Part 14
Fünf Hexen wurden 1604 in Lausanne verbrannt, weil sie in _Wolfsgestalt_ ein Kind geraubt haben sollten. Sie trugen es zum Teufel, der _aus der großen Zehe_ das ganze Blut aussaugte und kochten dann den Leib, um daraus Salbe zu gewinnen.[674] Ebenso waren die Hexen der harmloseren Gewohnheit, Kühe zu melken, zugetan und sie waren im stande, aus einer Spindel, einem Handtuch oder einem Beilgriff Milch herauszupressen.[675] Der Sinn davon wird verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß Milch ein unbewußtes Äquivalent für Samen ist. Der Alp saugte sowohl Blut wie Milch aus[676] und Stoll[677] sagt, daß in Deutschland noch der Aberglaube besteht, daß _Schlangen_ bei Nacht den Kühen die Milch aussaugen; in Wales glaubte man, daß die Schlangen Milch aus den weiblichen Brüsten saugen.[678] In Schottland und Wales war bis vor kurzem der Glaube verbreitet, daß die Hexen sich in Hasen verwandeln, um den Kühen durch Saugen an den Eutern die Milch zu entziehen[679]; in Dänemark und Schweden gewinnen sie die Milch, indem sie Hasen zum Vieh schicken.[680] In der Mythologie sind Hasen und Katzen gleichbedeutend[681]; es ist daher verständlich, daß manchmal Hasen die »Familiares« der Hexen waren[682], statt der gewöhnlichen Katzen. Selbst die Revenant-Natur der Vampire ist in dem dänischen Glauben, daß Tote sich in Hasen[683] verwandeln, angedeutet. Andere sonderbare Zusammenhänge sind der russische Glaube, daß künftige Vampire bei Lebzeiten an einer Hasenscharte kenntlich seien, und der osteuropäische, daß ein Gestorbener ein Vampir wird, wenn eine Katze über sein Grab läuft.[684] Ein anderer Vampirzug ist in den Ghul-Geschichten zu finden, die bei mehreren Prozessen erzählt wurden[685], von Hexen, die die Leichen von Zauberern aufgruben und fraßen. So wie die Hexen kann der dalmatinische Koslak, der tatsächlich ein Vampir ist, das Wetter vorhersagen und schneller reisen als andere Leute.[686] Der Hexenglaube verschmilzt, so angesehen, an allen Punkten mit den bereits erörterten Erscheinungen.
[Fußnote 672: Goerres. Christliche Mystik, 1842, Band 4, S. 2, 216. Meyer. Indogermanische Mythen, 1883, Band 2, S. 528. Krauß. Op. cit., S. 79.]
[Fußnote 673: S. Laurent und Nagour. Op. cit., S. 208-227.]
[Fußnote 674: Nynauld. Loc. cit.]
[Fußnote 675: Grimm. Op. cit., S. 896, 897.]
[Fußnote 676: Laistner. Op. cit., Band 1, S. 61, Band 2, S. 82.]
[Fußnote 677: Stoll. Op. cit., S. 215.]
[Fußnote 678: Rhys. Celtic Folklore, 1901, P. 690.]
[Fußnote 679: Hertz. Der Werwolf, 1862, S. 113. (An versch. Orten.)]
[Fußnote 680: Thorpe. Op. cit., Vol. 2, P. 192.]
Wir können das gegenwärtige Kapitel mit einem Zitat aus _Hansen_[687], der ersten Autorität für unser Thema, schließen: »Die Hexenverfolgung ist ein kulturgeschichtliches Problem, das, wenn es auch als tatsächlich abgeschlossen gelten darf, doch mit unserer Zeit noch enger zusammenhängt, als man auf den ersten Blick zuzugeben geneigt sein dürfte. Die Elemente des Wahns, auf denen sie sich aufgebaut hat, werden noch heute fast ausnahmslos in den Lehren der geltenden religiösen Systeme weitergeführt ..... Von der Verantwortung für seine Entstehung wird die Menschheit sich aber doch erst dann ganz entlastet fühlen können, wenn sie auch den kläglichen, noch nicht überwundenen Rest der ihm zu Grunde liegenden Wahnvorstellungen ausgeschieden haben wird, der trotz aller inneren Haltlosigkeit in den herrschenden religiösen Systemen noch heute sein Dasein fristet.«
[Fußnote 681: Im Englischen bedeutet »puss« entweder Katze oder Hase.]
[Fußnote 682: Elton. Origins of English History, P. 297.]
[Fußnote 683: Thorpe. Loc. cit.]
[Fußnote 684: Mannhardt. Zeitschr. f. Deutsche Mythologie, Jahrg. 4, S. 260.]
[Fußnote 685: De Lancre. Op. cit., Pp. 199, 402.]
[Fußnote 686: Krauß. Op. cit., S. 125.]
[Fußnote 687: Hansen. Op. cit., Vorwort 7 und S. 538.]
VIII. Schluß.
Es wird vielleicht von Nutzen sein, hier einen Rückblick auf die charakteristischen Eigenschaften, die den fünf eben untersuchten Erscheinungen gemeinsam sind, zu versuchen. In erster Linie stellen sie alle Konstruktionen aus zahlreichen Elementen dar, die nicht nur vorher im Glauben der europäischen Völker selbständig existierten, sondern auch bis zum heutigen Tage in weit auseinander liegenden Teilen der Erde zu finden sind. Für die Zusammensetzung der Bestandteile war jedesmal die Kirche ursprünglich verantwortlich, in vier Fällen die römisch-katholische Kirche und im fünften die griechische. Der Glaube an diese Erscheinungen stand, nach ungefährer Annahme, drei Jahrhunderte lang allgemein fest; nach Ablauf dieser Zeit verschwand er nicht, sondern löste sich in seine ursprünglichen Elemente auf. Auch der voll entwickelte Glaube fristet sich noch im ungebildeten Teile der Volksgemeinschaft fort und, daß dies keineswegs selten der Fall ist, wird dadurch bewiesen, daß der Schreiber dieser Zeilen selbst mit Leuten zusammentraf, welche von der Wahrheit des Glaubens, wie er im Mittelalter verbreitet gewesen ist, überzeugt waren. Der Glaube an die einzelnen Elemente ist viel weiter verbreitet und kann in gewissen Fällen auch bei gebildeten Leuten gefunden werden. Während des Mittelalters hatte der Glaube an jene Erscheinungen die Neigung, epidemische Formen anzunehmen, und gab dann meistens Anlaß zu furchtbaren Leiden und einem fast ohne Parallele dastehenden Ausbruch gemeinsamen Verfolgungsgeistes.
Die fünf Glaubensphänomene waren stark untereinander verschlungen und in mehr als einer Hinsicht geht eines fast unmerkbar in das andere über. Ihre psychologische Bedeutung hängt noch inniger zusammen als ihre äußere Gestalt. Die tatsächliche Formulierung nach Erreichung der vollständigen Entwicklung wurde durch eine Mehrheit von Faktoren beeinflußt, die hauptsächlich sozialer und religiöser Natur waren, weshalb ihre Analyse zunächst ein historisches Problem ist. Die bedeutsamsten waren der Haß der Kirche gegen jede Art der außerkirchlichen Anbetung, die ihr mit Ungehorsam gegen Gott gleichbedeutend schien, ihre abnorm übertriebenen Anstrengungen im Dienst der Sexualverdrängung und ihr besonderer Abscheu vor dem Inzest. Die Elemente, aus denen sich die Erscheinungen zusammensetzten, waren alle Projektionen des unbewußten verdrängten sexuellen Materials nach außen. An diesem Material sind zwei Eigenschaften vor allem bemerkenswert, das Hervortreten inzestuöser Wünsche und infantiler Züge. Die Phänomene können psychologisch als Phobien bezeichnet werden, deren latenter Inhalt verdrängte inzestuöse Wünsche bilden.
Ihre Beziehungen zum Alptraum sind besonders nahe. In der Intensität ihres Angstaffektes werden sie von keiner anderen Erfahrung erreicht, außer von jener der Alp- und verwandten Angstträume. In manchen ihrer Züge enthalten sie eine für Angstträume höchst charakteristische Symbolik; von diesen sei besonders erwähnt: die plötzliche Verwandlung einer Person in eine andere oder in irgend ein Tier, das Vorkommen phantastischer und unmöglicher Tierformen, die Schwankungen des betreffenden Objekts zwischen höchstem Anreiz und stärkstem Abscheu, die scheinbar gleichzeitige Existenz derselben Person an zwei verschiedenen Orten, das Fliegen oder Reiten durch die Luft und die Wiedergabe sexueller Akte als peinliche Angriffe. Der eigentliche Mittelpunkt des latenten Inhaltes sowohl beim Alptraum als bei den fünf von uns untersuchten Phänomenen wird durch die verdrängten inzestuösen Wünsche gebildet. Bei vier der letzteren sind auch andere sexuelle Wünsche, verschiedene Perversionen im latenten Inhalt vorhanden, ebenso im Falle der Angstträume, die nicht zum Alpdruck-Typus gehören. Ferner trat auch beim Alptraum manchmal die Neigung auf, wie jene epidemische Form anzunehmen.[688] Die ausgedehnte Übereinstimmung, die zwischen dem Alptraum und diesen Formen des Aberglaubens nicht bloß hinsichtlich ihrer wesentlichen psychologischen Bedeutung, sondern auch an vielen Punkten ihrer Oberfläche bestand, macht es sehr wahrscheinlich, daß die wirkliche Traumerfahrung bei der Ermöglichung ihrer Konstruktion, für welche sie ja die unerläßliche Basis abgab, von erheblichem Einfluß war.
[Fußnote 688: Siehe z. B. Laurent, zitiert bei Parent, Grand Dictionnaire de Médecine, T. XXXIV, Art. Incubi.]
Eine enge Analogie kann zwischen unseren Erscheinungen und den psycho-neurotischen Symptomen nachgewiesen, ja ihre Identität in weitem Ausmaße konstatiert werden. Wie diese entstammen sie verdrängten sexuellen Wünschen der frühen Kindheit, die verhältnismäßig unsichtbar blieben, bis äußere Umstände die Annahme gewisser scharf umrissener Äußerungsformen herbeiführten. Das allmähliche Verschwinden ging auch auf dieselbe Art und Weise vor sich, wie bei neurotischen Symptomen eine spontane Heilung eintritt; diese hängt nämlich teils von einer Erhöhung der Verdrängung ab, teils davon, daß die zu Grunde liegenden Strebungen einen neuen Abflußkanal ausfindig machen. Beide Vorgänge spielten bei dem Verschwinden jener fünf Bildungen des Aberglaubens eine Rolle, wie im vorigen Kapitel gezeigt wurde: erhöhte Schärfe des wissenschaftlichen Denkens in Verbindung mit den intensiven Sexual-Verdrängungen lassen sie als ungeeignete Ausdrucksform der begrabenen Wünsche erscheinen. Diese Erwägungen lassen uns die künftige Entwicklung der hier behandelten Vorgänge erraten. Die bei den Neurosen gesammelte Erfahrung zeigt, daß, solange nicht die begründenden Faktoren gründlich beseitigt wurden -- was hier nicht der Fall gewesen ist --, das bloße Verschwinden der Symptome keineswegs vor jeder künftigen Störung sichert; die Tendenz der zu Grunde liegenden Strebungen, entweder durch Wiederaufnahme der alten Symptome oder in anderen Ausdrucksformen Befriedigung zu suchen, bleibt bestehen. Aus mannigfachen historischen Gründen muß die Annahme, daß ein Rückfall in den alten Aberglauben möglich sei, zurückgewiesen werden und dies wäre in unserer modernen Zivilisation auch kaum denkbar; eine andere Gruppe von Auswegen muß deshalb gefunden werden. Welcher Art diese sein werden, ist unschwer einzusehen; auf der einen Seite religiöse und soziale Bigotterie und Intoleranz, auf der anderen die Erzeugung von Psycho-Neurosen im engeren Sinne. Unsere gegenwärtigen neurotischen und geistesgestörten Patienten sind in ausgebreitetem Maße die Nachkommen der alten Hexen, Lykanthropen u. s. w. und ihre Symptome sind, wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt wurde, in vieler Beziehung gleich. Eine weitere wichtige Erwägung, die meist übersehen wird, ist die, daß das so entstandene Leiden ebenso drückend und nicht minder weit verbreitet ist wie die Schmerzen, welche die analogen Vorgänge im Mittelalter verschuldeten. Man kann sich sehr ernstlich fragen, ob ein Patient mit einer krankhaften Phobie, z. B. in bezug auf Katzen, weniger leidet als ein Mensch, der sich vor dem Teufel fürchtet. Dieser ist sogar in mancher Hinsicht in der besseren Lage, denn seine Furcht wird von Freunden verstanden und als berechtigt anerkannt. Er ist nicht gezwungen, sie geheim zu halten, um der Beschämung und dem Schandmal zu entgehen, welches ihm durch das Bekanntwerden der Tatsache, daß er Feigling und Weichling genug sei, seiner »eingebildeten Angst« nachzugeben, aufgedrückt würde. Eine Furcht, die der von ihr Befallene und seine Umgebung für vernünftig und richtig ansehen, ist leichter zu ertragen, als eine völlig sinnlose und unvernünftige Angst vor harmlosen Objekten, die mit den übrigen bewußten Gedanken nicht übereinstimmt und sich sogar gegen die Überwachung durch das Bewußtsein auflehnt.
Daraus lassen sich hauptsächlich zwei Lehren ziehen, die sich auf die Probleme der Verdrängung und der Urteilsfähigkeit beziehen. Die soziale Seite der ersteren darf uns hier nicht beschäftigen; es wurde nur versucht, an einem Beispiel zu zeigen, welch schreckliche Folgen die übermäßig und unverständige Verdrängung menschlicher Triebregungen nach sich zieht. Wir haben auch gesehen, daß es schwierig und Jahrhunderte lang unmöglich ist, diese Konsequenzen auszurotten, wenn ihr wahrer Sinn nicht aufgedeckt wird.
Die Beziehung unseres Themas zu dem Problem der Urteilsfähigkeit ist ebenso bedeutsam. Für jemanden, der davon überzeugt ist, daß seine Anschauung über einen gefühlsmäßig gefärbten, d. h. sozialen oder religiösen Gegenstand unzweifelhaft die einzig richtige ist, läßt sich keine gesündere Übung denken, als darüber nachzusinnen, daß die fähigsten und schärfsten Denker des Mittelalters, Menschen, die ihm an geistiger Begabung wahrscheinlich nicht nachstanden, ohne Zögern die Wahrheit von Sätzen, die uns heute lächerlich vorkommen, anerkannten. Bei der Besprechung einer Gruppe geringerer Irrtümer, die durch unbewußte Einflüsse herbeigeführt wurden, bemerkte Freud[689] mit Nachdruck: »Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich wichtigeren _Urteilsirrtümer_ der Menschen im Leben und in der Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen äußeren Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim Durchgang durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt.« Eines der Hauptziele der Wissenschaft und Kultur ist es, eine objektive Anschauung von Kultur und Leben zu erringen. Die Hindernisse, die aus bewußten Hemmungen kommend, sich der Erreichung dieses Zieles entgegenstellen, wurden bis zu einem gewissen Grade überwältigt; wir beginnen nun die schwierigere, aber wichtigere Arbeit, die aus dem Unbewußten stammenden Hindernisse wegzuräumen. Der erste Schritt in dieser Richtung ist die Bemühung, die Natur und Betätigungsform dieser unbewußten Einflüsse, die das bewußte Urteil schädigen und verdrehen, genau zu durchleuchten. Freud hat in vorbildlicher Weise einen Weg gebahnt, den zu wandeln jetzt möglich ist; und wenn dies geschieht, wird die Menschheit in Hinkunft weniger Entschuldigung haben für die schwarzen Seiten, die das Buch ihrer Geschichte schänden, wie es die hier untersuchten Formen des Aberglaubens tun.
[Fußnote 689: Freud. Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Dritte Auflage, 1910, S. 121.]
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[S. 25]: ... Untersuchung über Notzucht. Die Autoren des Malleus Malificiarum ... ... Untersuchung über Notzucht. Die Autoren des Malleus Maleficarum ...
[S. 28]: ... incubes et aus sucubes dans l'explication qu'ils ont données ... ... incubes et aux succubes dans l'explication qu'ils ont données ...
[S. 33]: ... Pausanias. Lip. I, Kap. 34. ... ... Pausanias. Lib. I, Kap. 34. ...
[S. 38]: ... Vgl. Herder: »Alles trennt der Tod; Liebende ziehet er nach«; and ... ... Vgl. Herder: »Alles trennt der Tod; Liebende ziehet er nach«; und ...
[S. 46]: ... Polution in Begleitung mehr oder minder erotischer ... ... Pollution in Begleitung mehr oder minder erotischer ...
[S. 47]: ... Ploß. Das Kind im Brauch und Sitte der Völker, 1884, Band 1, ... ... Ploß. Das Kind in Brauch und Sitte der Völker, 1884, Band 1, ...
[S. 53]: ... zurückgedrängte Sexualwünsche, besonders solche, die Inzestckarakter ... ... zurückgedrängte Sexualwünsche, besonders solche, die Inzestcharakter ...
[S. 56]: ... germanischen Mythologie. Die Verknüpfung der Fruchtbarbarkeit ... ... germanischen Mythologie. Die Verknüpfung der Fruchtbarkeit ...
[S. 56]: ... Thorpe. Northern Mythologie, 1851, Vol. I. P. 49-52. ... ... Thorpe. Northern Mythology, 1851, Vol. I. P. 49-52. ...