Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Part 5
Rappelkopf (freudig überrascht). Das ist schön von dir, das freut mich. (Legt ihren Kopf an seine Brust.) Sie hat mich lieb! So hab ich doch eine Seele auf der Welt, die mich liebt. Aber jetzt geh hinaus, ich bitt dich um alles in der Welt, geh hinaus.
Malchen. Sie verstoßen mich doch nicht, lieber Onkel?
Rappelkopf. Nein, ich verstoß dich nicht, ich will dich noch einmal küssen sogar, aber geh hinaus, sonst muß ich mich vor mir selber schämen, geh hinaus.
Malchen. So ruhen Sie sanft, bester Onkel. (Ab.)
Rappelkopf (allein). O Schande! ich bin ein Menschenfeind und komm da in eine Küsserei hinein, die gar kein End nimmt. Das war der einzige vergnügte Augenblick, den ich seit fünf Jahren erlebt hab. Aber wie ist mir denn? bin ich betrunken? Das ist ja keine Möglichkeit. Wenn das alles wahr wäre, was die Leute zusammenreden, so wären sie ja völlige Engel. Das ist Betrug, da muß etwas dahinterstecken. Das ist ein Einverständnis. Mein Weib ist eine Schlange. Zu was braucht sie einen Zichori? wenn so viel Kaffee aufgeht. Aber meine Tochter ist brav. Über die laß ich jetzt nichts mehr kommen. Auch den jungen Menschen trau ich nicht, den haben sies einstudiert. Er wär ohnehin bald steckengeblieben. Ha, da kommt der Habakuk, der große Bandit. Der soll mir Licht geben.
Sechster Auftritt
Voriger. Habakuk.
Rappelkopf. He, Habakuk!
Habakuk. Wie? Euer Gnaden wissen, wie ich heiß, und haben mich noch nicht gesehen?
Rappelkopf. Nu, ich kann Ihn ja wo anders gesehen haben.
Habakuk. Ja freilich, ich war zwei Jahr in Paris. Befehlen Euer Gnaden etwas?
Rappelkopf. Ja! was ich sagen wollte--(Beiseite.) Ich trau dem Kerl nicht. (Laut.) Hat Er nicht ein Messer bei sich?
Habakuk. Nein, ich werd aber gleich eins holen. (Will ab.)
Rappelkopf (erschrickt). Untersteh Er sich, ich brauch keins mehr. Ich hab nur etwas abschneiden wollen. (Für sich.) Er wär imstande er holet eins.
Habakuk. Ich weiß nicht, ich trag sonst immer ein Messer bei mir--
Rappelkopf (für sich). Nun da haben wirs ja, das ist ein routinierter Mörder. (Laut.) Lieber Freund, ich werd Ihm ein gutes Geschenk machen, geh Er mir ein wenig an die Hand. Er weiß, ich bin der Bruder Seiner Frau.
Habakuk. Habs schon weg, Euer Gnaden.
Rappelkopf (für sich). Unbegreifliche Zauberei! (Laut.) Sag Er mir, wie behandelt denn mein Schwager seine Frau?
Habakuk. Infam, Euer Gnaden.
Rappelkopf. Was sagt Er?
Habakuk. Oh, das ist ein sekkanter Mensch, der glaubt, die Leut sind nur wegen ihm auf der Welt, daß er s' mit Füßen treten kann.
Rappelkopf (für sich). Nun bei dem hört man doch ein wahres Wort. Der redt doch, wie er denkt. (Laut.) Ja, es soll nicht zum Aushalten sein. Darum kann ihn aber auch meine Schwester nicht ausstehen. Nicht wahr?
Habakuk. Ah, was fallt Euer Gnaden ein, sie weint sich ja völlig die Augen aus um ihn. Ich kann sie nicht genug trösten.
Rappelkopf. Man hat aber erzählt, sie hätte ihn wollen gar ermorden lassen.
Habakuk. Ah, hören Euer Gnaden auf. Euer Gnaden werden doch nicht auch so einfältig sein, das zu glauben.
Rappelkopf. Ja, Er ist ja, glaub ich, mit dem Messer auf ihn gegangen.
Habakuk. Ich? warum nicht gar, ich fall in Ohnmacht, wenn sie nur ein Hendel abstechen. Er war im Gartenzimmer, und kein Mensch hat sich hinausgetraut, und die Köchin hat einen Zichori gebraucht, und die Frau hat gschafft, ich soll einen ausstechen.
Rappelkopf (beiseite). Mit dem ewigen Zichori! am End ists doch wahr.
Habakuk. Er laßt ja keinen Menschen zu Wort kommen, der Satanas.
Rappelkopf (für sich). Das ist ein impertinenter Bursch. Ein Verleumder. (Laut.) Und sag Er mir, ist denn Sein Herr ein gescheidter Mann?
Habakuk (verneinend). Ah! (Vertraulich.) Wissen Euer Gnaden, wir reden jetzt unter uns, es ist nichts zu Haus bei ihm. (Deutet auf den Kopf.)
Rappelkopf (beiseite). Nein, das ist nicht zum Aushalten. (Gibt ihm Geld.) Da hat Er, mein lieber Freund, Er hat mir schöne Sachen gesagt, ich bin sehr zufrieden mit Ihm, aber geh Er jetzt.
Habakuk. Küß die Hand! (Für sich.) Aha, den freuts, daß ich über den andern schimpf. Er kann ihn nicht recht leiden. Ich muß noch ärger anfangen, vielleicht schenkt er mir noch etwas. (Laut.) Ja sehen Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein so zuwiderer Mensch ist mir nicht vorgekommen, und es gibt ihm alles nach, das ist gar nichts nutz, da wird er nie kuriert. Ich versteh nichts von der Medizin, aber ich glaub, wenn er einmal recht durchgewassert wurd, es müßte sich seine ganze Natur umkehren.
Rappelkopf. Jetzt hat Er Zeit, daß Er geht. Den Augenblick hinaus, Er undankbarer Mensch, wie kann Er sich unterstehen, so von Seinem Herrn zu reden? Gleich fort, oder ich schlag Ihm Arm und Bein entzwei. (Sucht einen Stock.)
Habakuk. So ists recht, jetzt fängt der auch an. (Im Abgehen.) Nun, den sag ich bald wieder was, das ist eine schreckliche Familie. Na, das ging' mir ab. (Geht brummend ab.)
Rappelkopf (allein). So kann man seine Leute kennenlernen. Von meiner Frau redt er nicht so schlecht, er getraut sich nicht, weil er mich für ihren Bruder hält. Aber für einen Mörder ist er doch zu dumm, ich hab ihn für pfiffiger gehalten. Es wird doch auf den Zichori hinauskommen. Was mich das für eine Überwindung kostet, mit all diesen Menschen zu reden! Aber ich muß meine Untersuchung vollenden, weil ich sie begonnen habe und weil ich in nichts zurücktrete, wenn ich nicht muß, wie heut im Walde.
Siebenter Auftritt
Voriger. Lischen.
Lischen. Die gnädige Frau läßt fragen, ob Euer Gnaden eine Tasse Tee befehlen.
Rappelkopf. Ich danke. (Für sich.) Die werd ich auch in die Kur nehmen. (Laut.) Was macht meine Schwester?
Lischen. Sie ist sehr betrübt.
Rappelkopf. Weswegen?
Lischen. Unseres gnädigen Herrn wegen.
Rappelkopf. Wegen mir?
Lischen. Ah, wegen Ihnen nicht.
Rappelkopf (faßt sich). Ja so. (Für sich.) Die kennt mich auch nicht. (Laut.) Und was macht meine Nichte?
Lischen. Sie spricht mit ihrem Bräutigam.
Rappelkopf (für sich). Himmel und Hölle! (Faßt sich. Laut.) Was ist denn das für ein Mensch?
Lischen. Ein sehr liebenswürdiger Mensch.
Rappelkopf. Was heißt das, macht er Ihr auch die Cour?
Lischen. Nun, das wäre der Wahre, er wagt es ja kaum, ein anderes Mädchen anzusehen. Das wird ein handfester Pantoffelritter werden. Ich glaube, er hat mir bloß darum noch keinen Heller zum Geschenke gemacht, damit er nur meine Hand nicht berühren darf. Er und mein Fräulein taugen ganz zusammen, und es ist himmelschreiend, daß der gnädge Herr seine Einwilligung nicht gibt.
Rappelkopf (rasch). Da hat er recht, wenn er sie nicht gibt. Der junge Mensch hat keine Achtung vor ihn.
Lischen. Ei bewahre, er schätzt ihn weit mehr--verzeihen Euer Gnaden, wenn ich so von Ihren Herrn Schwager spreche--aber weit mehr, als er es verdient.
Rappelkopf (für sich). Es ist, als ob sie sich alle verschworen hätten wider mich. Geduld, verlasse mich nicht! (Laut.) Ich will Ihr etwas schenken, aber sag Sie mir in der größten Geschwindigkeit alle üblen Eigenschaften Ihres Herrn.
Lischen. In einer Geschwindigkeit, das ist ohnmöglich, gnädger Herr.
Rappelkopf. Warum nicht?
Lischen. Weil, wenn ich jetzt diesen Augenblick anfange, ich morgen früh noch nicht fertig bin.
Rappelkopf. Wo ich nur die Geduld hernehme, das alles anzuhören!
Lischen. Es ist schon genug, daß er ein Menschenfeind ist. Ich begreife gar nicht, wie man bei einem so großen Vermögen, einer gutmütigen Frau, einer wohlerzogenen Tochter und einem so hübschen Stubenmädchen ein Menschenfeind sein kann.
Lied Ach, die Welt ist gar so freundlich Und das Leben ist so schön. Darum soll der Mensch nicht feindlich Seinem Glück entgegenstehn. Alles sucht sich zu gefallen, Liebend ist die Welt vereint, Und das Häßlichste von allen Ist gewiß ein Menschenfeind. Heitrer Sinn nur kann beglücken, Nur die Freude hebt die Brust, Nur die Liebe bringt Entzücken, Und der Haß zerstört die Lust. Doch wenn alle sich erfreun Und der Stern des Frohsinns scheint, Sitzt im düstern Wald allein Drauß der finstre Menschenfeind.
Sieht man nur die goldne Sonne, Wenn sie auf am Himmel steigt, Wie sie schon mit holder Wonne Allen Wesen ist geneigt: Dann kann man die Welt nicht hassen, Die 's im Grund nicht böse meint, Man muß nur die Lieb nicht lassen, Wird man nie zum Menschenfeind. (Ab.)
Rappelkopf (allein). Schrecklich! Muß ich mich auch noch ansingen lassen! Das sind Beleidigungen nach den Noten, und ich darf den Takt nicht dazu schlagen. Und alles bleibt auf einem Wort! Wer kommt?
Achter Auftritt
Voriger. Sophie. Lischen.
Sopie (stürzt rasch herein). Bruder, er kommt!
Rappelkopf. Wer kommt?
Lischen. Der gnädge Herr!
Sopie. Mein Mann!
Rappelkopf. Ich komm! (Schlägt sich begeistert an die Brust.) Endlich einmal. Solang die Welt steht, war noch niemand so neugierig auf sich selbst als ich.
Astragalus (ruft noch vor der Tür). Daß niemand zu mir gelassen wird!
Rappelkopf. Meine ganze Stimme. Ich hör mich schon. (Tritt zurück.)
Neunter Auftritt
Vorige. Astragalus tritt ein.
Astragalus (wie er Sophie sieht, prallt er zurück und ruft). Ha! (Er will zurück.)
Rappelkopf (sagt schnell). Ich bins, ist kein Zweifel!
Sopie (hält ihn zurück). Oh, bleib doch, lieber Mann! wir sind glücklich, daß wir dich wieder sehn.
Astragalus (reißt sich los). Laß mich. Entweder gehst du oder ich.
Sopie (Mit Überwindung). Nun so bleib, ich will gehn. (Geht seufzend ab.)
(Astragalus tritt mit empörter Miene vor, bleibt mit verschränkten Armen stehn und blickt wild umher, ohne Rappelkopf zu bemerken.)
Rappelkopf (betrachtet ihn vom Fuß bis zum Kopfe mit ungeheurem Erstaunen und spricht dann überzeugt). Ich bins--Aufgelegt bin ich nicht gut, aber das kann nicht anders sein.
Astragalus (zu Lischen). Was will Sie da?
Lischen (zitternd). Fragen, ob Euer Gnaden nichts befehlen.
Rappelkopf. Eine Angst hat alles vor mir, daß es eine Freude ist.
Astragalus. Wo ist die Tinte?
Lischen. Dort ist sie. (Deutet auf den Tisch.)
Astragalus. Und Federn?
Lischen (ängstlich). Die hab ich nicht.
Rappelkopf. Jetzt hat die Gans keine Federn!
Astragalus. Hol Sie welche! hat Sies gehört? Hinaus mit Ihr, Sie Schlange, Sie Basilisk, Sie Krokodil, Sie Anakonda!
Rappelkopf. In der Naturgeschichte bin ich gut bewandert.
Lischen. Gleich, Euer Gnaden. (Im Abgehen.) Der böse Feind hat ihn zurückgeführt. Ich laß mich nicht mehr sehn. (Ab.)
Rappelkopf. Die lauft. Ich weiß nicht, ich gfall mir recht gut. Ein wenig rasch bin ich, das ist wahr.
Astragalus (entschlossen). Ja! Ich will mein Testament machen.
Rappelkopf (für sich). Testament? Nu wär nicht übel. Den Entschluß muß ich gleich unterbrechen. (Laut.) Grüß Sie Gott, lieber Schwager. Eben bin ich angekommen.
Astragalus. Wer ist das?
Rappelkopf (entzückt). Das ist ein eigner Anblick, wenn man vor sich selber steht.
Astragalus (schnell). Was machen Sie hier? Warum haben Sie nicht geschrieben? Haben Sie meine Intressen mitgebracht? Wie stehts mit meinem Vermögen?
Rappelkopf (für sich). Jetzt gehts recht, das möcht ich selbst gern wissen.
Astragalus. Das Haus in Venedig soll nicht gut stehen, ist es verloren?
Rappelkopf (erschrickt). Verloren? Wär nicht übel, (beiseite) mir wird selbst angst.
Astragalus. Ich hab keine Intressen erhalten.
Rappelkopf. Ich auch nicht.
Astragalus. Sie müssen es haben, Sie haben mir es sonst geschickt, da steckt ein Betrug dahinter.
Rappelkopf. So lassen Sie sich nur sagen--
Astragalus. Ich laß mir nichts sagen--ich kenn die Welt, sie gehört zum Katzengeschlechte--
Rappelkopf. Ich--
Astragalus (wütend). Still--
Rappelkopf. Wenn er nur nicht gar so schreien möchte, mir tun die Ohren weh.
Zehnter Auftritt
Vorige. Habakuk mit Federn.
Habakuk (zitternd). Euer Gnaden, hier bring ich die Federn.
Astragalus (entsetzt sich). Ha! Dieser Mörder wagt es, vor meine Augen zu kommen! (Nimmt den Stuhl vor und retiriert sich.) Komm mir nicht an den Leib! Bandit!
Rappelkopf. Ach, das ist übertrieben. Wer wird sich denn vor dem Esel fürchten?
Habakuk. Die gnädige Frau laßt fragen, ob sie noch nicht herüberkommen darf.
Astragalus. Nein.
Habakuk. Sie weint aber so abscheulich.
Astragalus. So soll sie schöner weinen, hahaha, oder ich fang zum lachen an.
Habakuk. Wenn sie aber krank wird?
Astragalus. Die Gicht in ihren Leib! Und ins Spital mit ihr!
Rappelkopf (beiseite). Das ist ein kurioser Humor.
Habakuk. Ah, verzeihen Euer Gnaden, aber das ist zu stark. Ich war zwei Jahr in Paris, aber--
Astragalus (aufspringend). Wenn Er es noch einmal wagt, dieses unerträgliche Sprichwort in meinem Haus ertönen zu lassen, so--zahl ich hier Seinen Lohn in vorhinein. (Er wirft ihm einen Geldbeutel vor die Füße und trifft damit Rappelkopf an das Schienbein.)
Rappelkopf (zieht den Fuß auf). Sapperment hinein, achtgeben, das müssen harte Taler sein.
Astragalus. Hab ich Ihnen weh getan?
Rappelkopf. Ich glaub, ich hab ein Loch im Fuß.
Astragalus. Gschieht Ihnen recht. (Zu Habakuk.) Wenn Er also dieses Wort noch einmal sagt, so geht Er an der Stelle aus meinem Dienst. Wenn ich auch nicht dabei bin. Nehm Er!
Rappelkopf. Es ist meine ganze Manier. (Zu Habakuk.) Nu apport!
Habakuk. Euer Gnaden, um diesen Preis kann ich mich nicht darauf einlassen, denn ich habe keinen Stolz, als daß ich zwei Jahr in--
Astragalus (faßt ihn am Halse). Ich erdroßle Ihn, wenn Er noch einen Buchstaben mehr dazu sagt.
Habakuk. Zu Hülfe! Zu Hülfe!
Rappelkopf (springt dazwischen). Aber Herr Schwager, das hätt ich meinem Leben nicht geglaubt.
Astragalus (hält ihn noch immer). Wo warst du zwei Jahr, warst du in Paris?
Habakuk (schreit ängstlich). Nein, in Stockerau.
Astragalus. Also geh hin, wo der Pfeffer wächst. (Stoßt ihn zur Tür hinaus.)
Rappelkopf. Ich find doch, daß ich etwas Abstoßendes in meinem Betragen habe. Wenn das so fortgeht, so käm ich mit mir selbst nicht draus. Ja so! Mein Geld muß ich wieder einstecken. Wir haben ja eine Kassa, das ist kommod, wenns der eine wegwirft, hebts der andere auf. Und wenn nur das nicht wär, daß, was ihm geschieht, auch mir geschehen muß. Und wie lang er draußen bleibt, ganz erhitzt, wenn er sich erkühlt, so kriegen wir die Kolik. (Astragalus tritt ein.)
Astragalus. Weil ich im Wald keine Ruh hab, so sollen sie auch von mir keine haben. Denn sie sind boshaft, sie könnten mich vergiften. (Setzt sich in einen Stuhl.)
Rappelkopf. Das sind so übertriebene Sachen. Wenn er nur etwas mit sich reden ließ'. Herr Schwager!
Astragalus (wendet ihm den Rücken zu). Hinaus! Ungeheuer!
Rappelkopf. So hab ichs akkurat gemacht. (Laut.) Aber warum denn? Wir sind ja die besten Freunde.
Astragalus. Ich bin keines Menschen Freund. Und Sie will ich gar nicht ansehen. Ihr Gesicht ist mir verdächtig.
Rappelkopf. Sie werden mich doch für keinen Betrüger halten?
Astragalus. Das nicht, aber man erinnert sich an einen, wenn man Sie ansieht.
Rappelkopf. Ah, das ist impertinent, diese Grobheit hätt ich mir nicht zugetraut. Und doch erinnere ich mich auf ähnliche Worte.
Astragalus (zum Fenster hinaus). Halt, wer schleicht da zur Tür hinaus? Donner und Blitz, das ist der junge Maler, der war bei meiner Tochter.
Rappelkopf. Jetzt wirds angehn.
Astragalus. Wart, du kommst mir nicht mehr aus. (Springt zur Tür hinaus und stößt Rappelkopf der ihm im Weg steht, auf die Seite.)
Rappelkopf. Ich bin ja ein rasender Mensch. Ich fang mir ordentlich an selbst zuwider zu werden. Das hätt ich meinen Leben nicht gedacht.
Astragalus (von innen, schreiend). Sie müssen herein, ich lasse Sie nicht los.
Rappelkopf. Hat ihn schon bei der Falten.
Astragalus (von innen). Herein, sag ich.
Rappelkopf. Und wie er schreit! und das geht alles auf meine Rechnung. Bis die Gschicht ein Ende hat, ruiniert er mir noch meine ganze Brust.
(Astragalus zerrt August an der Hand herein.)
Astragalus. Herein, du Verführer meines Kindes! Wie können Sie es wagen, mein Haus zu betreten? Wer gibt Ihnen ein Recht dazu?
Rappelkopf. Das ist wieder gut gesprochen, das gefällt mir.
August (ganz bleich). Meine Liebe, Herr von Rappelkopf, und meine redlichen Absichten.
Astragalus. Sie sollen gar keine Absichten haben, weil Sie keine Aussichten haben.
Rappelkopf. Bravo!
Astragalus. Ich kann mein Kind verheiraten, an wen ich will, denn ich bin Vater.
Rappelkopf. Bravissimo!
Astragalus. Und es ist eine Frechheit von Ihnen, daß Sie sich gegen meine Erlaubnis in mein Haus zu schleichen suchen, um mein Kind von dem Gehorsam gegen seinen Vater abzubringen.
Rappelkopf. Sehr schön, ich muß mich selber loben.
August. Herr von Rappelkopf, ich beschwöre Sie bei allen Gefühlen, welche Ihr leidenschaftliches Herz je bestürmten, haben Sie Nachsicht mit den meinigen. Ich kann ohne Ihre Tochter nicht leben, ich war drei Jahre abwesend, und meine Gesinnungen haben sich nicht verändert. Ich besitze ein kleines Vermögen, habe mich in meiner Kunst verbessert, schenken Sie mir Ihre Einwilligung, nie werde ich Ihre Gnade vergessen, und Sie werden einen dankbaren Sohn an mir gewinnen.
Rappelkopf. Das ist kein gar so schlechter Mensch, er soll doch nicht so hart mit ihm sein.
Astragalus. Ich traue Ihren Worten nicht, denn Falschheit blickt aus Ihrem Auge. Darum wagen Sie es nicht mehr, meine Schwelle zu betreten. Eh steht mein Tor hungrigen Wölfen offen, eh laß ich Raben unter meinem Dache nisten, eh will ich giftge Schlangen an dem Busen nähren, eh laß ich alle Seuchen hier im Hause wüten und will die Pest zu meinem Tische laden, eh ich nur Ihrer Lunge einen Atemzug in meinem Schloß erlaube.
Rappelkopf. Das ist ein Unsinn ohnegleichen. Es ist beinah nicht zu glauben, daß ein Mensch so sein kann.
August. Herr von Rappelkopf, wenn Ihnen das Leben eines Menschen etwas gilt, so reizen Sie meine Leidenschaft nicht auf das höchste-- Herr von Silberkern, nehmen Sie sich meiner an.
Rappelkopf. Ich kann ja nicht, ich bin froh, wenn er mich selber nicht hinauswirft.
August. Also wollen Sie mir mit Gewalt das Leben rauben?
Astragalus (boshaft). Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir es zum Geschenke machen wollten.
Rappelkopf (entrüstet). Ah, das ist infam--Herr Schwager (Geht auf Astragalus zu.)
Astragalus (fährt heftig auf ihn los). Schweigen Sie! Sie sind auch im Komplott mit ihm, aber ich schwöre es Ihnen bei dem glühenden Eingeweide des Vesuvs: wenn Sie es wagen, mein Kind in dieser Leidenschaft zu unterstützen, wenn Sie nur eine Miene machen, meine Ansichten zu mißbilligen, so werden Sie ein Andenken nach Venedig mit zurücknehmen, daß ganz Italien darüber in Entsetzen geraten soll. (Ab ins Nebenzimmer.)
Elfter Auftritt
Rappelkopf. August.
Rappelkopf. Nein, das ist nicht mein Ebenbild. Der übertreibt. Das ist ein schauderhafter Mensch, ich krieg einen ordentlichen Haß auf ihn. Wenn der so fortwütet, in acht Tagen sind wir alle zwei hin.
August (der mit sich gekämpft). Leben Sie wohl, Herr von Silberkern, grüßen Sie mein Malchen und vergessen Sie mich nicht.
Rappelkopf. Wo wollen Sie denn hin?
August. Fragen Sie mich nicht. Ich kann ohne Amalie nicht leben-- (Will fort.)
Rappelkopf. So sein Sie nur ruhig, ich geh Ihnen mein Wort, Sie bekommen sie.
August. Wenn aber der Vater nicht will?
Rappelkopf. Er will schon, der Vater, sorgen Sie sich nicht. Gehen Sie jetzt unterdessen fort, ich werde alles ausgleichen, und wenn Sie Liebesbriefe haben, so geben Sie s' mir, ich werd sie schon besorgen.
August. Ach bester Onkel, ich muß Sie umarmen, o Freude, Freude, verlassen Sie mich nicht, sagen Sie meinem Malchen--
Rappelkopf. Gehen Sie nur--
August. Nie werd ich Ihre Güte vergessen--
Rappelkopf (drängt ihn zur Tür hinaus). Auf Wiedersehn! (Allein.) Das ist ein passabler Mensch. Den hab ich beinahe verkannt. Überhaupt fängt es bei mir an, etwas Tag zu werden.
Zwölfter Auftritt
Habakuk. Voriger.
Habakuk. Euer Gnaden verzeihen, daß ich meine Zuflucht zu Ihnen nimm, mit meinen gnädigen Herrn zu reden, ist zu halsbrecherisch. Da sind Euer Gnaden viel gütiger. Euer Gnaden haben mir doch nur Arm und Bein entzwei schlagen wollen, und unter zwei Übeln muß man das kleinste wählen, und da bin ich also an Euer Gnaden geraten.
Rappelkopf. Das ist gar ein dummer Mensch, ich kann gar nicht begreifen, wie mich etwas beleidigen hat können von ihm. Nu was hat Er denn?
Habakuk. Ein Anliegen, Euer Gnaden.
Rappelkopf. Was denn für eines?
Habakuk. Sehen Euer Gnaden, ich--(Hält inne und seufzt tief.) Ich halts nicht aus.
Rappelkopf. Was hält Er nicht aus? (Beiseite.) Das ist ein unerträglicher Kerl, mir steigt schon die Gall auf.
Habakuk. Euer Gnaden wissen, daß ich das Bewußte nicht mehr sagen darf, und wenn das nicht anders wird, so muß ich zugrunde gehen.
Rappelkopf. Aber was hat Er denn davon, wenn Er sagt, daß Er zwei Jahr in Paris war?
Habakuk. Unendlich viel, es hat alles viel mehr Achtung vor einem. Das hab ich schon viel hundertmal an andern bemerkt. Kurz, wenn ich das verschweigen muß, ich bekomme eine Gemütskrankheit, ich geh drauf.
Rappelkopf (unwillkürlich lächelnd). Ich weiß nicht, soll ich mich ärgern oder soll ich lachen.
Habakuk. Ich unterdruck es immer, und das macht mir Beklemmungen. Denn ich war zwei--(Setzt ab.) Sehn Euer Gnaden, mir wird völlig nicht gut.
Rappelkopf. Ja wegen was darf Ers denn nicht sagen?
Habakuk. Er jagt mich ja fort.
Rappelkopf. Wenn er es aber nicht hört?
Habakuk. Ja was glauben Sie denn, was der für Ohren hat, die gehn ja ins Unendliche.
Rappelkopf. Schimpft in einem fort über mich und weiß es nicht. Was ich für Grobheiten einstecken muß! (Scharf.) Wenn ers befohlen hat, so muß Ers tun, ich kann Ihm nicht helfen.
Habakuk. Also keine Rettung. Ich empfehl mich Euer Gnaden! aber es wird eine Zeit kommen, wo es zu spät ist. Ich habe meinen Dienst ordentlich versehen, ich hab keinen Kreuzer veruntreut, aber das ist meine Leidenschaft, von der kann ich nicht lassen.
Rappelkopf. Nu so sag Ers--
Habakuk. Ich trau mich nicht.
Rappelkopf. Auf meine Verantwortung.
Habakuk. Lassen sich Euer Gnaden statt mir fortjagen?
Rappelkopf. Nun ja--
Habakuk. Nun so versichre ich Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber das werd ich Ihnen nicht vergessen. (Atem schöpfend, als fühlte er sich erleichtert.) Das ist eine Wohltat, die nicht zu beschreiben ist.
Rappelkopf. Also ich erlaub es Ihm, von diesem Augenblick an, es wieder zu sagen, unter der Bedingung, daß Er nicht mehr über seinen Herrn schimpft.
Habakuk. Oh, das ist ein Mann, wies gar keinen mehr gibt. Und jetzt erlauben Euer Gnaden, daß ich Euer Gnaden umarmen darf. Euer Gnaden sind mein Wohltäter, mein Vater! Heut bringt kein Mensch mehr ein anderes Wort aus mir heraus als: Ich war zwei Jahr in Paris. (Ab.)
Rappelkopf (allein). Es ist unglaublich, der eine möcht gern ewig verliebt sein, und dieser ist wieder zufrieden, wenn man ihm erlaubt, daß er sagen darf, daß er zwei Jahr in Paris gewesen ist. Es ist lächerlich, und doch findet er seinesgleichen. Es hat halt jedermann sein Steckenpferd.
Arie Die Welt, ich schreib ihr die Devise, Ist bloß ein wahnberauschter Riese. Der eine spräch gern mit den Sternen, Der andre möcht gern gar nichts lernen, Der dritte denkt, zum Existieren Müßt sich die Menschheit parfümieren. Der läuft im Wahn dem Wasser zu, Der andre läßt dem Wein kein Ruh. Der ist so blöd wie ein Stück Holz, Und jener kennt sich nicht vor Stolz. Der sitzt und erbt zehntausend Gulden, Der läuft herum und ist voll Schulden. Oft möcht der eine avancieren, Der andre möcht sich retirieren. Der Blinde möcht gern Augen finden, Und mancher sieht und möcht erblinden.
So dreht die Welt sich immer fort Und bleibt doch stets an einem Ort. Der Egoismus ist die Achse, Der Hochmut zahlt am End die Taxe. Die Erd, es kömmt darauf heraus, Ist nur im Grund ein Irrenhaus. Und wie ich nach und nach gewahr, So bin ich selbst ein großer Narr.
Dreizehnter Auftritt
Voriger. Sophie, Malchen und Lischen treten ein.