Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft

Part 3

Chapter 33,450 wordsPublic domain

In den Berichten über die wirklichen Beispiele von Inkubus-Besuch[67] tritt eine Tatsache, die für unsere gegenwärtige Erörterung von besonderer Bedeutung ist, mit größter Klarheit hervor, nämlich, daß die Natur und Art des Inkubus _jeden möglichen Grad zwischen der Erregung angenehmer Wollust einerseits und äußerstem Schrecken und Widerwillen anderseits zeigt_. Diese Verschiedenheit und die Unmöglichkeit der Abgrenzung innerhalb der äußersten Grade zeigt die enge Verknüpfung zwischen Angst und Libido; es erinnert uns lebhaft an die völlig gleiche Abstufung, die wir zwischen erotischen und Alpträumen beobachten können. Simon[68] zeigt bei der Erörterung erotischer Halluzinationen, daß sich auch hier derselbe Wechsel zwischen abstoßenden und angenehmen Visionen findet: »Tantôt le spectre hallucinatoire est de forme agréable; c'est un mari, un amant, une femme aimée et, dans ces cas, la sensation éprouvée par l'halluciné est voluptueuse. Plus souvent, peutêtre, l'hallucination visuelle est repoussante: il s'agit du démon, de quelque être difforme, d'une vieille femme à l'aspect hideux dont les embrassements sont pour l'aliené un objet d'horreur; d'images dégoûtantes, qui poursuivent le malade et qui l'obsèdent. Dans ces cas, l'hallucination génitale consiste en une impression douleureuse, àtout le moins, pénible ou désagréable.«

Höflers[69] Schluß, daß der Dämonenglaube seinen Ursprung im Alptraum, der Inkubusglaube im Wollusttraum habe, mag daher als richtig angesehen werden, aber man muß dazu bemerken, daß sie beide im Grunde ein und dasselbe sind, denn ebenso, wie die beiden Traumarten ineinander übergehen, so sind auch Teufels- und Inkubusglaube unentwirrbar verschlungen.

Diese verschiedenen Arten des Inkubusbesuches werden von Goerres[70] deutlich gezeigt: »tantôt ce sont les angoisses de l'étouffement, de la paralysie, tantôt, au contraire, c'est une surexcitation violente des organes sexuels avec la sensation du dégagement du système musculaire, quelque chose comme le vertige de la vitesse.« Die Ähnlichkeit der peinlichen Abart mit einem Alptraum oder, besser gesagt, die Identität der beiden mag durch ein einziges Beispiel illustriert werden. De Nogent[71] sagt, daß seine Mutter wegen ihrer großen Schönheit die Angriffe von Inkuben auszuhalten gehabt hätte. Während einer schlaflosen Nacht erschien ihr plötzlich »der Dämon, dessen Gewohnheit es war, die von Traurigkeit zerrissenen Herzen zu überfallen,« von Angesicht und erdrückte sie, deren Augen der Schlummer nicht geschlossen hatte, fast durch sein erstickendes Gewicht. Die arme Frau konnte sich weder bewegen, noch klagen, noch atmen; ... Die Dienstboten fanden ihre Herrin bleich und zitternd, die ihnen die Gefahr schilderte, von der sie bedroht gewesen und deren deutliche Zeichen sie trug. Die Beschreibungen der entgegengesetzten, lusterregenden Art sind häufig und brauchen nicht einzeln angeführt zu werden; wie zu erwarten, nahm der verliebte Inkubus häufig die Gestalt des Liebhabers, des verlorenen Gatten u. s. w. an.[72] In den meisten Berichten finden sich lustvolle und abstoßende Züge nebeneinander. Ein ausgezeichnetes Beispiel der verborgenen Anziehung, die ein böser Inkubus ausübte, wird von Goerres[73] mit feiner psychologischer Einsicht berichtet; es erinnert uns an den Widerstand, dem man noch heute bei der Bemühung begegnet, neurotische Patienten dazu zu bewegen, ihre Symptome fahren zu lassen: »En 1643, je fus chargé par mes supérieurs d'aller exorciser une jeune fille de vingt ans qui était poursuivi par un Incube. Elle m'avoua sans détour tout ce que l'esprit impur faisait avec elle. Je jugeai, d'après ce qu'elle me dit, que malgré ses dénégations, elle prêtait au démon un consentement indirect. En effet, elle était toujours avertie de ses approches par une surexcitation violente des organes sexuels; et alors, au lieu d'avoir recours à la prière, elle courait à sa chambre et se mettait sur son lit. J'essayai d'éveiller en elle des sentiments de confiance envers Dieu; mais je n'y pus réussir, et elle semblait plutôt craindre d'être delivrée.« Denselben Wechsel zwischen ängstlichen und wollüstigen Gefühlen bei den Inkubusbesuchen zeigen die Lehren der Kirche, die sich mit dem verschiedenen Verhalten der betroffenen Personen dagegen beschäftigen, besonders bezüglich der Stärke des geleisteten Widerstandes. Die Erörterungen über diesen Punkt ähneln nämlich sehr einer modernen Untersuchung über Notzucht. Die Autoren des Malleus Maleficarum[74] z. B. scheiden die Teilnehmer in drei Klassen: »1. diejenigen, welche sich freiwillig den Inkubi unterwerfen, wie es die Hexen tun, 2. diejenigen, welche von den Hexen mit den Inkubi oder Sukkubi gegen ihren Willen zusammengebracht werden, 3. und die dritte Art ist die, zu welcher besonders gewisse Jungfrauen gehören, die durchaus gegen ihren Willen von Inkubi-Dämonen belästigt werden.«

[Fußnote 67: Siehe z. B. Zitate bei Jacob. Curiosités Infernales, Pp. 85-97.]

[Fußnote 68: Simon. Le monde des rêves, 1882, P. 183.]

[Fußnote 69: Höfler. Zentralbl. f. Anthropologie, 1900, Band 5, S. 1.]

[Fußnote 70: Goerres. Zitiert bei Delassus, Les incubes et les succubes, 1897.]

[Fußnote 71: Zitiert bei Laurent und Nagour. Okkultismus und Liebe, Deutsche Übersetzung, 1903, S. 109.]

[Fußnote 72: Michelet. La Sorcière, 1869, 3. édition, P. 108. Delassus, Op. cit., P. 20 u. s. w.]

[Fußnote 73: Goerres. Zitiert bei Delassus, Op. cit., P. 21.]

Augenscheinlich ging die Entdeckung, daß erotische Träume natürliche Ursachen haben und nicht durch den Besuch eines fremden Wesens entstanden sind, der entsprechenden bezüglich der Angstträume voran. Träume, in denen beide Gefühle gemischt waren, wurden deshalb noch weiterhin dem Angriff von Seite eines lüsternen Dämons zugeschrieben. Im Mittelalter glaubte man, daß bis zum Jahre 1400 der Verkehr mit den Inkubi nur gegen den Willen des betreffenden Menschen stattfand, daß aber nach dieser Zeit das Aufkommen eines Geschlechts von geilen Hexen dazu führte, daß die Leute sich freiwillig den Inkubi hingaben.[75] Die Erklärung dafür kann nur darin gesucht werden, daß man begann, sich von dem Glauben an die Wirklichkeit der halluzinatorischen Objekte in erotischen Träumen freizumachen und ihn nur bezüglich der Angstträume zurückbehielt, daß aber die theologische Ausbildung der Inkubusvorstellung ein Wiederaufleben des ursprünglichen Glaubens bewirkte, daß der Partner in einem sexuellen Traum ein wirkliches Wesen sei.

[Fußnote 74: Der Hexenhammer. Deutsche Ausgabe, 1906. Zweiter Teil, S. 197-198.]

[Fußnote 75: Reginald Scot. Op. cit., P. 58.]

Selbst im Mittelalter[76] aber und mehr noch in den folgenden Jahrhunderten wurden die natürlichen Quellen der Erscheinung aufgedeckt, vor allem von den Ärzten. Der sexuelle Ursprung des ganzen Phänomens war also in weitem Umkreis anerkannt, insbesondere von Seite der Ärzte, aber als die Zeit fortschritt, wurde diese Ansicht mehr und mehr in den Hintergrund geschoben. Wenn aber sowohl angenehme Träume vom Verkehr mit einem Liebhaber als auch unangenehme von dem mit einem bösen Geist ihren Ursprung einer erotischen Erregung verdanken, so folgt daraus, daß beide Traumtypen miteinander verwandt sein müssen.

Bei einer der Versammlungen des Bureau d'adresse[77] wurde von verschiedenen Ärzten die Ansicht ausgesprochen, daß der Inkubusglaube ausschließlich das Produkt der »Macht einer lüsternen Einbildungskraft« sei. Nach der Ansicht eines dieser Ärzte seien solche Vorstellungen »produites par l'abondance ou la qualité de la semence, laquelle, envoyant son espèce dans la phantaisie, elle se forme un objet agréable, remue la puissance metrice, et celle-ci la faculté expulstrice des vaisseaux spermatiques.« De Saint André[78], der Arzt Ludwig XV. meinte, daß »L'incube est le plus souvent une chimère, qui n'a pour fondement que le rêve, l'imagination blessée, et très souvent l'imagination des femmes ...... L'artifice n'a pas moins de part à l'histoire des incubes. Une femme, une fille, une dévote de nom, etc., débauchée, qui affecte de parâitre virtueuse, pour cacher son crime fait passer son amant pour un esprit incube qui l'obsède.« Dalyell[79] bemerkt ebenfalls, daß »die Gegenwart der Inkubi und Sukkubi nur verliebte Phantasien anzeige.« Delassus[80], der auf dem sexuellen Charakter des ganzen Gegenstandes besteht, sagt, daß die krankhafte Erscheinung des Inkubus anzeige: »la victoire de Lilith et de Nahemah, les reines des Stryges, sur les imprudents qui ont voulu rester chastes, qui ont voulu mépriser les vérités éternelles du lingam.«

[Fußnote 76: Hansen. Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter, 1900, S. 138-139.]

[Fußnote 77: Recueil général des questions traités et conférence du Bureau d'adresse, 1656.]

[Fußnote 78: De Saint-André. Lettres au sujet de la magie, des maléfices et des sorciers, 1725.]

[Fußnote 79: Dalyell. The Darker Superstitions of Scotland, 1835, P. 599.]

Spätere Autoren haben auf die krankhafte Natur der Erscheinung Nachdruck gelegt. Macario[81] sagt: »les succubes et les incubes sont des malades atteints d'hallucinations de la sensibilité génitale.« Leuret[82] erkannte bereits vor achtzig Jahren deutlich die Analogie zwischen diesen Glaubensformen des Mittelalters und den Halluzinationen Wahnsinniger. Er illustriert dies durch einen detaillierten Vergleich einer seiner Patientinnen mit einer Frau, der der heilige Bernhard die bösen Geister austrieb. »Les hallucinations ont entre elles une si grande analogie, que les êtres crées par elles différent seulement dans les accessoires; les descriptions qu'en donnent actuellement nos alienés ressemblent aux descriptions que donnaient autrefois les saints et les possédés; les noms seuls différent. Ainsi, pour savoir tout ce qui concerne les incubes, il suffit d'écouter un de ces malades qui se plaignent de les recevoir pendant la nuit. Les incubes sont et font encore tout ce qu'ils étaient et faisent jadis.«

Man wird bemerken, daß im Gegensatz zu den anderen abergläubischen Vorstellungen dieser Gruppe die Idee der Transformation keinen Bestandteil der Inkubusanschauung bildet. Die Ursache dafür ist sehr einfach und zeigt sehr wohl die künstliche Natur der ganzen Anschauung. Die Idee dieser Transformation fand sich im Mittelalter immer sowohl in der theologischen Vorstellung vom Teufel als auch in der vom Volk verbreiteten vom Alp, aber die Kirche _definiert auf künstliche Weise_ den Inkubus als Dämon in _menschlicher_ Gestalt. Wenn er als Tier kam, so war er eine andere Art des Teufels und nicht länger ein Inkubus.

[Fußnote 80: Delassus. Op. cit., Pp. 39, 41, 51.]

[Fußnote 81: Macario. »Etudes cliniques sur la démonomanie«, Annales méd.-psychol. 1843, t. I, P. 441.]

[Fußnote 82: Leuret. Fragments psychologiques sur la folie, 1834, Pp. 258, 261-264.]

Wie ich im letzten Kapitel erwähnte, war und ist der Glaube an das Vorkommen eines geschlechtlichen Verkehrs zwischen menschlichen und übermenschlichen Wesen einer der verbreitetsten Aberglauben der ganzen Welt.[83] Im Mittelalter fand er sich tatsächlich überall. Verschiedene berühmte Leute, darunter Alexander der Große, Cäsar, Martin Luther, Plato, außerdem die ganze Rasse der Hunnen wurden für Sprößlinge solcher Vereinigungen gehalten und die Insel Zypern war nach dem allgemeinen Glauben von den Nachkommen der Inkubi bevölkert. Erotische und Angstträume wurden immer auf diese Weise erklärt. Gener[84] z. B. sagt: »presque tous les peuples de l'Orient ont recouru aux incubes et aux succubes dans l'explication qu'ils ont données des rêves d'amour et des pollutions nocturnes.« Bei den heutigen europäischen Nationen findet sich der Glaube noch hie und da im Volk; anderseits scheint er in gewissen mystischen[85] und spiritistischen[86] Kreisen besonders in Frankreich und Amerika neue Lebensfrist erhalten zu haben. Hier glaubt man an die Möglichkeit einer Empfängnis aus der vierten Dimension.

Wie oben erwähnt, meinte man, daß der Verkehr während des Schlafes nicht nur mit bösen Geistern, sondern auch mit göttlichen vorkam. In diesem Zusammenhange mögen ein paar Worte über die wohlbekannte _Incubation_ gesprochen werden, denn wenn dies auch keine speziell mittelalterliche Vorstellung ist, so hielt man doch im Mittelalter daran fest und sie bildet einen lehrreichen Gegensatz zu dem Inkubusglauben. In der Tat weist, wie Wundt[87] bemerkt, schon allein die Ähnlichkeit der Ausdrücke, Inkubus und Inkubation, auf eine innere Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen hin. Der Gegenstand hat eine erhöhte Bedeutung für unseren gegenwärtigen Zweck durch seine enge Verbindung mit Ahnenverehrung und Verwandlung in Tiergestalt.

[Fußnote 83: Zahlreiche Beispiele zitiert Freimark, Op. cit., S. 342-348, und Gener, Op. cit., P. 340, u. s. w.]

[Fußnote 84: Gener. Op. cit., P. 520.]

[Fußnote 85: Vgl. Bücher wie De Guaita, Temple de Satan; Des Mousseaux, Les hauts phénomènes de la magie; Jules Bois, La Satanisme et la Magie; Huysmans, Là-bas, und En Route, u. s. w.]

[Fußnote 86: Freimark. Op. cit., S. 355, 364, 368-9, 376, 385. Peixoto, Archivos Brasileires de Psychiatria, 1909, Pp. 74-94.]

[Fußnote 87: Wundt. Völkerpsychologie, Band II, Teil II, S. 110.]

Der Vorgang der Inkubation wurde vor allem in bezug auf Griechenland und Rom untersucht, aber er ist über die ganze Welt verbreitet und man fand ihn in Zentralamerika[88], Nordafrika[89], Australien[90], Borneo[91], China[92], Indien[93], Persien[94] u. s. w. Mehrere verschiedene Verfahren sind unter diesem Ausdruck inbegriffen; besonders typisch ist die Vereinigung eines Menschen mit dem Gott oder der Göttin im Heiligtum des Tempels während des Schlafes, ein Brauch, dessen Hauptquelle, wie es scheint, in Ägypten lag. Ferner findet sich die Vereinigung mit einem Abgeschiedenen auf dessen Grab (Gräberschlaf) oder mit verschiedenen Geistern in der Nähe heiliger Quellen, eine Sitte, die sich hauptsächlich in Griechenland entwickelte. Durch dieses Verfahren wurden mehrere Zeremonien begünstigt, die zweifellos erst später aufkamen; aus der ursprünglichen Idee der engen Verbindung mit der Gottheit entwickelte sich der Brauch, sich ihre Gunst durch die Vereinigung der Männer mit Göttinnen zu sichern, z. B. mit der Isis in Ägypten und Rom[95], mit Serapis in Ägypten, Rom und Canopaea[96], mit der Diana in Ephesus[97] und der Ino in Lakedaemon[98] oder durch die geheiligte Prostitution der Frauen den Göttern gegenüber, z. B. dem Wishnu in Indien[99], dem Bel[100] und Shamash[101] in Babylon, dem Ammon in dem ägyptischen Theben[100] u. s. w. Das bekannteste Beispiel ist der Kultus des Asklepios in Epidauros und später an zahlreichen anderen Orten; zuletzt gab es 320 solcher Stätten. Die Schwangerschaft war eine häufige Folge dieser Vereinigung, wovon ich hier nur zwei Beispiele gebe. Als Andromache von Epirus im Traumzustand in Epidauros weilte, da hob der Gott ihr Kleid und berührte ihren Körper und dieses Erlebnis war von der Geburt eines Sohnes gefolgt.[102] Andromeda von Cheos wurde unter denselben Umständen von dem Gott besucht, und zwar in Gestalt einer Schlange, die auf ihrem Körper lag; sie gebar fünf Söhne.[103]

[Fußnote 88: Herrara. Historia general de los hechos de los Castellanos en las islas y terra firme del Mar Oceane, 1730, Vol. IV, Kap. 4.]

[Fußnote 89: Nachtigal. Sahara und Sudan. 1889, Band 3. S. 477.]

[Fußnote 90: Grey. Journals of Two Expeditions of Discovery in North-west and Western Australia, 1841, Vol. II, P. 336.]

[Fußnote 91: Ling Roth. The Natives of Sarawak and British North Borneo, 1896, Vol. I, P. 185.]

[Fußnote 92: Stoll. Suggestion und Hypnotismus in der Völkerpsychologie. Zweite Auflage, 1904, S. 51, 52.]

[Fußnote 93: Dulaure. (Krauss Ausgabe.) Die Zeugung in Glaube, Sitte und Brauch der Völker, 1908, S. 45, 50, 80.]

[Fußnote 94: Voyages d'Ibn Batoutah. Trad. franc., 1873, t. I., P. 418.]

[Fußnote 95: Alice Walton. The Cult of Asklepios, 1894, Pp. 63, 74.]

[Fußnote 96: Preller. Berichte ü. d. Verhandl. d. Königl. Sächs. Gesell. d. Wissenschaften zu Leipzig, 1854, S. 196.]

Die Verbindung zwischen Asklepios und der Schlange war überhaupt sehr eng, da Schlangen in seinem Tempel nicht nur heilige Verehrung genossen, sondern direkt den Gott[104] bedeuteten; eine riesige Schlange wurde im Jahre 293 vor Christus nach Rom gebracht, um anzuzeigen, daß er seine Schutzherrschaft auf diese Stadt ausgedehnt habe. Zahlreiche berühmte Männer wurden von dem Schlangengott erzeugt, z. B. Aratus von Sikoun, Aristomenes, Alexander der Große, der ältere Scipio, Augustus (in diesem Fall bedeutet die Schlange den Apoll, den Vater des Asklepius) u. s. w.[105] Es ist wohl bekannt, daß der Schlangengott auf der ganzen Erde[106] zu den häufigsten Objekten der Anbetung gehört. Selbst die Götter kultivierterer Verbände erscheinen häufig in dieser Gestalt, besonders wenn sie in Liebesabenteuer verwickelt sind; so verführte Apollo als Schlange die Atys (wobei er als Andenken an seinen Besuch ein entsprechendes Zeichen auf ihrem Körper zurückließ), ebenso Zeus die Persephone und Odin die Gunnlodh. Die Umstände, unter denen sie diese Gestalt annahmen, bieten uns einen Schlüssel zur Bedeutung der Schlangensymbolik, und daß diese eine phallische ist, ist so wohl bezeugt, daß es unnötig wäre, dabei zu verweilen.[107]

[Fußnote 97: Puschmann. Geschichte der Medizin. 1902, Bd. 1, S. 504.]

[Fußnote 98: Pausanias. Attika, Kap. 21.]

[Fußnote 99: Dulaure. Loc. cit.]

[Fußnote 100: Cullimore. Oriental Cylinders, Nr. 71, 76, 109. Frazer. Lectures on the Early History of the Kingship, P. 170.]

[Fußnote 101: Johns. »Notes on the Code of the Hammurabi«. Amer. Journ. of Semitic Languages, 1903, Vol. XIX, P. 98.]

[Fußnote 102: Mary Hamilton. Incubation, or the cure of disease in Pagan Temples and Christian Churches, 1906, P. 25.]

[Fußnote 103: Hamilton. Op. cit., P. 27.]

[Fußnote 104: Siehe besonders Walton, Op. cit., Op. 13-16, 65, 94. Puschmann, Op. cit., S. 169.]

[Fußnote 105: Deubner. De incubatione, 1900, S. 33.]

Besonderes Interesse bietet es, daß die Schlange nicht allein das männliche Glied symbolisiert, sondern speziell das männliche Glied des _Vaters_. Einer der am weitesten über die ganze Welt verbreiteten Aberglauben ist es, daß Schlangen die Inkarnation toter Vorfahren[108] sind, eine Tatsache, die Schlangen- und Ahnenverehrung in enge Beziehung bringt; eine Ausbildung davon ist der Glaube an individuelle Hausschlangen, die das Haus verlassen, wenn die männlichen Mitglieder des Hauses, besonders der Vater, sterben.[109] Diese Vorstellung ist eng verbunden mit dem Glauben, daß die Seele (der Lebensgeist) den Schlafenden in Gestalt einer Schlange verläßt, die durch den Mund entschlüpft.[110] Diese Symbolik und der chthonische Ursprung solcher Götter wie Asklepios[111] überhaupt bilden das Verbindungsglied zwischen den Vorstellungen von Schlangen und Gräbern, Schlangen- und Ahnenverehrung, Tempelschlaf und Gräberschlaf.

[Fußnote 106: Cp. Deane. The Worship of the Serpent, 1833; Du Bosc. The Dragon, Image and Demon, 1886; Ferguson. Tree and Serpent Worship. Second Edition, 1872; Howard. Sex Worship, 1902, Ch. VIII, »The Serpent and The Cross«; Staniland Wake. Serpent Worship, 1888.]

[Fußnote 107: Riklin. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908, S. 40-44.]

[Fußnote 108: Frazer. The Golden Bough. Third Edition. Part IV. (Adonis, Attis, Osiris. Second Edition.) 1907, P. 76, 77. Hartland. Primitive Paternity, 1909, Vol. I, P. 169, et seq. Wundt. Op. cit., S. 61-64.]

[Fußnote 109: Lang. Myth, Ritual and Religion. Vol. I. P. 57; E. H. Meyer. Germanische Mythologie, 1891, S. 63, 64, 73; Rochholtz. Deutscher Glaube und Brauch, 1867, Band 1 (Deutscher Unsterblichkeitsglaube), S. 146, 147; Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 1900, S. 51.]

[Fußnote 110: Grimm. Deutsche Mythologie, Vierte Ausgabe, 1876. Nachtrag S. 247, 312. Thorpe. Northern Mythology, 1851, Vol. I. P. 289.]

So wurde die Inkubation ein wichtiges Heilmittel gegen die Unfruchtbarkeit und die Gabe des Asklepius, diese zu heilen, erbten später eine Reihe christlicher Heiliger, unter denen besonders der Erzengel Michael, der heilige Damien und der heilige Hubert in dieser Richtung wirksam waren[112] und zwar der Letztgenannte noch im 17. Jahrh. in den Ardennen. Die Inkubation wurde in Schottland[113] und Irland[114] sogar noch bis zu einem späteren Zeitpunkt ausgeübt und es ist interessant zu bemerken, daß die betreffende Person hier in der Haut eines geheiligten Schafes schlief, genau ebenso wie die Anbeter des Amon in Theben[115] oder die des Amphiarus in Attika.[116] In einer wallisischen Kirche in Monmouthshire nahm man noch im 19. Jahrhundert[117] dazu seine Zuflucht.

Im Mittelalter wurden nach und nach drei Veränderungen in dieses Verfahren eingeführt. Der Schlaf verschwand und an seine Stelle trat die Wallfahrt mit Gebeten zu dem Gott oder der Göttin; mehr Gewicht wurde auf heilige Quellen und Brunnen gelegt als auf einfach geheiligte Stätten und die Heilung von Unfruchtbarkeit wurde verallgemeinert zu der schwerer Defekte überhaupt, besonders solcher, die im Unbewußten mit der Idee der Impotenz oder Sterilität verknüpft sind (Lahmheit, Blindheit etc.). Der Wechsel des Schauplatzes wurde zweifellos durch die enge Verbindung von Wasser und Kindesgeburt[118] bestimmt. Bis heute werden in ganz Schottland[119] und manchen anderen Teilen von Europa heilige Quellen verehrt. Die heutigen Pilger von Lourdes wissen wenig davon, daß ihr Zug dorthin durch alte griechische, von Inzestwünschen stammende Vorstellungen bestimmt wird.

[Fußnote 111: Puschmann. Op. cit., Bd. 1, S. 170.]

[Fußnote 112: Maury. La magie et l'astrologie, 1860, Pp. 247, 248, 251.]

[Fußnote 113: Pennant. Tour, 1772, Vol. I. P. 311. Martin. Western Islands, P. III.]

[Fußnote 114: Richardson. The Folly of Pilgrimages, P. 70.]

[Fußnote 115: Herodotus. Lib. II, Par. 42.]

[Fußnote 116: Pausanias. Lib. I, Kap. 34.]

[Fußnote 117: Rees. British Medical Journal, Oct. 30, 1909, P. 1317.]

[Fußnote 118: Siehe Otto Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909, S. 69, 70.]

[Fußnote 119: Sir Arthur Mitchell. The Past and The Present.]

Schließlich wurde die Inkubation ausgeübt als Mittel, die Zukunft zu erraten oder eine Inspiration herbeizuführen. Ein wohlbekanntes Beispiel für letzteres ist die Inspiration zu einer Tragödie, die Aeschylos im Traum von Bacchos erhielt; in Irland hing die Wahl der Könige von den Eingebungen ab, die man durch die Inkubation[120] erhielt.

Die Beziehung zwischen der Inkubation besonders in ihrer ursprünglichen Form und dem Alptraum ist zu klar, um einer längeren Ausführung zu bedürfen. Wundt[121] schreibt: »In der Tat lassen sich alle diese, der Inkubation im weitesten Sinne zugehörigen Tatsachen auf zwei einander in mancher Beziehung verwandte Ausgangspunkte zurückverfolgen: auf den _Angsttraum_ und auf den _Krankheitsanfall_.« Es ist aber klar, daß die Träume, die in dieser Richtung den größten Einfluß nahmen, in der Mitte zwischen reinem Alptraum und reinem erotischen Traum gestanden haben müssen, es waren nämlich solche, in denen sich ängstliche und Lustgefühle mischten.