sofort selbst wegen ihrer Redseligkeit in Smilaschs Gegenwart, denn sie wollte auf ihn den Eindruck eines tiefen, ernsthaften Charakters machen.

»Der feinste Fuß in der Gesellschaft,« sagte er kritisch, indem er ihren Fuß zwischen Zeigefinger und Daumen hielt, als ob er irgendeine Kostbarkeit sei, die er beurteilen müßte. »Und er gehört der am feinsten gebauten Dame.«

Jane riß errötend ihren Fuß weg und sagte: »Wirklich! Ich bin gespannt, was jetzt kommt.«

»Der andere Fuß,« antwortete er und machte sich an den zweiten Schlittschuh. Als er ihn losgeschraubt hatte, blickte er zu ihr auf, und sie warf ihm beim Aufstehen einen Blick zu, der zeigte, daß sie sein Kompliment (ihre Füße waren wirklich klein und hübsch) gewürdigt hatte.

»Gestatten Sie, Miß,« sagte er zu Gertrude, die an Agatha gelehnt auf einem Beine stand und sich selbst die Schlittschuhe auszog.

»Nein, danke sehr,« sagte sie kühl. »Ich brauche Ihre Hilfe nicht.«

»Ich weiß wohl, daß mein Anerbieten vermessen war,« entgegnete er mit einer Selbstzufriedenheit, die seinem Bekenntnis der Unterwürfigkeit etwas Aufreizendes gab. »Wenn alle Schlittschuhe abgeschnallt sind, werde ich sie nach Anordnung Miß Wilsons mit dem Feldstuhl nach der Anstalt zurückbringen.«

Miß Ward gab ihm ihre Schlittschuhe und wandte sich fort. Gertrude legte ihre auf den Stuhl und ging mit Miß Ward. Die andern folgten, und er konnte auf einen Haufen Schlittschuhe starren und überlegen, wie er sie am besten trüge. Er fand keinen besseren Plan, als die Riemen zu verbinden und die Schlittschuhe in einer Kette über die Schultern zu hängen. Als er das endlich fertig gebracht hatte, waren die jungen Damen längst verschwunden, und sein Plan, auf der Rückkehr zur Anstalt ihre Gesellschaft zu genießen, war vereitelt. Sie waren schon im Schulgebäude verschwunden, bevor er es auch nur zu sehen bekam.

Er ärgerte sich über seine eigene Torheit und ging zum Dienstboteneingang, um dort zu klingeln. Als die Türe geöffnet wurde, sah er Miß Ward hinter dem Dienstmädchen stehen, das ihn eingelassen hatte.

»Oh,« sagte sie und blickte auf die Kette von Schlittschuhen, als ob sie schwerlich erwartet hätte, sie noch einmal wiederzusehen, »Sie haben ja unsere Sachen zurückgebracht.«

»Ganz nach meinem Auftrag,« sagte er, denn ihr Benehmen machte ihn bestürzt.

»Sie hatten ja gar keinen Auftrag. Wie können Sie unter einem falschen Vorwande unsere Schlittschuhe in Verwahrung nehmen? Ich wollte grade zur Polizei schicken, daß sie sie Ihnen wieder abnehmen sollte. Wie konnten Sie mir sagen, Sie hätten den Auftrag, mir zu helfen, wenn Sie selbst ganz gut wußten, daß es nicht wahr war?«

»Ich kann nicht dafür, Miß,« entgegnete er unterwürfig. »Ich bin ein natürlicher, geborener Lügner -- ich war es immer. Ich weiß, das muß Ihnen schrecklich erscheinen, da Sie nie in Ihrem Leben gelogen haben und kaum wissen, was eine Lüge ist, denn Sie gehören zu einer Gesellschaftsklasse, in der man nie lügt. Aber die gewöhnlichen Leute lügen so leicht, wie eine Ente schwimmt. Ich bitte Sie ganz demütig um Verzeihung, Miß, und ich hoffe, die jungen Ladys können ein Paar Schlittschuhe von dem andern unterscheiden, denn ich kann es verdammt nicht.«

»Legen Sie sie hin. Miß Wilson wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie gehen. Susanna, zeigen Sie ihm den Weg.«

»Hoffentlich haben Sie mich armen Kerl nicht in Verlegenheit gesetzt, Miß?«

»Miß Wilson weiß, wie Sie sich betragen haben.«

Er lächelte sie wohlwollend an und folgte Susanna zur Treppe hinauf. Unterwegs trafen sie Jane, die ihn verstohlen anblickte und grade vorbeieilen wollte, als er sagte:

»Wollen Sie nicht ein paar Worte bei Miß Wilson für einen armen, gewöhnlichen Burschen einlegen, geehrte junge Lady? Ich bin in schreckliche Verlegenheit gekommen, weil ich so frei war, Ihnen heute morgen zu helfen.«

»Geben Sie sich keine Mühe, so zu sprechen,« erwiderte Jane scharf. »Wir wissen alle, daß Sie sich nur verstellen.«

»Nun, Sie können ja meine Gründe erraten,« flüsterte er und sah sie zärtlich an.

»Solch ein Quatsch und Unsinn! So was hab ich in meinem Leben noch nicht gehört,« sagte Jane und rannte davon. Sie war jetzt fest davon überzeugt, daß er diese niedrige Stellung angenommen hatte, um Einlaß in die Anstalt zu finden und das Glück zu genießen, sie zu sehen.

»Ich bin ein verdammter Narr!« sagte er zu sich selbst. »Ich kann doch keine fünf aufeinanderfolgende Minuten wie ein vernünftiger Mensch handeln.«

Das Dienstmädchen führte ihn zu dem Arbeitszimmer und meldete: »Hier ist der Mann, Madame.«

»Jeff Smilasch,« fügte er erklärend hinzu.

»Herein!« sagte Miß Wilson streng.

Er trat hinein und verjagte den entschlossenen, ernsten Blick, den sie ihm von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch zuwarf, indem er höflich sagte:

»Guten Morgen, Miß Wilson.«

Sie verneigte sich unwillkürlich, als ob sie einen Gentleman empfing. Dann faßte sie sich und machte ein unerbittliches Gesicht.

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten,« sagte er, »weil ich unerlaubterweise heute früh Ihren Namen gebraucht habe -- indem ich tatsächlich log. Es geschah beim Schlittschuhlaufen, als die jungen Damen herunterkamen. Sie brauchten eine Hilfe und hätten sie schwerlich von einem gewöhnlichen Mann angenommen -- verzeihen Sie, daß ich den langweiligen Ausdruck unseres Bekannten Smilasch übernehme. So beruhigte ich sie, indem ich ihnen erzählte, Sie hätten mich beauftragt. Andererseits haben Sie mir ein schlechtes Zeugnis ausgestellt -- natürlich kein schlechteres, als ich verdiene -- und so würden sie sich offenbar geweigert haben, mich damit zu beauftragen. Schließlich hätte ich auch eine Bezahlung annehmen müssen, die ich natürlich nicht brauchte.«

Miß Wilson stellte sich erstaunt. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie.

»Nicht ganz und gar,« sagte er lächelnd. »Aber Sie verstehen, daß ich ein sogenannter Gentleman bin.«

»Nein. Die Gentlemen, mit denen ich verkehre, kleiden sich nicht so wie Sie, sprechen nicht so wie Sie und handeln auch nicht so wie Sie.«

Er blickte sie an, und ihr Gesichtsausdruck bestätigte die Feindseligkeit, die in ihrem Ton lag. Er nahm sofort in verstärktem Maße das Wesen Smilaschs an.

»Ich will nicht mehr versuchen, mich als Gentleman aufzuspielen,« sagte er. »Ich bin ein gewöhnlicher Mann, und Eurer Gnaden Blick erkennt mich als solchen und ist nicht zu täuschen. Aber kommen Sie mir nicht damit, zu sagen, ich sei nicht ehrlich, wenn ich so ehrlich bin, wie Sie es mir nur erlauben. Es ist doch kein Verbrechen, wenn ich den jungen Ladys die Schlittschuhe anziehe und ihnen den Feldstuhl trage.«

»Wenn Sie ein Gentleman sind,« sagte Miß Wilson errötend, »dann ist Ihre Art, wie Sie in meiner Gegenwart bei diesen Possen beharren, beleidigend für mich. Höchst beleidigend.«

»Miß Wilson,« entgegnete er unbewegt, »wenn Sie auf Smilasch bestehen, sollen Sie Smilasch haben. Es macht mir ein närrisches Vergnügen, ihn darzustellen. Wenn Sie Sidney wollen -- mein wirklicher Vorname -- er steht Ihnen zur Verfügung. Aber erlauben Sie, daß ich das sage, Sie müssen entweder den einen oder den andern wählen. Wenn Sie offen zu mir sprechen, dann werde ich verstehen, daß Sie sich an Sidney wenden. Wenn Sie zurückhaltend und streng sind, an Smilasch.«

»Es ist mir gleich, welches Ihr Name ist,« sagte Miß Wilson sehr verdrießlich. »Ich verbiete Ihnen, hierher zu kommen und mit den Mädchen, die in meiner Obhut sind, in irgendeine Verbindung zu treten.«

»Warum?«

»Weil ich das so will.«

»Das ist ein sehr gewichtiger Grund, Miß Wilson. Aber das sind nicht die Grundsätze der moralischen Beeinflussung, von der Sie in Ihrem Anstaltsprospekt reden. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen.«

Miß Wilson war seit ihrem Streit mit Agatha empfindlich in bezug auf die moralische Beeinflussung. »Niemand ist hier zugelassen,« sagte sie, »ohne eine vertrauenswürdige Einführung oder Empfehlung. Eine Verkleidung ist kein genügender Ersatz für eines von diesen.«

»Verkleidungen werden im allgemeinen gewählt, um Verbrechen zu verbergen,« bemerkte er kurz.

»Das werden sie auch,« sagte sie mit Ausdruck.

»Darum habe ich, um auch das noch zu sagen, einen zweifelhaften Charakter. Nun hat sich zwischen mir und einigen Schülerinnen eine flüchtige Bekanntschaft gebildet, die Sie, wie es scheint, mißbilligen. Sie haben mir keinen genügenden Grund angegeben, warum ich die Bekanntschaft aufgeben soll, und Sie können mich nur durch Ihre Wünsche beeinflussen, die aber gewöhnlich auf zweifelhafte Charaktere keinen starken Eindruck machen. Angenommen, ich mißachte Ihren Wunsch, und eine oder zwei Schülerinnen kommen zu Ihnen und sagen: >Miß Wilson, nach unserer Meinung ist Smilasch ein prächtiger Mensch. Man gewinnt durchaus bei seiner Unterhaltung. Da es Ihr Grundsatz ist, daß wir nach unserm eigenen Urteil handeln können, so wollen wir die Bekanntschaft mit Smilasch weiter fortsetzen.< Wie werden Sie in dem Falle handeln?«

»Ich werde sie sofort zu ihren Eltern zurückschicken.«

»Ich sehe, Sie haben dieselben Grundsätze wie die englische Kirche. Sie gestatten Ihren Schülerinnen das Recht der eigenen Meinung unter der Bedingung, daß sie zu denselben Schlüssen kommen wie Sie selbst. Entschuldigen Sie meine Bemerkung, daß die an sich ausgezeichneten Grundsätze der englischen Kirche nicht dieselben sind, wie ich sie bei Ihnen nach Ihrem Prospekt erwartet habe. Ihr Plan ist einfach ein starrer Zwang.«

»Das kann ich nicht zugeben,« sagte Miß Wilson, denn sie war stets bereit, ihr System zu verteidigen, selbst gegen Smilasch. »Die Mädchen haben die vollständige Freiheit, nach ihrem eigenen Gutdünken zu handeln, aber ich behalte mir die gleiche Freiheit vor, sie von der Anstalt zu entfernen, wenn ich ihr Benehmen nicht billigen kann.«

»Ganz recht. Auf den meisten Schulen haben die Kinder die vollständige Freiheit, ihre Aufgaben zu lernen oder nicht zu lernen, ganz wie sie wollen. Aber der Lehrer beansprucht die gleiche Freiheit, sie zu prügeln, wenn sie diese Aufgaben nicht wiederholen können.«

»Ich schlage meine Schülerinnen nicht,« sagte Miß Wilson unwillig. »Der Vergleich ist beschimpfend.«

»Aber Sie jagen sie fort. Und da sie an Ihnen und an der Anstalt hängen, ist diese Entlassung eine gefürchtete Strafe. Sie haben das alte System, Gesetze aufzustellen und deren Beobachtung durch Strafen zu erzwingen. Wenn die Altonschule den andern überlegen ist, so liegt das nicht an einem Unterschied im System, sondern an den verhältnismäßig vernünftigen Vorschriften und an der Milde und Rücksicht, mit der diese Vorschriften erzwungen werden.«

»Mein System ist von Grund aus verschieden von dem alten. Doch ich will mich mit Ihnen nicht darüber streiten. Ein Kopf, der mit den Vorurteilen der alten Zwangserziehung ausgefüllt ist, sieht natürlich in meinem System nur eine Wiederholung des alten, anstatt einer vollkommenen Umkehrung und Neubildung.«

Er schüttelte traurig seinen Kopf und sagte: »Sie wollen andern Ihre Ansichten aufdrängen, indem Sie die Widerspenstigen in Bann tun. Glauben Sie mir, die Menschen haben nie etwas anderes getan, seit sie begannen, sich mit Ideen zu befassen. Man hat gesagt, ein wohlwollender Despotismus sei die beste Regierungsform, die möglich ist. Ich glaube nicht an diesen Satz, weil ich an einen andern glaube, daß die Hölle mit Wohlwollen gepflastert ist, was die meisten Menschen, denen dieser Satz zu tief ist, dahin mißverstehen, die Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Als ob ein wohlwollender Despot durch einen Irrtum nicht sein ganzes Königreich zerstören und dann wie Romeo, der seinen Freund getötet hat, ausrufen könnte: >Ich dacht' es gut zu machen!< Entschuldigen Sie meine Abschweifung. Ich wollte sagen, obgleich Sie wohlwollend und gerecht sind, sind Sie doch ein Despot.«

Miß Wilson, der keine treffende Antwort einfiel, bedauerte, daß sie ihn nicht kurzerhand entlassen hatte, bevor er so weit die Oberhand gewinnen konnte. Nun aber war sie in einen Wortstreit verwickelt und fand keinen Weg, ihn mit Würde zu beendigen. Er half ihr, indem er unerwartet hinzufügte:

»Ihr System war die Ursache meiner törichten Heirat. Meine Frau erhielt hier durch ihre Erziehung einen Grad von Kultur und Vernünftigkeit, daß man glaubte, sie stände über den schnatternden Plaudertaschen, die die Blüte der weiblichen Gesellschaft bilden. Ich bewunderte ihre dunklen Augen und schloß nur zu gern aus ihrer Erziehung, daß wir nicht nur eine leibliche, sondern auch eine geistige Verbindung eingehen würden.«

Miß Wilson war erstaunt und beschloß, ihm kühl zu sagen, sie habe keine Zeit mehr. Aber während sie das aussprechen wollte, überkam sie die Neugierde, und sie sagte nur: »Wer war es?«

»Henrietta Jansenius. Jetzt Henrietta Trefusis, und ich bin Sidney Trefusis, wenn ich mich Ihnen anvertrauen darf. Ich sehe, ich habe endlich Ihr Mitgefühl geweckt.«

»Unsinn!« sagte Miß Wilson schnell, denn in ihr Erstaunen mischte sich wirklich ein Gefühl, daß er sich an Henrietta fortgeworfen habe.

»Ich lief von ihr fort und wählte diese Einsamkeit und diese Verkleidung, um ihr nicht mehr zu begegnen. Es ging mir, wie es immer geht, wenn man zu vorsichtig ist. Ich rannte gradenwegs in ihre Arme -- oder vielmehr sie rannte in meine. Sie erinnern sich der Szene, die Ihnen sehr seltsam vorkam.«

»Sie scheinen Ihre Eheschließung für keine wichtige Sache zu halten, Mr. Trefusis. Darf ich Sie fragen, wer eigentlich an der Trennung Schuld hatte? Natürlich Henrietta.«

»Ich habe ihr nichts vorzuwerfen. Ich erwartete, sie würde ein heftiges Wesen haben, aber das war nicht der Fall -- ihr Benehmen war tadellos. Ich betrug mich ebenso. Unser Glück war vollkommen, aber leider bin ich nicht für häusliches Glück geschaffen -- jedenfalls ertrug ich es nicht lange -- so floh ich, und als sie mich wiedergefunden hatte, konnte ich ihr keine Entschuldigung für meine Flucht geben. Immerhin machte ich ihr klar, daß ich unsere eheliche Verbindung jetzt noch nicht wieder aufnehmen wollte. Wir schieden nicht im besten Einvernehmen. Ich hatte die beste Absicht, ihr einen süßen Brief zu schreiben, damit sie mir trotz allem vergeben sollte, aber nun sind die Wochen dahingegangen, und ich bin noch immer bei der Absicht. Sie hat nicht mehr geschrieben und ich auch nicht. Nicht wahr, Miß Wilson, das ist ein hübscher Zustand nach allen ihren Vorzügen, die sie unter der moralischen Beeinflussung und höhern Frauenerziehung erworben hat?«

»Nach dem, was Sie selbst zugegeben haben, scheint die Schuld an Ihrer eigenen moralischen Erziehung zu liegen, nicht an der Henriettas.«

»Die Schuld liegt an den Umständen unserer Verbindung. Warum sie mich im Anfang so mächtig angezogen und nachher so entsetzlich abgestoßen hat, das ist eins von jenen Teufelsrätseln, die wir nicht entwirren können, bis wir hinter die feinsten Winkelzüge unserer geheimen Schlechtigkeit gekommen sind. Doch ich fürchte, ich nehme Ihnen Ihre Zeit. Sie wollten Smilasch sprechen, und dessen Persönlichkeit habe ich doch jetzt vernichtet. Vor der Öffentlichkeit aber muß ich diese Possen weiter treiben. Noch eins. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich für den Viehhirten interessieren, dessen Weib Sie in der Sturmnacht aufnahmen?«

»Er versicherte mir, ehe er seine Frau abholte, daß er eine gut eingerichtete Wohnung in Lyvern gefunden habe.«

»Ja. Eine wirklich sehr gut eingerichtete. Für eine halbe Krone die Woche durfte er mit zwei anderen Familien ein geräumiges Zimmer teilen in einem Hause, das schwerlich in besserem Zustande war als seine durch den Sturm zerstörte Hütte. Dieses Haus, das zehn Zimmer hat, bringt seinem Eigentümer über zweihundert Pfund im Jahr, also mehr als die Miete für ein bequemes herrschaftliches Wohnhaus in South Kensington. Es ist etwas beschwerlich, die Miete einzusammeln, aber dafür hat man auch keine Ausgaben für Reparaturen und sanitäre Einrichtungen, die man in Mietskasernen für überflüssig hält. Unser Freund muß drei Meilen bis zu seiner Arbeitsstätte gehen und drei Meilen zurück. Bewegung ist eine prächtige Sache für Studenten und Bureaumenschen, aber für einen Viehtreiber, der den ganzen Tag auf den Feldern zugebracht hat, ist ein langer Marsch nach beendeter Arbeit etwas zu viel des Guten. Er bat um eine Lohnerhöhung zum Ausgleich für den Verlust der Hütte, aber Sir John deutete ihm an, wenn er nicht mit seiner Stellung zufrieden sei, die könnte er leicht durch einen weniger anspruchsvollen Viehtreiber ausfüllen. Sir John ließ sich sogar so weit herab, zu erklären, daß er als Unternehmer durch die Gesetze der Sozialökonomie gezwungen sei, die Arbeit auf dem billigsten Markte einzukaufen, und unser armer Freund, der in ökonomischer Beziehung ebenso unwissend wie Sir John ist, wußte natürlich nicht, daß das falsch sei. Da aber die Arbeit augenblicklich überall so billig im Preis steht -- Downing-Street und einige andere bevorzugte Plätze vielleicht ausgenommen -- so riet ich unserm Freund, er sollte irgendwohin gehen, wo sein Marktpreis höher ist als in dem lustigen England. Er war gern bereit dazu, doch es fehlten ihm die Mittel. Darum borgte ich ihm eine Kleinigkeit, und er ist jetzt auf dem Wege nach Australien. Arbeiter sind die Gänse, die die goldenen Eier legen, aber sie fliegen manchmal davon. Ich höre einen Gong anschlagen. Das erinnert mich, wie schnell die Zeit vergeht und welchen Wert sie für Sie hat. Guten Morgen.«

Miß Wilson hatte plötzlich das Gefühl, sie dürfte ihn nicht gehen lassen, ohne an seine bessere Natur appelliert zu haben. »Mr. Trefusis,« sagte sie, »entschuldigen Sie, aber vergessen Sie nicht in Ihrer Großmut gegen andere etwas -- Ihre Pflicht gegen sich selbst? Und --«

»Es ist die erste und härteste aller Pflichten!« erklärte er. »Ich bitte Sie um Verzeihung, weil ich Sie unterbrochen habe. Ich wollte mich nur schuldig bekennen.«

»Ich kann nicht zugeben, daß es die erste aller Pflichten ist, aber es ist manchmal vielleicht die härteste, wie Sie es nennen. Sie könnten aber viel billiger gegen sich handeln, ohne sich all diese Mühe zu geben. Wenn Sie ein niedriges Leben führen wollen, dann brauchen Sie sich doch nicht für einen ungebildeten Mann auszugeben und nicht solchen lächerlichen Namen anzunehmen. Warum in aller Welt nennen Sie sich Smilasch?«

»Ich gebe zu, daß der Name ein Fehlgriff war. Ich habe mir viele Mühe bei seiner Konstruktion gegeben, denn ich wollte einen angenehmen Eindruck machen. Smilasch sollte heiter und freundlich klingen. Statt dessen reizt es nur. Das ist sehr seltsam, aber es kommt wohl daher, weil mein Aussehen und mein Wesen so gar nicht dazu passen.«

Miß Wilson sah ihn mißtrauisch an, aber er blieb vollkommen ernst. Es entstand eine Pause. Dann sagte sie kurz: »Guten Morgen!« als ob sie sich entschlossen hätte, beleidigt zu sein.

»Guten Morgen, Miß Wilson. Ein Millionärssohn ist wie ein Königssohn selten frei von geistigen Krankheiten. Ich bin grade verrückt genug, um die andern noch betrügen zu können. Wäre ich ein bißchen verrückter, ich würde mich vielleicht wirklich für Smilasch halten, anstatt ihn einfach darzustellen. Ob Sie mich nun bitten, meiner einen Augenblick zu vergessen oder mich einen Augenblick an mich selbst zu erinnern, ich bin der Sohn meines Vaters und kann es nicht ändern. Mit meiner Selbstsucht, meiner Quacksalberei, meiner Geschwätzigkeit und meiner Art, stets eigene Wege zu gehen, tauge ich zu keinem andern Geschäft, als den Erlöser der Menschen zu spielen -- so wie sie es haben wollen.« Nach einer eindrucksvollen Pause wandte er sich langsam um und verließ das Zimmer.

»Wenn ich jetzt absichtlich meinen Weg verliere,« sagte er, als er über den Flur ging, »dann kann ich vielleicht den Anblick dieses Mädchens erhaschen, das wie ein goldenes Idol ist.«

Unten traf er auch auf seinem Wege zur Tür auf Agatha, die ihm entgegenkam und mit einem Buch Fangball spielte. Der melancholische Ausdruck ihres Gesichts, den sie immer hatte, wenn sie allein war, zeigte, daß sie sich nicht amüsierte, sondern nur ihrer Rastlosigkeit nachgab. Als ihr Blick dem emporfliegenden Buch folgte, sah sie plötzlich Smilasch. Das Buch flog zur Erde. Er nahm es auf und übergab es ihr, indem er sagte:

»Da treffe ich ja noch zur rechten Zeit das goldene Idol!«

»Was?« fragte Agatha verwirrt.

»Ich nenne Sie das goldene Idol,« sagte er. »Wenn wir nicht beieinander sind, stelle ich mir immer Ihr Gesicht als ein Gesicht von Gold vor mit Augen und Zähnen von Chalcedon oder Achat oder von unbekannten, wundervollen Steinen in passenden Farben.«

Agatha stand fassungslos und stumm da und konnte nur abweisend zur Erde blicken.

»Sie glauben, Sie müßten ärgerlich über mich sein, und Sie wissen nicht genau, wie Sie mich das fühlen lassen sollen. Ist es nicht so?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Wenigstens glaube ich, daß Sie sich irren. Ich bin der allergewöhnlichste Mensch, den Sie sich vorstellen können -- Sie müßten mich nur kennen. Ich glaube, es ist gleich, wie ich aussehe.«

»Woher wissen Sie, daß Sie gewöhnlich sind?«