Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft

Part 5

Chapter 53,125 wordsPublic domain

Die sexuellen Seiten der Tätigkeit zeigen sich deutlich in folgenden Beispielen: bei der Beschäftigung mit rumänischem Aberglauben berichtet Stern[169] vom Nosferat, »der nicht nur schlafender Menschen Blut saugt, sondern auch als Inkubus-Sukkuba Unheil stiftet ... Als schwarze Katze, als schwarzer Hund, als Käfer, Schmetterling oder auch bloß als Strohhalm besucht es nachts die Menschen; wenn es männlichen Geschlechts ist: die Frauen; wenn es weiblichen Geschlechts ist: die Männer. Mit jungen Leuten treibt es geschlechtliche Vermischung, bis sie krank werden und an Auszehrung sterben. In diesem Fall kommt es auch als schöner Jüngling oder als schönes Mädchen, während die Opfer halb wach liegen und widerstandslos sich ihm fügen. Oft geschieht es, daß Weiber von ihnen geschwängert werden.« Die Chaldäer glaubten an die Existenz von Geistern, die im Traum Umgang mit Menschen pflegen, ihr Fleisch zerfressen und das Blut[170] trinken. Die vedischen Gandharven sind blutgierige Buhlgeister, die die Frauen im Schlaf heimsuchen.[171] Ihnen ähnlich sind die indischen Pisashas, die nach Fleisch und Blut gierig sind und ihre grausame Lust an Weibern im Zustand des Schlafs, der Trunkenheit und des Wahnsinns büßen.[172] Andere Wesen derselben Art widmen ihre Aufmerksamkeit vor allem Männern; so sucht die ruthenische Upierzyca in Vollmondnächten[173] die Schlafplätze junger Männer auf, die sie langsam mit ihren Umarmungen[174] zu Grunde richtet. Freimark[175] erzählt: »die griechisch-römischen Lamien sind zugleich Buhlteufelinnen und Vampire. Sie suchen schöne kräftige Jünglinge in sich verliebt zu machen und zur Verehelichung mit sich zu bringen. Haben sie sie so weit, so töten sie den Jüngling, indem sie ihm das Blut aussaugen.«

[Fußnote 168: Poestion. Lappländische Märchen, 1886, S. 132.]

[Fußnote 169: Stern. Op. cit., S. 357, 358.]

[Fußnote 170: Menant. Ninive et Babylone, P. 271.]

[Fußnote 171: Kuhn. Zeitschr. für vergleichende Sprachforschung, Jahrg. XIII, S. 118.]

[Fußnote 172: Schlegel. Indische Bibliothek, 1823, Band 1, S. 87.]

[Fußnote 173: Genau wie die montenegrinischen Vampire. (Stern S. 361.)]

[Fußnote 174: Hellwald. Die Welt der Slaven, 2. Aufl., 1890, S. 367.]

[Fußnote 175: Freimark. Op. cit., S. 278, 279.]

Blut ist nicht die einzige zum Leben nötige Flüssigkeit, die dem Opfer entzogen wird, wenn sich auch der wirkliche Vampir in der Regel darauf beschränkt. Der Alp saugt an den Brustwarzen der Männer[176] und Kinder[177] und zieht häufiger Milch aus Frauen[178] und Kühen[179] als Blut. Die Drud saugt ebenfalls an der Brust der Kinder[180], während die südslawische Mora[181] Blut und Milch trinkt. Die indische Churel saugt, nachdem sie die Nacht mit einem schönen Jüngling zugebracht, direkt sein Leben aus.[182]

Die Erklärung all dieser Phantasien ist sicher nicht schwer; ein nächtlicher Besuch von Seite eines anziehenden oder schrecklichen Wesens, das den Schläfer zuerst durch leidenschaftliche Umarmungen erschöpft und ihm dann eine vitale Flüssigkeit entzieht, kann sich nur auf einen natürlichen und häufigen Vorgang beziehen, nämlich auf die nächtliche Pollution in Begleitung mehr oder minder erotischer Träume. Blut ist im Unbewußten ein sehr häufiges Äquivalent für den Samen und es ist nicht notwendig, sich, wie Hock[183], auf die Möglichkeit von »selbst zugefügten Kratzwunden während eines wollüstigen Traumes« zu berufen. Mehrere Mythen liefern ein interessantes Beispiel zur Bestätigung der Wahrheit dieses Schlusses. Nach Quelenfeldt[184] herrscht im Süden des Atlasgebirges der Aberglaube, daß es hier alte Negerinnen gäbe, die nachts aus den _Zehen_ der Schläfer das Blut trinken. Der akkadische Gelal und Kiel Gelal, die assyrischen Sil und Sileth, die gleichbedeutend mit dem europäischen Inkubus und Sukkubus sind, waren Dämonen mit der speziellen Funktion, durch die Umarmung der Schläfer[185] nächtliche Pollutionen herbeizuführen. Der armenische Daschnavar trinkt auf ähnliche Weise das Blut aus den _Füßen_ der Wanderer[186], während Meyer[187] gespensterhafte Mütter erwähnt, die die Augen ihrer Kinder aussaugen. Es ist wohlbekannt, daß Zehen, Füße und Augen in Folklore und Mythologie[188] häufig wiederkehrende phallische Symbole sind. Ein weiterer Faktor, der zweifellos eine bedeutsame Rolle in der Ausbildung der oben erwähnten Vorstellungen gespielt hat, ist die häufige Assoziation zwischen Sexualität und der Tätigkeit des Saugens sowohl in der wirklichen Erfahrung als auch besonders in unbewußten Phantasien.

[Fußnote 176: Grohmann. Sagen. Loc. cit.]

[Fußnote 177: Ploß. Das Kind in Brauch und Sitte der Völker, 1884, Band 1, S. 298.]

[Fußnote 178: Laistner. Loc. cit.]

[Fußnote 179: Laistner. Op. cit., Bd. 2. S. 82.]

[Fußnote 180: Schönwerth. Aus der Oberpfalz -- Sitten und Sagen, 1858, Band 1, S. 201, 211.]

[Fußnote 181: Krauß. Op. cit., S. 147, 148.]

[Fußnote 182: Vgl. Laurence Hope's poem »Lalla Radha and the Churel« in »Stars of the Desert«, 1909.]

[Fußnote 183: Hock. Op. cit., S. 5.]

[Fußnote 184: Quelenfeldt. Zitiert bei Stern, Op. cit., S. 359.]

Das Nervensystem und vor allem das Rückenmark hat häufig ähnliche symbolische Bedeutung wie Blut (vitale Substanz) und diese Tatsache wirft ein Licht auf die folgenden Stellen, in denen der Vampir vorkommt. In Zschokkes »Die Zauberin Sidonia«, geschrieben im Jahre 1798 begegnet auf der ersten Seite folgender Satz: »Die Faulheit saugt uns mit ihrem Vampirenrüssel Mark und Blut aus.« Dies kann man mit Jaromirs Rede in Grillparzers »Ahnfrau« vergleichen:

Und die Angst mit Vampirrüssel Saugt das Blut aus meinen Adern, Aus dem Kopfe das Gehirn.

In ganz Europa gab es seit den frühesten Zeiten Mythen und Märchen über den Vampir; ein typisches Beispiel dafür ist die wallachische Sage, nach der tote rothaarige Männer in Gestalt von Fröschen, Käfern usw. erscheinen und das Blut schöner Mädchen[189] trinken. Ferner kamen aus dem frühen Mittelalter Berichte auf uns über den Brauch, der in den meisten europäischen Ländern bestand, die Leichen jener, deren Geist die Lebenden plagte und ihr Blut aussaugte, auszugraben, zu verbrennen oder mit einem Pfahl[190] zu durchbohren. Wie oben angedeutet wurde, ist dieser Glaube über die ganze Welt verbreitet, z. B. pflegen die modernen Pontianaks auf Java, die von Leichen stammen, nachts menschliches Blut[191] zu saugen. Der assyrische Vampir, Akakharu mit Namen, stammt aus sehr alter Zeit.[192] Die genaue Kenntnis der Vorstellung in Europa aber danken wir der Balkanhalbinsel, wo sie offenbar vom türkischen Aberglauben[193] stark beeinflußt wurde. Weiter kam als lokaler Faktor wahrscheinlich das Dogma der griechischen Kirche in Betracht, die im Gegensatz zu den Lehren der römisch-katholischen Kirche, nach denen die Körper der Heiligen der Zersetzung nicht unterliegen, daran festhielt, daß die Leichen der von der Kirche Exkommunizierten nicht verwesen. Ebenso wie die römisch-katholische Kirche lehrte, daß jemand durch Ketzerei in einen Werwolf verwandelt werden könne, verkündete die griechische, daß ein Ketzer nach seinem Tode zum Vampir werde. Die Epidemien, die auch früher häufig genug vorgekommen waren, erreichten ihren Höhepunkt im achtzehnten[194] und dauerten selbst noch im neunzehnten[195] Jahrhundert an. Die heftigsten ereigneten sich in Chios 1708[196], in Ungarn 1726[197], in Meduegna und Belgrad 1725 und 1732[198], in Serbien 1825[199] und in Ungarn 1832.[200]

[Fußnote 185: Lenormant. Chaldean Magic, English Trans., 1877, P. 38.]

[Fußnote 186: Haxthausen. Transkaukasien, 1856, Band 1, S. 170.]

[Fußnote 187: E. H. Meyer. Indogermanische Mythen, 1883, Band 2, S. 528.]

[Fußnote 188: Siehe Aigremont. Fuß- und Schuh-Symbolik und -Erotik, 1909; und Seligmann. Der böse Blick und Verwandtes, 1910.]

[Fußnote 189: Andrée. Op. cit., S. 87.]

[Fußnote 190: Hock. Op. cit., S. 30-34.]

[Fußnote 191: Davenport. Op. cit., P. 72.]

[Fußnote 192: Conwoy. Loc. cit.]

[Fußnote 193: Krauß. Op. cit. S. 124.]

[Fußnote 194: Siehe besonders Calmet. Dissertation sur les apparitions des anges, des démons et des esprits, et sur les revenants et vampires. 1746.]

[Fußnote 195: Vgl. Gartenlaube. 1873, Nr. 34. »Der Vampir-Schrecken im neunzehnten Jahrhundert.«]

[Fußnote 196: Sepp. Op. cit., S. 269.]

Im Jahre 1732 erschienen in Deutschland allein vierzehn Bücher über diesen Gegenstand[201], der allgemeinen Schrecken hervorrief und überall besprochen wurde. Er entging nicht der Satire Voltaires, der bei Erörterung der Frage in seinem philosophischen Dictionaire sagt: »La difficulté était de savoir si c'était l'âme ou le corps du mort qui mangeait: il fut décidé que c'était l'un et l'autre; les mets dêlicats et peu substantiels, comme les meringues, la crême fouettée et les fruits fondans, étaient pour l'âme; les ros-bif étaient pour le corps.« Wir brauchen über die wahren Todesursachen bei diesen Epidemien nicht zu sprechen, da dieses eine rein medizinische Frage ist. Hock[202] bemerkt, daß sie vorwiegend bei Pestzeiten auftraten, besonders bei Ausbruch von Rinderpest. Es ist möglich, daß es sich dabei um Fälle von Scheintod handelt, eine Erklärung, die besonders von Weitenkampf[203] und Mayo[204] aufrecht erhalten wurde.

Der Aberglauben ist in vielen Teilen Europas keineswegs ausgestorben; in Norwegen, Schweden, Finnland bestand er noch vor ganz kurzer Zeit.[205] Krauß[206] berichtet, daß noch heute die Bauern in Bosnien an die Existenz des Vampirs ebenso fest glauben wie an Gott. In Bulgarien wurde im Jahre 1837 ein Fremder verdächtigt, daß er ein Vampir sei, und er wurde gemartert und lebendig verbrannt.[207] Im Jahre 1874 grub in Rhode Island U. S. A. ein Mann den Leichnam seiner eigenen Tochter aus und verbrannte ihr Herz, im Glauben, daß sie das Leben der anderen Familienmitglieder zu Grunde richte. Ungefähr zur selben Zeit wurde in Chikago die Leiche einer Frau, die an Schwindsucht gestorben war, ausgegraben und die Lungen verbrannt, da man meinte, sie ziehe einige ihrer lebenden Anverwandten zu sich ins Grab.[208] Im Jahre 1889 wurde in Rußland die Leiche eines alten Mannes, den man für einen Vampir hielt, ausgegraben, wobei viele der Anwesenden behaupteten, einen Schweif aus seinem Rücken ragen zu sehen. Im Jahre 1899 gruben rumänische Bauern in Krassowa dreißig Leichen aus und rissen sie in Stücke, um eine Diphtherieepidemie zum Erlöschen zu bringen.[209] Zwei Beispiele finden wir noch im Jahre 1902, eines in Ungarn,[210] eines in Bukarest.[211]

[Fußnote 197: Sepp. Loc. cit.]

[Fußnote 198: Horst. Op. cit., Erster Teil, S. 251. Fünfter Teil, S. 381. Dies ist die am meisten beschriebene Epidemie.]

[Fußnote 199: Sepp. Op. cit., S. 270.]

[Fußnote 200: Sepp. Loc. cit.]

[Fußnote 201: Horst. Op. cit., Erster Teil, S. 265, 266. Fünfter Teil, S. 383.]

[Fußnote 202: Hock. Op. cit., S. 31, 49.]

[Fußnote 203: Weitenkampf. Gedanken über wichtige Wahrheiten aus der Vernunft und Religion, 1735. 1. Teil, S. 108.]

[Fußnote 204: Mayo. On the Truths contained in Popular Superstitions, 1851, P. 30.]

[Fußnote 205: Hovorka und Kronfeld. Vergleichende Volksmedizin, 1908, 2. Bd., S. 425.]

[Fußnote 206: Krauß. Op. cit., S. 124.]

[Fußnote 207: Stern. Op. cit., S. 362.]

Das Wort Vampir selbst ist serbischen Ursprungs und man hält es für eine Ableitung des nordtürkischen »Uber« (Hexe)[212]. Allgemein in Europa verwendet wird es seit ungefähr 1730. In späteren Jahren hat es Nebenbedeutungen angenommen, die nicht uninteressant sind, da sie die Anschauung des Volkes über den Gegenstand zeigen. Wohlbekannt ist seine Verwendung -- sie findet sich zuerst bei Buffon[213] -- zur Bezeichnung gewisser Arten von Fledermäusen, die, wie man sagte, Tiere und menschliche Wesen im Schlaf überfielen. Die alte Vorstellung von der verderblichen Nachtfahrt ist hier deutlich. Die wichtigsten metaphorischen Bedeutungen des Wortes sind: Erstens ein sozialer oder politischer Tyrann[214], der seine Leute bis aufs Blut aussaugt, zweitens ein unwiderstehlicher Liebender, der Energie, Ehrgeiz und selbst das Leben des anderen aufzehrt; dieser kann entweder ein Mann sein wie Torresanis faszinierender Rittmeister[215] oder ein Weib wie in Kiplings Vampirdichtung.

[Fußnote 208: Conway. Op. cit., P. 52.]

[Fußnote 209: Löwenstimm. Aberglaube und Strafrecht, Deutsche Übers., 1897, S. 101.]

[Fußnote 210: Stern. Op. cit., S. 370.]

[Fußnote 211: Neue Freie Presse. 8. Nov. 1899.]

[Fußnote 212: Miklosich. Etymologisches Wörterbuch der slavischen Sprachen, 1886, S. 374.]

[Fußnote 213: Buffon. Hist. Natur. gén. et part., 1762, T. X, P. 55.]

[Fußnote 214: Siehe Hock. Op. cit., S. 56, 57, 61.]

Der Vampirglaube ist offenbar eng verknüpft mit dem an den Inkubus, Sukkubus. Freimark[216] sagt: »Denn man kann, wenn auch nicht als Regel, so doch in den meisten überlieferten Fällen konstatieren, daß Frauen stets von einem männlichen, Männer hingegen von einem weiblichen Vampir heimgesucht werden ... Das sexuelle Moment charakterisiert den Vampirglauben als eine andere, allerdings gefährlichere Form des Inkubus- und Sukkubusglaubens.« Zimmermann[217] und Laurent und Nagour[218] sind derselben Ansicht und diese findet ihre überzeugende Bestätigung durch unsere neue Kenntnis der Symbolik solcher Vorgänge. Die Ähnlichkeit mit dem Alpglauben, der beim Volk die Stelle des Inkubus vertritt, ist noch schlagender; ebenso wie der Vampir kann der Alp die Seele eines Toten[219] sein und den Leuten während des Schlafes[220] das Blut aussaugen, häufig mit demselben verhängnisvollen Ausgang. Die am weitesten gehende Beziehung aber liegt in den Einzelheiten des Aberglaubens über die Ursachen und über die Mittel zur Befreiung von dem bösartigen Trieb, der diese Wesen dazu bringt, ihre ruchlosen Taten zu verüben. Da dieser Gegenstand mit dem mythologischen »Erlösungsthema« verbunden ist, das einen wichtigen Komplex bildet, muß er hier übergangen werden. Das Nachtfahrtelement ist ebenfalls ein Verbindungsglied zwischen dem Vampirglauben und den zahlreichen Alp- und Mahrmythen, in denen es vorkommt, z. B. dem der montenegrinischen Wjeschtitza[221] »ein weiblicher Geist mit feurigen Flügeln, der den Schlafenden auf die Brust steigt, sie mit ihren Umarmungen erstickt oder wahnsinnig macht.«

[Fußnote 215: Torresani. Aus der schönen, wilden Leutnantszeit, 1894, Bd. 2, S. 141.]

[Fußnote 216: Freimark. Op. cit., S. 331, 332.]

[Fußnote 217: Zimmermann. Die Wonne des Leids, 1885, S. 113.]

[Fußnote 218: Laurent und Nagour. Op. cit., S. 146.]

[Fußnote 219: Laistner. Op. cit., Bd. 1, S. 63.]

[Fußnote 220: Laistner. Op. cit., S. 61.]

[Fußnote 221: Stern. Op. cit., S. 356.]

Der Inzestkomplex, der dem Inkubusglauben zu Grunde liegt, zeigt sich auch in dem Vampirglauben; von besonderer Bedeutung ist hier die Tatsache, daß der Vampir ein revenant ist, da wir ja diese Vorstellung oben auf unbewußte Inzestgedanken zurückgeführt haben. Die Erscheinung des Vampirs in Tiergestalt, besonders als Schmetterling oder Schlange, kann gleichfalls als Beweis in dieser Richtung angesehen werden; auf alle Fälle stimmt sie durchaus mit diesem Schluß überein.

Zum Schluß haben wir die Beziehungen des Vampirglaubens mit den Erfahrungen der Angstträume zusammenzufassen. Wundt[222] sagt: »Als nächtliche Spukgestalt, die den Schläfer umklammert, um ihm das Blut auszusaugen, ist er sichtlich ein Produkt des Alptraumes.« Doch fügt er hinzu, daß die Vorstellung von einem Geist, der sich durch das Trinken von Blut am Leben hält, anderen allgemeineren Quellen entstammt. Hock[223] unterscheidet zwischen dem wirklichen blutsaugenden Vampir und dem Nachzehrer, der sein Leichenkleid zerreißt und so seine Familie bloß durch die Wirkung der Sympathie nachzieht: »Hat jene Tradition in der Traumvorstellung ihre sichere Grundlage, so sind die Sagen von den »schmatzenden und käuenden« Toten offenbar im Hinblick auf tatsächlich erlebte Ereignisse nach dem entsetzlichen Vorbilde eines im Grabe zu spät erwachten Scheintoten gebildet.« Wahrscheinlich legt Hock hier zu viel Nachdruck auf den Scheintod, der außerdem zu selten vorkommt, um einen so weit verbreiteten Aberglauben erklären zu können; eine weitere Einwendung gegen Hocks Einsicht bildet die Überlegung, daß äußerliche Vorgänge dieser Art nie von grundlegender Wichtigkeit bei der Schöpfung eines Aberglaubens sein können, der solche Charakteristika zeigt, wie der vom Vampir. Seine wahre Ursache muß in bedeutsamen inneren seelischen Prozessen gesucht werden; das höchste, was äußere Geschehnisse leisten können, ist, zu der äußeren Gestalt, die ein gewisser Aberglaube annimmt, etwas beizutragen. In unserem Fall z. B. können wir mit Recht einen verhältnismäßig bedeutungslosen Zug, nämlich die Beschreibung der Auffindung des Vampirs nach dem Tod, wirklichen Erfahrungen über die verschiedenen Umstände zuschreiben, die die Zersetzung eines Leichnams verzögern. Mit dem Aberglauben an sich aber steht es anders. Die Erscheinung des Vampirs in Tiergestalt, seine leichte Verwandlungsfähigkeit, seine Nachtfahrt, sein Besuch bei Schläfern, die erschöpfende Wirkung und pollutionähnliche Art seiner Betätigung, die deutlichen Anzeichen für deren sexuellen Charakter und schließlich der Glauben an die Rückkehr toter Verwandter -- alles weist übereinstimmend darauf hin, daß der Angsttraum weitaus die wichtigste Quelle der ganzen Vorstellung ist. Sie ist tatsächlich nur eine Ausbildung des Inkubusglaubens und die wichtigen Elemente beider sind zurückgedrängte Sexualwünsche, besonders solche, die Inzestcharakter an sich tragen. In der Vampirvorstellung treten, wie oben gezeigt wurde, noch andere Perversionen als akzessorische Faktoren hinzu, vor allem sadistische, masochistische und nekrophile Tendenzen, ferner die Betätigung der Mund- und Analerotik.

[Fußnote 222: Wundt. Völkerpsychologie, Bd. 2, T. II, 1906, S. 120.]

[Fußnote 223: Hock. Op. cit., S. 23.]

V. Der Werwolf.

Eine der am stärksten entwickelten Vorstellungen, die Verwandlung menschlicher Wesen in Tiere betreffend, ist die vom Werwolf. Die wichtigsten anderen Elemente in diesem Aberglauben sind Nachtfahrt und Menschenfresserei.

Der Wolf gehört zu der Gruppe wilder Tiere, die in Mythologie und Folklore vielfach zur Darstellung grausamer und sadistischer Phantasien verwendet wurden. Zur selben Klasse wie die Werwölfe gehören die Mannhyänen in Abessynien[224], die Mannleoparden in Südafrika[225], die Manntiger in Indien[226] und die Mannbären in Skandinavien[227], an deren Existenz nach Mogk[228] die norwegischen Bauern noch immer glauben.

[Fußnote 224: The Life and Adventures of Nathaniel Pierce, edited by Halls, 1831, Vol. I, P. 287.]

[Fußnote 225: Marion Cox. An Introduction to Folklore, 1904, P. 127.]

[Fußnote 226: M. Cox. Loc. cit., und Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 85.]

Die symbolische Bedeutung des Wolfes zu erkennen, ist nicht schwierig. Hertz[229] schreibt darüber: »Betrachten wir nun speziell den Wolf, so erscheint er, -- das unersättlich mordgierige, bei Nacht und zur Winterszeit besonders gefährliche Raubtier, -- als das natürliche Symbol der _Nacht_, des _Winters_ und des _Todes_ ....... Der Wolf ist aber nicht allein das raubgierigste, er ist auch das _schnellste_, _rüstigste_ unserer größeren vierfüßigen Tiere. Diese seine Rüstigkeit, seine wilde Kühnheit, seine grausame Kampf- und Blutgier verbunden mit seinem Hunger nach Leichenfleisch und seinen dadurch angeregten nächtlichen Besuchen der Totenfelder und Walstätten macht den Wolf zum Begleiter und Gefolgmann des Schlachtengottes.«

Die Eigenschaften, die am allermeisten hervortreten und deren symbolische Verwendung wir erwarten können, sind also Schnelligkeit der Bewegung, unersättliche Blutgier, Grausamkeit und eine Angriffsart, die durch die Mischung von Kühnheit und schlauer Hinterlist charakterisiert wird, ferner Verbindungen mit Nacht, Tod und Leichen; wie man leicht einsehen wird, macht das Wilde und Unheimliche, das für den Wolf bezeichnend ist, ihn besonders geeignet, die gefährlichen und niedrigen Seiten der Natur im allgemeinen und der menschlichen im besonderen zu charakterisieren. Diese Eigenschaften des Wolfes erklären es, daß er eine wichtige Rolle in den Theologien spielte. In Ägypten war der Wolf ein heiliges Tier und Osiris selbst erschien bei seinem Überfall auf Typhon[230] in Wolfsgestalt. In der deutschen Mythologie waren zwei Wölfe, Geri und Freki, Odins[231] Begleiter, wenn auch Grimms Ansicht, daß sie den Gott selbst darstellen, unrichtig[232] ist. Der Wolf Fenrir, einer von Lokis Nachkommen, ist der Mittelpunkt zahlreicher Mythen.[233] Noch besser bekannt ist das Leben als Werwolf von Sigmund und Sinfjötli, wie es die Wölsungensage berichtet; auch in Amerika ist der Wolf ein heiliges Tier, wie die religiösen Wolfstänze der Texas-Indianer[234] zeigen. Der Nez-Percezstamm führt den Ursprung der ganzen Menschenrasse auf einen Wolf[235] zurück.

[Fußnote 227: M. Cox and Clodd. Loc. cit.]

[Fußnote 228: Mogk. Germanische Mythologie, 1906, S. 34.]

[Fußnote 229: Hertz. Der Werwolf. Beitrag zur Sagengeschichte, 1862, S. 14, 15.]

[Fußnote 230: Hertz. Op. cit., S. 29.]

[Fußnote 231: Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. Dritte Ausgabe, 1900, S. 279.]