Der alte Trapper

Part 6

Chapter 63,743 wordsPublic domain

„Ganz recht. Er schuf auch Bleichgesichter, die böse sind; so jene, die mein Bruder dort heranziehen sieht.“

„Wollen die zu Fuß auf ihre schlimmen Taten ausgehen?“ höhnte der Häuptling, während sein funkelnder Blick verriet, daß er sehr wohl wußte, was jene zwang, sich so kümmerlich zu behelfen.

„Ihre Reittiere haben sie verloren, aber Pulver, Blei und Decken sind noch genug in ihrem Besitz,“ versetzte der Trapper. „Sieht mein Bruder dort den blauen Punkt am Rande der Prärie? Noch weilt der Strahl der sinkenden Sonne auf ihm.“

„Mahtoree ist kein blinder Maulwurf.“

„Gut. Das ist ein Felsenberg, und auf ihm befinden sich die Güter der Langmesser.“

Des Wilden Auge erschimmerte in freudigem Triumph; er zählte die Gestalten im Zuge Ismaels.

„Ein Krieger fehlt,“ sagte er.

„Sieht mein Bruder jene Geier? Dort ist sein Grab. Fand er Blut auf der Prärie? Das war das seine.“

„Genug. Mahtoree ist ein weiser Häuptling.“

Auf des Tetons Wink brachte einer der Krieger ein Pferd für den Trapper herbei, das dieser nicht ohne Widerwillen bestieg; dann setzte die Schar sich in Trab und eilte, von Mahtoree geführt, in gerader Richtung dem Felsenberg zu. Ismael und die Seinen feuerten, die Absicht der Sioux erkennend, Salve auf Salve hinter denselben her, bis der zornige Squatter einsah, daß dies nur unnütze Munitionsverschwendung war. So mußten sie sich denn damit begnügen, mit möglichster Geschwindigkeit gleichfalls dem Felsenberge zuzulaufen.

Fünftes Kapitel

Der Präriebrand

Der Abend wurde dunkler, und bald war der einsame Felskegel in der Ferne nicht mehr von dem grauen Gewölk zu unterscheiden. Trotzdem verfolgten die Indianer mit der Sicherheit geübter Spürhunde ihren Weg. Die Gefangenen, denn etwas anderes waren unsere Freunde vorläufig nicht, mußten sich in der Mitte des Trupps halten und konnten sich dabei nicht verhehlen, daß sie auf das schärfste bewacht wurden.

Wo es sich jedoch um List und Gegenlist handelte, da war der unter Rothäuten aufgewachsene und alt gewordene Trapper den verschlagenen Sioux völlig gewachsen. Vom Beginn des Rittes an war er fest entschlossen, wenn irgend möglich, mit seinen Schutzbefohlenen nach Einbruch der Dunkelheit die Bande der diebischen Sioux zu verlassen, denn es widerstrebte ihm, sich an einem Raub- und Plünderungszuge zu beteiligen, sei dies auch nur durch bloße Anwesenheit; andererseits aber hatten sie von Ismaels Schar nichts mehr zu fürchten, da sie jetzt beritten waren.

Es gelang ihm, sich unauffällig an Middleton heranzumachen. In drei Worten hatte er demselben seine Absicht kundgetan, während er sich äußerlich den Anschein gab, als rede er mit dem Hauptmann über die verschiedenen Pferde der Wilden.

Der junge Offizier ging mit Eifer auf den Plan ein.

„Klopft Eurem Tier den Hals und lächelt dabei und tut so, als lobtet Ihr die Mähre; neigt Euer Ohr aber dabei näher zu mir herüber,“ fuhr Nathaniel Bumppo fort, seine Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. „Schont das Tier nach Möglichkeit, damit es hernach aushält, wenn es gilt. Vor allem achtet auf das Signal: Wenn Ihr meinen Hektor zum erstenmal aufheulen hört, dann haltet Euch bereit; hört Ihr ihn zum zweitenmal, dann schiebt Euch seitwärts aus dem Haufen, beim drittenmal aber jagt Ihr nordwärts querfeldein davon. Habt Ihr mich genau verstanden?“

„Vollkommen,“ versetzte Middleton. „Gebe Gott nur, daß es gelinge!“

Der Bienenjäger, den der Alte demnächst von dem Plan in Kenntnis setzte, war ebenfalls ganz einverstanden mit der Flucht, die seinethalben je eher je lieber unternommen werden konnte. Anders der Doktor. Der kleine Mann schreckte vor dem Wagnis zurück und war erst für dasselbe zu gewinnen, nachdem der Trapper ihm die Schrecknisse angedeutet hatte, die in den Dörfern der Sioux möglicherweise seiner harren könnten, und als deren größtes der zaghafte Naturforscher die Aussicht betrachtete, gewaltsam mit einem halben Dutzend alter, häßlicher und mit reichem Kindersegen behafteter Kriegerwitwen verheiratet zu werden.

Darauf wendete der Trapper sich an den ihm zunächst reitenden Indianer, der ihn seit einigen Minuten mit finsterem Argwohn beobachtet hatte.

„Kennt mein Bruder das Tier, auf dem dieses Bleichgesicht reitet?“ fragte er, auf des Doktors Asinus deutend, in der Siouxsprache.

Der Teton betrachtete den Esel; derselbe war ihm in der Tat eine Erscheinung, die ihm noch nie vorher zu Gesicht gekommen. Mit einem zweiten Blick musterte er lange und eingehend den Doktor selber.

„Hält mein Bruder diesen Reiter für einen Krieger der Bleichgesichter?“ fing der Trapper nach einer kleinen Pause wieder an.

„Ein Dakota ist kein Narr!“ lautete die kurze Antwort.

„Die Dakota sind ein weises Volk, ihre Augen sind immer offen,“ nickte der alte Jäger zustimmend. „Ich bin daher sehr erstaunt darüber, daß sie den großen Medizinmann der Langmesser bisher nicht gesehen haben.“

„Hugh!“ kam es über die Lippen des erstaunten und bestürzten Kriegers.

„Der Dakota weiß, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ fuhr der Trapper fort. „Möge er seine Augen weiter auftun. Sieht er nicht einen sehr mächtigen Zauberer?“

Der Wilde hatte sich längst im stillen darüber gewundert, was die Weißen, aller Kriegersitte zuwider, mit ihren Weibern in die Prärie geführt haben konnte. Zum Kampfe konnten sie nicht ausgezogen sein. Er hatte davon gehört, wie die Menahascha oder Langmesser -- die Yankees -- von den Wascheomantiqua oder Spaniern das weite Gebiet gekauft hatten, in welchem sein Volk seit der grauen Vorzeit frei und unbehelligt herumgeschweift war. Seinem einfachen Verstande war es unbegreiflich geblieben, wie es zuging, daß eine Nation eine solche Gewalt über die Besitztümer einer anderen Nation erlangen konnte, und zwar auf friedlichem Wege; daher kam ihm jetzt, bei den Worten des Trappers, der Gedanke, daß Zauberei dabei im Spiel gewesen sein könnte, und daß diese Bleichgesichter sich vielleicht aufgemacht hätten, um durch Anwendung übernatürlicher, unheimlicher Kräfte ihre habsüchtigen Zwecke noch weiter zu fördern. Da er nun aber, wie alle seinesgleichen, im höchsten Grade abergläubisch war, gab er alle Zurückhaltung auf, ließ allen Stolz fahren und zeigte sich als das unwissende Naturkind, das er in Wirklichkeit war.

„Möge mein Vater mich anschauen!“ sagte er, bittend die Hände ausstreckend. „Ich bin ein wilder Mann der Prärie, mein Leib ist nackt, meine Hände sind leer, meine Haut ist rot. Ich habe die Pawnees bekämpft, die Omahaws, die Konzas, ja, auch die Langmesser. Unter Kriegern bin ich ein Mann, unter Zauberern aber nur ein Weib. Mein Vater möge reden; die Ohren des Teton sind offen. Er lauscht wie ein Hirsch auf den Tritt des Kuguars.“

„Gott verzeihe mir, daß ich mit der Unwissenheit dieses armen Heiden mein Spiel treibe,“ murmelte der Trapper vor sich hin; „es geschieht aber, um Menschenleben zu retten und die Teufeleien der Bösen zu vereiteln ... Teton,“ fuhr er in der Indianersprache fort, „ich frage dich, ist jener nicht ein großer Zauberer? Wenn die Dakotas weise sind, dann hüten sie sich, seine Kleider anzurühren und dieselbe Luft mit ihm zu atmen. Sie wissen sehr wohl, daß der böse Geist Wakonschecheh seine Kinder liebt und nicht zugibt, daß ihnen ein Leid geschieht.“

Diese mit feierlichem Ernst gesprochenen Worte hatten zur Folge, daß der Krieger nicht nur sogleich sein Pferd aus der gefährlichen Nähe trieb, sondern auch das Gehörte den Genossen mitteilte. Es währte gar nicht lange, da war der ganze Nachtrab, unter dem der Doktor sich befunden hatte, nach vorn geeilt, so daß der große Medizinmann sich mit dem alten Jäger allein befand.

„Seht Ihr den funkelnden Stern dort, im Norden, etwa vier Büchsenlängen über dem Horizont?“ sagte jetzt der letztere zu Obed Bat.

„Den da? Der gehört zu der Konstellation --“

„Haltet den Mund von Eurer Konstellation, Mann! Ob Ihr den Stern seht, will ich wissen; ja oder nein.“

„Ja.“

„Gut. Sobald ich Euch allein lasse, bleibt Ihr auf dem Flecke halten, bis die Wilden Euch aus dem Gesicht sind. Dann empfehlt Ihr Euch dem Himmel und reitet davon, immer auf jenen Stern zu. Verstanden? Jeder Zoll Weges, den Ihr zurücklegt, bedeutet einen Tag längeres Leben für Euch, vergeßt das nicht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten trabte der alte Jäger den anderen nach, und bald befand er sich wieder in der Mitte des Haufens. Kaum hatte Mahtoree ihn erspäht, als er auf ihn zukam.

„Wo ist Euer Zauberer?“ fragte der Häuptling in strengem Tone.

„Kann ich meinem Bruder die Zahl der Sterne angeben?“ entgegnete der alte Jäger ruhig. „Die Wege eines großen Medizinmannes sind nicht die gewöhnlicher Menschen.“

„Das graue Haupt möge auf meine Worte achten,“ versetzte der andere. „Die Dakotas wählten kein Weib zu ihrem Häuptling. Wenn Mahtoree die Macht eines großen Zauberers spürt, dann wird er zittern; bis dahin aber wird er mit seinen eigenen Augen sehen und nicht die eines Bleichgesichts borgen. Wenn Euer Zauberer nicht am Morgen wieder bei seinen Freunden ist, dann sollen meine jungen Männer ihn suchen. Eure Ohren sind offen; ich habe gesprochen.“

Der Trapper atmete auf; bis zum Morgen war eine lange Frist.

Nach einer Weile kam der Felskegel in Sicht; man war demselben in der nächtlichen Finsternis ganz nahe gekommen. Die Indianer machten halt. Schon aber hatte die wachsame Esther auf ihrer hohen Warte das Nahen der Schar wahrgenommen.

„Wer ist da unten?“ rief sie mit gellender, furchtloser Stimme. „Sioux oder Teufel, antwortet! Uns ist vor euch nicht bange!“

Die Indianer verhielten sich ganz still. Der Trapper aber hielt diesen Moment für geeignet zur Flucht. Er redete einige freundliche Worte zu dem neben seinem Pferde am Boden liegenden Hektor, und dieses treue Tier antwortete mit einem kurzen Aufheulen.

Auch die kriegerische Frau auf der Höhe des Felsens hatte diesen Laut vernommen.

„Ja, winselt nur und verstellt eure Stimmen, ihr Höllenhunde!“ rief sie höhnisch herab. „Ich kenne euch! Wartet, ihr sollt gleich Licht haben, damit ihr bei eurem Satanswerk besser sehen könnt! Die Kohlen her, Phöbe! Dein Vater und die Jungen sollen erfahren, daß wir sie hier brauchen, um die Gäste zu empfangen.“

Sie redete noch, da loderte auf des Felskegels höchstem Gipfel auch schon eine mächtige Flamme empor, weit in die Prärie hinausleuchtend. Zugleich hörte man das vielstimmige, trotzige Gelächter der Verteidigerinnen, gefolgt von dem zweiten und gleich darauf auch von dem dritten Aufheulen des Hundes.

„Heran, Ismael, mein Mann!“ schrie oben die unverwüstliche Squatterfrau. „Heran, das rothäutige Gesindel zu züchtigen, das dir all dein Eigentum samt Frau und Kindern rauben will!“

Aus der Ferne erscholl ein mächtiger, antwortender Ruf, der weiblichen Besatzung verkündend, daß Hilfe im Anzuge war. Esther erhob mit triumphierendem Geschrei die Arme, deutlich zeichnete sich ihre Gestalt gegen den roten Feuerschein ab -- da tauchte hinter ihr der Häuptling Mahtoree auf, gefolgt von dreien seiner Krieger. Im nächsten Augenblick lagen die mutigen Frauenzimmer gefesselt und wehrlos am Boden, die Schar der Sioux aber brach in ein ohrzerreißendes Freudengeheul aus.

Von den Wilden unbeachtet lösten sich zur selben Zeit drei Pferde von dem Reiterknäuel los; sie entfernten sich zuerst im Schritt, bald aber griffen sie aus und jagten mit Sturmeseile über die Ebene dahin; sie trugen unsere Freunde, den Trapper und die beiden Paare, Paul und Ellen, Middleton und Inez.

Fort ging es, so schnell die Pferde laufen konnten, immer in der Richtung auf den Nordstern zu. Nachdem man bereits eine tüchtige Strecke hinter sich gebracht hatte, erspähte Pauls scharfes Auge einen dunkeln Gegenstand etwas abseits von der Richtung; er machte den Trapper darauf aufmerksam, in der Meinung, daß es ein kranker Büffel, vielleicht auch ein Stück von Ismaels geraubtem Vieh sei. Man ritt vorsichtig herzu.

„Wenn es kein Ding der Unmöglichkeit wäre,“ rief der Trapper plötzlich, „dann würde ich sagen, daß wir hier nichts anderes als den Mann vor uns haben, der nach Insekten und Eidechsen sucht, unseren Freund, den Doktor!“

„Warum ein Ding der Unmöglichkeit?“ fragte Middleton. „Hattet Ihr ihm denn nicht dieselbe Richtung angegeben, die auch wir verfolgen?“

„Freilich, aber ich hieß ihn nicht, aus seinem Esel einen Schnelläufer zu machen, der selbst ein Pferd übertrifft. Was doch die Furcht nicht alles zuwege bringt! Heda, Freund Doktor, wie habt Ihr es fertiggebracht, vor uns hier zu sein? Euer Esel ist wahrhaftig ein Wundertier!“

„Mein Asinus ist hin!“ antwortete Obed Bat trauervoll. „Er ist wahrlich nicht träge gewesen, jetzt aber weigert er sich, auch nur noch einen Schritt zu tun. Da liegt er. Es droht gegenwärtig doch keine Gefahr von seiten der Wilden?“

„Das weiß ich nicht. Die Sache steht schlecht zwischen dem Squatter und den Tetons, auch kann ich keine Bürgschaft für die Sicherheit unserer Skalpe übernehmen. Euer Esel ist über seine Kräfte angestrengt worden, das war weder menschlich noch weise von Euch; was wolltet Ihr beginnen, wenn Euer Leben jetzt von der Fortsetzung des Rittes abhinge?“

„Ihr zeigtet mir doch den Stern --,“ wendete der kleine Mann schüchtern ein.

„Sagte ich Euch etwa, Ihr solltet den Stern heute noch erreichen? Geht! Ihr schwatzt viel gelehrtes Zeug über die Geschöpfe Gottes, aber Ihr seid unwissend wie ein Kind, wenn es sich um die Kenntnis ihrer Gaben und Instinkte handelt. Was sagt Ihr, Hauptmann Unkas -- wir müssen entweder diesen Mann im Stich lassen, oder aber so lange Unterschlupf suchen, bis sein Esel sich wieder erholt hat.“

„Ehrwürdigster Jäger!“ rief der geängstigte Obed. „Ich beschwöre Euch bei allem, was uns gemeinschaftlich heilig ist, und das ist doch nicht wenig --“

„Fürchtet nichts,“ unterbrach ihn der Trapper. „So alt ich geworden bin, habe ich noch keinen Bruder in der Not verlassen, und mit Euch werde ich sicherlich nicht den Anfang machen.“

Man überlegte und kam überein, den Esel so zu fesseln, daß er sich nicht entfernen konnte, und ihn dann hier zurückzulassen, wo er Gras in Fülle hatte und sich erholen konnte. Nach des alten Jägers Berechnung war man bis jetzt ungefähr zwanzig englische Meilen geritten, und da Frau Inez über Erschöpfung klagte, so beschloß man, in einiger Entfernung von dieser Stelle, an einem Orte, wo das Gras so hoch stand wie Schilfrohr, und wo der Trapper früher bereits mehrmals ein sicheres Versteck vor den Indianern gefunden hatte, Rast zu machen.

Langsam ritten die Flüchtlinge diesem Ziele zu; der alte Jäger war abgestiegen, um die Spuren der Pferde nach Möglichkeit unkenntlich zu machen. Auf dem von ihm bezeichneten Platze angelangt, schaffte man sich durch Entfernung des Grases eine Klärung und richtete auf derselben die Lagerstätten her, die von Middleton, Paul Hover und den Frauen sogleich aufgesucht wurden, während der Trapper und der Doktor sich ein wenig abseits niederließen, um einige Schnitte von dem Reste des Büffelhöckers als Abendmahlzeit zu vertilgen.

Am folgenden Morgen ging die Sonne hinter einem seltsamen, dichten und mißfarbenen Dunste auf, dessen Ursache Paul und der Hauptmann sich nicht zu erklären vermochten. Der Trapper jedoch blieb nicht lange darüber im Zweifel.

„Das ist Feuer!“ rief er. „Die Prärie brennt! Die roten Teufel haben sie in Brand gesteckt, um uns zu vernichten!“

„Gott sei uns gnädig!“ sagte Middleton entsetzt. „Wir müssen fliehen, wir haben keine Sekunde zu verlieren!“

Damit wollte er auf seine Frau zueilen. Der Alte aber hielt ihn zurück.

„Wohin wollt Ihr fliehen?“ versetzte er ruhig. „Selten ist eine Gefahr so dringend, daß man nicht noch Zeit hätte, sie recht zu erwägen und ins Auge zu fassen. Kommt mit mir auf jenen kleinen Hügel, von wo wir die Ebene überschauen können.“

Middleton erkannte, daß er nichts Besseres tun konnte, als sich dem alten, erfahrungsreichen Trapper zu fügen; auch der Bienenjäger war bald zu dieser Ansicht gelangt. Sie ließen den Doktor bei den geängsteten Frauen und folgten ihrem greisen Führer zu der Bodenerhebung.

Der Ausblick von hier aus war wohl geeignet, auch das stärkste Herz erbeben zu lassen. Der ganze Horizont war ein Kreis von dichtem Qualm und emporzüngelnden Flammen, die mit reißender Schnelligkeit von allen Seiten herangerückt kamen.

„Da haben wir uns getäuscht, als wir meinten, unsere Fährte vor den Sioux verborgen zu haben,“ sagte der Trapper, langsam in die Runde blickend. „Die Teufel haben gleichzeitig auf allen Seiten das Gras in Brand gesteckt, um uns auszuräuchern, als wären wir Panther oder Kuguare. Wie das Wasser eine Insel umfaßt, so sind wir vom Feuer umringt.“

„Laßt uns aufsitzen und reiten!“ rief der Hauptmann in Verzweiflung.

„Wohin, Knabe? Sind unsere Tetonpferde Salamander, die unverletzt durch das Feuer laufen können? Und hinter jenen Flammen lauern die Sioux mit ihren Pfeilen und Speeren und Messern. Wenn ich nur wüßte, auf welcher Seite die Schufte liegen!“

„Durch die Sioux schlagen wir uns durch!“ rief Paul, seine Ellen umfassend, denn auch die Frauen und der Doktor waren inzwischen herangekommen.

Der Alte schüttelte den Kopf, während sein Blick über den Flammenkreis schweifte.

„Mit Gewalt richten wir gegen diese Übermacht nichts aus,“ entgegnete er, „das wißt ihr so gut wie ich. Aber nun ist genug geredet, jetzt müssen wir handeln.“

„Zu spät!“ rief der Offizier. „Die Flammen sind kaum noch eine Viertelmeile entfernt, und der Wind treibt sie gerade auf uns zu!“

„Die Flammen fürchte ich nicht,“ versetzte der Trapper. „Wenn ich den Rothäuten so sicher zu entkommen wüßte wie dem Feuer da, dann könnten wir uns schon jetzt als gerettet betrachten. Wenn Ihr damals dem Waldbrande auf dem Visionsberge beigewohnt hättet -- doch wir müssen die Hände rühren. Greift zu, alle, und reißt das Gras hier ringsherum aus, damit wir auf nackten Erdboden zu stehen kommen!“

„Wollt Ihr dem Feuer durch solche Kinderei Einhalt tun?“ rief Middleton ungeduldig.

Ein schwaches Lächeln huschte schattenhaft über des Greises verwittertes Antlitz.

„Euer Großvater war ein anderer Mann als Ihr,“ antwortete er. „Der hätte gesagt, daß ein Soldat im Angesicht des Feindes nichts Besseres tun könnte als gehorchen.“

Der Hauptmann fühlte den Vorwurf tief; ungesäumt machte er sich an die Arbeit, dem Beispiel Pauls und der Frauen folgend, und nach wenigen Minuten war ein Fleck von zwanzig Fuß Durchmesser von jeglicher Vegetation entblößt. Jetzt führte der Alte die Frauen an das eine Ende dieses Fleckes und gebot den Männern, die leicht Feuer fangenden Gewänder derselben mit Decken zu verhüllen. Sobald dies geschehen war, begab er sich an den entgegengesetzten Rand des Grases, wählte eine Handvoll der dürrsten Halme und wickelte dieselben um die Pfanne seiner Büchse. Der Schlag des Steines entzündete den trockenen Knäuel; er warf die kleine Flamme in das Gras, trat in die Mitte der ausgerodeten Fläche zurück und wartete ruhig auf die Wirkung.

Dieselbe ließ nicht lange auf sich warten. Die Flamme griff schnell um sich und züngelte gefräßig in die Prärie hinaus.

Der alte Jäger erhob den Finger und lachte in seiner lautlosen Weise.

„Nun sollt Ihr sehen, wie das Feuer durch Feuer bekämpft wird,“ sagte er. „Wie manch liebes Mal habe ich mir auf diese Weise einen Weg durch verwachsene Strecken gebahnt, wenn ich zu träge war, mit den Händen zuzugreifen.“

„Aber bringt Ihr uns dadurch den Feind nicht nur noch näher auf den Leib, anstatt ihn fernzuhalten?“ fragte der Hauptmann erschrocken.

„Seid Ihr so leicht zu versengen? Euer Großvater hatte eine festere Haut. Wartet's nur ruhig ab.“

Die Erfahrung des alten Jägers bewährte sich auch hier. Das von ihm entzündete Feuer verbreitete sich schnell nach allen Seiten und erweiterte, dem Präriebrande entgegenlaufend, den freien Raum, in dem unsere Flüchtlinge sich befanden. Derselbe wurde bald so groß, daß sie nur noch wenig von der Hitze spürten. Als die beiden Flammengebiete in der Entfernung aufeinander stießen, da mußte der Brand notwendigerweise erlöschen, denn weder vor sich noch hinter sich fand er noch Nahrung, da die Prärie jetzt nichts weiter als eine geschwärzte, von jeder Vegetation entblößte Fläche war.

Der Hauptmann und der Bienenjäger konnten kaum Worte finden, dem Trapper für das so einfache und doch so wirkungsvolle Rettungsmittel zu danken.

Der Alte lachte still in sich hinein. „Ja, ja,“ nickte er, „man weiß sich noch immer zu helfen; man ist ja auch alt genug geworden. Aber nun seht nach den Pferden, Freunde. Eine halbe Stunde wollen wir noch warten, um den Boden abkühlen zu lassen, dann aber müssen wir auf und davon. Der Doktor kann meinen Gaul besteigen, sein armer Esel wird, wie ich fürchte, den Brand nicht überlebt haben. Schaut unterwegs nur immer scharf nach Osten aus, dort muß sich der Fluß zeigen; sein blanker Spiegel wird auch trotz des Qualmes, der sich noch stundenlang auf der Prärie hin und her wälzt, bald zu erkennen sein.“

Nach Ablauf der festgesetzten Frist machte die Gesellschaft sich wieder auf den Weg, hastig und lautlos, denn der alte Jäger hatte Schweigen anempfohlen. Der Qualm war allerwärts so dicht, daß auf zweihundert Schritt kein Feind mehr wahrzunehmen gewesen wäre. Nur der Doktor ließ ab und zu leise Klagen über den Verlust seines treuen Esels hören. Man hatte einige Meilen zurückgelegt, als man auf die Überreste eines verbrannten Pferdes stieß. Die Frauen und die jungen Männer erschauderten bei der Betrachtung derselben und bei dem Gedanken, wie leicht auch ihnen solch ein grausiges Geschick hätte zuteil werden können, und inniger wurde das Dankgefühl gegen den greisen Jäger in ihrem Herzen.

Der aber betrachtete forschend den Boden rings um den Kadaver. Die Gegend war sumpfig und die Erde daher, trotz der darüber hingeeilten Glut, weich und feucht.

„Hier sind die Abdrücke seiner Hufe,“ sagte er, umherspähend; „und hier auch der eines Mokassins, so wahr ich ein Sünder bin! Der Reiter hat alles aufgeboten, sein armes Tier von der Stelle zu bringen, aber es liegt in der Natur eines solchen Geschöpfes, daß es in Feuersgefahr kopfscheu und störrisch wird. Wo mag der Reiter hingekommen sein?“

„Dort drüben liegt noch ein Pferd!“ rief jetzt Paul Hover.

Der Trapper blickte nach der angegebenen Richtung.

„Meiner Treu,“ sagte er, „der Knabe hat recht. Sollten die Tetons in ihre eigene Falle geraten sein?“

Sie näherten sich dieser zweiten Entdeckung. Schon von weitem begann Hektor zu knurren und seine Zahnstumpfe zu zeigen.

„Ruhig doch, Alter,“ ermahnte ihn sein Herr. „Was soll ich denn von dir denken? Schämst du dich nicht, hier ein gebratenes Pferd anzuknurren, gerade als wenn du die Fährte eines grauen Bären gefunden hättest? ... Aber was sehe ich? Das ist kein Pferd, das ist eine Büffelhaut mit den Haaren nach innen ... Das Feuer ist darüber hingelaufen, ohne sie zu verbrennen.“

Er trat hinzu und stieß die Haut mit dem Fuße an. Dieselbe bewegte sich, wurde zur Seite geworfen, und unter ihr sprang mit Blitzesschnelle ein indianischer Krieger hervor.

Sechstes Kapitel

Hartherz

Es war der junge Pawnee, den die erstaunte Gesellschaft so plötzlich und unerwartet vor sich stehen sah. Eine Minute lang musterte man sich gegenseitig, stumm, forschend und mißtrauisch, dann brach der Trapper das Schweigen.

„Die Sache ist klar,“ sagte er. „Der Junge ist im Schlaf von dem Feuer überrascht worden und hat, nachdem er sein Pferd verloren, unter der Haut eines frisch geschlachteten Büffels Schutz gefunden. Gar nicht übel, wenn man kein Pulver hat, um ein Gegenfeuer anzuzünden. Ein gescheiter, tüchtiger Bursche, den ich wohl als Reisegefährten haben möchte. Mein Bruder ist willkommen,“ fuhr er in der Pawneesprache fort. „Die Tetons haben ihn geräuchert, als wäre er ein Waschbär.“

„Die Tetons sind Hunde,“ antwortete der junge Indianer rollenden Blickes. „Wenn der Kriegsruf der Pawnees in ihren Ohren ist, dann heult die ganze Nation.“