Part 8
Infolgedessen stammen die physischen und geistigen Eigenschaften des mittelalterlichen Teufels aus den allerverschiedensten außerchristlichen Quellen. Es seien nur einige Beispiele genannt[337]: Wie Pan, die Personifikation der Natur, vereinigte er menschliche und tierische Eigenschaften, lebte an einsamen Orten oder in Höhlen und erschreckte die Menschen plötzlich (Panik, panischer Schrecken); seinen ziegenähnlichen Körper, die gespaltenen Hufe und den Schweif erbte er von Pan und den anderen Satyren, von den germanischen Waldgeistern und dem Thor geweihten Bocke. Von Thor kam auch sein roter Bart, seine Gewohnheit, Brücken zu bauen, und sein übler Geruch; die letztgenannte Eigenschaft hängt sowohl mit der Vorstellung als Ziege wie mit dem Schwefelgeruch, den ein Donnerwetter hinterläßt, zusammen, so wie auch einer von seinen Beinamen »Hammer«[338] von Thors Blitzhammer her genommen war. Wie Zeus und Wotan hatte er besondere Herrschaft über das Wetter und dem letzteren schuldet er seinen Pferdefuß und den Raben als geweihtes Tier. Wie Wotan eilte er in einer Nachtfahrt dahin und entführte die Leute als wilder Jäger; bei solchen Anlässen trug er meist Wotans Gewand, entweder einen grauen Mantel und einen breitkrempigen Hut tief in die Stirne gedrückt oder einen grünen Rock mit einer Feder auf dem Hut. Beide, der Teufel und Wotan, galten als Erfinder des Würfelspiels, das später durch die Karten ersetzt wurde, und bis heute sind im puritanischen England die Karten unter dem Namen: »Das Spiel des Teufels« bekannt. Wie Wotan war er auch ein kunstvoller Schmied und Baumeister und sein altdeutscher Name war der des Schmiedes Voland oder Wieland (Englisch Weyland, unser modernes St. Valentin), der von Wotan abstammte. Der Teufel wird oft hinkend abgebildet, eine Eigenschaft, die mit der letztgenannten in einem merkwürdigen Zusammenhang steht. Nicht nur der deutsche Schmied Wieland (= Wotan) hinkte, sondern ebenso der griechische Hephaistos (Vulkan), der von Zeus aus dem Himmel geworfen wurde, wie der persische Teufel Aeshma (der biblische Asmodeus); einer der beiden Böcke, die Thors Wagen zogen, hinkte ebenfalls, ebenso wie das Pferd, das Baldur trug. Wie Loki, der böse Feuergott, wurde der Teufel von den Göttern gefesselt und mußte den Tag der Befreiung erwarten. Seine schwarze Farbe stammt von Saturn, der wie Simrock[339] sagt, mit Loki identifiziert wurde und vom indischen Vritra, dem Gott der Finsternis. Die Fackel unter seinem Schwanz ist den römischen Bacchanalien entnommen.[340] In früheren Zeiten erschien der Teufel den Christen tatsächlich in der Gestalt klassischer Götter: so erschien er im 4. Jahrhundert St. Martin manchmal in Jupiters Gestalt, manchmal als Venus oder Minerva; diese Formen finden sich sogar noch im 12. Jahrhundert.
[Fußnote 336: Es ist selbstverständlich unnötig, hier Einzelheiten dieses interessanten Vorganges wiederzugeben. In bezug auf die germanischen Religionen wurde er von Grimm auf das gründlichste erforscht.]
[Fußnote 337: Siehe Grimm, Deutsche Mythologie, 4. Ausgabe, 1876, Kap. XXXIII. Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 1900, S. 35-37. Roskoff. Op. cit., Zweiter Abschnitt, Kap. 1 und 2 u. s. w.]
[Fußnote 338: Auf die phallische Bedeutung dieses Hammers wurde von Cox, I. Mythology of the Aryan Nations, 1870, Vol. II, P. 115, und Meyer, Germanische Mythologie, 1891, S. 212, hingewiesen.]
Wenn wir uns nun fragen, warum der Teufelsglaube im Mittelalter so um sich griff, so ist die Antwort offenbar in den besonderen sozialen und religiösen Bedingungen jener Periode zu suchen; doch sind alle hier maßgebenden Faktoren so untereinander verwickelt, daß nur die ganz allgemein wirkenden hier erwähnt werden können. Als Beispiele dieser Verwicklung sei der in letzter Zeit geführte Nachweis erwähnt, daß so weit entfernt liegende Tatsachen wie das neueingeführte Banksystem[341] und die Verbesserung der Städte-Architektur[342] indirekt einen erheblichen Einfluß ausübten. Doch kann kein Zweifel bestehen, daß der Hauptantrieb von der Kirche selbst kam. Durch das Ausbleiben der von ihr prophezeiten Ereignisse (Weltende im Jahre 1000 und mehreres dieser Art) und durch Skandale[343] im Innern in ihrer Existenz diskreditiert, durch mächtige Ketzersekten[344] bedroht, von politischen und religiösen Spaltungen zerrissen, war sie im 12. Jahrhundert in einer Lage, die sie zu den verzweifeltsten Mitteln zwang. Es war ein bequemer Ausweg, alle ihre Schwierigkeiten durch die Tätigkeit des Teufels zu erklären und so dem Volke Furcht einzujagen. Dieses befand sich damals im Zustand des entsetzlichsten Elends; die Verheerung durch Krieg[345] und Seuchen[346] und das drückende Gefühl der Sündhaftigkeit, von dem jeder einzelne erfüllt war, ließen alle zur leichten Beute für die Lehren der Kirche werden. Ja diese wirkten über ihren Zweck hinaus, denn das Volk, welches durch die offensichtliche Unfähigkeit Gottes und der Kirche, dem Elend Abhilfe zu schaffen, in Verzweiflung gestürzt worden war, nahm die Lehre von den wunderbaren Kräften des Teufels gierig auf und flüchtete sich zu ihm; wahrscheinlich war es die Bestimmtheit der Abmachungen in den bekannten Teufelspakten, die eine größere Anziehungskraft ausübte als die endlosen und unwirksamen Gebete zu Gott. Die Ausdehnung des Glaubens an den Einfluß des Teufels, selbst bei den trivialsten Ereignissen war so groß, daß man Berichte aus jener Zeit nicht lesen kann, ohne zu denken, daß Europa von einer Massenzwangsneurose heimgesucht wurde; die Arten seiner Einwirkung waren so zahlreich, daß sie nach Wier[347] unter 44.435.556 Unterteufel aufgeteilt werden mußten, und ein einziges Weib, Johanna Seiler, wurde gar von nicht weniger als 100 Millionen Teufel durch Exorzismus befreit[348].
[Fußnote 339: Simrock. Handbuch der deutschen Mythologie, S. 346.]
[Fußnote 340: Hedelin. Des satyres, brutes, monstres et démons. (1627) 1888 Edition, p. 129.]
[Fußnote 341: Gener. Op. cit., P. 582.]
[Fußnote 342: Hansen. Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter. 1900. S. 329.]
[Fußnote 343: Roskoff. Op. cit., Zweiter Abschnitt, Kap. VI.]
[Fußnote 344: Gener. Op. cit., P. 566. -- Hansen. Op. cit., P. 214.]
Der bedeutendste Faktor war jedenfalls die nachdrückliche Verdrängung weltlicher Wünsche und Begierden, die von der Kirche gefordert wurde und die den Ausbruch nach anderen Richtungen zur Folge haben mußte. Ein gutes Beispiel hiefür liefert das Verhalten der Kirche gegen die Wißbegierde, welche sie, wie wohlbekannt vom Gipfel bis zur Wurzel verwarf und beinahe als Quelle alles Bösen auffaßte. Der unterdrückte Wissenstrieb nahm infolgedessen niemals so bizarre Formen an wie im Mittelalter, mit seiner leidenschaftlichen Suche nach dem Stein der Weisen, dem elixir vitae und dem absoluten Lösungsmittel, mit seiner Hingabe an Astrologie und Alchemie und seinem Interesse an magischen Prozeduren aller Art; wir finden hier den für die Zwangsneurose charakteristischen Glauben an die »Allmacht der Gedanken«[349] seinen höchsten Punkt erreichen. Diese Wißbegierde wurde mit der Vorstellung vom Teufel aufs innigste verknüpft, was ja auch von der Kirche förmlich gelehrt wurde, und der Anfang der Hexenepidemie war die Verfolgung von Zauberern. Ungewöhnliches Wissen wurde ohne weiteres als Folge eines Teufelspaktes betrachtet und war z. B. der Grund, der den Papst Sylvester II. im 10. Jahrhundert dessen verdächtig machte.
[Fußnote 345: Unter diesen scheinen der Einbruch der Mongolen, der Kreuz- und der 100jährige Krieg zwischen England und Frankreich den meisten Einfluß ausgeübt zu haben.]
[Fußnote 346: Roskoff. Op. cit., Bd. 2, S. 113-117 gibt eine ergreifende Schilderung davon.]
[Fußnote 347: Louandre. Sorcellerie, P. 37. Collin de Planey. Dictionnaire infernal, 1818, T. I, P. 166.]
[Fußnote 348: Jühling. Die Inquisition, 1903, S. 11.]
Diese Unterdrückungstendenz der Kirche traf natürlich vor allem die sexuellen Impulse. Die Sexualverdrängung hat zu verschiedenen Zeiten _verschiedene Formen angenommen_, das ist eine kulturhistorisch höchst bedeutsame Tatsache. In dem vergangenen Jahrhundert z. B. scheint sie vor allem gegen exhibitionistische Tendenzen gerichtet gewesen zu sein, mit einer deutlichen Ausdehnung auf die exkrementellen Funktionen; die Sexualität wird daher heute eher »schamlos« oder »abstoßend« als »sündhaft« gefunden. Im frühen Mittelalter war die Verdrängung gegen die Sexualbetätigung im allgemeinen, die an und für sich als sündhaft galt, und im besonderen mit ganzer Kraft gegen den Inzest gerichtet[350]; dies ist um so verständlicher, weil christliche Theologie im weiten Maße die Glorifizierung einer Inzestmythe[351] ist. Hand in Hand damit scheint aber infolge der Schwierigkeiten der Ehe, welche die besonderen sozialen und ökonomischen Verhältnisse mit sich brachten[352], infolge der geringen Bevölkerungsdichte und der Häufigkeit des Zölibats aus religiösen Motiven, der Inzest in dieser Epoche ungewöhnlich häufig vorgekommen zu sein.[353] Wenn daher, wie hier behauptet wird, die Teufelsidee vor allem ein Inzestsymbol darstellt, so war sie für die Bedürfnisse des Zeitalters sehr geeignet und die Tatsache, daß die Teufelsanbetung eine Karikatur des christlichen Gottesdienstes war, erhält vermehrte Bedeutung. Es ist besonders bemerkenswert, daß das Hauptverbrechen, das beim Hexensabbat verübt wurde, der Inzest war. Michelet[354] schreibt darüber: »Selon ces auteurs (De Lancre etc.) .... le but principal du sabbat, la leçon, la doctrine expresse de Satan, c'est l'inceste.«
[Fußnote 349: Freud. Psychoanalytisches Jahrbuch 1909, Band I, S. 411.]
[Fußnote 350: Westermarck (The History of Human Marriage, 1891, P. 155) spricht die interessante Ansicht aus, daß alle Sexualverdrängung aus der Reaktion gegen den Inzest entstanden ist.]
[Fußnote 351: Siehe Otto Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909, S. 46-51.]
Nach dieser äußerst unvollständigen Erörterung des zweiten Problems können wir zu dem ersten zurückkehren. Der Beweis zu Gunsten der oben gegebenen Lösung kann am besten unter verschiedenen Gesichtspunkten geführt werden. Da der Teufel die »bösen« Seiten sowohl des Vaters wie die des Sohnes personifizieren kann und da die Beziehung zwischen Vater und Sohn in der Ödipus-Situation sowohl die Nachahmung als auch die Feindseligkeit zum Inhalt haben kann, finden wir ihn im Sinne vier verschiedener Auffassungen vorgestellt, die allerdings nie streng voneinander gesondert sind. Der Teufel kann also darstellen:
1. den Vater, gegen den Bewunderung empfunden wird,
2. den Vater, gegen den Feindseligkeit empfunden wird,
3. den Sohn, der den Vater nachahmt und
4. den Sohn, der dem Vater Trotz bietet.
In dieser Reihenfolge sollen die Auffassungen erläutert werden; es wird sich zeigen, daß jede derselben mehr als eine der ursprünglichen Tendenzen darstellen kann.
[Fußnote 352: Gener. Op. cit., P. 617.]
[Fußnote 353: Michelet. La Sorcière, 3. Edition, 1863, Pp. 156-159.]
[Fußnote 354: Michelet. Op. cit., P. 155.]
1. Der Vater, gegen den Bewunderung empfunden wird.
Diese Auffassung ist weitaus die häufigste. Ein wichtiger Grund hiefür ist ihre bisexuelle Entstehung; sie dient nämlich nicht nur zur Darstellung der Bewunderung des Sohnes für den Vater, sondern auch für die verdrängte (libidinöse) Liebe der Tochter.
In erster Linie sind die wunderbaren Kräfte des Teufels zu beachten, die jene gewöhnlicher Wesen weit übersteigen. Nach dem Glauben der Manichäer, der das Christentum stark beeinflußte, war er direkt der Schöpfer der Körperwelt und vereinigte in sich alle übernatürlichen Kräfte. Er lenkte Donner und Blitz, Wind und Regen, obgleich diese vorher mehreren Göttern als Attribut zugeteilt worden waren. Auf die infantilsexuelle Symbolik in diesem Glauben kann hier nicht eingegangen werden; Abraham[355] hat einen Teil davon (den Blitz) behandelt und die mythologische Bedeutung des Regens (= semen) ist wohlbekannt. Ich will nur die Flatus-Symbolik des Donners erwähnen[356]; wir haben oben gesehen, daß der Gestank des Teufels hauptsächlich von seiner Fähigkeit zu »Donnern« abgeleitet wurde. Es ist beachtenswert, daß die Macht des Teufels sich hauptsächlich auf _geheime_ und _Zauberdinge_ bezog. Er war der Meister aller verbotenen Künste, der sogenannten »schwarzen Kunst«, darum war er die wichtigste Stütze für Zauberer und andere Leute, die entweder nach verbotenem Wissen oder nach Kräften verlangten, die über ihre natürlichen Anlagen hinausgingen.
Diese Kräfte wurden Menschen in verzweifelter Lage zur Verfügung gestellt, meist auf gewisse Bedingungen hin, -- daß sie fortan dem Teufel angehören wollen und seine Gebote befolgen; das erinnert an die Eltern, die irgend eine Sache für ihre Kinder tun wollen unter der Bedingung, daß sie gut, d. h. folgsam sein wollen. In vielen Legenden tritt der Teufel als freundlicher Helfer der Menschen auf, der sie in schweren Lagen unterstützt und vor Ungemach schützt, insbesondere die Witwen und Waisen (!); eine Anzahl dieser Geschichten erzählen Conway[357] und Wünsche.[358] Wir sehen den Teufel die Rolle des gütigen Vaters übernehmen.
[Fußnote 355: Abraham. Traum und Mythus, 1909, S. 29, 30 u. s. w.]
[Fußnote 356: Le Tonerre ce n'est qu'un pet; c'est Aristophane qui le dit. (Bibliotheca Scatalogica, Art. »Oratio pro Guano Humano«) Harrington (The Metamorphosis of Ajax. 1596, P. 94) erinnert an das Abenteuer des guten Sokrates, der, als ihn Xantippe mit einem Nachttopf gekrönt hatte, ihn auf seinem Kopf und Schultern forttrug und zu denen, die über ihn lachten, sprach:
»Niemals ward dies als Wunder geacht', Daß Regen folgt, hat der Donner gekracht.«]
Sehr auffällig ist die Tatsache, daß der Teufel des Mittelalters in alle Legenden, die früher von _Riesen_ erzählt worden waren, aufgenommen wurde, da die Riesen die mythologische Umbildung der Auffassung des Kindes von seinen Eltern sind.[359] Die drei Hauptvorstellungen, die vereinigt werden, sind Alter, Kraft und Größe. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften des Teufels war sein hohes Alter[360] und viele seiner Beinamen z. B. die englischen: _Old_ Nick (Hnikar), _Old_ Davy scheinen darauf hinzudeuten. Alle die besonderen Kennzeichen und Merkmale der Riesen wurden en masse auf den Teufel übertragen; eine Anzahl davon wird bei Grimm[361] berichtet, so daß hier weitere Details überflüssig sind. Wünsche[362] schreibt: »Bei näherer Betrachtung erweisen sich ferner alle die Sagen, nach denen der Teufel mächtige Dämme, die quer durch den See gehen, Mauern nach Art der Zyklopen und Brücken, die hoch in den Himmel hineinragen und über Abgründe, Schluchten und Täler führen, errichtet, als christianisierte örtliche Riesensagen. Auch Hünen- und Brunhildebetten berühren sich mit Teufelsbetten.« Das wichtigste unter den Riesenattributen des Teufels war seine Vorliebe für das Bauen[363]; dies stammt zweifellos von der infantilen Auffassung, daß die Eltern die Kinder aus Exkrementen formen, die später mit Mörtel, Sand u. s. w. assoziiert wird.[364] Der Teufel begnügte sich übrigens nicht damit, die Taten der Riesen nachzuahmen, sondern nahm bei verschiedenen Gelegenheiten direkt ihre Gestalt an; so sah ihn St. Anton als einen »schrecklichen Riesen, dessen Haupt die Wolken berührte«, dasselbe widerfuhr St. Brigitten und auch bei Dante wird Luzifer als riesengroß geschildert.
[Fußnote 357: Conway. Op. cit., Ch. XXVII. »Le bon diable.«]
[Fußnote 358: Wünsche. Der Sagenkreis vom geprellten Teufel, 1905, Kap. VII. »Der geprellte Teufel als Helfer der Menschen in allerlei Notlagen und Anliegen.«]
[Fußnote 359: Siehe Meyer. Op. cit., S. 193 bezw. der eingehenden Schilderung der Attribute der Riesen in der Mythologie.]
[Fußnote 360: Grimm. Op. cit., S. 826.]
[Fußnote 361: Grimm. Op. cit., S. 852-856 und Nachtrag S. 301.]
[Fußnote 362: Wünsche. Op. cit., S. 14.]
[Fußnote 363: Siehe Wünsche. Op. cit., Kap. II. »Der geprellte Teufel als Baumeister.«]
Die Bedeutung der »revenant« Auffassung wurde oben erörtert und auf ihre Beziehung zum Inzest hingewiesen. Es ist deshalb nicht ohne Interesse, daß es eine Lieblingsgewohnheit des Teufels war, die Menschen bei Nacht in der Gestalt eines kürzlich Verstorbenen[365], besonders Frauen als ihr Vater zu besuchen. Die Erklärung dafür wurde vor mehr als dreihundert Jahren von Thomas Nashe[366] gegeben, wie folgt: »Man wird fragen, warum er sich oft in des Vaters oder der Mutter oder eines anderen Anverwandten Körpergestalt zeigt? Kein anderer Grund kann hiefür angezeigt werden, als daß wir ihm in jenen Gestalten, die, wie er annimmt, uns die vertrautesten sind und denen wir mit natürlicher Liebe anhängen, am ehesten ein geneigtes Ohr leihen.«
Wie sogleich ausgeführt werden soll, waren die Besuche und Versuchungen durch den Teufel vor allem libidinöser Natur, was mit der hier ausgesprochenen Anschauung gut übereinstimmt. In weiterer Übereinstimmung damit steht die enge Beziehung zwischen Teufel und _Schlange_. Der Versucher des Alten Testaments wurde in der Kabbalah »Leviathan« (= verführende Schlange) genannt und seine Ersatzpersonen in anderen Ländern wie Apep (Ägypten), Ahriman (Persien), Midgard (Norwegen), Set (Ägypten) und Vritra (Indien) wurden ebenfalls gewöhnlich als Schlangen abgebildet; wir können auch auf die böse Schlange oder den Drachen verweisen, die Apollo, Bellerophon, Herakles, Krishna, St. Georg, Wotan und viele andere besiegten. In dieser Hinsicht befand sich der Teufel übrigens auch in weit besserer Gesellschaft, denn die Verwandtschaft der Schlange mit verschiedenen Göttern war, wie im vorhergehenden Kapitel bemerkt wurde, außerordentlich nahe. Die phallische Bedeutung dieses Glaubens muß hier nicht noch einmal erklärt werden. Die ältesten Glaubenslehrer des Judentums und die ersten katholischen Kirchenväter waren der Ansicht, daß die Schlange im Garten Eden die böse Fleischeslust bedeute[367], was ja mit der modernen Auffassung vollkommen übereinstimmt. Der christliche Teufel erschien sehr häufig in der Form einer Schlange oder eines Feuerdrachen.[368] St. Anton und St. Coleta bestätigten die erstgenannte Form aus eigener Erfahrung. Die sexuelle Natur des Symbols zeigt sich beim Teufel in viel aufdringlicherer Form als bei den klassischen Göttern, denn sein Schweif war durch eine Schlange gebildet oder endete in einen Schlangenkopf und ebenso auch seine Arme, außerdem aber ahmte sein Penis in Gestalt und Bewegungen eine Schlange nach.[369] Vielleicht ist dies der Grund, warum wir zu anderen Zeiten Beschreibungen finden, wie die folgende,[370] »il a une virilité gigantesque, couverte d'ecailles, hérissée de piquants.«
[Fußnote 364: Die primitive Kinderfreude am Häuserbauen und Figurenzusammensetzen wurde in weitem Ausmaße von E. A. Acher studiert. Amer. Journ. of Psychol., Jan. 1910, P. 116.]
[Fußnote 365: Jakob. Curiosités Infernales, Pr. 35-37. Graf. Op. cit., S. 57, 58, 65-67.]
[Fußnote 366: The Works of Thomas Nashe, 1904 Edition. Vol. I. »The Terrors of the Night« (1594), P. 348.]
In dem gegenwärtigen Zusammenhange ist es jedoch von besonderer Bedeutung, daß, wie im vorigen Kapitel nachgewiesen wurde, die Schlange besonders das männliche Glied des _Vaters_ symbolisiert. Die Schlange mit ihrem schleichenden und geheimnisvollen Gehaben ist vortrefflich dazu geeignet, die heimlichen Betätigungen des Vaters darzustellen, die der Knabe beneidet.
[Fußnote 367: Roskoff. Op. cit., Bd. I. S. 195.]
[Fußnote 368: Grimm. Op. cit., S. 833, 851.]
[Fußnote 369: Graf. Op. cit., S. 51, 59.]
[Fußnote 370: Brévannes. L'orgie satanique à travers les siècles, 1904, P. 115.]
Der direkt libidinöse Charakter des Teufels und seiner Versuchungen wird von jedem Schriftsteller, der dieses Subjekt behandelt, hervorgehoben und kommt in zahllosen Erzählungen zum Ausdruck.[371] Es genügt eine Stelle aus der unendlichen Anzahl ähnlicher herauszugreifen. Freimark[372] sagt: »Den ersten Anstoß zum Teufelsbund geben fast ausschließlich sexuelle Motive .... In allen Berichten über die Verführung zur Hexerei und zum Teufelsbund nimmt unverhüllt die sexuelle Verführung die erste Stelle ein.« Dies war die Sünde, vor der die Kirche mehr als vor jeder anderen warnte. So sagt zum Beispiel Sinistrari[373]: »ratione tantae enormitatis contra Religionem, quae praesuppositur coitu cum Diabolo, profecto Daemonialitas maximum est criminum carnalium.« Ein Mittel, das der Teufel mit Vorliebe zur Erreichung dieses Zweckes anwandte, war, ein Weib dadurch zu täuschen, daß er die Gestalt ihres Geliebten oder Ehemannes annahm.[374] Bodin[375] erzählt Fälle, wo er kleine Mädchen beunruhigte und verführte, die erst sechs Jahre alt waren, »qui est l'aage de cognoissance aux filles.« Die sexuellen Versuchungen, denen Buddha, Zoroaster und andere göttliche Wesen unterworfen waren, wurden in christlicher Zeit auf verschiedene Heilige übertragen, von denen die meisten, wie St. Anton, St. Benedict, St. Elisabeth und St. Martin ihnen erfolgreich widerstanden, während andere, wie z. B. St. Victorinus, unterlagen.
Wie bekannt, verwandelte sich der Teufel am liebsten in einen Bock, das klassische Symbol der Ausschweifung; dies war nahezu regelmäßig seine Gestalt beim Hexensabbat. Da sie in der Mythologie nicht bewandert waren, verwunderten sich viele christliche Autoren darüber; Scaliger[376] z. B. betrachtet es ohne weitere Hintergedanken als ein Wunder. Bodin[377] hingegen ahnte den Sinn, denn er schrieb: »Mais c'est bien chose estrange, que Satan ... prend la figure d'un Bouc, si ce n'est pour estre une beste puante et salace ... Or la proprieté des Daemons est d'avoir puissance sur la cupidite lascive et brutale.« Die libidinöse Natur des Bocksymbols braucht hier nicht ausgeführt zu werden, da sie wohlbekannt ist. Ein weiterer Beweis der ursprünglichen Identität der Vorstellungen von Gott und Teufel ist die Tatsache, daß einerseits der Bock das Symbol zahlreicher Götter des Altertums war, daß aber auch Pan, der Ziegengott par excellence, von dem der Teufel so viele seiner Attribute übernahm, mit dem höchsten Gott der Babylonier, Mithra[378], mit dem ägyptischen Gotte Min[379] (dem Repräsentanten des männlichen Prinzips) und mit Zeus[380] selbst identifiziert wurde.
[Fußnote 371: Siehe z. B. Jacob. Op. cit., Pp. 85-96.]
[Fußnote 372: Freimark. Okkultismus und Sexualität, S. 297.]
[Fußnote 373: Sinistrari. Demoniality (17. Jahrhundert), 1879 Edition, P. 218.]
[Fußnote 374: Dalyell. The Darker Superstitions of Scotland, 1835, P. 554. Hinkmar, zitiert bei Hansen, Op. cit., S. 73.]
[Fußnote 375: Bodin. De la Demonomanie des Sorciers, 1593, P. 212.]
[Fußnote 376: Smith. Scaligerana, 1669, Part. II, Article: Azazael.]
Im Mittelalter wurde den sexuellen Attributen des Teufels die eingehendste Aufmerksamkeit geschenkt, insbesondere dem Sexualakt selbst und dem dabei tätigen Organe.[381] Dieses war manchmal krumm, zugespitzt und schlangenförmig, bestand manchmal halb aus Eisen, halb aus Fleisch, zu anderen Zeiten ganz aus Horn und war gewöhnlich gespalten wie eine Schlangenzunge; er war so im Stande, Koitus und Päderastie gleichzeitig auszuführen, während eine dritte Gabelung manchmal in den Mund reichte.
Der Teufel des Mittelalters war keineswegs als erster durch seine ausschweifende Geschlechtlichkeit berühmt. Von den Göttern des klassischen Altertums ganz zu geschweigen, finden wir denselben Zug bei den meisten bösen Vorläufern des christlichen Teufels. Der Ruf Pans war derart, daß er den Theologen des Mittelalters als der Prinz der Inkubi[382] bekannt war.
[Fußnote 377: Bodin. Op. cit., P. 190.]
[Fußnote 378: Robertson. Op. cit., P. 315.]
[Fußnote 379: Petrie. The religion of ancient Egypt, 1908, P. 59.]
[Fußnote 380: Knight. The Symbolical Language of Ancient Art and Mythology, 1876 Edition, P. 137.]
[Fußnote 381: Siehe z. B. Pierre de Lancre. Tableau de l'inconstance des mauvais anges et démons, 1612, Pp. 224, 225.]
[Fußnote 382: De Plancy. Op. cit., T. II, P. 135.]