Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft

Part 2

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Natürlich ist in Sphären, wo die herrschenden Interessen für Menschen und Tiere gemeinsamer Art sind, der Unterschied zwischen den beiden weniger scharf als anderswo und zweifellos ist der Zug der Tiere, der das höchste Interesse erregt, ihre Freiheit, Bedürfnisse, die die Menschen häufig zurückhalten müssen, besonders Bedürfnisse sexueller und exkrementeller Natur, offen zu befriedigen; in der Tat wird der Ausdruck »tierische Leidenschaften« allgemein verwendet, um sexuelle Gefühle anzuzeigen. Das Kind erlangt seine erste Erfahrung von sexueller Betätigung häufig dadurch, daß es ihr Zeuge bei Tieren wird und jeder Psychoanalytiker weiß, wie bedeutsam dieser Einfluß sein kann. Tiere eignen sich deshalb ausgezeichnet zur symbolischen Darstellung von rohen und ungezügelten Wünschen. Die analytische Erfahrung hat gezeigt, daß das Vorkommen von Tieren im Traum regelmäßig ein sexuelles Thema andeutet, wofür das Mädchen, das von einem wilden Tiere verfolgt oder angegriffen wird, ein typisches Beispiel ist.

[Fußnote 31: Fiske. Op. cit., P. 74.]

[Fußnote 32: Hartland. Op. cit., P. 250.]

[Fußnote 33: E. g. bei H. G. Wells in seinem Schauerroman »The Island of Doctor Moreau«.]

[Fußnote 34: Lawrence. The Magic of the Horse-Shoe, 1899, Pp. 308-311.]

[Fußnote 35: Cesaresco. Essays in the Study of Folk-Songs, P. 183.]

In zahlreichen Mythen ist die sexuelle Bedeutung der Verwandlung vom Mensch zum Tier vollkommen klar. _Riklin_[36] hat deutlich gezeigt, wie die stufenweise Überwindung des jungfräulichen Abscheus und Widerstandes gegen sexuelle Beziehungen in der bekannten Gruppe der Märchen symbolisiert wird, in denen der wunderbare Prinz zuerst in der Gestalt eines abstoßenden Tieres auftritt, um seine wahre Person im geeigneten Moment zu zeigen. In vielen Varianten ist der Prinz bei Tag ein Tier und nimmt seine wahre Gestalt bei Nacht an, wie es bei dem Sohne Indras[37], dem Prototyp dieser Gruppe, der Fall war. In der griechischen Mythologie nahmen die Götter bei ihren Liebesabenteuern häufig Tiergestalt an; man denkt sofort daran, wie Zeus die Persephone in Gestalt einer Schlange verführte, die Leda als Schwan, die Europa als Stier. Die zuerst genannte Gestalt nahm auch Apollo bei Atys an, während er bei anderen Gelegenheiten als Schildkröte auftrat. Die Götter in dieser Hinsicht nachzuahmen, wurde zu Zeiten direkt ein religiöser Ritus, so wenn die Frauen in Mendes »sich nackt und öffentlich den Umarmungen der heiligen Ziege, die die Inkarnation der schöpferischen Gottheit darstellte, hingaben.«[38]

[Fußnote 36: Riklin. Op. cit., Seite 41-46.]

[Fußnote 37: R. Burton. Adaptation of »Vikram and the Vampire«, 1893, Preface P. 15.]

[Fußnote 38: Moses. Pathological Aspects of Religions, 1906. P. 25.]

Andere Typen von Träumen, die Einfluß auf die von uns beobachteten Anschauungen genommen haben, werden in der geeigneten Verbindung besprochen und die Beziehung zwischen den verschiedenen behandelten Themen aufgezeigt werden.

II. Der Alptraum.

Es ist allgemein bekannt, daß der Alptraum einen größeren Einfluß auf die Phantasie des Wachlebens der Menschen gehabt hat als irgend eine andere Traumart.[39] Dies trifft besonders bei der Entstehung des Glaubens an böse Geister und Ungeheuer zu. Clodd[40] z. B. bespricht die »besonders intensive Art des Träumens«, die »Alpträume« heißt, wenn scheußliche Gespenster auf der Brust sitzen, den Atem zum Stocken bringen und die Bewegung hemmen, denen die ungeheuern Mengen nächtlicher Dämonen, die das Folklore der ganzen Welt erfüllen und die in unendlich vielen abstoßenden Gestalten ihren Platz in der Hierarchie der Religionen gehabt haben, ihren Ursprung verdanken. Einige Mythologen führen sogar den Glauben an Geister überhaupt auf die Erfahrungen der Alpträume zurück. So bemerkt Golther[41]: »Der Seelenglauben beruht zum großen Teil auf der Vorstellung von quälenden Druckgeistern. Erst allmählich entstand weiterhin der Glaube an Geister, die den Menschen nicht nur quälten und drückten. Zunächst aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor.«

Dies ist nicht verwunderlich im Hinblick auf den Umstand, daß die Lebhaftigkeit der Alpträume die der gewöhnlichen bei weitem übersteigt. Waller[42] sagt aus eigener Erfahrung: »Der Grad der Bewußtheit während eines Alptraums ist so viel größer als sonst bei einem Traum, daß derjenige, der eine solche Vision hatte, sich schwer entschließen kann, die Täuschung anzuerkennen ....«

[Fußnote 39: E. H. Meyer. Germanische Mythologie, 1891, S. 10, 61, 76-79. Wundt. Völkerpsychologie, Zweiter Band, »Mythus und Religion,« Zweiter Teil, 1906, S. 118-122.]

[Fußnote 40: Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 171.]

[Fußnote 41: Golther. Handbuch der germanischen Mythologie, 1895, S. 75.]

[Fußnote 42: Waller. A Treatise on the Incubus or Nightmare, 1816, Pp. 28-29.]

Ich weiß in der Tat nicht, wie man sich davon überzeugen könnte, daß der Erscheinung, die man während eines Anfalls von Alpdruck hatte, keine Wirklichkeit zukommt, wenn nicht das Zeugnis anderer Personen, die zu der Zeit gegenwärtig und wach waren, dagegen spräche.

Bevor wir die Rolle besprechen, die den Alpträumen bei der Entstehung abergläubischer Vorstellungen zukam, müssen wir zuerst einiges über sie selbst sagen. Die drei wichtigsten Züge des _typischen_ Alptraumes sind: erstens quälende Angst, zweitens ein erstickendes Beklemmungsgefühl auf der Brust, drittens die Überzeugung, hilflos gelähmt zu sein. Regelmäßig wiederkehrende, aber weniger auffällige Züge sind: der Ausbruch von kaltem Schweiß und konvulsivisches Herzklopfen; gelegentlich kommt es zu einem Samenfluß oder zu einer Ausscheidung aus der vagina oder sogar zu einer Lähmung der Schließmuskeln. Die Erklärungen des Zustandes, die noch jetzt in medizinischen Kreisen in Umlauf sind und die ihn auf Störungen der Verdauung oder der Blutzirkulation schieben, sind wahrscheinlich weiter entfernt von der Wahrheit als irgend welche andere medizinische Ansichten und mit den wirklichen Tatsachen vollkommen unvereinbar. In einer früheren Abhandlung über diesen Gegenstand[43] habe ich gegen die Erklärungen eingewendet, a) daß sie ihrer Natur nach nicht imstande sind, die wichtigsten Symptome des Zustandes zu erklären und b) daß die ungerecht beschuldigten Faktoren nicht damit in Zusammenhang gebracht werden können, insofern sie häufig bei Leuten vorkommen, die nicht an Alpträumen leiden, und gewöhnlich denen fremd sind, bei denen sie sich finden.

Diese Faktoren können also höchstens als Veranlassung, nicht aber als Ursache wirken; letztere findet man, wenn man dem Hauptsymptom nachgeht, nämlich der tödlichen Angst, über welches Thema ich an anderer Stelle des längeren gesprochen habe.[44] Nachdem ich dargelegt hatte, wie Freud im wesentlichen ihre Abhängigkeit von verdrängter Libido bewiesen, habe ich die Schlüsse aus dieser Abhandlung in folgenden Behauptungen zusammengefaßt. »Der Alptraum ist eine Art von Angstanfall, der im wesentlichen auf einem heftigen, seelischen Konflikt beruht, dessen Mittelpunkt eine verdrängte Komponente des psychosexuellen Trieblebens bildet; er kann durch irgend welche periphere Reize hervorgerufen werden, die dazu dienen, diesen Komplex verdrängter Gefühle zu erwecken; die Wichtigkeit aber, die in dieser Verbindung solchen peripheren Reizen als Faktoren bei der Entstehung des Affektes zukommt, wurde in der Vergangenheit stark überschätzt.« Ich habe hinzugefügt, daß die Verdrängung der weiblichen masochistischen Sexualtriebe zur Schaffung des typischen Alptraums geeigneter ist als die der männlichen, eine Ansicht, der auch Adler[45] beistimmt. Der latente Inhalt des Alptraums besteht in einer Darstellung des normalen Geschlechtsverkehrs, und zwar in einer Art, die typisch für die Frau ist: der Druck auf der Brust, die äußerste Hingabe des eigenen Selbst, die durch das Lähmungsgefühl dargestellt wird, ferner die eventuelle Genitalsekretion zeigen dies direkt an und die anderen Symptome, das Herzklopfen, der Schweiß, das Erstickungsgefühl u. s. w. sind bloße Übertreibungen der Vorgänge, die man normalerweise während des Aktes erlebt.

[Fußnote 43: »On the Nightmare«, Amer. Journal of Insanity, Jan. 1910, Pp. 383-417.]

Besonderer Nachdruck muß auf die Tatsache gelegt werden, daß Wünsche, die auf diese Weise erfüllt werden, immer zu den gewaltsam verdrängten gehören. Diese Bemerkung erklärt zwei wichtige Tatsachen, vor allem, wie es kommt, daß dieselbe Person das eine Mal einen Alptraum, das andere Mal einen Wollusttraum haben kann. Dies hängt hauptsächlich von dem Objekt des Wunsches ab; wenn das Objekt eine zufällige Bekanntschaft, besonders wenn es verhältnismäßig leicht erreichbar ist, ist die Verdrängung natürlich leichter, so daß ihr Effekt praktisch zu nichte gemacht wird. Unter diesen Umständen kann durch die normalerweise im Traum eintretende Herabsetzung der endopsychischen Zensur ein erotischer Wunsch, der im Wachzustand vielleicht unterdrückt wurde, im Traum seine eingebildete Erfüllung finden. Im Fall des Alptraums, wo die Verdrängung ihren Höhepunkt erreicht, ist das Objekt des Wunsches immer eine Person, an die in solchem Zusammenhang zu denken die hemmenden Motive der Moral und Gesellschaft verbieten. Es ist deshalb verständlich, daß die Psychoanalyse solcher Träume als Gegenstand des Wunsches einen nahen Anverwandten zeigt. Dies ist am häufigsten der entsprechende Elternteil und gewöhnlich ist der Wunsch die Verstärkung einer ursprünglichen Inzestneigung. Zweitens ist es, wie ich anderswo gezeigt habe[46], eine von den Ärzten bei ihrer Diskussion über die Pathogenese der Alpträume übersehene wichtige Tatsache, daß alle Stufen zwischen den extremsten Typen dieser und der normalen erotischen Träume vorkommen. Wenn die Verdrängung nicht zu stark ist, so enthält der Traum eine Mischung angenehmer und peinlicher Sensationen, d. h. er stellt eine sexuelle Szene dar, die nicht durchaus angenehm ist. Wenn die Verdrängung noch größer ist, so kann die Angst das Wollustgefühl überwiegen und in dem extremen Fall des typischen Alptraums ersetzt sie letzteres ganz. Alle Stufen dieser Mischung von ängstlichen und erotischen Gefühlen können vorkommen, eine Tatsache, die durch die verschiedenen auf unser Thema bezüglichen Arten von Mythus und Aberglauben vielfach illustriert wird.

[Fußnote 44: »The Pathology of Morbid Anxiety«, Journ. of Abnormal Psychol., June 1911, Vol. VI, Pp. 81-106.]

[Fußnote 45: Alf. Adler. »Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose«, Fortschr. d. Med., 21. April 1910, S. 492.]

Wir haben oben von der Lebhaftigkeit und dem Eindruck der Wirklichkeit bei den Alpträumen gesprochen; es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sie zu allen Zeiten und in allen Ländern der Gegenwart wirklicher fremder Wesen zugeschrieben wurden. Ich brauche bloß an den griechischen Ephialtes zu erinnern, den germanischen Alp, die altdeutsche mara, den schweizerischen schratteli, den mittelalterlichen Inkubus, den schottischen Leamain Sith, den russischen Kikimara, den arkadischen Kiel-uddakarra, den assyrischen Ardat[47], den tasmanischen bösen Geist[48], den australischen Mrart[49], den Autu[50] aus Borneo. Eine starke Bestätigung der oben ausgesprochenen Ansichten bildete der Umstand, daß alle diese Druckgeister in charakteristischer Weise Buhlgeister sind. Selbst die in der Wissenschaft gebrauchten Ausdrücke zur Bezeichnung des Alptraums, nämlich Inkubus und Ephialtes, bedeuten ursprünglich einen Buhldämon. In anderen Worten, mit alleiniger Ausnahme der modernen Ärzte hat man den Alptraum stets als _sexuellen_ Angriff von Seite eines lüsternen Dämons aufgefaßt. Wir haben gesehen, daß dieser Volksglaube in gewissem Sinn seine Berechtigung hat. Die Ansicht, daß der Vorgang im wesentlichen sexuell ist, war durchaus richtig; aber die unbewußten Wünsche, denen er entsprang, wurden von dem Subjekt auf die Außenwelt projiziert, wie es Freud[51] bezüglich des Aberglaubens überhaupt gezeigt hat. Die Wissenschaft also, die den Volksglauben bei Seite schob, verwarf damit die Wahrheit ebensowohl wie den Irrtum; die Beobachtungen des Volkes waren wie gewöhnlich richtig, aber ihre Erklärungen wie gewöhnlich falsch.

[Fußnote 46: I. Op. cit. Pp. 411-413.]

Daß das im Traum gesehene Objekt furchtbar oder abscheulich ist, hat seinen Grund einfach darin, daß die Verdrängung die Darstellung des zu Grunde liegenden Wunsches in seiner nackten Gestalt nicht erlaubt und die Erscheinung daher ein Kompromiß des Wunsches einerseits und der heftigen aus der Hemmung entstandenen Furcht andrerseits ist. _Maury_[52] bemerkt ganz richtig: »Le dormeur s'imaginait être lutiné par un esprit, oppressé par les impurs embrassements d'un démon incube ou succube .... L'origine de cette croyance s'explique par le fait qu'une sensation voluptueuse en rêve est presque toujours accompagnée d'un sentiment désagréable.« Nashe[53], der vor mehr als 300 Jahren über die »Schrecken der Nacht« schreibt, scheint ebenfalls eine Vorahnung derselben Erklärung gehabt zu haben. »Wenn die Nacht unseren Blick in ihrem schmutzigen Gefängnis eingekerkert hat und wir jeder für uns in unserem Zimmer eingeschlossen sind, dann hält der Teufel in unserem schuldvollen Bewußtsein eine Untersuchung ab. Jeder Sinn legt unserem Gedächtnis eine treue Rechnung seiner verschiedenen, verabscheuungswürdigen Ruchlosigkeiten vor. Die Tafel unseres Herzens ist zu einer Liste von Unbilligkeiten verwandelt und alle unsere Gedanken sind nur Sätze, die uns verdammen ...... Deshalb sind die Schrecken der Nacht größer als die des Tages, weil die Sünden der Nacht die des Tages übersteigen.«

[Fußnote 47: Lenormant. Chaldean Magic, English Trans., 1877, P. 38.]

[Fußnote 48: West. The History of Tasmania, 1852, Vol. II. P. 90.]

[Fußnote 49: Howitt. The Native Tribes of South-East Australia, 1904, P. 439.]

[Fußnote 50: Ling Roth. The Natives of Sarawak and British North Borneo, 1896.]

[Fußnote 51: Freud. Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Dritte Auflage, 1910, S. 133.]

[Fußnote 52: Maury. La Magie et l'astrologie, 1860, p. 254.]

Gegen Leistners interessanten Versuch, die Spuren der Alptraummotive durch eine große Gruppe von Mythen zu verfolgen, hat Wundt[54] eine Einwendung erhoben, die zwar logisch, aber nicht so wichtig ist, als sie im ersten Moment erscheint, daß er nämlich nicht genügend zwischen dem Alptraum und anderen Formen der Angstträume unterscheide; es ist daher notwendig, einige Worte über diese zu sagen. Der Alptraum unterscheidet sich von anderen Arten des Angsttraumes (Fratzentraum, Prüfungstraum, Verfolgungstraum etc.) darin, daß sein latenter Inhalt in höherem Grade speziell und stereotyp ist. In allen Fällen stellt der latente Inhalt die Erfüllung eines verdrängten sexuellen Wunsches dar, aber während diese im Alptraum immer nach dem normalen Sexualakt gebildet ist, kommen in den anderen Formen des Angsttraumes verschiedene sexuelle Wünsche (Perversionen) zum Ausdruck. Ein Beispiel dafür wird durch den Traum von dem angriffslüsternen, schrecklichen Tier geliefert, das gewöhnlich die Verbindung von Lust mit Brutalität oder Grausamkeit (Algolagnie) symbolisiert. Zu den Mythen, die auf derselben Basis stehen, schreibt Leistner[55]: »Hier kommt es uns darauf an, ein für allemal anzudeuten, daß auch dieser Zug der Alpsagen durchaus den Erfahrungen des Alptraums entspricht und daß es guten physiologischen Grund hat, wenn die Sage die bekannte Verbindung der Grausamkeit mit der Wollust den Mittagsgeistern zuschreibt.«

[Fußnote 53: The Works of Thomas Nashe. Edited by Mc Kerson, 1904, Vol. I, Pp. 345, 386.]

[Fußnote 54: Wundt. Op. cit., S. 122.]

Die Vermutung des Ursprungs aus Träumen legen die verschiedenen Vorstellungen von unmöglichen Ungeheuern sehr nahe, besonders derjenigen, die aus einer Mischung von zwei oder mehreren Tieren zusammengesetzt sind (Verdichtungsmechanismus des Traumes).

Diese Gruppe von Vorstellungen ist, wie man wohl weiß, sehr ausgedehnt.[56] Der Glaube an die wirkliche Existenz solcher Ungeheuer hat sich bis auf unsere Zeiten gut erhalten und ist auch jetzt unter den Gebildeten[57] noch nicht ausgestorben.

Der Fratzentraum ist mehr als alle anderen eine ergiebige Quelle für die Schöpfung der phantastischen menschlichen Karikaturen und der halb menschlichen, halb tierischen Figuren, die in der Mythologie hervortreten. Wundt[58] schreibt: »Wer kann in dem Zwerg das Abbild der vielen Traumfratzen mit gewaltigem Kopf und Angesicht, wer in den grinsenden Tiermasken vieler Völker und schließlich noch in dem Gorgonenangesicht der ältesten griechischen Kunst die Ähnlichkeit mit den Gesichtsverzerrungen der Reizträume verkennen? Daß diese Gattung der Träume eine Quelle neben anderen, und daß sie in Anbetracht der durch alle Einflüsse der Traumvision bezeugten intensiven psychischen Wirkung der Träume nicht die unbedeutendste ist, kann daher als im höchsten Grade wahrscheinlich gelten.«

Wir wollen nun die Züge der Vorstellungen zusammenfassen, die zu Gunsten eines Ursprungs aus Angstträumen sprechen. Vor allem muß das Vorkommen der Angst selbst in einer mythischen Vorstellung zumindest immer an die Möglichkeit eines solchen Ursprungs denken lassen, denn wenn die Angst natürlich auch unter anderen Umständen als im Traume auftritt, so erreicht sie doch anderswo -- wenn überhaupt -- jedenfalls sehr selten den Grad von Intensität, der hier ganz gewöhnlich ist; ferner, wenn jemand fortwährender Angst unterworfen ist, so kann man sicher sein, daß er an schweren Angstträumen leidet; weiterhin macht die Möglichkeit der Verwandlung, besonders menschlicher Wesen in tierische, den Ursprung aus Angstträumen sehr wahrscheinlich. Das ist besonders der Fall, wenn die Verwandlung von einem sehr anziehenden in einen höchst abstoßenden Gegenstand stattfindet, ein sehr häufiger Fall sowohl bei Mythen als bei Träumen. Diese Verbindung der zwei Extreme von Anziehung und Abstoßung, von Schönheit und Scheußlichkeit stellt natürlich die beiden kämpfenden Kräfte von Wunsch und Hemmung dar. Wie wenig entsprechend die Ansichten sind, die solche Traumerfahrungen auf Schwankungen der gastrischen Tätigkeit zurückführen, wird hier peinlich klar: So bemerkt auch Fiske[59] »Verdauungsstörungen erklären nicht das Erscheinen schöner Frauen durch die Schlüssellöcher.«

[Fußnote 55: Leistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889. Bd. 1, S. 45.]

[Fußnote 56: Meyer. Op. cit., S. 97.]

[Fußnote 57: Gould. Mythical Monsters, 1886, Ch. IX, »The Sea-Serpent«.]

[Fußnote 58: Wundt. Op. cit., S. 116.]

Schließlich, und dies ist von größter Wichtigkeit, macht die Verbindung von Angst mit Inzestmotiven den Ursprung aus Alptraum-Erfahrungen sehr verdächtig, denn diese enthalten wenig anderes. Die sadistische Auffassung der Sexualbetätigung, die sich so viele Kinder bilden, erklärt es, daß eines der Eltern im Traum in der symbolischen Gestalt eines zum Angriff geneigten Tieres oder Ungeheuers auftritt, wie dies sehr häufig geschieht. Die oben erwähnte, bemerkenswert enge Verbindung zwischen Totemismus und Ahnenverehrung, zwischen den Ideen der Abstammung von einem Tier und der Verwandlung menschlicher und tierischer Seelen wird nun im Lichte psychoanalytischer Kenntnis der Symbolik unbewußter verdrängter Wünsche verständlicher.

[Fußnote 59: Fiske. Myths and Myth-Makers, 1872, P. 95.]

III. Inkubus und Inkubation.

Im Mittelalter war der Glaube allgemein, daß es böse Geister gäbe, deren einzige Funktion es sei, mit schlafenden Menschen sexuell zu verkehren. Die Besucher der Männer hießen sukubi (französisch souleves), die der Frauen inkubi (französisch follets, spanisch duendes, italienisch folletti). Die genaue Gestalt, die der Aberglauben im Mittelalter annahm, beruht größtenteils auf theologischem Einfluß, während das Material von ursprünglichen, im Volke lebenden Vorstellungen herstammte. Ein sehr großer Teil der Literatur dieser Zeit wird von eingehenden Erörterungen über Natur und Art der Tätigkeit dieser Geister eingenommen. Die allgemeine Vorstellung war eng verknüpft mit der vom Teufel und seinem Gefolge, so daß der Gegenstand tatsächlich ein Kapitel des Teufelsglaubens bildet. Die Kirche in Befolgung des heiligen Augustin[60] sah die Inkubi im wesentlichen als höllische Feinde an, deren Funktion es sei, die schwachen Menschen in Versuchung zu führen. In der Ausbildung dieser Auffassung spielte der heilige Thomas Aquinus[61] eine wichtige Rolle. Eine interessante, nicht orthodoxe Abweichung bildet im siebzehnten Jahrhundert Peter Sinistrari[62], der behauptete, die Inkubi seien keine Dämonen, sondern höhere Wesen in der Mitte zwischen Menschen und Engeln. Nach ihm ließen sie sich selbst herab, ehrten aber die Menschheit durch ihren Umgang. Anders als bei den bösen Geistern hätte der Exorzismus keinen Einfluß auf sie. Diese Ansichten vereinigte er wieder in naiver Weise mit den Aussprüchen der Kirche über die Sünde solcher Beziehungen, indem er darauf hinwies, daß diejenigen, die die wahre Natur der Inkubi nicht kannten, sondern sie für Teufel hielten, ebenso schwer sündigten, als wenn diese Geister wirklich Teufel gewesen wären. Er wollte offenbar auseinandersetzen, daß ein wesentlicher Bestandteil der Sünde der Glauben an die Sündhaftigkeit der begangenen Tat sei.

[Fußnote 60: Augustin. De Civ. Dei., Lib. XV., Kap. 23. Die berühmte Stelle ist allzugut bekannt, als daß man sie übersetzen dürfte.]

[Fußnote 61: Thomas Aquino. Summa theologica, Pt. I. Quest. 51, Art. 3-6.]

[Fußnote 62: Sinistrari. Demoniality or Incubi and Succubi, Engl. Trans, 1879. Pp. 129, 225 u. s. w.]

Frauen scheinen von diesen nächtlichen Besuchern mehr geplagt worden zu sein als Männer und Witwen und Jungfrauen, besonders Nonnen[63] mehr als verheiratete Frauen. Klöster waren ein sehr geeigneter Nährboden für die Verseuchung durch Inkubi und es werden zahlreiche Epidemien solcher Besuche berichtet.[64] Die theologischen Lehren von der Wirklichkeit der Inkubi gestatteten offenbar Vorkommnisse, die sich sonst nicht so deutlich hätten äußern dürfen.[65] Eine Lieblingsgestalt, die die Inkubi annahmen, war die geistliche; so berichtet Hieronymus die Geschichte einer jungen Dame, die gegen einen Inkubus um Hilfe rief, den ihre Freunde in der Gestalt des Bischofs Sylvanus unter ihrem Bette fanden. Der Ruf des Bischofs hätte gelitten, wäre er nicht imstande gewesen, sie zu überzeugen, daß der Inkubus sich seine Gestalt angeeignet habe. Dazu bemerkt Reginald Scot[66] skeptisch: »Oh ausgezeichnetes Beispiel für die Zauberkraft des Sylvanus.« Chaucer in »The wife of Baths Tale« deutet verstohlen auf die Gleichheit von Mönch und Inkubus hin, indem er zeigt, daß die Inkubi seit der Einführung des bekannten Ordens der Bettelbrüder (limitous) selten geworden seien.

Denn wo die Elfen sonst gewandelt waren, Sieht man den Bettelmönch des Weges fahren. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Die Frauen gehen sicher her und hin, Im Busch und Wald, am schattenreichen Ort, Kein andrer Inkubus als er ist dort.

[Fußnote 63: Gener. La Mort et le Diable, 1880, P. 519. Freimark. Okkultismus und Sexualität. S. 349.]

[Fußnote 64: Murisier. Les maladies du sentiment religieux, 1909, P. 49. Pezet. Contribution á l'étude de la démonomanie, 1909, P. 18.]

[Fußnote 65: Vgl. Freud. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 7.]

[Fußnote 66: Reginald Scot. The Discoverie of Witchcraft. (1584). 1886 Edition, P. 62.]