Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens Schriften zur angewandten Seelenkunde. Vierzehntes Heft

Part 10

Chapter 103,325 wordsPublic domain

In den verschiedenen Geschichten vom Teufel finden wir Details, die deutlich auf die Entstehung aus psychischen Vorgängen, die für den Traum charakteristisch sind, hinweisen, und von denen zwei hier kurz erwähnt werden sollen. Eines der allertypischesten ist das Vorkommen von Verwandlungen. Wir haben eben die Fähigkeit des Teufels, jede menschliche Form, die er wünschte, anzunehmen,[435] erwähnt und hervorgehoben, daß er am häufigsten als Schlange oder Ziegenbock erschien. Aber es gab keine Tierart, deren Form er nicht manchmal annahm[436], und er besaß sogar die Macht, Menschen in Tiere zu verwandeln.[437] Ein anderes Beispiel ist der psychologische Prozeß, den wir als »Umkehrung« kennen, wobei die Dinge von hinten nach vorn gestellt oder getan werden; dieser Vorgang ist, wie Freud[438] gezeigt hat, außerordentlich charakteristisch für die Traumarbeit. Die meisten Schriften über den Teufel haben eben dies als seine Eigentümlichkeit betont, insbesondere in Hinsicht auf den Sabbat. So tanzen die Anwesenden in einem Kreise nach _rückwärts_[439], die Gesichter vom Mittelpunkt _weggekehrt_[440], sie tauchen ihre _linke_ Hand in das heilige Wasser[441] (Teufels-Urin)[442], machen das Zeichen des Kreuzes in der _verkehrten_ Richtung[441], genießen bei der Messe _schwarzes_ _Brot_[443] und bei dieser werden _schwarze Kerzen_ benutzt[444] u. s. w. Der Teufel selbst hatte _ein zweites Gesicht_ am Hinterteil, das oft dem _eines schönen Weibes_[445] glich (eine doppelte Umkehrung), er saß _verkehrt_ auf seinem Sitz[446], sein Penis war oft _am Rücken_[447] statt vorn, von seinem Körper ging ein höllischer Gestank aus, der mit dem himmlischen Wohlgeruch des Erlösers[448] kontrastierte u. s. w.

[Fußnote 435: Siehe Jacob. Op. cit., Pp. 33-43].

[Fußnote 436: Graf. Op. cit., S. 59, 138.]

[Fußnote 437: Roskoff. Op. cit., S. 305.]

[Fußnote 438: Freud. Die Traumdeutung, 3. Auflage, 1911, S. 257.]

[Fußnote 439: Grimm. Op. cit., S. 895.]

[Fußnote 440: Lehmann. Op. cit., S. 114.]

[Fußnote 441: Brévannes. Op. cit., S. 123.]

[Fußnote 442: Picart. Coutûmes et Cérémonies Religieuses, 1729, Vol. VIII, P. 69. Thiers. Traité des Superstitions, 1741, Vol. II, P. 367.]

Auf die Entstehung aus dem Traum kann auch die Tatsache zurückgeführt werden, daß der Koitus mit dem Teufel in der Regel äußerst schmerzhaft und unangenehm[449] war, denn dies ist in Angstträumen, in denen ein Koitus vorkommt, auch sehr häufig der Fall.

Einiges kann noch über den Zusammenhang zwischen dem Teufelsglauben und den im vorhergehenden Kapitel erörterten hinzugefügt werden. Der erste derselben, der Glaube an den Inkubus war ein wesentliches Stück des Teufelsglaubens, denn nach orthodoxer Anschauung waren die Inkubi einfach Teufel; selbst mit dem unmittelbaren Äquivalent des Inkubus, dem Alp, steht der Teufel in enger Verbindung[450], die jedoch hier nicht verfolgt werden kann, da das Thema ein rein mythologisches ist.

Die Verwandtschaft zwischen dem Teufelsglauben und dem Glauben an Vampire und Werwölfe ist mehr in ihrem gemeinsamen latenten Inhalt als in äußerlichen Ähnlichkeiten gelegen, aber auch in letzterer Hinsicht ist manches dahin Zielende auffindbar. Der Teufel wurde von den Kirchenvätern gemeiniglich »seelenraubender Wolf« genannt[451] und in Knuts Gesetzen wird er direkt als »vôdfreca _verewulf_[452]« bezeichnet. Im Mittelalter hieß der Teufel Erzwolf, Archilupus und er erschien häufig in Wolfsgestalt.[453] Grimm[454] führt die slavischen Namen für den Teufel (Polnisch wrog, Serbisch vrag u. s. w.) auf das althochdeutsche warg (= Wolf) zurück und der slavische böse Feind Czernobog erschien gewöhnlich als Wolf.[455] Des mittelalterlichen Teufels Abstammung vom Wolfe scheint jedoch in erster Linie germanisch gewesen zu sein, insbesondere von den beiden Wölfen Wotans. Wünsche[456] schreibt: »Neben Loki wird aber auch dem Fenrirwolf nach mehreren mißglückten Versuchen mit einem von den Zwergen verfertigten unzerreißbaren Bande von den Göttern eine Fessel angelegt. In der Redensart: »Der Teufel ist los«, haben wir sicher noch eine Erinnerung an Fenrirs wiederholtes Sichfreimachen von den starken Banden und Stricken, die ihm von den Göttern um den Hals geschlungen wurden«. Der Teufel wurde auch der Höllenwolf genannt und Grimm[457] bemerkt: »Der Teufel hat seinen ungeheuren Rachen mit Wolf und Hölle gemein«. Ungewöhnlich starke oder wilde Wölfe wurden entweder für verkappte Teufel oder für Werwölfe gehalten[458] und auch die letzteren gelten als vom Teufel erschaffen.[459] Historisch interessant ist der Fall der Angela de Sabarethe, die als das erste Weib genannt wird, das -- in Toulouse, im Jahre 1275 -- wegen sexueller Beziehungen zum Teufel verbrannt wurde; als Resultat dieser Verbindung gebar sie ein Monstrum mit dem Kopf eines Wolfes und einem Schlangenschweif.[460]

[Fußnote 443: De Lancre. Op. cit., P. 460.]

[Fußnote 444: De Cauzons. La magie et la sorcellerie en France, T. I, P. 240.]

[Fußnote 445: Brévannes. Op. cit., P. 115.]

[Fußnote 446: Grimm. Op. cit., S. 895.]

[Fußnote 447: De Lancre. Op. cit., P. 217.]

[Fußnote 448: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 156.]

[Fußnote 449: Delrio. Les controverses et recherches magiques, 1611, P. 187. Henne am Rhyn. Der Teufels- und Hexenglaube, 1892, S. 68.]

[Fußnote 450: Grimm. Op. cit., S. 847 und Nachtrag S. 298.]

[Fußnote 451: Daß die Verbindung zwischen Satan und einem Wolf noch heute als natürlich empfunden wird, läßt sich aus Brownings Gedicht, Ivan Ivanowitsch ersehen.]

[Fußnote 452: Grimm. Op. cit., S. 32.]

[Fußnote 453: Ennemoser. Geschichte der Magie, 2. Aufl., 1844, S. 791. Hertz. Der Werwolf, 1862, S. 17.]

[Fußnote 454: Grimm. Loc. cit.]

[Fußnote 455: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 174.]

[Fußnote 456: Wünsche. Op. cit., S. 13.]

[Fußnote 457: Grimm. Loc. cit.]

[Fußnote 458: Hertz. Op. cit., S. 18.]

[Fußnote 459: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 155-159.]

[Fußnote 460: Lamothe-Langon. Histoire de l'inquisition en France, 1829, T. 2, S. 614.]

Von den zwei Kardinalpunkten des Vampirglaubens, nämlich, daß der Vampir ein revenant sei und daß er den Schlafenden Blut auszusaugen pflege, ist der erste im Teufelsglauben viel stärker ausgeprägt, wie oben besprochen wurde. Die einzige Erwähnung des zweiten Punktes, die ich finden konnte, betrifft den altdeutschen Teufel Grendel. Grimm[461] schreibt von ihm: »Er trinkt das Blut aus den Adern und gleicht Vampiren, deren Lippen von frischem Blut benetzt sind. In einer altnordischen saga findet sich ein ähnlicher Dämon, Grûnzaegir genannt ..., er trinkt das Blut aus Menschen und Tieren«.

Wir können dieses Kapitel mit einigen allgemeinen Bemerkungen über den Teufelsglauben beschließen. Wir haben gesehen, daß die infantilen Konflikte, die durch das Verhältnis zu den Eltern bedingt waren, ihren frühesten Ausdruck dadurch fanden, daß das Universum mit übernatürlichen Wesen bevölkert wurde, die manchmal freundlich, oft gehässig waren, stets jedoch versöhnt werden mußten. Bei der Entwicklung dieses Glaubens haben Traumerfahrungen wahrscheinlich eine große Rolle gespielt. Hauptsächlich infolge der Betonung des Stammes- oder Nationalstolzes verschmolzen einige Völker, vor allem die Juden, nach und nach diese Gestalten und entwickelten so eine Art Monotheismus. Dies führte jedoch zu der Notwendigkeit, die guten und bösen Eigenschaften der höheren Mächte auf zwei verschiedene Persönlichkeiten zu verteilen, so daß das, was dem Guten nahestand, der einen, und das, was dem Bösen zugehörte, der anderen zugeschrieben wurde. Das übertriebene Gefühl der Sündhaftigkeit, das für das Christentum charakteristisch ist, und der schärfere Kontrast zwischen Gut und Böse, der dadurch erzielt wurde, brachten zwar eine erhabenere Auffassung Gottes hervor, aber auch bei der Erzeugung des Teufels ein Entsetzen, neben dem alle früheren Erfindungen verblassen. In den letzten hundertundfünfzig Jahren und insbesondere während des letzten halben Jahrhunderts hat die Intensität des Teufelsglaubens stark abgenommen, der Gottesglaube erwies sich als der wurzelfestere der beiden; die psychologische Erklärung dieses Faktums ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung uns jedoch zu weit von dem gegenwärtigen Thema abführen würde. Dies geschah nicht ohne heftigen Theologenzwist, da es offensichtlich die Schwierigkeit, über die Existenz des Bösen in der Welt Rechenschaft zu geben, vergrößerte. Dennoch war es notwendig geworden, teilweise wohl wegen der höheren Auffassung der Allmacht Gottes und seiner schließlichen Verantwortlichkeit für das ganze Weltall, denn diese Erwägungen machten den Teufelsglauben in seinem inneren Wesen überflüssig. Das Problem des Bösen, das den Theologen stets im Wege gewesen ist, da es sich von theologischen Voraussetzungen aus nicht auflösen ließ, wurde als Ganzes umgangen, indem man zu dem im 5. Jahrhundert entwickelten Glauben Zuflucht nahm, daß die Übel der Welt als Strafe oder als unbegreifliches Besserungsmittel zum heilsamen Fortschreiten in der Erkenntnis, zur Übung in der Geduld im Hinblick auf eine bessere Zukunft zu betrachten seien.[462] Wie lang sich die Menschheit mit diesen Sophismen begnügen wird, ist ungewiß; der Erfolg der Lehre Mrs. Eddys, daß das Böse nicht objektiv, sondern nur subjektiv existiert[463], kann als Zeichen einer wachsenden Unzufriedenheit des Volkes mit diesen orthodoxen Erklärungen aufgefaßt werden.

[Fußnote 461: Grimm. Op. cit., S. 849-850.]

Doch der Teufel stirbt nicht leicht. Werwolf und Vampir hatten für den Kulturmenschen längst ihre Schrecken verloren, nicht einmal mehr die Kinder mochten sie fürchten und auch das Alpdrücken des Hexenwahns hatte Europa von sich abgeschüttelt, nur Satan wich nicht.[464] Von Zeit zu Zeit lesen wir bis zum heutigen Tage in den Zeitungen von einem geistlichen Exorzismus einer hysterischen Person als vom Teufel besessen[465] und der Glaube an einen buchstäblichen Teufel wird noch von der katholischen Kirche offiziell festgehalten und von einem großen Teil der Geistlichkeit anderer Kirchen. Eine der Szenen der letzten Jahre des erleuchteten 19. Jahrhunderts, die es verdient, in der Geschichte weiter zu leben, war der berühmte Miß Vaughan-Schwindel[466], bei welchem der Papst Leo XIII. und mehrere Bischöfe eine Dame offiziell segneten, die, obgleich aus der Vereinigung ihrer Mutter mit dem Teufel stammend, die Kirche triumphierend gerettet hatte; im nächsten Jahre (1897) gestand Taxil, daß nicht nur alles eine Lügengeschichte sei -- der Teufelsbund mit eingeschlossen --, sondern auch daß die Dame selbst ein Produkt seiner Einbildungskraft war.

[Fußnote 462: Roskoff. Op. cit., S. 267.]

[Fußnote 463: Vgl. Hamlets Behauptung: »There is nothing either good or bad, but thinking makes it.«]

[Fußnote 464: Freimark. Op. cit., S. 334.]

[Fußnote 465: Man wird es kaum glauben, daß ich während meiner Praxis in Kanada (1911) erhebliche Schwierigkeiten mit einem Arzte (!) hatte, der einen Fall von Dementia praecox mit Vorlesungen aus der Bibel behandeln wollte, um den Teufel, von dem er fest überzeugt war, daß er sich in dem Kranken befände, damit auszutreiben.]

VII. Die Hexenepidemie.

Die Probleme des Hexenaberglaubens sind komplizierter als die des Teufelsglaubens, obgleich sie mit ihnen nahe verwandt sind; denn einerseits wirkten beim Aufbau des Hexenglaubens noch zahlreichere Faktoren mit und anderseits haftete er nicht an Phantasiewesen, sondern an wirklichen Menschen. Infolge dieser Tatsache ist es anzunehmen, daß einige Bestandteile von den Betroffenen selbst geliefert wurden, wenn auch das meiste aus äußeren Quellen stammt. Wie viele von den Verfolgten wirklich von der Realität der angeblichen Vorfälle überzeugt waren, wird sich nie ermitteln lassen. Sicher ist, daß viele nicht daran glaubten, denn nachdem sie unter grausamen Torturen ein Geständnis abgelegt hatten, beichteten sie ihre Unschuld dem Beichtvater, unter der Bedingung, daß er nichts davon verlauten lasse, damit sie ohne neuerliche Tortur hingerichtet würden. In manchen Fällen war allerdings die Natur jener erdichteten Ereignisse und der Geisteszustand der Opfer derartig, daß diese an die Wirklichkeit der Verbrechen, wegen deren sie angeklagt waren, nicht im mindesten zweifelten.

[Fußnote 466: Kemmerich. Kultur Kuriosa, S. 229-234.]

Wie im vorhergehenden Kapitel können wir mehrere verschiedene Probleme unterscheiden, insbesondere:

1. Die Erklärung der Fundamente der Hexenvorstellung,

2. Den Grund für den Ausbruch der Epidemie an einem bestimmten Zeitpunkte und

3. Ihr Verhältnis zum Alptraum.

Die hier aufgestellte These lautet, daß _der Hexenglauben im wesentlichen eine Projektion verdrängter sexueller Wünsche des Weibes darstellt, insbesondere jener, die sich auf das weibliche Gegenstück zum Ödipus-Komplex beziehen, nämlich die Liebe zum Vater und den Neid und die Feindseligkeit gegen die Mutter_. Ebenso wie das Kind das Bild des Vaters in seine wohltätigen und böswilligen Züge auseinanderlegt und damit den Glauben an Gott und Teufel ermöglicht, so teilt es auch die Mutter in die beiden Hälften, woraus sich der Glaube an Göttinnen (Mater Dei) und weibliche Teufel entwickelt. Die Bemerkung Riklins[467], daß die Erfindung von Riesinnen und Hexen u. s. w. die Stellungnahme des Mädchens gegen die Mutter als sexuelle Rivalin ausdrückt, fällt mit dem Kern der gegenwärtigen These zusammen. Ferner werden wir sehen, daß beide Geschlechter ebenso zur Erfindung der Hexen wie zu jener des Teufels beigetragen haben.

Vor Behandlung der historischen Seite des Hexenglaubens wird es sich empfehlen, seine Hauptmerkmale zur Zeit der vollsten Blüte zu erörtern. Diese lassen sich kurz in zwei Gruppen zusammenfassen, und zwar diejenigen, welche

I. sich auf den Umgang der Hexe mit dem Teufel beziehen,

II. sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen beziehen.

Diese Gruppen waren ursprünglich voneinander unabhängig und wurden erst im 13. Jahrhundert vermengt; um dieselbe Zeit wurde eine dritte hinzugefügt, nämlich die Ketzerei, d. h. Tatsachen, die sich auf ihr Verhältnis zu Gott bezogen.

[Fußnote 467: Riklin. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908, S. 74.]

Für die eigentliche Hexenepidemie war die dritte Vorstellungsgruppe am wenigsten charakteristisch, so daß wir sie zuerst erledigen können. Obgleich sie das Element ist, das am wenigsten die eigentliche Hexe von dem alten Zauberer und Wahrsager scharf unterschied, da sie eher als eine direkte Fortsetzung der Attribute jener gelten darf, kam ihr doch für die Hexenverfolgung die allerhöchste Bedeutung zu. Wie bekannt, ging die Initiative zu jener Verfolgung von der Kirche aus, deren Streben auf die Ausrottung der Ketzerei und Vernichtung der Macht des Teufels gerichtet war. Die Laienschaft, deren ursprüngliches Interesse an dem Unternehmen nicht sehr stark war, wurde zur Unterstützung der Kirche durch die geschickte Kombinierung der Objekte dieser Verfolgung mit der alten Auffassung von schädlicher Zauberei (Maleficium) bewogen. Durch die Furcht vor der letzteren aus ihrer Ruhe aufgeschreckt, verband sie sich mit der Kirche, um die verhaßten Quellen des Maleficium zu zerstören, die nach der Erklärung der Kirche mit denen der Ketzerei und des Teufelspaktes identisch waren.

Die schädlichen Einwirkungen der Hexen erstreckten sich von kleinen Bosheiten bis zu den schwersten Verletzungen, selbst den Tod miteingeschlossen. Ihre genaue Überprüfung zeigt meiner Meinung nach, daß die Angst, die sich hinter dem Glauben an dieses Maleficium verbarg, die im tiefsten Grunde der Menschenseele ruhende Angst vor Unfähigkeit oder Versagen der sexuellen Funktionen war. (Beim Manne: »Kastrations-Komplex«, beim Weibe: »Angst vor der Kinderlosigkeit.«) Der Grund hiefür ist, daß fast alle Fälle von Verhexen sich entweder direkt auf die Erzeugung von Impotenz (oder Sterilität) beziehen, oder symbolische Darstellungen dafür sind.

In erster Linie ist zu beachten, daß die häufigste Spezialität der Hexenkunst in der Einmischung in die sexuellen Funktionen, besonders bei der Erzeugung der Impotenz bestand. Hansen[468] bemerkt: »Die Behexung trifft weitaus am häufigsten die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Weib.« In der berühmten Hexen-Bulle[469] wird das Maleficium in sieben Punkten behandelt, von denen sechs die sexuellen Funktionen betreffen und einer die Verwandlung in Tiere. Der bekannte Malleus Maleficarum[470] widmet vier Kapitel einer eingehenden Erörterung der Frage, auf welche Weise diese Impotenz zu Stande gebracht wurde, und betont, daß im Gegensatz hiezu die Hexerei andere natürliche Funktionen nicht beirren kann, wie z. B. Essen, Gehen u. s. w.[471]; die verschiedenen Methoden, durch die der Penis weggehext werden kann, sei es in Wirklichkeit oder durch Augentäuschung, werden ebenso gründlich besprochen. Ein Lieblingsmittel war die Benützung der ligature de l'aiguillette, mit der, wie Brévannes[472] konstatiert, nicht weniger als 50 verschiedene Prozeduren vorgenommen werden konnten. Im 15. und 16. Jahrhundert war diese so häufig im Gebrauch und so allgemein gefürchtet, daß es Sitte wurde, die Hochzeiten im geheimen abzuhalten, um Bezauberungen zu entgehen. Das Hexenmaleficium vermochte in derselben Richtung noch weitere Wirkungen zu entfalten. Durch seine Anwendung konnte die Liebe zwischen einem bestimmten Manne und einem Weibe vernichtet, Unfruchtbarkeit der Frauen und Zeugungsunfähigkeit der Männer herbeigeführt, die intrauterine Frucht zerstört und Mißgeburten hervorgebracht werden.[473] Selbst wenn alle diese Gefahren vermieden waren, war das Neugeborene noch nicht in Sicherheit, denn Hexen fraßen mit Leidenschaft kleine Kinder, welcher Gefahr ungetaufte ganz besonders ausgesetzt waren.

[Fußnote 468: Hansen. Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozesse im Mittelalter, 1900, S. 479.]

[Fußnote 469: Zitiert im Hexenhammer. Deutsche Übersetzung von Schmidt, 1906, Erster Teil, S. 107.]

[Fußnote 470: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil. Kap. 8, 9 und zweiter Teil Kap. 6, 7. Siehe Pg. 131, 143-145 bezüglich der Differential-Diagnose zwischen Impotenz aus natürlicher Kälte und Impotenz infolge Behexung, und Hansen. Op. cit., S. 88-92, 166 über die Bedeutung dieser Unterscheidung für die Ehetrennung.]

[Fußnote 471: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 127.]

[Fußnote 472: Brévannes. L'orgie satanique à travers les siècles, 1904, P. 71.]

[Fußnote 473: Diese und viele andere in diesem Kapitel erwähnten Einzelheiten sind Hansen entnommen.]

Die meisten anderen Fälle des Maleficium symbolisieren dieselbe Furcht. Die nächst häufige war die Vernichtung der Ernte durch Regen oder Hagelwetter oder die Kunst, ein Feld, das einer bestimmten Person gehörte, unfruchtbar zu machen; in allen Epochen bestanden innige Assoziationen zwischen der Fruchtbarkeit der Menschen und der Natur, was nebst vielen anderen die Tatsache beweist, daß dieselben Götter beide beschützten. Auch die geringeren Fälle von Hexerei gestatten dieselbe Auslegung. Unter diesen waren die gewöhnlichsten, die Milch sauer zu machen (d. h. den Samen zu beschädigen), das Buttermachen zu hindern (auf dessen symbolische Bedeutung Abraham[474] hingewiesen hat), und die Bewegungen der Spindel (d. h. die Tätigkeit der _Maschine_),[475] zu beeinflussen.

Die einzige Körperfunktion, außer den sexuellen, welche die Hexen beeinträchtigen konnten, war das Urinieren, das bekanntlich mit der Sexualbetätigung im engen, besonders symbolischen Zusammenhang steht[476]; diese Verletzung wurde in Frankreich »cheviller«[477] genannt.

Der Glaube, daß durch Hexerei Krankheit[478] und Tod verursacht werden könne, hat auch auf denselben Komplex Bezug, denn man findet in der Psychoanalyse oft, daß eine außergewöhnlich starke Furcht in dieser Richtung durch eine tieferliegende Angst vor Impotenz bedingt wird, mit der die anderen Vorstellungen sich leicht assoziieren. Eine weitere Quelle für diesen Glauben bildet ihre Assoziation zur Vorstellung eines sadistischen Überfalles; das Volksdenken sieht in Krankheit und Tod meist die Folgen des Angriffes eines übelwollenden Dämons, der den Menschen überwältigt. Diese Behexung wurde mit Gift, und zwar entweder mit materiellem oder mit unkörperlichem, ausgeführt; Gift, d. h. eine Flüssigkeit, die, in den Körper aufgenommen, ernste Folgen nach sich zieht, ist ein gewöhnliches unbewußtes Symbol für Samen (vergleiche die Wahnideen der Verrückten, daß jemand sie vergiften wolle).

[Fußnote 474: Abraham. Traum und Mythus, 1909, S. 66.]

[Fußnote 475: Siehe Freud. Die Traumdeutung, 3. Auflage, 1911, S. 211.]

[Fußnote 476: Siehe Sadger »Über Urethralerotik«. Psychoanalytisches Jahrbuch, 1910, Band 2, S. 409.]

[Fußnote 477: Collin de Plancy. Dictionnaire infernal, 1818, Z. I, P. 7.]

[Fußnote 478: Grimm. Deutsche Mythologie, Vierte Ausgabe, 1876, S. 965.]

Es ist bemerkenswert, daß fast alle Zaubermittel, die das Maleficium verhinderten, sexuelle Symbole waren. Die am häufigsten gebrauchten scheinen Salz[479] und Hufeisen gewesen zu sein. Wie bereits erwähnt wurde, ist Salz in der Sitte der Völker ein weit verbreitetes Symbol für Samen und Fruchtbarkeit. Salz und Brot (Symbol der Faeces, infantiles Sexualmaterial)[480] wurden auch gegen die Hexerei häufig angewendet[481], da die Mischung der beiden die Fruchtbarkeit symbolisiert.[482] Das Hufeisen, dieser allgemein bekannte Glückstalisman, wurde auch häufig zur Abwehr der Hexen[483] benützt; Lawrence[484], der den Volksglauben hinsichtlich des Hufeisens ausführlich behandelt, nennt es »das Gegenmittel par excellence gegen Hexerei«. Daß hier ein Stück Vulva-Symbolik vorliegt, wurde gerechterweise allgemein anerkannt. Andere Dinge von ähnlicher Gestalt und Bedeutung wurden für denselben Zweck in Gebrauch genommen; so nannte man infolge dieses Zusammenhanges Steine, durch die ein Loch gebohrt war, »Hexensteine«.[485] In Butlers Hudibras (II. 3. 291) werden mehrere Symbole zusammengebracht; es heißt dort, ein Geisterbeschwörer könne mit Sicheln, Hufeisen und ausgehöhlten Feuersteinen böse Geister verjagen. An anderen Gegenmitteln wären zu erwähnen: ein aufgerichtetes Messer[486], ein Besenstiel[487], ein Pferdeschädel[488] und ein Drudenfuß[489]; die beiden ersten sind männliche Symbole, die anderen bisexuelle.

[Fußnote 479: Seligmann. Der böse Blick und Verwandtes, 1910, Band 2, S. 34. Wuttke. Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, 1900, S. 95, 258, 283.]

[Fußnote 480: Siehe Freud. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Zweite Folge, 1909, S. 168.]

[Fußnote 481: Grimm. Op. cit., Nachtrag, S. 454. Seligmann. Op. cit., S. 37.]

[Fußnote 482: Aigremont. Fuß- und Schuhsymbolik und Erotik, 1909, S. 55.]

[Fußnote 483: Brand. Popular Antiquities of Great Britain, 1849, Vol. III, Pp. 16, 17.]

[Fußnote 484: Lawrence. The Magic of the Horse-shoe, 1899, P. 88.]

[Fußnote 485: E. H. Meyer. Germanische Mythologie, 1891, S. 119, 137. Dalyell. The Darker Superstitions of Scotland, 1835, P. 140.]

[Fußnote 486: Wuttke. Op. cit., S. 259.]