Part 9
Im Koran ist der Teufel nur als Verführer bekannt.[383] Die Anbetung des brahmanischen Shiva, des bösen Schöpfers und Zerstörers der Welt, ist rein phallisch.[384] Der beduinische ghul, der buddhistische Mara, der persische Aeschma, der syrische djinn, alle haben denselben ausschweifenden Charakter; selbst im fernen Australien lieben es die Iruntarivia, die bösen Geister, Weiber im Dunkeln fortzuschleppen.[385] Aber der Teufel übertraf sie alle so weit, daß Milton eine seiner Gestalten nennen konnte:
Belial, der gefallenen Geister sinnlichster, Der Lasterhafte, und, nach Asmodai, Der fleischlichste der Inkubi.
Im Zusammenhang mit dieser Anschauung vom Vater, die der Teufel hier darstellt, muß seiner engen Verknüpfung mit der Natur, der Personifikation der Mutter, und insbesondere mit den verborgenen Teilen der Natur gedacht werden; es ist charakteristisch für die Inzestnatur der Teufelsvorstellung, daß infolge dieser Verknüpfung die Natur selbst als die böse Seite des Weltalls aufgefaßt zu werden begann. Er wohnt an entlegenen Orten, liebt besonders dunkle Wälder[386] und Orte, an denen Schätze liegen, wie Goldminen und dringt in Höhlen und in das Innerste der Mutter Erde ein, d. h. in Örtlichkeiten, die gewöhnlichen Wesen völlig unerreichbar sind. Andere Beziehungen zur Mutter Erde werden in einem späteren Teile erwähnt werden.
2. Der Vater, gegen den Feindseligkeit empfunden wird.
Hier zeigt sich der Teufel nicht als Versucher und Verführer, sondern als Verfolger, als böser Feind. All die Grausamkeit, kleinliche Tyrannei und allgemeine Unvernunft, die den Yahweh des Alten Testaments[387] entstellen, wurden voll und ganz von dem christlichen Teufel übernommen. Die Ähnlichkeit dieses Bildes mit dem, das viele Kinder als das genaue Spiegelbild ihres Vaters empfinden, ist nur zu auffallend. Der Teufel spottet der Mühen und Anstrengungen der Menschen, verletzt ihren Ehrgeiz und verfolgt ihre Schwächen. Er quält und schädigt sie aus bloßer Freude an seinem Tun, vernichtet ihre Arbeit und läßt alle ihre Bemühungen vergebens gewesen sein. Das Menschengeschlecht lebt im ewigen Kampf mit ihm, bald seinen lockenden Versuchungen widerstehend, bald seine boshaften Angriffe abwehrend. Die Ödipus-Situation, und zwar sowohl die männliche wie die weibliche, wird so in Gänze wieder hergestellt.
[Fußnote 383: Eickmann. Die Angelologie und Dämonologie des Korans, 1908, S. 44.]
[Fußnote 384: Sellen. Annotations on the Sacred Writings of the Hindus, 1902, P. 9.]
[Fußnote 385: Spencer u. Gillen. The Native Tribes of Central Australia, 1899, P. 517.]
[Fußnote 386: Le Loyer. Op. cit., P. 340.]
[Fußnote 387: Siehe Gener. Op. cit., Pp. 368-377.]
Die Feindseligkeit des Teufels gegen den Menschen ist charakteristischerweise besonders ausgeprägt in jenen Legenden, die er von den Riesen (= Erwachsenen) geerbt hat. In diesen versucht er alles Denkbare, um sie zu schädigen und zu behindern[388]; er schleudert ungeheure Felsblöcke nach Kirchen und Klöstern, dämmt Flüsse ab, um Überschwemmungen herbeizuführen, baut Mauern, um menschliche Wesen von seinem Reiche abzuhalten, u. s. w. Die Menschheit muß gegen ihn in seiner Riesengestalt kämpfen, wie die jungen Götter einst gegen die Titanen kämpften.
In diesem Kampfe wurden die Menschen keineswegs regelmäßig besiegt. Die Geschichten, in denen der Teufel übers Ohr gehauen und betrogen wird, sind zahlreich und es ist zu beachten, daß diese Erzählungen meist von heidnischen Vorbildern genommen sind, in denen die Bekämpften Riesen waren.[389] Zum Beispiel nach Wünsche[390]: »Hinter dem Schmiede von Bielefeld, Apolda u. s. w. in den bekannten Märchen, der den Teufel im Sacke auf dem Amboß ganz windelweich hämmert, so daß er ein Zetergeschrei erhebt und um seine Freilassung bittet, verbirgt sich, wie wir unten zeigen werden, sicherlich der seinen Hammer auf das Haupt des Riesen schwingende Thor. Ist doch »Meister Hammerlein« auch ein gebräuchlicher Beiname des Teufels«. Ein beliebter Anschlag war es, mit dem Teufel einen Vertrag zu schließen, nach welchem ihm eine Seele gehören sollte, unter der Bedingung, daß er irgend ein Werk vor Hahnenschrei ausführe, und dann im letzten Moment einen Hahn zu kneifen und dadurch zum Rufen zu bringen oder den Ruf nachzuahmen, so daß die Hähne in der Nachbarschaft erwachten und wirklich krähten. Selbst ein Pferd konnte den Teufel überlisten.[391] Es ist hier für die gegenwärtige Beweisführung von Wesenheit, daß der Teufel in allen diesen Geschichten durch Betrug überlistet wird, niemals durch Gewalt überwunden; Schlauheit und Betrug sind bekanntermaßen die einzigen Waffen des schwachen Kindes gegen den feindlichen Vater.
[Fußnote 388: Siehe Grimm. Op. cit., 852-855a und Nachtrag S. 301. Wünsche. Loc. cit.]
[Fußnote 389: Siehe besonders Wünsches Buch in Vergleich mit dem Kapitel 46 »Der geblendete Riese« in Leistners »Das Rätsel der Sphinx«, 1889, Bd. 2, S. 109-151.]
[Fußnote 390: Wünsches Buch. Op. cit., S. 13, 14.]
Eine mächtige Person, die durch Schwächen leicht betrogen wird, muß notwendigerweise als dumm oder wenigstens naiv geschildert werden. Diese geringschätzige Meinung haben Kinder oft von ihren Eltern, teils aus dem genannten Grunde, teils als Überkompensation für ihr Gefühl der Unwissenheit im Verhältnis zur Weisheit der Eltern. Die Geschichten, in denen der Teufel eine unglaubliche Naivität an den Tag legt und leicht übers Ohr gehauen wird, bilden ein ausgedehntes Kapitel in der Geschichte der Dämonologie[392] und liefern einen wichtigen Beitrag für die spätere Auffassung der Clowns, Buffons und Narren auf der Bühne.[393] Eine Psycho-Analyse der einzelnen Erzählungen, auf die wir hier verzichten müssen, zeigt deutlich die infantilen Quellen der Motive und bestätigt endgültig die hier in Kürze dargelegten Schlüsse.
Diese kinderhafte Verachtung des Teufels zeigt sich auf verschiedene Weise, insbesondere durch Verneinung seiner Macht. Keines von den Gebäuden, die er aufführt, kann vollständig sein, seine Pläne und Anschläge werden stets im letzten Moment vereitelt und in einem Punkte insbesondere stimmen alle Autoren überein, nämlich in seinem Mangel an Samen und der daraus folgenden Unfruchtbarkeit. Wie wir später sehen werden, hat dieser letztere Glaube eine tiefere Quelle. Ihm mag auch der Abscheu des Teufels vor dem Salz zugeschrieben werden, denn dies kann als altes mythologisches Symbol für Samen erwiesen werden.[394] Bodin[395] ist also im gewissen Sinne im Recht, wenn er für die Abneigung des Teufels davor den Grund anführt, daß es ein Symbol der Ewigkeit sei.
[Fußnote 391: Jähns. Roß und Reiter, 1872, Band 1, S. 87.]
[Fußnote 392: Siehe Wünsche. Op. cit., Kap. VIII. Der dumme, geprellte Teufel und die Abteilung »Der dumme Teufel« in Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 394-399.]
[Fußnote 393: Siehe die Abteilung »Der Teufel als Lustigmacher« in Roskoff. Op. cit., S. 309-404.]
Selbst manche Mittel, die angewandt wurden, um die Angriffe des Teufels abzuwehren, haben ihre Wurzel in der infantil-sexuellen Symbolik. Das bewährteste, oft wirksam wenn alle anderen versagt hatten, war, ihm das Gesäß zu weisen und einen Flatus zu lassen; kein geringerer als Martin Luther half sich auf diese Weise.[396] Die Psycho-Analyse hat dargetan, daß eine der tiefsten Quellen des Trotzes gegen die Eltern die Weigerung des Kindes ist, die Funktionen seines Sphincters nach ihren Wünschen einzurichten. Ein anderes, allgemeines Mittel, dem Teufel zu trotzen, bestand darin, ihm ins Gesicht das heilige Kreuz zu schwingen oder das Zeichen des Kreuzes zu machen, d. h. das Zeichen des Sohnes (Christus). Die phallische Bedeutung dieses Symbols ist längst bekannt[397], so daß, es dem Teufel entgegenstrecken, nichts anderes bedeutet als die exhibitionistische Verachtung der väterlichen Autorität.
Die sicherste Zuflucht für den Verfolgten war es jedoch, die Jungfrau Maria zu Hilfe zu rufen. Dies war so allgemein, daß die ganze Angelegenheit oft als ein ständiger Kampf zwischen dem Teufel und der heiligen Mutter gedacht wurde. Roskoff[398], der mehrere Beispiele hiefür anführt, sagt: »Die Tätigkeit des Teufels wird überdies vornehmlich entwickelt und hervorgerufen durch dessen Haß gegen die heilige Jungfrau, der um so mehr gesteigert wird, als diese, nach Frauenart, sich in alle Angelegenheiten hineinmengt und ihr, wie im gewöhnlichen Leben, in allem willfahren wird, so daß sie ihren Willen immer durchsetzt und ihre Schützlinge, die nun einmal ihre Gunst durch eifrigen Marienkultus erlangt haben, auch nie fallen läßt, wenn sie übrigens auch die ärgsten Lumpen sein sollten.« Es ist schwer, die Analogie dieser Situation zu derjenigen des Kindes, das bei der Mutter Schutz vor dem übelgelaunten Vater sucht und damit einen ähnlichen Zwist herbeiführt, nicht zu bemerken.
[Fußnote 394: Siehe Ernest Jones. »Die symbolische Bedeutung des Salzes in Folklore und Aberglaube«, Imago, 1912, Band 1.]
[Fußnote 395: Bodin. Op. cit., P. 278.]
[Fußnote 396: Freimark. Op. cit., S. 84. Die Originalstellen bei Bourke, Scatalogic Rites of all Nations, 1891, Pp. 163, 444.]
[Fußnote 397: Inman. Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism., 1874. Rocco. Sex Mythology, including an Account of the Masculine Cross 1898, u. s. w.]
3. Der Sohn, der den Vater nachahmt.
Der Teufel war nicht völlig Gottes Feind; in mancher Hinsicht kann man ihn sogar seinen Repräsentanten nennen oder wenigstens seinen Vermittler. Er verhöhnte und quälte nicht bloß die Menschen, die sich von ihm zur Sünde hatten verführen lassen[399], sondern ging auch offenbar darauf aus, die Bösen zu bestrafen.[400] Gegen sexuelle Betätigung war er besonders streng; so war eine seiner Verfolgungen nach Graf[401], »einen Mann und ein Weib bei fleischlicher Sünde in flagranti zu ertappen und beide unauflöslich aneinander zu fesseln, more canino.« Es ist bezeichnend, daß im Alten Testament, zu einer Zeit also, wo die Vorstellungen von Gott und Teufel eben begannen, sich voneinander abzulösen, die Verbindung der beiden weit enger war als später und der Teufel als Gottes gehorsamer Knecht auftritt, der sich von den guten Engeln nur durch die unangenehme Art seiner Pflichten unterscheidet.
Diese »Identifikation« mit Gott ist zu Zeiten sehr enge und es ist interessant, daß der Teufel sich ehrliche Mühe gab, sie zu erreichen, indem er Gott in merkwürdiger Weise nachahmte und imitierte. Da bis vor einem halben Jahrhundert die Anbetung Christi im ganzen mehr in den Vordergrund trat als die von Gott-Vater, ist es nicht überraschend, daß die Ähnlichkeit des Teufels mit dem Sohne größer war als die mit dem Vater. Zunächst wurde seine körperliche Erscheinung als schön und majestätisch geschildert[402], oft ganz ähnlich der Gestalt Christi; manchmal erschien er sogar wirklich in dessen Gestalt.[403] Erst im Mittelalter wurden ihm häßliche und groteske Züge angedichtet.[404] Wie Christus hatte der Teufel zwölf Schüler[405], stieg in die Hölle hinab und wurde wiedergeboren[406], schlug seine Wohnung in bestimmten Kirchen auf, wurde zu regelmäßig wiederkehrenden Zeiten angebetet, ließ seine Anhänger taufen und die Details des Teufels-Sabbat karikierten die heilige Messe auf das genaueste und innigste, zum Ärger der Theologen, die natürlich keine Ahnung von der psychologischen Ähnlichkeit der beiden Vorgänge hatten.
[Fußnote 398: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 198-205.]
[Fußnote 399: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 270.]
[Fußnote 400: Jacob. Op. cit., Pp. 22-33.]
[Fußnote 401: Graf. Op. cit., S. 136.]
Der Teufel besaß sogar seine eigene Bibel, die in Böhmen niedergeschrieben wurde und sich jetzt in der königlichen Bibliothek in Stockholm[407] befindet.
So wie Christus besaß der Teufel eine irdische Mutter und keinen Vater; charakteristischerweise war sie eine Riesin, noch größer als ihr Sohn[408]; in manchen Versionen erscheint sie als seine Großmutter. Die Mutter scheint durch Verschmelzung von mindestens drei Figuren entstanden zu sein: Sowohl Hel[409] als auch die Mutter des Riesen Grendel[410] trugen zu ihrer Vorstellung bei; einer der späteren Beinamen des Teufels war Grendel (Englisch Grant). Ferner meint Wünsche[411]: »Wahrscheinlich bildet auch die Sage von der Ellermutter, der neunhundertköpfigen Mutter Hymirs, die die beiden Götter Thor und Tyr beim Besuch in ihrer Wohnung durch Verstecken vor ihrem grimmigen Sohn rettet, die Grundlage zu der volkstümlichen Figur von des Teufels Großmutter. Im Märchen vom Glückskinde bei Grimm Nr. 29 heißt des Teufels Großmutter geradezu noch Ellermutter.« In den meisten dieser Geschichten, wie in der letzterwähnten, ist der Teufel wieder nichts anderes als eine mythologische Darstellung des gehaßten Vaters; deshalb der Ersatz der Mutter durch die Großmutter. Dasselbe gilt von der alten Redensart, daß Donner oder Blitz bei Sonnenschein davon kommen, daß der Teufel sein Weib prügelt.[412]
[Fußnote 402: Graf. Op. cit., S. 52-54.]
[Fußnote 403: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 194. Graf. Op. cit., S. 64.]
[Fußnote 404: In den seltsamen Bildern von Wiertz sehen wir die Rückkehr zur älteren Auffassung, die Giotto als letzter festhielt.]
[Fußnote 405: Grimm, Op. cit., Nachtrag S. 292, 302.]
[Fußnote 406: Lehmann. Aberglaube und Zauberei, Deutsche Übersetzung, 2. Aufl. 1908, S. 114.]
[Fußnote 407: Nyström. Christentum und freies Denken, 1909, S. 161.]
[Fußnote 408: Grimm. Op. cit., S. 841.]
[Fußnote 409: Wuttke. Op. cit., S. 37.]
[Fußnote 410: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 164.]
Die Auffassung des Teufels als Sohn ist ein zweiter, sehr natürlicher Grund für den Glauben, daß er keinen Samen besitze und die bisexuelle Natur des ganzen Glaubens beweist die Idee, daß er ein Weib nur schwängern kann, nachdem er sich dadurch Samen verschafft hat, daß er einem Manne als sukkubus diente[413], weshalb er auch immer kalt war.[414] Diese sonderbare Prozedur gab Anlaß zu den haarspalterischesten Kontroversen darüber, ob der ursprüngliche Besitzer des Samens oder der Teufel[415] das größere Anrecht auf den Sprößling habe, und ob dieselbe Regel auf den von einer nächtlichen Pollution herstammenden Samen anwendbar sei oder nicht.[416] Auf denselben Gedanken von der Geschlechtsuntüchtigkeit des Kindes möchte ich den Glauben an einen hinkenden Gott oder Teufel zurückführen, der, wie Tylor[417] nachwies, in den verschiedensten Stadien der Kulturentwicklung vorkommt; Gehunfähigkeit ist auch bei Neurotikern ein häufiges Symbol für sexuelle Unfähigkeit. Ferner mag der Umstand, daß die Lähmung meistens die Folge des Wurfes aus dem Himmel hinaus war, wohl mit der Furcht des Kindes, daß der Vater seinem Zeugungsglied etwas antun könnte (Kastrations-Komplex) in Verbindung gebracht werden.
[Fußnote 411: Wünsche. Op. cit., S. 15.]
[Fußnote 412: Grimm. Op. cit., S. 842.]
[Fußnote 413: Soldan. Geschichte der Hexenprozesse. Bearbeitet von Heppe, 1880, Band 1, S. 181.]
[Fußnote 414: Jacob. Op. cit., P. 86.]
[Fußnote 415: Sprenger und Institoris. Der Hexenhammer, 1588. Deutsche Übersetzung, 1906, Erster Teil, S. 51.]
[Fußnote 416: Sprenger und Institoris. Op. cit., Zweiter Teil, S. 64.]
[Fußnote 417: Tylor. Researches into the Early History of Mankind, Third Edition, 1878, Pp. 365-371.]
Als ein Teil der hier erörterten Seite des Teufels sei auch sein starkes Dankbarkeitsgefühl erwähnt, das sich besonders in jenen seltenen Fällen zeigt, wo er gerecht behandelt wurde; er beweist dann stets, daß er diese Art ihm zu begegnen ganz besonders zu schätzen versteht.[418]
4. Der Sohn, der dem Vater Trotz bietet.
Dies ist die ursprüngliche Auffassung vom Teufel als Erzrebellen; sein Ungehorsam und seine Empörung gegen Gott-Vater ist geradezu das Paradigma der Revolution. Nach Origenes[419] waren Hoffahrt und Auflehnung der Grund des Himmelssturzes, während nach Irenäus, Tertullian und anderen[420] das Hauptmotiv sein Neid gegen Gott war. Die zweitgenannte Idee scheint die ältere zu sein. Roskoff[421] sagt: »Das Motiv zur Feindschaft des Bösen gegen die Gottheit, der Ursprung des Bösen in der Welt ist sowohl nach der hebräischen Vorstellung vom nachexilischen Satan als auch in den Mythen anderer Völker, namentlich der Parsen, auf den Neid zurückgeführt, der in der Ich- und Selbstsucht wurzelt.« Stolz war nach der »Sklavenmoral« des Christentums, wie sie von Nietzsche genannt wird, stets eine Todsünde.
Die Auflehnung des Knaben gegen seinen Vater ist bekanntlich nicht nur eine Folge der feindseligen Einstellung, sondern gewöhnlich von Neid begleitet, was mit anderen Worten Bewunderung und den Wunsch nach Nachahmung bedeutet. Durch seine Rebellion befreit er sich auch regelmäßig nicht von dem Einflusse seines Vaters. Ob er ihn geradezu kopiert oder in das entgegengesetzte Extrem gerät und ihm so ungleich als nur möglich zu sein sucht, ist von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet völlig irrelevant; beide Reaktionen gehen in gleicher Weise auf den Nachahmungswunsch zurück. Diese Mischung läßt sich genau auf den Teufel anwenden. Er bemüht sich, entweder Gott in allem nachzuahmen, oder tut, wie wir sehen werden, alles genau in der entgegengesetzten Weise. Von dieser Gewohnheit, Gott zu karikieren, stammt sein Titel »Der Affe Gottes«. Sein Benehmen wird also in letzter Linie durch das Verhalten Gottes bestimmt, ein weiterer Beweis für die ursprüngliche Identität beider, während die genaue Übereinstimmung mit den Bestrebungen der Menschensöhne die hier vorgebrachte These unterstützt.
[Fußnote 418: Conway. Op. cit., Pp. 389, 395.]
[Fußnote 419: Conway. Op. cit., Pp. 389, 395.]
[Fußnote 420: Zitiert bei Roskoff. Op. cit., S. 231.]
[Fußnote 421: Roskoff. Op. cit., S. 194.]
Das Band, das ihn gegen seinen Willen an Gott knüpft, zeigt sich auch in seiner Eifersucht auf jeden, dem Gott besondere Gunst schenkt, was ja gleichfalls ein typischer Zug des Kindes ist. In der Legende von St. Coleta heißt es[422], der alte Feind habe die Eigentümlichkeit, je mehr er sehe, daß sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu verfolgen, zu beunruhigen und abzuhalten, größere Übel über ihn zu verhängen und sie zu vermehren. Hiezu tritt noch als weiteres Motiv sein Haß, der von Gott auf jene übergeht, die mit ihm in näherer Verbindung stehen.
Dasselbe Motiv der Eifersucht ist wahrscheinlich auch die Erklärung für das Verhalten des Teufels gegen Christus, obgleich dieses natürlich zum Teil durch die Identifikation von Christus und Gott-Vater bestimmt wird. Christus wurde dadurch, daß Gott ihn aussandte, um das Menschengeschlecht zu erlösen, im Kampfe um die Herrschaft über die Menschheit zur Hauptperson; aus diesem Kampfe entstand die Erlösungslehre[423], was Graf[424] mit den ironischen Worten hervorhebt: »Seltsam genug! Unter den Menschen war niemals die Rede soviel von Satanas, niemals wurde er so sehr gefürchtet wie nach dem Siege Christi, nach dem Vollzug der Erlösung.« Der Teufel, auch darin Gott nachahmend, machte verzweifelte Anstrengungen, sich den Sieg durch Erzeugung eines Sohnes zu sichern, der im Stande sein sollte, Christus zu überwältigen. Merlin und Robert der Teufel stellen zwei derartige Versuche[425] dar, aber der eine wurde durch die Reue seiner Mutter zu Gott hinüber gerettet und der andere durch seine eigene Reue; Nero, Mohammed und Luther, nicht minder auch mehrere Päpste galten ebenfalls als Söhne des Teufels, die er zu diesem Zweck gezeugt haben soll. Im Mittelalter war die Furcht vor dem angedrohten Antichrist aufs höchste gestiegen und die Spannung der ängstlichen Erwartung seiner Geburt wurde durch umlaufende Gerüchte und Prophezeiungen zum unbeschreiblichen Schrecken gesteigert.[426]
[Fußnote 422: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 160.]
[Fußnote 423: Roskoff. Op. cit., Bd. 1, S. 224-229, 273.]
[Fußnote 424: Graf. Op. cit., S. 22.]
Mit der hier behandelten Auffassung des Teufels als Darstellung des sich auflehnenden Sohnes stimmt schließlich sein leidenschaftlicher Haß gegen die Ungerechtigkeit und seine Neigung, die unschuldig Verfolgten zu verteidigen, insbesondere die Armen und Schwachen gegen ihre Unterdrücker.[427]
Nun können wir uns dem dritten Problem zuwenden, nämlich dem Verhältnis des Teufelsglaubens zum Angsttraum. Die in den vorhergehenden Kapiteln vorgebrachten Erwägungen werden uns zu der Entdeckung führen, daß an der Entstehung einer solchen Angstvorstellung par excellence, wie es der Teufelsglaube ist, die intensivste Angsterfahrung, die die Menschen kennen gelernt haben, also der Alpdruck, einen beträchtlichen Anteil haben mußte. Dieser Schluß wurde von manchen früheren Autoren gezogen. Die Anschauungen Clodds und Höflers z. B. wurden bereits erwähnt. Es stimmt gut damit überein, daß der Teufel ganz besonders als Nacht-Dämon gilt; er erscheint meist bei Nacht und bei Nacht erreichte seine Macht ihren Zenit.[428]
[Fußnote 425: Graf. Op. cit., S. 198-203.]
[Fußnote 426: Conway. Op. cit., S. 240-259, 397, 398. Graf. Op. cit., S. 205-209.]
[Fußnote 427: Conway. Op. cit., Pp. 389, 390.]
[Fußnote 428: Graf. Op. cit., S. 108.]
Es wäre ganz verständlich, wenn dieser Glaube nur im _manifesten Inhalt_ der Nachtmahr mit seinen schreckenerregenden Visionen wurzeln würde, und dies ist auch offenbar die Anschauung der früheren Autoren, aber eine sorgfältige Vergleichung mit ihrem _latenten Inhalt_ zeigt eine so außerordentliche Ähnlichkeit der beiden, daß dadurch endgültig ihre innere Verwandtschaft erwiesen wird.
Es wurde oben ausgeführt, daß das wesentliche Merkmal des latenten Inhalts der Nachtmahr seine sexuelle und vorherrschend inzestuöse Natur ist. Über die sexuelle Betätigung des Teufels muß nicht mehr viel gesagt werden, sie wird hinreichend illustriert durch das Sprichwort: »Wenn eine Frau allein schläft, beschläft sie der Teufel.« Es ist besonders bemerkenswert, daß die Vorläufer des mittelalterlichen Teufels in aller Form Inkubi waren. Pan, von dem der Teufel so viele Attribute übernahm, war das Äquivalent für Ephialtes[429], den Geist, der uns den wissenschaftlichen Namen für die Nachtmahr lieferte; auch die griechischen Faune waren als Inkubi tätig.[430] Weiter zurückgehend finden wir, daß die Sturm-Dämonen Babyloniens und Indiens, die alu[431] resp. die maruts[432], die Vorläufer des Ares und Ephialtes, »die Zermalmer« genannt wurden, von ihrer Gewohnheit, während des Schlafs sich auf die Brust der Menschen zu legen, und der germanische Riese Grendel benahm sich ebenso.[433]
Die oben angeführten Tatsachen zeigen, daß der Teufelsglaube mit dem Ahnenkult in enger Beziehung steht; vor mehr als dreihundert Jahren meinte Burton[434], daß die Teufel die Seelen der Gestorbenen, d. h. der Ahnen seien. Wenn die hier aufgestellte These richtig ist, nämlich, daß der Teufel die Projektion verdrängter Wünsche, die sich auf den Vater beziehen, verkörpert, so folgt daraus, daß der Verkehr mit ihm den Inzest mit dem Vater symbolisiert. Die Tatsache, daß die Schlange, das phallische Symbol des Vaters, eine ebenso hervorragende Rolle bei der Teufelsidee wie bei der Nachtmahr-Mythologie spielt, kennzeichnet den Ursprung beider aus dem Inzest.
[Fußnote 429: Roscher, Ephialtes. Eine pathologisch-mythologische Abhandlung über die Alpträume und Alpdämonen des klassischen Altertums, 1900, S. 57-62.]
[Fußnote 430: Roskoff. Op. cit., S. 146.]
[Fußnote 431: Pinches. The Religion of Babylonia and Assyria, 1906, P. 108.]
[Fußnote 432: Cox. Op. cit., Pp. 222, 253.]
[Fußnote 433: Grimm. Op. cit., S. 849.]
[Fußnote 434: Burton. The Anatomy of Melancholy, 1826. Vol. I, P. 5]