Der alte Trapper

Part 3

Chapter 33,689 wordsPublic domain

Seit den geschilderten Ereignissen war eine Woche vergangen. Den Andeutungen des Trappers folgend, hatten die Emigranten den Berg bald gefunden, der ihnen als Zuflucht dienen sollte. Derselbe war eigentlich nichts als ein Felskegel, der, von Gestrüpp umwuchert, steil und fast unzugänglich aus der Ebene emporragt. Auf dem flachen Gipfel desselben errichteten sie einige Hütten aus Baumästen und ähnlichem Material, und unweit des Abhanges, auf erhöhter Stelle, wurde das geheimnisvolle Zelt aufgeschlagen, dessen weiße Leinwand wie ein Schneefleck weit in die Ferne hinaus leuchtete.

„Lange können wir hier nicht bleiben,“ sagte Ismael, als er eines Morgens mit seinem Schwager am Fuße des Felskegels stand und mißmutig in die hier sehr dürre und steinige Prärie hinausblickte. „Wenn wir nicht elend verhungern wollen, müssen wir machen, daß wir bald wieder fortkommen. Auch sonst haben wir beide Grund genug, die Gegend zu erreichen, die wir uns als Ziel setzten.“

Abiram sah ihn aus seinen falschen Augen verständnisvoll an, enthielt sich jedoch der Antwort, da jetzt einige der Söhne Ismaels herzutraten.

„Ich habe Ellen Wade, die da oben Ausguck hält, angerufen, ob sie etwas sieht,“ bemerkte einer der jungen Männer, „aber sie tat, als hörte sie mich gar nicht. Und doch scheint sie irgend etwas in der Ferne aufmerksam zu betrachten.“

Der Vater schaute in die Höhe. Dort, hundert Fuß über der Ebene, auf einem Felsstück unmittelbar am Abhange und dicht neben dem Zelte, saß Ellen und lugte unbeweglich nach einer Richtung in die Ferne.

Plötzlich entfuhr ihm ein Ruf zornigen Schreckens, der blitzschnell nun auch die Blicke aller übrigen nach dem Gipfel des Felskegels lenkte.

„Ha!“ rief Abiram, mehr erschrocken als zornig.

Die jungen Männer aber standen mit vor Erstaunen weit offenem Munde. Denn neben Ellen war eine zweite Gestalt erschienen, die eines jungen Weibes von wunderbarer Schönheit. Ein dunkles, schimmerndes Seidengewand umflatterte ihre Glieder, und langes, rabenschwarzes Lockenhaar wallte windbewegt um ihr Haupt.

Eine Weile standen die Männer in stummem Anschauen dieser Erscheinung, dann aber nahm Asa, der älteste der Söhne, das Wort.

„Das also ist das Tier, das ihr angeblich zum Anlocken des Präriewildes mitgenommen habt, und mit dem ihr immer so heimlich getan,“ sagte er voll Hohn zu dem ihn scheu ansehenden Abiram, da er es vorzog, sich nicht direkt an seinen Vater zu wenden. „Daß du es mit der Wahrheit nie genau genommen hast, wußte ich längst, aber solch eine grobe Lüge erwartete ich doch nicht. Die Zeitungen in Kentucky haben dich hundertmal einen Sklavenhändler gescholten; sie ahnten jedoch sicher nicht, daß du den Handel auch auf weiße Menschen ausdehntest.“

„Wen nennst du hier einen Sklavenhändler?“ fuhr Abiram erbost auf. „Sieh dir deine eigene Familie an, mein Junge. Gar manchen Aufruf habe ich an den Häusern und Bäumen angeschlagen gesehen, der eine gute Belohnung denen verhieß, die deines Vaters, deiner Mutter, ja und auch deinen Verbleib so nachweisen konnten, daß das Gericht euch zu fassen imstande war! Reich könnte ich heute sein, wenn ich euch Sippschaft --“

Er redete nicht weiter, denn Asa versetzte ihm mit der verkehrten Hand einen solchen Schlag auf den Mund, daß er fast zu Boden getaumelt wäre.

„Du hast den Bruder deiner Mutter geschlagen, Asa!“ sagte der Vater finster und streng.

„Den Verleumder unserer Familie habe ich gezüchtigt,“ entgegnete der Sohn heftig, „einen Menschen, der verdiente, daß man ihm die giftige Zunge herausschnitte!“

„Schweig, ich befehle es dir!“ herrschte der Squatter den Zornigen an. „Du kennst mich, also kein Wort weiter. Auch du, Abiram, bist ruhig. Du hast schlimme Dinge gegen mich und die Meinen ausgesprochen. Wenn die Schergen des Gerichts ihre Zettel an die Blockhütten und an die Baumstümpfe in den Lichtungen nagelten, dann geschah das nicht, weil ich unehrliche Handlungen beging, sondern weil ich der Ansicht war und heute noch bin, daß die Erde, der Wald und das Wild freies Eigentum aller Menschen sind. Nein, Abiram, könnte ich meine Hände ebenso leicht von dem reinigen, was ich auf dein Anstiften tat, wie von meinen sonstigen Sünden, dann würde mein Schlaf ruhiger sein, und meine Angehörigen brauchten sich meines Namens nicht zu schämen. Aber nun Friede; machen wir das, was schlimm ist, nicht noch schlimmer.“

Der Streit hatte die Aufmerksamkeit der Männer von der wunderbaren Erscheinung auf der Höhe des Berges abgelenkt; als man jetzt hinaufblickte, war diese nicht mehr sichtbar. Asa, phlegmatisch wie alle Leute von seiner gewaltigen Kraft und Körpergröße, beruhigte sich sehr bald wieder. Nicht so Abiram; man sah es dem tückischen Ausdruck seiner Augen an, daß er von jetzt an einen tödlichen Haß gegen seinen Neffen mit sich herumtragen würde.

Ismael aber erstieg das Lager und begab sich in das Zelt, in welchem er einige Zeit verweilte; als er wieder im Freien erschien, war sein Antlitz erregt und finster.

Nach kurzer Rücksprache mit seiner Frau stieg er aufs neue zur Ebene hinab, und bald darauf zog er mit seiner ganzen Schar fort zur Jagd; denn die Mutter hatte ihm mitgeteilt, daß das Fleisch für die Kochtöpfe auf die Neige ginge.

* * * * *

Um die Zeit, als die Emigranten ihre Felsenburg verließen, saßen etwa in Kanonenschußweite von derselben zwei Männer in einer kleinen, von einem Bache durchrieselten Bodensenkung, eifrig beschäftigt, eine herzhafte Mahlzeit einzunehmen. Dieselbe bestand in dem saftigen Fleische eines Büffelhöckers, der sachkundig von dem erlegten Wilde abgelöst und zwischen erhitzten, mit Erde bedeckten Steinen, nach der uralten Sitte der Wildnis, gar gemacht worden war. Die Schmausenden waren der Trapper und der Bienenjäger. Letzterer lobte die Kochkunst seines alten Gefährten mit wahrer Begeisterung, wobei er unermüdlich mit vollen Backen kaute; der Trapper, der bald gesättigt war, hörte lächelnd zu und versorgte dabei seinen treuen Hektor mit den weichsten und leckersten Bissen. Auf ein leises, warnendes Knurren des klugen Tieres blickte er um sich und gewahrte in einiger Entfernung einen kleinen Mann, der frei, wenn auch mit zögernden Schritten, herankam. Als Paul Hover den Fremden erspähte, stopfte er die saftigen Fleischstücke mit verdoppeltem Eifer zwischen seine weißen Zähne, als fürchte er, zu kurz zu kommen, wenn noch ein Dritter einen Anteil an dem Büffelhöcker beanspruchen sollte. Dem Trapper schien jedoch das Erscheinen des Unbekannten ganz willkommen zu sein.

„Nur näher, Freund,“ rief er demselben entgegen, „nur näher! Wenn der Hunger Euch führte, dann seid Ihr an den rechten Ort gelangt. Fürchtet Euch nicht, wir sind Christenmenschen und genießen mit Dank, was Gott uns bescherte.“

„Ehrwürdiger Jäger,“ antwortete Obed Bat, der auf einer seiner botanischen Exkursionen an diesen Ort gekommen war, „ich freue mich dieser Begegnung, da ich Euch bereits, wenn auch nur dem Ansehen nach, kennengelernt habe. Wir beide lieben die Natur und ihre wunderbaren Erzeugnisse, wir sollten daher in Freundschaft verbunden sein.“

„Aha, Ihr seid der Doktor, von dem ich in Ismael Buschs Lager reden hörte,“ entgegnete der Trapper. „Setzt Euch her und esset und dann sagt uns, was Ismael unter dem weißen Zelte mit sich führt, das er so scharf und bissig bewacht wie eine Bärin den Ort, wo ihr Junges schläft.“

„Habt Ihr davon auch gehört?“ versetzte der Doktor, den Bissen wieder sinken lassend, den er eben mit lüsterner Miene zum Munde führen wollte, während Paul mit anscheinend immer zunehmendem Appetit dem Fleische zusprach.

„Nein, gehört habe ich nichts, aber gesehen habe ich das Zelt, und weil ich nachschauen wollte, was sich darunter verbirgt, hat man mich beinahe gebissen.“

„So, also gebissen!“ sagte der gespannt aufhorchende kleine Mann. „Dann muß es also doch ein Raubtier sein. Ein Bär, ein _Ursus horridus_ ist's nicht, dafür verhält es sich zu ruhig; ein Hund, ein _Canis latans_, kann's auch nicht sein, denn den hätte seine Stimme längst verraten. Andererseits aber kann doch Ellen Wade nicht mit einem Raubtier auf so vertrautem Fuße stehen. Hm, zum Locken anderer Tiere bei der Jagd haben sie's mitgenommen, wie sie sagen ... hm ... Verehrungswürdigster Jäger, ich muß Euch offen gestehen, daß dieses rätselhafte Tier, das tagsüber in einem Wagen und nachts in dem Zelte verwahrt wird, mir bereits mehr Kopfzerbrechen verursacht hat als sämtliche Vierfüßler der Naturgeschichte zusammen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich es noch nicht zu klassifizieren vermochte.“

„Ihr meint also, Ismael führe ein reißendes Tier unter jenem Zelte mit sich herum?“ fragte der Trapper augenscheinlich belustigt.

„Ich meine nicht nur, ich weiß es genau,“ versicherte Doktor Battius mit großem Ernste, „denn Ismael Busch selber hat es mir gesagt.“

Paul Hover lachte kauend laut auf. Der Trapper aber schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Dahinter steckt irgend ein Geheimnis,“ sagte er ruhig. „Ismael läßt keinen Unberufenen dem Zelte nahekommen, ein Tier aber brauchte er nicht so ängstlich zu verbergen. Ein Tier kann's auch gar nicht sein, sonst hätte mein Hektor mir längst davon erzählt, denn seine Nase ist noch so unfehlbar wie einst, in seinen jungen Jahren.“

„Bildet Ihr Euch ein, Euer Hund sei klüger als ein Mann von meinen Kenntnissen?“ rief der Doktor halb unverständlich, da er den Mund voll Büffelfleisch hatte. „Wie soll solch ein Köter zum Beispiel die Klasse, Gattung, Art und Geschlecht eines Tieres feststellen? Wie kann er wissen, was selbst studierten und gelehrten Leuten verborgen ist?“

„Wie er das wissen kann?“ lächelte der alte Trapper. „Gebt acht; hört Ihr nicht ein Geräusch dort in dem Gesträuch am Bache? Seit fünf Minuten schon raschelt und knackt es da. Was für ein Geschöpf mag sich dort wohl regen?“

„Hoffentlich kein Raubtier!“ rief der Doktor erschrocken. „Ihr führt Büchsen mit Euch, Freunde; macht sie schußfertig, denn auf meine kleine Vogelflinte ist nur wenig Verlaß.“

„Die Büchsen können wir immerhin zur Hand nehmen,“ versetzte der Alte, nach der seinen langend. „Hektor, mein Hundchen, wer kommt da? Sollen wir die Kreatur stellen oder laufen lassen?“

Der Hund, der durch die Bewegungen seiner Ohren den erfahrenen Jäger längst von dem Herankommen eines fremden Geschöpfes Kenntnis gegeben hatte, erhob den Kopf, schnüffelte ein wenig, gähnte dann und streckte sich ruhig wieder nieder.

„Es ist ein Mensch!“ rief der Trapper, „wenn ich mich noch auf meinen Hektor verstehe.“

Jetzt sprang Paul Hover blitzschnell auf, und sein Gewehr anschlagend, rief er mit drohender Stimme:

„Hervor da, Freund oder Feind!“

„Ein Freund bin ich, ein Weißer und ein Christ,“ kam die Antwort aus dem Gebüsch, und im nächsten Augenblick trat ein Mann aus demselben ins Freie. Ruhigen Schrittes kam er heran, forschend und vorsichtig die drei Freunde mit seinen Blicken messend. Er war noch jung; auf dem schwarzlockigen Haupte saß ihm keck eine Soldatenmütze mit verblichener Goldquaste. Über einer blauen Uniform trug er ein dunkelgrünes, gelb eingefaßtes Jagdhemd, dazu hirschlederne Hosen und indianische Mokassins. In der rotseidenen Schärpe steckte ein langer Dolch, am Leibriemen hingen zwei lederne Halfter mit Pistolen darin, und ein schweres Soldatengewehr nebst Pulverhorn und Kugeltasche vervollständigten seine Bewaffnung. Auf dem Rücken führte er einen Tornister mit sich, gezeichnet mit dem Stempel der Vereinigten Staaten, _U. S._ (_United States_), welche Buchstaben den Amerikanern den scherzhaften Beinamen „Onkel Sam“ zugezogen haben.

„Ich komme als ein friedlicher Reisender,“ nahm der Fremdling das Wort, als er bei den Dreien angelangt war und sich auf einen freundlichen Wink des Trappers niedergelassen hatte, um gleichfalls dem leckeren Mahle zuzusprechen. „Und da Ihr das Recht habt, zu erfahren, wem Ihr Eure Gastfreundschaft zuteil werden lasset, so seht hier meine Legitimation.“

Damit zog er aus einer inneren Brusttasche ein Pergament hervor und reichte es dem alten Jäger.

„Ich kann nicht lesen, Freund,“ lehnte dieser lächelnd ab, „auch genügt mir Euer Antlitz als Legitimation.“ „Gebt her,“ rief jetzt Doktor Battius neugierig, „ich lese alles, und wenn es lateinisch wäre.“

Er nahm das Pergament und entfaltete es.

„Ei, ei,“ sagte er, „was haben wir denn hier? Ei, Mann, das ist ja die Unterschrift des Präsidenten Jefferson, gegengezeichnet vom Kriegsminister! Hm! Das ist nichts mehr und nichts weniger als eine Bestallung für den Hauptmann der Artillerie Duncan Unkas Middleton.“

„Was sagtet Ihr da?“ fragte lebhaft der Trapper, der bis jetzt noch keinen Blick von den Zügen des jungen Fremden verwendet hatte. „Wie ist der Name? Nennt ihn noch einmal! War's nicht Unkas? Wie? Unkas sagtet Ihr?“

„Unkas ist mein Name,“ sagte der junge Mann nicht ohne einen Anflug von Stolz. „Ich und ein Onkel von mir tragen ihn zum Gedächtnis eines indianischen Häuptlings und eines großen Dienstes, den ein wackerer Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen meiner Familie erwiesen.“

„Unkas! Sagtet Ihr Unkas?“ wiederholte der Trapper, sich schnell erhebend und dem gleichfalls aufstehenden Gaste das dunkle Lockenhaar mit bebender Hand aus der Stirn streichend. „Meine Augen sind alt und nicht mehr so scharf wie damals, als ich selber noch ein Krieger war ... aber ich erkenne doch noch die Züge des Vaters in denen des Sohnes. Ich erkannte das Antlitz sogleich, als Ihr aus dem Gebüsch kamt, aber ich wußte nicht, wo ich die Ähnlichkeit früher gesehen. Sagt mir, Knabe, welchen Namen trägt Euer Vater?“

„Mein Vater führte denselben Namen wie ich; er focht als Offizier im Revolutionskriege; meiner Mutter Bruder hieß Duncan Unkas Heyward.“

„Wieder ein Unkas! Wieder ein Unkas!“ rief der Trapper in zitternder Erregung. „Und dessen Vater?“

„Hieß ebenso, allerdings ohne den Namen des indianischen Häuptlings. Er war es und meine Großmutter, denen jener große Dienst, den ich erwähnte, erwiesen wurde.“

„Ich wußte es! Oh, ich wußte es!“ jubelte der alte Mann mit beinahe versagender Stimme, während eine tiefe Bewegung in seinen sonst so starren Zügen arbeitete. „Oh, ich wußte es! Ob Sohn oder Enkel, es ist gleich; das Blut, die Art lassen sich nicht verbergen! Sagt mir, Knabe -- der, den sie allein Duncan Heyward nennen, lebt der noch?“

Der junge Mann schüttelte traurig den Kopf.

„Er starb hochbetagt und hochgeehrt,“ antwortete er.

„Hochbetagt,“ murmelte der Trapper, auf seine mageren Hände niederschauend. „Ja, hochbetagt. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, Knabe, nicht wahr? Und auch wohl gehört, wenn er von Unkas und von der Wildnis redete?“

„Gar oft hat er mir davon erzählt,“ nickte der junge Mann, der nicht wußte, wo der Trapper mit seinen Fragen hinauswollte.

Die Augen des Alten glänzten seltsam. „Kommt,“ drängte er, „setzt Euch hier neben mich und laßt mich wissen, was Euer Großvater gesagt hat, wenn er sich an jene Tage im Urwalde erinnerte.“

Lächelnd folgte der andere dieser Aufforderung, während Paul sich ohne weiteres an seiner freien Seite niederließ.

„Tut dem Trapper immerhin den Gefallen, Fremder,“ sagte der Bienenjäger, „alte Leute hören gern von alten Zeiten plaudern, und ich kann wohl sagen, daß auch ich selber Wohlgefallen daran finde.“

„Wenn ich alles berichten wollte, würde Euch die Zeit lang werden,“ versetzte Middleton, „auch ist die Geschichte reich an Blutvergießen und all den anderen Schrecken indianischer Kriegführung.“

„An so etwas sind wir in Kentucky gewöhnt,“ meinte Paul, „außerdem machen ein paar Skalpierungen eine Geschichte nur noch interessanter.“

„Aber er erzählte Euch doch von Unkas, nicht wahr?“ fing der Trapper wieder an. „Und wie dachte und redete er über den Knaben, daheim in seinem reichen, vornehmen Hause und umgeben von allen Bequemlichkeiten der Kolonien?“

„Er sprach, denke ich mir, genau so, wie er gesprochen haben würde, hätte er seinem Freunde Auge in Auge gegenüber gestanden.“

„Was? Nannte er den Wilden seinen Freund? Den armen, nackten, bemalten Krieger des Waldes nannte er seinen Freund? Er war nicht zu stolz, den heidnischen Indianer seinen Freund zu nennen?“

„Nein, im Gegenteil, er rühmte sich mit Stolz dieser Freundschaft. Ich sagte Euch ja bereits, daß er seinem Erstgeborenen den Namen dieses Freundes gab und dabei den Wunsch äußerte, daß der Name wie ein Erbteil für alle Zeit in der Familie bleiben möge.“

„Das war recht gehandelt,“ nickte der Greis in freudiger Rührung, „das war eines Mannes und eines Christen würdig. Er pflegte den Delawaren wegen seiner Schnelligkeit zu bewundern -- sprach er auch davon?“

„Gewiß; er nannte ihn oft den ‚Flinken Hirsch‛, _Le Cerf Agile_; das war ein Beiname, der dem Häuptling gegeben war.“

„Richtig. Und kühn und furchtlos war er, nicht, Knabe?“ fuhr der Trapper fort, ganz glückselig darüber, hier das Lob dessen zu hören, den er in vergangener Zeit allem Anschein nach herzlich geliebt hatte.

„Kühn und großherzig, tapfer und ohne Furcht,“ bestätigte Middleton. „Wenn mein Großvater Muster echten Heldenmutes und wahrer Mannestreue anführen wollte, dann nannte er stets den Häuptling Unkas und dessen Vater, einen edeln Krieger, dem wegen seiner Weisheit der Beiname ‚die Große Schlange‛ verliehen worden war.“

„Damit ließ er ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren,“ rief der Greis. „Doch war das alles, Knabe? Wußte Euer Großvater nicht noch mehr zu berichten?“

„Doch. Die Erzählungen, bei denen auch meine gute Großmutter --“

„Ha,“ unterbrach ihn der Trapper, dessen Antlitz unter einer neuen Erinnerung förmlich strahlte, „ich weiß, sie hieß Alice! Wie deutlich sehe ich das schöne Kind vor mir! Ihr blondes, lichtes Haar schimmerte wie Gold, ihr Auge war blau wie der Himmel, und ihre Haut so rein wie der Winterschnee auf der Prärie! Hab' ich nicht recht?“

Der junge Offizier zuckte lächelnd die Achseln; als junges Mädchen hatte er seine Großmutter freilich nicht mehr gekannt.

„Die Gefahren und Abenteuer, die sie auf jenen Fahrten durch die Urwälder zu überstehen gehabt,“ so fuhr er fort, „hatten sich ihrem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt, ebenso die Gestalten der Freunde, die sie begleitet und beschützt hatten.“

Der Trapper wendete das Gesicht zur Seite, als kämpfe er mit seinen Empfindungen; nach einer kleinen Weile richtete er seine ehrlichen Augen wieder auf den jungen Gast.

„Diese Freunde, Knabe -- sagt, waren das alles nur Rothäute? Waren Duncan Heyward und die Tochter Munros die einzigen Weißen bei dem Zug durch den Urwald?“ fragte er.

„Nein, ein weißer Jäger, der zu den Delawaren gehörte, befand sich noch bei ihnen, ein Kundschafter der englischen Armee.“

„Aha, wahrscheinlich einer von jenen betrunkenen Taugenichtsen und Vagabunden, die sich so zahlreich in den Indianerdörfern herumtrieben und ihrer Farbe zur Schande gereichten,“ bemerkte der Alte, die Züge des Offiziers dabei lauernd beobachtend.

„Alter Mann,“ entgegnete dieser sehr ernst, „Eure weißen Haare sollten Euch wahrlich von solchen übeln Nachreden abhalten! Es gibt nicht viel Menschen auf der Erde, die an innerem Wert mit jenem Jäger sich messen dürfen. Im Gegensatz zu dem Grenzergesindel, das Ihr erwähntet, vereinigte er in sich alle Vorzüge der weißen wie der roten Rasse. Sein Gemüt war rein wie das eines Kindes, dabei stand er an Mut und Tapferkeit seinen indianischen Gefährten nicht nach und war ihnen an Kriegserfahrung sogar weit überlegen. Mein Großvater bedauerte stets, daß die Tugenden und edeln Charaktereigenschaften dieses Mannes bei der Lebensweise desselben so wenig Beachtung finden konnten; in anderer Stellung hätte er der Mitwelt sicher von großem Nutzen sein können, denn er war einer der besten Männer seiner Zeit.“

Während dieser Rede des jungen Mannes hatten die Augen des Trappers sich zu Boden gesenkt. Wie abwesend spielten seine Finger mit den Ohren des Hundes, auch ließ er zwecklos mehrmals das Schloß seiner Büchse schnappen.

„Euer Großvater hatte also den weißen Jäger doch nicht ganz vergessen?“ kam es endlich heiser über seine Lippen.

„So wenig hatte er ihn vergessen, daß heute bereits drei seiner Nachkommen auf den Namen des Kundschafters getauft sind.“

„Was? Auf den Namen des armen, ungebildeten Jägers? Die Reichen, die Großen, die Leute in Amt und Ehren und, was noch besser ist, die Gerechten und die Guten führen seinen wirklichen, richtigen Namen?“

„Mein Bruder und zwei meiner Vettern sind stolz darauf, sich nach jenem edeln Manne nennen zu dürfen.“

„Wirklich und wahrhaftig mit dem richtigen Namen, der mit einem N anfängt und mit einem L aufhört?“

„Mit demselben Namen,“ bestätigte der junge Mann lächelnd. „Nein, mein Freund, nicht das Geringste ist vergessen, das dem Gedächtnis des Trefflichen dienen kann. Sogar mein Jagdhund, der gegenwärtig hinter einem Stück Wild streift, stammt von einem Tier ab, das Nathaniel Bumppo einst meinem Großvater als Andenken aus der Ferne sendete, und einen besseren und zuverlässigeren Hund gibt's nicht in den ganzen Vereinigten Staaten.“

„Hektor,“ sagte der Alte mit vor Bewegung erstickter Stimme, „Hektor, mein Hundchen, hast du das gehört? Dein Fleisch und Blut ist in der Prärie!“

Er vermochte nicht länger an sich zu halten.

„Knabe,“ rief er, „jener Jäger, jener Kundschafter, bin ich! Ich bin Nathaniel Bumppo! Ein Krieger einst, jetzt ein elender Fallensteller!“

Und aus Quellen, die längst versiegt geschienen, brachen heiße Tränen hervor und strömten unaufhaltsam über seine welken Wangen. Er verbarg das Antlitz auf den Knien und schluchzte laut.

Erstaunt, tief gerührt und voll Ehrfurcht blickten die drei anderen auf ihn. Lange vermochte keiner ein Wort hervorzubringen.

„Es kann kein Zweifel obwalten,“ begann endlich der junge Offizier, der sich nicht schämte, die Zeichen seiner Ergriffenheit aus den Augen zu wischen, „er ist es, sonst könnte er mit den Einzelheiten der Geschichte nicht so vertraut sein, die fast nur in meinem Verwandtenkreise bekannt ist.“

„Was der sagt, das ist so wahr wie das Evangelium!“ rief Paul Hover heftig, mit dem Ärmel über sein Gesicht fahrend. „Darauf will ich jederzeit meinen heiligen Eid leisten, wenn Ihr's verlangt!“

„Und wir hatten immer gemeint, daß er längst nicht mehr unter den Lebenden sei,“ fuhr der Offizier fort. „Mein Großvater starb in hohem Alter, und der war der Jüngere von beiden.“

Inzwischen hatte der Trapper seine Fassung wiedergewonnen.

„Daß ich noch auf Erden lebe, junger Mann,“ sagte er ernst, „ist der Wille des Herrn; achtzig Jahre und darüber hat er nach seinem weisen Ratschluß mich alt werden lassen. Daß ich der Mann bin, der ich sagte, das könnt Ihr mir glauben; warum sollte ich mit einer Lüge meine Tage beschließen?“

„Ich zweifle keinen Augenblick daran, ich bin nur voll vor Erstaunen über diese wunderbare Fügung. Aber sagt mir, ehrwürdiger und teurer Freund meiner Vorfahren, warum finde ich Euch hier in dieser Wüste, fern von den Bequemlichkeiten und der sicheren Ruhe der Zivilisation?“

„Ich kam hierher, um dem Klange der Axt zu entfliehen; dieser Prärie bleibt der Holzfäller fern. Aber laßt mich an Euch dieselbe Frage richten. Gehört Ihr zu dem Kommando, das die Regierung abschickte, die neu erworbenen Ländereien zu besichtigen?“

„Nein, meine Reise hat einen privaten Zweck.“

„Wenn ein Mann, dessen Augen und Körperkräfte zur Ausübung der Jagd nicht mehr hinreichen, mit Fallen und Schlingen in der Nähe der Biberteiche gefunden wird, so ist das nichts Seltsames; verwunderlich aber ist es, wenn ein Hauptmann der Artillerie die Prärie durchstreift, ohne auch nur einen von seinen Untergebenen bei sich zu haben.“

„Ihr werdet meine Gründe hierzu billigen, sobald Ihr sie kennengelernt habt; ich gedenke sie Euch darzulegen, vorausgesetzt, daß Ihr sie wissen wollt. Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich alle, die ich hier um mich sehe, für wackere Männer halte, die einem Hilfsbedürftigen gern mit Rat und Tat beistehen werden.“