Part 7
In dieser Verbindung ist es von Wichtigkeit, daß der Werwolf nicht allein ein verwandelter lebender Mensch sein kann, sondern auch ein Leichnam, der sich in Gestalt eines Wolfes aus dem Grab erhoben hat. Hertz[308] erzählt folgenden Fall: »Ein merkwürdiges Beispiel ist der gefährliche und grausame Wolf von Ansbach im Jahre 1685, welcher für das Gespenst des verstorbenen Bürgermeisters gehalten wurde.« Der Wolf wurde schließlich getötet. »Darauf zog man ihm die Haut ab für die fürstliche Kunstkammer, machte ihm von Pappe ein Menschengesicht mit einem Schönbart lang und weißgraulich, ein Kleid von gewichster fleischfarbrötlicher Leinwand und eine kastanienbraune Perrücke; so wurde er auf dem »Nürnberger Berg vor Onolzbach« an einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehängt.« Den verwandelten Leichnam hielt man gewöhnlich für den eines Verdammten, der in seinem Grab[309] keine Ruhe finden konnte. Ein historisches Beispiel dafür ist König Johann »ohne Land« von England, dessen Leichnam sich, wie man glaubte, infolge einer päpstlichen Exkommunikation in einen Werwolf verwandelt hätte. Bosquet[310] schreibt diesbezüglich: »Ainsi se trouva complètement réalisé le funeste présage attaché à son surnom de Sans-Terre, puisqu'il perdit de son vivant presque tous les domaines soumis à sa suzeraineté, et que, même après sa mort, il ne put conserver la paisible possession de son tombeau.«
Das Gehaben des Werwolfs erinnert häufig an das des Vampirs; in Armenien werden sündige Frauen dadurch bestraft, daß sie sieben Jahre als Werwölfe leben müssen; wenn die schreckliche Wolfslust sie überfällt, so zerreißen sie zuerst ihre eigenen Kinder, dann die ihrer Verwandten und schließlich fremde, ganz ebenso wie die Vampire.[311] Ein anderes armenisches Ungeheuer, der Dashnavar, der zwischen Werwolf und Vampir steht, saugt das Blut aus den Sohlen der Vorübergehenden, bis sie sterben.[312] Nach Hertz[313] ist: »am auffallendsten die Vermischung der Vorstellungen von Werwolf und Vampir in Danziger Sagen, wo es heißt, man müsse den Werwolf verbrennen, nicht begraben; denn er habe in der Erde keine Ruhe und erwache wenige Tage nach der Bestattung; im Heißhunger fresse er sich dann das Fleisch von den eigenen Händen und Füßen ab, und wenn er nichts mehr an seinem Körper zu verzehren habe, wühle er sich um Mitternacht aus dem Grabe hervor, falle in die Herden und raube das Vieh oder steige gar in die Häuser, um sich zu den Schlafenden zu legen und ihnen das warme Herzblut auszusaugen; nachdem er sich daran gesättigt habe, kehre er wieder in sein Grab zurück. Die Leichen der Getöteten findet man aber des anderen Tages in den Betten und nur eine kleine Bißwunde auf der linken Seite der Brust zeigt die Ursache ihres Todes an.« Werwölfe wurden sogar mit den Ghuls vermengt; in Frankreich gab es eine besondere Art von Werwölfen, loubins genannt, die Nachts herdenweise die Kirchhöfe besuchten, um die Leichen zu zerfleischen.[314]
[Fußnote 306: Grimm. Op. cit., Kap. XXXI.]
[Fußnote 307: Mannhardt. Roggenwolf und Roggenhund, 1865, S. 31.]
[Fußnote 308: Hertz. Op. cit., S. 88.]
[Fußnote 309: Hertz. Op. cit., S. 109.]
[Fußnote 310: Bosquet. La Normandie romanesque et merveilleuse, 1845, P. 238.]
Wir sehen also, daß das Motiv vom revenant und das der Leichen dem Werwolf- und Vampirglauben gemeinsam sind, während von dem Blutsaugen des letzteren zu des ersteren Gier nach Zerfleischen nur ein kleiner Schritt ist; die beiden Vorstellungen sind also überall ineinander verschlungen.
Was die Bedeutung und den Ursprung des Werwolfglaubens betrifft, so muß bemerkt werden, daß die wichtigsten Elemente die Verwandlung in Tiere, die Gier nach Zerfleischen und das nächtliche Wandern sind. In manchem anderen Aberglauben können die beiden letzteren Elemente ohne das erste miteinander verbunden werden. So glauben die Thessaler, Epiroten und Wallachen an Somnambulisten, die bei Nacht umherwandern und die Menschen mit ihren Zähnen zerreißen.[315] Von dieser Vorstellung, nämlich sich wie ein Wolf benehmen, ist es zur tatsächlichen Verwandlung nur mehr eine Stufe. Daß die Lust am Zerreißen und Zerfleischen eine sadistische Tendenz darstellt, ist so offenbar, daß es keiner Besprechung bedarf, und viele Autoren[316] haben es bezeugt. Die beiden Ausdrücke können in der Tat fast immer miteinander vertauscht werden; die Wolfssymbolik eignet sich besonders dazu, dies darzustellen, und die Wirkung wird noch dadurch erhöht, daß die Werwölfe für wilder gelten als andere Wölfe. Aus der Tatsache, daß eine so intensive Grausamkeit und Wildheit, außer in Angstträumen, nur sehr selten zum Bewußtsein kommt, wenigstens nicht in demselben Grade, kann man mit Recht mutmaßen, daß eben die Erfahrungen der Angstträume eine wichtige Rolle bei der Entwicklung unseres Aberglaubens spielten. Sadistische Tendenzen erweisen sich bei der Analyse in der Regel als eng verknüpft mit Inzestgedanken und stehen in Verbindung mit der Vorstellung des Kindes vom Koitus der Eltern, von der Feindseligkeit gegen den Vater u. s. w. Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der Haß gegen den Vater ein besonders auffälliges Charakteristikon bei den wirklichen Fällen von Lykanthropie[317] war, d. h. dort, wo die Leute sich einbildeten, Nachts in Gestalt von Wölfen umherzuwandern.
[Fußnote 311: Hertz. Op. cit., S. 28.]
[Fußnote 312: Stern. Op. cit., S. 359.]
[Fußnote 313: Hertz. Op. cit., S. 89.]
[Fußnote 314: Pluquet. Contes populaires, 1834, P. 14; Donat de Hautemer, Loc. cit.]
Der Glaube an das Nachtwandern, d. h. daran, daß eine bestimmte Person gleichzeitig an zwei Orten sein kann, stammt wie das wirkliche Schlafwandeln sicherlich aus Traumerfahrungen, denn seine Entwicklung kann man noch heute bei wilden Völkern beobachten. Man glaubte, daß der wirkliche Leib des Werwolfs schlafend im Bett läge, während sein Geist in Wolfsgestalt[318] die Wälder durchstreife; ferner fanden sich, wenn der Wolf verletzt wurde, die entsprechenden Wunden an dem menschlichen Körper, der daheim[319] geblieben war. Die Ähnlichkeit mit den Traumvorstellungen der Wilden, auf die im ersten Kapitel hingewiesen wurde, ist wohl deutlich; für diese Reiseträume gibt es verschiedene Quellen, denn sie können eine beträchtliche Anzahl verdrängter Wünsche symbolisieren, so den Wunsch nach Freiheit von Zwang, den der Wolf sehr gut darstellt[320], und besonders nach Unabhängigkeit vom Vater, nach erhöhter Potenz, die durch schnelle Bewegung symbolisiert wird, u. s. w. Die letzte Quelle des Interesses an der Bewegung muß man in der sexuellen Färbung angenehmer Empfindungen dieser Art suchen, die das Kind[321] hatte.
[Fußnote 315: Stern. Op. cit., S. 360. Siehe auch Schmidt. Volksleben der Neugriechen, Band 1, S. 166.]
[Fußnote 316: E. g. bei Clodd. Op. cit., P. 84.]
[Fußnote 317: De Lancre. Op. cit., P. 317.]
Werwolf- und Inkubusglauben können als die beiden entgegengesetzten Seiten desselben Motivs angesehen werden; bei letzterem ist die Aufmerksamkeit auf die Person konzentriert, die im Schlaf durch ein Ungeheuer überfallen wird, bei ersterem auf das Ungeheuer, das den Schläfer angreift. Die masochistische Komponente des Motivs ist bei dem einen, die sadistische bei dem anderen vorherrschend. Der Werwolfglaube besteht also im wesentlichen in der Ausbildung und Modifizierung der einfacheren Inkubusvorstellung.
VI. Der Teufelsglaube.
Bei der Zusammensetzung der Idee des Teufels hat eine fast unzählbare Menge verschiedener Faktoren mitgewirkt. Das analytische Studium ähnlicher Bildungen der menschlichen Phantasie, beispielsweise der psychoneurotischen Symptome, zeigt, daß die meisten dieser Faktoren nur Nebenbeiträge darstellen, da jede Phantasie um _einen_ nucleus herum gruppiert ist. Es kann unsere Aufgabe nicht sein, die Enträtselung dieser beitragenden Faktoren zu versuchen, und wir wollen von den zahlreichen Problemen, die der Gegenstand enthält, die folgenden drei für unsere Erörterung auswählen; 1. Was ist die eigentliche und wesentliche Bedeutung des Teufelsglaubens? 2. Wieso wurde er in einer bestimmten Epoche so bedeutungsvoll und scharf umrissen? 3. In welcher Verbindung steht er mit der Erfahrung des Angsttraumes?
[Fußnote 318: Ein gutes Beispiel dafür ist ausführlich beschrieben bei Lerchheimer. Ein christliches Bedenken und Erinnerung von Zauberei, Dritte Auflage, 1597, Kap. XII.]
[Fußnote 319: Wolf. Niederländische Sagen, Nr. 242, 243, 501.]
[Fußnote 320: Conway. Op. cit., P. 141.]
[Fußnote 321: Freud. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Aufl., 1910, S. 53, 54.]
Daß der Teufel nicht vom Himmel erzeugt wurde, wie die Theologen noch heute lehren, sondern vom Menschengeist, kann als erwiesen gelten; so sagt Graf[322]: »Er wurde nicht vom Himmel herabgestürzt, sondern erhob sich aus den Abgründen der menschlichen Seele«. Und daß diese »Abgründe«, wenn man ihre Entstehung untersucht, eine durchaus bestimmte Bedeutung erhalten, daran läßt sich wohl kaum zweifeln. Freud[323] schreibt: »Der Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten unbewußten Trieblebens« und Silberer[324] sagt: »Der Teufel und die finsteren dämonischen Gestalten der Mythen sind, psychologisch genommen, funktionale Symbole, Personifikationen des unterdrückten, nicht sublimierten elementaren Trieblebens.« Unser Problem ist es also, herauszufinden, _welche_ Komponenten dieses Trieblebens die Quelle des Teufelsglaubens bilden.
Unzweifelhaft gehört die Frage des Teufelsglaubens in die Reihe jener Probleme, die mit dem Angstgefühl zusammenhängen; seine ganze Geschichte ist eine Geschichte der ununterbrochenen Angst und mit diesem Gefühle war er so unlösbar verbunden, daß die Gegenwart eines verkleideten Dämons durch die Angst und den heftigen Schrecken, den sie zurückließ, entdeckt werden konnte; denn ihre Wirkung auf die Anwesenden war so stark, daß diese am ganzen Körper gelähmt, stumm oder eisig kalt wurden.[325] Zum Ausgangspunkt für unsere Untersuchungen wollen wir eine Bemerkung Pfisters[326] nehmen, in der er den Teufelsglauben auf »infantile Angsterlebnisse« zurückführt. Da die Entstehungsursache der infantilen Angst jetzt bekannt ist[327], liegt es nahe, die Beschreibungen des Teufelsglaubens im Lichte dieser Kenntnis zu betrachten. Dieses Verfahren hat mich zur Formulierung der folgenden Schlüsse gelangen lassen, deren Beweis sogleich mitgeteilt werden soll: _Der Teufelsglaube ist hauptsächlich eine Projektion zweier Kategorien von verdrängten Wünschen, die beide im letzten Grunde auf die infantile Ödipus-Situation zurückgehen;_ a) _der Wunsch, gewisse Eigenschaften des Vaters nachzuahmen_; b) _der Wunsch, dem Vater Trotz zu bieten; mit anderen Worten, abwechselnd Wettstreit mit dem Vater und Feindseligkeit gegen ihn_. Aus beiden Quellen fließt verdrängtes Material; auch die erste unterscheidet sich von jener Frömmigkeit, die sich später durch den Glauben an Gott äußert, dadurch, daß sie enger mit der Bewunderung für die dunklere »böse« Seite in dem Charakter des Vaters zusammenhängt. Im ersten Falle personifiziert der Teufel den Vater, im zweiten den Sohn; er stellt also die unbewußte Stellungnahme zum Sohn-Vater-Komplex dar, wobei bald die eine, bald die andere Seite besonders hervortritt. Dem ist hinzuzufügen, daß die entsprechende weibliche Ödipus-Situation ebenfalls Material beigestellt hat, das jedoch minder wichtig ist; darum soll der Vereinfachung halber das Problem hauptsächlich mit den Ausdrücken für den männlichen Komplex erörtert werden, von dem der andere in vieler Hinsicht nur ein Duplikat ist.
[Fußnote 322: Graf. Geschichte des Teufelsglaubens, 2. Aufl. Übersetzt von Teuscher, 1893, Seite 2.]
[Fußnote 323: Freud. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Zweite Folge, 1909, S. 136.]
[Fußnote 324: Silberer. »Phantasie und Mythos«. Psychoanalytisches Jahrbuch, 1910, Band 2, S. 592.]
Wenn wir nun zunächst das zweite der oben erwähnten Probleme aufnehmen, müssen wir sogleich auf die rein historische Betrachtungsweise verzichten; für diese sei der Leser auf Bücher wie die von Conway, Grimm, Roskoff, Gener verwiesen, unter denen insbesondere das letzterwähnte durch seine Reichhaltigkeit und gründliche philosophische Fundierung hervorragt. Ein kurzer Auszug aus einigen der wichtigsten historischen Angaben ist jedoch für unsere Orientierung unerläßlich. Der erste Punkt, auf den hier Gewicht gelegt werden muß, ist die Tatsache, daß die Teufelsidee in der genauen Bedeutung des Wortes ausschließlich dem Christentum angehört, da die früheren Angaben nur das bloße Material bilden, aus welchem die eigentliche Vorstellung geformt wurde; für unser Problem müssen wir also kurz die Art dieses früheren Materials erörtern.
[Fußnote 325: Graf. Op. cit., S. 67-68.]
[Fußnote 326: Pfister. Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf, 1910, S. 94.]
[Fußnote 327: Freud. Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, Psychoanalytisches Jahrbuch, 1909, Band 1, S. 1.]
Die Vorstellung von bösen, übernatürlichen Kräften ist, obwohl nicht überall verbreitet, doch unter den wilden Völkern[328] sehr häufig und war es auch unter den Kulturvölkern des Altertums; überprüft man aber die einzelnen Zeugnisse genauer, so fällt es auf, daß die betreffenden Kräfte nur äußerst selten als rein böse vorgestellt wurden. Fast die einzige Ausnahme ist der persische Ahriman, wie er in der Zend-Avesta (Vedida-Abschnitt) geschildert wird. Man kann deshalb behaupten, daß vor dem Christentum keine scharfumrissene Vorstellung von einem übernatürlichen Wesen, dessen Beruf das Böse war, existierte. Der brahmanische Vritra, der buddhistische Siva, der ägyptische Set (oder Typhon), der griechische Pan, der germanische Loki waren alle zweifellos Götter, die nicht nur versöhnt, sondern auch verehrt werden mußten, und sie alle waren grundsätzlich verschieden von dem Teufel des Mittelalters. Griechenland war, wie nach seinen anderen herrlichen Eigenschaften zu erwarten stand, ausgezeichnet durch die geringe Rolle, welche die Angstgefühle in seiner Theologie spielten. Auf den ersten Blick scheint das Judentum dem Hellenismus in bezug auf die geringe Entwicklung der bösen Wesen in seiner Theologie zu gleichen, aber die Gründe waren in beiden Fällen ganz verschieden. Es ist dabei die bezeichnende Tatsache festzuhalten, daß gleichzeitig mit der Entwicklung der Satanvorstellung, welche dem babylonischen Exile folgte und entweder durch den persischen Ahriman oder, was Robertson[329] für wahrscheinlicher hält, durch den babylonischen Ziegengott beeinflußt war, der Charakter der Yahweh-Idee wechselte und sich der modernen Vorstellung einer wohltätigen Gottheit weit mehr näherte. In der früheren Geschichte der Juden waren in Yahweh die Eigenschaften sowohl von Gott wie vom Teufel miteinander verbunden und alles, Böses wie Gutes stammte ohne Zwischenglied von ihm. M. Graf[330] sagt darüber: »Man braucht nur einigermaßen auf das Wesen Jehovas zu achten, um sogleich gewahr zu werden, daß neben einem solchen Gotte für einen Teufel wenig Platz übrig ist.« Conway[331] bemerkt im selben Sinne: »Die Juden hatten ursprünglich keinen Teufel, ebensowenig wie irgend ein anderes Volk und dies aus dem offensichtlichen Grunde, weil ihr sogenannter Gott zu jedem moralischen Übel für fähig galt, für das ein Urheber gefunden werden sollte« und Gener[332] sagt von dem jüdischen Gotte: »Il est dieu et diable à la fois; mais plus fréquemment il est diable.«
[Fußnote 328: Siehe Roskoff. Geschichte des Teufels, 1869, Band 1, S. 17-23.]
Das Beispiel des Judentums ist besonders lehrreich, weil es zur Lösung der Streitfrage beiträgt, ob die Vorstellung des Teufels eine selbständige Entstehungsgeschichte besitzt, wie es die Theologie behauptet, oder das Resultat jenes mythologischen Prozesses ist, den wir als Auseinanderlegung kennen, wobei verschiedene Eigenschaften einer ursprünglich einheitlichen Persönlichkeit mit einer selbständigen Existenz begabt werden, so daß mehrere verschiedene Persönlichkeiten in Erscheinung treten. Die Tatsache allein, daß die Scheidung der Vorstellung von Gott und Teufel ein späteres Stadium der Kulturentwicklung bezeichnet und der ursprünglichen Auffassung, daß übernatürliche Wesen zu gleicher Zeit gut und böse sind, nachfolgt, spricht nachdrücklich zu Gunsten der letzteren Hypothese und dies wird durch das Beispiel des Judentums erheblich verstärkt. Nach einer detaillierten Darstellung dieses Sachverhaltes erörtert Gener[333] die Frage, ob Satan 1. einen der degradierten Götter der benachbarten Stämme nach der Besiegung durch Yahweh, 2. den Hazazel des Levitikus oder 3. einfach eine abgetrennte Emanation Yahwehs selbst, nach seinen eigenen Worten ein »dédoublement« darstellt. Er entscheidet sich zu Gunsten der letzten Anschauung, welche offenbar die richtige ist, was nicht nur durch die ganze Entwicklungsgeschichte Yahwehs, sondern auch durch Satans eigenes Benehmen bewiesen wird; im Buche Hiob erscheint er als der treue Diener Yahwehs, als eine Art intelligenter Detektiv, der die Leute erprobt und ihre Schwächen ausfindig macht. Conway[334] ist derselben Meinung, sogar bezüglich des erheblich anders gearteten Teufels des Neuen Testaments: »Die Schilderungen des Teufels in der Bibel sind in der Hauptsache von den alten Schilderungen der Elohim und Jehovas in seinem elohistischen Charakter geborgt.«
[Fußnote 329: Robertson. Pagan Christ, 1903, P. 84.]
[Fußnote 330: Graf. Op. cit., S. 18.]
[Fußnote 331: Conway. Demonology and Devil-lore, 1879, Vol. II, P. 56.]
[Fußnote 332: Gener. La Mort et le Diable.]
Dieser Schluß wird durch die Betrachtung der Etymologie des Wortes Teufel (altdeutsch Tuivel, englisch devil, französisch diable) unterstützt. Wie das verwandte griechische »diabolos«, geht es im letzten Grunde auf die Ur-Wurzel D Y V zurück, die wir im Sanskrit in zwei Formen antreffen, div und dyu, deren anfängliche Bedeutung »zünden« war. Von der ersten kommt außer Teufel der germanische Tius, Tiwas oder Zio, der griechische theos, lateinisch deus oder divus, französisch dieu, cymrisch diw, lithauisch diewas, Zigeunersprache dewel, die alle »Gott« bedeuten; dasselbe Wort dewa bedeutet dem Brahmanen Gott und dem Perser und Parsen Teufel. Von der zweiten Form kommt das indische Djaos (der brahmanische Himmelsgott), das griechische Zeus (Z = Dj), lateinisch Jupiter, (altlateinisch Diovis). Dieselbe merkwürdige Polarität ist bei den unpersönlichen Worten zu konstatieren, die aus dieser Wurzel stammen: einerseits das lateinische »dies«, das keltische dis = Taggestirn, Sanskrit dyaos = Tag und anderseits das arische dhvan (wovon das griechische thanatos) = Tod, germanisch devan = sterben, arisch dvi = fürchten, griechisch deos = Schrecken. Ja sogar die eigentlichen Polaritätsausdrücke haben einen ähnlichen Ursprung. Das Sanskrit dva, lateinisch duo, englisch two, cymrisch deu bedeuten alle »zwei« (vgl. englisch double = zweifach mit althochdeutsch deudel = Teufel). Auch das Wort »Zeugen« soll aus derselben Quelle stammen, während das griechische dys ebenso sehr entzwei wie böse bedeutet.[335]
[Fußnote 333: Gener. Op. cit., S. 389-391.]
[Fußnote 334: Conway. Loc. cit.]
Die Zunahme des Christentums brachte der Teufelsidee neue Nahrung, da sie die einzig mögliche Erklärung für das noch immer in der Welt verbreitete Böse war. Dies war auch als Folge des vom Christentum geforderten Verzichtes auf die sündige Weltlust unvermeidlich. Ein solcher Verzicht wurde von manchen Sekten viel weiter getrieben als von der Mutterkirche und diese entwickelten die Teufelsidee auch in einem entsprechend höheren Grade. Viele der alten Gnostiker hatten an ein Wesen geglaubt, in dem die guten und bösen Eigenschaften gemischt waren, nämlich an den Demiurgos, den Weltschöpfer und Feind Christi, und unter dem Einflusse der degenerierten Form von Zoroasters Lehre, wie sie von dem Perser Mani im 3. Jahrhundert gelehrt wurde, hatten die Manichäer diese Idee zu einem vollständigen System ausgebaut. Darin galt die ganze Natur, alle Tiere, alle weltlichen Gelüste als des Teufels Reich. Um das 11. Jahrhundert ging diese Sekte und andere in dem Konglomerat auf, das unter dem Namen »Katharer« bekannt ist, nach dem Kater, in dessen Gestalt sie Luzifer anzubeten pflegten; auch die Albigenser legten großes Gewicht auf die Sündigkeit der Natur. Diese Umstände hatten auf die katholische Kirche doppelten Einfluß. Einmal drangen diese Lehren in ihren Körper ein und verstärkten den ursprünglichen Glauben an die notwendige Sündhaftigkeit weltlicher Wünsche ungemein, so daß die Auffassung des Begriffes Sünde ein nie vorher oder nachher gekanntes Maß erreichte. Auf der anderen Seite benutzte sie planmäßig die Teufelsidee als kräftige Waffe im Kampf gegen alle Ketzereien, welche sie als vom Teufel stammend erklärte.
[Fußnote 335: Von besonderem psychologischen Interesse ist die folgende Tatsache:
Der gebräuchliche englische Euphemismus für Teufel lautet deuce (altenglisch dewes), was auf den ersten Blick direkt von der obengenannten Quelle zu kommen scheint. (Cf. Zeus und bei St. Augustinus Dusius = inkubus.) Nach der Ansicht Skeats entstand es jedoch auf folgende Weise: Sein ursprünglicher Sinn, in welchem es noch heute allgemein gebraucht wird, war die Bezeichnung der zwei bei den Würfel- und Kartenspielen, für welche es in den Zeiten der Plantagenet vom französischen »deux« in Gebrauch kam. Die Verlust-Zwei bei diesen Spielen bedeutete natürlich Unglück und wurde deshalb mit dem Teufel in Verbindung gebracht, anfänglich als Ausruf »Oh the deuce«; der Glaube, daß diese Spiele vom Teufel erfunden seien und ihm gehören, hat diese Verbindung wahrscheinlich fester geknüpft. Als Erfolg dieser auf Umwegen erfolgten Vereinigung hat das Wort zwei Bedeutungen, die fast ganz identisch sind mit jenen des griechischen dys, welches ihm in der Aussprache ähnelt und etymologisch verwandt ist.]
Diese Waffe brauchte die Kirche schon in ihrem Kampfe gegen die nichtchristlichen Religionen. St. Paul selbst (1 Kor. X. 20) hatte erklärt, die heidnischen Götter seien nichts als Dämonen, und die Kirche wandte diese Lehre mit gewissenhaften Details auf einen Gott nach dem anderen aus den klassischen und heidnischen Theologien an. Bald stellte es sich jedoch heraus, daß es unmöglich sei, auf diesem einfachen Wege zu beharren, und man entschloß sich -- offiziell der erste war Papst Gregor I. im Jahre 601 -- auf der Basis der berühmten »_Verschmelzungstheorie_« zu einer gründlichen Verschmelzung und Durchdringung des Christentums mit anderen Religionen. Die Feste, Kulte und persönlichen Attribute der fremden Gottheiten wurden unter die christlichen verteilt, wobei einige an Christus, Gott, Maria und die zahlreichen Heiligen fielen, andere an den Teufel und sein Gefolge.[336]