Part 4
„Laßt uns hören, wie wir Euch dienen können,“ antwortete der Trapper; Paul und der Doktor gaben ihre Zustimmung zu erkennen und lagerten sich bequem zurecht, den Neuigkeiten in aller Ruhe zu lauschen.
Drittes Kapitel
Die Erstürmung der Felsenburg
Wir kehren zu Ismael Busch und seinen Söhnen zurück, die am Abend dieses Tages von der Jagd ermüdet den Felsenberg und auf demselben ihre Wohnstätten wieder aufgesucht hatten. Nur einer fehlte, Asa, der Älteste. Man wußte nicht, ob er absichtlich sein Heimkommen verzögerte, oder ob er den Weg verloren hatte. Der Vater und die Brüder, überzeugt, daß der junge Riese sich wohlbehalten aus allen Fährlichkeiten ziehen würde, machten sich seinetwegen nicht viel Sorgen, die Mutter nur bangte sich um ihn, und in ihren Befürchtungen wurde sie durch Abiram, ihren Bruder, noch bestärkt, der allerlei von herumstreichenden Indianern vor sich hin murmelte, bis Ismael, die wachsende Angst seiner Frau wahrnehmend, ihm endlich Schweigen gebot.
Der Emigrant war übel gelaunt; das Geheimnis des Zeltes war verraten worden, und das beunruhigte ihn weit mehr als Asas Abwesenheit. Er zürnte mit Ellen Wade, die er beschuldigte, die Bewohnerin des Zeltes nicht streng genug bewacht zu haben. Nach einiger Zeit aber verlangte die Natur bei allen ihr Recht, und der Schlaf breitete seine Fittiche über das Lager.
Um Mitternacht sah Abner, der Wachthabende, eine dunkle Gestalt den Felsenhang heraufklimmen. Er erkannte in derselben bald den Doktor Obed Bat, der von seinem Ausfluge heimkehrte und unverweilt seine Schlafstätte aufsuchte. Hier lag er jedoch nur so lange, bis er sich überzeugt hatte, daß niemand mehr wachte; dann stand er leise auf und schlich dem Zelte zu. Schon war er demselben ganz nahe, da legte sich eine leichte Hand auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um, gewahrte aber zu seiner Erleichterung nur Ellen.
„Still, Kind,“ flüsterte er. „Ihr kommt mir gerade recht. Aber niemand darf uns sehen und hören. Hier, ich bringe einen Brief für die Dame dort drinnen. Gebt ihn ihr, ich warte hier draußen.“
Ellen nahm das Papier und schlüpfte ins Zelt. Bald darauf schaute sie aus der Türöffnung, winkte den kleinen Mann herbei und zog ihn eilfertig ebenfalls hinein.
* * * * *
Kaum graute der Morgen über der weiten Ebene, als auch schon Frau Esther mit lautem Ruf die Schläfer erweckte. Böse Träume hatten sie im Schlafe gequält, und als sie auch jetzt ihren Asa, ihren Lieblingssohn, nirgends in der Prärie zu erspähen vermochte, da ruhte sie nicht eher, bis die ganze Schar nach schnell eingenommenem Morgenimbiß sich aufmachte, den Vermißten zu suchen; auch bestand sie darauf, sich an dem Streifzuge zu beteiligen. Abiram machte den Vorschlag, man solle ihn als Wächter der Festung zurücklassen. Darauf ging man jedoch nicht ein; er hatte am Abend zuvor so viel von Indianerspuren geredet, daß er nun zeigen sollte, wo er dieselben wahrgenommen. Mit der Obhut des Lagers wurden die Töchter und Ellen betraut; nachdem man Signale verabredet und am Rande des Felsplateaus große Steine bereitgelegt hatte, die auf etwaige Angreifer hinabgestürzt werden sollten, zog man unter Führung Ismaels davon.
Doktor Battius, der sich dem Zuge angeschlossen, blieb nach kurzem Marsche, von einigen Pflanzen angelockt, in denen er botanische Merkwürdigkeiten zu erkennen meinte, hinter den anderen zurück, denen er auch bald aus dem Gesichte kam.
Nach Verlauf einiger Stunden langten die Streifenden vor einer sumpfigen Niederung an, die mit dichtem Gehölz und Buschwerk bestanden war. Noch berieten sie, nach welcher Richtung sie sich jetzt wenden sollten, als plötzlich in wildem Lauf ein Hirsch aus dem Dickicht hervorbrach; er war in die offene Prärie hinausgeflohen, ehe die Männer noch ihre Büchsen schußfertig machen konnten. Gleich darauf raschelte es wieder im Unterholz, und jetzt erschienen zwei Hunde, mit Eifer die Fährte des Wildes verfolgend.
„Es müssen Jäger in der Nähe sein,“ sagte Ismael, „und wenn ich mich noch auf Jagdhunde verstehe, so haben sie da ein Paar Tiere von allerbester Rasse.“
Der eine der Hunde war augenscheinlich bereits sehr alt, doch zeigte er noch immer ein Feuer, das dem seines Kameraden wenig nachgab. Der letztere wich bei einem Ausläufer des Gehölzes plötzlich von der Fährte ab; er blieb stehen, witterte mit erhobener Nase und ließ dann ein kurzes, unheimlich klagendes Geheul vernehmen, auf welches nun auch der andere Hund eilfertig herbeikam. Der erhob sogleich die Nase, witterte forschend gegen das Dickicht hin, setzte sich dann auf sein Hinterteil und begann so laut, so wehevoll und durchdringend zu heulen, daß Ismael und seine Angehörigen unwillkürlich erschauerten.
„Was mögen die Köter haben?“ sagte Abner verwundert. „Es muß etwas ganz Ungewöhnliches sein, das zwei solche treffliche Jagdhunde von ihrer Fährte ablenken kann.“
„Schießt sie tot, die Bestien!“ rief Abiram erbost. „Das alte Vieh da kenne ich, das ist der Hund des Trappers, des schleichenden Halunken, der, wie wir alle wissen, unser heimlicher Feind ist.“
Niemand hörte auf ihn, alle standen vielmehr wie gebannt, wie befallen von einem unerklärlichen Grausen.
Endlich nahm Ismael das Wort. „Kommt, Jungen, kommt,“ sagte er; „laßt die Hunde singen, solange es ihnen Spaß macht.“
Seine Frau aber widersprach ihm. „Nein, Kinder,“ rief sie in bebender Erregung, „geht nicht fort, bleibt hier! Das Geheul der Tiere hat mehr zu bedeuten, als wir uns denken, und ich ruhe nicht eher, bis ich die Ursache kennengelernt habe. Mir ahnt Schlimmes, noch aber weiß ich nicht, was.“
Sie war bei diesen Worten näher an die Stelle herangegangen, wo die Hunde jetzt rastlos in kleinem Kreise herumliefen und den Erdboden beschnupperten.
„Abner! Abiram! Ismael!“ rief sie jetzt, „Ihr seid Jäger; sagt mir, was für ein Geschöpf es war, das hier seinen Tod fand. Hier sind auch Blutspuren -- rühren die von einem Wolf her, oder von einem Panther?“
„Das muß ein Büffel gewesen sein,“ versetzte der Squatter, ruhig die Spuren betrachtend, die seine Frau in eine so große Aufregung versetzten; „ein starkes, gewaltiges Tier, das sieht man an der von seinen Hufen und Hörnern so tief aufgewühlten Erde.“
„Wer aber hat ihn erlegt?“ fuhr Esther fort. „Mann, wo sind die Überbleibsel? Die Wölfe verschlingen doch nicht auch die Knochen und das Fell? Ist das wirklich nur das Blut eines Tieres? Ich will eine Antwort haben!“
„Beruhige dich doch, Mutter,“ sagte Abner; „der Büffel wird in das Dickicht geflüchtet und dort verendet sein. Sieh nur die Aasvögel dort über den Baumkronen; die wittern bereits ihre Beute.“
„Das Tier muß noch lebendig sein,“ bemerkte der Vater, „sonst hätten die Geier sich darüber hergemacht. Dem Benehmen der Hunde nach zu urteilen, ist es eine gefährliche Bestie, vielleicht ein grauer Bär, und die Sorte hat ein zähes Leben.“
„Dann laß uns umkehren,“ drängte Abiram. „Wir stürzen uns sonst unnütz in Gefahr. Komm, Ismael.“
Die jungen Männer warfen verächtliche Blicke auf ihren Oheim, dessen Furchtsamkeit ihnen längst bekannt war; dann schritten sie vorsichtig noch näher an das Dickicht heran.
Ein heulender Wind hatte sich aufgemacht, und finstere Wolken jagten in wild zerrissenen Gebilden unter dem Himmel dahin. Die Aasvögel, die sich in ihrem kreisenden Fluge kaum gegen den Wind zu behaupten vermochten, schossen ab und zu zwischen die Baumwipfel hinab, aber nur, um im nächsten Moment wieder mit schreckensvollem Gekreisch emporzufahren; das gierig ersehnte Mahl war offenbar noch nicht bereit.
Die Mutter vermochte ihre Aufregung und Ungeduld endlich nicht mehr zu zügeln.
„Schickt die Hunde hinein!“ rief sie. „Enoch, Abner, Gabriel, ihr habt euch doch sonst vor allen Bären diesseits des großen Flusses nicht gefürchtet! Oder gebt mir anstatt dieser meiner Schrotflinte eine Büchse -- ihr da, Ismael und Abiram! -- dann will ich euch allen zeigen, wessen eine Grenzerfrau fähig ist!“
Jetzt zögerten die jungen Männer nicht länger; sie sprangen vorwärts und waren bald in dem Dickicht verschwunden. Der junge Hund folgte ihnen, der alte aber blieb, an allen Gliedern zitternd, am Rande des Buschwerks zurück.
Nach einer kleinen Weile erhoben sich die Aasvögel aufgestört mit wildem Geflatter und betäubendem Gekreisch; gleich darauf ertönte aus dem Dickicht ein doppelter Entsetzensschrei.
Die Mutter erbleichte. „Kommt zurück, meine Kinder!“ rief sie in Angst; „um Gotteswillen, kommt zurück!“
Und die Gerufenen kamen, aber langsam, mit verstörten Gesichtern und eine Bürde mit sich schleppend, die sie vor der Mutter Füßen niederlegten -- den Körper des vermißten Asa, starr und tot, und mit den unverkennbaren Zeichen eines gewaltsamen Endes auf dem entstellten Angesicht.
Noch ein langes, klagendes Geheul stießen die Hunde aus, dann jagten sie auf der Spur des entflohenen Hirsches davon.
„Gebt Raum!“ stieß Esther mit heiserer Stimme hervor, indem sie alle anderen zurückdrängte. „Ich bin seine Mutter und habe das größte Recht an ihn! Wer hat diese Tat getan? Ismael! Abiram! Abner! Wer hat meinen Knaben erschlagen?“
Die Männer standen stumm und starr; sie aber setzte sich nieder und nahm das Haupt des Toten auf ihren Schoß. Wortlos und tränenlos blickte sie in ihres Sohnes Antlitz, und ihr Schweigen war beredter als das lauteste Jammern und Klagen.
„Das sind die Sioux gewesen,“ murmelte der Squatter nach langer Pause; „aber die Bluthunde sollen meiner Rache nicht entgehen!“
Die Brüder hatten inzwischen die tödliche Wunde gesucht und gefunden. Eine Kugel war dem Erschlagenen in den Rücken gedrungen und vorn auf der Brust wieder herausgefahren. Er mußte sich dann in das Dickicht geschleppt haben, nachdem er mit dem Mörder noch verzweifelt gekämpft hatte, denn die Brüder hatten ihn am Fuße eines Baumes sitzend gefunden, einen abgebrochenen Ast in der erstarrten Rechten.
„Er muß mit einem ganzen Haufen von Sioux zu tun gehabt haben,“ meinte Abiram, „denn einer, oder zwei und auch drei hätten ihn nicht bezwungen.“
„So wird's sein,“ nickte der Vater düster; „er war von guter Art und hat niemals einem lebenden Wesen, weder Mann noch Raubtier, den Rücken gewiesen.“
„Seht!“ rief Enoch, aus den Kleiderfalten des Leichnams ein Stück Blei nehmend. „Hier ist die Kugel!“
Ismael ergriff dieselbe und betrachtete sie lange und aufmerksam.
„Es kann nicht anders sein,“ sagte er endlich knirschend. „Diese Kugel stammt aus der Tasche des Trappers. Hier ist sein Merkzeichen: sechs kleine Löcher, in Form eines Kreuzes gestellt.“
„Meinen Eid darauf!“ rief Abiram triumphierend. „Kein anderer als der alte, schleichende Mensch ist Asas Mörder! Er hat mir das Merkzeichen selber gewiesen! Glaubst du nun, Ismael, was ich stets behauptet habe, daß der Trapper ein Spion der Rothäute ist?“
Die Kugel ging von Hand zu Hand, und keiner zweifelte länger an der Schuld des alten Jägers.
Endlich machte man sich daran, des Toten Grab zu graben. Stumm und tränenlos schaute die Mutter zu; kein Seufzer, kein Schrei entrang sich ihrem zerrissenen Herzen, als man die Grube zuwarf und die Erde festtrat, um zu verhindern, daß Raubtiere den Leichnam wieder ausscharrten.
„Esther,“ sagte der Squatter, als alles getan war, „tröste dich. Wir haben den Knaben erzogen, wir haben einen Mann aus ihm gemacht, wie es wenige an den Grenzen gibt, und nun haben wir ihn begraben. Als Eltern konnten wir nicht mehr tun. Laß uns nun gehen.“
Die Frau erhob sich und ließ sich willenlos fortführen. Die Schar machte sich auf den Heimweg. Nach langem Marsche kam endlich der Felskegel in Sicht. Man gab einen Schuß ab, um die Aufmerksamkeit der Mädchen zu erregen. Allein nichts regte sich auf der Höhe. Ein scharfer Windstoß fuhr über die Prärie. Man sah das weiße Zelttuch lose flattern -- die Befestigungen desselben mußten sich gelöst haben -- man sah es sich blähend erheben und dann, vom Winde erfaßt, den jenseitigen Abhang hinabfliegen.
„Die Mörder sind auch dort oben gewesen!“ rief die Mutter verzweiflungsvoll. „O meine armen Kinder!“
Ismael aber stürmte ohne ein Wort zu sagen über die Ebene zum Berge und diesen hinauf; seine Söhne folgten ihm in atemloser Hast.
* * * * *
Ellen hatte inzwischen auf dem Felsen treue Wacht gehalten, dabei aber auch ihren Verkehr mit der Bewohnerin des Zeltes nicht vernachlässigt.
Es mochte eine Stunde seit dem Auszuge der Männer vergangen sein, als plötzlich ein halbes Dutzend Mädchenstimmen den Alarmruf erhob.
„Sieh, Ellen,“ riefen Ismaels Töchter, „dort zeigen sich fremde Männer in der Prärie! Ob es die Sioux sind?“
Zugleich griffen sie nach ihren Büchsen und den kurzen Hebeln, mit denen sie die Steine den Abhang hinabzustürzen gedachten.
Ellen schaute prüfend in die Weite. Aus der kleinen Gruppe von Männern, die sich in der Ferne zeigte, sonderte sich jetzt ein Mann ab und kam auf die Felsenburg zu. Schon legten Phöbe und Hetty, die beiden ältesten der Schwestern, mit geübter Hand ihre Büchsen an, als Ellen ihnen zurief:
„Schießt nicht! Das ist kein Feind, das ist ja unser alter Doktor Battius!“
Der kleine Mann kam heran, ein weißes Tuch an seinem Flintenlauf wie eine Parlamentärflagge schwenkend. Die übrigen Männer, drei an der Zahl, folgten ihm in einiger Entfernung. In Rufweite angelangt, erhob der Naturaliensammler seine krähende Stimme.
„Holla, da oben!“ rief er. „Im Namen der Vereinigten Staaten von Nordamerika fordere ich euch auf, die Festung zu übergeben!“
„Was redet Ihr da für Unsinn, Doktor?“ entgegnete Ellen. „Seid Ihr denn nicht unser Freund? Reiset Ihr denn nicht mit meinem Onkel auf Grund eines Vertrages --“
„Der Vertrag ist null und nichtig!“ rief Obed zurück. „Ismael Busch hat angegeben, er führe in jenem Zelte ein Tier mit sich, zur Anlockung des Wildes in der Prärie bestimmt. Ismael Busch hat mich belogen; jenes Tier ist kein Tier, sondern ein Frauenzimmer. Daher ist unser Vertrag null und nichtig, und wenn ihr eure Festung nicht sofort übergebt, dann wird sie ohne weiteres mit Sturm genommen!“
„Halt!“ nahm jetzt Paul Hover das Wort, denn er war einer der drei Männer, „der Doktor geht zu weit. Nicht nach eurer Festung gelüstet uns; wir wollen nur das Tier haben, das reißende, gefährliche Tier, das sich dort im Käfig unter jenem Zelte befindet! Das müßt ihr uns ausliefern!“
Ellen trat händeringend an die Brüstung.
„Du verlangst Unmögliches von mir, Paul,“ rief sie. „Ich habe Ismael Busch mit heiligem Eide schwören müssen, das Geheimnis des Zeltes keinem Menschen zu verraten, auch jeden Fluchtversuch der Gefangenen nach Kräften zu hindern. Wenn ihr trotzdem das Geheimnis durchschaut habt, so geschah dies nicht durch meine Schuld; meine Pflicht ist es aber, mich eurem Vorhaben zu widersetzen, solange Leben in mir ist!“
Eine kleine Weile noch ging das Parlamentieren hin und her. Auch Middleton und der Trapper beteiligten sich daran, Ellen aber und Ismaels Töchter blieben fest und drohten schließlich mit gewaltsamer Abwehr.
„Nun, wenn ihr's denn nicht anders wollt, dann mag's drauf ankommen!“ rief Paul und begann mit der Behendigkeit einer Katze den Felsen zu erklimmen, dabei vorsichtig jede Deckung benutzend, die ihn gegen die Kugeln der jungen Amazonen schützen konnte.
„Paul!“ kreischte Ellen angstvoll, „Paul, bleib zurück! Die Mädchen stürzen sonst Felsstücke auf dich hinunter, die dich unfehlbar zerschmettern müssen!“
„So treib das Gesindel doch davon!“ entgegnete der unerschrockene Bienenjäger. „Ich komme hinauf, und wäre der ganze Berg mit Hornissen bedeckt!“
„Ellen soll es nur wagen, uns zu hindern!“ rief jetzt Phöbe. „Wir wissen sehr wohl, daß sie es mit Euch hält; kommt sie uns zu nahe, so soll sie es bereuen. Hinunter mit euren Steinen, ihr Mädchen! Ich will den Mann sehen, der einen Fuß in Ismael Buschs Lager setzt, ohne seiner Töchter Einwilligung zu haben!“
„Ducke dich unter den Vorsprung, Paul!“ schrie Ellen in Herzensangst.
In diesem Augenblick öffnete sich der Zeltvorhang, und zum zweitenmal zeigte sich die wunderbare Frauenerscheinung auf dem höchsten Teile des Felsenberges.
„Im Namen Gottes beschwöre ich euch, von dem Streit abzulassen,“ rief sie mit wohllautender Stimme den Stürmern wie den Verteidigerinnen zu. „Vernichtet nicht Menschenleben, die ihr doch nie wieder ersetzen könnt!“
Aller Augen waren im Nu auf die Sprechende gerichtet.
„Inez, meine Inez!“ rief der Hauptmann Middleton ihr zu. „Habe ich dich endlich gefunden? Mein mußt du nun wieder werden, und wenn tausend Teufel diesen Felsen verteidigten! Vorwärts, braver Bienenjäger, vorwärts und gebt mir Raum!“
Damit sprang auch er den Abhang hinan. Die Mädchen waren durch die plötzliche Erscheinung der schönen, fremden Frau in ihrer Mitte so in Erstaunen gesetzt, daß sie erst an Gegenwehr dachten, als es bereits zu spät war. Wohl stürzten sie einen der Felsblöcke auf die Angreifer hinab, diese aber wichen demselben aus, und im nächsten Augenblick schwang sich Paul auf den flachen Gipfel hinauf, unmittelbar gefolgt von Middleton. Doktor Battius kam erst nachgeklettert, als die kriegerischen Mädchen bereits entwaffnet waren und mit gefesselten Händen und stumm vor Erstaunen zusehen mußten, wie der Hauptmann die ihm jubelnd entgegeneilende schöne Fremde in heller Freude an sein Herz schloß ...
Es ist hier am Platze, über diese beiden einige nähere Erklärungen zu geben. Der Hauptmann Middleton gehörte zu dem Truppenkörper, den die Regierung ausgesandt hatte, um das neu erworbene Terrain, den heutigen Staat Louisiana, zu besetzen. Hier kam er in Berührung mit einem der alteingesessenen kreolischen Grundherren, Don Augustin de Certavallos; die Bekanntschaft wurde zur Freundschaft, und als er eines Tages den Don um die Hand seiner Tochter, der schönen Inez, bat, da erfuhr er keine Ablehnung. Die Hochzeit wurde mit jener Pracht gefeiert, die sich für eine reiche kreolische Erbin geziemte. Middletons Glück aber war nur kurz, denn schon am nächsten Tage war seine junge Gattin spurlos verschwunden. Der Schmerz, das Entsetzen des Hauptmanns und des alten Don spotteten jeder Beschreibung. Alles Erdenkbare wurde aufgeboten, das Verschwinden der armen Inez zu erklären und ihre Spur zu entdecken, allein vergebens. Endlich, nach langen Wochen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, ward dem schwer geprüften Gatten durch einen dem Trunke ergebenen Vagabunden die Nachricht, daß seine Inez durch einen übel berüchtigten Menschen, den ehemaligen Sklavenhändler Abiram White, unter dem Beistande von dessen Schwager Ismael Busch geraubt und davongeführt worden sei. Ein Verwandter Don Augustins, dessen Bewerbungen Inez einst abgewiesen, hatte den zu allen Schandtaten fähigen Abiram mit einer großen Summe zu diesem Menschenraube bestochen.
Durch diese Kunde zu neuer Hoffnung erweckt, wählte Middleton eine Anzahl erlesener Männer aus seinem Kommando und machte sich mit diesen ungesäumt an die Verfolgung der Räuber. Es ward ihm nicht schwer, der Fährte des Wagenzuges der Emigranten nachzugehen, wenigstens so lange, bis dieser den harten, trockenen Boden der Prärie erreicht hatte. Hier verschwanden jedoch die Spuren, und er sah sich genötigt, seine Schar zu zerstreuen, damit jeder auf eigene Hand suche, und einen bestimmten Ort und Tag zu verabreden, um wieder zusammenzutreffen. Eine ganze Woche lang hatte er die Prärie bereits allein durchirrt, als er, wie wir gesehen haben, auf unsere drei Freunde stieß, die er durch die Erzählung seines Geschicks gar bald zu seinem Beistande gewonnen hatte ...
Die Feste war erstürmt und Frau Inez befreit. Ismaels Töchter lagen gefesselt in einer der Hütten, Paul Hover hatte in lustigem Übermut auf der höchsten Spitze des Felsens, wie ein siegesstolzer Hahn, mit den Armen geschlagen und gereckten Halses ein schmetterndes „Kikeriki“ ertönen lassen. Die wieder vereinigten Gatten stiegen, gefolgt von dem Doktor, in die Ebene hinab, wo der Trapper, des letzteren Esel am Zügel, bereits ungeduldig ihrer harrte, und der Bienenjäger forderte Ellen auf, ihm gleichfalls dorthin zu folgen.
Hektor hatte inzwischen Zeichen von Unruhe von sich gegeben, und auch der jüngere Hund erhob seine Nase witternd gegen den Wind.
„Was ist's, Hundchen?“ fragte der alte Jäger den treuen Gefährten. „Sag's uns deutlich, Hektor.“
Der Hund knurrte und wies die Zahnstumpfe. Der Trapper verstand ihn.
„Wir dürfen nicht länger zögern,“ sagte er zu Middleton. „Hebt Eure Dame auf des Doktors Esel, und dann fort. Der Squatter und seine Brut sind kaum noch eine englische Meile oder zwei entfernt.“
Inez saß im Sattel, da trat Ellen an sie heran.
„Gott geleite Euch, Lady Inez,“ sagte sie tränenden Auges, die Hand der anderen ergreifend. „Vergesset das Unrecht, das mein Oheim Euch zugefügt hat --“
„Aber kommt Ihr denn nicht mit uns?“ fragte die junge Frau erstaunt.
„Ich kann nicht -- ich darf nicht!“ schluchzte Ellen. „Ich würde in des Oheims Augen dadurch noch mehr als Verräterin dastehen, als dies jetzt schon der Fall sein muß. Ich kam als Waise zu ihm, und er hat in seiner Art gut an mir gehandelt; ich darf ihn in solcher Lage nicht verlassen.“
„Vorwärts!“ drängte der Trapper, „wir dürfen keine Minute mehr verlieren!“
Damit setzte er sich in Marsch; der Hauptmann, der den Esel führte, folgte ihm schnellen Schrittes, ebenso der Doktor.
Paul Hover aber blieb, auf seine Büchse gestützt, ruhig stehen. Ellen, die ihr Antlitz in den Händen verborgen hatte, gewahrte ihn erst, als die anderen schon weit weit fort waren.
„Um Gotteswillen, Paul, warum fliehst du nicht?“ rief sie in Angst.
„Weil ich das Fliehen nicht gewohnt bin.“
„Mein Oheim wird gleich hier sein, und von dem hast du keine Gnade zu erwarten.“
„Von seiner Nichte auch nicht, wie mir scheint. Mag er kommen und mir den Schädel einschlagen.“
„O Paul, wenn du mich lieb hast, dann fliehe!“
„Allein? Nein, eher will ich --“
„Wenn du dein Leben liebst, fliehe!“
„Ohne dich ist mein Leben mir gleichgültig.“
„Paul!“
„Ellen!“
Sie streckte laut aufweinend die Hände nach ihm aus. Da packte er sie um den Leib und riß sie, den anderen nacheilend, über die Prärie mit sich fort.
Viertes Kapitel
Der Basilisk
Zwei Stunden waren vergangen, seit der Trapper mit seiner Gesellschaft dem Felsenberg den Rücken gekehrt hatte. Auf weitem Umwege hatte er, alle Deckungen des welligen Terrains mit kluger Sorgfalt benutzend, die Flüchtlinge bis in die Nähe eines sumpfigen Gehölzes geführt; in kurzer Entfernung von demselben machte Hektor, der, sich ab und zu umschauend, seinem Herrn stets vorangeschritten war, plötzlich halt und setzte sich, ein kurzes, klagendes Geheul ausstoßend, auf sein Hinterteil.
„Ja, Hundchen, ja,“ sagte der alte Jäger. „Ich kenne den Ort. Wir haben beide Grund, die Stelle nicht zu vergessen.“
Er war neben Hektor stehengeblieben, um die anderen herankommen zu lassen.
„In diesem Dickicht,“ rief er denselben zu, „können wir uns verbergen. Eher wird sich die Prärie in einen Wald verwandeln, als es Ismael und seinen Söhnen einfallen wird, uns hier aufzusuchen.“
„Das ist die Stätte, wo der erschlagene Mann gelegen hat,“ versetzte der Hauptmann, mit innerlichem Grausen die Umgebung betrachtend.
„Ganz recht. Unser Freund Bienenjäger mag ins Gebüsch gehen und nachsehen, ob der Leichnam bereits beseitigt ist oder nicht; ich beruhige derweil die Hunde.“
„Was? Ich?“ rief Paul, in sein zottiges Lockenhaar greifend. „Das sollte mir einfallen! Ich will im dünnsten Baumwollenzeug mitten in einen weiserlosen Schwarm hineinspringen -- und ein Mann, der das tut, fürchtet sich wahrhaftig auch vor Ismael und seinen ungeschlachten Söhnen nicht -- aber mit Leichen und Totengebeinen will ich nichts zu tun haben!“
Da trat der kleine Doktor hervor.
„Wenn hier eine Leistung erforderlich ist, zu der feste Nerven gehören,“ sagte er ruhig, „so bin ich der Mann dazu.“
Der Trapper schaute ihn an.
„Könnt Ihr dem Tode ohne Beben ins Gesicht sehen?“ fragte er. „Oder muß ich selber hingehen, auf die Gefahr hin, daß die Hunde ein Geheul anstimmen, das uns verraten kann?“