Part 4
Die hervorragende Rolle, die die Schlange bei der ursprünglichen Inkubation spielte, kann zu Gunsten dieses Schlusses angeführt werden, denn die Schlangensymbolik ist ein ausgezeichnetes Beispiel des für den Traum charakteristischen Typus. Artemidorus hatte offenbar eine dunkle Ahnung davon, wie sein Ausspruch zeigt: »Wenn eine Schlange jemanden im Schlaf verfolgt, so möge er gegen böse Frauen auf der Hut sein.«[122] Damit möge das brandenburgische Sprichwort verglichen werden: »Wenn man eine Schlange mit ins Bett nimmt, hat man viel Glück« -- oder die oldenburgische Redensart[123]: »Wenn Schlangen in den Leib eines Menschen hineingehext werden, so drücken sie das Herz.« Die Inkubation ist keineswegs das einzige Beispiel für einen Glauben, der von der Schlangenerscheinung des Angsttraums herstammt. Laistner[124] z. B. hat in einem der »Alpschlange« gewidmeten Kapitel genau die Rolle erklärt, die die Schlange in germanischen Mythen und abergläubischen Vorstellungen spielt, deren Ursprung im Alpdruck liegt.
[Fußnote 120: O'Curry. On the Manners and Customs of the Ancient Irish, 1873, Vol. II., P. 199.]
[Fußnote 121: Wundt. Loc. cit.]
[Fußnote 122: Wuttke. Op. cit., S. 115.]
[Fußnote 123: Wuttke. Op. cit., S. 116.]
Zum Schluß können wir wohl sagen, daß wir in der Inkubus-Inkubationsvorstellung ein ausgezeichnetes Beispiel für einen Glauben haben, der nicht allein seine äußere Gestalt von den Erfahrungen des Alptraums empfangen hat, sondern dessen latenter Inhalt ebenfalls identisch ist mit dem des Alptraumes; er besteht nämlich in einer eingebildeten Erfüllung gewisser zurückgedrängter Wünsche nach sexuellem Verkehr, besonders mit den Eltern.
IV. Der Vampir.
Der Vampirglaube ist keineswegs so scharf abgegrenzt wie der an den Inkubus und ist mehr mit anderen Arten von Aberglauben verschlungen, doch sollen hier nur die typischen Formen in Betracht gezogen werden. Ferner ist auch die zu Grunde liegende psychologische Bedeutung hier verwickelter als beim Inkubusglauben und wir werden unsere Analyse nur auf die Hauptzüge zu beschränken haben. Soviel möge gesagt werden, daß der latente Inhalt deutliche Anzeichen für die meisten Arten von sexuellen Perversionen enthält und daß die Vorstellung verschiedene Formen annimmt, je nachdem, ob diese oder jene Perversion mehr hervortritt.
Die zwei wesentlichen Charakteristika eines richtigen Vampirs sind: Erstens sein Ursprung aus einem Toten und zweitens seine Gewohnheit, aus einem Lebenden Blut zu saugen, gewöhnlich mit tödlichem Effekt. Es wird praktischer sein, diese beiden Charakteristika zuerst getrennt voneinander zu betrachten.
[Fußnote 124: Laistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889, Band 1, Kap. 17, S. 83-108.]
Das Interesse des Lebenden an dem Toten, sei es an seinem Körper oder an seinem Geist, ist ein unerschöpfliches Thema; nur ein Teil davon kann hier behandelt werden und auch dieser nur in möglichst kurzer Fassung. Die Vereinigung der beiden kann entweder dadurch zu stande kommen, daß der Tote zu dem Lebenden zurückkehrt, oder dadurch, daß der Lebende sich jenem im Tode vereinigt. In dem Ghulglauben besucht eine lebende Person den Toten, und zwar nur den Körper des Toten; weiter ausgebildet ist der Vampirglaube, denn hier besucht zuerst der Tote den Lebenden und dann wird infolgedessen der Lebende in den Tod gezogen. Der Wunsch nach oder die Furcht vor Wiedervereinigung, die selbstverständlich ihren Ursprung im Lebenden hat, wird hier teilweise auf den Toten projiziert.
Eine fortgesetzte Beziehung zwischen einem Lebenden und einem Toten kann entweder gewünscht oder gefürchtet werden und jedes dieser Gefühle kann die Wirkung haben, den Lebenden in den Tod zu ziehen oder den Toten zum Leben zu erwecken. Wir haben infolgedessen vier Arten von Aberglauben zu unterscheiden. Wie zu erwarten, sind die Wirkungen von Angst und Liebe hier wie anderswo nicht scharf zu trennen.
Das verständlichste Motiv für den Wunsch nach der Rückkehr des Toten tritt ein, wenn die Beziehungen zwischen Liebenden (Mann und Frau, Kind und Eltern) unterbrochen wurden. Häufig wird dies auf den Toten projiziert, von dem man glaubt, daß er den übermächtigen Impuls hat, zu dem geliebten Wesen, das er verließ, zurückzukehren. Der Mechanismus dieser Projektion findet sich zweifellos in dem Wunsch, daß die Person, die »davongegangen« ist, uns nicht vergessen soll, ein Wunsch, der in letzter Linie aus Kindheitserinnerungen stammt, wenn wir von den geliebten Eltern allein gelassen wurden. Der Glaube, daß der Tote den Lebenden besuchen kann, besonders bei Nacht, findet sich auf der ganzen Welt.[125] Er war immer ein fruchtbares Thema für Mythologie und Literatur; man denkt sogleich an die verschiedenen Versionen der Lenorensage oder an Goethes Braut von Korinth (von der Hock[126] interessanterweise angenommen hat, daß sie durch eine Kindheitserinnerung hervorgerufen wurde) und an manche andere Beispiele.[127]
Dies ist offenbar die Ursache dafür, daß Vampire immer zuerst Verwandte heimsuchen, insbesondere ihre Ehegenossen, ein Zug, bei dem alle Beschreibungen verweilen.[128] Witwen können auf diese Weise schwanger werden.[129] Dies geschah in der wohlbekannten Meduegya Epidemie[130] und man glaubt immer noch an diese Möglichkeit, z. B. in Albanien. Tatsächlich wird gewöhnlich bei einer Vampirepidemie[131] die Witwe dessen, den man für den Vampir hält, zuerst befragt. Krauß[132] schreibt: »Es hat sich der Fall schon sehr oft ereignet, daß bei einem größeren Sterben im Dorf das Weib eines kürzlich verstorbenen Mannes von den Dorfbewohnern mißhandelt wurde, bis sie eingestand, daß ihr Mann sie besuche und sie das Versprechen gab, sie werde ihn bestimmen, die Leute nicht zu morden.« Die Ähnlichkeit mit dem Inkubusglauben ist schlagend und ebenso die Auffassung, daß das Geschehnis von der Frau abhing.
In anderen Fällen wird der Wunsch nach der Rückkehr des Toten nicht wie oben nach außen projiziert, sondern direkt dem Lebenden zugeschrieben. Dies zeigt sich in den zahlreichen Totenbeschwörungen, die wir in den meisten Ländern der Welt finden, und in Sagen, wie der von Orpheus, der die Eurydike aus der Unterwelt holte; in späteren Zeiten nahm der Glaube oder Wunsch eine abstraktere Form an, wie z. B. telepathische oder durch ein Medium hergestellte Verbindung mit dem Abgeschiedenen. Es ist interessant, in diesem Zusammenhang sich ins Gedächtnis zurückzurufen, daß Goerres in einem besonderen Kapitel seiner christlichen Mystik[133] den Vampirismus der Exteriorisation und Telepathie zurechnete.
[Fußnote 125: Zahlreiche Beispiele zitiert Hock. Die Vampirsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur, 1900, S. 10; und Jacob, Curiosités infernales, Pp. 312-331.]
[Fußnote 126: Hock. Op. cit., S. 69, 81.]
[Fußnote 127: Vgl. Werner: »Liebe bannt des Todes Not«, und Hebbel: »Jeder Tote ist ein Vampir, die ungeliebten ausgenommen.«]
[Fußnote 128: Viele Beispiele bei Hock. Op. cit., S. 24, 37, 43. Siehe auch Sepp, Orient und Occident, 1903, S. 268.]
[Fußnote 129: Hanush. Zeitschr. f. deutsche Mythologie, Jahrg. IV, S. 200.]
[Fußnote 130: Horst. Zauberbibliothek, 1821, Erster Teil, S. 277.]
[Fußnote 131: Stern. Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei, 1903 Band 1, S. 364, 365.]
[Fußnote 132: Krauß. Slavische Volksforschungen, 1908, S. 130.]
Das Gegenteil geschieht noch häufiger, daß nämlich der Lebende durch seine Liebe in den Tod getrieben wird, wo die beiden Liebenden für immer vereint sind.[134] Dies findet sich in den meisten Erzählungen, Dramen und Gedichten über diesen Gegenstand.
Der Kummer über den Verlust einer geliebten Person erklärt aber nur einen Teil der sonderbaren Anziehungskraft, die die Vorstellung des Todes ausübt, was man schon daraus sieht, daß viele sie lebhaft empfinden, die niemals selbst den Verlust eines teuren Anverwandten erlitten. Bei einigen ist diese Vorstellung verknüpft mit der von einem Jenseits, dem mysteriösen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo alle Phantasien verwirklicht und alle verborgenen Dinge enthüllt werden und neben dessen wunderbaren Schätzen selbst die höchste erreichbare irdische Seligkeit wertlos erscheint. Shelley in seinem Adonais drückt dieses Gefühl folgendermaßen aus:
Das Leben, wie des Domes buntes Glas, Befleckt das weiße Licht der Ewigkeit, Bis es der Tod in Trümmer tritt.
Wie viel anziehender diese Möglichkeiten der Zukunft für die werden können, denen das Leben wenig anderes als Elend bietet, zeigt sich in dem hohen Maß, in dem religiöse Körperschaften aller Zeiten sie auszunutzen vermochten. Ferner muß bemerkt werden, daß der Begriff des Sterbens selbst eine Anziehungskraft dadurch ausübt, daß er sich leicht mit intensiven masochistischen Wünschen verknüpft. Stekel schreibt über Traumsymbolik: »Sterben bedeutet im Traum ebensoviel als Leben und gerade die höchste Lebenslust drückt sich oft in einem Todeswunsch aus«. Das ist die Hauptursache, warum die Verbindung der beiden Motive Liebe und Tod solche Dichter, wie Heine, Shelley, Swinburne, Werner u. a., die sich so tief in das Leiden versenken, intensiv beschäftigte.
[Fußnote 133: Görres. Zitiert bei Laurent und Nagour, Okkultismus und Liebe. Deutsche Übersetzung, 1903, S. 147.]
[Fußnote 134: Vgl. Herder: »Alles trennt der Tod; Liebende ziehet er nach«; und Gryphius: »Wer liebt, wird durch den Tod von Liebe nicht getrennet.«]
Der Wunsch nach der Vereinigung mit geliebten Personen im Tod, wenn diese selbst noch am Leben sind, hat nicht so einfache Ursachen und wir können hier nur ungenügend darüber sprechen.[135] Die klarste davon ist das sichere Gefühl von der Bestimmtheit und Dauer, die der Tod gewährt; was man tot hat, hat man für immer. Dieses heiß erstrebte Sehnsuchtsziel aller Liebenden ist nirgends herrlicher ausgedrückt als in den zahlreichen Stellen über den Liebestod in Wagners Tristan und Isolde: »So stürben wir, um ungetrennt, ewig einig, ohne End', ohn' Erwachen, ohn' Erbangen, namenlos in Lieb' umfangen, ganz uns selbst gegeben, der Liebe nur zu leben.«
Die Psychoanalyse[136] hat gezeigt, daß diese Unersättlichkeit und der Wunsch nach dem _ausschließlichen_ Besitz dort besonders stark werden kann, wo in der Kindheit ausgebildete, später verdrängte Wünsche, die sich auf Inzest und Rivalität beziehen, vorhanden waren. Der Tod, der für das Kind, wie Freud[137] nachdrücklich betont hat, nichts anderes bedeutet als fortgehen, kann dann mit den Phantasien verknüpft werden, in Begleitung der Mutter von dem störenden Vater wegzugehen.
[Fußnote 135: Siehe Ernest Jones. »Zum Problem des gemeinsamen Sterbens.« Zentralbl. f. Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 563 ff.]
[Fußnote 136: Siehe z. B. Sadger. Heinrich von Kleist: Eine pathographisch-psychologische Studie, 1910, S. 60 u. s. w.]
[Fußnote 137: Freud. Die Traumdeutung, Dritte Auflage, 1911, S. 184.]
Die Vorstellung vom Tode, vielmehr von einem Toten kann sich aber auch an aktivere Impulse, besonders an sadistische wenden. Ein Toter, der liebt, liebt für immer und wird niemals müde, Zärtlichkeiten zu geben und zu empfangen. Diese Unersättlichkeit des Toten stellt Heine gut dar, wenn er in seiner Widmung zu »Der Dr. Faust« die zurückgekehrte Helena sagen läßt:
»Du hast mich beschworen aus dem Grab Durch deinen Zauberwillen, Belebtest mich mit Wollustglut -- Jetzt kannst du die Glut nicht stillen.
Preß deinen Mund an meinen Mund, Der Menschen Odem ist göttlich! Ich trinke deine Seele aus, Die Toten sind unersättlich.«
Außerdem gestattet ein Toter alles, kann keinerlei Widerstand leisten und Beziehungen zu ihm haben keine unangenehmen Folgen. Dies ist offenbar eine wichtige Quelle für die seltsame Perversion, die man als Nekrophilie kennt. Eine andere bilden die analerotischen Interessen, ferner die unbewußte Verknüpfung zwischen Zersetzung und Faeces und die infantile Vorstellung, daß Kinder aus letzteren entstehen. Die Nekrophilie war den Alten aus Wirklichkeit und Dichtung wohlbekannt. Herodot berichtet mehrere Fälle, darunter den des Tyrannen Periander, der nach dem Tode seiner Gattin Melissa weiter sexuelle Beziehungen zu ihr unterhielt. Vom König Herodes heißt es, er habe mit dem Leichnam seiner Gattin Mariamne noch sieben Jahre nach ihrem Tode geschlafen, und ähnliches wird von König Waldemar IV.[138] und Karl dem Großen[139] erzählt. Das Thema wurde in der neueren Literatur vielfach behandelt, z. B. in Kleists »Marquise von O.«, Otto Ludwigs »Maria«, Heines »Beschwörung«, Zacharias Werners »Kreuzesbruder«, Brentanos »Romanzen vom Rosenkranz« u. s. w. Es ist interessant, daß bei den beiden bekanntesten wirklichen Beispielen dieser Perversion der Ausdruck Vampirismus gebraucht wurde, nämlich für Bertrand »Le vampyre de Paris«[140] und für Ardisson »Le vampyre de Nuit«[141]; richtiger gesagt sind derartige Kranke Vertreter der arabischen Ghuls: die beiden Vorstellungen von Ghuls und Vampiren, ganz untereinander vermischt, zeigt eine orientalische Erzählung[142], wo das betreffende Wesen ein revenant ist, Leichen zerfleischt und das Blut ihres Gatten saugt.
[Fußnote 138: Singer. Bibliothek des literarischen Vereines, CLXXXV, Sect. XVI.]
[Fußnote 139: Steffens. Novellen, 1837, Band 1, S. 19. Conway. Demonology and Devil-Lore, 1879, Vol. II, P. 396.]
Wenn wir uns nun zu der Kehrseite des Bildes wenden, nämlich zu der _Angst_, daß der Tote zurückkehren könne, so finden wir, daß diese ebenso weit verbreitet ist, wie der _Wunsch_; so sagt Hock[143]: »Allen Menschenrassen gemeinsam ist die Furcht vor ihren Toten.« Infolgedessen entwickelte sich bei den Leichenbegängnissen eine ganz außerordentlich große Reihe von Riten, um ein solches Vorkommen zu verhindern, und viele davon sind noch heutigen Tages in Kraft.[144] Es gibt auch eine Menge prophylaktischer Riten mit dem besonderen Zweck, einen Toten daran zu verhindern, als Vampir zu erscheinen; letztere bestehen meistens darin, dem Toten Bequemlichkeit oder Beschäftigung zu geben.[145] Sonderbar ist die Art der Verhinderung, die darin besteht, daß man das Blut[146] des Vampirs trinkt und sein Fleisch[147] ißt. Nachdem die Verwandlung in einen Vampir sich vollzogen hat, kann sie dadurch entdeckt werden, daß man den Körper unbestattet findet, mit roten Wangen, gespannter Haut, gefüllten Blutgefäßen, warmem Blut, gewachsenem Haar und Nägeln und offenem linken Auge.[148] Ein Ende kann dieser Tätigkeit gesetzt werden, wenn man den Kopf abschneidet und zwischen die Füße legt, das Herz in Stücke schneidet, einen Pfahl durch die Brust treibt und schließlich den Körper verbrennt.
[Fußnote 140: Lunier. Annales médico-psychologiques, 1849, P. 153.]
[Fußnote 141: Belletrud et Mercier. L'affaire Ardisson, 1903.]
[Fußnote 142: Gholes. Histoire des Vampires, 1820, P. 106.]
[Fußnote 143: Hock. Op. cit., S. 1.]
[Fußnote 144: Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 1900, S. 480. Hock. Op. cit., S. 1. Conway. Op. cit., Vol. I. Pp. 52, 53.]
[Fußnote 145: Hock. Op. cit., S. 27, 28. Stern. Op. cit., S. 351-369.]
[Fußnote 146: Mannhardt. Die praktischen Folgen des Aberglaubens, 1878, S. 13.]
[Fußnote 147: Von Tettau und Temme. Volkssagen Ostpreußens, 1837, S. 275.]
[Fußnote 148: Wuttke. Op. cit., S. 479.]
Das Volk kennt zwei verschiedene Ursachen, um zu erklären, weshalb ein abgeschiedener Geist das Grab verläßt und zu den Lebenden zurückkehrt, je nachdem, ob er dies freiwillig oder unfreiwillig tut. Seine Motive im ersten Fall sind Liebe, Haß (um ein altes Unrecht zu rächen) oder sein Gewissen (eine unvollendete Aufgabe zu beenden, eine Schuld zu begleichen u. s. w.) Die Ursache, warum ein Geist an der Grabesruhe verhindert und gezwungen wird, gegen seinen Willen umherzuwandern, kann im Schicksal liegen, in seinen eigenen Fehlern oder in den störenden Handlungen der Hinterbliebenen. Der zuletzt erwähnte Glaube wurde von der römisch-katholischen Kirche zu einem förmlichen Dogma ausgebildet (Messen, die für die im Fegefeuer Befindlichen gelesen werden). Die unfreiwillige Betätigung des Toten gewinnt häufig das Mitgefühl der Lebenden, die dann alles unterlassen, was seine Unrast[149] etwa steigern könnte. Dieselben Züge treffen auch für den Vampirglauben zu, denn wenn jemand auch auf zahlreiche Arten[150] nach seinem Tod ein Vampir werden kann, so lassen sich doch leicht zwei Gruppen unterscheiden, je nachdem, ob die Verantwortung bei ihm liegt oder nicht. Bisweilen erhalten diese beiden Typen verschiedene Namen; so sagt Stern[151]: »Die Vampire der Dalmatiner sind in zwei Arten eingeteilt, in schuldlose und schuldbeladene. Die eine Art heißt Denac, die andere Orko.« Bei dem Vampir aus eigener Schuld liegt die Ursache in verschiedenen Sünden, die er bei seinen Lebzeiten begangen hat, darunter werden Rauchen an Feiertagen, Arbeiten an Sonntagen und geschlechtlicher Verkehr mit der Großmutter erwähnt.[152]
[Fußnote 149: Siehe Wuttke. Op. cit., S. 481, wo eine Menge von Beispielen gegeben wird.]
[Fußnote 150: Hock. Op. cit., S. 21-23. Stern. Op. cit., S. 351-369.]
[Fußnote 151: Stern. Op. cit., S. 360.]
[Fußnote 152: Hock. Op. cit., S. 22.]
Bei dem unschuldigen Vampir gibt es mehrfache Ursachen; er kann von Geburt aus dazu bestimmt sein, dadurch, daß er an einem Unglückstag zur Welt kam oder aus einer Familie stammt, in der diese Veranlagung erblich ist. Nach seinem Tode kann dieses Schicksal durch einen unreinen Vogel oder ein Tier (Hund oder Katze) hervorgerufen werden, die über sein Grab setzen oder unter seinem Sarg durchschlüpfen, Vorstellungen, die mit der Idee ungenügender Sorgfalt oder Achtung gegenüber dem Toten verknüpft sind.
Die Furcht vor den Toten hat zumindest zwei tiefe Quellen, die beide der Kindheit entstammen und beide eng mit dem Traum verbunden sind; erstens kommt sie daher, daß die Vorstellung vom Tod und von abgeschiedenen Geistern mit der eines sexuellen Angriffs assoziiert wurde; der Tod selbst wird häufig einem Überfall von Seite eines persönlichen Wesens zugeschrieben, das den Menschen gegen seinen Willen überwältigt. Der abgeschiedene Geist, der den Lebenden im Traum besucht, überfällt auf ähnliche Weise den hilflosen Schläfer gegen dessen Willen und daß dies so häufig geschieht, kommt einerseits zweifellos daher, daß es sich dabei meist um den Geist eines der toten Eltern handelt, anderseits von der infantilen sadistischen Auffassung von der sexuellen Betätigung der Eltern. Die Vorstellung erklärt sich also in letzter Linie aus verdrängten Inzestwünschen. Die sexuelle Basis der Angst wird gewöhnlich verhüllt durch eine Umwandlung in eine allgemeine Furcht davor, daß der Geist uns Unheil zufügen und ersticken könnte, oder in die allgemeine Angst vor Verblödung; ebenso wie ein Mädchen Angst vor Räubern hat »weil sie ihr irgend etwas Entsetzliches antun könnten.« Wir werden so einerseits zu einer großen Gruppe von Mythen und abergläubischen Vorstellungen geführt, in denen der revenant verschiedenes Unheil anrichtet, anderseits zu einer noch größeren, in der der Überfall nicht notwendigerweise durch einen revenant geschieht, sondern durch einen Geist überhaupt. (Alp- und Lurensagen.)
Häufig ist es schwierig, das sexuelle Element vom agressiven zu trennen, wie in der wohlbekannten Apollonius-Menippus Geschichte, die Keats so schön in seiner Lamiadichtung ausgebildet hat. Ein weiterer Komplex wird in unsere Reihe von Aberglauben eingeführt, wonach der vampirartige Geist nicht einem Toten, sondern einem Lebenden angehört; ein Beispiel dafür ist die portugiesische Bruxa, die auf folgende Weise von Andrée[153] beschrieben wird: »Nachts erhebt sie sich von ihrem Lager und fliegt dann in der Gestalt irgend eines riesigen Nachtvogels weit von der Heimat weg. Die Bruxen halten Zusammenkünfte mit ihren teuflischen Liebhabern, entführen, ängstigen und peinigen die einsamen Wanderer; wenn sie von ihrer nächtlichen Lustfahrt heimkehren, saugen sie dem eigenen Kind das Blut aus.«
Die zweite Quelle für die Angst vor den Toten ist die unbewußte Erinnerung an Todeswünsche der Kindheit, daß nämlich der störende Teil der Eltern oder Geschwister »weggehen«, d. h. sterben möge. Das schuldbewußte Gewissen, das aus solchen Wünschen entsteht, bringt natürlich den Gedanken mit sich, daß die in unserer Einbildung getötete Person, wenn sie wirklich stirbt, uns nach ihrem Tode strafen wird, indem sie uns heimsucht und Unheil zufügt. Derartige Todeswünsche kommen häufig genug vor, um es ganz verständlich zu machen, daß die Furcht vor Geistern so allgemein ist, wie sie sich tatsächlich erweist.
Diese Verbindung zwischen Inzest- und Revenantglauben macht es begreiflich, daß der Vampir in irgend einer beliebigen Tiergestalt[154] erscheinen kann; von diesen sind manche in verschiedenen Ländern besonders häufig, z. B. die weibliche Katze[155] in Japan, das Schwein[156] in Serbien. Von besonderer Bedeutung ist der allgemeine Glaube, daß der Vampir in Gestalt einer Schlange, eines Schmetterlings[157] oder einer Nachteule[158] erscheinen kann, denn dies sind ursprüngliche Symbole abgeschiedener Seelen, besonders der Eltern. Die bei Nacht fliegenden Geschöpfe wird ein späteres Kapitel behandeln, das aber mancherlei Beziehungen zum Vampirglauben hat. Wenn man sich mit dem Körper des Vampirs beschäftigt, hat man sorgfältig darauf zu achten, ob ihm ein Schmetterling entfliegt; dieser muß gefangen und verbrannt werden. Was die Nachteule betrifft, ist es interessant, den Glauben zu finden, daß sie an dem Euter der Kühe und der Brust der Kinder saugen kann, genau wie ein wirklicher Vampir.[159] Laistner[160] sucht eine Beziehung zwischen Schmetterling und Eule einerseits und der gespenstischen Habergeiß anderseits auf. Henne am Rhyn[161] sieht als Stammeltern der europäischen Vampire die römischen Strigen an.
[Fußnote 153: Andrée. Ethnographische Parallelen und Vergleiche, 1878, S. 87. Siehe auch Schindler, Aberglauben des Mittelalters, S. 30.]
[Fußnote 154: Andrée. Op. cit., S. 80, 89.]
[Fußnote 155: Brauns. Japanische Märchen und Sagen, 1885, S. 397.]
[Fußnote 156: Krauß. Op. cit, S. 128.]
[Fußnote 157: Kanitz. Donaubulgarien und der Balkan, 1875, Band 1, S. 80.]
Wir wollen nun das _zweite_ wesentliche Charakteristikum des Vampirs betrachten, nämlich das _Blutsaugen_. Hier finden wir eine ganze Menge von Vorgängern des eigentlichen Vampirs. Im allgemeinen kann man sagen, daß diese Gewohnheit überall verknüpft ist mit den Motiven von dem Zerfleischen menschlicher Wesen und vom Inkubus, Sukkubus. Diese Tatsachen zeigen deutlich die sexuelle Natur der Vorstellung; die assyrischen und babylonischen Silats[162], der böhmische Mara[163], der östliche Palukan[164], der finnische Herrscher der Unterwelt[165], der deutsche Alp[166], sie alle saugen menschliches Blut. Nach Davenport[167] besuchen sowohl der malayische Molong als auch der Penangelam in Indo China Frauen und leben davon, daß sie menschliches Blut saugen. Der Sudak der Lappländer erscheint in der Gestalt eines Käfers und saugt Blut durch eine eiserne Röhre.[168]
[Fußnote 158: Freimark. Okkultismus und Sexualität, S. 326.]
[Fußnote 159: Laistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889, Band 2, S. 258.]
[Fußnote 160: Laistner. Op. cit., S. 257.]
[Fußnote 161: Henne am Rhyn. Der Teufel- und Hexenglaube, 1892, S. 20.]
[Fußnote 162: Binet-Sanglé. La Folie de Jésus, T. 2, 1910, P. 91.]
[Fußnote 163: Grohmann. Sagen aus Böhmen und Mähren, 1863, Bd. 1, S. 208. Aberglaube und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 1864, Bd. 1, S. 24.]
[Fußnote 164: Stern. Op. cit., S. 359.]
[Fußnote 165: Castren. Vorlesungen über die finnische Mythologie, 1853, S. 131.]
[Fußnote 166: Laistner. Op. cit., Band 1, S. 61.]
[Fußnote 167: Davenport. Sketches of Imposture, Deception and Credulity, 1861, Pp. 73, 75.]