Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft

Part 11

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Die Erklärung dieses Massenglaubens an das Hexenmaleficium ist nicht einfach, obgleich er eine sehr allgemeine Grundlage haben muß, da etwas ähnliches in allen Epochen der Menschheit zu finden ist. Im allgemeinen besteht die engste Beziehung zwischen Zauberei und Sexualität, wie Bloch, Hansen und andere nachgewiesen haben[490], so daß der Verdacht wohlberechtigt ist, daß die Quelle des Hexenmaleficium, das sich in starkem Ausmaße auf die Frage der Impotenz bezog, gleichfalls sexueller Natur sein müsse. Hansen[491] hat folgende Erklärung beigebracht, die wenigstens auf den Fall, daß geradezu Impotenz herbeigeführt wird, anwendbar ist: Er führt ihren Ursprung in den Orient zurück und sagt, »sie dürfte in der Vielweiberei, und zwar gleichmäßig in der natürlichen Eifersucht der Frauen eines Mannes und der psychischen Entnervung dieses Mannes ihren Ursprung haben. Diese Art von Maleficium hat einen ausgesprochen weiblichen Charakter; sie hat viel dazu beigetragen, ältere, auf die Liebeserfolge der jüngeren eifersüchtige Frauen in den Verdacht der Hexerei zu bringen.« Zwei Erwägungen bestätigen diese Meinung Hansens. 1. Die Tatsache, daß im Mittelalter der Verlust an Männern in den zahlreichen Kriegen so groß war, daß die sozialen Bedingungen denen des Orients angenähert waren; in Deutschland war aus diesem Grunde die Polygamie durch Sondergesetze, die zu diesem Ende erlassen wurden, wirklich erlaubt worden. Auf die Bedeutung der Kreuzzüge in dieser Richtung hat Buckle hingewiesen.[492] 2. Die neuere psychiatrische Erkenntnis der engen Verbindung zwischen Impotenzgedanken und Eifersucht. Hansens Auffassung läßt jedoch den panikartigen Schrecken der _Männer_, die schließlich doch wissen mußten, daß sie potent seien, noch immer völlig unerklärt. Die Vorstellung muß an einer in ihrem Innern bereits vorhandenen Furcht Widerhall gefunden haben. Wir können annehmen, daß zu einer solchen Zeit die ungenügende Gelegenheit für die Frauen, hinreichende Befriedigung zu finden, der Frage der männlichen Potenz eine besonders stark empfundene Bedeutung gab. Auch ist es bekannt, daß diese Angst bei Männern ebenso häufig als tiefgewurzelt ist. Die psychoanalytische Untersuchung hat gezeigt, daß sie ihre Wurzeln in der frühesten Kindheit hat, in der Furcht des Knaben, daß ihm die Eltern den Penis, wie irgend ein anderes Spielzeug wegnehmen werden, wenn er schlimm ist, d. h., wenn er für ihn zu viel Interesse zeigt oder mit ihm spielt. Es ist im Wesen eine Furcht vor dem Vater. Ich möchte den Ausbruch, der diese Angst in Verbindung mit den Hexen bringt, als Verschiebungs-Mechanismus ansprechen. Man darf nicht vergessen, daß der Teufel die wesentliche Quelle und das gebietende Oberhaupt der Hexenkunst war; diesen haben wir aber bereits als Personifikation des feindlichen Vaters kennen gelernt. Ferner wurde bis zum dreizehnten Jahrhundert das Maleficium meist durch _Männer_, Zauberer ausgeübt; erst nach diesem Zeitpunkte übertrug die Kirche im Dienste ihrer eigenen Zwecke die ursprünglichen Attribute der älteren (männlichen) Zauberer auf die neue Gattung der Hexen. Zweifellos hat Hansen ebenfalls recht mit seiner Vermutung, daß die weitverbreitete Eifersucht der alten Weiber, durch die sozialen Einrichtungen begünstigt, die Furcht unterstützte und zur Lokalisierung bei den alten Hexen beitrug. Eine ähnliche Angst auf Seite der Frauen, die sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich auf Schwängerung und Geburt bezog, war unzweifelhaft ein weiterer Faktor; die Hexe personifizierte dann die gehaßte Mutter, welche die geheimen Genüsse des Mädchens störte. Schließlich sei daran erinnert, daß das Menschenherz stets bereit ist, infolge der eigenen feindlichen oder verbrecherischen Wünsche Schmerz, Unglück u. s. w. zu ahnen und zu fürchten. Freud[493] hat darauf hingewiesen, daß der Aberglaube nichts anderes ist, als die Projektion unbewußter Gedanken.

[Fußnote 487: Wuttke. Op. cit., S. 130.]

[Fußnote 488: Lawrence. Op. cit., P. 87.]

[Fußnote 489: Grimm. Op. cit., Nachtrag, S. 456, 459.]

[Fußnote 490: Bloch. Das Sexualleben unserer Zeit, 2. Aufl. 1907, S. 128. Hansen, Op. cit., S. 25.]

[Fußnote 491: Hansen. Op. cit., S. 12.]

[Fußnote 492: Buckle. History of Civilization in England, 1857, Worlds Classics Edition, Vol. 1, P. 129.]

Die Ansicht, daß die Hexen (und Zauberer) mit Attributen ausgestattet waren, die von der Vorstellung des Kindes von seinen Eltern hergenommen wurden, wird durch die Tatsache gestützt, daß ihre Handlungen nicht immer feindselig gegen gewöhnliche Menschen waren, sondern oft freundlich. Durch mannigfache Versöhnungsmittel konnten sie, gradeso wie Gott und der Teufel, dazu veranlaßt werden, ihre übernatürlichen Kräfte in den Dienst Hilfsbedürftiger zu stellen. So wurde ihre Fähigkeit, Dinge, die sich in der Ferne ereigneten, zu sehen und zukünftige Ereignisse vorherzusagen, oft in Anspruch genommen. Am häufigsten wurde jedoch ihr Beistand erbeten, um Liebe zu erwecken (Liebes-Philter, Liebes-Amulette u. s. w.) oder zu vernichten, wenn ein gehaßter Rivale vorhanden war; die Hexen gingen gelegentlich so weit, den Liebhaber durch die Luft auf ihrer Ziege zur Geliebten zu tragen.[494] Sie konnten sogar veranlaßt werden, die angezauberte Impotenz zu heilen; im Hinblick darauf sagt Seligmann[495]: »eine Hexe heilte die Männer, indem sie mit ihnen während einer Nacht im Ehebett schlief«.

Wir kommen nun zur zweiten Gruppe, welche den Umgang der Hexe mit dem Teufel behandelt, und die das Kardinalmerkmal der Hexenepidemie bildet. Das Teufelsbündnis war die Hauptanklage bei den Hexenprozessen, vielleicht, weil es nach der Natur der Umstände leichter »bewiesen« werden konnte als das Maleficium oder die Ketzerei; vielleicht auch, weil die Richter dieses Thema weit anziehender fanden als die anderen. Wuttke[496] konstatiert: »Hauptgegenstände der Anklage waren der, meist auch geschlechtliche, Verkehr mit dem Teufel, die Hexenfahrt durch die Luft und der dort mit Tanz, Schmaus und oft auch mit Unzucht gefeierte Hexensabbat, wo dem Teufel gehuldigt und manchmal geopfert wurde; die Schädigung von Menschen und Vieh erscheint dagegen als Nebensache.« Soldan[497] nennt ebenfalls den Teufelsbund den »Kern« der Hexenprozesse. Ennemoser[498] schreibt: »Dem späteren Begriff der Hexen ist unzüchtige Buhlschaft wesentlich, sie besiegelt das geschlossene Bündnis und verleiht dem Teufel freie Macht über die Zauberinnen, ohne diesen Greuel kommt überhaupt keine Hexe vor.« Roskoff[499] sagt: »Das spezifische Hexenwesen der eigentlichen Periode der Hexenprozesse beruht nicht mehr bloß auf der Abweichung von Glaubens- und Lehrsätzen der Kirche, sondern, wie aus der Bulle Innozenz VIII. und dem Hexenhammer ersichtlich ist, lautet die Anklage vornehmlich auf: »_Bündnis mit dem Teufel und vertrautesten Umgang_ mit demselben.«

[Fußnote 493: Freud. Zur Psychopathologie den Alltagslebens, 3. Aufl., 1910, S. 134.]

[Fußnote 494: Burton, The Anatomy of Melancholy, 1826 Edition. Vol. I, P. 79, und Vol. II, P. 289.]

[Fußnote 495: Seligmann. Op. cit., Band 1, S. 335.]

[Fußnote 496: Wuttke. Op. cit., S. 153.]

Es kann nicht der leiseste Zweifel darüber bestehen, daß der eigentliche Wesenszug dieses Bündnisses die sexuelle Beziehung war. Die älteren Autoren, wie Bodin[500], De Lancre,[501] die Verfasser des Malleus[502] und die anderen sind in diesem Punkte völlig einig. So sagt, um nur einige der letztgenannten zu zitieren, Hansen[503]: »Jede Hexe steht in geschlechtlichem Verkehr mit dem Teufel ....... Gerade durch diesen Verkehr wird das dauernde Verhältnis zwischen Hexe und Teufel unterhalten.« Bloch[504]: »Der Begriff des Weibes als Hexe drehte sich fast nur um das Geschlechtliche, das meist als »Teufelsbuhlschaft« vorgestellt wurde.« Quanter[505]: »Die sexuellen Exzesse mit dem Teufel waren das einzige, was mit breitem Behagen den Hexen nachgesagt wurde.« Nyström[506]: »Das spezifische der Hexenprozesse in ihrer eigentlichen Periode bestand in der Beschuldigung der Teufelsbündelei und des Geschlechtsverkehrs mit dem Teufel.« Es wurde geradezu geglaubt, daß die Hexe ihre Zaubermacht erst nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Teufel erhielt.[507]

[Fußnote 497: Soldan. Geschichte der Hexenprozesse. Bearbeitet von Hoppe, 1880, Band 2, S. 397.]

[Fußnote 498: Ennemoser. Geschichte der Magie. Zweite Auflage, 1844, S. 844.]

[Fußnote 499: Roskoff. Geschichte des Teufels, 1869, Band 2, S. 213.]

[Fußnote 500: Bodin. De le démonomanie des sorciers, 1593, P. 208 u. s. w.]

[Fußnote 501: De Lancre. Tableau de l'inconstance des mauvais anges et démons, 1612, Livre III, Disc. V.]

[Fußnote 502: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 108 u. s. w.]

[Fußnote 503: Hansen. Op. cit., S. 481.]

[Fußnote 504: Bloch. Op. cit., S. 129.]

[Fußnote 505: Quanter. »Der Hexenglaube des Mittelalters.« Geschlecht und Gesellschaft, 1910, Band 5, S. 367.]

Der Glaube an die Buhlschaft mit dem Teufel gründet sich offenbar auf jenen an die Unbefriedigung und geschlechtliche Bedürftigkeit, die allgemein und vielleicht mit Recht als Charakteristikum der Frauen mittleren Alters angesehen wird. Da der Teufel die symbolische Personifikation des Vaters ist, sind in letzter Linie unbewußte inzestuöse Wünsche die Quelle des Glaubens. Dieser Umstand gewann, wie bereits ausgeführt wurde, im Mittelalter eine ganz besondere Bedeutung; weitere Beweise für diese Auffassung des Problems sollen sogleich hinzugefügt werden. Geradeso wie manche Frauen, die Mystikerinnen und Heiligen, ihr Begehren dadurch befriedigten, daß sie es an die Gottesidee hefteten, so fanden andere auf einem weniger durchgeistigten Wege ihre Befriedigung an den fast synonymen Vorstellungen des Inkubus, Dämon oder Teufel. Der Unterschied zwischen den beiden Vorgängen ist, wie Maury[508] sehr richtig bemerkt hat, weit geringer, als dies auf den ersten Blick erscheint.

Wenn wir nun die Beziehung zwischen Hexe und Teufel mehr im Detail betrachten, können wir den Gegenstand am bequemsten in drei Teile zerlegen, nämlich das Verhalten der Hexen

1. auf dem Sabbat,

2. auf dem Wege zum Sabbat,

3. zu Hause.

Der Sabbat selbst ist von zahlreichen Autoren so lebendig beschrieben worden, daß hier keine vollständige Darstellung gegeben werden muß. Für unseren Zweck genügt es, die beiden wichtigsten Züge zu betonen, seine im wesentlichen sexuelle Natur und die Parodie der religiösen Zeremonien. Der Sabbat war kein ordnungsloses Durcheinander, sondern bestand in einer Reihe mit mehr oder weniger Genauigkeit ausgeführter Zeremonien.[509] Diese waren der Reihenfolge nach: Der Einzug und die Prozession, die Huldigung vor Satan, die schwarze Messe, der Sabbat-Tanz und schließlich die sexuelle Orgie, bei der inzestuöse Akte zwischen den nächsten Verwandten ausgeführt wurden.[510] Das Inzest-Element tritt also sowohl durch diese Tatsache als durch die Vereinigung mit dem Teufel an die Spitze. Die Parodie der christlichen Riten ging bis ins feinste Detail und wird von den meisten der alten Autoren mit unwilligen Kommentaren versehen.[511] Grimm[512] führt dies auf den vom Neid eingegebenen Wunsch des Teufels, Gott nachzuäffen, zurück, aber eine tiefere Erklärung liegt darin, daß die symbolische Bedeutung der beiden Gruppen von Zeremonien fast identisch ist; der Hauptunterschied ist der, daß die zu Grunde liegenden Komplexe im Fall der Vereinigung mit dem Teufel weit unmittelbarer dargestellt werden.

[Fußnote 506: Nyström. Christentum und freies Denken, 1909, S. 294.]

[Fußnote 507: Alpenburg. Mythen und Sagen Tirols, 1857, S. 256.]

[Fußnote 508: Maury. La magie et l'astrologie, 1860, 2. Partie, Ch. III. »Les mystiques rapproches des sorciers.« Siehe insbesond. Pp. 405, 406, 410, 411. Ebenso Steingießer, »Das Geschlechtsleben der Heiligen«, 1908.]

Die im Mittelpunkte stehende Zeremonie der schwarzen Messe[513] kann als im höchsten Grade symbolisch für diese Vereinigung angesehen werden, und deshalb auch der Sabbat selbst. Bei dieser diente die jüngste und schönste Hexe, die Königin des Sabbat, als Altar[514], nachdem sie mit dem Urin des Teufels getauft worden war, wobei das Zeichen des Kreuzes verkehrt und mit der linken Hand geschlagen wurde. Wenn sie sich dann der Länge nach hingelegt hatte, wurde die heilige Hostie so bereitet, daß auf ihrem Hintern ein Gemenge des ekelhaftesten Materials -- Faeces, Menstrualblut, Urin und verschiedener Unrat -- durcheinander geknetet wurde; dies stellte die berühmte _Confarreatio_ vor, die Nahrung der schmachvollsten Liebe. Es ist nicht notwendig, in die Symbolik der Einzelheiten dieses Vorganges einzugehen, denn dies würde uns zu einer Erörterung der Bedeutung der Nekrophilie, Theophagie und anderer Gegenstände, die mit unserem gegenwärtigen Thema nichts zu tun haben, zwingen. Es möge genügen, daß diese Symbolik, die Pfister[515] in Verbindung mit zwei Mystikern nachgewiesen hat, durchgängig sexuell ist.

[Fußnote 509: Michelet. La Sorcière, 3. Edition, 1863, Pp. 147-167.]

[Fußnote 510: Kiesewetter. Geschichte des Okkultismus, Band 2, S. 461. De Lancre. Op. cit., P. 223.]

[Fußnote 511: Z. B. De Lancre. Op. cit., P. 460.]

[Fußnote 512: Grimm. Op. cit., S. 895.]

[Fußnote 513: Laurent und Nagous, Okkultismus und Liebe, Deutsche Ausgabe, 1903, S. 135, 139, 246. Brévannes. Op. cit., Pp. 120-135.]

[Fußnote 514: Cox. The Mythology of the Aryan Nations, 1870, Vol. II, Pp. 113 bis 121. Inman. Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism, Second Edition, 1874, P. 74, und andere haben auf die weibliche Symbolik des Altars im allgemeinen hingewiesen. Der weibliche Körper hat zu verschiedenen Zeiten als Altar gedient, sogar, wie festgestellt wurde, bei den ersten Christen (Brévannes. Op. cit., P. 38).]

Die Art der Hinreise zum Sabbat (Hexenfahrt) war eine Frage, welche die Theologen des Mittelalters sehr beschäftigte. Es wurde allgemein angenommen, daß sie als Flug durch die Luft ginge, doch die Meinungen gingen darüber auseinander, ob der Leib selbst von einem Ort an den anderen versetzt wurde oder nur die Seele. Schließlich entschied man sich für die erste Annahme und schloß, daß der schlafende Leib, der zurückblieb, nur ein Erzeugnis des Teufels zur Täuschung des Gatten der abwesenden Hexe sei. Die Quellen des Glaubens an eine solche Nachtfahrt sind mannigfaltig, doch sie stehen alle im engsten Zusammenhang mit den Träumen und der Sexualität. Regius vom Prüm[516] sprach es sogar schon im 10. Jahrhundert aus und Johann von Salisbury[517] im 12., daß der Glaube eine durch die Traumerfahrung hervorgerufene Täuschung sei, und dies war auch die Meinung Weiers und vieler anderer; sie wird auch allein durch die Tatsache, daß die Nachtfahrt fast immer nur dann vorkam, wenn die Person in tiefem Schlafe lag[518], sehr nahegelegt. Die Übereinstimmung zwischen zahlreichen Beschreibungen der Hexenfahrt und gewissen typischen Träumen ist so vollkommen, daß an der Richtigkeit dieser Erklärung nicht der leiseste Zweifel bestehen kann.[519] Es ist ebenso gewiß, daß der Sinn der fraglichen Träume sexueller Natur ist, wie sogleich im Detail nachgewiesen werden soll.

[Fußnote 515: Pfister. Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf, 1910, S. 76, 77, 113.]

[Fußnote 516: Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 80.]

[Fußnote 517: Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 139.]

[Fußnote 518: Bodin. Op. cit., Pp. 184, 185.]

In dem in Rede stehenden Glauben sind drei verschiedene Vorstellungen enthalten, jene des Reisens, Fliegens und Reitens. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß _Reiseträume fast stets_ mit sexuellen Motiven assoziiert sind. Als Beispiele dienen die Erkundung unzugänglicher Örtlichkeiten, Todeswünsche gegen gehaßte Nebenbuhler, Flucht mit dem geliebten Elternteil fort von dem rivalisierenden u. s. w.; der Gegenstand wurde in den vorhergehenden Kapiteln bereits teilweise besprochen. Die _Flugträume_ sind gleichfalls individuell determiniert und symbolisieren verschiedene Wünsche, doch die letzte Quelle ist stets die sexuelle Erregung durch gewisse Bewegungen (wiegen, hetzen u. s. w.) in der frühen Kindheit.[520] Die Vorstellung, die am deutlichsten ihre sexuelle Natur offenbart, ist das Reiten, das im Traum regelmäßig den Beischlafsakt symbolisiert.[521] Manchmal kommt dies ganz offen zum Ausdruck. So zitiert Delassus[522] folgendes Beispiel: »Martin d'Arles raconte, dans son livre des superstitions, qu'une dame très pieux se voyait souvent, en songe, chevauchant à travers la campagne avec un homme, qui abusait d'elle, ce qui lui causait une très grande volupté.« Ähnlich schreibt Jähns[523]: »So kam es vor, daß ehrbare Matronen ihren Beichtvätern vertrauten: >sie fühlten, daß sie unwillkürlich Nachts über Feld und Aue ritten; ja, wenn sie mit dem Roß über ein Wasser setzten, so wohne irgend jemand ihnen mit dem vollen Lustgefühl des Aktes bei.< Da war denn der offenbare Hexenritt und die offenbare Vermischung mit dem Satan eingestanden.«

[Fußnote 519: Siehe Freimark. Okkultismus und Sexualität, S. 310. Brand. Op. cit., P. 9. Die Ähnlichkeit wurde von Oldham im 17. Jahrhundert klar ausgesprochen. (Werke, 6. Ausgabe, P. 254.)

»Wie Menschen, die bewegungslos im Schlafe liegen, Im Traum zu steigen meinen und zu fliegen, So glaubt die Hexe durch des Luftraums Weiten Auf ihrem Zauberstab dahin zu reiten.«]

[Fußnote 520: Freud. Die Traumdeutung, 1911, S. 201-203.]

[Fußnote 521: Vergl. den Ausdruck für nächtliche Pollutionen: »es reiten ihn die Hexen.« Auf die Ähnlichkeit zwischen dem Hexenreiten und dem Alpdruck hat vor vielen Jahren Burton (Op. cit., P. 134) aufmerksam gemacht, »auch bei solchen, die durch einen Inkubus belästigt oder von den Hexen geritten sind (wie wir dies nennen); wenn sie auf ihren Rücken liegen, meinen sie, ein altes Weib reite sie und sitze so schwer auf ihnen, daß sie vor Atemnot fast ersticken.«]

[Fußnote 522: Delassus. Les Incubes et les Succubes, 1897, P. 35.]

Manchmal verwandelten Hexen einen Mann in ein Pferd, um darauf zum Sabbat zu reiten[524] (Traum-Umkehrung der natürlichen Stellung), manchmal reisten sie in Gesellschaft des Teufels -- der vorn auf dem Stab ritt, während die Hexe hintenauf saß[525] --, doch am häufigsten war der Teufel selbst das Reittier, entweder in Gestalt eines Pferdes oder eines Bockes.[526] Das letztgenannte Tier war am beliebtesten und ist auch mit Hinblick auf seine wohlbekannten Eigenschaften zum Ausdruck sexueller Vorstellungen ausgezeichnet geeignet. Bei gewissen Anlässen schob die Hexe einen Pflock in den Hinterteil des Bockes, von dem dann entweder ihre Genossen[527] oder die Kinder[528], die sie zum Sabbat mitbringen wollte, getragen wurden. Oft genügte auch der Pflock allein, gewöhnlich in der Form eines Besenstiels, zur Reise. Jähns[529] hat gezeigt, daß dieser ein Repräsentant des Pferdes oder eines anderen Reittieres war; die phallische Bedeutung ist hier ebenso evident wie bei den zahlreichen anderen Formen des Zauberstabes. Die Vorstellung der Verwandlung menschlicher Wesen oder des Teufels in Tiere ist, wie bereits mehreremal bemerkt wurde, besonders charakteristisch für den Traum und im Jahre 1230 hat Wilhelm von Paris[530] bei Besprechung der Hexenfrage sich ausdrücklich für diese Entstehungsweise erklärt.

[Fußnote 523: Jähns. Roß und Reiter, 1872, Band 1, S. 412.]

[Fußnote 524: Krauß. Slavische Volksforschungen, 1906, S. 49.]

[Fußnote 525: Grimm. Op. cit., S. 895.]

[Fußnote 526: Der Hexenhammer. Op. cit., Zweiter Teil, S. 44.]

[Fußnote 527: Jähns. Op. cit., S. 415.]

[Fußnote 528: Horst. Zauber-Bibliothek, 1821, Erster Teil, S. 216.]

[Fußnote 529: Jähns. Op. cit., S. 415, 416.]

Ein interessanter Nebenumstand bei der Fahrt durch die Luft war die bekannte Hexensalbe, die dazu benötigt wurde. Sie mußte in den Körper hineingerieben werden, insbesondere oberhalb des Abdomen, in den höheren Teil der Oberschenkel und in die Füße, bis ein Gefühl der Erwärmung verspürt wurde.[531] Auch der Besenstiel[532], der die Hexe zum Sabbat trug, wurde damit eingerieben und Grimm[533] erzählt einen Fall, wo ein Kalb zu diesem Zweck bestrichen wurde. Die Materialien, die bei der Zusammensetzung der Salbe am liebsten verwendet wurden, scheinen die Eingeweide und das Fett kleiner Kinder[534] gewesen zu sein, doch viele andere Substanzen wurden gleichfalls benützt. Die Erklärung dieses sonderbaren Vorganges ist keineswegs einfach. De Lancre[535] sagt: »Le Diable use d'ongaens graisses et onctions, pour imiter nostre Seigneur, qui nous a donné le sainct sacrement de Babtesme et celuy de la Saincte onction.« Dies läßt außer manchem anderen offenbar auch die besondere Verbindung zwischen Salbe und Luftreise unerklärt.

Der Akt des Salbens hat zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung besessen und war meist mit der Vorstellung der Übertragung einer besonderen Macht auf gewisse Personen, Priester oder Könige, verknüpft; bei mehreren religiösen Zeremonien spielt es eine ähnlich wichtige Rolle. Ein vergleichendes Studium der Gelegenheiten, bei welchen die Ölung vorgenommen wird, macht es höchst wahrscheinlich, daß der Akt eine sexuelle Symbolik enthält und sein inniger Zusammenhang mit der Hexenfahrt und dem Sabbat unterstützt diese Auffassung. Freimark[536] bringt Beweise dafür bei, daß zu verschiedenen Zeiten die Ölungen wirklich zur Hervorbringung wollüstiger Träume benutzt wurden, und erwähnt eine Anzahl von Substanzen, von denen man annahm, daß sie im stande seien, aphrodisische oder anästhesierende Wirkungen oder Intoxikation hervorzurufen, die zu diesem Zweck gebraucht wurden. Kiesewetter[537] machte an sich selbst Versuche, um den Tatbestand zu erforschen, und konstatierte als Resultat verschiedene Reise- und Flugträume; es ist seither bekannt geworden, daß kein Arzneimittel dies direkt bewirken kann, es muß also die Einstellung der Erwartung dabei mittätig gewesen sein (wobei noch eine toxische Wirkung in Rechnung gezogen werden muß). Es ist auffallend, daß zwischen den Vorstellungen der Einsalbung und der leichten Bewegung stets ein Zusammenhang existiert hat, der zweifellos durch die physischen Qualitäten der ersteren unterstützt wurde. Das englische Wort »grease« (Salbe) kommt von den Gratiae (griechisch Charites), welche Aphrodite mit Öl zu waschen pflegten, und das vedische Äquivalent der Charitinnen waren die leuchtenden Rosse, die den Wagen Indras, der Sonne (= Phallos[538]), zogen. Die am Tage liegende Beziehung von mucus und semen zu den Koitusbewegungen ist zweifellos die Quelle der tieferliegenden Sexualsymbolik und ich habe gezeigt[539], daß in der frühen Kindheit sich eine ähnliche Assoziation zwischen den Vorstellungen der Bewegung und exkretorischen Akten (die als Sexualbetätigung aufgefaßt werden) bildet. Es ist daher begreiflich, daß der phallische Besenstiel, auf dem die Hexe »ritt«, mit Salbe eingeschmiert werden mußte.

[Fußnote 530: Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 138.]

[Fußnote 531: Weier. Histoires, disputes et discours des illusions et impostures des diables, Trad. Franc., 1577, P. 165. Grimm. Loc. cit., Laurent und Nagour, Op. cit., S. 122.]

[Fußnote 532: Hansen. Op. cit., S. 449. Weier. Loc. cit.]

[Fußnote 533: Grimm. Loc. cit.]

[Fußnote 534: Reginald Scot. The Discoverie of Witchcraft, 1589, Book III. P. 40. De Lancre. Op. cit., Pp. 112, 119. Weier. Loc. cit.]

[Fußnote 535: De Lancre. Op. cit., P. 212.]

Diese Ansicht wird weiterhin durch die enge Verbindung zwischen dem Akt des Salbens und dem des Genusses von Zaubertränken bestätigt. Die Hexe trank nach geschehener Einsalbung eine derartige Flüssigkeit, um zur Reise fähig zu sein.[540] Nun symbolisieren Zaubertränke, die wunderbare Kräfte einflößen, regelmäßig den Samen[541], so das vedische Soma, das griechische Ambrosia und der Nektar, das germanische odrörir. In der Ilias wird geschildert, wie die _Göttin Hera ihren ganzen Leib mit Ambrosia salbt_, so daß der Geruch Himmel und Erde erfüllt.

[Fußnote 536: Freimark. Op. cit., S. 306-316.]

[Fußnote 537: Kiesewetter. Op. cit., Band 2, S. 579.]

[Fußnote 538: Cox. Op. cit., Vol. I, P. 426. Vol. II, Pp. 2, 35.]