Part 11
Hier sah des Hauptmanns unruhig umherschweifendes Auge auf dem freien Platze inmitten der Wigwams die ganze Bewohnerschaft versammelt. Dieselbe bildete, nach Rang, Alter und Geschlecht geordnet, einen weiten Kreis. Auf einen Wink des Häuptlings öffnete sich derselbe; die Gäste ritten hinein und stiegen von den Pferden, die sogleich fortgeführt wurden.
Jetzt nahm Hartherz den Hauptmann und Paul bei den Händen und geleitete sie noch feierlicher als zuvor zu einer kleinen Gruppe, die des Kreises Mittelpunkt bildete. Hier zeigte sich des Rätsels Lösung.
Auf einem rohgezimmerten, aber augenscheinlich mit liebevollster Sorgfalt hergestellten, bequemen Sessel saß der Trapper, der greise Nathaniel Bumppo. Die Herzutretenden erkannten auf den ersten Blick, daß er im Begriff war, die letzte lange Reise anzutreten. Sein Blick war gläsern, seine Züge ein wenig hagerer als sonst, weiter aber zeigte sein Äußeres keine Veränderung.
Man hatte ihn so gesetzt, daß der Schein der sinkenden Sonne voll auf ihn fiel. Er war barhäuptig; die dünnen, weißen Locken wehten leise im sanften Abendwinde. Auf seinen Knien lag die lange Büchse, die übrigen Jagdgeräte befanden sich im Bereich seiner Hand. Zu seinen Füßen sah man die Gestalt eines ruhenden Hundes, Middleton aber erkannte bald, daß dies nur noch das von liebenden Händen ausgestopfte Fell des treuen Hektors war. Sein eigener Hund spielte in der Nähe mit dem Kinde des gefallenen Mahtoree, denn Tachechana hatte unter den Weibern der Pawnees eine Zuflucht gefunden. In des Sterbenden Nähe standen einige greise Indianer, um Zeugen zu sein, wie ein gerechter und furchtloser Krieger den Weg nach den glücklichen Gefilden des Jenseits antrat.
Hartherz neigte sich zu dem Sterbenden.
„Hört mein Vater die Worte seines Sohnes?“
„Rede,“ antwortete der Trapper leise und hohl, aber deutlich, während atemloses Schweigen in der Runde herrschte. „Ich verlasse das Dorf der Loups und werde bald aus dem Bereich deiner Stimme sein.“
„Möge der weise Häuptling sich wegen seiner Reise keine Sorge machen,“ fuhr der Pawnee fort. „Hundert Loups sollen ihm den Pfad von Dornen säubern. Mein Vater wird jetzt meinen jungen Männern erzählen, wieviel Mingos er tötete, und welche kühnen und gerechten Taten er getan, damit sie ihm nachahmen können.“
„Eine prahlende Zunge findet im Himmel der weißen Männer kein Gehör,“ antwortete der alte Mann. „Was ich tat, hat Gott gesehen; Seine Augen sind immer offen. Nein, mein Sohn, ein Bleichgesicht kann sein eigenes Lob nicht singen.“
Bescheiden, wenn auch ein wenig enttäuscht, trat der junge Häuptling zurück, um dem Hauptmann Raum zu geben. Dieser nahm eine Hand des Sterbenden in seine beiden und gab sich mit mühsam beherrschter Stimme zu erkennen. Ein Schimmer der Freude flog über des Greises Züge.
„Ich habe nichts vergessen,“ sagte er leise. „Ich erinnere mich Eurer und Eurer ganzen Gesellschaft, ja, und auch Eures Großvaters erinnere ich mich. Ich freue mich, daß Ihr wiedergekommen seid, weil ich englisch mit Euch reden kann; denn auf die Händler ist kein Verlaß. Wollt Ihr einem sterbenden Manne einen Gefallen erweisen?“
„Von Herzen gern, mein lieber, guter Freund!“
„Es ist weit, sehr weit,“ fuhr der Greis fort, sich oft unterbrechend und nach Atem ringend, „aber wenn einem Liebe und Freundschaft erwiesen wurde, soll man das nimmer vergessen. Da ist eine Niederlassung in den Otsegobergen --“
„Ich kenne den Ort,“ sagte der Hauptmann. Dem Sterbenden wurde das Sprechen immer schwerer.
„Nehmt diese Büchse, auch diese Tasche und das Pulverhorn, und sendet alles dem, dessen Namen auf dem Kolben zu lesen steht. Ein Händler schnitt denselben mit seinem Messer ein.“
„Es soll geschehen, wie Ihr wünscht. Kann ich noch mehr für Euch tun?“
„Viel mehr habe ich nicht zu hinterlassen. Meine Fallen bleiben meinem indianischen Sohne; er hat mir ehrlich und liebevoll die Treue gehalten. Wo ist er?“
Middleton winkte, und der Häuptling trat ehrfurchtsvoll vor seinen Vater.
„Pawnee,“ redete der Greis in der Sprache der Loups weiter, „unter meinem Volke ist es Sitte, daß der Vater, ehe er aus dieser Welt scheidet, dem Sohne seinen Segen erteilt. Ich will auch dich segnen: Möge der Gott der Weißen mit gütigem Auge deine Taten schauen, mögest du nie etwas begehen, darob er sein Antlitz verdüsterte. Ich meine und hoffe, daß wir uns dereinst wiedersehen werden; wir werden miteinander vor dem Angesicht deines Wakonda stehen, der dann kein anderer sein wird als mein Gott ...“ Dann wanderten seine Gedanken zu seinem Hunde. Er beugte sich nach vorn und fühlte nach den Ohren des Tieres. „Ja, Hundchen,“ sagte er, „wir müssen uns trennen. Du bist redlich, kühn und treu gewesen ... Sei gut zu ihm, Pawnee, um der Liebe willen, die du mir erwiesen.“
„Die Worte meines Vaters sind in meinen Ohren,“ antwortete Hartherz ernst.
„Hörst du, Hundchen, was der Häuptling versprochen hat?“ fuhr der Greis fort, bemüht, die Aufmerksamkeit der ausgestopften Nachbildung zu erregen. Er berührte die Lippen derselben mit den Fingern -- da erkannte er die Wahrheit, wenngleich die Täuschung in ihrer ganzen Ausdehnung ihm verborgen blieb. Er lehnte sich zurück und senkte das Haupt auf die Brust.
„Der Hund ist tot!“ murmelte er nach einer langen Pause. „Hauptmann, wollt Ihr das Tier, das mir so lange und so treu gedient hat, mir zu Füßen in mein Grab betten?“
„Es soll geschehen,“ antwortete Middleton.
Wieder versank der Sterbende gleichsam in sich selber. Während alles regungslos umherstand, beseitigten zwei junge Krieger vorsichtig den ausgestopften Hund.
Middleton und Hartherz setzten sich zur Rechten und zur Linken des Greises und beobachteten aufmerksam und traurig die Todesanzeichen auf dessen Antlitz. So saßen sie zwei lange Stunden. Ab und zu redete er noch einige Worte, als wolle er denen, die er liebte, noch Rat erteilen, sie wissen lassen, daß er ihrer gedachte. Dann lauschte der ganze Stamm mit gespanntester Aufmerksamkeit, um von den letzten Gedanken dieses Weisen noch zu lernen.
Dann kam das Ende. Middleton fühlte seine Hand von der des Sterbenden plötzlich mit unglaublicher Kraft erfaßt; der Greis erhob sich und stand, von Hartherz und dem Hauptmann unterstützt, aufrecht auf seinen Füßen. Hoch erhob er das Haupt, hellauf funkelte sein Auge im Abendsonnenstrahl, und wie er einst in seinen jungen Jahren auf den Ruf der militärischen Führer geantwortet hatte, so entrang sich auch jetzt laut und weit vernehmbar seiner Brust ein letztes, bereitwilliges „Hier!“
Seine Seele war entflohen. Sanft ließen sie den Leib wieder in den Sitz zurücksinken. Der älteste der anwesenden Häuptlinge -- der greise Le Balafré war's, der Sioux, den der großmütige Hartherz nach jenem Gemetzel am Flusse bei sich aufgenommen hatte -- er nahm jetzt das Wort.
„Ein tapferer, ein gerechter und ein weiser Krieger ist nach den glücklichen Jagdgründen seines Volkes gegangen!“ so verkündete er der lauschenden Menge. „Als die Stimme Wakondas ihn rief, da war er bereit mit der Antwort. Geht, meine Kinder, gedenket des gerechten Häuptlings der Bleichgesichter und räumt die Dornen von euren Pfaden!“
Im Schatten einiger mächtigen Eichen gruben sie sein Grab.
Bis auf den heutigen Tag wird dasselbe von den Pawnee-Loups sorgsam gehütet, und oft zeigen sie den Reisenden die Stätte, wo ein guter weißer Mann seinen letzten Schlaf schläft. Der Hauptmann Middleton hatte einen Stein zu Häupten des Grabes aufrichten lassen. Darauf las man Nathaniel Bumppos Namen, sein Alter, einen Spruch aus der Bibel und die Mahnung:
„Möge nie eine frevelnde Hand seine Gebeine stören!“
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End of Project Gutenberg's Der alte Trapper, by James Fenimore Cooper