Part 2
Die jungen Leute folgten instinktiv seinem Wort und Beispiel, und kaum lagen die drei und auch der Hund im Grase versteckt, da sprengten auch schon die Indianer in aufgelöstem Schwarme heran und vorüber. Vorsichtig hob der Trapper nach einer Weile den Kopf und spähte ihnen nach, schnell aber duckte er sich wieder, denn die nächtlichen Reiter kehrten, nachdem sie augenscheinlich bis in die Nähe der Wagenburg gekommen waren, auf die Bodenerhebung, wo unsere Freunde versteckt lagen, zurück.
Schwarz hoben sich die Gestalten der Wilden von dem helleren Nachthimmel ab. Einige stiegen von den Pferden, andere ritten wie suchend hin und her. Noch war keiner von ihnen in die Nähe der im Grase Verborgenen gekommen.
„Ich fürchte, daß sie Böses gegen die Auswanderer im Schilde führen,“ flüsterte der Trapper seinen Gefährten zu. „Sie wittern Beute und werden nicht eher ruhen, bis sie solche erlangt haben.“
„Können wir denn den Ahnungslosen keine Warnung zukommen lassen?“ fragte Ellen in Herzensangst.
„Das könnten wir schon,“ meinte Paul. „Wenn ich aus voller Kraft rufe, dann hört man's in der offenen Prärie eine englische Meile weit; Ismaels Lager aber ist kaum eine Viertelmeile entfernt.“
Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte; erschrocken fuhr er auf und blickte in das wilde Antlitz und die funkelnden Augen eines indianischen Kriegers. Trotz aller Nachteile seiner Lage griff der Jüngling den Sioux bei der Kehle und würde denselben auch erdrosselt haben, wenn der alte Trapper ihn nicht gewaltsam zurückgerissen hätte. Ehe der Bienenjäger noch seinem zornigen Erstaunen über diese anscheinende Verräterei Ausdruck geben konnte, waren die drei umringt und zu Gefangenen gemacht.
Ruhig, ja bereitwillig, lieferte der Trapper den Sioux seine Waffen aus; der innerlich vor Wut kochende Paul Hover aber konnte sich erst dazu entschließen, als Ellen ihm unter flehenden Bitten vorstellte, daß der alte, erfahrene Trapper sicherlich das Richtige getan habe und daß er ihr Leben in Gefahr brächte, wenn er diesem Beispiel nicht folgte.
Nachdem die Wilden ihren Gefangenen auch noch sonst allerlei Sachen, die ihnen gefielen, abgenommen hatten, ließen sie dieselben, wenn auch streng bewacht, vorläufig unbehelligt.
„Soll ich dem Ismael zurufen?“ fragte Paul Hover leise.
„Wenn Ihr den Kopf gespalten haben wollt, dann ruft,“ antwortete der Trapper. „Nein, wir müssen versuchen, die Teufel zu überlisten, sonst ermorden sie alles, was dort unten im Lager lebt; denn mit der Wachsamkeit der Emigranten scheint es nicht weit her zu sein. Es sind aber tüchtige Leute, wie ich gesehen habe; meint Ihr, daß sie sich zu schlagen verstehen?“
„Ich will Euch was sagen, alter Trapper,“ antwortete der Bienenjäger, „ich, Paul Hover, habe nicht die mindeste Veranlassung, dem Ismael Busch und seinen sieben hammerfäustigen Schlagetots von Söhnen zugetan zu sein. Aber was wahr ist, bleibt wahr: eine solche Bärenfamilie wie die gibt es in ganz Kentucky nicht zum zweitenmal, und wer einen von den Buschs im Ringen wirft, der muß ein ganzer Kerl sein!“
„Still!“ sagte jetzt der Alte, der inzwischen keinen Blick von den Wilden verwendet hatte. „Die Rothäute haben ihre Beratung geendet und werden nun an die Ausführung ihrer Teufeleien gehen. Wir müssen Geduld haben, vielleicht finden wir noch eine Gelegenheit, Euren Freunden nützlich zu sein.“
„Meine Freunde sind das nicht,“ entgegnete Paul unwirsch. „Wenn ich etwas zu ihren Gunsten sagte, so geschah das, weil ich ein ehrlicher Kerl bin.“
„Ich dachte, das junge Frauenzimmer hier gehöre auch zu der Verwandtschaft,“ meinte der Alte trocken. „Na, nichts für ungut.“
Die Wilden waren jetzt sämtlich abgestiegen und hatten ihre Pferde dreien ihrer Genossen übergeben, denen auch die Bewachung der Gefangenen oblag. Nunmehr scharten sie sich um den, der ihr Häuptling war, um sich gleich darauf geräuschlos und schnell nach allen Richtungen über die Prärie zu zerstreuen. Nach kaum einer Minute war der letzte von ihnen in der Dunkelheit verschwunden.
Einer der Wächter, ein großer, halb nackter Krieger, trat an die Gefangenen heran.
„Haben die Bleichgesichter ihre eigenen Büffel alle aufgezehrt und auch allen ihren Bibern die Felle genommen, daß sie nun herkommen müssen, um zu sehen, wieviel Büffel und Biber bei den Pawnees noch übrig sind?“ fragte er in den rauhen Kehltönen seiner Rasse.
„Die Weißen kommen hierher, um zu kaufen oder zu verkaufen,“ antwortete der Trapper, „sie werden aber zurückbleiben, wenn sie hören, daß die Sioux ihnen feindlich sind.“
„Die Sioux sind Diebe und wohnen im Schnee; warum von einem Volke reden, das so fern ist, wenn wir hier im Lande der Pawnees sind?“
„Gehört dies Land den Pawnees, dann haben Weiße und Rothäute das gleiche Recht daran.“
„Haben die Bleichgesichter den roten Männern nicht schon genug gestohlen? Müssen sie mit ihren Lügen noch bis in die Jagdgründe meines Stammes kommen?“
„Mein Recht ist hier so gut wie das deine,“ entgegnete der Trapper mit unerschütterlicher Ruhe. „Die Pawnees und die Weißen sind Brüder, ein Sioux aber darf sein Gesicht in einem Dorfe der Loups nicht sehen lassen.“
„Die Dakotahs sind Männer!“ rief der Wilde, die angenommene Maske vergessend und sich den Namen zulegend, auf den seine Nation besonders stolz war. „Die Dakotahs kennen keine Furcht. Sprich, was führte dich so weit her aus den Dörfern der Bleichgesichter?“
„Ich habe die Sonne über vielen Ratsversammlungen auf- und niedergehen sehen und stets nur den Worten der Weisen gelauscht. Wenn deine Häuptlinge kommen, wird mein Mund nicht verschlossen sein.“
„Weucha ist ein großer Häuptling!“ rief der Wilde im Tone beleidigter Würde.
„Bin ich ein Narr, daß ich einen Teton nicht kennen sollte?“ versetzte der Trapper kalt und fest. „Geh', es ist finster, sonst würdest du sehen, daß mein Haar weiß ist. Aus dem Munde der Siouxkrieger vernahm ich den Namen Mahtoree; nur vor den Ohren eines Häuptlings werde ich reden.“
Der Wilde warf einen giftigen Blick auf den Alten und zog sich zurück. Kaum war er unsichtbar geworden, da trat aus der Dunkelheit ein Krieger von mächtiger Gestalt hervor und stellte sich mit jener vornehmen und stolzen Haltung, die den großen indianischen Häuptlingen von jeher eigen gewesen ist, vor die Gefangenen. Eine Schar Sioux, die mit ihm gekommen war, gruppierte sich in achtungsvollem Schweigen hinter ihm.
„Die Erde ist sehr groß,“ begann der Häuptling nach längerem Schweigen. „Warum finden die Kinder meines großen weißen Vaters keinen Raum darauf?“
„Einige von ihnen haben gehört, daß ihre Freunde in der Prärie mancherlei Dinge bedürfen,“ antwortete der Trapper, „sie wollen nun sehen, ob das wahr ist. Andere wieder brauchen Dinge, die von den Rothäuten verkauft werden, und so kamen sie, ihre Freunde mit Pulver und Wolldecken reich zu machen.“
„Seit wann kommen die Händler mit leeren Händen über den großen Fluß?“
„Unsere Hände sind leer, weil deine jungen Männer meinten, wir seien müde; da nahmen sie uns ab, was wir trugen. Sie irrten sich jedoch, ich bin zwar alt, aber es fehlt mir noch nicht an Kräften.“
„Das kann nicht sein. Ihr habt Eure Bürden in der Prärie verloren. Meine jungen Männer sollen danach suchen, ehe die Pawnees sie finden und mitnehmen. Sage mir, weißer Jäger, wer sind jene Männer deiner Farbe, die dort drüben bei den gefällten Bäumen schlafen?“
Der Trapper erkannte aus dieser Frage, daß der Häuptling das Lager der Emigranten entdeckt hatte. Trotzdem bewahrte er seine ganze Ruhe.
„Es ist möglich,“ erwiderte er, „daß weiße Männer in der Prärie schlafen. Mein Bruder sagt es, darum wird es wahr sein. Ich aber weiß nicht, was das für Männer sind. Mag mein Bruder seine jungen Krieger hinsenden und fragen lassen; die Bleichgesichter haben Zungen.“
Der Häuptling schüttelte finster lächelnd den Kopf.
„Die Dakotahs sind weise,“ sagte er, „und Mahtoree ist ihr Häuptling. Er wird die Fremdlinge nicht rufen, sie könnten ihm sonst mit ihren Büchsen antworten. Aber er wird ihnen leise in die Ohren flüstern.“
Damit wendete er sich und ging, gefolgt von seiner Schar, die bei seinen letzten Worten ein unterdrücktes, beifälliges Lachen hatte hören lassen.
Der Trapper zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Häuptling einen Handstreich gegen das Lager der Emigranten beabsichtigte. Er lauschte angestrengt, vernahm jedoch keinen Laut. Wußte er doch nicht, daß der kühne Mahtoree seine Krieger zurückgelassen und ganz allein, geräuschlos wie eine Schlange und unbemerkt von den in Schlaf gesunkenen Wächtern, in Ismael Buschs Wagenburg geschlichen war. Sorgenvoll ließ er sein greises Haupt sinken, auch Ellen und Paul redeten kein Wort.
Die Gefangenen befanden sich wieder unter der Aufsicht Weuchas und seiner Gefährten. Nachdem der erstere lange mit gespitztem Ohr in die Nacht hinaus gehorcht hatte, neigte er sich mit wildem Grinsen zu dem alten Trapper.
„Wenn die Tetons ihren großen Häuptling durch die Hand der Langmesser verlieren,“ raunte er ihm zu, „dann muß der Weißkopf mitsamt den Jungen sterben.“
„Das Leben ist ein Geschenk Wakondahs,“ war die ruhige Antwort. „Die Menschen verlieren es, wenn er dies beschließt, kein Dakotah kann daran etwas ändern.“
„Schau her!“ knirschte der Wilde, sein Messer vor des Alten Gesicht haltend. „Weucha ist der Wakondah für solche Hunde, wie ihr seid!“
Der Trapper zuckte die Achseln und blickte zur Seite. Plötzlich unterbrach ein lauter, gellender Triumphruf die nächtliche Stille, dann schien die ganze Prärie lebendig zu werden; denn von allen Seiten erhob sich als Antwort ein wildes Geheul, als seien sämtliche Dämonen der Hölle losgelassen. Auch Weucha und seine Kameraden stimmten ein, trotzdem sie Mühe hatten, die erschreckten Pferde zu bändigen.
Inmitten dieses Geheuls aber wurde noch ein anderes Geräusch hörbar, ein Getöse von vielen stampfenden Hufen, und gleich darauf jagte Ismaels ganzer Viehbestand in wirrem Durcheinander vorüber. Mahtoree hatte die Tiere losgeschnitten und aus dem Lager gejagt, die nun von den beutegierigen Tetons verfolgt wurden. Die indianischen Pferde, durch den Anblick der dahinrasenden Gäule Ismaels auf das höchste erregt, stampften und rissen wütend an ihren Fesseln, so daß ihre Wächter sie kaum noch halten konnten.
Diesen Augenblick benutzte der Trapper. Mit einer Gewandtheit und Kraft, die niemand ihm zugetraut hätte, entriß er Weucha das Messer und durchschnitt den langen Riemen, welcher die Pferde aneinander fesselte. Die Tiere schnaubten vor Freude und Schreck, dann aber stoben sie nach allen Richtungen davon.
Im ersten Moment wendete Weucha sich wie ein Tiger gegen den Alten; er tastete nach der leeren Messerscheide, dann nach dem Griff des Tomahawks; im nächsten Augenblick aber siegte die Habgier über das Gefühl der Rache, und wie ein Blitz stürzte er mit seinen Gefährten den Tieren nach.
Der Alte, der in dem kritischen Moment seinem Feinde fest ins Auge geblickt hatte, lachte jetzt unhörbar vor sich hin.
„Die rote Natur bleibt immer dieselbe, im Walde wie auf der Prärie,“ sagte er. „Ein christlicher Wächter hätte mir den Schädel eingeschlagen, dieser Teton aber rennt seinen Pferden nach, als wenn zwei Beine so schnell laufen könnten wie vier.“
Der Bienenjäger schlug jetzt vor, schleunigst Ismaels Lager aufzusuchen. Ellen widersprach heftig. Inzwischen wurde es unten in der Wagenburg lebendig.
„Entferne dich, Paul,“ bat das Mädchen, „du weißt, daß sie dich nicht sehen dürfen, und sie kommen gewiß hierher!“
„Ich gehe nicht eher, bis ich dich sicher im Schutze des Lagers weiß,“ entgegnete der junge Mann, „denn die roten Teufel können jeden Augenblick zurückkommen, und was soll dann aus dir werden?“
„Die Rothäute braucht Ihr vorläufig nicht zu fürchten,“ sagte der Trapper. „Ich gebe Euch die Versicherung, daß die Tetons mindestens noch sechs Stunden hinter ihren Tieren herjagen. Horcht doch; jetzt sind sie unten im Weidengrund. Aber still! Nieder ins Gras! Ich hörte ein Gewehrschloß knacken, so wahr ich ein Sünder bin!“
Damit hatte er auch schon die beiden mit sich zu Boden gerissen. Es war kein Augenblick zu verlieren gewesen, denn kaum lagen sie im hohen Grase, als auch schon einige Schüsse krachten und die Kugeln über ihnen dahinpfiffen. Weitere Schüsse folgten, und zwar schon aus geringerer Entfernung. Die Situation wurde gefahrdrohend, um so mehr, als der trotzige Bienenjäger sich anschickte, das Feuer zu erwidern.
„Das Ding muß ein Ende nehmen,“ sagte der Trapper endlich, sich mit ruhiger Entschlossenheit wieder vom Boden erhebend. „Es ist mir unbekannt, Kinder, weswegen ihr jene Leute fürchtet, denen ihr doch, wie mir scheint, in Liebe verbunden sein solltet; immerhin aber muß ich für eure Rettung sorgen. Ob ich, der ich so alt geworden bin, ein paar Stunden früher oder später sterbe, darauf kommt es nicht an; ich will daher vorgehen.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er gemessenen Ganges den leichten Abhang hinab und dem Lager zu. Hell beschien das Mondlicht jetzt seine lange, hagere Gestalt.
Von unten her ließ sich eine drohende Stimme vernehmen.
„Wer kommt da -- Freund oder Feind?“
„Freund,“ antwortete der Alte; „einer, der zu lange gelebt hat, um den Rest seiner Tage in Unfrieden zu beschließen.“
„Aber nicht lange genug, um die Kniffe seiner jungen Jahre vergessen zu haben,“ entgegnete Ismael, seinen mächtigen Körper hinter einem Gebüsch aufrichtend. „Ihr habt uns die Rothäute auf den Hals geschickt, alter Mann, um morgen die Beute mit ihnen zu teilen.“
„Was habt Ihr verloren?“ fragte der Trapper ruhig.
„Acht Pferde und ein Füllen. Meine Frau hat nicht eine Kuh behalten, und auch die Schweine und die Schafe sind fort. Wieviel davon kommt auf Euren Anteil?“
„Nach Pferden hat mich nie verlangt, habe auch niemals auf einem gesessen, obgleich nur wenige das Land Amerika so weit durchstreiften, wie ich getan, so alt und schwach ich heute auch aussehe. Wolle und Milch mag für die Weiber sein, ich frage nichts danach. Das Fell des Wildes kleidet mich, und sein Fleisch genügt mir zur Nahrung.“
Der aufrichtige, ehrliche Ton dieser Rede verfehlte seine Wirkung auf den Squatter nicht. Nach weiterem Hin- und Herreden fragte derselbe endlich:
„Aber Ihr habt doch die Indianer gesehen?“
„Gewiß,“ lautete die Antwort, „sie hielten mich gefangen, während sie sich in Euer Lager schlichen.“
„Hättet Ihr uns da kein Warnungszeichen geben können?“ entgegnete der andere finster und noch immer mißtrauisch. „Doch was geschehen ist, ist geschehen ... Kommt hervor, Jungen, aus Eurem Versteck! Hier ist nur ein alter Mann, der von meinem Brot gegessen hat und daher unser Freund sein müßte.“
Auf des Vaters Ruf kamen einige seiner Söhne herbei, die in der Nähe im Hinterhalte gelegen und die drei Gestalten in der nächtlichen Prärie für einen Haufen Sioux gehalten hatten. Sie betrachteten den Alten mit finsterem Argwohn und feindseligen Blicken. Endlich nahm der älteste von ihnen, gerade derjenige, dessen nachlässige Wacht dem Häuptling Mahtoree das Beschleichen des Lagers ermöglicht hatte, das Wort.
„Wenn das der einzige ist, der von der Gesellschaft, die wir dort oben sahen, übrigblieb, dann haben wir unsere Munition nicht umsonst verschossen,“ sagte er in roher Genugtuung zu seinem Vater.
„Asa, du hast recht,“ erwiderte der Squatter, und sich schnell an den Trapper wendend fuhr er fort: „Wie ist das, Fremder? Ihr wart Euer drei, wenn der Mondschein nicht log; wo sind die anderen?“
„Wenn Ihr die Tetons hinter Eurem Vieh hättet herjagen sehen wie lauter schwarze Teufel, so wäret Ihr bei dem wechselnden Licht und Schatten auch wohl der Meinung gewesen, es seien ihrer Tausend. Die nächtliche Prärie täuscht den Blick, Freund.“
Statt aller Antwort rannten Ismaels Söhne nach der Gegend, aus der der Trapper gekommen war. Sie fanden jedoch nichts und kehrten langsam zurück, worauf sich alle ins Lager begaben. Der Alte folgte auf des Squatters Wink; ehe er aber auf dem Strohlager, das man ihm gastfreundlich anwies, entschlummerte, hatte er noch die Beruhigung, Ellen Wade im Geplauder mit Ismaels Töchtern zu erblicken.
Zweites Kapitel
Das geheimnisvolle Zelt
Ismael Busch, zur Zeit unserer Erzählung ein Mann von weit über fünfzig Jahren, hatte sein ganzes Leben an den Grenzen der Zivilisation zugebracht und seine Wohnplätze immer so gewählt, daß er ungestraft jeden Baum niederschlagen durfte, den er von seiner Haustür aus mit dem Blick erreichen konnte. Hieraus ist ersichtlich, daß er sowohl von Gesetzen und bürgerlicher Ordnung, als auch von dem Klange der Kirchenglocken kaum eine entfernte Ahnung hatte. Kenntnisse, die er bei seinem halbwilden Leben nicht brauchte, flößten ihm auch keinen Respekt ein, und von allen Wissenschaften hielt er nur die des Arztes für berechtigt, weil dieselbe jene körperlichen Schädigungen zu heilen vermochte, denen er mit den Seinen bei dem rauhen Grenzerberuf häufig ausgesetzt war. Aus diesem Grunde hatte er auch einem medizinisch gebildeten Manne gestattet, sich seiner Expedition anzuschließen; derselbe, ein eifriger Naturaliensammler und nebenbei ein Sonderling, führte den Namen Obed Bat; nach der Sitte jener Zeit aber hängte er demselben eine lateinische Endung an und nannte sich Dr. Battius.
Dieser Mediziner, ein kleines, dürres Männchen von komischem Äußeren, war es, der in der Morgenfrühe nach der ereignisreichen Nacht den Squatter und dessen Familie aus dem Schlafe erweckte. Er hatte während der vorhergehenden zwei Tage auf dem Rücken seines Reittieres, eines Esels, einen weiten Streifzug nach seltenen Pflanzen unternommen und kehrte nun zurück, um nicht ohne Erschrecken das Vorgefallene zu vernehmen.
Das Tageslicht zeigte den Emigranten die ganze Größe ihres Verlustes. Finster rollenden Auges und knirschend vor Ingrimm blickte Ismael auf die schwer beladenen Wagen, deren Gespanne sich jetzt in den Händen der Wilden befanden; dann, als beenge ihn die Luft innerhalb der Wagenburg, trat er langen Schrittes hinaus in die Ebene. Einige seiner Söhne schlenderten hinter ihm drein; auch der Trapper folgte ihm.
„Wo sind nun die rothäutigen Schufte, die mir mein Vieh gestohlen haben?“ fragte Busch den letzteren, nachdem lange niemand ein Wort geredet hatte.
„Wer kann das wissen?“ antwortete der alte Mann. „Welche Farbe hat der Raubvogel, der dort unter jener weißen Wolke dahinstreicht? Wenn ein Indianer seinen Streich ausgeführt hat, dann wartet er nicht erst, bis ihm der Lohn dafür in Blei ausgezahlt wird.“
„Wird das Gesindel sich zufrieden geben mit dem, was es erbeutet hat?“
„Menschennatur bleibt Menschennatur, stecke sie in roter oder in weißer Haut. Wenn Ihr eine gute Ernte eingeheimst habt, seid Ihr dann für immer damit zufriedengestellt? Wenn das der Fall ist, dann seid Ihr grundverschieden von all den Menschen, die ich in meinem langen Leben kennenlernte.“
„So werden wir uns also noch auf weitere Besuche von den Räubern gefaßt machen müssen?“
„Ohne Zweifel,“ sagte der Trapper. „Und Euer Lager hier gewährt Euch keinen Schutz gegen ihre Kugeln. Ich weiß eine Stunde von hier einen besseren Ort, einen Felsenberg, der, von tapferen Männern verteidigt, eine gute Zuflucht für die Weiber und Kinder wäre.“
Der Squatter horchte auf; er forderte noch nähere Auskunft, und die Beschreibung des Berges gefiel ihm so gut, daß er den sofortigen Aufbruch befahl. Es galt, die Wagen mit den Händen bis an jenen Ort zu ziehen, eine Aufgabe, die für gewöhnliche Menschen fast unausführbar gewesen wäre, an die die starken Söhne des Emigranten jedoch herangingen, als handle es sich um ein Kinderspiel. Schon knarrten und quietschten die Mehrzahl der schwerfälligen Fuhrwerke, von den Männern gezogen und den Weibern geschoben, träge über das Gras, als Ismael und sein Schwager Abiram sich an den kleinen, zu dem Leinwandzelt gehörigen Wagen heranmachten.
Der Trapper, der, auf seine Büchse gestützt, den Kraftleistungen der jungen Männer mit beifälligem Nicken zugeschaut hatte, näherte sich jetzt den beiden mit kindischer Neugierde. Das Geheimnis dieses Wagens zog ihn unwiderstehlich an. Nur noch zwei Schritte war er von dem Zelte entfernt, als Ismael unter demselben hervorkam. Beim Anblick des Alten rötete sich sein Gesicht vor Zorn.
„Bisher meinte ich immer, daß nur die Weiber sich um Dinge kümmern, die sie nichts angehen,“ sagte er finster. „Was habt Ihr hier zu spionieren? Wem wollt Ihr Eure Neuigkeiten zutragen?“
„Ich stehe nur mit =einem= in Verkehr,“ antwortete der Trapper ruhig, „mit dem dort oben, mit meinem und Eurem Richter. Der braucht meiner nicht, um Neuigkeiten zu erfahren; vor dem könnt Ihr aber auch nichts verbergen, selbst nicht in der Einsamkeit dieser Wüste.“
Jetzt kroch auch Abiram unter der Leinwand hervor.
„Vor dem alten Schleicher müssen wir uns hüten,“ rief er, einen giftigen Blick aus seinen falschen Augen auf den Greis werfend. „Wenn der nicht mit den Rothäuten unter einer Decke steckt, dann bin ich ein Sioux!“
Auf diese Worte seines Verwandten musterte der Squatter den Trapper noch einmal scheeläugig und forschend von oben bis unten, er schien sich jedoch nicht zu der Ansicht Abirams bekehren zu können, denn er wendete sich bald ab, brachte den Wagen in Ordnung, spannte sich mit Abiram davor und zog den anderen Fuhrwerken nach.
Der Alte folgte ihnen mit den Blicken. Dann schweifte sein Auge über das verwüstete kleine Tal.
„Ja, ja,“ murmelte er schwermütig, „das hätte ich wissen können, hab' ich's doch früher schon oft genug erlebt! So treibt's der Mensch. Er zähmt die Tiere des Feldes zu seinem Dienst, raubt ihnen aber ihr natürliches Futter und zwingt sie, das Laub der Bäume zu fressen, die sonst in der mittagsheißen Öde so kühlen Schatten spendeten! Aber warum beklage ich mich? habe ich sie doch selber hierher geführt.“
Ein Geräusch in dem Gebüsch, das der zerstörenden Axt entgangen war, erregte seine Aufmerksamkeit. Blitzschnell, dem alten Jägerinstinkt gehorchend, lag die Büchse schußfertig in seiner Hand. Gleich darauf aber ließ er die Waffe sinken.
„Komm hervor,“ sagte er mit trauriger Stimme, „komm hervor, Mensch oder Tier, du hast von meinen alten Händen nichts zu fürchten. Ich bin satt und bedarf keines Wildbrets, warum sollte ich daher Blut vergießen? Es wird nicht mehr lange währen, dann sitzen die Vögel auf meinem Gebein und picken nach meinen Augen; denn der menschliche Leib ist der Vernichtung geweiht, und auch ich werde nicht ewig leben. Also komm getrost hervor, von meinen alten Händen hast du nichts zu fürchten.“
„Dank für die freundliche Gesinnung, alter Trapper,“ rief eine muntere Stimme, und gleich darauf trat Paul Hover aus dem Dickicht ins Freie heraus. „Im ersten Moment erschrak ich wirklich, denn Ihr schlugt an wie einer, dem keine Kugel fehlgehen kann.“
„Da habt Ihr nicht ganz unrecht,“ antwortete der Alte, lautlos in sich hineinlachend, „nicht ganz unrecht, junger Mann. Es gab eine Zeit, wo keiner eine Büchse besser zu handhaben wußte als ich, wo es gefährlich war, in Hörweite von mir ein Blatt rascheln zu lassen, ja, und wo ein roter Mingo tot war, wenn er mir aus seinem Versteck auch das Gefunkel seines Auges zeigte. Ihr habt doch von den roten Mingos gehört?“
„Von Mingos, nein; wohl aber kenne ich die Minks, das sind Tiere mit wertvollem Pelzwerk,“ antwortete der Bienenjäger, vorsichtige Blicke um sich werfend und dann den Trapper sanft mit sich in das Gebüsch hineinziehend.
Wieder überließ sich der Alte seinem unhörbaren Lachen. Seine Entgegnung verlor sich jedoch in dem Geraschel des Dickichts, in welchem die beiden im nächsten Augenblick verschwunden waren.
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