Der alten Sehnsucht Lied: Erzählungen
Part 9
»Die kleine Summe ist bereits geopfert. Zwei Jahre Studium für Helene, ihre Bühnenausstattung, ihr Unterhalt wegen ihres jetzigen Engagements -- denn ihre Anfängerinnengage reichte kaum für Taschentücher. Die tausend Mark, die mir heute der Verleger sandte, bilden erst wieder den neuen Grundstock. Und wenn auch die Geldfrage nicht wäre, es ginge doch nicht. Wäre ich bei ihr, ich empfände ja noch viel unerträglicher, daß sie keine freie Frau mehr ist, daß sie für jede Stunde des Tages und des Abends ihre Vorschriften bekommt, daß ein Fremder dieser Frau, meiner Frau, Befehle erteilt, die hier im Hause und unter vornehm gesinnten Menschen fröhlich geschaltet und gewaltet hat. Siehst du: Einmal saß ich in der Loge und sah sie in einer Rolle. Neben mir unterhielten sich ein paar Herren über ihren Gesang. Dabei blieben sie nicht lange. Sie gingen die körperlichen Vorzüge der Sängerin durch, und ich konnte die Lobpreiser nicht ins Gesicht schlagen.«
»Ja, das freilich -- --!«
»Seit der Zeit quält mich meine Sehnsucht noch viel mehr. O nein, nicht weil ich Eifersucht verspüre. Weil ich einen schöneren Rahmen für sie wünsche -- und für mich wünsche. Denn auch meine Jugend geht vorüber, und die Welt zahlt mir nichts dafür. Ich behalt’ die Lücke für immer.«
Es wurde dunkel draußen. Die laue Frühlingsnacht schmeichelte sich ins Zimmer und legte sich um Kopf und Herz. »Sie sind schwer zu ertragen, diese Frühlingsabende,« sagte Harnisch leise, »wenn man weiß, daß sie uns lügen.«
»Sie werden jedem Menschen dasselbe sagen, Harnisch. Das ist eine Beruhigung. Und nun wollen wir auf dein Werk anstoßen. Muß man sich betrügen, so täusche uns jetzt der Wein in eine andere Welt hinein.«
Harnisch erhob sich. »Nimm’s nicht übel, Freund, aber als ich vor Jahren die erste Zeile zu dem Werk niederschrieb, hatte ich mir den heutigen Abend anders gedacht.«
»Ich hatte mir auch den heutigen Abend anders gedacht. Ein breitrandiger Frühlingshut gibt zuweilen Schatten für zwei, und ein trauernder Liebhaber bietet mir kein Entgelt für --«
»Herein!«
»Herr Doktor, die gnädige Frau ist angekommen.«
»Wer ist ...?«
»Ich, Georg. Darf man zu dir hinein?«
»Helene -- --!« Der Klang zitterte im Zimmer nach, als wäre es der schwingende Klang einer Saite. Und der Mann ging dem Klang nach, mit ausgestreckten Händen. »Helene! Heute schon?«
Sie legte ihre Hände in die seinen, folgte ihm ins Zimmer und nickte dem Gast, den sie erkannte, zu. Sie wollte sprechen, aber es kam nur ein tiefer Atemzug, und sie drückte die Hände, die sie hielt, so fest, als hätte sie sich einen Besitz erobert.
»Helene! Heute schon?«
Nun sprach sie. Hastig, erregt. Und ihre Augen hingen erwartungsvoll an den seinen. »Ein Kollege ist erkrankt, der den Lohengrin singt. Deshalb mußte der Spielplan geändert werden. Und ich -- konnte zwei Tage früher reisen.«
»Du hast es dir gewünscht -- schneller heimzukommen?«
»Das habe ich mir auch während der Studienzeit oft gewünscht. Aber diesmal komme ich noch mit einem besonderen Wunsch.«
»Meine gnädige Frau,« bat der Gast, »gestatten Sie mir, daß ich mich verabschiede und dafür morgen zu feierlicher Begrüßung erscheine.«
Sie ließ den Blick durch das Arbeitszimmer und durch die geöffnete Tür in das Speisezimmer schweifen. So sehr im Anschauen versunken, daß Eichner sein Urlaubsgesuch wiederholen mußte.
»Aber ich sehe doch zwei Gedecke, Herr Doktor. Ich werde Sie doch nicht hungrig und durstig von dannen jagen.«
»Wenn es so wäre, gnädige Frau, ich hätte es nicht anders verdient. Georg hat mich verführt, einer Absprache untreu zu werden. Es ist zwar nur eine ganz, ganz kleine Absprache, aber der liebe Gott -- Verzeihung, der Gott des Frühlings -- läßt sich nicht spotten. Noch geht der Schaden auszubessern. Ich laufe also. Auf Wiedersehen!«
Die Gatten waren allein. Und wieder wanderten die Blicke der Frau die Wände des Arbeitszimmers entlang, liebkosten die Nachbildungen der alten Meister, huschten ins Speisezimmer, über Damast, Silber und Kristall, und blieben an dem Veilchenopfer hängen. »Wie schön du es hast -- --«
»Es ist von dir her alles so geblieben, Helene.«
Sie schüttelte den Kopf. »Kann man sich selbst so fremd werden? _Ich_ habe das früher einmal so angeordnet? _Ich_ war einmal so?«
»Helene, du wolltest mir einen Wunsch sagen ...«
Da schlang sie mit einer scheuen, wilden Mädchenbewegung den Arm um seinen Hals. »Bei dir bleiben, Georg, bei dir bleiben.« Er stand mit geschlossenen Augen und empfand nichts als ihren Wunsch. Ihre Hände glitten über seine Schultern, lagen still und glitten nieder. »Georg, es war schon lange in mir. Ich sträubte mich nur dagegen. Aber als ich hörte: heute schon, heute kann ich heimreisen, und ich nun im Schnellzug saß und die Felder flogen nicht geschwind genug vorüber und ich vor Freude krausen Unsinn trieb -- Herrgott, der Gedanke, das ist ja nur für kurze Wochen, ließ mich blaß werden und zittern vor Angst. Georg, hilf mir. Ich kann -- das neue Engagement -- nicht antreten.«
»Wie sonderbar das ist,« sagte er und lächelte in sich hinein. Im Schreibtisch steckte der Schlüssel. Er zog die Schublade heraus und entnahm ihr ein Kuvert. »Wie sonderbar das ist. Als wir vor Jahren mein Werk planten, hat es dich in den Bann und fortgezogen. Und heute liefert mir das fertige Werk die Mittel, den Bann zu lösen. Es zahlt für sich selbst die Konventionalstrafe. Hier, Helene.«
Sie hatte in atemloser Spannung sein Tun verfolgt. Sie regte sich nicht von ihrem Platz.
»Wieder bei dir sein, Georg? Hier in meiner Wohnung? Frau sein -- Ich sein -- wieder ruhig atmen? Das willst du? Das soll ich?«
Einen Augenblick lehnte er am Schreibtisch und sah sie an. Dann trat er auf sie zu, legte den Arm um sie und zog sie fest an sich. Und jeder lauschte erstaunt auf den schnellen Herzschlag des anderen ...
»Ob _ich_ will, Helene? Ich habe ja nicht mehr arbeiten können, so sehr hast du mir gefehlt.«
»Und ich? Ich habe _nur_ noch arbeiten können, nur noch arbeiten und gar nicht mehr leben. So sehr hast _du_ mir gefehlt.«
»Weshalb schlossest du denn den neuen Vertrag? Jeder Tag wäre uns gewonnen gewesen.«
»Ach, Georg, du mußt nicht lachen, wenn ich es dir sage. Ich wollte nicht kommen, weil es mich -- unweiblich dünkte.«
»Unweiblich?«
»Was wir Frauen heute unweiblich nennen. Dem Gefühl nachgehen, statt dem Beruf. Weiblich oder unweiblich, Georg, ich mußte dem Gefühl nachgehen, selbst auf die Gefahr hin, rettungslos für die Sache der Frauen verloren zu sein. Ich mache wieder die Sache des Mannes zu der meinigen. Meines Mannes.«
Er strich ihr übers Haar, um Zeit zu gewinnen, sich zu sammeln. »Wir wollen uns in die Augen schauen, Helene. Ich danke dir für diese Stunde. Aber wirst du sie nicht bereuen? Ein zweites Mal könnt’ ich dich nicht loslassen.«
»Du hättest mich schon das erste Mal nicht loslassen sollen. Und wenn ich darunter gelitten hätte. Ich hätte es bei dir verwinden gelernt. Ich weiß, du wolltest mir meine Begeisterung nicht rauben, du wolltest mich nicht traurig sehen und den Gedanken nicht in mir aufkommen lassen, als gäbe es etwas auf der Welt, was ich versäumt hätte. Ein persönliches und geistiges Gehobenwerden, Triumphe der Kunst, die mehr noch sind, als Kunstgenießen. Ach, Georg, dazu muß man geboren werden, dazu muß man sich schulen, bevor man die andere Sonnenseite des Lebens kennt. Ich hatte sie schon zu sehr kennen gelernt. Durch dich. Und daher glaubte ich, alle Kunstverkünder müßten so groß und rein und heiter sein. Nein, nein, nein, ich bin geheilt von dem Irrtum, der durch die Welt geht. Ja, wenn ich auf der Bühne stand und sang, wenn ich fühlte, wie das Publikum mir an den Lippen hing und dann der Beifall losbrach! Das waren Minuten des Rausches, dem wohl keiner gleichkommt. Aber für die wenigen Minuten des Rausches Stunden, Tage, Wochen der Ernüchterung. Schon wenn ich in die Kulisse zurücktrat und der Vorhang sich senkte und die Menschen das Haus verließen, um gesellig und fröhlich zu sein, und ich mit einem Schlage vergessen war und allein -- du, dann schon hätte ich den Triumph wieder herausgegeben. Und nachts lag ich wach in den Kissen und sehnte mich nach dir, nach meinem Heim, nach reiner Luft und rein klingendem Lachen. Am anderen Tage noch einmal ein Munterwerden. Wenn die Zeitungen kamen, die Kritiken. Obwohl man alles im voraus wußte. Der eine der beiden Kritiker hatte in dieser Saison eine Oper beim Direktor liegen, und der andere hatte die seine in dieser Saison zurückverlangt. Voriges Jahr war es umgekehrt. Also dasselbe. Und wenn ich gelesen hatte, schämte ich mich, und ich hatte ein Lob und einen Tadel und keinen Menschen, dem ich mich hätte an den Hals werfen können, daß er als Mensch zu mir redete. Und wieder auf die Proben gehetzt, wieder in die Garderoben, und wieder müde, bis in die Seele frierend, nach Hause geschlichen. Wie oft -- täglich fast -- schaute ich rückwärts und blickte in dein Zimmer, in dem wir wie glückliche Kinder Kunst genossen in der Schönheit, die wir ihr gaben, und durch dein Zimmer dort ins Speisezimmer, in dem in dem Korbe die Blumen standen und in einer Kristallschale die Früchte. Wie feig man wird. Feig vor dem Bekenntnis: ich bin in der Irre gelaufen. Und unterdes saß das Glück daheim, wo es immer saß, und wartete zusammen mit dem Frieden des Hauses geduldig.«
Sein Arm lag um ihre schlanke Hüfte.
»Nun warst du in der Welt, Helene. Jetzt kennst du ihre Rätsel. Und das ist dein größter Erfolg.«
»Wie schön es hier ist,« sagte sie, »wie still ...«
»Es ist ein Frühlingsabend, Helene.«
»Ein Frühlingsabend ... Aber noch ist es keiner der letzten. Morgen wird Frühling sein und noch viele, viele Tage. Ich bin noch nicht zu spät gekommen.«
Sie standen in der Balkontür. Ein feiner Duft kam durch die Nacht von frühen Kastanienblüten. Abendstille ... Sie horchten hinaus, und es rief keine Stimme. Und sie schlossen sich enger aneinander an und horchten in sich hinein und erhorchten ein leises, feines Musizieren, das anschwoll und sie erfüllte und ihnen seltsame, stammelnde Worte auf die Lippen trug, die nur sie verstanden. -- -- --
Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger Stuttgart und Berlin
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