Part 12
[Fußnote 539: Psychoanalytisches Jahrbuch, 1912, Band 4. Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrgang 1.]
Abgesehen vom Sabbat und der Nachtfahrt hielt die _Hexe bei sich zu Hause_ ihre Beziehungen zum Teufel auf verschiedene Weise aufrecht. In erster Linie begleitete er oder einer der ihm untergeordneten Dämonen sie stets als ihr »familiaris«, welche Vorstellung an den totemistischen Glauben erinnert, der so allgemein, z. B. im norwegischen Folklore[542], verbreitet ist. Der Familiaris nahm gewöhnlich die Gestalt eines Katers[543] an. Bei den Zusammenkünften der ketzerischen Katharersekte im 13. Jahrhundert erschien der Teufel als Kater und man nahm an, daß der Name der Sekte von dieser Tatsache genommen sei. Katzen haben eine besonders große Rolle in der Mythologie weiblicher übernatürlicher Wesen gespielt. Die alten germanischen Zauberinnen verwandelten sich gelegentlich in Katzen.[544] Katzen sind besonders mit der Vorstellung des Reitens assoziiert und wurden bei der Hexenfahrt wirklich zu diesem Zwecke benützt.[545] Dieser Glaube scheint vor allem aus der germanischen Mythologie zu stammen. Roskoff[546] schreibt: »Freyja fährt auf einem mit zwei Katzen bespannten Wagen, den Symbolen des starken Zeugungstriebes .... Die der Freyja geheiligte Katze macht das Mittelalter zum Tiere der Hexen und Nachtfrauen.« Dasselbe galt von dem Gefolge der Holda[547], dem Prototyp der Nachtdämonenseite der Hexen. Im Süden wurden die Katzen von ihren Verwandten, den Löwen, ersetzt; der Wagen des Heraklos wurde z. B. von zwei Löwen gezogen. Außer dieser symbolischen Begleitung der Hexen erschien ihnen der Teufel noch häufig als Inkubus (siehe später).
[Fußnote 540: Freimark. Op. cit., S. 306, 308. Laurent und Nagour, Loc. cit.]
[Fußnote 541: Siehe Abraham. Op. cit., S. 63.]
[Fußnote 542: Thorpe. Northern Mythology, 1851, Vol. I, P. 115.]
[Fußnote 543: Grimm, Op. cit., S. 891. Hansen. Op. cit., S. 229.]
[Fußnote 544: Grimm. Op. cit., S. 915.]
[Fußnote 545: Jähns. Op. cit., S. 415.]
[Fußnote 546: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 159.]
Der Gegenstand aber, der in dieser Beziehung die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Besessenheit durch den Teufel. Diese definiert Graf[548] wie folgt: »Der Teufel konnte sich damit begnügen, den Menschen nur äußerlich zu quälen, indem er die Angriffe und Bedrängungen vervielfachte, oder auch innerlich peinigen, indem er in ihn einfuhr. Im ersten Fall hatte man die eigentliche sogenannte Obsessio, im zweiten die Possessio«. In der Sprache unserer Tage würde der Unterschied zwischen den beiden Fällen wohl durch die Ausdrücke Zwangsneurose und Hysterie gekennzeichnet werden; wie zu erwarten stand, waren dem zweitgenannten Zustand hauptsächlich Frauen unterworfen. Die Merkmale der Besessenheit durch einen Dämon sind zu gut bekannt, um hier wiederholt zu werden.[549] Da das Vorkommnis noch immer keineswegs selten ist, war Gelegenheit vorhanden, sie vom klinischen Standpunkt aus zu untersuchen und nachzuweisen[550], daß sie als Symptom verschiedener Geistesstörungen vorkommen kann. Müller[551] schreibt: »Was sich in den Hexenprozessen durchgängig wiederholt, sind Entwicklungskrankheiten der Jugend oder des Alters bei Weibern, die über die klimakterischen Jahre hinaus sind, halb irre Zustände, Nervenkrankheiten, die so oft Gegenstand einer abergläubigen, dem Zeitalter angemessenen Auslegung waren, und endlich wirklich Buhlerei, und zwar, wie es scheint, oft mit verkappten Personen oder mit bekannten Personen, in deren Gestalt gerade jetzt einmal der Teufel erscheint.« Die Bedingung hat sich mit besonderer Häufigkeit bei der Hysterie erfüllt gefunden und mit Rücksicht auf unsere neuerworbene Kenntnis von der sexuellen Ätiologie der Hysterie[552] -- die hysterischen Attacken mitinbegriffen, die den Akt des Koitus[553] symbolisieren -- ist es wohl der Mühe wert, kurz den Nachweis der Hysterie bei der Besessenheit der Hexen zu führen. Unter die hysterischen Symptome, die dabei beobachtet wurden, gehören: Bulimia, pica, anorexia nervosa, vomiren (häufig von Fremdkörpern, wie Nadeln u. s. w.), globus hystericus, pseudocyesis, Zittern, koitusartige Bewegungen, Mediumismus, Narcolepsie (Ohnmachtsanfälle), Somnambulismus, Katalepsie, Amnesien, »Lügen«, Lebensüberdruß, feindselige Einstellung, Zerspaltung in zwei oder mehrere Personen: kurz, alle jene Symptome, von denen man neuerdings erklärt hat, daß sie niemals vorkommen, außer wo sie durch die Suggestion der Ärzte aus der Schule der Salpetrière künstlich erzeugt wurden. Die Beschreibung der konvulsiven Anfälle, wie sie die besessenen Nonnen von Louviers[554] zeigten, stimmt mit allen Einzelzügen genau mit der Beschreibung der hysterischen Anfälle überein, wie sie unsere modernen medizinischen Lehrbücher geben; selbst der Ausdruck _arc en cercle_ wird benützt. Von besonderem Interesse ist der Umstand, daß der Exorzismus von dem Besessenen mit einer Flut von »abscheulichen und schamlosen« Reden begleitet wurde, mit anderen Worten, daß er durch den Prozeß des Abreagierens seine Wirkung übte.
[Fußnote 547: Jähns. Op. cit., S. 384.]
[Fußnote 548: Graf. Geschichte des Teufelsglaubens, Deutsche Ausg., 1893, S. 137.]
[Fußnote 549: Maury. Op. cit., Seconde Partie. Ch. II., Pp. 256-338. »Origine démoniaque attribuée aux Maladies nerveuses et mentales«. Murisier. Les maladies du sentiment religieux, 1903, P. 148-151.]
[Fußnote 550: Kerner. Geschichten Besessener neuerer Zeit. Nevius. Demon Possession and allied Themes, 1894. Pezet. Contribution à l'étude de la Démonomanie, 1909.]
[Fußnote 551: Johannes Müller. Über die phantastischen Gesichtserscheinungen. 1826, S. 67.]
[Fußnote 552: Freud. Sammlung kl. Schr. z. Neurosenlehre, 1906, Kap. X, XI, XIV.]
[Fußnote 553: Freud. Samml. Op. cit., Zweite Folge, 1909, Kap. VI.]
[Fußnote 554: Jean le Breton. De la défense de la vérité touchante la possession des religieuses de Louviers, 1643, Esc. Traictè des marques des possédés et la preuve de la véritable possession des religieuses de Louvein, 1644.]
Aber nicht nur die Symptome der Hysterie waren bei den Hexen vorhanden, sondern auch die Stigmata so häufig, daß auf das Vertrauen, welches man in sie setzte, die bequemste und sicherste Methode, eine Hexe zu erkennen, aufgebaut wurde. Scot[555] schreibt darüber: »Wenn sie ein geheimes Zeichen unter der Schulter, unter dem Haar, unter der Lippe oder an heimlichen Stellen trägt, so ist dies eine hinreichende Vermutung für den Richter, um gegen sie vorzugehen und auf die Todesstrafe zu erkennen.« Die Hauptprobe, die von den professionellen »Hexensuchern« angewandt wurde, war die sogenannte épreuve du stylet. Bezüglich der Verteilung und Natur dieser anästhetischen Stellen erzählt uns Sinistrari[556]: »Sie ist auf den verborgensten Körperteilen eingedrückt ...; bei Weibern ist sie meistens auf den Brüsten oder den heimlichen Orten. Nun ist der Stempel, der diese Zeichen aufdrückt, kein anderer als des Satans Klaue.« Wie es bei hysterischen stigmata gewöhnlich der Fall ist, geben diese anästhetischen Stellen auf Stiche kein Blut.[557] Freimark[558] hat darauf hingewiesen, daß diese Zeichen auch als Merkmale verschiedener ketzerischer Sekten, welche der vollen Entwicklung des Hexenglaubens vorhergingen, galten.
Die psychologische Erklärung der Phänomene der Besessenheit ist nicht schwierig. Freimark[559] hat sie mit den folgenden Worten beschrieben: »Tragen die Phänomene des Somnambulismus und Mediumismus in der Regel nur ihren Entstehungsursachen nach sexuellen Charakter, so sind diejenigen der Besessenheit durch und durch sexueller Natur ... Das urteilende Ich, das alle nach der bestehenden Gesellschaftsordnung, nach Religion, Moral und dem Milieu, in dem es sich entwickelt, als ungehörig betrachteten Gefühle und Vorstellungen unterdrückte, in das Unterbewußtsein zurückschob, wo sie sozusagen ein eigenes Leben führten, wird von dem dort im Laufe der Zeit sich ausbildenden Gefühls- und Vorstellungskomplex überrumpelt und die Bewußtseinsspaltung ist vollzogen ... Einen ähnlichen Vorgang können wir im Traumleben beobachten; und der Somnambulismus und auch der Mediumismus zeigen das, was uns der Traum lehrt, in verstärktem Maße.«
[Fußnote 555: Reginald Scot. Op. cit., P. 15.]
[Fußnote 556: Sinistrari. Demoniality. (17. century.) Englische Übersetzung, 1879, P. 27.]
[Fußnote 557: Santerre. Histoire des diables de Loudun, 1694, P. 318.]
[Fußnote 558: Freimark. Op. cit., S. 280.]
[Fußnote 559: Freimark. Op. cit., S. 54, 57. Siehe auch S. 62-69, 353 und Maury. Op. cit., P. 258.]
Wir gelangen nun zu dem _zweiten Problem_, nämlich, warum die Hexenepidemie gerade zu jener Zeit ausbrechen mußte. Die Untersuchungen, die über dieses Problem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von Ennemoser[560], Michelet[561], Roskoff[562], Soldan[563] und Wächter[564] angestellt worden waren, wurden in den letzten Jahren verbessert und vertieft von Hansen[565], von Hoensbroech[566], Längin[567], Lea[568], Lempens[569], Riezler[570] und anderen, und viele Punkte sind nun völlig aufgeklärt. Die drei wichtigsten Schlüsse, die aus diesen Forschungen gezogen werden können, sind:
1. Daß die Idee der Hexerei in ihrem strikten Sinne im Mittelalter vollkommen neu war und daß die Hexenepidemie aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt;
2. daß die dazu beitragenden Faktoren außerordentlich ineinander verschlungen sind und
3. daß die volle Verantwortlichkeit dafür ohne jede Einschränkung der römisch-katholischen Kirche zur Last fällt.
Der Hexenglaube, so wie jener an den Teufel, wurde von der Kirche sorgfältig aus disparatem, längst schon im Folklore vorhanden gewesenem Material zusammengesetzt. Hansen[571] spricht das unzweideutig mit den folgenden Worten aus: »Der Begriff vom Hexenwesen ... ist keineswegs aus dem Spiel der Volksphantasie frei erwachsen, sondern wissenschaftlich, wenn auch in teilweiser Anlehnung an Volksvorstellungen, konstruiert und fest umschrieben worden; er ist in seinen Elementen durch die systematische Theologie der mittelalterlichen Kirche entwickelt, strafrechtlich in der Gesetzgebung von Kirche und Staat fixiert, schließlich auf dem Wege des kirchlichen und weltlichen Strafprozesses, und zwar zuerst durch die Ketzerinquisiton, zusammengefaßt worden.« Die meisten dieser aus dem Volk stammenden Elemente sind durch Jahrhunderte von der Kirche abgelehnt worden, die sich nur Schritt für Schritt zu ihrer Annahme entschloß. Dabei wurden die Elemente immer mehr und mehr zusammengepreßt, bis dann zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine ganz neue Auffassung entstanden war und offiziell proklamiert wurde. Hansen[572] sagt: »Wie bereits angedeutet wurde, erweisen sich die Verfasser der literarischen Quellen des 15. Jahrhunderts, welche uns jenen Kollektivbegriff der Hexe definieren, sämtlich als von der Überzeugung durchdrungen, daß es sich bei der von ihnen geschilderten Art des Hexenwesens um eine _neue_ Erscheinung ... handelt. Die beteiligten Inquisitoren zeigen sich geradezu überrascht von der Existenz dieser neuen Sekte.« Jühling[573] konstatiert ebenso emphatisch: »Es gab freilich schon im Altertum den Begriff der Zauberinnen, aber die Hexe an und für sich ist eine Ausgeburt spezifisch christlichen Aberglaubens.«
[Fußnote 560: Ennemoser. Op. cit., Vierter Abschnitt, Zweite Abteilung.]
[Fußnote 561: Michelet. Op. cit.]
[Fußnote 562: Roskoff. Op. cit., Band 2, Dritter Abschnitt.]
[Fußnote 563: Soldan. Op. cit.]
[Fußnote 564: Wächter. Die Hexenprozesse. Ein kulturhistorischer Versuch, 1865.]
[Fußnote 565: Hansen. Op. cit., und: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter, 1901.]
[Fußnote 566: Von Hoensbroech. Das Papsttum in seiner sozialkulturellen Wirksamkeit, Dritte Auflage, 1901, Band 1, S. 380-600.]
[Fußnote 567: Längin. Religion und Hexenprozeß, 1888.]
[Fußnote 568: Lea. History of the Inquisition in the Middle Ages, 1887. History of the Inquisition in Spain, 1907.]
[Fußnote 569: Lempens. Geschichte der Hexen und Hexenprozesse, 1880.]
[Fußnote 570: Riezler. Geschichte der Hexenprozesse in Bayern, 1896.]
Es ist unmöglich, hier den Versuch zu machen, daß »vielverschlungene Gewebe aus mannigfaltigen Fäden«, wie Roskoff den Hexenglauben sehr gut genannt hat, zu entwirren, doch müssen einige Worte über die Geschichte seiner hervorstechendsten Züge gesagt werden. Die Vorstellungen von Ketzerei, Teufelsbündnissen und Sabbat sind hauptsächlich, wenn auch keineswegs ausschließlich, religiöser Natur; der Glaube an das Maleficium, an die Verwandlung in Tiere und an den Flug der Nachtdämonen durch die Luft, die uns hier beschäftigen, haben in der Volks-Mythologie ihre Quelle. Das Maleficium war immer ein strafbares Delikt gewesen, bei den alten Römern sowohl wie bei den Germanen, nicht aber jene Handlungen, die im Inkubus- und Striga-Glauben enthalten waren. Die Geschichte der Entstehung der Hexerei ist die Geschichte, wie die Kirche vorsichtig und geschickt im Laufe zweier Jahrhunderte eine neue Vorstellung entwickelte und sie der ganzen zivilisierten Welt aufnötigte. Die Haltung der ältesten Kirche war den rudimentären Formen, in denen die Vorstellung damals vorkam, durchaus feindlich. Lehmann[574] weist darauf hin, wie folgt: »Auf der Synode zu Paderborn 785 stellte man folgenden Satz auf: _Derjenige, welcher_, durch den Teufel verblendet, _nach Art der Heiden glaubt, daß jemand eine Hexe sein kann und deshalb dieselbe verbrennt, wird mit dem Tode bestraft_.« Zu dieser Zeit wird also nicht die Hexe, sondern der Glaube an dieselbe verfolgt und bestraft. Diese Bestimmung wurde von Karl dem Großen bestätigt und war in den folgenden Jahrhunderten die Richtschnur für die Stellung der Kirche gegenüber allen Anklagen wegen Hexerei. Noch deutlicher tritt die Auffassung der Kirche von Hexerei im sogenannten _Ancyranischen Kanon Episcopi_ hervor, welche um das Jahr 900 entstand. Hier wird den Bischöfen befohlen, »in ihren Gemeinden den Glauben an die Möglichkeit dämonischer Zauberei und nächtlicher Fahrten zu und mit Dämonen als reine Illusion energisch zu bekämpfen und alle diejenigen, welche einem solchen Glauben huldigen, aus der kirchlichen Gemeinschaft auszustoßen.«
[Fußnote 571: Hansen. Op. cit., Vorwort, S. 6.]
[Fußnote 572: Hansen. Op. cit., S. 145.]
[Fußnote 573: Jühling. Die Inquisition, 1903, S. 299. Siehe auch Ennemoser. Op. cit., S. 780, 781, und Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 214-225.]
Im dreizehnten Jahrhundert aber veranlaßte die beunruhigende Zunahme und die Macht der Ketzersekten[575] (Templer, Katharer und ihre Nachfolger, die Waldenser) die Kirche zu den entschiedensten Maßregeln zu ihrer Unterdrückung und sie verstand es, auf einfache Weise die Hilfe der Laien zu gewinnen, indem sie die Vorstellungen von Hexerei und Ketzerei miteinander vermengte. Das päpstliche Gericht, das Gregor IX. im Jahre 1227 errichtete, wurde der Nukleus der künftigen Inquisition und später im selben Jahrhundert erklärte Alexander IV. in aller Form, daß Hexerei und Ketzertum eines seien. Der große Einfluß des Thomas von Aquino zu jener Zeit wurde ebenfalls in die Wagschale geworfen und war ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Idee.[576] Von da an bis zum 15. Jahrhundert waren die Fortschritte verhältnismäßig gering.
[Fußnote 574: Lehmann. Aberglaube und Zauberei, Zweite deutsche Ausg., 1908, S. 105. Siehe auch Sepp, Orient und Okzident, 1903, S. 140, 150.]
[Fußnote 575: Siehe Hansen. Op. cit., S. 212-216, 232.]
An dieser Stelle können wir die einzelnen Elemente des Hexenglaubens mehr im Detail betrachten und erkennen, wie sie miteinander vermischt wurden. Das erste, das von diesem Schicksal betroffen wurde, war das Maleficium[577] und dies gab für das Volk den Ausschlag zur Verteidigung der Kirche gegen die Ketzerei. Der volkstümliche Glaube an das Maleficium, der die Kirche stets vom Standpunkt der Götzendienerei aus interessierte, kam in Zusammenhang mit dem Teufelsglauben[578] und dadurch auch mit der Ketzerei.[579] Dies erste Element erwies sich auch als das ausdauerndste. Hansen[580] sagt: »Das Maleficium, mit Ausnahme des Wettermachens, ist ohne alle Unterbrechung von der kirchlichen und bis in das 17. Jahrhundert auch von der staatlichen Autorität als Realität angenommen, seine Kraft ist nie ernstlich in Abrede gestellt worden; es zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Geschichte der strafrechtlichen Verfolgung.«
Es ist unmöglich, hier jene zahlreichen Legendentypen zu verfolgen, die sich auf Frauen, _die bei Nacht_ _fliegen_,[581] beziehen, wie Ahnfrauen u. s. w., da dies uns zu weit in das Gebiet der Mythologie führen würde, obgleich von hier aus manches unterstützende Beweisstück für unsere Hauptthese gefunden werden könnte; denn solche Geschichten hängen eng mit den Erfahrungen des Alpdruckes zusammen und mit dem späteren Sukkubus. Es möge genügen zu sagen, daß sie bei der Entwicklung des Hexenglaubens eine bedeutende Rolle spielten. Beiträge kamen von der griechischen Persephone (Würgerin)[582], der römischen Striga (italienisch strega, schweizerisch Sträggeli)[583], den germanischen Elfen[584] und den deutschen Waldfrauen und weißen Frauen (Bertha, Holda)[585] -- den Abkömmlingen der nordischen Frigg. Es wurde beispielsweise geglaubt, daß eine Hexe mit 40 Jahren eine Drude wird[586], während es anderseits hieß: »aus jungen Druden pflegen alte Hexen zu werden«[587]; nach Grimm[588] ist eine Drude eins mit einer Mahre (Nachtmahr). Die Kirche war einige Jahrhunderte hindurch entschieden abgeneigt, die Möglichkeit von Nachtflügen anzunehmen. Die Idee wurde im 5. Jahrhundert durch den berühmten Caere episcopi[589] zurückgewiesen, im Jahre 906 durch Regino von Prüm, im Jahre 1020 durch Burkard von Worms, im 12. Jahrhundert von Johann von Salisburg und im Jahre 1230 durch Wilhelm von Paris.[590] In dieser Frage wurde im 13. Jahrhundert ausführlich und mit größtem Eifer hin und wider gestritten[591] und erst um 1450 wurde der Glaube von der Kirche allgemein angenommen.[592] Es erwies sich dann, daß gerade dieser Frage für die endgültige Festsetzung des Hexenaberglaubens die entscheidende Bedeutung zukam, vor allem durch den Zusammenhang mit dem Sabbat; es war in der Tat der Fund der Inquisition, daß die Opfer so häufig Geschichten von Luftflügen erzählten, durch den die Frage für die Kirche erledigt und die Identität der ketzerischen Zusammenkünfte und des Hexensabbats nachgewiesen wurde.[593]
[Fußnote 576: Soldan. Op. cit., Band 1, S. 180.]
[Fußnote 577: Siehe Hansen. Op. cit., S. 9-14.]
[Fußnote 578: Wundt. Völkerpsychologie. Zweiter Band, »Mythus und Religion«, Zweiter Teil, 1906, S. 400. Hansen. Op. cit., S. 451.]
[Fußnote 579: Hansen. Op. cit., S. 23, 39, 239.]
[Fußnote 580: Hansen. Op. cit., S. 13.]
[Fußnote 581: Grimm. Op. cit., S. 907. Hansen. Op. cit., S. 15-18.]
[Fußnote 582: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 136.]
[Fußnote 583: Hansen. Op. cit., S. 14. Sepp. Op. cit., S. 120, 231.]
[Fußnote 584: Meyer. Op. cit., S. 135.]
[Fußnote 585: Graf. Op. cit., S. 266, 267. Grimm. Op. cit., S. 803-810. Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 157-159. Wuttke. Op. cit., S. 29-31, 47.]
[Fußnote 586: Sepp. Op. cit., S. 122.]
[Fußnote 587: Grohmann. Aberglaube und Gebräuche aus Böhmen, 1864, Band 1, S. 23.]
[Fußnote 588: Grimm. Op. cit., S. 1042.]
[Fußnote 589: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 271.]
[Fußnote 590: Hansen. Op. cit., S. 80, 83-85, 134, 136.]
[Fußnote 591: Hansen. Op. cit., S. 191-209.]
Das verwandte Thema der Verwandlung von Menschen in Tiere, ebenfalls eine alte Volks-Phantasie, verlief parallel mit jenem der Nachtfahrt. Anfänglich von der Kirche entschieden geleugnet[594], die jene, welche daran festhielten, ebenso streng bestrafte, wie im vorigen Fall, wurde der Glaube zuerst hitzig bekämpft[595] und schließlich angenommen, allerdings erst im Jahre 1525[596] mit allgemeiner Geltung.
Die Vorstellung des Sabbats wurde von der Kirche im Zusammenhang mit den selbstverständlich geheimen Zusammenkünften der Ketzer eingeführt, bei denen sie, wie man ihnen vorwarf, alle Arten von Orgien und Missetaten verübten; denselben Vorwurf hatte sich bekanntlich in den Zeiten der Römer die Kirche selbst gefallen lassen müssen.[597] Die erste vollständige Darstellung erscheint in einem Hexen-Ketzer-Prozeß, der im Jahre 1335 in Toulouse stattfand.[598] Die Idee wurde vermutlich durch die germanischen Sagen von der wilden Jagd und dem wilden Heer verstärkt. Die Erinnerung an die römischen Bacchanalia[599] und Cotyttia[600] spielte zweifellos auch eine Rolle; sogar der Gebrauch des Wortes Sabbat im Zusammenhang mit den Hexen wurde durch die Annahme erklärt, daß eine von jüdischen Manichäern veränderte Form des Sabos vorliege; unter diesem Namen, der von [Griechisch: sabazein] tanzen[601] kommt, wurde nämlich der Kultus des Bacchos verrichtet. Die Erinnerung daran wurde im Mittelalter durch das berühmte Narrenfest[602] frisch erhalten, dessen wahrer Ursprung vorchristlich war.[603]
[Fußnote 592: Hansen. Op. cit., S. 303-306, 409, 455-458.]
[Fußnote 593: Hansen. Op. cit., S. 235, 238.]
[Fußnote 594: Hansen. Op. cit., S. 18, 83-87.]
[Fußnote 595: Hansen. Op. cit., S. 189, 190.]
[Fußnote 596: Hansen. Op. cit., S. 455.]
[Fußnote 597: Henne am Rhyn. Der Teufels- und Hexenglaube, 1892, S. 68. Hansen. Op. cit., S. 21, 226, 227.]
[Fußnote 598: Lamothe-Langon. Histoire de l'inquisition en France, 1829, T. III, P. 233.]
[Fußnote 599: Freimark. Op. cit., S. 279.]
[Fußnote 600: Hedelin. Des Satyres, brutes, monstres et démons, 1627, 1888 Edition, P. 124.]
Die schwarze Messe, der Mittelpunkt des Sabbats, ist sehr alter Herkunft. Sexuelle Vereinigung in der Öffentlichkeit wurde sowohl in alten[604] wie modernen[605] Religionen, bei kultivierten[606] wie bei wilden[607] Völkern als geheiligte Zeremonie ausgeübt. Wir können die Geschichte und die Bedeutung dieser Tatsache unbesprochen lassen und verweisen nur darauf, daß die schwarze Messe als Perversion oder Aberglaube noch fortgedauert hat, längst nachdem die Hexenepidemie zu Ende war,[608] und bis zum heutigen Tage nicht ganz verschwunden ist.[609]
Der Glaube an die _Buhlschaft_ zwischen Hexe und Teufel ist ebenfalls ein verhältnismäßig später Bestandteil des Hexenglaubens. Die Vorstellung eines solchen Verkehres zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen war natürlich stets im Volke lebendig, wurde jedoch von der Kirche heftig abgelehnt, e. g. von Burkard (900).[610] Bis zum 12. Jahrhundert war sie von der Zauberei völlig geschieden[611] und wurde nur durch die Zwischenglieder des Hexensabbats und der Ketzerei damit in Verbindung gebracht (um 1250).[612] Sie wurde von Gervasius von Tilbury im Jahre 1214[613] angenommen und im selben Jahrhundert auch von Thomas Aquin[614]; der erste Fall, in dem die Anklage in einem Hexenprozeß darauf basiert war, ereignete sich im Jahre 1275; damals wurde ein Weib wegen Verkehres mit dem Teufel verbrannt.[615] Bis dahin behandelte man den Akt nicht als Sünde, da man annahm, daß er, wenn überhaupt, nur gegen den Willen des Opfers vorkomme.[616] Es war jedoch schwer, die letztere Ansicht aufrecht zu erhalten, da die Anhänglichkeit der Verfolgten an ihren Inkubus-Teufel klar zu Tage lag, sogar dort, wo es sich um Nonnen handelte.[617] Nach der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gehörte der Glaube, wie Hansen[618] es ausdrückt, zum festen Bestand theologischer Wissenschaft.
[Fußnote 601: Hermann. Genesis, Band 3, Bacchanalien und Eleusinien. 2. Auflage, S. 103. Hedelin. Op. cit., P. 131.]
[Fußnote 602: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 363.]
[Fußnote 603: Bourke. Scatalogic Rites of all Nations, 1891, Cap. III, Pp. 11-23.]
[Fußnote 604: Rocco. Sex Mythology, 1898, P. 46.]
[Fußnote 605: Dixon. Seelenbräute, Deutsche Übersetz., 1868, Band 1, S. 273-278.]
[Fußnote 606: Sellon. Annotations on the Sacred Writings of the Hindus, 1902 Edition, Pp. 26, 27.]
[Fußnote 607: Cook. An Account of a Voyage round the World, Vol. II, P. 127.]