Part 1
SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE herausgegeben von Prof. Dr. SIGM. FREUD VIERZEHNTES HEFT
DER ALPTRAUM IN SEINER BEZIEHUNG ZU GEWISSEN FORMEN DES MITTELALTERLICHEN ABERGLAUBENS
VON PROF. Dr. ERNEST JONES.
DEUTSCH VON Dr. E. H. SACHS.
LEIPZIG UND WIEN FRANZ DEUTICKE 1912
Verlags-Nr. 2001.
K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.
Inhaltsübersicht.
Seite Einleitung 1 I. Kapitel. Traum und Glauben 2 II. Kapitel. Der Alptraum 13 III. Kapitel. Inkubus und Inkubation 21 IV. Kapitel. Der Vampir 34 V. Kapitel. Der Wehrwolf 53 VI. Kapitel. Der Teufelsglaube 69 VII. Kapitel. Die Hexenepidemie 104 VIII. Kapitel. Schluß 145
Einleitung.
In der folgenden Veröffentlichung wurde der Versuch gemacht, den Eindruck, den die Erfahrungen des Alpdrucks auf die Bildung gewisser falscher Vorstellungen hervorriefen, festzustellen. Diese Vorstellungen haben viel Gemeinsames, sie erreichten alle ihren Höhepunkt zur selben Zeit, ungefähr zwischen 1450 und 1750; ihre ursprüngliche Gestalt wird von Vielen, ihre wesentlichen Elemente werden von einer noch größeren Anzahl festgehalten. Die tiefste Quelle ist bei allen die gleiche und sie alle haben eine unberechenbare Summe von menschlichen Leiden verursacht.
Um einen klaren Ausblick zu erlangen, war ich manches Mal gezwungen, das Hauptthema zu verlassen, obwohl ich dies, so weit als möglich, vermieden habe. Lange sagt (Geschichte des Materialismus, 1866, S. 282): »im geschichtlichen Zusammenhange der Dinge schlägt ein Tritt tausend Fäden, und wir können nur einen gleichzeitig verfolgen. Ja, wir können selbst dies nicht immer, weil der gröbere sichtbare Faden sich in zahllose Fädchen verzweigt, die sich stellenweise unserem Blicke entziehen.«
Ich habe meine Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die historischen Seiten der betreffenden Vorstellung gelenkt, als auf ihre tiefste psychologische Bedeutung. Selbst auf diesem eingeschränkten Feld konnte ich nur einen sehr kleinen Teil des außerordentlich großen brauchbaren Materials behandeln; daher kann ich kaum annehmen, daß die ausgesprochenen Schlüsse als bewiesen angesehen werden, doch hoffe ich, sie genügend wahrscheinlich gemacht zu haben, um zu zeigen, daß der Gegenstand einer eingehenderen Untersuchung vom überlegenen Standpunkt der modernen psychoanalytischen Kenntnis aus wert ist. Angst und Zwang waren immer die beiden größten Geißeln der Menschheit und die hier untersuchten Vorstellungen gehören zu ihren verhängnisvollsten Folgen. Wenn man sich erinnert, daß diese Kräfte heute ebenso wirksam sind als im Mittelalter, wenn auch ihre Äußerungen nicht so sichtbar zu Tage treten, wird man zugeben, daß der Gegenstand des aktuellen Interesses nicht entbehrt.
I. Traum und Glauben.
Das Interesse, das die Menschen zu allen Zeiten an den Träumen nahmen, und die weitreichende Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wurde, machen es sehr wahrscheinlich, daß die dabei erlebten Phänomene einen bedeutsamen Einfluß bei der Gestaltung der Meinung des Wachlebens ausübten. Wenn dies, wie ich gezeigt habe,[1] heute unter Gebildeten der Fall ist, so muß es in vergangenen Zeiten, wo die allgemeine, den Träumen zugeschriebene Bedeutung weit größer war als heute, viel wirksamer gewesen sein. Die Lebhaftigkeit der Träume ist zu Zeiten so groß, daß auch Gebildete es schwer oder unmöglich finden können, sie von wirklichen Erlebnissen zu unterscheiden.[2]
Ich habe einen Fall erwähnt[3], in dem ein Arzt fälschlich einen Traum für eine wirkliche Erinnerung ansah und dies zu peinlichen Folgen führte. Tatsächlich ist diese Vermengung mit der Wirklichkeit charakteristisch für alle intensiven Gemütserlebnisse, und zwar nicht nur für Träume, sondern auch für andere, seltenere Äußerungen der Phantasie, wie z. B. ekstatische Trancen, Visionen und dergleichen. Johannes Müller[4] bemerkt in diesem Zusammenhang: »Eigentümlich diesen krankhaften Zuständen ist es, daß die Objektivität der Erscheinungen zuverlässig anerkannt wird. In dem Glauben eines sichtbaren Umganges mit dem Teufel besteigt der Angeklagte den Scheiterhaufen, ein Opfer seiner eigenen Phantasie. Je nachdem die Vision die Gestalt eines guten oder bösen Geistes annahm, wurde der Dämonische als heilig verehrt oder als Zauberer verbrannt. Was bei dem Unbefangenen das Eigenleben der Sinnlichkeit, das Spiel einer dichtenden Phantasie, was allen Menschen im Traume nicht mehr wunderbar erscheint, wird in der Geschichte verflucht und verehrt nach der Natur seiner Objekte. Das Gespenst und die Dämonen aller Zeiten, die göttliche Vision des Asketen, die Geistererscheinung des Magikers, das Traumobjekt und das Phantasiebild des Fiebernden und Irren sind eine und dieselbe Erscheinung. Nur der Gegenstand ist verschieden nach der Richtung einer exzentrischen Phantasie, eine göttliche Vision dem religiösen Schwärmer, dem furchtsamen ein furchtbares Phantasma, dem abergläubisch buhlerischen Weib der Teufelsspuk, dem träumenden Egmont die Erscheinung der Freiheit, dem Künstler ein himmlisches Idol, nach dem er längst gerungen. Der Zeitgeist leiht diesem plastischen Einbilden andere Objekte.«
[Fußnote 1: »Some Instances of the Influence of Dreams on Waking life,« Journ. of Abnormal Psychol., April 1911, P. II.]
[Fußnote 2: Ennemoser. Geschichte der Magie, 1844, S. 113. Fischer. Geschichte des Somnambulismus, 1839, Bd. I, S. 12. Rau. Die Verirrungen in der Religion, 1904, S. 237.]
[Fußnote 3: Op. cit., P. 15.]
[Fußnote 4: Johannes Müller. Über die phantastischen Gesichtserscheinungen, 1826, S. 68, 69.]
Diese Schwierigkeit, den Traum von den Erfahrungen des Wachlebens zu unterscheiden, ist bei wehrlosen Geistern, wie bei Kindern und Wilden, natürlich größer. Die außerordentliche Schärfe, mit der die Erfahrungen des Traumlebens sich dem Geiste der Wilden als zweifellose Wirklichkeit aufdrängen, wurde von einer Menge Beobachtern vermerkt. Herbert Spencer[5] legt besonderen Nachdruck auf diesen Punkt und führt zum Beweis eine Menge Material an. Im Thurn[6] gibt zahlreiche schlagende Beispiele von heute dafür: Ein Indianer drohte, den Reisenden, den er führte, zu verlassen, weil dieser, wie er sagte, ihn rücksichtslos die ganze Nacht ein Kanoe über zahlreiche schwierige Katarakte hinaufziehen ließ. Ein anderer war nahe daran, seinen Kameraden zu töten, weil sein Herr ihm befohlen hatte, eine empfindliche Züchtigung an jenem zu vollziehen. [Es stellte sich heraus, daß er das geträumt hatte.]
[Fußnote 5: Herbert Spencer. The Principles of Sociology, Third Edition, 1890, Vol. I, Ch. X, Pp. 132-142.]
[Fußnote 6: Im Thurn. Among the Indians of Guiana, Pp. 344-346.]
Es wurde nie daran gezweifelt und bedarf heute keines besonderen Beweises, daß die Phänomene des Traumlebens von großer Bedeutung waren, nicht nur bei der Gestaltung der metaphysischen Vorstellungen des Menschen -- religiöser und abergläubischer[7], -- sondern auch für die Formen, die die künstlerischen Phantasien[8] annehmen. Ebenso besteht praktisch eine Übereinstimmung in der Frage, welche Anschauungen den stärksten _Einfluß durch Träume erfahren haben_, und wir wollen zunächst die hauptsächlichsten von diesen besprechen. Die erste und in mancher Beziehung wichtigste Bedeutsamkeit des Traumes ist diejenige, die sich auf den Seelenglauben bezieht. Die primitiven Vorstellungen von der Seele kann man in zwei Gruppen teilen, diejenigen von der _gebundenen Seele_, die das lebenspendende Prinzip verschiedener innerer Organe und äußerer Objekte ist, und diejenigen von der _freien Seele_ (Psyche). Die Vorstellung von der letzteren hat zwei Quellen, denen entsprechend wir die _Hauchseele_ und die _Schattenseele_ unterscheiden können. Der Begriff der ersteren, der vor allem aus dem Phänomen des Atmens sich ergab, war geeigneter für höhere religiöse Anschauungen, aber der der letzteren war in der Vergangenheit zweifellos von größerem Einfluß. Alle Autoritäten[9] stimmen darin überein, daß die Vorstellung von der Schattenseele ihren Ursprung fast ausschließlich Traumerfahrungen verdankt. Wundt[10] sagt z. B.: »Das ursprünglichste und häufigste Motiv dieser primären Vorstellung der Schattenseele ist unzweifelhaft das Traumbild .... (Sie) hat allem Anscheine nach in Traum und Vision ihre einzige Quelle.«
[Fußnote 7: Lehmann. Aberglaube und Zauberei. Zweite Deutsche Auflage, 1908, S. 492.]
[Fußnote 8: Freud. Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva, 1907.]
[Fußnote 9: Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 170. Fiske. Myths and Myth-Makers, 1872, P. 220. Mogk. Germanische Mythologie, 1906, S. 32. Herbert Spencer. Op. cit., Pp. 135, 136; and »Recent Discussions in Science«, P. 36. Tyler. Primitive Culture, 1891, Third Edition, Vol. I, P. 430. Lehmann. Op. cit., S. 494.]
[Fußnote 10: Wundt. Völkerpsychologie, Zweiter Band. »Mythus und Religion«. Zweiter Teil, 1906, S. 85, 87.]
Die Vorstellung hat ihre charakteristischen Eigenschaften [Sichtbarkeit, Flüchtigkeit und phantastische Veränderlichkeit] von den wahrnehmbaren Elementen des Traumes erhalten. Es ist für uns nicht notwendig, auf die viel erörterte Frage einzugehen, welche Form des Seelenglaubens die ursprünglichste ist.[11] Von grundlegender Bedeutung ist für uns die zweifellose Tatsache, daß die Erfahrungen des Traumlebens in bedeutsamer Weise zur Entwicklung der Vorstellung von der Seele beigetragen haben. Dies gilt sowohl für die Seele des Individuums selbst als für die höherer Wesen und besonders für ihre charakteristische Eigenschaft, getrennt vom Körper zu existieren. [Räumliche Entfernung, Verwandlungsfähigkeit u. s. w.]
Träume von Verstorbenen haben eine wichtige Rolle bei der Gestaltung verschiedener religiöser Vorstellungen gespielt und ihr Einfluß war um so größer, weil solche Visionen gewöhnlich geliebte Anverwandte, vorzugsweise die Eltern erscheinen lassen. Zunächst unterstützen sie, wie Wundt[12] darlegt, die schon durch die Träume im allgemeinen begründete Anschauung von dem »anderen Selbst«, von der Seele, die getrennt vom Körper leben und sich bewegen kann; ferner bilden sie, wie Spencer[13] im einzelnen ausgeführt hat, eine wichtige Quelle des Glaubens an Unsterblichkeit und an das Bestehen eines anderen Reiches, in das die Seele nach dem Tode ihres Besitzers gelangt. Auch sind sie eine Hauptquelle für den Glauben, daß die Verstorbenen die Schauplätze ihres früheren Lebens wieder besuchen können, also für die verbreitete Anschauung von den rückkehrenden Seelen oder revenants[14], einer Vorstellung, die einen Hauptzug des mittelalterlichen Aberglaubens ausmachte, mit dem wir uns hier zu beschäftigen haben. Es ist selten bedeutungslos, wenn die Geister Abgeschiedener die Lebenden im Traume besuchen; für den Wilden ist es manches Mal von guter, häufiger aber von böser Vorbedeutung und in letzterem Fall müssen die Geister auf verschiedene Weise entsühnt werden.[15] Das ehrfürchtige Verhalten gegenüber den im Traum erscheinenden Geistern der Abgeschiedenen ist eine der Hauptquellen für die Ahnen-Verehrung. Wenn auch Spencers[16] Behauptung, daß diese die Grundlage aller Religionen bildet, in ihrer ursprünglichen Form[17] nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, so hat sich doch zweifellos ein großer Teil der späteren Religionen nach ihr geformt.
[Fußnote 11: Siehe z. B.: Irving King, The Development of Religion, 1910, Ch. 6, und Marett, »Pre-animistic Religion«, Folklore, 1900, Vol. XI, P. 198, über den Streit zwischen den älteren animistischen und den jüngeren animatistischen Hypothesen.]
[Fußnote 12: Wundt. Op. cit., S. 90.]
[Fußnote 13: Spencer. Principles of Sociology, Pp. 182, 201, u. s. w.]
Ein anderer Glauben, bei dessen Gestaltung der Traum eine hervorragende Rolle gespielt hat, ist der an die Transformation oder Veränderlichkeit, d. h. die Vorstellung, daß der Geist eines Menschen in den Körper eines anderen oder in den eines Tieres übergehen kann und umgekehrt. Das war und ist noch einer der verbreitetsten Aberglauben der Welt; bei unzivilisierten Völkern steht er noch in voller Blüte[18] und selbst in Europa findet er sich nicht allein in der vornehmen Maske der Metempsychose, Wiedergeburt und dergleichen, sondern auch in seinen roheren Urformen. Im Mittelalter hatte er, da er von der römisch-katholischen Kirche akzeptiert wurde, wesentlichen Anteil an der Bildung der von uns zu betrachtenden abergläubischen Vorstellungen.
In Folklore[19] und Mythologie war die Metamorphose immer ein Lieblingsthema, woran der Leser kaum erinnert zu werden braucht. Auch in gebildeten Kreisen finden wir noch heute interessante Spuren totemistischer Anschauungen, ich meine damit Tiere, die als nationale Abzeichen, als Wappenschilder, zu Verkleidungen beim Karneval und auf der Bühne (Chanteclair), als Spitznamen u. s. w. dienen. Von besonderem Interesse in Verbindung mit unserem Thema ist die Tatsache, daß die Metamorphose in so ausgedehntem Maße und so innig mit Verehrung von Tieren[20] verknüpft wurde, daß wir zu der Vermutung gezwungen werden, es liege ein innerer Zusammenhang zwischen den beiden vor. Spencer[21] ist der Ansicht, daß die drei Arten, durch die die primitiven Menschen dazu geführt wurden, Tiere mit ihren Vorfahren zu identifizieren, folgende sind: Erstens die verstohlene Weise, in der beide Nachts zur Schlafenszeit in die Häuser eindringen, zweitens das Vorkommen von Tieren in der Nähe von Leichen und Gräbern, drittens die Vermengung, die durch die primitive Sprache entstand. Wir werden sogleich sehen, daß es noch mehr bedeutsame Assoziationen zwischen den beiden Vorstellungen gibt. Jedenfalls kann man nicht daran zweifeln, daß die Idee der Metamorphose wichtige Quellen in den Traumerfahrungen hat, bei denen die tatsächliche Verwandlung einer Person in die andere und das Vorkommen zusammengesetzter Wesen -- halb Tier, halb Mensch -- sich so häufig direkt vor den Augen des Träumenden ereignete.
[Fußnote 14: Krauß. Slavische Volksforschungen, 1908, S. 110, III.]
[Fußnote 15: Howitt. Native Tribes of South-East Australia, 1904, P. 434. Ling Roth. Natives of Sarawa and British North-Borneo, 1896, Vol. I, P. 232.]
[Fußnote 16: H. Spencer. Op. cit., P. 281 et sequ.]
[Fußnote 17: Wundt. Op. cit., S. 346, 347.]
[Fußnote 18: Hartland. Primitive Paternity, 1909, Vol. I, Ch. III, Pp. 156-252. Wallace. The Malay Archipelago, Vol. I, P. 251. Fiske. Op. cit., P. 164 u. s. w.]
[Fußnote 19: H. Spencer. Op. cit., Ch. XXII, Pp. 322-346.]
Wenn der wehrlose Geist die Traumerfahrungen, in denen er sich selbst zu fernen Schauplätzen versetzt sieht oder mit jemandem spricht, den er im Wachen weit entfernt weiß, als wirklich ansieht, so ist sein naheliegender Schluß der, daß die Fahrt tatsächlich stattgefunden hat, und zwar in einem unglaublich kurzen Zeitraum.[22] Die Ähnlichkeit zwischen dem schnellen Flug der Vögel und seinen eigenen Flugträumen, die, wie Wundt[23] gezeigt hat, wichtige Beiträge zu der Vorstellung von beschwingten Wesen lieferten (Engel u. s. w.), dienten dazu, den Glauben an die Nachtflüge hervorzurufen, der von großem Einfluß auf verschiedene mittelalterliche Ideen war.
[Fußnote 20: Marion Cox. An Introduction to Folklore. Second Edition, 1904. Ch. II, Pp. 85-129.]
[Fußnote 21: Spencer. Op. cit., Pp. 345, 346.]
[Fußnote 22: Spencer. Op. cit., P. 136.]
Die Schlüsse, zu denen ich bis jetzt gelangt bin, sind also: Erstens, Träume haben eine wichtige Rolle gespielt beim Entstehen des Glaubens an eine freie Seele, die sich getrennt vom Körper bewegen kann, an fabelhafte und übernatürliche Wesen, an die Fortdauer der Seele nach dem Tode mit ihrer Macht, vom Grabe zurückzukehren und die Lebenden, besonders bei Nacht, zu besuchen, an die Verbindung mit den Geistern der abgeschiedenen Vorfahren, woraus sich deren Verehrung ergab, an die Möglichkeit, daß sich Menschen einerseits und Menschen und Tiere anderseits in einander verwandeln können, an die Identität der Geister von Tieren mit denen der Vorfahren und an die nächtlichen Fahrten durch die Luft. Zweitens, die verschiedenen hier aufgezählten Anschauungen sind untereinander enge verknüpft. Die Erklärung dieser bemerkenswerten Verbindung zwischen offensichtlich so weit auseinander liegenden Ideen war immer unmöglich, bis Freuds Entdeckung der Psychoanalyse ein entsprechendes Instrument zur Erforschung der tieferliegenden Charakteristica des menschlichen Geistes schuf. Im Verlaufe unserer Abhandlung wird die Bedeutung dieser merkwürdigen Verbindung klarer werden.
Frühere Forschungen, das Problem betreffend, welche Rolle der Traum bei der Entstehung der verschiedenen Arten von Aberglauben und Mythus gespielt hat, beschränkten sich auf die Betrachtung des oberflächlichen Trauminhalts. Freuds[24] epochemachende Aufklärung des »latenten« Inhalts, der hinter dem »manifesten« Inhalt, d. h. dem Traum, wie er direkt wahrgenommen wird, liegt, ermöglicht es uns, wichtige Fortschritte in dieser Forschung zu machen und wirft ein helles Licht auf viele Probleme, die früher ganz im Dunkeln lagen. Eine sehr bald darauf folgende Entdeckung, die nach Winken Freuds von Abraham[25], Rank[26] und Riklin[27] ausgearbeitet wurde, war die, daß der Mythus und verwandte Schöpfungen der Phantasie nach fast demselben Plan gebaut sind wie der Traum und daß der latente Inhalt oder die Bedeutung, die beiden zu Grunde liegt, weitreichende Ähnlichkeiten zeigt. Wir werden sehen, daß sich dies auch bei gewissen abergläubischen Vorstellungen bestätigt. Die Entdeckung dieser Ähnlichkeit in der Struktur aber erschwert das Problem, wie groß der Einfluß des Traumes bei der Entstehung dieser anderen Schöpfungen der Einbildungskraft war. Dabei hilft uns folgende Überlegung: wenn auch die verschiedenen Äußerungen unbewußter Kräfte danach streben, sich in symbolischen Sprachen von sehr ähnlicher Art auszudrücken, so gibt es doch entsprechend den besonderen psychologischen Umständen, unter denen man träumt, bestimmte Züge, die für die Symbolik des Traumes höchst charakteristisch sind. Ich brauche bloß an seine ausgesprochen visuelle Natur zu erinnern. Wenn sich also der latente Inhalt einer bestimmten Gruppe von Mythen oder Aberglauben als identisch mit dem eines verbreiteten Traumtypus erweist, so ist man noch nicht berechtigt, daraus zu schließen, daß wirkliche Traumerfahrungen bei ihrer Schöpfung im Spiele waren, sondern sie müssen sich außerdem noch in einem der verschiedenen für die Traumsprache charakteristischen Symbole äußern. Die andere Unterlassung allerdings, die von allen Forschern vor Freud begangen wurde, ist viel radikaler, nämlich, das Problem für gelöst zu halten, wenn man einfach die Ähnlichkeit zwischen gewissen Arten von Aberglauben und gewissen Träumen aufweist. Bei den abergläubischen Vorstellungen[28] und psychoneurotischen Symptomen[29], bei denen dieselben Überlegungen am Platze sind, habe ich auf die Tatsache Nachdruck gelegt, daß an diesem Punkte die wichtigsten Probleme erst _beginnen_. Die Hauptfrage ist, ob die einem Glauben oder einem Symptom zu Grunde liegende Bedeutung identisch mit der eines bestimmten Traumes ist und worin sie besteht. Bei dem Versuche also, festzustellen, ob Träume als Quelle eines bestimmten Glaubens anzusehen sind, müssen wir uns streng an zwei verschiedene Kriterien halten, erstens an die Identität des latenten Inhaltes der beiden und zweitens an die Identität der Symbolik.
[Fußnote 23: Wundt. Op. cit., S. 113.]
[Fußnote 24: Freud. Die Traumdeutung, 1900. Dritte Auflage, 1911.]
[Fußnote 25: Abraham. Traum und Mythus, 1909.]
[Fußnote 26: Rank. Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909.]
[Fußnote 27: Riklin. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, 1908.]
[Fußnote 28: Op. cit., P. 18.]
[Fußnote 29: The Relationship between Dreams and Psychoneurotic Symptoms, Amer. Journ. of Insanity, Oct. 1911.]
Wir wollen nun von diesem Gesichtspunkt aus kurz einige Träume betrachten, von denen man annahm, daß sie Einfluß auf die oben erwähnten abergläubischen Vorstellungen hatten. Dazu müssen natürlich die betreffenden Träume von einer Art sein, die einer großen Anzahl von Menschen, wenn nicht der Mehrzahl, gemeinsam ist. Nun ist ein Traum, je »typischer« er ist, d. h. einer je größeren Anzahl Menschen er gemeinsam ist, desto sicherer seinem latenten Inhalt nach sexueller Art.[30] Wir müssen also darauf vorbereitet sein, zu finden, daß jeder durch Träume hervorgerufene Glauben seiner Natur, d. h. seinem latenten Inhalt nach, ebenfalls sexuell ist.
Träume von Menschen, die in Wirklichkeit tot sind, finden sich am häufigsten und am meisten mit Affekt besetzt, wenn der Tote Vater oder Mutter vertritt. Sie sind häufig von Liebe oder Haß durchsetzt und verdanken ihren letzten Ursprung Inzestmotiven, die in der Kindheit verdrängt und seitdem vergessen wurden. Diese Tatsache ist von besonderer Wichtigkeit in Verbindung mit solchen Themen wie Ahnenverehrung und dem Besuch von Geistern aus dem Grab bei Lebenden. Die Schlüsse wurden in weitem Umfange durch tatsächliche Psychoanalyse neurotischer Patienten bestätigt.
In betreff der Träume, bei denen Tierfiguren eine vorherrschende Rolle spielen, soll der Leser zuerst an die Tatsache erinnert werden, daß für den ungebildeten Geist, z. B. für Kinder und Wilde, die weite Kluft, die die Gebildeten zwischen Tieren und menschlichen Wesen sehen, viel weniger deutlich ist. Fiske[31] sagt: »Nichts ist charakteristischer für das primitive Denken als die enge natürliche Verbindung, die es zwischen Mensch und Tier annimmt. Die Lehre von der Metempsychose, die sich in der einen oder anderen Gestalt in der ganzen Welt findet, schließt eine ursprüngliche Identität zwischen den beiden in sich.« Hartland[32] sagt ähnlich: »Die Grenzlinien, die wir zwischen den niedrigeren Tieren, dem Pflanzen- und Tierreich auf der einen Seite und den menschlichen Wesen auf der anderen Seite ziehen, gibt es auf einer tieferen Kulturstufe nicht.« Diese Verwandtschaft wird selbst von den gebildeten Klassen noch mit verschiedener Deutlichkeit gefühlt, eine Tatsache, die in der Literatur[33] häufig ausgenutzt wurde. Wie jung unser gegenwärtiges Verhalten gegenüber den Tieren ist, kann man daraus beurteilen, daß ihnen in nicht fernen Zeiten menschliche Verantwortlichkeit zugeschrieben wurde; es wurde feierlich über sie Gericht gehalten und sie wurden als Mörder[34] zum Galgen verurteilt. In einer Gerichtsverhandlung vom Jahre 1516 ermahnte der Gerichtshof von Trojes die Raupen, die einige Distrikte verheert hatten, bei Strafe des Fluches und der Exkommunikation[35] sich innerhalb einer bestimmten Anzahl von Tagen zu entfernen. Erst im Jahre 1846 wurde das englische Gesetz »deodand« aufgehoben, demzufolge ein Tier, das jemanden verletzt hatte, als dem Gesetze verfallen erklärt und zu Gunsten der Armen verkauft wurde.
[Fußnote 30: Freud. Op. cit., S. 174-221.]